Herr Lattenseger - Egon Harings - E-Book

Herr Lattenseger E-Book

Egon Harings

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Beschreibung

Herr Lattenseger besteigt die Karriereleiter in jungen Jahren. Er ist ein Streber. Schnell wird er auch Abteilungsleiter im Einkauf eines Industrieunternehmens. Als Chef verlangt er vollen Einsatz von seinen Mitarbeitern. Selbständiges Handeln wird bei ihm klein geschrieben. Die Mitarbeiter dürfen keine eigenen Ideen verwirklichen, auch wenn sie vielversprechend sind. Herr Lattenseger weiß nicht was Mobbing ist, er praktiziert es aber. Er ist ein intelligenter Mensch, nur Menschlichkeit kennt er nicht. Der Leser erfährt in diesem Buch auch vieles über seine Urlaubsreisen, die ihn in die Schweiz, nach Dresden und ins Frankenland führen. Geschäftspartner führt er durch die Altstadt von Düsseldorf, und zeigt ihnen dabei die Stadt Heinrich Heines. Mitarbeiter erzählen über ihre Reisen nach Madeira und Australien. Über vieles wird berichtet, auch einige Wissenschaftsbereiche werden dabei berührt. Nicht alles ist ernst, worüber berichtet wird. Es gibt auch Abschnitte, die den Leser zum Lachen bringen, ja sollen.

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Seitenzahl: 793

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Egon Harings

Herr Lattenseger

Mobbing am Arbeistplatz

© 2017 Egon Harings

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-7699-3

Hardcover:

978-3-7439-7700-6

e-Book:

978-3-7439-7701-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Herr Lattenseger war ein Mensch, wie man sich ihn nicht wünscht. Er stand über Allem, war der Überflieger, der keine Rücksicht auf menschliche Gefühle nahm, ein Mensch, dem sich alle anderen unterzuordnen hatten. Mobbing, das Wort kannte er nicht, praktizierte es aber. Menschliche Schwächen nutzte er aus, sie waren ihm sogar recht, denn dann konnte er beweisen, dass er der Größte ist, ein Allwissender, Allkönnender, ein Superstar also, der dies auch in seinem Beruf versuchte unter Beweis zu stellen. Sein Verhalten entsprach dem eines Tieres, das seine Stärke dadurch zeigte, indem es Artgenossen gewaltsam von einem „Futternapf“ vertrieb, und ihnen nur erlaubte, sich diesem wieder zu nähern, wenn es sich satt gefressen hatte.

Herr Lattenseger machte nicht nur Kollegen schlecht, drangsalierte als Chef Untergebene, sondern verstand es auch, sich auf eine unschöne Art und Weise bei Vorgesetzten durchzusetzen. Damit war er eine Erscheinung, die nirgendwo auf Zuneigung stieß, eine unsympathische Kreatur. Er wusste es, denn Sympathie, nein, die brauchte er nicht, er legte auch keinen Wert darauf, wichtig für ihn war nur, dass er das durchsetzen konnte, was er durchsetzen wollte. Nur das galt und war sein einziges Bestreben, prägte seinen Charakter. Hier sei noch festzuhalten, dass er sich auch seiner Familie gegenüber nicht anders verhielt. Liebenswürdigkeit, das war ein Begriff für ihn, den es nur in einer anderen Welt gab.

Herr Lattenseger, der unmögliche Mensch. Er hatte seine berufliche Karriere als leitender Angestellte bereits in jungen Jahren begonnen, in einem Alter, wo die meisten noch ihre Sporen für den Aufstieg verdienen mussten. Bei dem Ersteigen der Karriereleiter hatte er auch Glück, fand einen Förderer, der in ihm einen fähigen Mann sah, der erfolgreich eine Abteilung leiten konnte. Leider hatte sein Förderer nicht seine tastsächlichen Charakterzüge erkannt, die später richtig zum Vorschein kamen. Erst nach dem Erfolg, nach der Übernahme einer Abteilung mit älteren Mitarbeitern, die zu führen waren, kam das ans Tageslicht, was man vorher nicht ahnen konnte, ein Mensch, der über Leichen ging, dem alle Mittel recht waren, wenn eine Sache durchsetzbar erschien. Er nahm keine Rücksicht, auf niemanden, was auch seine Vorgesetzten bald spüren mussten, sogar sein Förderer. Erfolg, das war seine Devise. Stellte er sich einmal nicht ein, war er unzufrieden und zeigte sein wahres Gesicht, das Gesicht eines Cholerikers. Was die Leute dabei dachten, wenn er im Falle eines Misserfolges ausfallend wurde, das war ihm egal, sie sollten doch sehen, dass er sich mal nicht durchsetzen konnte, sollten aber auch wissen, dass er sich dafür rächen würde, was er oft auch tat, indem er beim nächsten Mal seine Überlegenheit zeigte. Sein einziger Gedanken war dabei, was ich tue ist immer richtig. -- Meinungen konnte man sich zwar anhören, man brauchte sich diesen jedoch nicht anzuschließen, das war sein Standpunkt, ein Standpunkt, der ihn auf seinem Lebensweg begleitete.

Über Herrn Lattensegers Charakter sei nun genug geschrieben worden. Charakter? Nein, den hatte er eigentlich nicht, er war einfach ein charakterloser Mensch, ein Geschöpf Gottes, das dieser in wohl einer schwachen Minute geschaffen haben musste.

Wenn Freunde über diese Fehlgeburt Gottes mal eine positive Bemerkung machten, dann nannten sie ihn Latti, wie seine Frau es auch tat. Nur, wann konnte man etwas Positives über ihn sagen, recht selten. Latti, so nannte ihn sein Chef in wohl wollenden Momenten ebenfalls. Er war ja sein Förderer, der ihn auf den stellvertretenden Chefsessel gehoben hatte, was er oft bereute. Herr Beck, wie der Chef des Unmenschen hieß, war ein stattlicher älterer Herr, der sich zur Aufgabe machte, auch die sozialen Belange seiner Mitarbeiter nicht zu vernachlässigen. So kümmerte er sich um seinen Pflegesohn, diesen Flegel, den er zu seinem Stellvertreter gemacht hatte, genauso wie er sich um die anderen Mitarbeiter kümmerte, fürsorglich und väterlich, weshalb man ihn oft Vati nannte, Vati der Abteilung, dem man sich anvertrauen konnte, der sich wie ein Vater Sorgen machte, wenn es mal einem nicht gut ging. Vati war allerdings auch ein Poltergeist, der wie ein Elefant im Porzellanladen alles umstoßen und zertrümmern konnte, was er dann nicht merkte und man ihm übel nehmen konnte. Er glich dies jedoch wieder durch sein väterliches Verhalten aus, ein soziales Verhalten, das man bei Herrn Lattenseger, diesem ungehobelten Geschöpf Gottes, vermisste.

Unter diesen unterschiedlichen Charakteren, die eine Einkaufsabteilung eines Herstellers für Stahlrohre führten, hatten Mitarbeiter zu leiden, wenn sie zwischen die Fronten gerieten. Beide waren ja Vorgesetzte. Wem nun gehorchen bei divergierenden Anweisungen? Natürlich immer dem höheren Chef, würde jeder sagen. Aber da war schon das Problem. Falls man den Anweisungen des Hauptchefs folgte, womit Latti nicht einverstanden war, gab es solchen Krach, dass jeder, auch Nicht-Betroffene, gewisse Auswirkungen einer plötzlichen Anfeindung zu spüren bekam. Er war der direkte Vorgesetzte, jeder hatte sich ihm unterzuordnen, auch wesentlich ältere Mitarbeiter, die er nicht respektierte, trotz höherer Lebenserfahrung. Seinem Vorgesetzten gegenüber zeigte er ebenfalls keinen Respekt, wenn er anderer Meinung war. Er war der Größte, und das zeigte er nicht nur nach unten, sondern sogar bis zum Vorstand hinauf. Er scheute keine Konfrontation, für ihn galt nur, entweder werde ich respektiert oder man lässt es, ich muss auf jeden Fall auf keinen Rücksicht nehmen, denn mein Wissen und Können stelle ich tagtäglich unter Beweis, brauche mir also keine Vorträge anzuhören, Vorwürfe sowieso nicht. So wie sich Herr Lattenseger verhielt, so war oft die Stimmung in der Abteilung.

Herr Lattenseger, ein Mensch?

Herr Lattenseger verhält sich wie ein Hai

Sieht er ein Opfer, hilft auch kein Schrei

Denn er ist zur Stelle dann

Um anzugreifen, sobald er kann

1

Nachdem nun jeder weiß, über welchen Unmenschen hier berichtet wird, nun die Geschichte, die eigentlich jedem Menschen unglaubwürdig klingen mag, aber sich wirklich so abspielte, sofern es sich um das Büroleben handelt. Auch worüber sonst geschrieben wurde, entspricht zum Teil der Wahrheit; nur es waren andere Personen, die es erlebten, aber immer Personen, die in diesem Roman vorkommen.

Herr Lattenseger, dieser von keinem geschätzten Kreatur, hatte als Chef bzw. anfangs als stellvertretender Chef eine Aufgabe, der er, von der menschlichen Seite aus betrachtet, nicht gewachsen war. Herr Fischer bekam das während seiner Zeit als Mitarbeiter dieses Unmenschen besonders zu spüren. Herr Beck, Chef der Einkaufsabteilung, suchte einen neuen Mitarbeiter, der sich um den Aufbau eines neuen Absatzmarktes kümmern sollte, eine eigentlich unübliche Tätigkeit für eine Einkaufsabteilung. Dies führte auch zum Protest von Herrn Lattenseger, der so etwas in seinem Zuständigkeitsbereich nicht gerne sah, um genau zu sagen, strikt ablehnte, unter seiner Fuchtel einen Verkäufer zu haben. Sein Metier lag im Einkaufen und nicht im Verkaufen. Seinen Protest ließ er dann, nach der Einstellung von Herrn Fischer als Verkäufer, diesen auch spüren. Herr Fischer musste herhalten für einen Widerspruch, der dem Vorstand galt, der eine Entscheidung getroffen hatte, die ihm total gegen den Strich ging. Er wollte vorher gefragt werden, er wollte entscheiden über das, was vorteilhaft für ein Unternehmen sei. Nun hatten die Direktion und sein direkter Vorgesetzter entschieden, armer Herr Fischer.

Dass die Einkaufsabteilung nun den Markt für ein eigentlich unbedeutendes Nebenprodukt aufbauen sollte lag daran, dass sich im Absatzbereich alle leitenden Angestellten dagegen wehrten, ihnen auch die entsprechenden Kontakte fehlten, die es aber im Einkaufsbereich gab. Dazu war es noch ein Produkt, das nicht dem Verkaufsprogramm des Unternehmens entsprach. Also sollte sich doch erst einmal der Einkauf abstrampeln, und wenn das Produkt Erfolg auf dem Markt hat, kann man es immer noch übernehmen, sagte sich die Verkaufsleitung. Bei dem Produkt selbst handelte es sich um Stahlwerkzeuge, die die eigenen Werkstätten, die normalerweise für Reparaturarbeiten zuständig waren, herzustellen hatten. Sie sollten dadurch eine bessere Auslastung erreichen, und falls möglich, auch noch Reparaturarbeiten für Fremdfirmen übernehmen, also eine sogenannte verlängerte Werksbank darstellen. Das alles zu verwirklichen, war die Aufgabe des neuen Mitarbeiters. Und Herr Lattenseger? Seine Devise jetzt: Auf ins Gefecht, meine Waffen liegen bereit. Ich schieße jetzt nicht nur nach unten, sondern auch nach oben. Alle sollen wissen, was ich davon halte, nämlich nichts. Ich habe den Durchblick, der allen anderen fehlt. Keiner weiß, was er da für einen Blödsinn anzettelt.

Alles begann an einem Morgen, als Latti, so sei der Unmensch hier mal genannt, eine zu liebenswürdige Anrede, die seine Frau und seine Freunde, falls er überhaupt welche hatte, benutzten, pünktlich wie immer, so wie es seiner Wesensart entsprach, ins Büro kam. Noch auf dem Weg in sein Zimmer überfiel ihn sein Chef mit folgenden Worten: „Herr Lattenseger, ich muss Ihnen kurz mitteilen, dass die Direktion sich entschlossen hat, uns einen Absatzbereich, wenn auch kleinen, zuzuordnen. Unsere Aufgabe ist es nun, dafür einen passenden Mitarbeiter zu finden. Und ich denke, wir haben schon einen. Einen jungen Mann mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung, der uns von der Personalabteilung empfohlen wurde.“ Herr Lattenseger hörte nicht zu, reagiert nicht auf die Worte seines Vorgesetzten, sondern lief einfach an seinem Chef vorbei, murrte dabei jedoch etwas vor sich hin.

Herr Fischer, der neue Mitarbeiter, dessen Aufgabe nun darin bestand, den entsprechenden Markt für das Nebenprodukt des Unternehmens aufzubauen, begann somit seine Arbeit. Schade, wie er sich später selbst sagte, eine Arbeit unter einem Chef, der bestens verstand, Mobbing auszuüben. Aber anfangs sah alles anders aus, eine Arbeit die Spaß machen konnte, die einen herausforderte, seiner Vorstellung entsprach. Und, eine entsprechende Außenorganisation stand schon Gewehr bei Fuß, Außenstellen, die seine Arbeit unterstützen sollten.

Als Herr Fischer seine Arbeit im Einkauf begann, wusste jedoch noch keiner, dass seine Verkaufstätigkeit nur von kurzer Dauer sein sollte. Hatte Herr Lattenseger doch recht, als er protestierte und ablehnte? Herr Fischer begann auf jeden Fall seine Tätigkeit, nicht ahnend, dass sein unmittelbarer Vorgesetzte, Herr Lattenseger, ihm nur Steine in den Weg legen wird.

Um die Basis für einen Absatzmarkt zu schaffen bedurfte es zuerst der Sicherung der Fertigungsstätten für die Produkte, die auf dem Markt erscheinen sollten.

Nach einigen Tagen der Einarbeitung in der Abteilung wurde Herr Fischer zu seinem Chef gerufen. Herr Beck hatte ihm folgendes mitzuteilen: „Herr Fischer, ich habe Herrn Lattenseger beauftragt, Sie bei dem Aufbau eines Marktes und Ausbau von den bereits vorhandenen Fertigungsstellen innerhalb des Unternehmens behilflich zu sein. Auch wenn ihm das nicht passt, es ist mein Wunsch und entspricht den Vorstellungen des Vorstandes.“ Herr Fischer nahm das zur Kenntnis und begab sich wieder an seinen Arbeitsplatz. Kaum hatte er dort Platz genommen, als Herr Lattenseger auch schon vor ihm stand. „Herr Fischer, merken Sie sich eins, ich bestimme hier, was Sie zu machen haben. Herr Beck mag zwar der Chef sein, aber Ihr direkter Vorgesetzter bin immer noch ich. So möchte ich jetzt etwas klar stellen. Eine Unterstützung meinerseits bei Angelegenheiten, die den Absatzbereich betreffen, können Sie sich aus dem Kopf schlagen. Den Floskeln von Herrn Beck und dem Vorstand muss hier Einhalt geboten werden, ihren Unsinn mache ich nicht mit.“ Herr Fischer wollte darauf noch etwas sagen, konnte es aber nicht mehr, Herr Lattenseger hatte den Raum wieder verlassen.

Es war ein anderer Tag, der diesmal vielversprechend begann. Herr Beck rief Herrn Lattenseger zu sich. „Herr Lattenseger, Sie werden heute mit Herrn Fischer zu einem Kunden fahren, der sich für einige Produkte aus unserer Fertigung interessiert.“ Herr Lattenseger murrte vor sich hin, gab aber keinen Kommentar ab, nickte nur und verließ das Chefzimmer. An diesem Tag stand sowieso nichts Wichtiges an, für das sich lohnte, seine kostbare Arbeitszeit zu vergeuden, sagte er sich und pfiff ein Liedchen, das ihm gerade einfiel. Es war seine Art, um auf andere Gedanken zu kommen. Oft geschah so etwas, wenn er sich gerade mit etwas Belanglosem beschäftigte oder sich über etwas aufgeregt hatte.

Herr Lattenseger fuhr mit seinem Wagen und Herr Fischer sollte seine Fahrweise kennen lernen, eine Fahrweise, die er noch des Öfteren miterleben sollte. Das Fahrverhalten Lattensegers entsprach dem eines Wahnsinnigen, das alle fürchten mussten, die mit ihm gerade auf der Straße fuhren.

Die fürchterliche Fahrt begann. Termin beim Kunden: 14 Uhr! Zu fahren waren 30 km. Pünktlichkeit war geboten, schließlich handelte es sich hier um einen neuen Kunden, den es zu gewinnen galt. Über die Autobahn ging es nur 10 km, die restlichen Kilometer waren Landstraße, eine stark befahrene Strecke, für die man eigentlich eine gewisse Zeit einplanen sollte, dachte Herr Fischer. Aber da kannte er Herrn Lattenseger nicht, sein Gehirn war auf „rasen“ gestellt, so, wie es immer bei ihm war. Er fuhr seinen Fahrstil, der einem Menschen entsprach, der von einem Bienenschwarm verfolgt wurde. Gaspedal durchdrücken, rechts überholen, Standspur benutzen, wenn auf Fahrspur kein Fortkommen möglich, Slalom bei Vollgas, jede Lücke ausnutzend, das ließ sein Herz höher schlagen, brachte seine Begeisterung vom eigenen Fahrstil so auf den Höhepunkt, als ob er sich nicht nur von Bienen verfolgt fühlte, sondern sich auch in einem Sexrausch befände. Sogar die entsprechenden Geräusche gab er dabei ab, was vielen Kollegen von Herrn Fischer bekannt war, denn solche Höhepunkte gab es bei ihm auch während der Arbeit, wenn er sich wieder mal für den Größten hielt. Bei seinem Stöhnen dabei, schmunzelten alle, denn sie konnten es alle wahrnehmen, sollten es auch, was viele vermuteten, weil Lattensegers Bürotür oft offen stand. „Unser kleiner Chef hat wieder einen Höhepunkt erreicht“, hieß es dann.

Herr Lattenseger nahm keine Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer während der Fahrt zum Kunden. Warum sollte er auch, die anderen hatten schließlich darauf zu achten, dass nichts passiert, doch nicht er, ein Mann, der über allem stand. 30 km, das bedeutete, höchstens 30 Minuten Fahrzeit. Also konnte er an seinem Arbeitsplatz vor Fahrtbeginn noch einiges erledigen, und das hatte er auch getan. Nun waren sie auf Strecke, hatten allerdings weniger als 30 Minuten noch zur Verfügung, um pünktlich beim Kunden zu erscheinen. Aber das schaffte Herr Lattenseger.

Die Fahrt mit Herrn Lattenseger war für Herrn Fischer eine Fahrt mit dem Teufel, eine Fahrt, wie er sie noch öfters mit Herrn Lattenseger erleben sollte, Fahrten, auf die er am liebsten verzichtet hätte.

Sie erreichten den Kunden pünktlich, sogar 5 Minuten vor der vereinbarten Zeit. „Ist was?“, wollte Herr Lattenseger wissen, als er in das Gesicht von Herrn Fischer sah, das von der Angst, die er ausstehen musste, noch bleich war. „Nein“, mehr konnte er Fischer nicht sagen, denn er fühlte plötzlich, wie sich sein Magen umdrehte. Jetzt erst machte sich bemerkbar, was er durchmachen musste, wie er während der Fahrt mit diesem Teufel von einer Seite auf die andere gerissen wurde, in den Momenten, wenn dieser Unmensch das Lenkrad herumriss, um in freie Lücken hinein zu preschen.

Die erste Fahrt mit Herrn Lattenseger musste Herr Fischer erst einmal verkraften. Ihm schauderte, wenn er daran dachte, dass ihm viele solcher Fahrten bevorstanden. Bei der Suche nach weiteren innerbetrieblichen Fertigungsstellen, die für bestimmte Produkte des Verkaufsprogramms erforderlich waren, fand er keine Unterstützung durch Herrn Lattenseger, obwohl dies von Herrn Beck und dem Vorstand verlangt wurde. Es blieb ein Thema, das zu vielen Streitigkeiten führte, die Herrn Fischer jedoch nicht berührten. Ihm war es auch lieber, wenn bei seinen Gesprächen mit den einzelnen Werksleitern Herr Lattenseger nicht anwesend war. So konnte er nämlich vermeiden, dass Äußerungen fielen, die der vielleicht schon vorgesehenen Einrichtung einer neuen Fertigungsstelle nicht dienlich waren. Herrn Lattenseger war sowieso alles egal; er hatte eine konkrete Vorstellung von der Verwendbarkeit seines Mitarbeiters, und die war der Einsatz als Einkäufer, zumindest für die Zeit, wenn ein Mitarbeiter seiner Einkaufsabteilung in Urlaub war. So konnte er immer auf eine Fachkraft zurückgreifen, die die Vertretung übernahm, ohne dass andere Mitarbeiter zusätzlich belastet wurden. Herr Fischer, ein Verkäufer als Einkäufer? Das widersprach dem, was man von ihm erwartete, nämlich sich mit voller Kraft dem Aufbau neuer Absatzmärkte zu widmen. Hier war also viel Konfliktstoff vorhanden. Während der Zeit als Vertreter eines Einkäufers konnte er sich für den Absatzmarkt nicht so einsetzen, wie es ihm recht und für die Betreuung der Kunden, die bereits gewonnen wurden, unbedingt erforderlich war, auch wenn die Vertretungszeiten kurz waren. Misserfolge auf dem Absatzmarkt spielten für Herrn Lattenseger aber keine Rolle, der Einkauf galt, gute Einkaufsmöglichkeiten schaffen, niedrige Einkaufspreise erzielen, auch bei nicht immer fairen Bedingungen für den Lieferanten, nach dieser Devise handelte er und verlangte es auch von seinen Mitarbeitern.

Ein anderer Tag, der wie alle vorherigen begann, doch diesmal standen wichtige Einkaufsabschlüsse an. Herr Lattenseger kam morgens ins Büro, schlug seine Verbindungstür zu den Mitarbeitern zu und wollte vorerst nicht gestört werden. Seine Gedanken galten ausschließlich den Geschäftsabschlüssen, die bevorstanden. Es waren die monatlichen Vormaterialbestellungen, die getätigt werden mussten, um die Produktion nicht ins Stocken zu bringen, die Abschlüsse, die nötig waren, um das Lager mit den gängigen Güten, die laufend benötigt wurden, aufzustocken. Bei seinen Überlegungen verbot er sich jegliche Störung, und falls doch einer die Frechheit haben sollte, das zu tun, reagierte er empfindlich, konnte dabei ausfallend werden, was ein jeder mal zu spüren bekam. Er kannte in solchen Momenten keinen Menschen, ob Untergebener oder Vorgesetzter, alle wurden gleich behandelt, d.h., alle waren unfähige Kreaturen, die nicht zu seiner Gedankenwelt gehörten, die man entsprechend anfahren musste, sollten sie die Dreistigkeit haben, seine doch für das Unternehmen so wertvolle Arbeit torpedieren zu wollen, wie er meinte. Auch war ihm Wurscht, was Herr Fischer machte, besonders dann, wenn Einkaufsangelegenheiten zu bewältigen waren, denn der Absatzmarkt gehörte ja bekanntlich nicht zu seinem Aufgabengebiet, wie er immer wieder betont hatte. Den unliebsamen Kerl, den man ihm in die Abteilung gesetzt hatte, den musste er auch noch so weit bringen, dass er seine verkäuferischen Ambitionen vergaß. Dieser Herr Fischer hatte sicher Fähigkeiten, die er für sich nutzen konnte, obwohl die Gefahr bestand, dass er dadurch mit Herrn Beck, seinem nächsten Vorgesetzten, aneinander geraten konnte. Aber was sollte das, er war schließlich der Stärkere wenn es galt, seine Meinung durchzusetzen. Herr Beck gab meistens nach. Ihm war es oft zu viel, seinem aufrührerischen Vertreter den Weg zu zeigen, den er zu gehen hatte.

2

Für Herrn Fischer trat eine Entwicklung ein, die nicht voraussehbar war. Die Firmenleitung beschloss den Betrieb stillzulegen, wo sich gerade die Hauptproduktionsstätte befand, die die Produkte herstellte, wofür Herr Fischer zuständig war, wofür er den Markt ausbauen sollte. Nun gab es noch andere Betriebe, die eventuell die Produkte fertigen konnten. Gespräche waren erforderlich, die Herr Lattenseger in die Wege leiten sollte. Gemeinsam sollten dann beide die Gespräche führen. Als Einkäufer waren Herrn Lattenseger aber solche Gespräche zuwider. Er schickte Herrn Fischer also alleine los, der aufgrund seiner Position, die nicht dem eines Abteilungsleiters entsprach, nicht die Erfolge erzielte, die man sich eigentlich wünschte. Misserfolg nach Misserfolg erzielte Herr Fischer, was schließlich dazu führte, dass man den Absatzmarkt aufgab, obwohl man auf ihn bereits schon vielversprechende Teilerfolge erzielt hatte.

Herr Lattenseger triumphierte, er konnte Herrn Fischer voll in den Vormaterialeinkauf integrieren. Damit hatte er eine neue Stütze, die es galt auszunutzen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Problem gab es dabei jedoch, Herr Beck war dabei nicht immer seiner Meinung, was zu Konfrontationen führte. Herr Fischer, so war seine Vorstellung, sollte aufgrund seiner beruflichen Ausbildung und kaufmännischen Allgemeinkenntnisse die Betreuung der Lehrlinge in der Abteilung übernehmen. Das hieß, die Aufgabe eines Lehrlingsausbilders in der Einkaufsabteilung, hier also speziell im Einkauf für Vormaterial. Das wurmte Herrn Lattenseger, denn das war ja eine Aufgabe eines Abteilungsleiters oder zumindest seines Stellvertreters und nicht die Aufgabe eines Mitarbeiters. Konflikte waren hier somit vorprogrammiert, Konflikte, unter denen besonders Lehrlinge zu leiden hatten und hier wiederum die weiblichen, die gewissen Konfliktsituationen nicht gewachsen waren.

Jahre bevor Herr Fischer in die Abteilung von Herrn Beck kam, hatte dieser einen Sondervertrag mit einem Vormateriallieferanten abgeschlossen. Das Unternehmen stellte, wie bereits bekannt, geschweißte Rohre aus Stahl her. Abfälle, die während der Produktion anfielen, sollten nicht als Schrott verkauft, sondern dem Vormateriallieferanten für die Fertigung des eigenen benötigten Vormaterials übergeben werden, das hieß, der Schrott sollte für den eigenen Bedarf eingeschmolzen werden. Hierdurch versprach sich Herr Beck günstigere Einstandspreise für sein Vormaterial, sprich, die Stahlplatten, die man für die Fertigung geschweißter Rohre brauchte. Der Lieferant produzierte sowieso auf Schrottbasis, was die Sache vereinfachte. Der monatliche Bedarf an Stahlplatten für die Fertigung sollte damit zumindest zum Teil gedeckt werden. Dieser Vertrag, der eigentlich ein Lohnvertrag war, lief unter der Bezeichnung Schrottumwandlung und war das Lebenswerk von Herrn Beck, welches er sich von keinem zerstören lassen wollte, erst recht nicht von Herrn Lattenseger, der gegen alles war, was von seinem Chef kam.

Wichtige Abschlüsse standen wieder bevor. Herr Beck rief Herrn Fischer zu sich herein, um mit ihm darüber zu sprechen, obwohl Herr Lattenseger als stellvertretender Abteilungsleiter dafür zuständig gewesen wäre. Bei der Vergabe der Aufträge sollte diesmal der Lieferant verstärkt berücksichtigt werden, mit dem es den sogenannten Schrottumwandlungsvertrag gab. Irgendwie musste das Herr Lattenseger geahnt haben. Er hatte hinsichtlich der Bestellungen bereits eine andere Entscheidung getroffen, die er jetzt Herrn Beck unterbreiten wollte und voller Ahnung einer bevorstehenden Entscheidung seines Chefs, die nicht seinen Vorstellungen entsprach, den Weg ins Chefzimmer schnellstens angetreten.

Nur einige Worte konnte Herr Beck gerade mit Herrn Fischer sprechen, da stürmte auch schon Herr Lattenseger herein. „Ich nehme an, Sie sprechen über die Vergabe der Aufträge“ waren seine ersten Worte, ohne überhaupt seinen Chef, den er an diesem Tag noch nicht gesehen hatte, zu grüßen. Herrn Fischer ignorierte er; er war sein Untergebener, hatte somit bei solch wichtigen Angelegenheit nicht anwesend zu sein. Er sah ihn jetzt auch nicht, bzw. wollte ihn nicht sehen, setzte sich einfach auf den noch leeren Stuhl, der vor dem Schreibtisch seines Chefs stand. Worte seines Chefs hierfür hielt er sowieso für überflüssig; es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, dass er sich setzen durfte. „Ich habe meine Entscheidungen schon getroffen“, fuhr der plötzliche Eindringling fort, nachdem er es sich auf dem Stuhl bequem gemacht hatte und Herrn Fischer, der ja neben ihm saß, in keiner Weise beachtete. „Bestellungen über den Umwandlungsvertrag kommen nicht mehr in Frage. Wie bekannt, war ich immer gegen diesen Vertrag, der nichts einbringt und den man deshalb jetzt auslaufen lassen sollte. Auf jeden Fall sind das meine Bestrebungen.“ „Wessen Bestrebungen, Herr Lattenseger?“ „Ich nehme doch an, dass ich deutlich genug war. Ich kann es aber gerne noch mal wiederholen. Es sind meine Bestrebungen. Und damit es klar ist, ein Vorgespräch hierüber habe ich bereits geführt.“ „Sind Sie wahnsinnig, vergessen ganz, wer der Chef hier ist“, schrie Herr Beck voller Wut, dass es durch das ganze Bürogebäude schallte. Herr Lattenseger tat so, als ob er Herrn Beck nicht hörte, sprach einfach in einem ruhigen Tonfall weiter. „Herr Beck, Sie haben mir die Aufgabe übertragen, für die Vergaben zuständig zu sein, falls Sie sich daran noch erinnern sollten. Und nun habe ich für diese Vergabe bereits entschieden, die entsprechenden Lieferanten anzusprechen.“ „Sie haben hier gar nichts zu entscheiden, die Lieferanten, die in Frage kommen, werde ich jetzt ansprechen. Und nun verlassen Sie bitte mein Büro, ich habe mit Herrn Fischer noch einiges zu besprechen.“ Herr Lattenseger reagiert nicht auf die Aufforderung, sondern sprach weiterhin von seinen guten Absichten, die nur dem Unternehmen galten. In seinem Redefluss merkte er nicht, dass Herr Beck sich zwischenzeitlich aus seinem Sessel erhoben hatte, um ihn erneut zum Verlassen des Chefzimmers aufzufordern. Herr Lattenseger schien das nicht zu interessieren, er sprach, noch immer sitzend, von seinen Absichten und guten Taten für das Unternehmen. Erst nach einer Weile stand er auf und verließ tatsächlich den Raum, in dem er sich im Beisein eines Untergebenen seinem Chef gegenüber gerade richtig auslassen konnte. Herr Beck, kaum Luft bekommend und kurz vor einem Herzinfarkt, ließ sich in seinen Sessel fallen. „Können Sie das verstehen?“, sagte er nach einigen Minuten, die für seine Erholung notwendig waren, zu Herrn Fischer, der schon das Schlimmste befürchtete, als er seinen obersten Chef zitternd und mit blutrotem Kopf vor dem Schreibtisch stehend beobachtet hatte. Nun schien er aber wieder gefasst zu sein, atmete ruhig und sein Gesicht nahm langsam wieder die normale Farbe an. Nur für ein Gespräch mit Herrn Fischer bedurfte es noch einige Minuten.

Herr Beck fuhr mit seinem Gespräch fort. Womit keiner gerechnet hatte, geschah jetzt. Die Tür flog auf und Herr Lattenseger erschien wieder. „Sie haben mich unterbrochen“, meinte er, als er erneut vor seinem Chef stand, sich diesmal aber nicht setzte. „Ich habe schon die Hälfte unseres jetzigen Bedarfs vergeben. Den Rest werde ich noch vergeben, was ja auch meine Aufgabe ist“. Mit dieser Dreistigkeit konnte keiner rechnen, Vergaben über den Kopf seines Chefs hinweg zu tätigen. Herrn Beck blieb die Spucke weg, lief erneut rot an und konnte kein Wort mehr sagen. Es dauerte erneut einige Weile, bis er wieder Worte fand, während Herr Lattenseger, noch immer stehend, von seinen guten Taten sprach. „Herr Lattenseger, machen Sie was Sie wollen, aber bitte, bitte, verlassen Sie jetzt mein Zimmer wieder, ich möchte Sie vorerst nicht mehr sehen“. Diesmal folgte Herr Lattenseger der Aufforderung seines Chefs sofort, drehte sich um und verließ den Raum, indem er die Tür zuschmiss. Schweratmend sagte Herr Beck nun zu Herrn Fischer: „Ich glaube, Sie verlassen jetzt auch besser mein Zimmer, ich brauche Ruhe und der Idiot hat ja schon über die jetzigen Vergaben entschieden. Vielleicht sollten wir uns beide aber mal später über diesen Idioten unterhalten.“ Herr Fischer tat wie ihm befohlen und verließ den Raum, fürchtete aber, dass sein oberster Vorgesetzter den heftigen Disput nicht schadlos überstanden haben könnte, was aber nicht der Fall war, zumindest erschien es so, als er sich nach Feierabend von ihm verabschiedete.

Viele Wochen vergingen, ohne besondere Vorfälle. Nun näherte sich langsam die Zeit, wo Vati, wie Herr Beck von seinen Mitarbeitern wegen seiner väterlichen Fürsorgepflicht liebevoll genannt wurde, in Pension ging. Aber bevor es so weit war, musste er noch einige unerfreuliche Ereignisse überstehen. Man hatte ihm noch vor der Pensionierung seine Sekretärin, die viele Jahre für ihn gearbeitet hatte, weggenommen und einem anderen Chef zugewiesen. Das geschah, obwohl beide damit nicht einverstanden waren. Nun bekam er eine neue Sekretärin, eine junge Person, die gerade die Lehre beendet hatte. Frau Schneider, so hieß seine neue Kraft, arbeitete sich überraschend schnell ein. Sie war fähig, bereits nach sehr kurzer Zeit für Aufgaben herangezogen zu werden, wofür man eigentlich langjährige Erfahrung brauchte.

Hier sei kurz gesagt, dass zu der Einkaufsabteilung, die für die Beschaffung des Materials für die Fertigung der Rohre zuständig war, neben Herrn Beck, Herrn Lattenseger, einer Sekretärin und Herrn Fischer, nur noch die Herren Schlegel, Uhlenberg und Abel gehörten. Über diese Herren wird später noch berichtet.

Oft stießen gegensätzliche Meinungen aufeinander, Dispute gab es aber kaum, mit einer Ausnahme, wenn Herr Lattenseger involviert war. Vati respektierte andere Meinungen, was seinem Stellvertreter jedoch schwer fiel. Vati, so sei Herr Beck hier noch einmal genannt, verstand es hin und wieder aber auch, ins Fettnäpfchen zu treten, besonders dann, wenn die Nervensäge Entscheidungen getroffen hatte, wovon er nichts wusste. So einen Fall gab es, als sein Stellvertreter mal falsche Entscheidungen traf, worüber alle Bescheid wussten, er dies ignorierte und dem Vorstand gegenüber die Äußerung machte, dass sein Stellvertreter immer wohlüberlegt handeln würde.

Vati hatte auch die Gabe, sich wie ein Elefant im Porzellanladen zu verhalten, was allerdings sehr selten vorkam, aber wenn, dann nutzte das Herr Lattenseger zu seinem Vorteil schamlos aus. Personalwechsel standen bevor, allen leitenden Angestellten lagen entsprechende Informationen vor. Herr Beck sollte Verstärkung aus anderen Abteilungen erhalten, die er dringend brauchte. Bedenken, nicht die richtigen Mitarbeiter zu bekommen verleiteten ihn dazu, sich negativ über den Vorstand zu äußern, mit dem Ergebnis, dass die Verstärkung für seine Abteilung gestrichen wurde. Dies war ein Fressen für Herrn Lattenseger, der seinen Chef schlecht machte, ihm Führungsschwäche vorwarf, unfähig zu sein, überhaupt eine Abteilung zu führen. Seine entsprechenden Äußerungen blieben auch dem Vorstand nicht verborgen, der aber sein Verhalten Herrn Beck gegenüber nicht unbedingt gutheißen konnte. Herr Beck war ja schließlich sein Chef und eine gewisse Loyalität dem Vorgesetzten gegenüber sollte bewahrt bleiben.

Nun, wenige Tage vor Vatis Pensionierung verursachte Herr Lattenseger ein besonders unerfreuliches Ereignis. Herr Fischer, über Tage von Herrn Lattenseger unter Druck gesetzt, brach zusammen und musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Ausgelöst wurde das Ganze nur, weil Herr Fischer den Anweisungen seines obersten Chefs folgte und Bestellungen vornahm, womit Herr Lattenseger nicht einverstanden war. Aus diesem Grund sollte er alle Bestellungen wieder stornieren, was er jedoch ablehnte, zumal es im Auftrag von Herrn Beck geschah. Herr Lattenseger stand am Schreibtisch von Herrn Fischer, riss ihm sämtliche Unterlagen vom Tisch und sagte schroff: „Ihre Ablehnung richtet sich gegen einen Vorgesetzten, falls Sie das noch nicht wissen. Was das heißt, sollte Ihnen bekannt sein. Sie können, falls Sie Ihre Weigerung aufrechterhalten, Ihre Sachen packen und nach Hause gehen. Haben wir uns verstanden?“ Herr Fischer hatte nicht verstanden, wollte es auch nicht, sprang auf und versuchte an Herrn Lattenseger vorbei den Weg zum Chefzimmer einzuschlagen, was Herr Lattenseger verstand zu verhindern. Herr Fischer brauchte einige Mühe, um es doch zu schaffen, erreichte die Tür zum Chefzimmer, drückte mit letzter Kraft die Türklinke herunter, die Tür öffnete sich nun wie von selbst und Herr Fischer ging noch einige Schritte auf den Schreibtisch seines obersten Vorgesetzten zu, um dann zusammenzubrechen. Herr Beck zögerte keinen Moment, rief sofort den Werkssanitäter an, der angerannt kam, sich Herrn Fischer kurz ansah und sagte: „Herzinfarkt, das zeigt seine Luftnot. Sofort Krankenwagen bestellen“. Wenige Minuten später kam auch schon der Rettungswagen. Herr Fischer wurde auf eine Trage gelegt und von zwei Sanitätern zum Rettungswagen gebracht, wo ein Arzt wartete. Mit Blaulicht ging es ins nächstgelegene Krankenhaus. Während die beiden Sanitäter vorne saßen, kümmerte sich der Arzt um Herrn Fischer, dessen Atmung plötzlich aussetzte. Das war ein Zeichen, dass ein Herzstillstand vorlag. Er rief nach vorne und ein Sanitäter sprang sofort aus seinem Sitz; während der andere fuhr, half er dem Arzt bei der Wiederbelebung. Durch wiederholten Druck auf die Brust gelang es nach wenigen Sekunden, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Vor dem Krankenhaus angekommen, wurde Herr Fischer auf ein rollbares Krankenbett gelegt und auf die Intensivstation gebracht, wo er zwei Tage blieb. Danach verweilte er noch drei Tage zur Beobachtung auf der allgemeinen Krankenstation. Bei der Entlassung wurde ihm bestätigt, dass es kein Infarkt war, der zum Stillstand der Herztätigkeit geführt hatte, sondern ein psychisch bedingter Nervenzusammenbruch. Er war also gesund, nur die Psyche wollte mal nicht mitspielen. Warum, das konnte man sich denken.

Nach dem Vorfall kam Herr Fischer zur Kur, wofür Herr Lattenseger kein Verständnis aufbrachte, was Herr Fischer später auch oft zu hören bekam. In seinen Augen waren es Schwächlinge, die man in seiner Abteilung, sollte er einmal Leiter dieser Abteilung werden, nicht gebrauchen konnte. Er brauchte Leute, die hart gesotten waren, die sich durchsetzen konnten, die das Wort Stress nicht kannten, die ihre Kraft voll dem Unternehmen zur Verfügung stellten, also Leute, die keine psychische oder physische Schwäche zeigten.

Herr Beck nannte Herrn Lattenseger schon lange nicht mehr Latti, wie er es tat, wenn er ihm wohlwollend gegenüberstand. Was geschehen war, konnte er ihm nicht verzeihen, wollte es auch nicht mehr, obwohl er es noch kurz vor seiner Pensionierung hätte tun können. Er hatte seiner Ansicht nach schon genug für diesen Flegel getan, hatte ihn gelobt, damit er sein Nachfolger wird. Was er jedoch bereute. Er konnte aber nicht anders, schließlich war er mal durch sein Lob sein Stellvertreter geworden. Nun konnte er nicht mehr zurückrudern, leider, wie er sich mal Herrn Fischer gegenüber äußerte. Er sah sich nun also gezwungen, Herrn Lattenseger vorzuschlagen, was ihm eigentlich zuwider war. Herr Lattenseger besaß zwar kaufmännische Qualitäten, menschlich war er jedoch ein Versager, um es milde auszudrücken. Eine Abteilung führen hieß auch Menschen führen, was er nicht konnte. Herr Abel war in der Vergangenheit mit Herrn Lattenseger öfters aneinandergeraten, konnte ein Lied von seinem gefühlslosen Verhalten singen und nannte ihn „das soziale Schwein“; harte Worte, aber so Unrecht hatte er damit nicht. „Dieses Schwein wird nie Abteilungsleiter. Ich kann ihn mir als meinen obersten Vorgesetzten auch nicht vorstellen“, meinte Herr Abel einmal, womit er aber leider nicht richtig lag, wie sich bald herausstellen sollte.

3

Herr Beck wurde pensioniert und Herr Lattenseger erhielt Prokura, was bedeutete, er war jetzt Abteilungsleiter, konnte schalten und walten wie er wollte. Jedenfalls meinte er das und verhielt sich auch entsprechend. Er ließ sich nämlich bei seinen Entscheidungen von keinem Vorschriften machen, auch nicht von der Direktion. Das konnte er sich leisten, denn bekanntlich erzielte er schon als stellvertretender Abteilungsleiter so niedrige Einstandspreise bei den monatlichen Abschlüssen, die eigentlich kaum erreicht werden konnten. Sein Einkaufsverhalten war bekannt, Lattenseger, der Schrecken eines jeden Lieferanten. Er diktierte die Preise, konnte sich das erlauben, schließlich galt das Unternehmen als Großabnehmer von Stahlplatten.

Vati, der sich bisher für seine Mitarbeiter eingesetzt hatte, was seinem Nachfolger fremd war, vermissten bald alle. Latti, wie sich Herr Lattenseger gerne nennen ließ, war, wie schon mehrmals erwähnt, nicht der Mensch, der die Eigenschaften besaß, die ein Zusammenleben angenehm machten. Dafür setzte er sich aber für die Sache, die er höher bewertete als den Menschen, mit all seiner Kraft ein. Seine Charakterzüge kamen nun wieder einmal besonders während der Abschiedsfeier von Herrn Beck zum Vorschein. Eine wahre Demonstration eines negativen Fehlverhaltens eines Menschen wurde geboten.

Herr Beck hatte Freunde aus seinem Berufsleben, sowie den Vorstand und seine Mitarbeiter zu seiner Abschiedsfeier eingeladen. Es gab ein Büfett und trinken konnte jeder, was er wollte. Die Auswahl an kalten und warmen Speisen war groß. Jeder guckte sich die Köstlichkeiten vorher an und stellte sich anschließend gesittet in eine Reihe auf, um das zu nehmen, worauf er vorher sein Augenmerk gerichtet hatte. Jeder? Nein, da gab es eine Ausnahme.

Die Reihe vor dem Büfett war lang. Langsam bewegte sie sich nur vorwärts, denn was das Auge sah, mussten alle erst mal in sich aufnehmen, um aus der Vielzahl der Köstlichkeiten das herauszugreifen, was seinem Geschmack besonders entsprach. Latti, so sei der Flegel ausnahmsweise hier genannt, vermied das langsame Voranschreiten an den köstlichen Gerichten, die die Köche aufgetischt hatten. Seine Entscheidung, welche Speisen für ihn in Frage kamen, stand bereits fest. Warum sich dann hinten anstellen, unnütze Zeit verlieren? Nein, das musste nicht sein. Wie heißt es doch? Time is money! Was hier bedeutete, die Zeit, die man durch das langsame Voranschreiten, manchmal sogar Stehenbleibens, brauchte, bedingte einen unnötigen Kraftaufwand, den man vermeiden konnte. Während andere am Büfett noch vorbeiflanierten, bin ich bereits in der Lage, das zu genießen, was schon auf dem Teller liegt, sagte er sich also. Keine üble Überlegung. Somit ran ans Büfett. Der, der gerade störend vor meinem angepeilten Ziel steht, kurz wegschubsen, die Köstlichkeit, die ins Auge sticht, greifen, das nächste Ziel anpeilen , erneut das greifen, was wohlschmeckend zu sein scheint, um danach wieder einem neuen Ziel zuzustreben. – Die Schlacht am Büfett war damit eröffnet. Die Wut, die ihm wegen seines Verhaltens entgegenschlug, ignorierte er. Nichts konnte sein Blut in Wallung bringen. Er blieb ruhig, blieb Sieger der Schlacht am Büfett. Herr Beck fand nach seinem flegelhaften Benehmen sogar liebevolle Worte für ihn, was ihm allerdings sehr schwer fiel. Vor seinen jetzigen Gästen bezeichnete er ihn als einen wertvollen Mitarbeiter, der nun seine Nachfolge antrat. Eigentlich hätte er sich aber so verhalten müssen, wie es einige Gäste taten, die sich wütend zeigten, denen es nicht genehm war, dass man sie in dem Moment beiseiteschob, als sie gerade ihre Auswahl hinsichtlich einer Speise getroffen hatten und sie daran hinderte, ihren Teller damit zu bereichern. Vati wirkte jedoch ruhig und friedlich, wollte bei seiner Abschiedsfeier jeglichen Disput vermeiden; ein Wutausbruch wäre sowieso unpassend gewesen, wo es doch ein feierlicher Abschied sein sollte, bei dem man nur Wohlwollendes von sich gab.

Latti, oder doch besser wieder Lattenseger, genoss seine Speisen, während andere noch am Büfett standen. Er wurde von keinem beachtet, während er sich die Köstlichkeiten in den Mund stopfte. Keiner fühlte sich auch zu ihm hingezogen; sein Verhalten wirkte abstoßend, besonders seine Essgewohnheit fanden einige ekelerregend, wie er die Speise in seine Gesichtsöffnung hineinschaufelte. Aber was sollen die Blicke der anderen, sagte sich Herr Lattenseger. Sie sollen doch weggucken, schließlich musste er für das, was seinem Magen jetzt gut tat, kämpfen, musste sich vorher das sichern, was verlockend vor ihm lag und schnell zugreifen, bevor es ihm ein anderer vor der Nase weggriff. Während seines Hineinschaufelns dachte er über alles nach. Seine Gedanken schweiften über das bereits Erreichte und gingen zu dem, was noch erreichbar sein könnte. Er vergaß dabei, dass er sich auf einer Abschiedsfeier befand. Bei dieser Feier sollten doch alle Gäste sich wohlfühlen, sollten sich unterhalten, sich etwas zu sagen haben. Eine Unterhaltung zu beginnen, das schien Herrn Lattenseger zu anstrengend zu sein. Seine Gedanken galten im Moment nur dem Essen und seiner Karriere, den Stufen, die noch zu erklimmen waren. Es glich einem Wunder, dass es schließlich doch noch zu einem Gespräch mit dem Flegel kam. Aber das ergab sich mehr zwangsläufig. Unter den Gästen befanden sich Vertreter wichtiger Lieferanten, die seine Nähe suchten. Sie übersahen sein Benehmen, waren bestrebt, mit ihm auf vertrautem Fuß zu stehen. Er war der neue Chef des Einkaufs, verantwortlich für die Vergabe der Vormaterialbestellungen, ein Grund also, um über Einiges hinwegzusehen.

Vatis Abschiedsfeier war vorüber. Herr Lattenseger hatte das Kommando in der Abteilung übernommen. Endlich, sagte er sich, kann ich die Entscheidungen treffen, die unter der Leitung von Herrn Beck nicht möglich waren. Vati war in seinen Augen nämlich immer ein Hemmschuh gewesen. Das hörte nun der Vergangenheit an. Latti, du bist der King, hast etwas erreicht, was viele für nicht möglich hielten, ging es ihm durch den Kopf. Damit hatte er sogar recht. Es bestand nämlich die Möglichkeit, dass der Vormaterialeinkauf dem allgemeinen Einkauf zugeschlagen wird und er damit erneut einen Vorgesetzten bekommt. Wieder einen Vorgesetzten zu haben, dessen Anweisungen man folgen musste, undenkbar für Herrn Lattenseger, obwohl er doch Vatis Anweisungen selten Folge geleistet hatte. Aber das befürchtete Problem kam „Gott sei Dank“ erst gar nicht auf, er leitete als Prokurist die Abteilung, agierte nach seinem Gutdünken. Überraschenderweise fand er sogar das Wohlwollen eines Direktors, der ihn Latti nannte, was bekanntlich nur Familienangehörige und Freunde taten, an denen es ja mangelte.

Die Zeit verging. Herr Lattensegers negative Verhalten seinen Mitarbeitern gegenüber zeigte keine Wendung, es entwickelte sich alles so, wie zu erwarten war. Zwar versuchte er sich hin und wieder menschlich zu zeigen, was ihm allerdings sehr schwer fiel. Seine Gesichtszüge verrieten, welche Überwindung das ihm kostete. Aber immerhin, er versuchte es, wie an einem Tag, der mit einem herrlichen Morgen begann. Die Sonne schien mal wieder nach einer längeren Regenperiode, die Menschen präsentierten sich von der fröhlichen Seite, so auch Herr Lattenseger, wie es schien. Er bekam an diesem Tag eine neue Mitarbeiterin, eine Sekretärin, die er noch nicht hatte. Frau Lora, so hieß die Dame, sollte seine große Stütze werden, zumindest war das seine Vorstellung. Es entwickelte sich aber alles anders, was er nicht ahnen konnte. Frau Lora war eine resolute Dame, hatte Erfahrung mit Chefs, sie hatte schließlich jahrelang in der Direktion des Unternehmens als Zweitkraft gearbeitet. Vielleicht war es Absicht, dass man ihm nun eine erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Person zu seiner Sekretärin machte. Seine Mitarbeiter kannten die Dame, mussten grinsen, als Frau Lora zum ersten Mal im Vorzimmer saß. Das kann ja heiter werden, sagten sich alle. Und so wurde es auch.

Frau Lora war nicht die Dame, die sich zurückhalten konnte, sondern ein Mensch, der seine Meinung offen sagte, auch wenn es mal nicht angebracht war. Sie war bei der der Auswahl ihrer Worte oft nicht wählerisch, benutzte Worte, die sich für eine Vorzimmerdame nicht gehörten. Kam sie in Fahrt, platzten vulgäre Worte aus ihr heraus; es folgte oft ein richtiger Wortschwall in einer derben Sprache, also nicht gerade etwas für Menschen, denen eine Flut von ordinären Ausdrücken missfiel.

4

Herr Lattenseger fuhr in Urlaub, wie jedes Jahr an denselben Ort. Seine Vorzimmerdame übernahm das Kommando, entsprechende Instruktionen ihres Chefs lagen vor. „Frau Lora, achten Sie darauf, -- (ein Bitte kannte er nicht) – dass keine Bestellungen während meiner Abwesenheit getätigt werden. Falls es Probleme gibt, rufen Sie mich in der Schweiz an. Sie haben meine Telefonnummer. Morgens ab 11 Uhr und nachmittags ab 16 Uhr bin ich immer erreichbar. Nur Sie rufen mich an, damit wir uns verstanden haben. Ich möchte ansonsten von keinem Mitarbeiter während meines Urlaubs belästigt werden.“ Das waren klare Worte!

Herr Lattenseger genoss seinen Urlaub in der Schweiz. Herr Fischer kümmerte sich um den Lehrling, den man schon seit längerem Auszubildender nannte. Jeder der eine kaufmännische Ausbildung begann, verbrachte während seiner Ausbildungszeit 3 Monat im Einkauf. So kam es zu regelmäßigem Wechsel vier Mal im Jahr. Die Verantwortung für die Ausbildung hatte, wie zu der Zeit als Herr Beck noch Abteilungsleiter war, Her Fischer. Herr Lattenseger hatte nichts daran geändert, mischte sich kaum ein, überließ es seinem Mitarbeiter, obwohl es ja eigentlich zu seinen Aufgaben als Abteilungsleiter gehörte. Er wurde aber entlastet, was ihm wichtiger erschien. Mischte sich Herr Lattenseger aber mal ein, gab es Probleme, denn seine Art sich Auszubildenden gegenüber zu verhalten entsprach dem Verhalten seiner Mitarbeiter gegenüber und schockte junge Menschen. Für ihn waren es Lehrlinge, wie er sie zu seiner Ausbildungszeit kannte, die unbedingt gehorchen mussten, morgens auf den Schreibtischen alles für die Mitarbeiter parat legten, damit diese es nicht mehr tun brauchten und mit der Arbeit sofort beginnen konnten, Lehrlinge die die Laufbotenarbeiten übernahmen und eventuell noch fürs erste oder zweite Frühstück der Angestellten einkauften. Diese Zeiten waren zwar vorbei, aber bei Herrn Latenseger gedanklich haften geblieben. Keiner musste mehr für die Frühstückszeit einkaufen, da das Frühstücken während der Arbeitszeit sowieso nicht erlaubt war, aber Laufbotentätigkeiten konnte man nicht ganz ausschließen, denn es gab keinen Laufboten und hin und wieder musste Post in andere Abteilungen gebracht werden. Das akzeptierten die Auszubildende auch, sie fürchteten nur das diktatorische Verhalten des Abteilungsleiters, der Aufgaben im Befehlston vergab, das Wort „bitte“ nicht kannte. Aber nun war er in Urlaub und alle hofften, für einige Tage eine ruhigere Zeit vor sich zu haben. Es kam jedoch anders als man dachte, denn Herr Lattenseger war für jede Überraschung gut.

September in den Bergen bei herrlichem Wetter, was wollte Latti mehr. Mit seiner Frau auf Wanderschaft, das konnten sich seine Mitarbeiter allerdings nicht vorstellen. Ihr Chef im Wanderdress, wie sollte so etwas aussehen bei seiner Figur, die nicht gerade der eines Adonis entsprach, eher dem Gegenteil, einer lächerlich erscheinenden menschlichen Kreatur, die mühsam einen Berg hinaufkraxelte, schweißgebadet dem Gipfel zustrebte. In der reizvollen Umgebung von Interlaken, im Berner Oberland, da wo man eine prächtige Aussicht auf das Jungfraumassiv hat, verbrachte Latti mit seiner Frau seinen Urlaub. Er kannte als Urlaubsort keinen anderen. Hier fühlte er sich wohl, hatte eine Wohnung mit Telefonanschluss, was für ihn wichtig war. Für die Wirtin waren er und seine Frau gern gesehene Gäste, die keine Probleme machten. Herr Lattenseger war bekannt für seine Reinlichkeit, die er auch an seinem Arbeitsplatz zeigte, ein ausgesprochen penibler Mensch. Eine der wenigen positiven Eigenschaften also, die ihn kennzeichneten. Nun genoss er den Weitblick auf das Bergmassiv von seinem Fenster aus, und entschloss sich, nach dem Frühstück, das seine Frau jeden Tag vorbereitete, eine Bergtour zu machen. Bei Bergtouren konnte er sich immer besonders entspannen, konnte abschalten, brauchte nicht an die Probleme denken, die es oft in der Firma gab. Also, zuerst das Frühstück, dann gekräftigt mit der lieben Gattin die Tour beginnen.

Er zog seine Wanderhose an, die, wie es schien, etwas zu eng war, schließlich hatte er seit dem vergangenen Jahr wieder einige Pfunde zugelegt, was er allerdings nicht wissen wollte. Mit einem Kraftaufwand kam er in die Hose hinein. Seine Frau schüttelte mit dem Kopf, so konnte ihr Mann doch unmöglich das Haus verlassen; in der Hose kam seine Bauchfülle richtig zum Vorschein und die Nähte drohten zu platzen. Aber Latti ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, also ging es los, mit dem Ziel Jungfrau. Sie fuhren bis Wengen, wo sie parkten, um von dort die Bergwanderung zu beginnen.

Frau Lattenseger beobachtete ihren Mann, während er vor ihr ging. Seine Hose konnte keinen Bergaufstieg überstehen, dessen war sie sicher. Sie fürchtete sogar, dass es jeden Moment ein gewisses Geräusch geben könnte, das andeutete, dass die Hose in den Streik ging, sich nicht bereitfinden würde, irgendwelche Belastung auf sich zu nehmen. Aber diese Befürchtung teilte ihr Mann nicht mit ihr; er fürchtete nie etwas, diesmal auch kein Versagen seiner Hose, wobei er sich hier allerdings irrte und eines Besseren belehrt wurde.

Sie wollten nicht die Jungfrau erklimmen, ein Berg von über 4000 m Höhe, aber zumindest in Wengen, in der Nähe der Jungfrau, von der Talsohle einige Meter hochgehen, was nun schiefging. Lattis Hose streikte nämlich, was seine Frau bereits ja ahnte. In der viel zu engen Hose sah sein Hinterteil aus wie die hintere Front eines Paradepferdes, wogegen seine Gesäß- und Beinbekleidung etwas hatte. Sie mochte keine menschliche Gestalt, die lächerlich auf andere Menschen wirkte. Also musste dagegen etwas getan werden, und das tat sie nun auch. Es bot sich jetzt die beste Gelegenheit, dem Besserwisser die Leviten zu lesen. Ein lang anhaltendes Geräusch folgte, was andeutete, dass die ganze hintere Naht der Wanderhose riss. Sie konnte tatsächlich der Belastung nicht mehr standhalten, auch wenn sie gewollt hätte. Mit einem freien Hinterteil konnte Herr Lattenseger nun auch nicht mehr weitergehen. Die Besteigung der Jungfrau musste somit abgebrochen werden.

Während Frau Lattenseger sich bemühte, mit Sicherheitsnadeln, die sie immer bei sich hatte, das Schlimmste zu verhindern, verlieh ihr Mann durch brummende Laute seinem Unmut Ausdruck. Er dachte nicht an Umkehr, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, er musste sich dem Schicksal fügen.

Den Blicken anderer, die die nicht ganz geglückte provisorische Abdeckung seines Hinterteils anstarrten und lachten, ausgesetzt, erreichten sie Wengen wieder, wo ihr Wagen stand und fuhren zurück zu ihrer Bleibe in Interlaken. „Ist was passiert?“, wollte die Wirtin wissen, als sie ihre Gäste, die sich kaum auf dem Weg Richtung Jungfrau gemacht hatten, auch schon wieder vor dem Haus erschienen. „Nein, meinem Mann ist nur die Hose gerissen und das im gesamten Gesäßbereich. So konnten wir unseren Weg nicht fortsetzen, mussten umkehren. Die Jungfrau kann diesmal warten. In den nächsten Tagen werden wir aber versuchen, einen neuen Aufstieg zu starten.“ „Aufstieg?“, fragte die Wirtin. „Selbstverständlich nehmen wir die Jungfraubahn, wie wir es immer machten. Sie kennen doch unsere Wanderstrecken, das Stück Weg zwischen Parkplatz und dem nächst erreichbaren öffentlichen Beförderungsmittel.“ „Und das reicht“, unterbrach Herr Lattenseger seine Frau.

Der Tag war gelaufen. Herr Lattenseger bekam noch einen Anruf von Frau Lora. „Eine größere Vergabe steht an, Sondergüte für einen Auslandsauftrag“, mehr konnte sie nicht sagen, denn schon kam die Antwort ihres Chefs: „Es wird nichts gemacht. Angebote können aber schon hereingeholt werden. Das muss erst einmal genügen. Sie warten auf weitere Instruktionen von mir, verstanden! Die Direktion redet mir hier nicht rein, ich treffe die Entscheidung.“ Damit war das Telefonat beendet.

Zwei Tage später. Ein wunderschöner Morgen, keine besonderen Aufgaben mussten von den Mitarbeitern der Einkaufsabteilung bewältigt werden; Zeit genug also, um sich mal mehr persönlich zu unterhalten, den Tag ruhig angehen zu lassen. Nur sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben und die Rechnung ohne den Wirt machen. Dies geschah leider. Den Morgen genossen alle noch, den Nachmittag allerdings nicht mehr.

Herr Lattenseger musste noch immer an den Vorfall mit seiner Hose denken. So etwas durfte ihm nicht passieren, solche Missgeschicke nervten ihn, zumal er auf alles achtete, dass alles reibungslos verlief. Der Anruf von Frau Lora bot ihm nun die Möglichkeit, seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, von dem Ärgernis gedanklich Abstand zu nehmen. Eine wichtige Sache stand an, die seine Entscheidungskraft verlangte. „Ich fahre ins Büro. Es geht um die Vergabe eines größeren Auftrags. Meinen Mitarbeitern traue ich nicht zu, den richtigen Lieferanten dafür zu finden.“ Dies war eigentlich nicht das richtige Thema am Frühstückstisch, aber bei Herrn Lattenseger konnte man immer mit Überraschungen rechnen und das wusste seine Frau. „Ins Büro? Meinst du das ernst. Wir sind in Urlaub und dein Büro liegt einige hundert Kilometer von hier entfernt. Spinnst du eigentlich; du willst doch nicht wirklich deinen Urlaub unterbrechen und zum Büro fahren. Und dann, wo willst du überhaupt übernachten?“ „Ich komme zurück“, antwortete Latti auf die Bemerkungen seiner Frau. „Das wirst du nicht. Wenn du dich schon entschieden hast, diesen Wahnsinn zu machen, dann wirst du auch zu Hause übernachten und kommst morgen zurück. Ich nehme an, das sagt auch dein Verstand.“ Herr Lattenseger schluckte, Befehle entgegenzunehmen war er nicht gewöhnt, auch von seiner eigenen Frau nicht. Aber er hörte auf sie, denn es schien plötzlich auch für ihn unverantwortlich zu sein, nach einem anstrengenden Tag die Rückfahrt ohne Schlaf anzutreten.

Herr Lattenseger saß in seinem Wagen und fuhr Richtung deutsche Grenze. Er ärgerte sich, dass es in der Schweiz auf den Autobahnen Geschwindigkeitsbegrenzungen gab. Diese beachtete er aber nicht, fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit. Ohne in eine Kontrolle zu geraten, erreichte er glücklich die Grenze. Wie ein Wahnsinniger, das Gaspedal immer durchgedrückt haltend, setzte er auf deutscher Seite die Fahrt fort. Am frühen Nachmittag erreichte er sein Büro. Vor dem Bürogebäude befand sich ein Parkplatz für die Belegschaft. Auf diesen Parkplatz fuhr er mit hoher Geschwindigkeit, peilte dabei eine freie Lücke an, um dann hineinzufahren und voll auf der Bremse zu stehen. Er stieg aus, verschloss die Wagentür und strebte schnellstens seinem Schreibtisch zu. Seine Mitarbeiter merkten von all dem nichts; sie saßen in vergnüglicher Runde zusammen und unterhielten sich privat. Da flog die Tür auf und ihr Chef stand vor ihnen. Mit ihm hatte keiner gerechnet, wieso auch, er verbrachte seinen Urlaub doch gerade in der Schweiz, und die war einige hundert Kilometer entfernt.

„Was ist hier los? Haben Sie nichts zu tun?“, schrie Herr Lattenseger in einem für alle ungewohnten Ton. Was jetzt folgte stand ihm erst recht nicht gut zu Gesicht. Er wurde ausfallend, was man von ihm eigentlich nicht kannte, denn er verstand es, sich immer unter Kontrolle zu halten. – „Oh, Entschuldigung, wir dachten, Sie sind in Urlaub.“ „Denken können Sie was Sie wollen, Herr Abel. Sie sollten sich aber während der Arbeitszeit disziplinierter verhalten, hier keine privaten Feten veranstalten.“ Harte Worte eines Chefs, die man erst einmal verkraften musste. Herr Lattenseger versuchte hier seine Macht zu demonstrieren, die er sich ungern aus den Händen gleiten ließ. Außerdem legte er Wert darauf, dass seine Autorität nicht untergraben wurde. Nachdem nun alles geklärt schien, gab er Anweisungen für Arbeiten, die zu verrichte waren und sagte noch: „Was weiter zu sagen ist, meine Herrschaften, ich bin in Urlaub, werde aber an meinem Arbeitsplatz sitzen. Wenn nach mir gefragt wird, ich bin nicht da, merken Sie sich das.“ Ein „bitte“ kannte er ja bekanntlich nicht. „In der Schweiz?“, wollte Herr Uhlenberg wissen. „Selbstverständlich bin ich jetzt in der Schweiz, wie jedes Jahr um diese Zeit. Das ist allgemein bekannt.“ Die Konversation wurde damit beendet.

Jeder saß wieder an seinem Schreibtisch und tat so, als ob er arbeiten würde. Keiner konnte sich konzentrieren auf die Arbeit, die Herr Lattenseger ihm zugewiesen hatte. Das plötzliche Erscheinen des Chefs wirkte wie ein Schock, den man erst einmal überwinden musste.

Herr Lattenseger bereitete die Bestellung für das Vormaterial für die Fertigung der geschweißten Rohre für den wichtigen Auslandsauftrag vor und gab seiner Sekretärin, Frau Lora, entsprechende Instruktionen für den nächsten Tag. Sie sollte nach seinen Anweisungen veranlassen, dass Herr Abel die Bestellung an den Lieferanten, für den er sich entschieden hatte, rausschickt. Während keiner seiner Mitarbeiter mehr an seinem Arbeitsplatz saß, es war bereits Feierabend, besprach Herr Lattenseger noch einige wichtige Punkte mit seiner Vorzimmerdame, bevor er sie in den wohlverdienten Feierabend entließ. Er selbst blieb noch bis Mitternacht in seinem Büro. Beim Verlassen des Bürogebäudes überlegte er noch, ob er tatsächlich zu Hause übernachten oder zurück in die Schweiz fahren solle. Letztendlich hörte er aber auf seine Frau und fuhr nach Hause, wo der die Nacht verbrachte.

Schon früh morgens saß Herr Lattenseger wieder am Steuer seines Wagens und düste Richtung Schweiz. Um die Mittagszeit kam er in Interlaken an. „Bist du geflogen?“, wollte seine Frau wissen. Er schüttelte den Kopf; nein, er war nicht geflogen, sondern nur so in seiner bekannten Art und Weise gefahren, wie auf seinen Geschäftsreisen.

Einige erholsame Tage lagen noch vor ihnen, die er nun nutzte, um sich zu stärken und vorzubereiten auf den vermeintlichen Kampf mit den Mitarbeitern später.

Es hieß Abschied nehmen von dem herrlichen Bergmassiv mit Jungfrau und Mönch, aber auch von Eiger, Wetterhorn und Blümlisalp, wohin sie des Öfteren gefahren sind. Sie packten früh morgens alles in den Wagen, um zeitig auf der Autobahn zu sein. Für den Nachmittag plante Herr Lattenseger noch einen kurzen Besuch in der Firma. Er wollte sich überzeugen, dass alles so gelaufen ist, wie es seiner Vorstellung von Arbeitsabläufen entsprach.

Während der Fahrt nach Hause dachte er nur an Abschlüsse, die eventuell zu tätigen waren. Mit seiner Frau sprach er kaum ein Wort, was sowieso zwecklos gewesen wäre, denn sie drückte sich ängstlich in ihren Sitz hinein und hielt sich mit der rechten Hand krampfhaft an dem Haltegriff fest, der sich oberhalb der Wagentür befand. Angstschweiß lief ihr über das Gesicht; sie erlebte nun das, was Herr Fischer schon einmal erlebt hatte. Neben ihr saß nicht ihr Mann, sondern der Teufel, der keine Rücksicht kannte, bei Überholmanövern andere Fahrzeuge abdrängte, in Lücken fuhr, die viel zu eng waren und dabei andere zwang, abrupt abzubremsen, was wiederum zu Beinahe-Unfällen führte. Seine Gedanken waren bereits im Büro, die Straße nahm er kaum noch zur Kenntnis, hörte nicht das Hupen und sah nicht das Aufblitzen von Scheinwerfern anderer Verkehrsteilnehmer, die er behinderte; sie existierten einfach nicht für ihn. Seine Frau kannte die Fahrweise ihres Mannes, aber jetzt überbot er sich und sie machte eine neue Erfahrung mit ihm.

Glücklich zu Hause angekommen, leerte er den Kofferraum seines Wagens, und überließ es seiner Frau, die Koffer ins Haus zu tragen, während er sich auf den Weg zum Büro machte.

Frau Lora erwartete ihren Chef. Noch vor Feierabend wurde sie von ihm über seine Auto-Sprechanlage angerufen und gebeten, im Büro zu bleiben, bis er dort erscheint. Er wolle sich über Sachen erkundigen, die zur Erledigung vorliegen müssten, sagte er zu ihr. Er beabsichtigte nämlich, die Arbeit am Folgetag ohne irgendwelche Verzögerung aufzunehmen. Sachen, die erst noch groß besprochen werden müssten, könnten durch Zeitverzögerungen Schäden verursachen, die es zu verhindern galt, denn „time is money“, sagte er sich selbst immer wieder.

Als Herr Lattenseger auf den Parkplatz vor dem Bürogebäude fuhr, war dieser bereits leer, alle Angestellten hatten das Gebäude bereits verlassen, nur Frau Lora wartete auf ihren Chef. „Nichts Wichtiges, nur belanglose Sachen, die zu erledigen sind“, so empfing sie ihn. Wie sie fand auch er keine großen Begrüßungsworte, nickte nur und strebte seinem Schreibtisch zu. – Frau Lora stand vor seinem Schreibtisch, während er auf seinem Chefsessel saß und einiges mit ihr besprach, bevor auch sie die Erlaubnis bekam, nach Hause gehen zu dürfen. Er selbst saß nun über Akten bis spät in den Abend hinein.

5

Der nächste Tag begann für alle überraschend freundlich, dafür sorgte Herr Lattenseger. Er kam singend ins Büro, stellte seinen Aktenkoffer ab und zog seinen Mantel aus. Danach ging er zu seinen Mitarbeitern und begann über seinen Urlaub zu reden. Er führte ein privates Gespräch, ein Wunder war geschehen, womit keiner gerechnet hatte. Es entstand für Momente eine Atmosphäre, wie man sie sich für immer wünschte, ein Chef der menschliche Züge zeigte. Aber falls jemand dachte, er hätte sich geändert, der hatte sich in den Finger geschnitten. Nur dieser Tag verlief in einer freundlichen Atmosphäre; am nächsten Tag zeigte ihr Chef wieder das wahre Gesicht, von einer plötzlichen Charakteränderung, die sich jeder bei ihm ersehnte, also keine Spur in Sicht.

Es erfolgte ein Wechsel bei den Auszubildenden, wie alle 3 Monate üblich. In den letzten Monaten waren es männliche Auszubildende, die ihre Lehre in der Abteilung absolvierten, diesmal folgte ein weiblicher Azubi. Gerade das Abitur gemacht, natürlich mit 1, wie die meisten Azubis, die einen Ausbildungsplatz in der Firma erhielten, begann die Lehre von Frau Schneider in der Abteilung von Herrn Lattenseger. Für den Start ins Berufsleben nicht der ideale Platz, obwohl sie sich glücklich schätzen konnte, denn der Chef der Abteilung, dessen Charakter sie noch kennen kennen lernen sollte, befand sich auf Geschäftsreise und Herr Fischer übernahm an seiner statt die Einführung. Für ihre Ausbildung in der Einkaufsabteilung war Herr Fischer sowieso zuständig; seine Art mit Menschen umzugehen, war genau das Gegenteil von dem, was man von Herrn Lattenseger kannte. So spürte sie bald, wie alle anderen Azubis vor ihr auch, dass er nach ungerechtem Tadel durch Herrn Lattenseger immer die Worte fand, die wohl tuend auf die psychische Verfassung wirkten. Zu schnell konnte man nämlich in dieser Abteilung sein seelisches Gleichgewicht verlieren. Herr Fischer verstand es aber, durch seine Art mit Menschen umzugehen, das zu verhindern.

Frau Schneider erkannte bald, dass es keinen Tag gab, an dem Herr Lattenseger sich Sorgen um seine Mitarbeiter machte. Er verstand es, alle in der Abteilung von sich abhängig zu machen, wogegen sich allerdings immer wieder Widerstand bildete. Sein Bestreben war, die Gewinne des Unternehmens zu maximieren, nicht Menschen in Lohn und Arbeit zu versetzen. Das sollten auch die Azubis lernen, denn nicht der Mensch zählte, sondern das Wohl des Unternehmens. Frau Schneider schien für ihn nun ein passendes Objekt zu sein, um der Welt zu zeigen, dass Mitarbeiter nur Ausführende waren, die sich einem Chef nicht widersetzen durften.

„Sie schreiben mal einen Brief, den ich Ihnen jetzt diktiere.“ Sätze in Befehlsform vertrug Frau Schneider nicht; sie war so etwas von zu Hause nicht gewöhnt. Ihre Eltern benutzten immer das Wort „bitte“, wenn sie etwas von ihr verlangten. „Haben Sie überhaupt zugehört?“ Frau Schneider guckte verdutzt Herrn Lattenseger an. „Ja, ja“, kam es zögernd aus ihrem Mund raus. „Na dann kommen Sie mit in mein Büro.“ Frau Schneider folgte. –Nachdem sie aufgefordert wurde, sich zu setzen und sie der Aufforderung gefolgt war, begann Herr Lattenseger mit dem Diktat. Es sollte ein Brief von einer vollen DIN A 4 – Seite werden.

Herr Lattenseger beendete das Diktat und Frau Schneider verließ sein Büro, um sich im Vorzimmer an eine Schreibmaschine zu setzen, um das, was von dem Chef diktiert wurde, zu schreiben. Frau Lora beobachtete Frau Schneider dabei und stellte fest, dass sie Fehler machte. Sie half bei den Korrekturen, äußerte Bedenken, dass Herr Lattenseger einen Brief, auf dem vorgenommene Korrekturen sichtbar blieben, nicht akzeptieren könnte. Und so war es auch.

„Sie mussten aber viel korrigieren. Da, wo Sie Korrekturen vornahmen, sieht die Schrift nämlich anders aus. So etwas können wir nicht rausschicken. Schreiben Sie den Brief neu und geben sich etwas mehr Mühe dabei.“ – Frau Schneider schrieb neu. Es geschah wieder, dass sie korrigieren musste, wieder erhielt sie wegen Nachlässigkeit einen Rüffel. Also wieder von vorne, wieder alles neu schreiben, wieder mit Korrekturen und wieder die Worte: „Neu schreiben, mehr Mühe geben.“ „Nein, das geht nicht, ich kann nicht mehr. Muss es überhaupt sein?“ „Ja, es muss sein“, antwortete Herr Lattenseger. Verzweiflung war in ihren Augen zu sehen. Ihre einziger Gedanke: Wie viel kann ich eigentlich noch ertragen?

Nach weiteren Versuchen, die ebenfalls schiefliefen, und den Worten, die immer folgten: „Unmöglich was Sie leisten, nehmen Sie sich zusammen und bringen etwas zustande“, zitterte sie am ganzen Körper. Hatte sie nicht von anderen Azubis von diesem Scheusal gehört? Sie erinnerte sich, sie war gewarnt worden, sollte sich auf eine schlimme Zeit vorbereiten, was sie nicht getan hatte.

Sie konnte nicht mehr, schmiss alles hin und rannte zur Toilette; sie stand vor dem Spiegel und versuchte ihr Gesicht zu betrachten; unmöglich, Tränen verschleierten den Blick, sie konnte kaum etwas erkennen; weinend hielt sie sich krampfhaft am Waschbeckenrand fest. Sie war kurz vor einem Zusammenbruch.