Flucht nach Deutschland - Sieglinde Eva Tömmel - E-Book

Flucht nach Deutschland E-Book

Sieglinde Eva Tömmel

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Beschreibung

Von 2016 an führte Sieglinde Eva Tömmel über Jahre hinweg Gespräche mit nach Deutschland geflüchteten Afghanen. Als Psychoanalytikerin erfahren mit der Behandlung von traumatisierten Patienten, bot sie ehrenamtliche Trauma-Sprechstunden im Rahmen eines Asylkreises im Süden von München an. Die Gespräche mit Flüchtlingen, die Tömmel in diesem Buch dokumentiert, zeigen nicht nur das Leid in dem durch einen mehr als 40 Jahre dauernden Krieg völlig zerstörten Afghanistan, sondern auch, wie von der Autorin herausgearbeitet, ausgewertet und erläutert wird, die Denk- und Fühlweisen von Afghanen sowie die Chancen der Integration in einem Land wie Deutschland, das zunächst aus afghanischer Sicht als unfassbar fremd wahrgenommen wurde und wird. Migration und damit im Zusammenhang stehende psychische Traumata sind gesellschaftliche Phänomene der Zeit, welche wir zu bewältigen haben. Die Schwierigkeiten der Integration islamischer Flüchtlinge in eine christlich-säkulare, hochindustrialisierte Gesellschaft werden hier klar benannt, dabei aber weder beschönigt noch übertrieben. Tömmels Buch ist für alle geschrieben, die sich Sorgen machen mit Blick auf den Erfolg – oder Misserfolg – von Integration. Paradigmatisch steht jedes individuelle afghanische Flüchtlingsleid für das Leid aller Flüchtlinge auf der Erde, jeder individuelle Integrationserfolg auch für einen allgemein gelingenden Weg in eine neue Gesellschaft.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2022

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Zur Einführung

Erster Teil: Herkunft

I. Fluchtland Afghanistan

1. Afghanische Stimmen im August 2021

2. Die aktuelle Situation

3. Das Ringen der USA um den Abzug ihrer Truppen in Afghanistan

4. Afghanistan, ein gescheiterter Staat

II. Ein Blick in die Geschichte Afghanistans

1. Vorgeschichte: Von Khorasan bis zur Unabhängigkeit

2. Amanullah Khan (1919–1929)

3. Afghanistans ruhige Entwicklung (1933–1973)

4. Der sowjetisch-afghanische Krieg (1979–1989)

5. Flüchtlingslager in Pakistan, Kampf und Machtübernahme der Taliban (1996–2001)

6. Der 11. September 2001 und die Folgen für Afghanistan

7. Weltweites Bündnis gegen die Taliban

8. Verhandlungen auf dem Bonner Petersberg im Herbst 2001

9. Das Scheitern des Wiederaufbaus, Rückkehr der Taliban und Massenflucht nach Europa (2001-2021)

III. Zu den Kulturen einer multiethnischen Gesellschaft

1. Ethnien

Paschtunen

Tadschiken

Hazara

Usbeken

2. Sprachen

3. Die afghanische Familie, Struktur und Funktion

4. Bildung, Ausbildung, Schulen, Sport

IV. Frauen in der afghanischen Gesellschaft

1. Zahlen und Fakten

2. Zwei Orte für Frauen. Khor yor Ghor: Das Haus oder das Grab

3. Immer noch: Steinigungen

4. Die afghanische Sitte der Basha Posh (Mädchen werden als Jungen verkleidet)

V. Zusammenfassung: Gründe für Flucht und Vertreibung.

Zweiter Teil: Ankunft

I. Afghanische Flüchtlinge im Jahr 2016

II. Ausgewählte Konfliktfelder

1. Der Einfluss afghanischer Sozialisation auf die Integrationsfähigkeit von Flüchtlingen

2. Liebe und Sexualität in Afghanistan

3. Samuel P. Huntingtons Thesen

4. Willkommenskultur versus Separation/ Parallelgesellschaft

5. Religionen: Säkulare Toleranz versus Fundamentalismus

6. Rechtsstatt versus Scharia

7. Gesellschaft: Sozialer Wandel versus Statik

III. Gibt es eine deutsche Afghanistan-Politik?

1. Ein Webinar der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik (DGAP)

2. Das Debakel am 15. August 2021

IV. Gesellschaftlicher Wandel, Migration und Psyche

ANHANG

Texte:

Literatur:

Vorwort

2015/16 flüchteten weit mehr Afghaninnen und Afghanen nach Europa – und hier insbesondere nach Deutschland – als in den 20 Jahren zuvor. Lebten im Jahr 2010 noch etwas über 50.000 afghanische Ausländer in Deutschland, so wurden im Jahr 2016 bereits fünfmal so viele gezählt, nämlich über 250.000. Im Jahr 2020 stieg die Zahl der Flüchtlinge auf über 270.000.1

Derzeit müssen wir uns auf neue Flüchtlinge aus dem Land vorbereiten. Nicht nur hat der unerwartet schnelle Sieg der Taliban am 15.August 2021 viele Tausende Afghanen erneut zur Binnenflucht und zur Flucht ins benachbarte Ausland, nach Pakistan und in den Iran, getrieben, sondern es verstecken sich weiterhin geschätzte 15 000 Personen – sogenannte Ortskräfte, die mit den westlichen Ländern zusammengearbeitet haben, aber auch Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen und Journalisten, Künstlerinnen und Künstler – in wechselnden Unterkünften im Land, sitzen beispielsweise in der Hauptstadt Kabul in Kellern und warten auf ihre Papiere, hoffen auf Visa und die Einlösung deutscher Versprechen, damit sie ausfliegen können. Hinter den vielen Millionen von Menschen, die seit dem am 24. Februar begonnenen Angriffskrieg Putins auf die Ukraine nach Europa geflüchtet sind, verschwindet die Zahl der aus Afghanistan nach Deutschland Geflüchteten. Dennoch leben diese in unserem Land und werden, nach dem Sieg der Taliban und dem Abzug der USA und ihrer westlichen Verbündeten aus Afghanistan, vorläufig als besonders Geschützte in unserem Land bleiben.

In der durch jahrzehntelange therapeutische Arbeit mit traumatisierten Patienten begründeten Annahme, dass viele der in den Jahren 2015/16 Geflüchteten traumatisiert seien, bot ich im Rahmen des örtlichen Asylkreises ab Mitte 2016 in einem Containerdorf im Süden von München eine ehrenamtliche Trauma-Sprechstunde an. Die Gespräche in den Sprechstunden sind der zentrale Gegenstand des Buches. Sie sollen erlauben, unsere neuen Mitbürger näher kennen zu lernen. Zur Erleichterung des Verständnisses jener Schwierigkeiten, welche für die Flüchtlinge zwischen Herkunft und Ankunft liegen, wird die Geschichte und Kultur Afghanistans beschrieben. Schriftsteller können menschliche Probleme plastischer als Wissenschaftler schildern. Deshalb werden neben den Stimmen Geflohener und Kennern der islamischen Geschichte und Kultur auch zeitgenössische afghanische Lyrikerinnen und Dichter ausführlich zu Wort kommen.

Ich bin in eigener Praxis niedergelassene Psychoanalytikerin auf der Grundlage des Studiums von Soziologie, Psychologie und Pädagogik. Diese Mitteilung erklärt meine Perspektive. Migration und Trauma sind gesellschaftliche Phänomene der Zeit, welche wir zu bewältigen haben. Flucht und Entwurzelung haben weltweit eine solche Wucht entfaltet, dass Politiker und Intellektuelle aller Länder der Erde nicht selten ratlos sind. Trotz aller Unterschiedlichkeit in der Herkunftskultur sind der Verlust der Heimat und der Zwang, alles hinter sich zu lassen, für alle Flüchtlinge gleich. Daher können die individuellen Geschichten der Flüchtlinge als paradigmatisch für alle Flüchtlinge unserer Welt verstanden werden.

 

Sieglinde Eva Tömmel

München, im August 2022

 

1 Anzahl der Ausländer aus Afghanistan in Deutschland von 2010 bis 2020. Ausländerzentralregister Statista 2021

Zur Einführung

Ein persisches Sprichwort sagt:Wenn Dir Dein Antlitz

im Spiegelbild nicht gefällt, so zerschlage nicht den

Spiegel, sondern Dein Gesicht.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Die Aufregung beginnt mit Berichten, die Taliban stünden vor Kabul. Der 15. August 2021, ein Sonntag, ist das Datum, an dem sich die Nachrichten jagen: Fast ohne Gegenwehr eroberten die Taliban in den letzten Wochen eine Provinzstadt nach der anderen. Sie stehen vor Kabul, einen Tag später stehen sie in Kabul, noch einen Tag später spielen sich jene erschreckenden Szenen auf demKabuler Flughafen ab, die die Verzweiflung vieler Menschen nicht deutlicher zeigen könnte: Halsbrecherische Versuche, das Flughafengelände zu stürmen, zahlreiche Personen auf den Start- und Landebahnen, Personen, die sich an startende US-Flugzeuge klammern, die dann beim oder kurz nach dem Start abstürzen und sterben.

„Nein, sie sind nicht dumm, die Menschen, die sich an die Flugzeuge hängen: Sie wissen, dass sie sowieso bald sterben werden, warum nicht so, warum nicht gleich?“

So sagt es eine in Afghanistan geborene deutsche Freundin am Telefon.

Wenig später folgen weitere Anrufe von in Deutschland lebenden Afghanen, die von der Angst um ihre in der Heimat allein gelassenen Väter, Brüder, Mütter, Schwestern sprechen. Diese haben mit der afghanischen Regierung und Deutschen zusammengearbeitet und sind nun vom Tod bedroht. Fotos gehen um die Welt, auf denen die siegreichen Taliban im Präsidentenpalast in Kabul am Schreibtisch Ashraf Ghanis vor einem riesigen Gemälde posieren. Im Zentrum des Gemäldes ist die Krönungszeremonie des paschtunischen Truppenkommandanten Ahmad Khan Abdali im Jahr 1747 zu sehen. In der Mitte des Geschehens steht der islamische Geistliche Saber Sha, ähnlich der christlichen Ikonographie in schneeweißem Gewand, einem Symbol der Schuldlosigkeit. Er steckt dem von einer Loya Djirga, der traditionellen paschtunischen Großen Ratsversammlung nach langem Streit zum König gewählten Ahmad Khan Abdali zwei Weizenähren in seinen Turban: „Die einzigartige und einfache Krönungszeremonie war damit beendet. Die Geste Saber Shahs unterstreicht die Rolle Khorasans als Agrarstaat.“1

Bekanntlich ist Ashraf Ghani mit einer libanesischen Christin verheiratet. Für sie gilt das islamische Bilderverbot also nicht. Haben die siegestrunkenen Taliban es versäumt, dieses Bild von der Wand zu nehmen? War das ein Versehen oder doch Absicht? Wahl eines paschtunischen Truppenkommandanten zum König? Sieg der paschtunischen Taliban und ihrer radikalen Variante des Islam über alle abtrünnigen und als Verräter an der afghanischen Sache bezeichneten Freunde „des Westens“, als deren einer Ashraf Ghani von ihnen immer wieder diffamiert wurde? Oder Identifikation mit dem ersten paschtunischen Emir in der Geschichte Afghanistans, der die Dynastie paschtunischer Herrscher begründete?

Die Bundesregierung ist mitverantwortlich, dass nicht nur die Lage der für Deutschland jahrzehntelang arbeitenden Personen in Afghanistan verzweifelt ist, sondern auch die der Frauen, der Journalisten, der Intellektuellen, der Gebildeten: Alle, die seit 20 Jahren und länger ihre Hoffnungen auf westliche Hilfe gesetzt haben, fühlen sich verlassen.

Die Rede des deutschen Außenministers Maas vom 16. August 2021 ist eine Ausrede: Seine Behauptung, alle Regierungen seien überrascht gewesen, und die dann folgende Entschuldigung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er versagt hat. Entschieden widerspricht ihm zum Beispiel der von 2006 bis 2008 als Deutscher Botschafter in Afghanistan amtierende Andreas Seidt: Wer das Land kenne, der wundere sich nicht über die schnellen Siege der Taliban; wer wisse, dass die Ausrüstung und Stärke der afghanischen Armee nur auf dem Papier existiert habe, der wundere sich nicht, dass sie nicht gekämpft hätten; auf der Theaterbühne hätten deutsche Politiker ein freundliches Afghanistanstück vor Publikum aufgeführt, die zahlreichen Kassandra-Rufe im Hintergrund habe niemand vernehmen wollen.2

Auch Angela Merkel, offenbar überrascht, kann dem staunenden Publikum nichts Weiterführendes sagen. Bundespräsident Walter Steinmeier sieht eine Beschämung für den gesamten Westen. Damit hat er Recht, aber eine Erklärung für das Versagen der Regierung gibt auch er nicht. In Deutschland scheint es üblich geworden zu sein, eine Entschuldigung entschulde bereits. Seit langem scheint dies in der politischen Kultur unseres Landes Brauch geworden zu sein.

Die Kriege in Afghanistan in den letzten 40 Jahren sind nicht zuletzt auf globale geopolitische Veränderungen zurückzuführen. Zunächst lautet aber eine der hier vertretenen Thesen, dass die Nichtbeachtung der kulturellen Vielfalt der Welt, dass die Überzeugung des Westens, überall sei unsere Art zu denken und zu leben die allerallerbeste, jeder auf dieser Welt warte nur darauf, nach unserer Fasson leben zu dürfen, einer der zentralen Gründe für das Versagen in Afghanistan in den letzten Jahrzehnten ist. Diese Überzeugung schien weitgehend selbstverständlich, unhinterfragt. Kulturen anderer Völker sind nicht Wissenschaftlern, oft aber der Politik fremd. Wie Afghanen seit Jahrhunderten leben, welchen Ereignissen und Förderungen, freiwillig oder unfreiwillig oder als ungewollte Nebenwirkung, die Taliban ihre Entstehung und vor allem ihre schnelle Verbreitung als radikale islamistische Gruppierung verdanken, nach welchen Normen, Werten und Vorgaben sie denken und leben, welches ihre Geschichte ist, das hätte man hierzulande wissen können. Denn die Geschichte der Taliban und ihre enge Verflechtung mit Nachbarländern im Rahmen der seit nunmehr 40 Jahren in Afghanistan währenden Kriege wurde von Kennern des Landes genau beschrieben. Tatsächlich wurden die Taliban nach der Bombardierung anlässlich der Terroranschläge der Al-Qaida am 11.09.2001 nie besiegt. Sie haben sich lediglich – und dies auch nur zeitweise – zurückgezogen. Das erinnert an die Metapher eines Schauspiels vor Publikum, die der Diplomat Andreas Seidt gewählt hat.

Auf den nächsten Seiten sollen die Herkunft von Afghaninnen und Afghanen und ihre Ankunft in Deutschland beschrieben werden. Die Relevanz des Themas ist nicht zuletzt durch die zu erwartenden weiteren Flüchtlinge von dort gegeben. Ein Blick in die Kulturen und die Geschichte Afghanistans soll das Verständnis für unsere neuen Mitbürger wecken und, wo immer möglich, vertiefen. Die Darstellung der Situation der Frauen in Afghanistan – die nicht erst seit der erneuten Übernahme der Herrschaft der Taliban immer wieder fast aussichtslos und verzweifelt ist –, wird einen zentralen Platz einnehmen. Die Erlebnisse und Erzählungen afghanischer Flüchtlinge, die in unserem Land leben, zeigen, wie tief ihre Traumatisierung reicht. Sie zeigen aber auch, wie groß die Erwartungen an ihr zukünftiges Leben in Deutschland sind.

Die militärischen Flüge der USA und ihrer Verbündeten sind seit langem beendet. Viele der so genannten Ortskräfte, d.h. der afghanischen Helfer der Bundeswehr und der NGOs, sind aber noch im Land. Ob und wie sie noch herauszuholen sind, wird die Zukunft zeigen. Angeblich haben die Taliban dem ehemaligen und vielleicht auch neuen deutschen Botschafter Markus Potzel signalisiert, auch nach der Beendigung der militärischen Flüge könnten afghanische Helfer der Deutschen ausfliegen. Dass dafür an die Taliban Milliardensummen zugesagt worden sind, ist so gut wie sicher. Fast ebenso sicher ist, dass mit diesen Summen Terroraktivitäten unterstützt werden könnten. Nach wie vor sind die Taliban mit Al-Qaida verbündet. Erneut häufen sich in letzter Zeit wieder Terroranschläge.

Nicht alle Afghanen, die das Land verlassen wollen, werden auf legalem Weg das Land verlassen können. Sie werden flüchten oder sind schon geflüchtet. Sie werden irgendwann wieder vor den Toren Europas ankommen und um Einlass bitten. Viele stehen in der Türkei bereit, einige wenige Flüchtlinge saßen, von dem weißrussischen Diktator Lukaschenko als Waffe gegen die EU benutzt, zwischen den Grenzen Litauens und Polens fest. Ihre Situation war verzweifelt. Zwischen zwei militärischen Kräften lagen sie auf bloßer Erde, Helfer wurden nicht zu ihnen gelassen.

Im Iran leben viele Afghanen schon seit langem ohne jede Aussicht auf Integration, ohne Perspektive für ihre Kinder, ohne Anerkennung sind sie seit Jahrzehnten mehr oder weniger geduldet. Das zeigen die Schilderungen der hier angekommenen Flüchtlinge, die nicht alle aus Afghanistan, sondern auch aus dem Iran und der Türkei nach Deutschland geflüchtet sind. Sowohl der Iran als auch die Türkei haben bereits signalisiert, dass sie nicht gewillt sind, noch weitere Flüchtlinge aufzunehmen.

2

Im Jahr 2020 lebten in Deutschland 271.805 zugewanderte Afghanen (s.o.). Das ist im Vergleich zu 2010 mehr als das Fünffache. In dieser Zahl sind nicht die vielen in früheren Jahren Eingewanderten erfasst, die inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. Nicht nur Männer und unbegleitete männliche Jugendliche, sondern auch viele Frauen kamen 2015/16 mit ihren Kindern, sie kamen mit ihren Männern oder manchmal auch ohne sie. Sie flüchteten aus den verschiedensten Gründen, gemeinsam ist ihnen die Flucht vor der zunehmenden Gewalt der Taliban, verbunden mit der Angst, ihr Leben zu verlieren.

Nachdem Barack Obama zunächst die Truppen in Afghanistan verstärkt hatte, begann er nach der Tötung von Osama bin Laden im Jahr 2011 mit dem schrittweisen Abbau der amerikanischen Truppen. Dies ließ die Taliban, die seit Ende 2001 als besiegt galten, erstarken. Erneut waren damit die ohnehin wenigen Freiheiten für Frauen spürbar bedroht. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass viele Frauen auch deshalb flohen, weil ihre Familien in einem tödlichen Streit mit anderen Familien lagen, weil sie misshandelt und vergewaltigt worden waren oder weil ihre Männer vor einer möglichen Blutrache flüchten mussten und Frauen ihre selbstverständlichen Begleiterinnen darstellten.

Ihre Flucht ist mühsam und gefährlich, wie es zum Beispiel der jugendliche Flüchtling Gulwali Passarlay in seinem berührenden Bericht beschreibt. Er war im Alter von 12 Jahren alleine aus Afghanistan nach England geflohen. Seine Mutter hatte ihn und seinen Bruder mit den Worten: Kommt nicht mehr zurück weggeschickt. Ihr Ehemann, Gulwalis Vater, sowie sein Großvater, waren in einem Häuserkampf zwischen Taliban und US-Truppen erschossen worden. Die Ereignisse auf seiner Flucht konnte Passarley erst viel später erzählen. Obgleich es in meinerKultur nicht üblich ist, über das persönliche Schicksal zu sprechen, konnte er dies nach einigen Jahren, in England angekommen, doch tun. Mit Hilfe einer Journalistin, Nadene Ghoury, gelang es ihm zu berichten, wie er als Kind auf der Flucht der Brutalität der Schlepper, der Todesangst, dem Hass, der Kälte, der Hitze, dem Hunger und Durst, der Gewalt und sogar dem Neid ausgeliefert war. Sein Bericht beschreibt überzeugend und plastisch das Elend der Flüchtlinge in der Gewalt meist krimineller Schlepper in der ein Jahr dauernden Flucht von Afghanistan nach Europa. Die Fluchtbegann im Jahr 2009. In den darauffolgenden Jahren verschärfte sich die Situation in Afghanistan noch um ein Vielfaches.3

Frauen und weibliche Jugendliche sind vermutlich noch schlimmeren Gewalterfahrungen während ihrer Flucht ausgeliefert. Zu der allfälligen Gewalt und Brutalität der Schlepper und ihrer Helfershelfer kommt die sexuelle Gewalt hinzu. Es fällt Frauen und jungen Mädchen noch schwerer als jugendlichen und erwachsenen Männern, die auf der Flucht erfahrenen Vergewaltigungen, Morddrohungen, Demütigungen, Diskriminierungen und Qualen zu erzählen, alles das zu berichten, was sie zutiefst verletzt und bis ins Mark erschüttert hat. Daran gewöhnt, unsichtbarzu sein, nicht nach ihren Meinungen, Gedanken und Gefühlen gefragt zu werden, verschließen sie ihr Leid in ihrem Herzen und reagieren, angekommen in dem Land ihrer Zukunft, mit oft dramatischen somatischen Symptomen. Es gelingt ihnen zunächst nicht, den Transfer von dem erlittenen seelischen Leid zu ihren schmerzhaften körperlichen Symptomen zu vollziehen, also die seelischen Verletzungen als Ursache ihrer somatischen Störungen zu erkennen. Aufgrund ihrer kulturellen Prägung, in der es seelische Schmerzen nicht geben darf, ist es ihnen nicht möglich, Rückenschmerzen, Beinschmerzen, Schmerzen im gesamten Körper ohne organischen Befund als Folge ihrer seelischen Schmerzen zu erkennen. Dennoch sind sie nicht geflüchtet, weil sie gerne ihr Land verlassen haben. Sie begannen diesen Weg aber bereits als zutiefst Verwundete. Erzählen lässt sich das Elend der flüchtenden Frauen von ihnen selbst auch deshalb schwer, weil sie ahnen, dass die Wiederholung im Sprechen Retraumatisierung bedeuten kann. Deshalb ist es etwas Besonderes, wenn Frauen über ihre Flucht, ihr Schicksal, ihr Leid berichten. Sie brauchen dazu Vertrauen und die Gewissheit, dass sie nicht ein weiteres Mal ausgenutzt und betrogen werden, dass nicht weitergetratscht wird, was sie erzählen.

Leichter haben es die Frauen und Männer, die sich im Iran in ein Flugzeug setzen und nach Deutschland fliegen konnten. Aber das sind nur Wenige. Leichter als Männer auch bekommen Frauen in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung. Allerdings bilden sie für die Aufnahmeländer ein größeres Integrationsrisiko. Sie hängen trotz oder auch wegen ihrer Leiden besonders fest an ihren Traditionen. Meist Analphabeten, können sie nicht die im zur Pflicht erhobenen Sprachunterricht aufgestellten Tafeln der gut gemeinten Deutschkurse lesen; nur den wenigsten der Sprachlehrer ist dies zu Beginn des Unterrichts bewusst. Zu gering sind hierzulande die Kenntnisse der Kultur der Neuankömmlinge, als dass bei ihnen eine genaue Vorstellung davon bestünde, wen die Helfer denn nun durch ihren Unterricht integrieren sollen. Die meisten afghanischen Frauen sind höflich bis zur Selbstverleugnung; das ist das Erbe ihrer Sozialisation und ihrer Herkunft. Deshalb versichern sie, sie seien dankbar, dass sie hier sein dürfen, sie seien jedem einzelnen Helfer dankbar für die vielen Wohltaten, die sie hier empfangen hätten. Sie sagen nicht, dass sie sich manchmal über das Unverständnis wundern, dem sie begegnen.

Wenn man nach dem Gesetz der großen Zahl urteilt, die Flüchtlingsströme nach den zu erwartenden und zum Teil bereits eingetroffenen Folgen misst, dann muss man sagen, sie seien eine Belastung für unser Land, eine finanzielle ebenso wie eine kulturelle, eine menschliche ebenso wie eine psychische Belastung. Das mag jene erstaunen, die die finanziellen Berechnungen der Kosten des Bundes, der Länder und Kommunen nicht zur Kenntnis nehmen oder keinen Kontakt zu den zugewanderten Frauen haben oder beides. Aber wenn man seit Jahren versucht, zu verstehen und zu helfen, dann weiß man, was gemeint ist. Lern- und Aufgabenhilfe, Begleitung zu Arbeitsämtern, ehrenamtliche Trauma-Sprechstunden, kostenlose Therapien, dies alles kann nur stattfinden mit einem hohen Aufwand an Idealismus, Geld, Zeit und menschlicher Kraft. Wenn man sieht, wie zahlreiche Helfer in den Gemeinden in ihrem Idealismus enttäuscht sind, dass und wie die unterschiedlichen Kulturen aufeinanderprallen und Missverständnisse wecken, fällt die zunächst euphorische Reaktion auf Angela Merkels berühmten Satz Wir schaffen das etwas gebremster aus.

Betrachten wir jedoch die Einzelschicksale der Geflüchteten, gewinnen wir einen anderen Eindruck. Die Frauen und Männer haben Furchtbares erlitten; keiner ist freiwillig gekommen, keiner verließ freudig seine Heimat. Fast alle haben ihre alten Eltern in einem gefährlichen Land zurücklassen müssen und leiden unter der Trennung ebenso wie unter der Angst, ihren Angehörigen könne jeden Tag etwas Schlimmes passieren. Die Männer ebenso wie die Frauen stellen eine gewisse Hoffnung für ihre Familien dar. Alle geflohenen Frauen meinen, ihre Kinder sollten es einmal besser haben: In einem freien Land, in einem Land ohne Krieg, in einem Land, das ihnen vielleicht eine Chance gibt, das aber zumindest Leib und Leben, d.h. gute medizinische Versorgung und Überleben ohne Bomben, garantiert. Das, wie wir später sehen werden, ist aber nicht genug.

Oft sind die zugewanderten Frauen nicht nur Analphabeten, sondern die Mehrheit der Frauen hat außer Hausarbeit und Kinderbetreuung keine berufliche Erfahrung. Viele sind jedoch wach und intelligent und könnten hier Zuflucht und Heimat, Bildung, Arbeit und Freiheit finden. Dennoch leben sie hier oft weiter wie in ihrem Herkunftsland: Vergessen in ihren Familien, nicht selten weiter tyrannisiert von ihrem Ehemann und ihren Söhnen. Allerdings tragen die Frauen auch ihren Teil dazu bei, vergessen zu werden. Gefangen zwischen ihren Sozialisationsverläufen im traditionell-islamischen Herkunftsland und im nicht selten als zu liberal empfundenen Ankunftsland fällt es ihnen nicht nur schwer, einen Ausweg zu finden, sondern sie sind selbst Gläubige undProtagonisten ihrer Unterdrückung, die sie an ihre Töchter weitergeben. Inzwischen sind die afghanischen Frauen und Männer unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger geworden. Ihre Kinder, Jungen und Mädchen, gehen in unsere Schulen. Wie es dort aussieht, wird später zu beschreiben sein. Die meisten Missstände sind längst bekannt, werden aber von der Bildungspolitik immer noch nicht oder zu wenig wahrgenommen und verändert.

Europäische Frauen sollten sowohl sich selbst vor einer schleichenden Normalität zunehmender Eingrenzung ihrer bisher selbstverständlichen Rechte als auch ihre neu ankommenden Mitbürgerinnen schützen. Das ist, wie spätere Beispiele zeigen werden, keineswegs übertrieben. Wir müssen uns Gedanken machen, was wir mit unseren neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern anfangen, was sie mit uns anfangen können. Es geht nicht um eine Ablehnung oder Übernahme ihrer Kultur und auch nicht um eine Aufdrängung der unseren. Sondern es wird darum gehen, das ist nicht neu, ihnen einerseits Bedeutung und Umgang mit unserem Rechtsstaat zu erklären und ihnen damit einen Zugang zu einer Freiheit zu geben, die für sie unbekannt und zunächst unverständlich ist. Und es wird auch darum gehen, durch Information der Ankunftsgesellschaft Verständnis für ihre Lebens- und Denkart zu entwickeln und kreative Lösungen für uns alle zu finden. Nicht zuletzt wird es auch darum gehen, die politisch Verantwortlichen dazu aufzurufen, sich besser von Experten der muslimischen Kultur beraten zu lassen und nicht naiv beispielsweise deutsche bzw. westliche Standards von Vereinsbildung, Vertretung, demokratischer Repräsentation usw. auf muslimische Vereinsgründer zu übertragen. Diese Irreführung dient nur dazu, im Namen einer political correctness und verfehlter Multikulti-Freude von einigen muslimischen Vereinen an der Nase herumgeführt zu werden. Das ist nicht nur wegen der politischen Naivität und Uninformiertheit peinlich, sondern auch gefährlich. Niemand von uns – und am wenigsten die Frauen – kann sich wünschen, dass aufgrund von Naivität und Unwissen ungewollt und unbemerkt in Deutschland und Europa längst überwunden geglaubte patriarchale Lebensformen Bedeutung und Selbstverständlichkeit gewinnen.

3

Als ich einer meiner afghanischen Freundinnen den zunächst geplanten Arbeitstitel meines Buches mitteilte, nämlich Afghanischen Frauen eine Stimmegeben, schaute sie mich irritiert an und meinte:

„Aber wir haben keine Stimme!“

„Eben, meinte ich, deshalb möchte ich ein wenig über die Frauen schreiben, um Verständnis zu wecken für die vielen afghanischen Frauen, die nach Deutschland gekommen sind und hier eine Heimat finden wollen.“

Da nickte sie und war einverstanden. Nein, afghanische Frauen hatten und haben keine Stimme: In ihrem Herkunftsland nicht, während der Flucht nicht und in Deutschland, abgesehen von Ausnahmen, auch nicht. Dennoch geht es hier gut integrierten Frauen inzwischen deutlich besser als vor Jahren in ihrem Heimatland. Freilich gibt es in auch ihrer Heimat Frauen, die arbeiten, lehren, forschen, organisieren und schreiben. Es gibt Frauen, die trotz erheblicher Schwierigkeiten Richterinnen wurden, Anwältinnen, Abgeordnete im Parlament. Aber sie leben gefährlich: Erst im Januar 2021 wurden zwei Richterinnen von den Taliban erschossen. Erneut weiten die Taliban, wenn auch derzeit aufgrund ihrer desolaten wirtschaftlichen Situation offiziell um Milde bemüht, ihre Terrorherrschaft über Frauen aus. Die Zahl gut ausgebildeter Frauen in Afghanistan ist jedenfalls verschwindend gering im Verhältnis zur Anzahl der oft mit keiner oder nur minimaler Schulbildung ausgestatteten und nicht zuletzt darum stimmlosen Mädchen und Frauen. Derzeit ist jede Schulbildung von Mädchen über die siebte Klasse hinaus von den Taliban verboten worden. Nach anfänglichen Zusagen, die Schulen würden geöffnet, wurden die hoffnungsfroh ankommenden und in der Schulbank sitzenden Mädchen, deren Bilder um die Welt gingen, nach zwei Stunden wieder nach Hause geschickt. Noch stehe keine Scharia-gerechte Kleidung zur Verfügung, hieß eine der Erklärungen.4

Den Frauen eine Stimme geben wäre auch deshalb wichtig, weil ihr stummes Leiden ein Grund zur Empörung sein sollte. Nach meinen Informationen zur politischen, kulturkritischen und vor allem feministischen deutschen, europäischen oder amerikanischen Literatur wird ihre Situation immer noch vernachlässigt. Zwar sind hervorragende Sachbücher entstanden, darunter etwa Jenny Nordbergs 2014 erschienenes Buch The Underground Girls ofKabul. Über dieses Buch wird noch ausführlich die Rede sein. Dankenswerterweise setzt sich Alice Schwarzer seit Jahren für Frauen aus islamischen Ländern ein. Einige Romane sind entstanden, einige Abhandlungen und Berichte gibt es im Internet von NGOs. Susanne Koelbl und Olaf Ihlau haben in ihrem Buch Geliebtes, dunkles Land, Menschen und Mächte in Afghanistan in einem von insgesamt 22 Kapiteln über Liebe zwischen Steinzeit und Moderne, das Leben der Frauen geschrieben (2007). Sie schildern, wie das Leben mancher Frauen in Afghanistan derzeit aussieht. Den Abschluss dieses Kapitels bildet ein Gedicht Nadyja Andjomans:

„Wie honigsüßen Vers anstimmen,

wenn Gift mir durch die Kehle tropft-

Wenn des Despoten rohe Faust,

oh weh, welch Schlag, den Mund mir stopft?“

Kurz darauf wurde die 25jährige Lyrikerin tot in ihrem Haus aufgefunden. Der Täter war ihr Ehemann und Kollege aus dem literaturwissenschaftlichen Institut in Herat. Sie hatte geglaubt, er würde Verständnis für die ihr so wichtige Arbeit aufbringen und hatte ihn deshalb geheiratet.5 Für sie hat der französische Dichter Atiq Rahimi, geboren in Kabul, den Roman Pierre dePatience –Stein der Geduld geschrieben, nur mit den Initialen N.A. angedeutet:

„Diese Erzählung wurde geschrieben zum Andenken an die afghanische Dichterin N.A.– die von ihrem Mann brutal ermordet wurde.“6

4

Im Gegensatz zu den anfänglich geäußerten Absichten der USA und ihrer Verbündeten wuchs im Verlauf der Kriegsereignisse der letzten Jahre die Einsicht, dass die Durchsetzungvon mehr Frauenrechten in Afghanistan so gut wie aussichtslos ist. Seit einem Jahrhundert haben sich unterschiedliche Regenten und Gruppierungen innerhalb und außerhalb Afghanistans um die Verbesserung der Situation der Frauen bemüht. Sie scheiterten an der immer wieder sich durchsetzenden Dominanz der uralten, mehrheitlich paschtunischen Stammesgesetze und an den konservativen Interpreten des Islam. Wenn Gott als Zeuge für die Minderwertigkeit von Frauen herhalten muss, so macht dies Angst – Angst, die nicht einfach verschwinden wird. Es ist zu vermuten, dass Vertreter der Auffassung, Gott persönlich habe verfügt, Frauen seien weniger wert als Männer, selbst daran glauben. Es fehlt ein Kind, das sagt: DerKaiser ist nackt und damit diesem Unfug ein Ende bereitet. Seit der Eroberung Afghanistans durch arabische Moslems bis heute werden die herrschenden Stammesgesetze von einem angeblich buchstabengetreuen Islam überformt und verschärft. Dass Afghanen als Nicht- Araber den Koran meist gar nicht lesen können, bleibt von ihnen selbst oft unberücksichtigt. Eine Verschärfung islamistischer Vorschriften durch die sich langsam ausbreitenden Taliban geschah nach dem Abzug der Sowjetarmee im Jahr 1989. Unterstützt von Pakistan, Saudi-Arabien und zunächst auch den USA, bildeten sie bald eine mörderische Herrschaft über die gesamte Bevölkerung Afghanistans, vor allem über Frauen. Die kanadische Schriftstellerin Nadja Hashimi schildert in ihrem bemerkenswerten literarischen Beitrag über die derzeitige Rolle der Frauen im Parlament Afghanistans, was es mit der von dem Westen, den Fremden, eingeführten Frauenbeteiligung auf sich hatte.

Am Beispiel zweier Frauen zeigt sie in einem ihrer Romane, wie ehemalige Kriegsherren und Raubmörder, „reich geworden mit dem Blut unseres Volkes‟, nun als Verbündete der Fremden entweder selbst in den Parlamenten sitzen oder, „weil so von den Fremden gewollt‟, eine ihrer analphabetischen Frauen vorschieben. Diese stimmen ab, wie es ihr Ehemann oder einer seiner Strohmänner vorschreiben. Die einzige Frau, die es wagt, gegen die herrschende Meinung anzukämpfen, wird mittels einer Autobombe vor dem Parlamentsgebäude aus der Welt gerissen.7

So war die Situation der Frauen in Afghanistan lange bevor der zweite Siegeszug der Taliban im Jahr 2021 die Welt schockte. Im Land selbst konnten Frauen oft nur mittels eines tagtäglichen Kampfes, in welchem sie ihr Leben riskierten, ihre eigentlich in der Verfassung von 2004 garantierten Rechte durchsetzen.8 Zahlreichen Afghanen, Männern, Frauen und Kindern, die ein Leben ohne Krieg, Mord und Gewalt erleben möchten, blieb daher nach wie vor nur die Flucht.

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Unter der Überschrift des berühmt gewordenen Merkel-Satzes Wir schaffendas wurden in den Jahren 2015/16 in den südlich von München gelegenen grünen Oasen Containerdörfer gebaut und Sozialarbeiter eingesetzt; freiwillige Helferkreise bildeten oder erweiterten sich. Der Idealismus war riesengroß – zu groß, als dass er in dieser Form auf Dauer hätte Bestand haben können. Doch trotz vieler Enttäuschungen harren die meisten Helfer bis heute aus, verrichten ihre Arbeit, ohne deren Existenz die Politik ihr Eingliederungsprogramm und ihre Integrationsabsichten nicht durchführen könnte.

In einem dieser Containerdörfer, in welches fast ausschließlich afghanische Familien und afghanische junge Männer aufgenommen wurden, bot ich ab Juli 2016 – mit Unterbrechungen, für die vor allem die zu Beginn des Jahres 2020 beginnende Corona-Krise die Begründung darstellt – eine im Rahmen des örtlichen Asyl-Helferkreises ehrenamtlich organisierte wöchentliche Trauma-Sprechstunde an. Ich fand einen Dolmetscher, der nach wie vor und in jeder Hinsicht ein Glücksfall ist. Gebürtiger Afghane, besitzt er schon lange die deutsche Staatsangehörigkeit, lebt seit 14 Jahren mit seiner Familie in Deutschland, spricht, schreibt und übersetzt Dari, Farsi, Paschto, Englisch und Deutsch. Er ist in der Lage, mit Taktgefühl, Engagement und Einfühlungsvermögen jene zuweilen schwierigen kulturellen Klippen zu umschiffen, die mir zu Beginn unserer gemeinsamen Arbeit – trotz meiner Bemühungen, mich in der Landeskunde ständig weiterzubilden – nicht einmal aufgefallen wären. So konnte er zum Bespiel genau unterscheiden, wer der zunächst meist jungen Männer bereit war, mir seine Hand zu geben und wer nicht. Dadurch konnte so manche Verlegenheit auf beiden Seiten erst gar nicht entstehen; die selbstverständlichen und unauffälligen Maßnahmen des Dolmetschers halfen von Beginn an, Irritationen zu verhindern, Vertrauen auf beiden Seiten zu schaffen und dem Hauptanliegen, der Schilderung ihres Leidens, Vorrang zu geben vor einer verfrühten Auseinandersetzung mit kulturellen Unterschieden. Denn, so in Abwandlung des bekannten Freud-Wortes: Die Psychologie, das Verstehen des Anderen, ist „fleischfarben“, also menschlich, nicht schwarz oder rot, d. h. politisch oder kulturell. Es war vermutlich hilfreich für die Akzeptanz unseres Vorhabens, dass ich einen männlichen Dolmetscher mit in die Sprechstunde brachte. Denn zu Beginn der Trauma-Sprechstunde kamen nur Männer; vermutlich wären sie nicht zu einem Team von zwei Frauen gekommen. Die afghanischen Frauen waren zunächst sehr zurückhaltend, wollten wissen, ob sie sich trauen könnten, selbst zu kommen. Zu Beginn unserer Tätigkeit blickten sie oft neugierig um eine Hausecke, hinter welcher sich der Gesprächsraum befand. Sie fragten sich offensichtlich, schüchtern und zurückhaltend, was da wohl innerhalb des Raumes vor sich gehen mochte. Die Erlebnisse der Männer, nicht minder traumatisch als die der Frauen, wegen ihrer oft erzwungenen Beteiligung an den verheerenden Kriegshandlungen der je unterschiedlichen Parteien oft aber noch brutaler und grausamer, verdienen ebenso eine Schilderung wie die ihrer Frauen. Ihre Schicksale sind genauso erschütternd, aber: Mehr Freiheit, mehr Möglichkeiten, diese zu leben, mehr Spielraum, ihrer Wut, ihrer Enttäuschung, ihrem Hass und ihrer Trauer, auch im Rahmen der Familie, Ausdruck zu geben, haben sie dennoch. Das macht viele der innerfamilialen Spannungen verständlicher, unter denen die Frauen stumm oder schreiend, in Ohnmacht fallend oder schimpfend, widerspruchslos leidend oder widerspenstig, belastet mit der Aufgabe, ihre meist zahlreichen Kinder großzuziehen, zusätzlich leiden.

Der Ablauf der Trauma-Sprechstunde war wie folgt: Der Dolmetscher und ich kamen an einem Nachmittag in der Woche, meist an einem Donnerstag um 15 Uhr, in das Containerdorf. Bis dahin hatte der amtierende Sozialarbeiter eine Liste angefertigt mit jenen Teilnehmern für die Sprechstunde, die sich für ein Gespräch beworben hatten. Oft hatte er auch einige Männer und Frauen gebeten, in die Sprechstunde zu gehen, wenn ihm eine Verhaltensauffälligkeit zu Ohren gekommen war oder er diese selbst beobachtet hatte.

Die Zeit für ein Gespräch mit einem Kandidaten war prinzipiell nicht streng begrenzt, lag aber durchschnittlich im Bereich um etwa 30 Minuten. Die meisten Männer kamen zu Beginn, um über somatische Beschwerden zu klagen oder um zu erfahren, wie ihr Asylverfahren beschleunigt werden könne. Die tiefen Wunden, die ihnen sowohl ihr Heimatland als auch ihre Flucht nach Europa geschlagen hatten, konnten sie zu Beginn der angebotenen Sprechstunden nicht thematisieren. Zunächst ging es eher um Formales. Zum Asylverfahren selbst konnten wir jedoch keinen Beitrag leisten. Vor allem der Dolmetscher, der als vereidigter Dolmetscher auch im Rahmen des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) arbeitete, konnte den Männern nur mitteilen, dass ein Verfahren länger dauern, dass es von uns aus nicht beschleunigt werden konnte, dass wir eine prinzipiell andere Aufgabe erfüllen wollten als das BAMF oder eine sonstige Behörde.

Zu Beginn erklärte ich meist den Besuchern unserer Sprechstunde, dass ich mich seit langem mit traumatisierten Kindern und Erwachsenen beschäftigt hätte, dass ich das Schicksal der Flüchtlinge in den Medien verfolgt hätte undnun gerne einen kleinen Beitrag leisten wollte, ihre Situation im Ankunftsland ein wenig zu erleichtern. Dennoch stellte ich bald fest, dass vor allem Frauen mich für ihre Ärztin hielten, eine Vorstellung, die nicht leicht zu korrigieren war. Manchmal führte dieses Missverständnis dazu, dass sie Ärzte und Ärztinnen, deren Namen ihnen genannt wurden, um somatische Probleme zu klären, ablehnten mit der Begründung: Ich habe schon eine Ärztin. Einerseits zeigte dies ihr zunehmendes Vertrauen, andererseits war es auch ein Hindernis, weil die Frauen von mir zunächst die Heilung ihrer körperlichen Leiden erwarteten. Mit der Zeit verstanden unsere Gesprächspartnerinnen aber, warum wir kamen und womit wir ihnen helfen wollten. Langsam begannen sie zu erzählen. Nach und nach kamen immer mehr Frauen. Im Laufe der Zeit brachten einige ihre Kinder mit, erst eines, das ihnen Sorgen machte, dann kam manchmal die gesamte Familie zu uns. Einige Männer und Frauen konnten später eine Therapie beginnen; es gelang meist, mit Hilfe des Asyl-Helferkreises und eines guten Netzwerkes von Therapeuten eine weiterführende Einzeltherapie bei einer Kollegin oder einem Kollegen zu vermitteln. Die Geschichten der Frauen und Männer in diesem Buch sind in vieler Hinsicht typisch. Sie beanspruchen nicht, statistisch repräsentativ zu sein. Aber sie bilden paradigmatisch das Lebensmuster vieler Afghaninnen und Afghanen ab, denen in ihren Augen keine andere Möglichkeit als die Flucht blieb.

Warum ich nur über Afghanen sprechen kann, nicht über Geflüchtete aus anderen Ländern, etwa aus Syrien, dem Irak, Pakistan, Nigeria, Eritrea usw., liegt daran, dass ich nur sie näher kennenlernte. Andere Dörfer in Bayern beherbergen Asylbewerber aus anderen Ländern. Es ist eher dem Zufall zu verdanken, dass ich dort arbeiten durfte. Allerdings hatte ich während meiner Studienzeit bereits Kontakt zu afghanischen Studenten und im Jahr 1978 auch die im Norden Afghanistans angrenzenden mehrheitlich islamischen Länder der damaligen Sowjetunion Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan bereist; unvergesslich ist mir der Blick auf die geschlossenen Grenzen zu Afghanistan geblieben: Die Sowjetunion bereitete damals schon ihren Einmarsch in das Land vor; 1978 war es bereits verboten, sich der sowjetisch-afghanischen Grenze zu nähern.

Die Frauen und Männer gaben mir die Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer Geschichten, vorausgesetzt, es würden von ihnen keine Fotos gezeigt. Das kann ich garantieren: Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, Fotos anzufertigen. Die traditionelle Unsichtbarkeit afghanischer Frauen verbietet das ohnehin. Alle Namen sind geändert, die Geschichten so weit verschlüsselt, dass die Personen nicht identifizierbar sind.

Die für mich nicht selbstverständliche Erfahrung, interkulturell auf eine ganz besondere Weise mit meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern verbunden sein zu können, zu erleben, dass jenseits aller kulturellen Prägungen ein direktes, emotionales, empathisches Miteinander möglich war und ist, erfüllt mich immer noch mit Freude und Staunen.

Mein Dank gilt jenen afghanischen Frauen und Männern, die mir ihr Vertrauen geschenkt und damit diese Veröffentlichung erst möglich gemacht haben.

1 Brechna S.436, Krönungszeremonie von Ahmad Khan Abdali im Jahr 1747; Aquarell von A.Gh. Brechna, 1942. Dieses Aquarell scheint als Vorlage für das große Gemälde hinter dem Schreibtisch Ashraf Ghanis gedient zu haben, vor welchem die Taliban am 15. August 2021 ihren Sieg feierten.

2 NZZ online vom 18.008.2021, https://www.nzz.ch/international/wer-das-land-kennt-ist-vom-rasanten-Fall-Afghanistans-nicht-überrascht.

3 Passarlay 2015.

4https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan-taliban-erlauben-maedchen-den-besuch-an-schulen- 17886431.html (letzter Abruf am 13.08.2022).

5 Koelbl, Ihlau 2007, S.152.

6 Rahimi 2008, S.11.

7 Hashimi 2017, S.391

8 Siehe Anhang Text 2

Erster Teil: Herkunft

I. Fluchtland Afghanistan

Seit nunmehr über 40 Jahren bleibt Millionen afghanischer Familien keine andere Wahl als die Flucht. Die Ärmsten der Armen fliehen von Ort zu Ort. Nomaden ziehen aus Landschaften, in denen Kampfhandlungen Nahrung für Tier und Mensch zerstört haben, in Gebiete, die mehr Ruhe für beide versprechen. Dorfbewohner, deren Häuser und Felder in Schutt und Asche liegen, wandern in vermeintlich weniger zerstörte Gegenden. Einwohner der großen Städte Kabul, Herat, Kandahar, Kunduz oder Mazar-i-Sharif suchen sich sichere Orte. Stadtbewohner, die so viel Geld besitzen, dass sie sich einen Flug von dem inzwischen allerdings ebenfalls zerstörten Flughafen in Kabul aus nach Pakistan, Katar oder Istanbul leisten konnten, flohen in andere Länder, oft in den Iran, in die Stadt Teheran. Und dann gibt es noch die vielen Menschen, die keine andere Wahl als die unendlich gefährliche Route über Land in Richtung Europa mit Hilfe von meist kriminellen Schleppern haben.

Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban, seit dem 15. August 2021, befindet sich das Land in einem Zustand der Schreckstarre, des Hungers und weiterer Fluchtbewegungen.

1. Afghanische Stimmen im August 2021

Kira

ruft weinend am 25. August 2021 aus Herat ihre Verwandte in Deutschland an:

„Tante, liebe Tante, hilf uns! Wir versuchen, eine Burka zu kaufen, damit wir aus dem Haus gehen können, aber es gibt keine Burka!“

Arman

im August 2021:

„Es ist gut, dass die Taliban gesiegt haben, denn jetzt herrscht wieder Ruhe im Land.“

Milad

am 9.10.21:

„Gestern waren drei Männer in der Unterkunft meiner Mutter und der Kinder meines Bruders. Sie fragten nach ihm, durchsuchten das ganze Haus. Er ist nie dort, versteckt sich und ist jede Nacht in einer anderen Unterkunft. Die Kinderhatten schreckliche Angst, die Männergingen, aber sie kommen wieder. Ein Freund ist vor ein paar Tagen aus einer Unterkunft verschwunden. Unbekannte haben ihn herausgeholt und seitdem ist er einfach verschwunden. Alle sagen, dass die Taliban sich verändert haben, aber das ist nicht wahr. Mein Bruder und seine Kinder waren Helfer der deutschen Regierung und habenschreckliche Angst.“

Ajmal:

„Ich werde meine Mutter herausholen, koste es, was es wolle.“

Habim:

„Ich bin glücklich, dass ich hier bin und arbeiten kann.“1

2. Die aktuelle Situation

Der 24. Februar 2022, der Tag des brutalen Überfalls Putins auf die Ukraine, hat die europäische Welt verändert. Afghaninnen und Afghanen sind möglicherweise im Bewusstsein der Europäer und insbesondere in Deutschland in den Hintergrund getreten. Man denkt an einen Vortrag von Bernhard Schlink, der, im Anschluss an die Betrachtungen des Philosophen Vischer, ausführte, wie die moralischen Standards des Menschen im Wesentlichen für die eigene Gruppe gelten: Moral versteht sich von selbst– aber nur in der eigenen Gruppe.2 Der eigenen Gruppe gilt derzeit die überwältigende Hilfsbereitschaft, die den Flüchtlingen aus der Ukraine und ihrem Schicksal entgegengebracht wird. Ukrainer sind Europäer, sie haben vielfältige familiäre, verwandtschaftliche, freundschaftliche und geschäftliche Beziehungen zu Deutschland, insbesondere zu Polen, Moldawien und den übrigen unmittelbar benachbarten Ländern, in welchen Ukrainer derzeit als Freunde, Verwandte, als Brudervolk aufgenommen werden. Im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen treten Afghanistan und seine Flüchtlinge aus den Jahren 2015/16 also etwas in den Hintergrund. Die Situation in Afghanistan ist deshalb aber nicht leichter für jene, die verfolgt werden oder die gezwungen sind, dort zu leben; sie ist im Gegenteil für die meisten unerträglich geworden. Bis zu 94% der Afghanen, so ist den durch Medien verbreiteten Schätzungen zu entnehmen, leiden an Hunger. Viele Menschen, vor allem Kinder, scheinen bereits an Unterernährung und Hunger gestorben zu sein. Fast täglich verübt der IS (Islamischer Staat) derzeit Anschläge auf Moscheen. Nicht überraschend zogen die USA und ihre Verbündeten im Jahr 2021 ihre Truppen aus Afghanistan zurück. Vom schnellen Sieg der Taliban ausgenommen war zunächst nur das Pandshir-Tal, in welchem der 32jährige Sohn Ahmed Massouds, des 2001 durch Al-Quaida ermordete Löwe von Pandshir, eine größere Kampftruppe gegen die Herrschaft der Taliban aufgestellt hatte. Aber auch sie scheinen inzwischen zumindest ihren militärischen Widerstand gegen die Taliban aufgegeben zu haben. Auf dem Flughafen Kabul befanden sich trotz dem am 27. August 2021 durch den IS verübten Anschlag Tausende von Menschen, die verzweifelt versuchten, so schnell wie möglich dem Land zu entkommen. Mehrere zehntausend wurden von den USA, Frankreich und England ausgeflogen; Deutschland konnte nur etwa 5000 Menschen ausfliegen; eine große Anzahl von Helfern der Bundesregierung konnte entweder nicht zum Flugplatz gelangen oder wurde erst gar nicht auf die Liste der zu schützenden Personen gesetzt. In einem lesenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 11. Februar 2022 werden die Versäumnisse nicht nur der alten, sondern auch der neuen Bundesregierung Deutschlands benannt: Die Bestimmungen der Regierung Merkel zum Schutz der für Deutschland arbeitenden Afghanen sind von der neuen Regierung übernommen worden und scheinen, bei näherer Betrachtung, wenig überzeugend und eher mangelhaft zu sein. So lautet einer der zentralen Sätze zum Schutz von Ortskräften, dass alle Afghanen, die von 2013 an für die Bundeswehr, das Auswärtige Amt, das Entwicklungshilfeministerium oder dessen Auftragsorganisation GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) gearbeitet haben,