Vertreibung aus Mähren - Egon Harings - E-Book

Vertreibung aus Mähren E-Book

Egon Harings

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Beschreibung

Der Zweite Weltkrieg tobt schon seit Monaten in Europa und er wird noch weitere Monate toben. Brünn, die Metropole Mährens, bleibt vom Krieg verschont. Erst in den letzten Tagen des Krieges bekommt die Stadt etwas von dem mit, was andere Städte im Deutschen Reich schon Jahre erleiden. Das Unheil für die deutsche Bevölkerung von Brünn beginnt aber erst nach Kriegsende, in dem Moment, als die Tschechen die Macht in Mähren übernehmen. 28.000 deutsche Bürger, meist Frauen und Kinder, werden Ende Mai 1945 aus der Stadt vertrieben. Unter Applaus tschechischer Bürger beginnt für sie der Marsch Richtung Österreich, der als Todesmarsch von Brünn in die Geschichte eingeht. Über 8.000 Menschen sterben auf diesem Marsch des Schreckens. In Massengräbern finden sie ihre letzte Ruhe. Für Claudia, die mit ihrer Tochter den Todesmarsch mitmacht, beginnt am Ende dieses Marsches nach Wien noch eine Odyssee des weiteren Schreckens und Leidens, eine Odyssee, die erst in Bayern endet, in dem Land, das ihre neue Heimat werden soll. Eine Geschichte, geschrieben nach wahren Ereignissen

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Egon Harings

Vertreibung aus Mähren

Der Todesmarsch von Brünn

© 2019 Egon Harings

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7482-7509-1

Hardcover:

978-3-7482-7510-7

e-Book:

978-3-7482-7511-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Mähren, oder Morava wie die Tschechen das Land nennen, ist im Nordosten von Niederschlesien, im Südosten von der Slowakei, im Süden von Niederösterreich und im Westen von Böhmen umschlossen. Von den 3 Millionen Einwohnern gehören knapp 1 Million zur deutschen Nationalität. Sie siedeln hauptsächlich in Nord- und Südmähren sowie in den Sprachinseln des Schönhengster Gaues um Zwittau, um Iglau, Brünn, Olmütz und in den meisten Städten. – 1182 errang Mähren unter Herzog Konrad Otto, der alle mährischen Fürstentümer vereinigt hatte, von Kaiser Friedrich I (Barbarossa) die Reichsunmittelbarkeit und wurde Markgrafschaft. Viele Deutsche kamen nun ins Land und siedelten sich an. König Karl IV aus dem Hause Luxemburg, der 1355 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde, trat Mähren 1349 an seinen Bruder Johann ab. Seine Herrschaft war eine glückliche Zeit für das Land. Mit seié Tod 1375 änderte sich alles schnell. Seine drei Söhne, Jost, Brokop und Johann Sobieslaw teilten das Land. Es begann eine Zeit der Unruhe. 1411 kam Mähren dann zu Böhmen. Als der böhmische König 1419 starb, übernahm sein Bruder Siegmund von Ungarn die Herrschaft. Er überließ dann aber 1423 Mähren seinem Schwiegersohn Herzog Albrecht von Österreich. Sein Sohn Ladislaus Posthumus huldigte als Reichsverweser den mährischen Ständen noch ehe er zum König gewählt wurde. Dies führte zu Verärgerungen. Und als er auch noch den hussitischen Böhmenkönig Georg von Podiebrad anerkannte, wehrte sich ein Teil der katholischen Städte und des katholischen Adels dagegen. Im Friede von 1478 wurde dann Mähren von Böhmen getrennt und an Ungarn abgetreten. Jahre später wurde es dann erneut böhmisch, um dann 1526, nach der Schlacht von Mohacs, endgültig zu Österreich zu kommen. Ende 1918 wurde Mähren ein Teil der Tschechoslowakischen Republik. Tschechen und Deutsche lebten friedlich zusammen. Erst als Hitler Böhmen und Mähren annektierte, änderte sich das Bild. Die Tschechen wurden unterdrückt. Es kam Hass auf, der sich wenige Jahre später entladen sollte. Diesen Hass bekommt auch eine Mutter mit ihrer Tochter zu spüren. Damit beginnt der Leidensweg von Claudia Bauer. Aber noch ist es nicht soweit. Noch haben die Deutschen das Sagen in Mähren, denn wir schreiben das Jahr 1942, das Jahr, in dem Hitler seinen Traum von einer deutschen Weltherrschaft zu verwirklichen scheint.

Mähren, dieses wunderschöne Land

Wer es nicht liebt, hat kein Verstand

Da, wo es gibt nur Sonnenschein

Möcht‘ der Mensch für immer sein

1

1942, Hitler steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Keiner im Reich ahnt, dass Deutschland drei Jahre später nicht mehr existieren sollte. Keiner im Sudentenland ahnt auch, dass drei Jahre später die große Vertreibung der Sudetendeutschen beginnt, die Vertreibung, die das Land deutschfrei machte, so wie Hitler Deutschland judenfrei machen will.

In Brünn, der Hauptstadt von Mähren, geht es den Deutschen, die schon seit Jahrhunderten hier wohnen, gut. Die tschechischen Mitbürger werden allerdings unterdrückt, was sich mal rächen sollte. Ihre Rechte wurden eingeschränkt, deutsche Willkür herrscht jetzt vor, obwohl Tschechen die Bevölkerungsmehrheit in der Stadt bilden.

In der Stadt, die am Fuße des Spielbergs zwischen Schwarza und Zwitta liegt, wohnt Claudia mit ihrer kleinen Tochter Margit. Weihnachten ist vorbei, Weihnachten ohne den geliebten Mann, der in der Kälte von Stalingrad ausharren muss, ohne den Vater, der Margit fehlt, es ist eine traurige Weihnacht. Das Schreckliche soll jedoch noch kommen. Es ist Anfang Januar 1943, als Claudia den Brief erhält, der alles ändert. Es ist die Nachricht, die ihr das Herz zerreißt.

Stalingrad, den 20.12.1942

Sehr geehrte Frau Bauer!

Ich muß Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, daß Ihr Mann bei den heftigen Kämpfen um Stalingrad gefallen ist. Ich kann ermessen, wie hart Sie diese Nachricht treffen muß. Ihr Mann war ein tapferer, getreuer Soldat und stets bereit, sein Bestes für Deutschland hinzugeben … Er wird uns in der Kompanie als vorbildlicher, guter Kamerad stets gegenwärtig sein …

Ihr sehr ergebener

Gez. Max Heinrich

Oberleutnant

Als Claudia die Zeilen gelesen hat, geht bei ihr die Welt unter. Sie ist allein mit ihrer Tochter, die gerade ein halbes Jahr alt ist. Weihnachten ist vorbei. Es waren ruhige Tage für sie, zu ruhig. Gerne hätte sie einen Menschen gehabt, mit dem sie hätte reden können. Und jetzt dieser Brief. Keinem kann sie mitteilen, was sie jetzt erfährt. Es ist schlimm. Das, was sie viele Monate später erleidet, soll aber noch schlimmer für sie sein als diese Nachricht. Und über die schlimme Nachricht mit den Nachbarn sprechen, die ihr vielleicht Trost spenden könnten? Ihre Nachbarn sind Tschechen. Oft haben sie zusammen gefeiert. Eine Freundschaft ist im Laufe der Zeit entstanden, die jedoch einen Dämpfer aufgesetzt bekam, als deutsche Truppen einmarschierten. Man sprach kaum noch miteinander. „Guten Morgen oder guten Tag“ sagte man gerade noch, ansonsten vermied man jegliches Gespräch. So war es in ganz Mähren. Zwei Völker, die seit Jahrhunderten zusammen lebten, gingen sich aus dem Weg. Die einen waren die Herrenmenschen, die anderen nur Menschen, die gehorchen mussten. Warum? Claudia kann es nicht verstehen. Jetzt, in dieser schweren Stunde, ist so keiner für sie da, mit dem sie über ihr Leid sprechen kann. Sie lebt im Haus nur mit Tschechen zusammen. Obwohl sie in der Falkenstraße wohnt, eine Straße, die auch vor Hitlers Einmarsch den deutschen Namen trug, im Gegensatz zu den meisten Straßen der Stadt, und unweit des Spielbergs liegt, dessen deutscher Name auch nie geändert wurde, sind die meisten Bürger in ihrem Stadtteil Tschechen. Mit den wenigen Deutschen ihres Wohnbezirks hatte sie nie Kontakt. Es waren immer Tschechen mit denen sie sprach. Man verständigte sich in zwei Sprachen. Die Leute verstanden Deutsch und sie Tschechisch. Dass sich das mal ändern könnte, daran hatte sie nie gedacht. Erst als die Deutschen die Herrschaft antraten und diktierten, was die Bevölkerung zu tun bzw. zu unterlassen hatte, war ihr bewusst, dass sich hier etwas änderte, was nicht zum Wohle aller gedacht sein konnte. Deutsch wurde vorgeschrieben, Tschechisch verboten. Nun zerbrachen Freundschaften, die seit Jahrzehnten bestanden. Wie es vielen erging, so erging es jetzt auch ihr. Sie war allein mit ihrer kleinen Tochter, allein gelassen von Menschen, die sie verehrt hatte. Tschechen, die ihr einst lieb und teuer gewesen waren, gingen ihr nun aus dem Weg. Wann ändert sich das wieder? Es kann doch so nicht weitergehen, sagt sich Claudia, und weint. Aber es geht weiter. Hitler nimmt auf Einzelschicksale keine Rücksicht. Warum auch? Er nimmt ja nicht einmal Rücksicht auf das Schicksal einer ganzen Nation, die er noch in die Katastrophe führen wird.

Margit liegt in ihrem Kinderbettchen und schreit. Claudia wird aus ihren Gedanken gerissen. Sie ist nicht alleine. An ihre Tochter hat sie nicht mehr gedacht. Jetzt, in diesem Moment, verdeutlicht sie sich aber selbst, dass es da ja noch einen Menschen gibt, für den sie da sein muss, der ihrer Fürsorge bedarf, ihre Tochter, einen anderen Menschen hat sie nicht mehr auf dieser Welt. Ihre Familie hat tschechisches Blut und sich von ihr getrennt, als sie einen Deutschen heiratete. Einen Deutschen? Nein, er war Mähre und stolz auf sein Land, wie sie auch. Als sie ihn zum ersten Mal sah, hat sie sich sofort in ihn verliebt. Ein Jahr sind sie zusammen gegangen. Sie hat ihrer Familie nichts davon erzählt. Erst als sie beabsichtigten zu heiraten, erfuhr ihre Familie von ihm, von dem Mann mit deutschem Blut. Ihre Familie war geschockt. Ein Deutscher, auch wenn seine Vorfahren schon vor Jahrhunderten ins Land kamen, bleibt ein Deutscher und wird kein Tscheche werden. Hätte Hitler das Land nicht überfallen, vielleicht wäre es da anders gewesen. Aber der Führer, dieser Wahnsinnige, der die Welt verändern will, beabsichtigt eine reine Rasse zu schaffen, und zu der gehören bestimmt keine Tschechen, obwohl sie ja auch Arier sind.

Als Claudia das Haus verlässt, um die nötigen Besorgungen zu machen, liegt ihr Töchterchen im Kinderwagen, in einer Decke eingewickelt und schläft. Langsam kommt sie mit dem Kinderwagen nur voran, denn ein eisiger Wind weht ihr entgegen. Die Falkenstraße hat sie schnell hinter sich gelassen. Den Kinderwagen vor sich schiebend, geht sie durch Straßen, die einst tschechische Namen trugen und jetzt deutsche. Sie erinnert sich noch gut an die ehemaligen Namen. Da war die Huscva třida, die Veveři ulice, die Kaunicova ul und die Ŭdolnž ul wo am Ende die deutsche Technische Hochschule liegt. Es ist das Universitätsviertel, in dem sie wohnt, wo sie sich wohlgefühlt hat, in dem sie als Kind spielte, Freundinnen hatte, die sich erst von ihr distanzierten, als sie einen deutschen Mähren heiratete.

Sie nähert sich dem deutschen Kolonialwarengeschäft unweit der Universität. Die Inhaberin ist eine fanatische Hitleranhängerin. Sie weiß es. In diesem Geschäft gibt es aber immer frische Waren, die tschechische Geschäfte in ihrem Bezirk nicht haben. Sie kann hier auch Kindernahrung kaufen, von der Tschechen nur träumen können.

Claudia will das Kolonialwarengeschäft betreten, hat aber Schwierigkeiten, mit dem Kinderwagen durch die Türe zu kommen. „Moment bitte, ich helf‘ Ihnen und halte die Tür auf, dann geht es besser.“ Es ist eine ältere Dame, die das in einem freundlichen Ton zu Claudia sagt und auch schon dabei ist, die Tür aufzuhalten, damit Claudia mit dem Kinderwagen ungehindert ins Geschäft kann. „Danke Ihnen.“ „Nichts zu danken. Es ist doch selbstverständlich, einer Mutter zu helfen, die froh ist, wenn sie schnell einen warmen Raum betreten kann, bei dieser scheußlichen Kälte draußen … Und es soll noch kälter werden. Auch Schnee ist angesagt. Morgen könnten wir darin ersticken.“ „Oh, den können wir jetzt am wenigsten gebrauchen; Schnee, Kälte und kaum Brennmaterial.“ „Was soll das denn heißen. Wer Brennmaterial braucht, bekommt es auch“, mischt sich eine Kundin mit einem unfreundlichen Ton ins Gespräch ein, „ … Und Schnee und Kälte müssen sein, damit uns klar ist, wie es unseren Soldaten jetzt in Russland geht, wo sie gegen den bolschewistischen Feind kämpfen.“ Claudia und die ältere Dame sind überrascht, angesprochen zu werden. Nur vier Kundinnen sind im Geschäft, und dann so eine, die sich in Gespräche mit Äußerungen einmischt, die Claudia nicht mag. Bevor sie nun etwas kaufen kann, ist auch schon ein Gesprächsthema aufgekommen, das den anderen zwei Kundinnen zu liegen scheint, während Claudia und die ältere Dame nur noch mit dem Kopf schütteln können. Bedient wird jetzt keine Kundin. Die Geschäftsinhaberin ist nämlich in ihrem Element, preist die Heldentaten der Soldaten der 6. Armee vor Stalingrad, scheint aber nicht zu wissen, dass ihr großer Führer dabei ist, diese Armee in diesem sinnlosen Krieg gerade zu verheizen. Sie verdrängt auch, dass Stalingrad der Anfang vom Ende der Naziherrschaft bedeuten kann. Und jetzt? Die ach so tapfere 6. Armee ist von sowjetischen Verbänden total eingekesselt. Am 22. Dezember untersagte Hitler die Operation „Donnerschlag“, den von Generalmajor Paulus vorgebrachten Ausbruchsplan. Hermann Göring hatte nämlich versprochen, die eingeschlossenen Truppen der 6. Armee aus der Luft zu versorgen. Sein Versprechen konnte er aber nicht einhalten. Über 280.000 deutsche Soldaten waren sich selbst überlassen. Bereits am 22. November sind mit der 6. Armee das IV. Armeekorps der Panzerarmee sowie die rumänische 20. Infanterie- und 1. Kavallerie von sowjetischen Verbänden umzingelt worden. Am 15. Dezember erhielt jeder Soldat vor und in Stalingrad noch täglich zwei Schnitten Brot, eine Tasse Kräutertee oder Malzkaffee sowie mittags eine dünne Suppe und das bei Temperaturen unter minus 30 Grad Celsius. Am 17. Dezember wurden die ersten Todesfälle wegen Erschöpfung und unzureichender Ernährung bekannt. Und dann das sowjetische Dauerfeuer, unter dem die Soldaten standen und noch immer stehen, das Leiden von Menschen, die nicht alle den Krieg wollten und Hitlers Eroberungsdrang verurteilten, die jetzt aber alle zu spüren bekommen, was der Wahnsinnige angerichtet hat. Was wird noch kommen? Was bisher geschah, hätten alle ahnen können. Aber wer sprach schon darüber? Keiner wagte es. Es herrschte das große Schweigen. Aber da gibt es Menschen, die von Heldentaten sprechen, die den Führer für Wohltaten preisen, wie jetzt im Kolonialwarengeschäft. Wohltaten? Welche? Für Claudia ist der Lobgesang, den sie sich anhören muss, ekelhaft. Sie ist aber nicht alleine, die so empfindet. Auch bei der älteren Dame ist es so. „Hören Sie bitte nicht hin“, flüstert sie Claudia ins Ohr, „ … ich merke, Sie denken wie ich. Nur, tun Sie Ihre Meinung nicht kund. Es könnte gefährlich sein.“ Ja, das könnte es, denn sie befinden sich bei Nazifreunden. Claudia ist deshalb froh, als sie das, was sie dringend braucht, im Kinderwagen verstauen und das Geschäft wieder verlassen kann. Sie weiß aber auch, dass sie hierhin wieder zurückkommt, wie in den letzten Monaten, denn es ist das einzige Geschäft weit und breit, das alles bietet, in dem Tschechen aber nicht gerne gesehen werden. Ihren ehemaligen Freundinnen und ihrer Verwandtschaft würde man hier wahrscheinlich auch nichts verkaufen.

Claudia ist wieder auf der Straße und erneut weht ihr ein eisiger Wind entgegen. Diesmal schlägt sie jedoch den Kragen ihres Mantels hoch, um damit zumindest den Hals vor der Kälte zu schützen. Margit liegt wie vor im Kinderwagen in der Decke eingewickelt, ist vor der Kälte geschützt und schläft noch immer. Eigentlich wollte Claudia noch ein Kinderbekleidungsladen aufsuchen, denn Margit braucht noch ein warmes Babykleidchen. Aber es fängt an zu schneien und wer weiß, wie es in einigen Minuten auf der Straße aussieht. Kein Mensch ist zu sehen.

Claudia befindet sich alleine auf der Straße, als ihr, den Kinderwagen schiebend, so stark Schneeflocken ins Gesicht wehen, dass sie kaum etwas sehen kann. Es hat sich auch schon eine Schneeschicht auf der Straße gebildet, die das Vorankommen erschwert. An einigen Stellen ist zudem der Boden gefroren, so dass sie immer wieder ausrutscht. Der Kinderwagen gibt ihr jedoch einen gewissen Halt, so dass sie nicht hinschlägt. Als sie nach einer Ewigkeit, wie sie empfindet, auf der Falkenstraße vor ihrem Haus steht, atmet sie auf. Alles ist gutgegangen, sie konnte Stürze vermeiden und unversehrt ihre Heimstätte erreichen. Sie schließt die Haustür auf und schiebt den Kinderwagen in den Flur, danach nimmt Claudia Margit mit der Decke, in der sie eingewickelt ist, aus dem Wagen und trägt sie zur ersten Etage, wo sich ihre Wohnung befindet. Im Wohnzimmer steht das Kinderbettchen, in das sie nun Margit, die noch immer schläft, behutsam legt. Vorher hat sie sie auf dem Wohnungstisch gelegt, um die Decke um ihren Körper zu entfernen. Nun liegt sie im Bettchen. Es ist mucksmäuschenstill als Claudia das Zimmer verlässt, um die eingekauften Sachen, die sich noch im Kinderwagen befinden, mit einer schnell ergriffenen Einkaufstasche, die immer bei ihr in der Diele liegt, zu holen. Sie geht die Treppe runter und trifft unten im Flur eine Hausbewohnerin, die sich über den Kinderwagen aufregt. „Co si myslíte, že tento rušivý kočárek vždy zaparkuje na chodbĕ, kde se obyvatelé musí procházet kolem nĕj“, spricht die Hausbewohnerin in einem unfreundlichen Ton Claudia an. „Erst einmal muss kein Bewohner um den Kinderwagen herumlaufen, denn er steht immer in der Ecke und zweitens, reden Sie mich bitte in deutscher Sprache an, denn das ist meine Sprache“, antwortet Claudia. „Že se nemusím smát. Pokud vím, máte rodné české dívčí jméno.“ „Mein Geburtsname ist zwar tschechisch, aber jetzt heiße ich Bauer, sollten Sie das vergessen haben.“ „Nyní vyjmĕte kočárek a udĕlejte ho rychle, jinak byste brzy mohl být na silnici.“ „Wagen Sie gar nicht, den Kinderwagen auf die Straße zu stellen. Ich könnte sonst die Polizei rufen.“ Das waren klare Worte, die die Bewohnerin verstand. Alleine das Wort Polizei genügte, um sie zu bewegen, sich zu entfernen. Während die unfreundliche Person die Treppe raufgeht, um in ihre Wohnung zu gelangen, die sich im zweiten Stock befindet, packt Claudia die Lebensmittel aus dem Kinderwagen in die Einkaufstasche, schiebt den Kinderwagen noch etwas mehr in die Flur-Ecke, geht die Treppe rauf, betritt ihre Wohnung wieder und legt das Eingekaufte in der Küche in das dafür vorgesehene Schrankfach. Danach betritt sie das Wohnzimmer erneut, wo Margit noch ruhig im Bettchen schläft. – Claudia macht den Volksempfänger an, dreht den Lautstärkeknopf runter, um Margit mit lauten Geräuschen aus dem Volksempfänger nicht zu wecken und ist erfreut, nun ein altes mährisches Volkslied zu hören.

Wohlauf, ihr Wandersleut

Die ihr herum tut reisen

In Ländern weit und breit

Seid wohlgemut und wohlgetröst

Weil Gott ein Wandersmann gewes’n

Auf Erden lange Zeit

Durch Disteln und durch Dorn

Muß ich oftmals wandern

Ich bin dazu geborn

Ich fürcht kein‘ Schnee, kein Kält, kein Hitz

Obgleich ich bisweilen schwitz

Von Gott kommt der Gewinn

Die Mahlzeit ist ganz klein

Es ist ja nur ein Stückchen Brot

Das Wasser ist der Wein

Das trockne Brot mein Kapaun

Ich hab kein Wildpret, kein Fasaun

Tu gleich noch fröhlich sein

Wann kommt die Nacht herzu

Bitt ich den Wirt um Heu und Stroh

Leg mich darauf zur Ruh

Die Müdigkeit macht, daß ich schlaf

Viel besser als ein Fürst und Graf

Der Federn hat genug

Claudia kennt das Lied und summt leise mit. Es ist ein Wanderlied, das ihr Mann oft gesungen hat. Es war die Zeit vor dem Krieg, als sie ihn kennenlernte und sie gemeinsam Wanderungen in ihrer Heimat unternahmen. Es war eine schöne Zeit, an die sie sich gern erinnert, eine Zeit als noch keiner ahnen konnte, dass einmal ein verheerender Krieg über Europa hereinbrechen wird.

2

Am 12. Januar beginnt die Rote Armee ihre große Offensive gegen die Zweite Ungarische Armee und die Elfte Italienische Armee am Don bei Sloboda in der Ukraine. Beide Armeen werden von den Sowjets vernichtend geschlagen. 30.000 ungarische Soldaten werden getötet, 50.000 gehen in die Gefangenschaft. Nun marschieren sowjetische Soldaten Richtung Westen. – Am 18. Januar erobern die Sowjets die Stadt Schlüsselburg am Ladogasee und rücken auf Leningrad zu. – Am 23. Januar wird die deutsche Führung informiert, dass sich die deutschitalienische Panzerarmee in Libyen zurückzieht. Britische Panzer rollen in Tripoli ein. Auch in Stalingrad ändert sich viel. Dort endet am 31. Januar das sinnlose Schlachten. Es war für viele deutsche Soldaten der 6. Armee, die nun kapitulieren, die Hölle, die sie nun verlassen. 91.000 Soldaten marschieren jetzt in die Gefangenschaft nach Sibirien. Nur 6.000 von ihnen sollen einmal die Heimat wieder sehen.

Stündlich wird in den Nachrichten über die Kämpfen im Osten berichtet. Immer sind es heldenhafte Kämpfe und es wird vom Endsieg gesprochen. Claudia ist das zu viel. Sie glaubt an keinen Endsieg, nur an die Menschen, die durch den Krieg leiden. Sie hat in Brünn noch Glück. Der Krieg ist weit weg von Mähren.

Es ist Februar. Leichter Schneefall. Claudia schaut aus dem Fenster. Alles ist weiß draußen. Kein Mensch ist auf der Straße. Radspuren zeigen, dass sich Fahrzeuge durch die Straße bewegt haben. Waren es Privatleute, die mit ihrem Auto durch die Straße fuhren oder Militärfahrzeuge, die die Stadt verließen, um an die Front zu fahren, die noch weit weg ist? Claudia macht sich keine Gedanken darüber. Sie beobachtet nur die Schneeflocken, die vom Himmel langsam zu Boden fallen. Es ist eine ruhige Zeit. Margit schläft in ihrem Bettchen, das nahe am Fenster steht. Claudia denkt jetzt an die Soldaten, die an der Ostfront für einen Wahnsinnigen kämpfen. Vor zwei Tagen hörte sie in den Nachrichten, dass nach dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad die Heeresgruppe B und die ehemals 11. Armee als Heeresgruppe Süd unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Erich von Manstein zusammengefasst worden sind. Diese Heeresgruppe trägt nun die Hauptlast der Kämpfe an der Ostfront. Sie soll die Sowjets davon abhalten, weiter gegen Westen vorzustoßen, um irgendwann auch Mähren zu erreichen. Mähren, das seit 1939 mit Böhmen durch Führererlass ein Reichsprotektorat ist. Als das geschah, gab es Massendemonstrationen der tschechischen Bevölkerung mit Toten. Tschechische Studenten wurden im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert, alle tschechischen Universitäten geschlossen. Konstantin Hermann Karl Freiherr von Neurath, bis 1938 Außenminister, wurde Reichsprotektor in Böhmen und Mähren.

Im September 1941 wurde Reinhard Heydrich zum Stellvertretenden Reichsprotektor ernannt. Von Neurath blieb Reichsprotektor, wurde aber beurlaubt. Heydrich erwarb sich durch die brutale Verfolgung des Widerstandes seinen Ruf als „Schlächter von Prag“. Am 27. Mai des vergangenen Jahres wurde er durch ein Attentat in der sogenannten Operation Anthropoid schwer verwundet und starb im Juni desselben Jahres an seiner Verwundung. Nun erlebt das Reichsprotektorat eine neue Terrorwelle durch die Nationalsozialisten, gedacht als Vergeltung für den Mord an Heydrich. 10.000 Tschechen werden festgenommen, mehr als 1.300 getötet. Zu den Getöteten gehört der Sohn der Hausbewohnerin, die sich immer über Claudias Kinderwagen im Hausflur aufregt. Ihr geht es aber weniger um den Kinderwagen, sondern mehr um Claudia, die als Tschechin einen Deutschen geheiratet hat und für sie deshalb eine Neudeutsche ist, die sie hasst. Claudia weiß das. Deutsche sind für ihre Mithausbewohnerin nämlich Herrenmenschen, die ihr Volk unterdrücken, ihr Land für Kriegszwecke ausbeuten und eine Germanisierung von Mähren mit der Vernichtung des tschechischen Volkes als ethnischer Einheit beabsichtigen. Claudia weiß aber auch, dass sich die Nazis wegen des Mordes an Heydrich mit dem Massaker von Lidice rächten, ein ganzes Dorf zerstörten, alle männlichen Bewohner ermordeten und die Frauen und Kinder in Konzentrationslager einlieferten. Als diese Grausamkeit geschah, verstand Claudia die Welt nicht mehr. Wie können Menschen so etwas tun, andere Menschen bestrafen und sogar umbringen, die unschuldig waren, mit dem Attentat nichts zu tun hatten. Aber, soll nun der Hass auf Deutsche immer bestehen bleiben, sollen Tschechen und Deutsche, die Jahrhunderte lang friedlich zusammen in Mähren lebten, nicht mehr gute Nachbarn sein? Deutsche waren mit Tschechen befreundet, Tschechen mit Deutschen und es gab keinen Hass. Claudia hofft, dass diese Zeit wieder zurückkehrt, dann, wenn der grausame Krieg, der einst befreundete Völker auseinanderreißt, zu Ende ist, denn so kann es nicht weitergehen.

Es waren schlimme Gedanken, die durch Claudias Kopf gingen. Sie ist nun froh, dass sie durch Margit, die sich in ihrem Bettchen rührt, aus der schlimmen Gedankenwelt gerissen wird. „Kindchen, du bist mein Ein und Alles. Wenn ich dich nicht hätte, würde ich mich einsam auf dieser Welt fühlen, wüsste nicht, ob es noch einen Sinn hat, auf ihr zu leben, wo doch so vieles passiert, wofür ich kein Verständnis habe.“ Mit diesen Worten nimmt Claudia ihren Engel aus dem Bettchen. In der Ecke des Zimmers steht der Sessel, in den sie sich immer setzt, wenn sie Margit die Brust gibt, wie jetzt. Es ist wieder Zeit dafür. Durch ein Strampeln im Bettchen kündigt Margit immer an, dass sie Hunger hat und nicht länger warten will und Claudia kennt in etwa die Zeit, wo sich ihr Töchterchen meldet.

Es ist der 18. Februar, Joseph Goebbels hält seine große Rede im Berliner Sportpalast. Die Rede wird von allen deutschen Radiostationen übertragen. Claudia hört sich die Rede im Radio, dem Volksempfänger über den jeder im Reich verfügt, an. „ … Wir wollen nicht auf uns das Wort angewandt sehen, daß nur die allergrößten Kälber sich ihre Metzger selber wählen. Wir sind entschlossen, unser Leben mit allen Mitteln zu verteidigen ohne Rücksicht darauf, ob die uns umgebende Welt die Notwendigkeit dieses Kampfes einsieht oder nicht. Der totale Krieg also ist das Gebot der Stunde … Ich frage euch: Glaubt ihr mit dem Führer und mit uns an den endgültigen totalen Sieg des deutschen Volkes? Ich frage euch: Seid ihr entschlossen, dem Führer in der Erkämpfung des Krieges durch dick und dünn und unter Aufnahme auch der schwersten Belastungen zu folgen? … Ich frage euch: … Ist eure Bereitschaft, ihm auf allen seinen Wegen zu folgen und alles zu tun, um den Krieg zum siegreichen Ende zu führen, eine absolute uneingeschränkte? … Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?“ Die Menge erhebt sich wie ein Mann. Die Begeisterung der Masse entlädt sich in einer Kundgebung nicht dagewesenen Ausmaßes. Das sieht Claudia nicht, sie kann sich aber vorstellen, was in Berlin gerade passiert. Sie hört nämlich aus dem Äther, wie vieltausendstimmige Sprechchöre durch die Halle brausen: „Führer befiehl, wir folgen!“ „Ich hoffe, diesem Wahnsinnigen folgt keiner“, sagt Claudia laut und weckt damit Margit, die in ihrem Bettchen neben dem Sofa, auf dem sie sitzt und sich die Rede angehört hatte, schlief. „Kindchen, du bist noch zu klein, um das zu verstehen, was dieser Verrückte mit Namen Goebbels in Berlin von sich gab.“ Sie nimmt ihr Engelchen aus dem Kinderbett und drückt es fest an ihre Brust. „Du erlebst hoffentlich mal eine bessere Zeit als die, in der wir uns zurzeit befinden.“ Mit diesen Worten gibt sie ihrem Liebling einen langen Kuss auf die rechte Wange. – Der Tag ist für Claudia gelaufen. Sie muss immer wieder an die Rede und den frenetischen Applaus im Berliner Sportpalast denken.

3

Es ist März. Von Nachbarn erfährt Claudia, dass die jüdische Bevölkerung von Boskowitz, einer Kleinstadt nördlich von Brünn, ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden ist. Bereits im Frühjahr des vergangenen Jahres wurde die jüdische Bevölkerung von Boskowitz und ihrer Umgebung von Nazis umgesiedelt, nachdem sie vorher in dieser Kleinstadt konzentriert worden war. Nun diese Nachricht. Jeder ahnt, dass Theresienstadt für die armen Menschen nicht die Endstation ist. Aber auch über die Deutschen in Mähren wird in diesem Monat endgültig entschieden. Bereits im September des vergangenen Jahres stimmte die französische Exilregierung in London zu, das Münchner Abkommen aufzugeben und die deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa nach Deutschland zu transferieren. In diesem Monat erklärt auch der amerikanische Präsident Roosevelt seine Zustimmung zu Transfers. Claudia ist geschockt, als sie dies in den Nachrichten hört. Es sind zwar Nachrichten des Nazi-Senders, die der deutschen Bevölkerung vor Augen führen will, was mit ihr geschieht, wenn sie nicht ihre Heimat verteidigt.

Es ist ein kaltnasser Tag, als Claudia mit Margit, die im Kinderwagen liegt und mit dem Regenschirm vor dem Nieselregen, der vom Himmel fällt, geschützt wird, das Haus verlässt. Ihr Ziel ist das Kolonialwarengeschäft, in dem sie ja immer die Lebensmittel kauft, die sie braucht. Diesmal haben sich mehrere Frauen dort eingefunden, die über die politische Lage in Mähren diskutieren. „Beneš, dieses Schwein, will uns vernichten.“ Es sind harte Worte, die Claudia vernimmt, als sie mit Margit im Kinderwagen ins Geschäft kommt. „Was stellt sich dieser Beneš überhaupt vor, uns vertreiben zu wollen. Wir sind Sudetendeutsche. Uns gehört das Land.“ Claudia wagt nicht, sich in die hitzige Diskussion einzuschalten. Sie müsste wiedersprechen, denn Sudetenland und somit auch Mähren gehört nicht den Deutschen alleine, auch die Tschechen haben ein Anrecht auf dieses Land, wo seit Jahrhunderten ihr Volk lebt. „So ein Quatsch, die Folgen des Münchner Abkommens und die Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren hätten die Existenz der tschechischen Nation gefährdet. Die Tschechen waren noch nie eine Nation. Sie können froh sein, dass sie bei uns leben dürfen. Wir sorgen sogar für sie und das seit Jahrhunderten.“ Claudia muss weghören, als sie das vernimmt. Am liebsten wäre sie dazwischen gefahren, hätte ihre Meinung gesagt. Aber sie weiß, sich konträr zu äußern führt zum Streit und den möchte sie nicht haben. Sie weiß aber auch, dass Beneš im Exil überlegte, Sudetendeutsche aus der ehemaligen Tschechoslowakei auszuweisen, nachdem Tausende von Tschechen bereits durch NS-Terror umgekommen waren. Er war als tschechischer Politiker der Mitbegründer der Tschechoslowakei und Außenminister 1918 – 1935, 1921 und 1922 sogar Ministerpräsident und 1935 bis 1938 Staatspräsident und lebt jetzt als Präsident im Exil. Er ist aber nicht Claudias Präsident, dafür ist er ihr zu nationalistisch eingestellt. Aber wie ist es mit den Nazis, die jetzt über Mähren herrschen? Sie sind auch nicht anders. So kann es keinen Frieden zwischen beiden Völkern geben, die in ihrer Heimat leben.

Claudia kauft wieder das ein, was sie für die nächsten Tage braucht und ist froh, die Hitzköpfe im Kolonialwarengeschäft verlassen zu können. Der Nieselregen hat zwischenzeitlich auch aufgehört. Sie geht zurück zur Falkenstraße und trifft vor ihrem Haus die Mitbewohnerin, die sich immer wegen des Abstellens des Kinderwagens im Hausflur aufregt. „Na, haben Sie Großeinkauf gemacht?“ „Ja“, antwortet Claudia, „… ich bin aber überrascht, dass Sie mich in deutscher Sprache ansprechen.“ „Na, wissen Sie, man muss sich ja mit seiner Nachbarin auch in der Sprache verständigen, die sie spricht, zumal es diese Möglichkeit nicht mehr lange geben wird.“ „Wie Sie meinen“, antwortet Claudia schroff, vermeidet damit die drohende Auseinandersetzung.

In Brünn sind die Menschen glücklich, sie bekommen das Lebensnotwendige, was für viele in den anderen Teilen des Reiches nicht der Fall ist. Die Versorgungslage ist zufriedenstellend trotz des Krieges. Es gibt zwar auch Lebensmittelkarten, wie überall im Reich, aber im Protektorat braucht keiner zu hungern, während man das aus einigen Gebieten des Reiches schon hört.

Das Frühjahr hat begonnen. Claudia denkt an die Zeit zurück, als sie mit den Eltern in den Schulferien verreiste. Es war immer das Drahaner Bergland, in das sie in den Sommerferien mit dem Bus fuhren. Dieses Bergland ist der schönste Teil des Brünner Berglandes. Gegen Westen fällt dieses Bergland in die Boskowitzer Furche ab und südwestlich geht es in die Bobravská Vrchovina über. Südlich erstreckt sich die Thaya-Schwarza-Talsenke und das Wischauer Tor. Im Osten schließt sich die Obermährische Senke an. In diesem Bergland, in dem Claudia als Kind oft mit ihren Eltern war, hat die Wehrmacht im Jahre 1940 den größten Teil des Waldes als Übungsgelände in Beschlag genommen. Der Wald ist zum Sperrgebiet erklärt worden, was Claudia schade findet. Gerne würde sie dorthin noch einmal fahren, durch den Wald wandern, so wie sie es mit den Eltern einst tat. Oft fuhren ihre Eltern auch im Herbst in dieses Bergland, dieses wunderschöne Fleckchen auf Erden. Ihr Vater sammelte dann Pilze, ihre Mutter pflückte Waldbeeren, die am Waldrand, an Lichtungen und Schneisen reiften. Hagebuttensträucher, Holunderbüsche und selbst die sauberen Früchte der Berberitzen-Sträucher wurden genutzt. Ihre Mutter verwertete das Erntegut sorgsam. Die Säfte, Gelees und Marmeladen aus Waldfrüchten schmeckten immer gut. Viele Erlebnisse wurden mit dieser Selbstversorgung aus dem Wald verbunden. Und nicht zu vergessen sind die Tiere, die im Wald ihre Heimat haben. Es waren die verschiedenen Vogelarten, aber auch Wiesel, Igel, Baummarder, Fuchs und Reh, die man am Waldrand beobachten konnte. Libellen traf man im Sommer an den Waldgewässern an. Sie jagten zwischen den Bäumen nach Insekten. Zwei Flüsse haben hier im Bergland ihre Quellen, an denen sich Claudia mit ihren Eltern gerne aufhielt. Bei Sommerhitze war es hier angenehm kühl. An einer Quelle konnten sie auch einmal einen Uhu sehen, der in einer Felsnische seine Ruhe genoss. Er ist ein nachtaktiver Vogel und braucht tagsüber seine Ruhe, die sie ihm nicht nehmen wollten und ihn deshalb nur aus der Ferne beobachteten. Es war eine schöne Zeit, die Claudia mit ihren Eltern hatte. Sie denkt oft daran. Ob es eine solche Zeit wieder geben wird? Claudia hofft es. Sie schaut auf das Kinderbettchen, in dem ihr Engel schläft. „Mein Liebstes, mit dir werde ich noch eine schöne Zeit haben. Wir werden auch in die Drahaner Berge fahren und dort Urlaub machen. Du sollst darüber hinaus auch noch mehr von Mähren sehen. Es ist meine und deine Heimat. Wir werden hier glücklich sein.“ Sie streichelt zärtlich die Wangen ihres Lieblings. Margit muss es merken. Sie verzieht ihr Gesicht zu einem leichten Lächeln, schläft aber weiter.

Claudia macht den Volksempfänger an. Diesmal keine Nachrichten, keine Rede, die einer der Nazis hält, die sie hasst, dafür alte Sudetenlieder.

Für uns schlug die bittere Stunde

Aus dem Tal sind wir verbannt

Das von allen unsren Ahnen

Heilig‘ Heimat ward genannt

Wieder blühen Anemonen

Habmichlieb und Enzian

Doch kein deutsches Auge

Freut sich in der Heimat mehr daran

Betend rufen wir zum Himmel

Vater, höre unser Fleh’n

Laß nach dieser schweren Zeit der Prüfung

Uns die Heimat wieder sehn

Und der Herrgott wird es geben

Daß der große Hass vergeht

Und von der Kappe wieder

Die schwarzweißrote Fahne weht.

Claudia hat das Lied schon einmal gehört. Es ist ein Volkslied aus dem Riesengebirge. Als jetzt aber ein nordmährisches Volkslied aus dem Volksempfänger zu hören ist, summt sie leise mit.

Kendla mei, schlof ock ei, weil die Sternla kumma

Und der Mond kummt a schon wieder ogeschwumma

Eia Wiegla, eia mei, schlof ock Kendla, schlof ock ei

Claudia schaut erneut auf ihr Kendla. Margit schläft immer noch ruhig. Claudia ist glücklich. Es waren seit der Zeit, als das Protektorat geschaffen wurde, nur wenige Tage, an denen sie das sagen konnte.

4

Es ist April und es gibt eine Änderung in Mähren. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht war der Stab des Polizei-Regiments Mähren gebildet worden. Dieser Stab führte die in seinem Bereich eingesetzten Polizei-Bataillone an. In Brünn war es das Polizei-Bataillon 315. Aus dem Regimentsstab wurde im vergangenen Jahr das Polizei-Regiment 20 gebildet. Das I. Bataillon bildete in Brünn das Polizei-Bataillon 32. Das Polizei-Bataillon 20 wurde nun in SS-Polizei-Regiment 21 umbenannt. Claudia ist empört, als sie das jetzt in der Zeitung liest. „Nun besteht die Polizei auch schon aus SS-Leuten. Was beabsichtigt das braune Gesocks damit? Lebe ich hier in einem braunen Polizeistaat, in dem man seine Meinung nicht mehr sagen darf? Meine unfreundliche Hausmitbewohnerin würde das bejahen.“ Es ist ein Selbstgespräch, das Claudia voller Zorn führt. Es entlastet aber ihre Seele. Was machst du, du sprichst mit dir selbst, geht es ihr durch den Kopf. Ist das normal? Ja, sagt sie sich, es ist ein sinnvolles Denkwerkzeug, das du viel öfter benutzen sollst, um eine Antwort auf die grausame Welt, in der du jetzt lebst, zu finden. Sie schaut aus dem Fenster und sieht, oh Schreck, auch schon das, wofür sie eine Antwort sucht. Ein Trupp des SS-Polizei-Regiments marschiert gerade am Haus vorbei, natürlich die Hakenkreuzfahne vorweg tragend. Sie legt die Zeitung, die sie noch immer in den Händen hält, auf den Tisch und kümmert sich um ihren Engel, der nach ihrer Brust verlangt. „Du weißt noch nicht, was sich draußen in der bösen Welt abspielt. Und das ist auch gut so“, sagt sie leise zu ihrem Liebling. Sie gibt Margit die Brust und versucht, auf andere Gedanken zu kommen.

Der 20. April ist ein großer Tag in Mähren. Es ist ein Dienstag, Hitlers Geburtstag. Am Vorabend waren in Brünn, wie überall im Deutschen Reich, Jugendliche feierlich in die Hitler-Jugend aufgenommen worden. Jetzt, am 20. April, werden in ganz Mähren Parteifeiern und Gedenkstunden abgehalten. Es wird über die Größe des Führers und seine Rolle in der Geschichte geredet. „Lieder der Bewegung“ und das Deutschlandlied werden gesungen, aber auch das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Hymne des Reiches. Zu Ehren des großen Führers werden in Mähren zwei Briefmarken mit dem Abbild von Adolf Hitler herausgegeben. Während der Geburtstagsfeierlichkeiten im Reich werfen britische Flugzeuge 782 t Bomben auf Stettin ab und die Sowjets fliegen Angriffe auf Tilsit. Es gibt viele Tote. – Claudia steht wie oft am Fenster, schaut auf die Straße und sieht die Hitlerjugend vorbeimarschieren und voller Inbrunst das Horst-Wessel-Lied singen.

Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen

SA marschiert mit ruhig festem Schritt

Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen

Marschier’n im Geist in unseren Reihen mit

Die Straße frei den braunen Bataillonen

Die Straße, frei dem Sturmabteilungsmann

Es schau’n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen

Der Tag für Freiheit und für Brot bricht an

Zum letzten Mal wird zum Appell geblasen

Zum Kampfe steh‘n wir alle schon bereit

Bald flattern Hitlerfahnen über allen Straßen

Die Knechtschaft dauert nur noch kurze Zeit

Als Claudia das hört, sagt sie laut: „Hoffentlich dauert die Knechtschaft der Nazis nur noch kurze Zeit und die braunen Bataillonen verschwinden für immer. Ich möchte keine Hakenkreuze mehr sehen, die heute in der ganzen Stadt wehen. Lieber Gott, mach das bald möglich.“ Es sind laute Worte. Margit in ihrem Bettchen, wie in den letzten Tagen meistens im Wohnzimmer am Fenster stehend, wird wach. „Kindchen, das wollte ich nicht. Du schliefst so fest und friedlich mit einem Lächeln im Gesichtchen. Auf dieses Lächeln will ich nicht verzichten, besonders jetzt in dieser schlimmen Zeit brauche ich so etwas. Es drückt Friede aus, Friede auf Erden, der nötig ist.“ Claudia streichelt ihren Engel zärtlich über die roten Bäckchen. Margit spürt die Zärtlichkeit ihrer Mutter und schläft auch wieder ein. Claudia greift nach der Tageszeitung, die auf dem Wohnzimmertisch liegt. Sie ist geschockt. Am 19. April, also gestern, erhoben sich jüdische Aufständische im Ghetto Warschau. Alle Zeitungen in Mähren berichten darüber. Als Claudia jetzt in ihrer Tageszeitung, die täglich in ihren Briefkasten gesteckt wird, liest, dass sich die jüdische Bevölkerung von Warschau gegen die Unterdrückung durch das Nazi-Regime wehrt, wird sie wieder laut. „Sie wehren sich doch nur gegen eine Deportation, die sicher bevorsteht. Wohin will man diese armen Menschen, die bisher viel erleiden mussten, eigentlich bringen? Sicherlich nicht an einen anderen Ort, an dem es ihnen besser geht. Und was macht unser großer Führer heute eigentlich, wo doch so viel passiert? Hat er sich irgendwohin verkrochen, um nicht mitzubekommen, was seine Leute treiben.“ Claudia schaut auf ihren Engel. Er schläft, wurde nicht erneut aus seinem Schlaf gerissen. Claudia ist froh.

5

Sommer in Mähren. Während im Reich Bomben fallen, ist es ruhig in Mähren. Unter dem Bombenhagel auf deutsche Städte leidet besonders Hamburg. Innerhalb von 3 Wochen sterben in dieser großen Stadt im Norden des Reiches mehr als 30.000 Menschen im Bombenhagel der Alliierten. Tagtäglich berichten Zeitungen über den Bombenterror, über das sinnlose Töten. Das Protektorat liegt außerhalb der Reichweite alliierter Bomber, deshalb können hier Betriebe ungestört arbeiten. Einige dieser Betriebe produzieren wichtige Kriegsgüter. Während viele Betriebe bis zum 29. Oktober in Mähren geschlossen werden, produzieren sämtliche Betriebe, die für die Wehrmacht tätig sind, weiter.

Jetzt während der Sommerzeit macht Claudia an schönen Tagen längere Spaziergänge an der Schwarza vorbei. Die Schwarza, ein kleiner Fluss, der in der Stříbrná studánka nordöstlich von Cikháj am Berg Žákova hora in den Žďárské vrchy entspringt, fließt durch Brünn wie die Zwitta, die im Zwittauer Hügelland entspringt, an ihrem Oberlauf die natürliche Grenze zwischen Böhmen und Mähren bildet und die an der südlichen Stadtgrenze von Brünn in die Schwarza mündet. Claudia genießt diese Spaziergänge. Margit, ihr Engelchen, liegt dabei in einem Kindersportwagen. Ihr gefällt es, im Kindersportwagen liegend so an der frischen Luft zu sein und nicht an der Hand durch die Straßen und Grünanlagen der Stadt geführt zu werden. – Was im Reich passiert, erfährt Claudia tagtäglich aus der Zeitung. Bei ihren Spaziergängen möchte sie nicht an die Grausamkeiten erinnert werden. Wer weiß, ob nicht auch sie einmal Schrecklichkeiten erleben wird, die jetzt in der Welt passieren. Noch hat der Krieg ihre Heimat verschont. Mähren war bisher noch kein Ziel alliierter Bomberverbände. Aber sicher wird sich das einmal ändern. Claudia ist davon überzeugt. Nur wann, das weiß sie nicht, möchte sich auch keine Gedanken darüber machen, dafür sind die Stunden, die sie mit ihrem Engel draußen in der Natur verbringt zu schön. – Es ist für Claudia immer etwas Besonderes, wenn sie auf ihren Spaziergängen in den grünen Bereichen der Stadt Eichhörnchen beobachten kann, die mit unglaublicher Gewandtheit durch die Baumkronen huschen und zu benachbarten Bäumen oder Büschen meterweit springen. Oft jagen sie die Stämme hinauf und hinunter und hüpfen in langen Sätzen über den Boden. Bald kommt die Zeit, dass diese niedlichen Tiere nach versteckten Haselnüssen oder Koniferen-Zapfen suchen. Dann steht aber fest, dass der Winter vor der Tür steht. Noch ist aber Sommerzeit und die Eichhörnchen nähern sich hin und wieder mit ihrem langen, buschigen Schwanz und auffallenden Pinselohren. Sie müssen sich gemerkt haben, dass Claudia schon mal ein Leckerli für sie hat. Besonders zutraulich sind sie an der Schwarza. Hier hüpfen sie meistens auf Claudia zu. Claudia reicht ihnen dann mit der Hand das verdiente Leckerli. Mit dem, was sie sich aus Claudias Hand holen und ihnen zu schmecken scheint, hüpfen sie danach schnell den nächsten Baumstamm hinauf, um es zu verzehren. Es ist nicht nur eine Freude für Claudia, auch Margit macht es Spaß, Eichhörnchen aus nächster Nähe zu beobachten. Sie lieben beide die Zeit, die sie in der Natur verbringen, eine Zeit, die es für sie immer wieder geben soll.

Der August geht langsam zu Ende. Die Zeitungen in ganz Mähren berichten über die Heldentaten von Erhard Raus. Erhard Raus, der in Wolframitz geboren wurde und in Brünn die Unterrealschule besuchte, wurde 1921 Major im österreichischen Heer, 1936 Oberst und im Januar 1938 Militär-Attaché in Rom. Im selben Jahr wurde er von der deutschen Wehrmacht übernommen und gehörte als Kommandant zu einer Vorausabteilung, die im Jahre 1939 Brünn besetzte. Er führte ein Schützenregiment beim Angriff auf Russland und kämpfte vor Leningrad und Moskau. Wegen seines Improvisationstalents wurde er Kommandant der 6. Panzerdivision und bekam das Ritterkreuz verliehen. Mit der 6. Panzerdivision versuchte er im vergangenen Winter in einer Gegenoffensive die eingeschlossene 6. Armee bei Stalingrad zu befreien, was wegen der Überlegenheit der Sowjets jedoch misslang. Sein großer Verdienst ist jetzt, dass er mit dem erfolgreichen Rückzug des XI. Armeekorps vom Don zum Dnjepr in mehreren Etappen mit schweren Kämpfen das Korps rettete. Für seine Heldentat wird er jetzt im August mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet. „Solche Helden brauchen wir nicht. Wir brauchen Menschen, die für Friedensbemühungen ausgezeichnet werden“, meint Claudia, als sie über die Auszeichnung Raus‘ in der Zeitung liest.

6

Es ist Herbst. Die letzten Zugvögel fliegen in den Süden. Die Blätter an den Bäumen verfärben sich und die ersten fallen zu Boden. Die Natur kommt zur Ruhe, der Mensch leider nicht. Deutsche Armeen kämpfen im Osten Europas. Es wird von Heldentaten berichtet, von Gräueltaten aber nicht. Schon am Herbstanfang zeigt die deutsche Wehrmacht, zu was auch sie fähig ist. Claudia kann nicht stolz darauf sein, was sie über deutsche Soldaten in der Zeitung liest, zumal sie weiß, dass nicht über alles wahrheitsgetreu berichtet wird. Sie unterscheidet aber Wehrmacht und Waffen-SS. Nun liest sie etwas, was in der Zeitung anders dargestellt wird. Der wirkliche Ablauf, über den die Zeitung anders berichtet, war wie folg: Die italienische Regierung unter Regierungschef Badoglio kapitulierte am 9. September bedingungslos. Bereits am 3. September war in Cassibile auf Sizilien ein Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten unterzeichnet worden. Nach der Kapitulation steht korrekt in der Zeitung, dass nach einer erlassenen Regelung die Wehrmacht unterscheidet unter den italienischen Soldaten nach bündnistreuen Soldaten, Soldaten, die nicht weitermachen wollen und Soldaten, die der deutschen Wehrmacht Widerstand leisten oder mit dem Feind oder Banden paktiert haben. Worüber nicht berichtet wird ist, dass für Soldaten, die Widerstand leisteten oder mit dem Feind oder Banden paktierten, der Befehl erging: Offiziere erschießen, Unteroffiziere und Mannschaften nach dem Osten zum Arbeitseinsatz verbringen. Am 21. September kommt es auf der griechischen Insel Kefallinia zu einem Massaker an italienischen Soldaten, die dort interniert wurden. Diese Soldaten waren vorher in Skopje in Jugoslawien gefangengenommen worden. 4.000 Italiener, die bei ihrer Gefangennahme mit der Waffe in der Hand angetroffen wurden, werden erschossen, 5.000 weitere von Hitler begnadigt. Dieses Massaker steht nicht in der Zeitung, nur, dass durch Führerbefehl einige bestraft wurden, die gegen deutsche Soldaten vorgegangen sein sollen, der Führer aber auch seine Großherzigkeit zeigt, indem er erlaubt, dass die meisten der internierten italienischen Soldaten zurück in ihre Heimat reisen dürfen. – Schon einige Tage vorher berichteten die Zeitungen über die Befreiung Mussolinis, der im Berghotel „Campo Imperatore“ auf dem Gran-Sasso-Massiv in den Abruzzen interniert worden war. Der Führer hatte unmittelbar nach der Entlassung des Duce Maßnahmen zu seiner Auffindung und Befreiung angeordnet. Das „Unternehmen Eiche“, das mit gefälschten britischen Pfundnoten, die ursprünglich hergestellt worden waren, um die Geldwirtschaft des Vereinigten Königreichs zu schaden, finanziert wurde, brachte den Erfolg. Die Befreiungsaktion erfolgte unter Einsatz von Lastenseglern, deren Besatzungen bei der Landung auf keinen Widerstand durch Wachen stießen. Mussolini wurde nach Wien ausgeflogen, wo er Hitler anrief und um die Möglichkeit bat, vor einem Besuch bei ihm seine Familie wiederzusehen. Hitler bot ihm die Möglichkeit. Am nächsten Tag traf Mussolini im Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“ seine Frau, seine Kinder und Enkel. Erst am Folgetag flog er nach Rastenburg, wo ihn der Führer auf dem Flugplatz des Führerhauptquartiers Wolfsschanze“ empfing. „Wie nobel von ihm, seinen faschistischen Freund zu empfangen“, meinte Claudia, als sie das Mitte September in der Zeitung las.

In der Nacht zum 3. Oktober wird München von britischen Bombern angegriffen. Es ist der schwerste alliierte Luftangriff auf München bisher. 1.000 t Bomben werden auf die bayerische Metropole abgeworfen. In den Zeitungen wird über den Bombenterror der Alliierten berichtet. – Claudia trifft im Treppenhaus die tschechische Hausmitbewohnerin, zu der sie ein gespanntes Verhältnis hat. „Na, rückt die Rache des Feindes näher. Vielleicht ist auch Brünn bald für einen solchen Angriff fällig.“ „Dass Sie das, und noch in deutscher Sprache, zu mir sagen, ist eine Frechheit.“ „Nun regen Sie sich mal nicht auf. Ich will nur sagen, dass Nazis, zu denen Sie ja nicht gehören, in unserer gemeinsamen Heimat nichts zu suchen haben.“ „Da möchte ich nicht widersprechen. Aber für eine Diskussion bin ich jetzt nicht aufgelegt.“ Damit huscht Claudia an der Tschechin vorbei, um alleine schnell einige Besorgungen in der Stadt zu machen. Margit schläft derweil in ihrem Bettchen und Claudia macht sich keine Sorgen. Sie ist überzeugt, dass in der kurzen Zeit, die sie außer Haus ist, nichts passieren kann.

7

Es ist ein typisches Novemberwetter, kalt und nass. An einigen Tagen hat Petrus seine Schleusen geöffnet, es gießt vom Himmel. An einem solchen Tag steht Claudia vor dem Fenster, schaut nach draußen und sieht, wie sich auf der Straße ein Bach bildet, der sie davon abhält, an diesem Tag das Haus zu verlassen. Auch ihre Einkäufe macht sie nur dann, wenn es das Wetter erlaubt. Es sind meistens Lebensmittel, die sie auf Karte bekommt. Ohne Lebensmittelkarte sind die lebensnotwendigen Nahrungsmittel ja nicht zu bekommen und bei Brennmaterial und warme Kleidung für den Winter gibt es Probleme. Holz oder Kohle, um den Ofen zu beheizen, sind rar. Nur wenige haben das Glück, in der Stadt etwas davon zu erhalten. Es ist wie im Reich.

Jetzt im November sieht man keine Kinder mehr, die an wärmeren Tagen auf der Straße spielten. Es waren meistens tschechische Kinder, die aber mit ihren wenigen deutschen Freunden auf der leeren Straße herumtollten. Tschechische und deutsche Mädchen hüpften über Kästchen oder sprangen Seil. Oft machten sie mit den Jungen gemeinsam Versteckspiele. Es war für Claudia immer wieder schön, wenn Kinder beider Völker friedlich zusammen spielten und sich in zwei Sprachen verständigten. Dieses friedliche Zusammensein darf sich nicht ändern, ging es Claudia immer durch den Kopf, wenn sie die Kinder beobachtete. In der Stadt mit ihren 250.000 Einwohnern, leben 200.000 Tschechen und 50.000 Deutsche. Die Deutschen sind somit eine Minderheit in dieser mährischen Stadt, aber Probleme zwischen beiden Völkern kennt Claudia erst, seit die Nazis die Herrschaft übernahmen. Sie ist jedoch glücklich, dass Kinder diese Probleme nicht kennen, noch nicht. Möge Gott ihnen das ersparen, sagt sich Claudia, wenn sie an die friedlichen Szenen auf der Straße denkt.

In den Nachrichten wird jetzt laufend von der Ostfront berichtet. Bereits Anfang Oktober gab die 17. Deutsche Armee die Stellung auf der Taman-Halbinsel, die östlich gegenüber der Krim liegt und das Asowsche Meer vom Schwarzen Meer trennt, auf und trat den Rückzug an. Es waren 200.000 Soldaten, 27.000 Zivilisten, 21.000 Kraftfahrzeuge, 74 Panzer und 75.000 Pferde mit 28.000 bespannten Fahrzeugen, die auf die Krim überführt wurden. Nach dem Vorstoß der Sowjets bis zur Dnjepr-Mündung wird die 17. Armee auf der Krim von allen Landverbindungen abgeschnitten. „Wie soll es nun weitergehen? Kapiert dieser Wahnsinnige in seinem Versteck in der Wolfsschanze nicht, dass der Krieg verloren ist“, sagt sich Claudia, als sie die Nachricht aus ihrem Volksempfänger hört. Nein, für den Führer ist der Krieg noch lange nicht verloren, obwohl am 6. November bereits wieder Negatives von der Ostfront zu hören ist. Die Rote Armee hat die ukrainische Hauptstadt Kiew erobert. Keiner erfährt aber im deutschen Reich, dass der Geheimdienstchef Walter Schellenberg im Auftrag von Reichsinnenminister Heinrich Himmler in Stockholm Gespräche mit einem US-Beauftragten über einen möglichen Waffenstillstand führt. – Am 10. November wird ausführlich in den Nachrichten über die schweren Kämpfe, die die 2. Armee am Dnjepr-Brückenkopf bei Lojew gegen die Rote Armee führt, berichtet. Am 12. November erobern die Sowjets an der 1. Ukrainischen Front westlich von Kiew die Stadt Schitomir zurück. Hierüber wird nichts in den Nachrichten gesagt, aber dass mit der Landung deutscher Truppen auf der griechischen Insel Leros die Rückeroberung der von britischen Einheiten besetzten Ägäis-Insel begonnen hat, berichten alle deutschen Nachrichtensender. Auch die Zeitungen sind voll davon. Am 14. November wird dann erneut über etwas schwärmerisch berichtet. Das erste Versuchs-U-Boot der Kriegsmarine vom Typ „Walther“ wird in Kiel in Dienst gestellt. Tage später folgt in Hamburg „Wa 201“. Von diesen Booten verspricht sich nun die deutsche Kriegsführung einen entscheidenden Umschwung im U-Boot-Krieg. Am 15. November dann mal wieder eine Erfolgsmeldung von der Ostfront. Das erst 3 Tage vorher von den Sowjets eingenommene Schitomir erobern die Deutschen zurück. Am 16. November kapitulieren die Briten auf der der Ägäis-Insel Leros. Selbstverständlich wird auch über diesen Erfolg in allen Nachrichten berichtet. Am 17. November empfängt Hitler in der Wolfsschanze den deutschen Botschafter in Ankara, der sich optimistisch über die Aufrechterhaltung der türkischen Neutralität äußert. Am 18. November wieder eine Erfolgsnachricht. Deutsche Truppen erobern die Ägäis-Inseln Lisso, Patmos, Furni und Ikaria. Nur zwei Tage später erneut etwas Positives von der Ostfront. Die Sowjets treten erfolglos gegen den deutschen Brückenkopf von Nikopol sowie im Dnjepr-Bogen nördlich von Kriwoy Rog an. Am 22. November besetzen deutsche Truppen die Ägäis-Insel Samos. „Erfolge, Erfolge, und das schon seit Tagen. Ich glaube nicht an diesen Schwindel. Hier wird einem etwas vorgemacht, was nicht stimmt“, ist Claudias Kommentar. Sie wird, wie alle im Reich, von solchen Nachrichten nur so überschüttet.

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