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Dreißig Jahre nach seiner Flucht aus der DDR fährt Rudolf wieder über die Grenze, um ein Versprechen einzulösen. Sein Leben ist geprägt durch Nazizeit, Krieg und die Geschichte der beiden deutschen Staaten, er hat seinen Weg gefunden, weil er sich immer auf seine Stärken verlassen hat. Erst spät beginnt er zu ahnen, dass nicht nur er einen hohen Preis dafür bezahlt hat.
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Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Paul Horn
Fluchten
Die Geschichte eines unbeugsamen Mannes
www.tredition.de
© 2015 Paul Horn
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Umschlaggestaltung unter Verwendung eines Bildes von Ute Rautenberg, Berlin
ISBN
Paperback:
978-3-7323-5098-8
Hardcover:
978-3-7323-5099-5
e-Book:
978-3-7323-5100-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
für Wolfgang
Prolog
„Die Papiere.“ Keine Miene verzieht der junge Mann in Uniform, als er seine Hand zum geöffneten Wagenfenster streckt.
Rudolf reicht Ausweis, Führerschein und Einreisedokumente und betrachtet das blasse Gesicht mit den Pickeln, kaum zwanzig wird er sein und spricht schon so wie es von ihm verlangt wird.
„Und der junge Mann neben ihnen?“ Der Uniformierte deutet auf Markus, der auf dem Beifahrersitz erst noch seinen Geldbeutel aus der Hosentasche zieht.
„Nun mach’ schon.“ Ungeduldig klopft Rudolf mit den Fingern auf das Lenkrad, dann reicht er Markus Papiere an den Grenzer weiter, der mit den Dokumenten erst einmal in der Baracke verschwindet. Die Autoschlange hinter ihnen wird länger, und auch die Wagen vor ihnen sind noch nicht durch gewunken, er spürt die Schweißperlen auf seiner Stirn und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche, das letzte Mal hat er hier volle drei Stunden warten müssen. Als Markus das Radio andreht, und Werbung für einen Baumarkt aus den Lautsprechern dröhnt, schaltet Rudolf es sofort wieder aus, selbst Beethoven würde er jetzt nicht ertragen. Nicht einmal Vögel hört man hier, durch das offene Schiebedach blendet ihn die Sonne, für einen Moment schließt er die Augen und denkt sich beim Frühstück mit Elisabeth auf der Terrasse., nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Grenzer zurück und über seine blassen Wangen huscht nun sogar ein sparsames Lächeln.
„Und wer von ihnen ist der Bräutigam?“
Rudolf deutet auf seinen immer noch stummen Beifahrer.
„Der junge Mann hier kann es kaum erwarten.“
„Aber sie wissen, dass sie heute wieder ausreisen müssen?“ Der Grenzer schiebt sein Gesicht nun etwas näher ans Fenster und schielt dabei auf die leere Rückbank des Wagens. „Irgendwelche Waren anzumelden?“
Rudolf schüttelt den Kopf. „Nur ein paar Blumen und eine Flasche Sekt.“
„Unseren ‚Rotkäppchen’ mögen sie wohl nicht? Kofferraum aufmachen.“
Rudolf löst den Sicherheitsgurt und steigt aus, warum hat er nur das mit dem Sekt gesagt? Eine Flasche Alkohol ist erlaubt, und sonst führt er dieses Mal nichts Unerlaubtes mit, genügend Zeit haben sie auch noch, soll der junge Kerl ruhig den halben Wagen auseinander nehmen. Die Hitze beginnt sich auf dem brüchigen Betonbelag der Fahrbahn zu stauen. Der Grenzer lässt ihn auch den Koffer öffnen und wühlt sich dann durch Kleider, Unterwäsche und Waschbeutel, mustert das Etikett der Champagnerflasche und leuchtet mit seiner Taschenlampe auch in die dunklen Ecken des Kofferraumes, doch er findet nichts, was nicht sein darf. „Gute Fahrt“, sagt er dann und winkt den nächsten Wagen.
Rudolf startet den Motor. „Blödmann.“
„Der ging doch noch“, sagt Markus und steckt seinen Ausweis wieder ins Portemonnaie.
„Kein Bitte und Danke, das haben die ja auch nicht nötig.“ Rudolf lehnt sich in den weichen Ledersitz des Wagens und atmet tief durch, endlich passieren sie die letzten Gebäude der Grenzanlagen und sind auf der Autobahn. „Wie oft bist du drüben gewesen?“ fragt er seinen Beifahrer.
„Fünf-, sechsmal, gleich beim ersten Mal hatte ich ein paar Magazine und Zeitschriften dabei und musste mich bis auf die Unterhose ausziehen, und du?“
„Viel zu oft“, antwortet er und konzentriert sich auf den Verkehr, „und viel zu lange.“
Es ist kurz vor elf, und schon wieder fühlt er sich müde, am Abend zuvor hat er im Restaurant des Hotels noch spät ein saftiges Rindertatar mit Zwiebeln und Kapern gegessen und zwei alkoholfreie Weißbiere getrunken, sich anschließend im Zimmer durch die verschiedenen Fernsehkanäle gezappt und nach Mitternacht doch noch eine Schlaftablette genommen. Natürlich wieder viel zu spät, und in der Früh ist er kaum aus dem Bett gekommen, erst nach drei Kaffee konnte er sich wieder konzentrieren. Wenn alles überstanden ist, wird er in meterhohen Wellen baden, im weichen Sand liegen und in den Himmel blicken, Salzgeruch in der Nase und Möwengeschrei in den Ohren und nachts endlich wieder gut schlafen.
Auf der Autobahn Richtung Osten ist nicht viel Verkehr, er trinkt die Wasserflasche leer und schiebt eine Jazzkassette ein, ein wenig Hintergrundmusik ist nicht schlecht, denn die Unterhaltung mit dem jungen Mann ist zäh und alles
Wesentliche bereits besprochen.
„Wird schon“, sagt er und blickt kurz zu ihm hinüber, ein bisschen zu mollig ist er für seinen Geschmack.
„Das hoffe ich doch“, antwortet Markus, „schließlich heirate ich nicht jeden Tag.“
„Das geht schneller als du denkst, du wirst sehen, alles halb so schlimm“, mit der rechten Hand deutet er nach hinten, „hol’ doch mal die Ringe aus der Tasche.“
Unbeholfen streift sich Markus den größeren der beiden schmalen Silberringe über seinen rechten Ringfinger und betrachtet das ungewohnte Stück an seiner Hand. „Passt.“
„In ein paar Wochen ist alles vorbei, leider weiß man nie, wie lange sie sich Zeit lassen, aber genau das wollen sie. Dich mürbe machen, aber uns nicht.“
„Was sagst du zu Ungarn?“ unterbricht ihn Markus.
„Die machen jetzt auf europäisch, kann ja nicht schaden“, antwortet er kurz, denn er hat keine Lust, mit ihm über die aktuelle politische Lage zu reden.
„Im September wollen sie frei wählen lassen und haben im Februar bereits ein Mehrparteien-System beschlossen, die Polen wählen schon in vier Wochen, im Osten rappelt es ganz schön.“
„Seit wann interessierst du dich für Politik?“ fragt Rudolf.
„Seit ich betroffen bin?“, ein schwaches Grinsen huscht über Markus breites Gesicht, „Ungarn hat im Mai eine Grenzsperre nach Österreich abgebaut, hast du davon gehört? Vielleicht sollte Anna einfach nach Ungarn fahren?“
„Um sich dann im letzten Moment doch noch von einem überfleißigen Linientreuen abknallen zu lassen? Spinnst du?“ Rudolf drückt das Gaspedal bis auf Anschlag und überholt zwei schwedische Laster mit Anhänger, fährt dann wieder mit den erlaubten achtzig Stundenkilometer auf der rechten Spur weiter und streicht über das lederne Lenkrad, sein fünfter Mercedes, und nie mehr möchte er einen anderen Wagen besitzen.
Auch dieses Mal wird er nichts dem Zufall überlassen, gegen die Magenschmerzen hat ihm Dr. Wecker noch ein neues Medikament verschrieben, so wird er den Tag sicherlich gut überstehen. Seit einer Woche hat er Markus jeden Tag angerufen, auch noch am frühen Morgen vom Hotelzimmer aus, dass der auch rechtzeitig den Zug erreicht. Er hat sich die Ringgröße der Brautleute geben lassen und beim Juwelier zwei Ringe gekauft, hat eine Flasche Champagner und drei Gläser in die Kühltasche gepackt und die Kühlkissen über Nacht in der Hotelküche ins Eisfach legen lassen, hat am Bahnhof einen Blumenstrauß gekauft und die Stiele in einen kleinen Wasserbeutel wickeln lassen.
Gegen halb eins verlassen sie die Autobahn und fahren an grauen Plattenbauten vorbei in die Innenstadt mit verschmutzten Altbaufassaden und lieblos dekorierten Schaufenstern, kein Hauch frischer Farbe an den Häusern, keine Sonnenschirme oder Blumen auf den Balkonen.
„Wir holen sie ab und fahren dann zum Standesamt, um zwei ist der Termin, das schaffen wir leicht“, er wirft einen kurzen Blick auf den jungen Mann, der wieder verstummt ist, „das wird schon, passend angezogen bist du ja bereits.“
„Habe gestern noch neue Schuhe gekauft.“
„Sehr gut, die achten auf alles.“
„Und wann soll ich sie küssen?“
Nun muss Rudolf schmunzeln. „Vorher, hinterher und Immer wenn dir danach ist.“
„Sie ist ganz nett, aber nicht mein Fall.“
„Ist ja auch nicht für die Ewigkeit.“
Sie erreichen die Schubertstraße und parken vor der zweigeschossigen, klassischen ‚Kaffeemühle’ aus den Dreißiger Jahren mit den klaren Proportionen, im Vorgarten wuchern Sträucher und Unkraut, Anna hat also seit Ostern doch nichts mehr gemacht. Haus und Lage haben ihm immer gefallen, daran hat es damals nicht gelegen, er schließt das Schiebedach und zieht den Schlüssel ab. „Aufgeregt?“
Markus fährt sich mit den Fingern kurz durch die Haare. „Schon, irgendwie.“
In zwei Stunden wird der junge Mann verheiratet und um zwanzigtausend Mark reicher sein. Nach seinem Examen will er ein paar Monate reisen, zuerst nach Asien, dann weiter nach Australien und Neuseeland, vielleicht wird auch ein ganzes Jahr daraus werden, die jungen Leute haben heute so ganz andere Vorstellungen vom Leben. Sie steigen aus und gehen die wenigen Stufen zur Haustür hoch, da öffnet Anna bereits die schwere Tür und schlingt sofort ihre Arme um seinen Hals, dann gibt sie Markus die Hand. „Bin ich froh, dass ihr endlich da seid. Kommt rein, ein bisschen Zeit haben wir ja noch.“
Unter dem roten Kostüm trägt sie eine weiße Bluse, noch nie sah sie so erwachsen aus. Sie gehen ins Wohnzimmer, die alten Möbel von früher, denkt er, als er sich in einen der abgenutzten, braunen Ledersessel fallen lässt.
„Was wollt ihr trinken?“ Sie hat ihre dunklen Haare hoch gesteckt, der volle Pony reicht fast bis zu den dunklen Augenbrauen, wie ähnlich sie ihrer Mutter sieht, die Augen sind für seinen Geschmack etwas zu stark geschminkt, aber vielleicht trägt man das jetzt so.
„Ein Kaffee wäre gut“, antwortet er.
„Auch einen?“ Sie sieht Markus an, der sich wie ein aufgeregter Prüfling auf den zweiten Sessel setzt.
Der Kaffee hat ihn wieder munter gemacht, im Badezimmer mit dem großen Waschtisch putzt er sich die Zähne und zieht ein frisches Hemd an, früher hat er sich hier abends manchmal noch einmal rasiert. Damals ist Anna noch längst nicht geboren, ihre Mutter Elisabeth noch ein junges Mädchen und er mit ihrer älteren Schwester Charlotte verheiratet gewesen, mehr als ein halbes Leben ist seither vergangen. Er schließt den obersten Knopf des Hemdes, bindet die Krawatte und zieht das Jackett an, schmal ist er in letzter Zeit geworden, vielleicht ist er wieder so schlank wie er in jungen Jahren gewesen ist, damals, als er in diesem Haus ein- und ausgegangen ist.
Sie sind zu früh gekommen und setzen sich in den Vorraum des Standesamtes, ein abgetretener roter Läufer auf stumpfem Linoleum und gerahmte Kalenderdrucke mit Stadtmotiven an den Wänden, schäbig würde man das bei ihnen nennen. Anna hält den Brautstrauß aus Margaritten und weißen Rosen im Schoß, die freie Hand auf Markus Arm. Die beiden wirken so, wie es sein muss, und das ist vor allem ihr Verdienst. Er betrachtet ihre schlanken Beine in den hohen Pumps, wie alle Frauen der Familie hat auch sie schlanke Fesseln, wenn er wieder zuhause ist, wird er Elisabeth bitten, auch wieder öfter Röcke zu tragen. Der Kaffee treibt, und er geht zur Toilette, nimmt nach dem Händewaschen noch eine Tablette und hofft, dass ihn die Beschwerden bis zum Abend in Ruhe lassen werden. Eine Viertelstunde später betreten sie Raum zweihundertzwölf, und während das Brautpaar schon vor dem großen Eichentisch Platz nimmt, bittet er die junge Standesbeamtin im Hosenanzug um Fotoerlaubnis, die sie ihm natürlich verweigert, was auch sonst.
1
Es ist wie immer an Festtagen, er hat von allem zuviel gegessen und wieder nicht daran gedacht, dass es später noch Kuchen geben wird. Und meist spricht ihn auch noch jemand darauf an, dieses Mal ist es der Opa, der mit dickem Zeigefinger auf seinen Bauch tippt und ihn anlächelt. „Hast du auch noch genügend Platz gelassen?“
Gequält grinst Rudolf zurück, kämpft mit seinen Blähungen und lehnt sich noch ein Stückchen näher an die warme, weiche Kugel unter dem weißen Oberhemd. Opa ist fast so breit wie hoch und trägt seinen Bauch stolz vor sich her, denn er liebt alles, was die Oma für ihn kocht.
„Du musst immer ordentlich essen, mein Junge, damit du groß und stark wirst, sonst machen sie mit dir später was sie wollen.“
Opa riecht wie immer, am Hals nach Rasierwasser und Zigarren und unter den Achseln nach Schweiß.
„Aufgeregt wegen morgen?“, fragt er.
Rudolf schüttelt den Kopf und schmiegt sich noch ein wenig enger an den warmen Bauch.
„Brauchst du auch nicht, mein Junge.“
Er spürt Opas Herzschlag und würde gerne dieses wohlige Gefühl noch ein bisschen länger genießen, doch schon kommt Mutter auf ihren hohen Schuhen aus der Küche und holt aus der Anrichte eine weitere Kuchenplatte, ihre dunklen Haare hat sie mit zwei Kämmen hochgesteckt und in ihrem grünen Kleid sieht sie wie eine schöne Dame aus, nur ihre zusammengepressten Lippen passen nicht dazu. Unruhig sieht sie zur dunklen Standuhr neben der Tür.
„Können sie nicht einmal pünktlich sein!“
„Sie kommen bestimmt gleich, Erna.“ Doch Vaters Stimme klingt genauso angespannt wie Mutters.
„Das sagst du jedes Mal“, antwortet sie schnippisch, wie Sigrun es auch oft macht.
Vaters Eltern wohnen nur einen Stock höher und kommen doch nie pünktlich, und jedes Mal ist Mutter vorher gereizt und Vater versucht sie vergeblich zu beruhigen.
Doch nun mischt sich Opa ein. „Meine Kleine, komm mal her.“
Rudolf gefällt es, wenn Mutter ‚Kleine’ gerufen wird, als wäre sie genauso jung wie er selber. Schon sitzt sie neben Opa auf der Sessellehne und streichelt dessen Hand, jetzt müsste nur noch Vater bei ihnen sitzen, dann wäre es der beste Sonntag der Welt.
„Die Ehe scheint dir gut zu tun, mit jedem Tag wirst du schöner“, sagt Opa und fährt mit seinen Fingerspitzen über Mutters feines Kleid, „und ein feiner Stoff ist das, bist eine richtige Dame geworden, mein kleines Mädchen.“
Vaters Geburtstag fällt auf den Ostermontag, das Esszimmer ist mit bunten Ostereiern und Figuren geschmückt und der große Tisch mit dem guten Kaffeegeschirr gedeckt. Fünfundvierzig Jahre wird Vater, hat ihm Sigrun am Morgen erklärt, unvorstellbar alt, dabei kann er mit keinem soviel lachen wie mit ihm, vielleicht noch mit Mathilde. In der Früh hat es Rührei mit Speck gegeben, mittags Rouladen mit Kartoffelbrei, und Vater hat sich über die beiden Krawatten, das neue Hemd, Sigruns Gedicht und auch über seine kleine, mit Muscheln beklebte Holzkiste gefreut.
Mutter streicht ihr Kleid glatt und zieht ihn von Opas Schoss mit in die Küche. „Komm Junge, lassen wir die Männer mal alleine.“
Lustlos trabt er hinter ihren hohen Schuhen her, doch in der Küche riecht es gut nach heißem Kakao und frischem Kaffee, Oma schneidet ihren Streuselkuchen auf und legt die einzelnen Stücke auf die feine Kuchenplatte. „Und wie geht’s meinem süßen Molli?“, zwinkert sie ihm zu und streicht ihm dabei über die Haare, „nach dem Kaffeetrinken lese ich euch noch eine schöne Ostergeschichte vor.“
„Aber ich kann schon selber lesen“, ruft Sigrun natürlich sofort mit ihrer hohen Piepsstimme, immer muss sie sich wichtig machen. Rasch schiebt er sich ein paar Kuchenkrümel vom Backblech in den Mund, geht in den Flur und lehnt sich an die offene Tür zum Wohnzimmer, von hier kann er die Männer in den Ledersesseln beobachten und hört noch genügend vom Gespräch der Frauen in der Küche. Sigrun folgt ihm, schneidet im Vorbeigehen eine freche Grimasse, setzt sich im Wohnzimmer mit ihrem Buch auf Opas Schoss und beginnt wie eine Musterschülerin aus ihrem Märchenbuch vorzulesen, am liebsten würde er das Buch aus dem Fenster werfen und sie wegschubsen. Immer ist sie im Weg, und nur weil er ein Junge ist, muss er sich zurückhalten. Seine Finger krallen sich am Hosenstoff fest, hoffentlich ruft ihn wenigstens Vater zu sich, doch der bindet gerade seine Schnürsenkel nach und sieht dann zur Standuhr.
„Wo sie nur eine Treppe runter müssen, aber das wird sich nie mehr ändern.“ Mutter ist nun noch aufgebrachter, und Oma versucht sie zu beruhigen. „Bei uns hättet ihr es einfacher gehabt, aber Hauptsache, ihr zwei seid euch einig, und Karl hält zu dir.“
Die beiden Frauen haben ihn wohl vergessen.
„Der Junge hat sich so über seinen neuen Roller gefreut“, hört er Mutters Stimme, „das war wirklich das richtige Geschenk. Immer ist er in Bewegung und kann gar nicht still sitzen, das wird was werden mit der Schule, er will nicht lesen und rechnen lernen, sondern am liebsten den ganzen Tag nur draußen rumtoben und spielen.“
„Das wird schon noch“, antwortet Oma, die nun mit dem Schneebesen die Kuchensahne schlägt.
„Hoffentlich, morgen geht’s los, und ich schlafe schon seit Tagen schlecht.“
„Bis Weihnachten wird er es gelernt haben, glaube mir, ich habe sechs Kinder durch die Schule gebracht, und das war noch bei jedem so, spätestens Weihnachten sind sie gezähmt.“
„Mit Sigrun war es überhaupt kein Problem, von Anfang an ist sie fleißig und brav gewesen“, sagt Mutter.
„Sie ist eben ein Mädchen“, Oma löffelt die steife Sahne in eine feine Porzellanschale um“, „sonst alles in Ordnung?“
„Ja, alles bestens“, antwortet Mutter wie eine brave Schülerin.
„Karl ist noch dünner geworden.“
„Wenn du mich fragst, läuft er einfach zuviel, nach der Arbeit rennt er jeden Abend noch auf dem Sportplatz seine Runden. Aber er hat eben seinen eigenen Kopf, da kann ich reden, was ich will.“
„Wie viele Stücke hast du denn schon gegessen?“ Die Stadtoma mustert ihn über den Rand ihrer runden Brille, hoffentlich wird seine neue Lehrerin nicht auch so wie ein kranker Vogel aussehen. Viel zu hastig schluckt er den süßen Brei in seinem Mund hinunter und muss dann erst einmal kräftig husten. „Vier, aber ich nehme noch eins.“
„Streuselkuchen oder Eierschecke?“
„Am besten von jedem eins“, antwortet er, obwohl ihm der Streuselkuchen viel besser schmeckt.
„Das sind dann aber zwei“, sagt die Stadtoma sofort, „es wird wirklich Zeit, dass du in die Schule kommst.“
„Nun lass doch den Jungen, Mutter“, mischt sich Vater zum Glück ein. Herzhaft beisst Rudolf in den Streuselkuchen, Sigrun hat ihre Gabel bereits nach nur zwei Stücken schräg auf den Teller gelegt, wie langweilig sie doch ist, und wie schrecklich diese Familienfeiern, wenn alle Großeltern zu Besuch sind. Dann ist Mutter zwar immer besonders schön angezogen, doch Vater viel zu ernst, Sigrun spielt das brave Mädchen und er isst noch mehr Kuchen als sonst.
„Freust du dich auf die Schule?“ Nun fängt der Stadtopa auch noch davon an, der hagere Mann mit seinem Monokel vor dem rechten Auge.
„Ja, natürlich“, antwortet er rasch, dem anderen Opa hätte er natürlich etwas anderes gesagt, doch zu dem einen kann er eben ehrlich sein und dem anderen sagt er besser das, was der hören möchte. Dann ist es auf den Familienfeiern viel leichter, das hat er längst begriffen, und so schwierig ist es auch gar nicht. Er nimmt noch einen Schluck Kakao und stellt seine Schuhspitzen auf den Teppich, seit ein paar Tagen baumeln seine Füße beim Sitzen endlich nicht mehr in der Luft.
Dann sitzen sie auf dem Sofa, und Sigrun liest wieder aus ihrem langweiligen Märchenbuch vor, er riecht das süße Parfüm der Stadtoma und rückt ein wenig von ihr ab, zieht seine Kniestrümpfe hoch und hält sich die Hände an den Bauch. Warum nur haben sie auch wieder ein regelrechtes Wettessen mit ihm veranstaltet, wie gerne würde er jetzt unten im Garten mit seinem neuen Roller fahren. Morgen bringt ihn Mutter zum ersten Mal in die Schule, jeden Tag wird er nun früh aufstehen müssen und keine Zeit mehr zum Spielen haben, wird auch nicht mehr vormittags alleine mit Mathilde in der Küche sein, sie nicht mehr beim Einkaufen begleiten und nicht mehr die Enten im Park füttern können. Vielleicht sollte er einfach noch mehr Kuchen essen, sodass er vor lauter Bauchschmerzen nicht in die Schule gehen muss.
„Lass mal den Jungen zu uns rüber“, ruft in diesem Moment Vater.
Erleichtert springt Rudolf vom Sofa, läuft zu der kleinen Sitzgruppe unter den beiden Fenstern und hüpft auf Vaters Schoss.
„Morgen ist dein großer Tag“, sagt er.
Vater wird doch jetzt nicht auch all diesen Unsinn sagen, den er in letzter Zeit von allen zu hören bekommt, vom Ernst des Lebens, dass man fürs Leben lernt und er hoffentlich auch so fleißig sein wird wie Sigrun.
„Das mit der Schule wirst du schon machen und bestimmt auch bald ein guter Läufer werden“, beruhigt ihn Vater.
„Bekomme ich auch Laufschuhe?“
„Die kaufen wir gleich morgen und gehen anschließend ins Stadion. Als guter Läufer kann einem nämlich nichts Schlimmes im Leben passieren, man bleibt gesund und kommt überall hin“, Vater lacht und streicht ihm übers Haar, „und nächstes Jahr fahren wir nach Berlin und werden die schnellsten Läufer der Welt sehen, versprochen.“
Er öffnet seine rechte Hand, und Rudolf klatscht seine drauf, einmal, zweimal und dann noch ein drittes Mal, ihr gemeinsamer Schwur.
„Und deine ersten Neger wirst du dann auch sehen“, schmunzelt der Opa und nimmt einen tiefen Zug an seiner Zigarre.
2
Durch das offene Fenster hört er bereits die zwitschernden Vögel und nichts hält ihn mehr im Bett, am liebsten würde er gleich barfuss über das taufeuchte Gras im Garten laufen und mit seinem Roller rüber zu Klaus fahren. In der Wohnung ist es still, alle scheinen noch zu schlafen, es ist Samstagmorgen, und seit einer Woche sind Sommerferien, seine ersten. Am liebsten würde er nur noch Ferien haben wollen und nie mehr in die Schule gehen müssen, keine Rechenaufgaben mehr lösen, keine Diktate mehr schreiben und vor allem nicht mehr stundenlang still auf der Bank sitzen müssen. Nach dem Mittagessen werden sie mit Mathilde wieder ins Freibad gehen und dort auch Klaus treffen. Seitdem sie zusammen in dieselbe Klasse gehen, sitzen sie nicht nur nebeneinander auf der Bank, sondern verbringen auch die Nachmittage zusammen. Sigrun bleibt lieber zuhause, bastelt unnütze Dinge, liest oder lernt für die Schule. Schade, dass er keinen Bruder hat, aber nun hat er ja einen Freund. Und der hat zwei ältere Brüder, die auch manchmal mit ihnen spielen. In den Osterferien haben sie im hinteren Teil des Gartens zusammen eine kleine Holzhütte gebaut, wobei Klaus und er eigentlich nur den Großen Nägel und Werkzeuge gereicht und den Rest der Zeit zugesehen haben, aber egal. Klaus ist jetzt auch Mitglied im Sportverein und obwohl er beim Laufen und Springen nicht so gut ist, streiten sie sich nie. Das würde ihm im Traum nicht einfallen. Und einen Tag ohne seinen Freund kann er sich auch nicht mehr vorstellen.
Er streckt sich ein paar Mal der Länge nach aus und schiebt dann die Decke weg, durch das offene Fenster scheint nun die Sonne auf seine Beine. Er hat dieselben schlanken Füße wie Vater und wird hoffentlich später auch einmal genauso groß werden und natürlich auch genauso schnell. Endlich hört er Topfklappern aus der Küche, springt aus dem Bett und steht schon in der Küche. Auf dem Herd kocht die Milch, beide Fenster zur Straße sind geöffnet und Mathilde schneidet gerade das Brot. „Gut geschlafen?“ fragt sie und stellt einen Becher warmen Kakao auf seinen Platz.
Er liebt es, morgens mit ihr alleine in der Küche zu sein und ihr bei der Arbeit zu zusehen, während er seinen Kakao trinkt. Obwohl er schon ein Schulkind ist, schmiert sie ihm immer noch seine Brote, jeden Morgen zwei mit Honig und zwei mit Marmelade. Über ihrem geblümten Sommerkleid trägt sie eine blaue Schürze und gießt sich einen Kaffee ein. „Deinem Vater geht es wieder schlechter, deine Mutter war die halbe Nacht wach und hat sich noch mal hingelegt, hoffen wir mal, dass er bald wieder gesund wird.“
Er beißt in das Honigbrot und genießt die klebrige Süße, schon die ganze Woche liegt Vater im Bett und steht nur selten auf, wenn er im Schlafanzug ins Badezimmer oder auf die Toilette geht, erkennt er ihn kaum wieder, so dünn ist er geworden. Es sei eine heftige Sommergrippe, hat Mutter ihm erklärt, und oft hört er ihn durch die geschlossene Schlafzimmertür auch heftig husten. Mutter sitzt die meiste Zeit bei ihm und ist mittlerweile auch schon ganz blass und schmal geworden. Jeden Morgen kommt Alfons nun aus dem Geschäft hoch, trinkt zuerst bei Mathilde in der Küche einen Kaffee und geht dann hinüber ins Schlafzimmer, sicher um wichtige Dinge mit Vater zu besprechen. Jetzt im Sommer ist zwar nicht viel los im Laden, aber in der Werkstatt wird natürlich für den Winter gearbeitet, das zumindest weiß er. Gerne ist er nicht dort unten, denn die Felle riechen schlecht, und meistens wird ihm davon richtig übel. Zu Pfingsten hat Vater bei seinem ersten Dreikampf noch auf der kleinen Tribüne des Stadions gestanden und ihm anschließend zum zweiten Platz gratuliert, doch seither ist er nicht mehr mit ihm ins Stadion gegangen und ist auch selber keine Runden mehr gelaufen. Mutter sagt, er habe einen starken Virus bekommen, der ihn sehr schwächt, aber er kann sich darunter nichts vorstellen, vielleicht sitzt ja ein böses Tier in Vaters Körper. Er nimmt die zweite Scheibe vom Teller und schiebt die Zeitung näher, auf der ersten Seite das Bild vom neuen Olympiastadion in Berlin.
Mathilde schüttet warmen Kakao nach. „Heute ist es soweit, ich bin schon ganz aufgeregt“, sagt sie.
„In der Schule haben wir einen Brief geschrieben und die Lehrerin sagt, dass ein richtiger Zeppelin heute über das Stadion fliegt und alle Schülerbriefe abwerfen wird. Stell dir das mal vor, wenn die alle auf einmal vom Himmel runterfliegen.“
„Achtzigtausend Menschen haben Platz, es ist das größte Stadion der Welt.“
„Auf den Umschlag haben wir die Adresse unserer Schule geschrieben, und nach den Ferien bekommen wir ihn bestimmt mit einem Stempel aus dem Zeppelin zurück.“
„Noch einen Kakao?“, fragt Mathilde.
Er nickt und schiebt seinen leeren Becher über den Tisch. „Vater fährt mit mir nach Berlin, und wir werden im Stadion den schnellsten Menschen der Welt sehen, das hat er mir versprochen.“ Er beugt sich über die Zeitung und betrachtet das Bild des schwarzen Mannes im Trainingsanzug. „Ist er das?“
Mathilde nickt. „Jesse Owens, so schnell wie er ist niemand. Und so weit wie er springt kein anderer.“
„Hören wir abends wieder Radio?“ fragt er. Die letzten Abende haben sie auf dem Sofa im Wohnzimmer verbracht, er hat seinen Kopf in ihren Schoß gelegt, und sie haben den Berichten von der Vorbereitungen zur Olympiade gelauscht.
„Freilich, aber jetzt mache ich erstmal den Kartoffelsalat, dann können wir schon mittags ins Freibad, es sollen heute über dreißig Grad werden.“
„Kann ich schon zu Klaus?“
„Aber vorher werden die Zähne geputzt, und sei leise, damit deine Eltern nicht wach werden, und um zwölf bist du wieder da.“
Die ersten Läden haben bereits geöffnet, Hausfrauen und Dienstmädchen machen ihre Einkäufe und beim Fleischer stehen sie schon bis zum Bürgersteig. Nach ein paar Metern biegt er in die Wilhelmstraße ein und bleibt vor einem hell verputzten, zweistöckigen Haus stehen. Im Garten haben Klaus und seine Brüder bereits mit Steinen eine Laufstrecke abgesteckt und in regelmäßigen Abständen auch Eimer und leere Blumentöpfe als Hindernisse aufgestellt.
„Übt ihr schon lange?“ ruft er, während er das Gartentor öffnet.
„Heute schlage ich dich, pass auf“, antwortet Klaus mit rotem Kopf und breitem Grinsen im Gesicht.
„Das glaubst auch nur du“, lacht er ihn an.
Beim Start hocken sie sich genauso hin, wie sie es auf den Bildern in der Zeitung gesehen haben, und rennen so schnell sie können über die Eimer bis zur Ziellinie. Auch dieses Mal ist er schneller als sein Freund, aber das trübt nicht im Mindesten ihre gute Laune.
Um die Mittagszeit ist das Freibad bereits gut besucht, Mathilde geht zur großen Kastanie, breitet die karierte Decke auf dem Rasen im Schatten des Baumes aus und stellt die beiden großen Körbe daneben. Sigrun und er streifen sofort ihre Kleider ab und rennen in Badesachen zum Schwimmbecken, er springt von der Seite ins kalte Wasser und fühlt sich gleich wie ein Fisch, nach den ersten langen Zügen taucht er wieder auf und sieht seine Schwester am Beckenrand mit ihren Freundinnen stehen, auch im Wasser müssen Mädchen immerzu reden. Wieder taucht er unter und nähert sich ihnen, ihre nackten Beine zappeln unter Wasser, wie gerne würde er sie in die Füße zwicken, dann würden sie laut kreischen und nach ihm treten. Als er wieder auftaucht, sieht er Klaus mit seinen Brüdern über den Rasen gehen, mit einem Satz ist er aus dem Wasser und läuft ihnen entgegen. „Wir liegen unter der Kastanie und haben Kartoffelsalat, Würstchen und Limonade dabei.“
Den ganzen Nachmittag verbringen sie im Wasser, auf Schaukeln und Wippen oder spielen Fußball, seine ersten Sommerferien gefallen ihm. Er ist mit seinem Freund jeden Tag im Freibad, heute wird die Olympiade eröffnet, und bald wird er mit Vater nach Berlin fahren und dort endlich auch den schnellsten Mann der Welt sehen.
Als sie gegen sechs Uhr nach Hause kommen, sitzen Mutter und die Stadtoma mit geröteten Augen am Küchentisch und weinen, er mag gar nicht hinsehen. Möchte sie trösten und gleichzeitig wieder zurück ins Freibad rennen, hastig greift er Mathildes Hand.
„Kinder, es ist ganz schrecklich“, die Stadtoma hält sich die Hände vor das Gesicht, „ganz furchtbar, euer Vater …“
Mathildes Finger drücken sich fester um seine Hand, dann zieht sie ihn und Sigrun aus der Küche hinüber ins Wohnzimmer.
„Was ist mit Vater?“, fragt er und starrt auf ihre zitternden Lippen, „warum weinen …“
„Der Herr …“, flüstert sie und schiebt sie zum Sofa.
„Ist er tot?“ schreit Sigrun und rennt zurück in die Küche. Mathilde versucht gar nicht, sie aufzuhalten, sondern fällt auf das Sofa und zieht ihn zu sich herunter, und schon sitzt er auf ihrem Schoß, legt seinen Kopf an ihr dünnes Sommerkleid und spürt ihre Tränen auf sein Gesicht tropfen. Noch nie hat er sie weinen sehen. Durch die offenen Fenster hört er Vögelgezwitscher und aus der Küche Weinen, ob es Vater im Schlafzimmer auch hört?
„So jung noch …“, Mathildes Finger greifen seinen Oberarm.
Beim letzten Lauf hat er vorhin sogar fast Klaus Brüder eingeholt, wenn er jeden Tag fleißig übt, kann er sie bestimmt bald überholen und wird am Ende der Ferien der Schnellste von ihnen sein. Vater wird sich freuen. Langsam beginnt sein Oberarm zu schmerzen, doch er wagt nicht, ihn zu bewegen. Mathildes Tränen tropfen auf sein Gesicht, seine Wange liegt weich an ihrem Kleid, und er schließt für einen Moment die Augen. „Vater ist nicht wirklich tot, oder?“
Doch sie antwortet nicht, löst nun ihre Finger von seinem Arm und streicht über seine Haare. Als sie auf seinem linken Ohr liegen bleiben, spürt er die erste Träne in seinem Auge, doch er wischt sie mit der verschwitzten Hand ab und sieht zum offenen Fenster. Mutter weint mit Oma und Sigrun in der Küche, aber Mathilde ist bei ihm, er drückt seine Wange noch ein bisschen näher an die warme Wölbung unter ihrem Kleid, riecht die letzten Reste ihrer Sonnencreme und schließt die Augen.
Als sie das Schlafzimmer betreten, sind die dunklen Vorhänge zugezogen, auf beiden Nachtschränken brennen Kerzen und tauchen das Zimmer in ein feierliches Licht, doch die Luft ist so stickig, dass er am liebsten sofort wieder hinausrennen möchte. Mit den Fingern nestelt er an den Umschlägen seiner kurzen Hose. Wie soll er es zum breiten Bett der Eltern schaffen? Unter dem großen Bild mit den Schwänen liegt Vater auf dem weißen Kissen, die dunklen Haare sind nach hinten gekämmt, Augen und Lippen fest geschlossen. So hat er ihn noch nie gesehen, vielleicht liegt dort doch ein Fremder? Sicher wird sich Vater gleich bewegen, kurz lächeln, meinetwegen auch husten, doch während er neben sich das leise Schluchzen der Frauen hört, bewegt sich in Vaters Gesicht nichts, gar nichts mehr bewegt sich auf den eingefallenen Wangen und den geschlossenen Lidern. Noch nie hat er ihn so liegen sehen, denn wenn er nachmittags oder am frühen Abend manchmal auf dem Sofa einschläft, dann mit einer Hand unter der Wange auf der Seite, und dabei sieht er immer glücklich aus. Doch jetzt liegt er mit dem Hinterkopf auf dem weißen Kopfkissen, ist still und sieht gar nicht zufrieden aus. Bitte, sag doch etwas, irgendetwas, bitte. Mit den Kerzen auf den Nachttischen sieht es aus wie Weihnachten, aber er hat kurze Hosen und Sandalen an und ist im Freibad gewesen. Weshalb kann Vater nicht wenigstens unter der großen Kastanie auf der karierten Decke liegen, dann könnte er sie lachen und im Wasser planschen hören. Mutter steht neben ihm und sieht in ihrem schwarzen Kleid genauso alt aus wie die Stadtoma, die sie doch gar nicht mag. Wann hören die Frauen endlich auf zu weinen? Er streicht seine feuchten Hände an der kurzen Hose ab und sieht auf das blasse Gesicht des Vaters, wie gerne würde er ihn berühren, seine warmen Hände spüren und wieder sein Lachen hören. An den Füssen ist Vater kitzelig, genau wie er auch, manchmal bringen sie sich sonntagnachmittags auf dem Sofa gegenseitig zum Lachen. Komm, lass uns rüber gehen ins Wohnzimmer, sollen die Frauen ruhig hier bleiben und weiter weinen. Die warme, stickige Luft des Zimmers, das Wimmern um ihn herum und Vaters stilles Gesicht, ganz fest drückt er jetzt die Augen zusammen, weil er nichts mehr sehen, nur noch hinausrennen und nie wieder an all das hier denken möchte, einfach vergessen und ausradieren will wie eine falsche Zeile beim Aufsatz in seinem Schulheft.
Später als sonst hat Mathilde ihn ins Bett gebracht, hat sich noch zum ihm gesetzt und auf einmal vom Himmel erzählt, in den Vater jetzt kommen wird, und als sie ihn danach zugedeckt und ihm einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hat, sind ihre Augen wieder feucht gewesen, und seine auch. Nachdem sie das Licht gelöscht und die Tür geschlossen hat, zieht er die Decke noch ein bisschen höher, vielleicht hat sie recht, und Vater kann nun immer von oben zusehen, sitzt in einer weichen Wolke und sieht zu ihnen hinunter, doch von Klaus hat er mal gehört, dass ein toter Mensch in eine Holzkiste gelegt und in der Erde vergraben wird. Der Stadtopa liegt auch seit Ostern unter dem mächtigen Baum auf dem Friedhof, und manchmal legen sie sonntags dort Blumen vor den großen Stein. Wenn Vater auch dort hinkommt, kann er ihn oft besuchen und von seinen neuen Zeiten erzählen. Morgen wird er Mathilde noch einmal genau fragen, wie das mit dem Himmel und der Erde ist, aber ganz egal, wohin Vater kommen wird, nach Berlin wird er nun nicht mehr mit ihm fahren können. Vielleicht hat Klaus eine Idee, wie sie doch noch zusammen ins große Stadion kommen können, unruhig suchen seine Hände unter der Decke nach seinem Teddy und erst als er ihn ganz dicht an seine Brust drückt und sein Gesicht in das weiche Fell gräbt, kann er endlich einschlafen.
Am Montagmorgen sitzt er bei Mathilde in der Küche, trommelt mit den nackten Füssen auf den Fußboden und wartet ungeduldig auf sein Frühstück. Unter ihrer blauen Schürze trägt sie dasselbe schwarze Kleid vom Sonntag, auch Sigrun hat gestern etwas Dunkles getragen. Endlich stellt Mathilde den Becher mit dem warmen Kakao auf den Tisch und daneben den Teller mit den Broten, gierig greift er sich das erste Honigbrot und beißt hinein.
„Na wenigstens dir schmeckt es“, sagt sie und streicht ihm über die Haare, „hast dich gestern ja auch ordentlich ausgetobt und bist auf andere Gedanken gekommen.“
Zuerst hat er nicht mitfahren wollen, doch dann ist der Sonntag auf dem Hof doch schön gewesen, er hat mit Opa frische Eier im Hühnerstall gesammelt, Kirschen gepflückt und mit Leo auf der Wiese getobt, wie gerne hätte er auch einen eigenen Hund. Am Nachmittag hat es Streuselkuchen und süße Schlagsahne gegeben und auf der Rückfahrt ist er im Zug in Mathildes Armen eingeschlafen. Zuhause haben Mutter und die Stadtoma bei zugezogenen Vorhängen schweigend im Wohnzimmer gesessen, wieder haben sie die scheußlichen schwarzen Kleider getragen, und die Tür zum Schlafzimmer ist wie in den letzten Wochen geschlossen gewesen.
„Kann ich wieder zu ihm?“
„Rudolf …“, die Stadtoma hat zu stammeln begonnen, „das geht nicht … sie haben ihn schon abgeholt.“
„Aber ich muss ihm doch noch was erzählen …“
Da hat sie sich zu ihm hinuntergebeugt und ihren Kopf ganz nah vor sein Gesicht gehalten, und ihre Stimme ist so leise geworden, dass er sie kaum verstehen konnte. „Vielleicht magst du es mir sagen?“
Doch er hat nur den Kopf geschüttelt, denn das geht nur Vater und ihn etwas an, nur mit ihm kann er immer über alles reden.
„Oder hat’s dir gestern auf dem Hof nicht gefallen?“ Mathilde reißt ihn aus seinen Gedanken, sie bestreicht ein neues Brot mit Erdbeermarmelade und schiebt es anschließend auf seinen Teller. Draußen scheint schon die Sonne, aber er traut sich nicht, wieder nach dem Freibad zu fragen.
„Wie alt bist du?“ fragt er stattdessen zwischen den beiden nächsten Bissen.
„Was du alles wissen willst.“
„Sag es mir.“
„Achtzehn“, antwortet sie.
„Ich bin sieben, und wie alt ist Sigrun?
„Das weißt du doch, neun.“
„Und Mutter?“
„Vierunddreißig.“
„So alt?“
„Na hör’ mal, das darfst du aber nicht sagen.“
Er nimmt einen großen Schluck Kakao und beginnt mit dem zweiten Brot. „Und wie alt ist Vater?“
„Sechsundvierzig.“
„Und wenn ich groß bin, wie alt bin ich dann?“
Nun lächelt Mathilde. „Ach Rudolf, wenn du einundzwanzig bist, dann bist du erwachsen.“
„Und wie lange dauert das noch?“
„Noch zweimal solange wie du jetzt schon lebst, das Einmaleins lernst du nächstes Jahr.“
„Ich will aber nicht wieder in die Schule.“
„Musst du aber, und sei froh, dass du viel lernen kannst.“
Er greift zur Zeitung, es gibt Extraseiten von der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, auf einem Bild segeln viele kleine weiße Briefe vom Himmel hinunter in das Stadion. „Sieh’ mal, unser Brief ist hoffentlich auch dabei.“
„Bestimmt.“
„Steht hier eigentlich auch, wie schnell der Amerikaner läuft?“
Mathilde kommt an den Tisch und blättert die Zeitung durch. „Letztes Jahr ist er die hundert Yards in 9,4 Sekunden gelaufen, das ist Weltrekord.“
„Und was sind Yards?“
Wieder sieht sie in die Zeitung. „Das sind 91,44 m, also etwas weniger als einhundert Meter.“
„So viele Zahlen.“
Sie lacht und streicht ihm mit der Hand über den Kopf.
„Du bist mir einer, erst willst du alles genau wissen, und dann ist es dir zuviel, du musst noch viel lernen, bis du groß bist.“
„Vielleicht will ich gar nicht groß werden?“, er grinst sie an und schiebt das letzte Brotstück in den Mund, „kann ich gleich rüber zu Klaus?“
„Aber zum Mittagessen bist du wieder da.“
Im Flur läuft er Mutter in die Arme, sie ist noch im Nachthemd und trägt ihre langen dunklen Haare offen, das sieht viel schöner aus als tagsüber, wenn sie die Haare mit ihren Kämmen hochsteckt. „Na mein Kleiner, schon gefrühstückt?“
Er schmiegt sich an sie, wie schön sie ist, immer sollte sie ihr weiches Nachthemd tragen.
„Willst du schon wieder zu deinem Freund?“ fragt sie ihn.
„Mathilde hat’s erlaubt.“
„Na, dann lauf mal los.“
Nachher muss er gleich mit Klaus besprechen, wie sie doch noch nach Berlin kommen können, und am Nachmittag werden sie alle wieder zusammen im Freibad sein. Vielleicht haben sich die Großen nur getäuscht, oder ihm nicht die Wahrheit gesagt, und in dem großen Bett ist doch ein anderer gelegen, und Vater ist nur für eine Weile verreist, irgendwann wird er wiederkommen und gesund sein und mit ihm wieder zum Sportplatz gehen.
Auf der Treppe kommt ihm Alfons entgegen, wie immer hängt der faule Fellgeruch aus der Werkstatt an ihm. „So früh schon unterwegs?“
„Ich gehe rüber zu meinem Freund,“ antwortet Rudolf.
„Das ist recht, genieße deine Ferien, mein Junge.“
Fest presst Rudolf seine Lippen zusammen und geht rasch an dem stattlichen Mann vorbei, ich bin nicht dein Junge und werde es auch nicht werden, auch wenn du weiterhin jeden Morgen in unsere Wohnung kommst und statt mit Vater nun mit Mutter über das Geschäft sprichst. Wenn es nach ihm ginge, sollte es das Geschäft und die stinkende Werkstatt überhaupt nicht mehr geben, aber leider ist er erst sieben und niemand hört auf ihn.
Fest drückt er den Klingelknopf neben der dunklen Eingangtür, gleich wird er seinem Freund von Vater erzählen, und dass dieser bestimmt bald wiederkommen wird. Er will ihm auch vom Weltrekord des schwarzen Amerikaners berichten und auch vom Unterschied zwischen Metern und Yards. Sie werden im Garten wieder Hürdenlauf üben und bestimmt eine Möglichkeit finden, nach Berlin zu kommen. Endlich öffnet sich die schwere Haustür und das pummelige Hausmädchen Berta sieht ihn verwundert an.
„Rudolf, du?“
„Guten Morgen, kann ich zu Klaus?“
„Aber er ist doch nicht da“, antwortet sie.
„Wie, er ist nicht da?“
„Sie sind doch in die Ferien gefahren.“
„In die Ferien?“
„Ja, nach Bayern. Hat er dir das nicht erzählt?“
Er schüttelt den Kopf. „Das kann nicht sein.“
„Du glaubst doch nicht, dass ich dich anlüge? Sie sind mit dem Zug vorgefahren, nur der Herr Doktor ist noch da, er muss noch in der Praxis arbeiten und wird nächste Woche nachfahren, wieder an den Chiemsee.“
Ungläubig starrt er auf Bertas breite Lippen und kann nicht glauben, was er hört. Während er gestern zu den Großeltern gefahren ist, ist sein Freund bereits im Zug nach Bayern gewesen. Dabei wollten sie in den Ferien jeden Tag Hürdenlauf üben und nachmittags ins Freibad gehen, und jetzt muss er ihm doch unbedingt von Vater erzählen.
„Magst du reinkommen, ich habe noch Limonade da, die magst du doch so gerne“, fragt Berta, doch er ballt bereits seine Hände zu kleinen Fäusten und trottet die Treppenstufen hinunter, öffnet das Gartentor und schleicht über den Bürgersteig Richtung Hauptstrasse. Klaus ist gestern nach Bayern in die Ferien gefahren und hat ihm nichts davon gesagt, dabei sind sie doch die besten Freunde. An der Kreuzung nimmt er nicht den Weg nach Hause, sondern geht weiter zum Marktplatz, vor ein paar Tagen erst hat Vater noch auf dem Sofa gelegen und hat seine geliebte Opernmusik gehört, die Nadel des Grammophons ist über die Rillen der Schallplatte geglitten, und er hat neben ihm gesessen und seine weiche Hand gehalten. Vielleicht hat er doch alles nur geträumt, und Vater liegt zuhause wieder auf dem Sofa und wartet auf ihn. Rudolf beginnt zu rennen, biegt nach ein paar Metern nach rechts und läuft die Gustavstraße bis zum Ende, hastet die Treppenstufen hinauf und klingelt. Vater ist nicht im Himmel oder unter der Erde, sondern wartet oben in der Wohnung auf ihn, gleich wird er sich zu ihm auf das Sofa setzten, seine Hand halten und dann werden sie wie immer zusammen die schöne Musik hören.
3
Für sie fällt heute die Schule aus, und trotzdem haben sie früh aufstehen müssen. Lustlos beißt er in sein Honigbrot, zu allem Unglück hat Mathilde auch noch den Kakao zu lange auf dem Herd stehen lassen, sodass er sich schon beim ersten Schluck fast die Lippen verbrennt. „Der ist zu heiß“, schimpft er.
„Dann lass ihn abkühlen.“
„Ich habe aber Durst.“
„Jetzt reiß dich zusammen.“ Mathilde holt bereits den dritten Kuchen aus dem Backofen, sie muss schon sehr früh aufgestanden sein.
Sigrun stellt sich im Nachthemd und mit nassen Haaren ungeduldig in die Tür. „Machst du mir Zöpfe?“
„Frühstücke erst einmal“, antwortet Mathilde und füllt für sie einen zweiten Becher Kakao.
„Aber ich will die Zöpfe, bevor ich das Kleid anziehe.“
„Die Haare sind doch noch nass, wir machen dich zum Schluss.“
„Ich will aber nicht zum Schluss drankommen, dann hast du wieder keine Ruhe, und es ziept und tut weh.“
„Dann schneide dir die Haare doch ab“, zischt er dazwischen.
„Du bist blöd“, faucht Sigrun zurück und setzt sich an den Tisch.
„Selber blöd, blöde Ziege.“
„Mathilde, hast du das gehört, er hat blöde Ziege zu mir gesagt.“
„Blöde Petze“, kann er gerade noch knurren, bevor Mathilde dazwischen geht. „Jetzt ist Schluss, ihr frühstückt, und ich will nichts mehr hören.“
Doch sie werfen sich weiter böse Blicke zu und beginnen sofort, sich unter dem Tisch gegenseitig zu treten.
„Hört auf, heute wird nicht gestritten“, ruft Mathilde von der Spüle aus, „schämt ihr euch denn gar nicht, wo heute gefeiert wird.“
„Ich will aber nicht feiern“, widerspricht er und beißt in sein Brot. Seit Tagen schon geht ihm alles gegen den Strich. „Freust du dich denn gar nicht?“ Mathilde wischt sich ihre feuchten Hände an der blauen Schürze ab und schüttet den restlichen Kakao in seinen Becher.
„Warum denn freuen?“
Ihre blauen Augen fixieren ihn. „Deine Mutter hatte es in der letzten Zeit schwer genug, wir freuen uns doch alle für sie.“
Doch er weicht ihrem Blick aus. „Ich aber nicht.“
Sigrun tritt wieder gegen sein Schienbein. „Du Spielverderber, blöder kleiner Spielverderber.“
„Und du freust dich doch nur, weil du ein neues Kleid bekommen hast.“
Sofort rollen bei seiner Schwester die Tränen.
„Typisch Mädchen, lassen sich mit Kleidern bestechen. Und wenn man die Wahrheit sagt, fangen sie gleich an zu heulen.“
Aber nun platzt Mathilde die Geduld. „Du gehst sofort in dein Zimmer und ziehst dich um, ich habe alles auf den Stuhl gelegt, in einer Stunde müssen wir los, marsch.“
Der neue Anzug und das frisch gebügelte weiße Hemd können ihm gestohlen bleiben, aber leider muss er beides anziehen, denn heute wird Mutter wieder heiraten. Leider nicht Alfons, zwar riecht er immer noch nach Fellen, aber er kann doch viele lustige Geschichten erzählen und hat ihn auch schon ein paar Mal mit auf den Fußballplatz genommen. Der neue Mann von Mutter heißt Otto Abel, macht keinen Sport, erzählt nie einen Witz und hat auch noch rote Haare, schon allein deshalb kann seine schöne Mutter ihn nicht heiraten.
Er hat drei Klöße gegessen und zweimal vom Rinderbraten genommen, nun zwickt sein Bauch, und er möchte am liebsten seinen Hosenbund öffnen.
„Dir hat’s aber geschmeckt, Junge.“ Oma tätschelt seine Hand, doch die Schmerzen im Bauch werden schlimmer.
„Kann ich aufstehen?“
„Aber jetzt kommt doch gleich die Rede.“
In diesem Moment tippt der ‚Rote’ schon mit einem silbernen Dessertlöffel an sein Weinglas, worauf die Tischrunde verstummt. Die Hochzeit wird zuhause im kleinen Kreis gefeiert mit Meissner auf weißem Tischtusch, Mathilde musste stundenlang Silberbesteck putzen und Gläser polieren. Zu allem Unglück sitzt auch noch Ottos Mutter, eine rothaarige Frau mit verhärmtem Gesicht, neben ihm und riecht nach süßem Parfum, dass er immerzu den Kopf wegdrehen muss. Die Stadtoma fehlt, aber sie redet auch nichts Gutes über den neuen Mann in der Familie, er macht in Lebensmitteln, hat er sie einmal spitz sagen hören, und seither mag er sie doch ein bisschen mehr als früher. Zuerst sieht der ‚Rote’ in die Runde und dann zu Mutter, mit seinen fleischigen Fingern greift er wie ein ungelenker Bär nach ihrer Hand. „Leider bin ich kein Freund der Worte, aber heute ist ein großer Tag. Meine liebe Erna, wir leben in aufregenden Zeiten, und ich bin stolz, dass wir sie nun gemeinsam erleben dürfen.“
Und sie strahlt ihn doch tatsächlich genauso verträumt an wie die Mädchen in seiner Klasse den jungen Religionslehrer. Ihre schönen Haare hat sie sich bis zum Kinn abschneiden lassen, trägt ein blaues Kleid und an ihrer rechten Hand funkelt der goldene Ehering, ihm gefallen weder die neue Frisur, noch Kleid und Ring, und viel lieber würde er jetzt drüben mit Klaus im Garten Fußball spielen. Dieses Mal hat er ihm nicht die Wahrheit gesagt und die neue Heirat seiner Mutter verschwiegen, auch in der besten aller Freundschaften braucht eben jeder seine Geheimnisse. Der ‚Rote’ hebt sein Glas. „Und ich wünsche uns, dass wir eine glückliche Familie werden, deshalb lasst uns auf eine gute Zeit anstoßen.“
Oma reibt sich die Tränen aus den Augen, während sich Mathilde und Alfons verstohlen anlächeln, dann sieht Rudolf zum Volksempfänger neben dem Sofa, aus dem jetzt abends immer laute Schlager klingen, denn Mutters neuer Mann mag keine Opern. Zum Glück muss Vater diese schrecklichen Lieder nicht mehr hören, vielleicht ist es manchmal doch besser, nicht mehr zu leben. Eigentlich müsste er dringend auf die Toilette, doch nun heben alle ihre Gläser und prosten sich zu, danach lässt er den süßen Apfelsaft durch seine Kehle rinnen, wenigstens der schmeckt noch wie immer.
4
Er drückt seine Hände fest in die Jackentasche und blickt versonnen auf den leeren Rasen, zwei zu eins hat die heimische Mannschaft gewonnen und steht nun auf dem vierten Platz, und wieder einmal ist sein Tipp richtig gewesen. Die meisten Zuschauer haben das Stadion bereits verlassen und strömen durch die Tore hinaus, erst in den letzten zehn Minuten ist das Spiel durch zwei Weitschüsse ins lange, obere rechte Eck entschieden worden. Unglaublich, wie Mittelstürmer Gerd Voss beide Male einfach durchgezogen hat, noch nie hat die Mannschaft so weit oben in der Tabelle gestanden. Seit Vaters Tod interessiert er sich nun auch für Fußball, und so oft sie Zeit haben, spielt er mit Klaus und den Jungs aus der Nachbarschaft auf der großen Wiese im Park. Eigentlich sei das ja nur etwas für Kinder aus einfachen Familien, meint Mutter, aber Alfons hat wohl ein gutes Wort für ihn eingelegt und nimmt ihn neuerdings auch manchmal mit ins Stadion. Sie stehen auf der Tribüne und lehnen an der Brüstung, Alfons zündet sich noch eine Zigarette an. „Die beiden Weitschüsse, sagenhaft, der Voss wird noch was, warte ab“, sagt er und nimmt einen tiefen Zug.
„Vielleicht Torschützenkönig“, antwortet Rudolf.
„Nee, der kommt in die Nationalmannschaft, so wie der spielt.“
„Gleich morgen werde ich das üben“, antwortet er, trippelt von einem Fuß auf den anderen und würde am liebsten sofort hinunter auf den Rasen rennen.
Alfons lacht. „Das mach’ mal, aber bist du nicht eigentlich Läufer? Oder haben sie dich bei den Pimpfen jetzt zu einem Fußballer gemacht?“
„Schön wär’s.
„Aber ihr macht doch viel Sport, habe ich gehört“, hakt Alfons nach.
„Stimmt“, weicht er aus, „wir sollen ja gesund bleiben und stark werden, hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde, sagen sie immer.“
Hordenführer Siegfried hat ihn gleich zu Anfang in die Brennballmannschaft gesetzt, aber sich gegenseitig mit kleinen weichen Bällen abzuwerfen ist doch nur etwas für Mädchen. Und so hat er ihn schon nach dem ersten Training in der Umkleide angesprochen, dass er ein guter Läufer ist und schon dreimal über achtzig Meter gewonnen hat, doch vielleicht hätte er es freundlicher sagen oder einen besseren Zeitpunkt abpassen müssen, denn Siegfried hat ihn sofort angebrüllt, dass es bei ihnen keine Einzeldisziplinen gäbe und einzig und alleine der Mannschaftsgeist zähle, das solle er sich gefälligst merken. Und für Fußball sei er viel zu schmächtig, das wäre nur etwas für die Robusten. Dabei hat er seine Hosenträger schnappen lassen und dann die Umkleide im Stechschritt verlassen. Ein bühnenreifer Auftritt des fünfzehnjährigen Hordenführer, und eine öffentliche Demütigung für Rudolf, denn sein Start bei den Pimpfen ist damit gründlich misslungen. Sicherlich könnte er über den ein oder anderen Zusatzdienst am Wochenende bei Siegfried wieder Pluspunkte sammeln, könnte von Haus zu Haus gehen und den Jahresbeitrag einsammeln, doch das kommt überhaupt nicht in Frage, denn lieber spielt er mit den anderen auf der Wiese Fußball und läuft nebenher heimlich auf der Aschenbahn im Stadion seine Bahnen.
Alfons zieht an seiner Zigarette und formt beim Ausatmen feine Rauchkringel. „Früher war Pimpf ja eigentlich ein Schimpfwort und bedeutete so etwas wie kleiner Furz“, grinst er ihn an.
„Und der kleine Wirbel oben an der Gitarre, mit dem die Saite gespannt wird, heißt auch so, ein ganz kleines Teil, das aber sehr wichtig ist“, er zieht ein Pfefferminzbonbon aus seiner Hosentasche, „willst du auch eins?“
Doch Alfons schüttelt den Kopf. „Komm, gehen wir.“
Rudolf sieht noch einmal hinunter auf die große Rasenfläche. „Dabei haben die vorher immer damit angegeben, dass wir sogar richtige Indianerspiele machen werden, aber bisher waren die Heimatabende nur furchtbar langweilig.“ Alfons beugt sich zu ihm. „Das behältst du aber besser für dich.“
„Stimmt aber doch, deutsche Geschichte, Bevölkerungspolitik und Rassenlehre lernen, und am Wochenende exerzieren und marschieren, das ist alles stinklangweilig.“
„Dafür habt ihr aber schmucke Uniformen und dürft schon schießen.“
„Ja, Diensthose, Lederkoppel mit Koppelschloss, Braunhemd, Halstuch und Lederknoten, Schulterriemen und Fahrtenmesser.“
„Das kam ja wie aus der Pistole geschossen.“ Alfons nimmt noch einen tiefen Zug und wirft dann den Zigarettenstummel ins Gebüsch.
„Musste ich auch für die Aufnahmeprüfung lernen, und für den Winter haben wir jetzt lange Hosen, die sind wirklich viel besser, als die wollnen Kniestrümpfe übers Knie zu ziehen, denn die rutschten sowieso immer wieder runter, und gekratzt haben sie auch. Wir schießen auch, mit alten Luftgewehren, nächstes Jahr müssen wir mit fünf Schuss mindestens zwanzig von sechzig Punkten erreichen.“
„In welchem Abstand?“
„Acht Meter, kannst du eigentlich auch schießen?“
Alfons schüttelt den Kopf. „Dafür kann ich doch schneidern.“
„Aber du hast eine Uniform?“
Alfons nickt.
„Und warum bist du dann nicht im Krieg?“
„Ich werde hier gebraucht, genau wie dein Vater auch“, antwortet Alfons kurz.
Augenblicklich ziehen sich Rudolfs Lippen zu einem sehr schmalen Strich zusammen. „Er ist nicht mein Vater, wann kapierst du das endlich.“
