Sieben Tage - Paul Horn - E-Book

Sieben Tage E-Book

Paul Horn

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Beschreibung

Marlene freut sich auf ruhige Ostertage, seit einem Jahr ist sie Witwe und kämpft um das Überleben ihres Betriebes, da steht plötzlich Jakob vor der Tür, der Sohn ihres verstorbenen Mannes. Er möchte endlich seinen Erbteil, die Feiertage werden turbulenter verlaufen, als sie es sich erhofft hat ...

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2015

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www.tredition.de

Paul Horn

Sieben Tage

Geschichte einer Entscheidung

www.tredition.de

© 2015 Paul Horn

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Umschlaggestaltung unter Verwendung

eines Bildes von Ute Rautenberg, Berlin

ISBN

Paperback:

978-3-7323-5095-7

Hardcover:

978-3-7323-5096-4

e-Book:

978-3-7323-5097-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

für Clemens und Simon

Karfreitag

1

Die Stimme des Nachrichtensprechers kündigt einen nasskalten Feiertag mit Temperaturen um die sieben Grad an, das ungemütliche Wetter der letzten Tage wird also bleiben, vielleicht soll sie gleich den Tag im Bett verbringen? Marlene dreht sich auf die andere Seite und versucht noch einmal einzuschlafen, eben noch ist sie mit Heinrich im offenen Daimler die kurvige Küstenstraße entlang gefahren, als ihnen plötzlich ein breiter Milchtransporter entgegen gekommen ist und Heinrich nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte. Sie öffnet die Augen, noch ist es im Zimmer dunkel und Regen fällt gegen das Fenster, also wühlt sie ihren Kopf noch einmal ins Kissen, aber eine Stunde später hört sie bereits wieder die Stimme aus dem Radio, steht auf und schleppt sich ins Badezimmer. Als sie sich an den Heizkörper lehnt, und langsam die Wärme in ihren Körper strömt, kann sie allmählich den ersten Gedanken fassen. Vor ihr liegt ein langes Wochenende, für das sie keine Pläne hat und auch keine hat machen wollen, die Einladung der Freunde zum Osteressen hat sie ebenso abgelehnt wie Mutters Vorschlag, sie doch endlich einmal wieder im schon frühlingshaften Badischen zu besuchen. Auch Pauls Einladung zu einem gemeinsames Abendessen hat sie abgesagt, woraufhin er sich den restlichen Nachmittag hinter seinem Bildschirm verschanzt und die Angebote bei ‚autoscout’ nach einem neuen Transporter studiert hat, den sie sich im Moment gar nicht leisten können, und dabei mit den Fingern am linken Ohrläppchen gezupft hat, wie er es immer macht, wenn etwas nicht nach seinen Wünschen läuft.

Sie kämmt die feuchten, kinnlangen Haare nach hinten und betrachtet sich im Spiegel, sie ist noch schmaler geworden, und ihre Lippen sind es ohnehin. Der Traum von einem sinnlichen Mund hat sie als junges Mädchen umgetrieben, und während sie sich das Gesicht eincremt, muss sie über diesen banalen Wunsch vergangener Tage schmunzeln, zieht dann Jeans, T-Shirt und einen alten, warmen Pullover an und geht die knarrenden Holztreppenstufen hinunter ins Erdgeschoß. Seit letztem Jahr lässt sie nachts das Licht in der Küche brennen, nicht so sehr aus Angst vor Einbrechern, sondern weil sie morgens die Vorstellung beruhigt, dass schon jemand die Zeitung liest und auf sie wartet. Sie startet die Kaffeemaschine und öffnet den Kühlschrank, er ist für die Feiertage reichlich gefüllt, denn natürlich hat Frau Michels wieder ungefragt vorgesorgt und vier warme Gerichte zubereitet, doch schon beim Gedanken an die üppigen Fleischmengen in den beschrifteten und verschlussdichten Plastikschüsseln zieht sich ihr Magen zusammen. Sie setzt sich auf die Eckbank und genießt den ersten Schluck Kaffee, überfliegt die Titelseite der Zeitung vom Vortag und blättert die Sportseite auf, für Samstag sind spannende Begegnungen in der Bundesliga zu erwarten, wenigstens das. Dann wandern ihre Augen zur Küchenzeile mit der abgenutzten Arbeitsplatte aus Resopal. Weder Kacheln noch Oberschränke, nur weiß getünchte Wände und eine neue Arbeitsplatte aus Holz, das sind damals ihre Wünsche gewesen, doch dann haben sie nur das alte Geschirr in den Keller geräumt und das schmale Brett für ihre Kannen und Krüge angebracht, neben den neuen Gardinen und Stuhlpostern die einzigen Dinge aus ihrem alten Leben. Wie immer tickt der Sekundenzeiger der alten Wanduhr zu laut, vielleicht sollte sie über die Feiertage doch wieder über einen Umbau der Küche nachdenken und ihre alten Entwürfe herausholen, das laute Ungetüm wird auf jeden Fall keinen Platz mehr haben. Nie hat Heinrich zugegeben, dass er damals eigentlich gar nichts im Haus und auf dem Hof verändern und noch nicht einmal auf diese hässliche Uhr verzichten wollte, und so haben sie bei ihrem Einzug nur die sandfarbenen Kacheln entfernt, die Wände neu verputzt und weiß gestrichen und das neue Brett für ihre Kannen und Krüge angebracht.

Wie jeden Morgen ist Heinrichs Platz leer, hängt seine braune Strickjacke über der Stuhllehne, vor einem Jahr ist er gegangen, so denkt sie immer noch, als wäre er nur für ein paar Tage weggefahren. Doch mittlerweile tröstet auch dieser Gedanke nicht mehr, heute ist sein erster Todestag, und während ein neuer Kaffee durchläuft, sieht sie aus dem Fenster. Regen so dicht wie Schnüre, breite Pfützen auf dem rechteckigen Hof zwischen den drei Gebäuden, doch vor dem Büro steht ein unbekannter, schwarzer Wagen. Sofort erinnert sie sich an den Besuch der beiden dicken Kühnes vom Vortag, als sie frech und siegessicher ihr Angebot wiederholt haben und der Jüngere sie dabei auch noch schamlos gemustert hat. Vielleicht sitzt er dort schon wieder in seinem Wagen und bereitet die nächste Unverschämtheit vor? Sie nimmt den letzten Schluck Kaffee und steigt im Hausflur in ihre Gummistiefel, zieht den gefütterten Regenmantel an und öffnet die Haustür.

Der schwarze Porsche mit Berliner Kennzeichen ist abgeschlossen, auf dem Rücksitz liegt eine Reisetasche, die Motorhaube ist kalt und Marlene ist auf einmal hellwach. Der Wagen muss Jakob gehören, wer sonst würde einfach seinen Wagen hier abstellen? Vielleicht ist er noch ein paar Schritte in die Felder gegangen, aber bei dem dichten Regen eher unwahrscheinlich, womöglich hat er im Schuppen Schutz gesucht, und als sie die schwere Holztür öffnet, kann sie gerade bis zur hinteren Rückwand blicken und dort im schwachen Licht des kleinen Fensters einen ausgerollten Schlafsack im Heu sehen. Der junge Mann schläft auf der Seite, sein braunes Haar steht struppig vom Kopf, und der rechte Arme bedeckt das Gesicht, er schläft so fest, dass ihn auch das Knarren der Tür nicht geweckt hat. Also doch Jakob, leise schließt sie die Schuppentür und stolpert mit mulmigem Gefühl im Magen wieder zurück ins Haus.

In der Küche setzt sie Teewasser auf und zieht Heinrichs dicke Strickjacke an, aber das Frösteln hört nicht auf. Nachdem sich Jakob vor einem Jahr weder auf ihren Anruf gemeldet hat noch zur Beerdigung gekommen ist, hat sie nicht mehr damit gerechnet, noch etwas von ihm zu hören. Doch dann hat er über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass er auf der Auszahlung seines Erbteils besteht, und in den letzten Monaten sind diese Schreiben im Ton schärfer und im Inhalt beunruhigender geworden. Jetzt spürt sie wieder das rhythmische Stechen über den Augen, das in letzter Zeit immer Kopfschmerzen ankündigt, geübt reibt sie mit den Zeigefingern über ihre Schläfen und schließt die Augen. Der Feiertag wird wohl doch unruhiger werden, als sie es sich noch vor dem ersten Kaffee vorgestellt hat.

Als der neue Kaffee fertig ist, klingelt es. So schnell hat sie nicht mit ihm gerechnet, rasch zupft sie die viel zu große Strickjacke in Form, zieht sie dann doch wieder aus und hängt sie zurück über die Stuhllehne, dann streicht sie ihre feuchten Haare nach hinten und spannt ihren Körper an.

Nachdem sie ein paar Mal tief durch geatmet hat, geht sie durch den Flur und öffnet die Haustür. Jakob scheint gleichfalls zu frieren, denn er hat den Kragen seines grauen Jacketts hoch geschlagen, und die schwarze Stoffhose ist ähnlich zerknittert wie sein Gesicht.

„Guten Morgen“.

Seine Stimme ist so dunkel wie damals auf der Ansage seines Anrufbeantworters und klingt wie die ihres Mannes, seine Augen unter den dichten Augenbrauen sind fast schwarz.

„Ja, komm’ rein“, sagt sie und tritt zur Seite.

Für Sekunden stehen sie unschlüssig im engen Flur, stumme Sekunden, die wie Minuten scheinen.

„Ich habe gerade frischen Kaffee aufgegossen“, sagt sie dann und geht in die Küche.

Er folgt ihr, und seine Ledersohlen klacken bei jedem Schritt auf dem Mosaiksteinboden, genau das richtige Schuhwerk für einen Besuch auf dem Land, denkt sie und holt aus dem Küchenschrank ein zweites Gedeck. „Hast du Hunger?“

„Schon, ja.“

„Ich könnte Rührei machen, mit Kräutern oder mit Speck?“

„Gerne mit beidem“, antwortet er und setzt sich auf Heinrichs Platz.

Er hätte fragen müssen, wie eine erstarrte Säule steht sie in der Tür und wartet darauf, dass er wieder aufsteht und sich auf die Eckbank setzt, doch seine Augen wandern stattdessen durch die Küche, also geht sie zur Küchenzeile, holt alle Zutaten aus dem Kühlschrank und macht eine Herdplatte an. Während sie Eier, Milch und Kräuter in einer Schüssel verrührt, die schwere, gusseiserne Pfanne vom Haken holt, darin zuerst den Speck anbrät, ihn zur Seite schiebt und dann die flüssige Eiermasse in die Pfanne gibt, spürt sie Jakobs Blicke in ihrem Rücken.

„Müde?“, fragt sie.

„Ja, ziemlich.“

Nun wendet sie das langsam stockende Rührei und zerteilt es mit einem Pfannenheber, salzt und pfeffert es und schiebt es auf einen Teller. „Wann bist du gekommen?“

„So gegen vier.“

„Und warum hast du nicht vorher angerufen?“, fragt sie und stellt den gefüllten Teller auf den Tisch.

„Im Auto war es mir doch zu unbequem und da bin ich lieber in den Schuppen“, antwortet er und schiebt schon den ersten Bissen in den Mund.

Schnell stopft er Brot, Eier und Speck in sich hinein und hält das Besteck genauso wie Heinrich.

Sie füllt sich eine neue Tasse Kaffee, obwohl ihr ein dritter selten gut bekommt. „Auch einen?“

„Gerne, bitte schwarz“, antwortet er, wischt sich dann mit der Papierserviette über den Mund und lehnt sich zurück, seine Blicke streifen über den Tisch und die Einbauschränke hinüber zum Fenster. „Alles noch genauso.“

„Heute ist sein Todestag“, sie stellt seinen Kaffee auf den Tisch.

„Ich weiß“, seine Stimme klingt auf einmal müde, „war er krank?“

„Dr. Basten meinte, es ist ein plötzlicher Herzstillstand während des Schlafes gewesen, Heinrich hat wohl nichts mitbekommen“, antwortet sie und lehnt sich an die Küchenzeile.

Jakob beißt in das nächste Brot und kaut eine Weile. „Den Basten … den gibt’s also auch noch“, nuschelt er mit vollem Mund.

Seine buschigen Augenbrauen und die lange Nase dominieren das schmale Gesicht, die Wangen sind blass und unrasiert und die Lippen breit und sanft geschwungen. Haare, Mund und Nase hat er wohl von seiner Mutter, aber von Heinrich auf jeden Fall Statur, Hände und Stimme. Dass zwei Menschen zum Verwechseln ähnlich sprechen können, hat sie nicht für möglich gehalten.

„Er war fit für sein Alter“, sagt sie und erschrickt über ihre Antwort, denn natürlich hätte sich Heinrich darüber geärgert, da ihm ihr großer Altersunterschied doch viel ausgemacht hat. Dass sie sich nicht früher kennengelernt haben, hat er oft bedauert, denn nun hat er ihr nur noch graue Haare auf alter Haut anzubieten.

„Sein Cholesterin war ein wenig erhöht, aber wer hat das nicht heutzutage? Sonst war alles in Ordnung, er war kerngesund“, sagt sie hastig, jetzt könnte ruhig das Telefon klingeln, sie würde gerne die Küche verlassen und ein belangloses Gespräch mit Sabine oder selbst mit Mutter führen.

„Ich würde gerne ein oder zwei Tage bleiben, gestern auf der Fahrt habe ich daran gedacht, doch mal wieder in dem alten Kasten hier zu schlafen.“

Das kann sie ihm schlecht abschlagen, er ist Heinrichs Sohn, und sie sollten auch endlich das Erbe regeln, langsam beginnt sie den Tisch abzudecken. „Ja, natürlich“, sagt sie und stellt das benutzte Geschirr in die Spülmaschine, „das Haus ist groß genug, und dein Zimmer oben unterm Dach gibt es auch immer noch“.

„Auch die alten Legosteine?“, zum ersten Mal lächelt er, „aber ich kann natürlich auch ins Hotel gehen.“

„Das Bett müsste bezogen sein und Handtücher findest du im Bad“, sagt sie so ruhig wie möglich und dreht sich zu ihm um. Er sitzt auf Heinrichs Platz und schiebt sich das letzte Stück Brot so ruhig und selbstverständlich in den Mund, als würde er jeden Morgen hier frühstücken.

Als er die Küche verlässt und mit beiden Händen in den Hosentaschen über den aufgeweichten Hof zu seinem Wagen geht, öffnet sie das Fenster und nimmt ein paar tiefe Atemzüge um sich wieder zu beruhigen. Er hat auch noch den gleichen Gang wie sein Vater, mit großen Schritten und nach hinten gestrecktem Oberkörper, sie muss die Augen schließen, doch der Schwindel bleibt, also umklammert sie den Fenstergriff wie einen Rettungsring und versucht ruhig weiter zu atmen. Ein, zwei Tage nur, das wird sie aushalten. Schon kommt er mit seiner Tasche zurück, sie schließt das Fenster und setzt sich auf Heinrichs Platz, da hört sie bereits seine Schritte auf den knarrenden Treppenstufen. Er ist zurück, und sie wird die nächsten beiden Tage nicht mehr alleine im Haus sein. Doch das fühlt sich noch schlechter an, als alleine zu sein. Da Heinrich irgendwann nicht mehr von seinem Sohn gesprochen hat, hat sie auch aufgehört, nach ihm zu fragen. Natürlich hat sie ihn vor einem Jahr sofort angerufen und erinnert sich noch daran, dass seine Stimme auf dem Anrufbeantworter so sehr nach seinem Vater geklungen hat, dass sie die Verbindung gleich wieder unterbrochen hat. Beim zweiten Versuch hat sie dann den Hörer fest ans Ohr gedrückt und der tiefen Stimme gelauscht, die den Namen Hartmann genauso wie Heinrich auf der zweiten Silbe betont, beim dritten Anruf hat sie versucht, sich den mittlerweile Dreißigjährigen vorzustellen, und erst beim vierten Anruf hat sie endlich auf das Band sprechen können.

Aus dem Dachgeschoß keine Geräusche, rasch zieht sie im Flur Gummistiefel und Mantel an und geht hinüber ins Büro, überfliegt die gegenseitigen Anwaltsschreiben des letzten Jahres, studiert die Bilanzen der vergangenen drei Jahre und sieht sich auch die aktuellen Zahlen an, denn für die Gespräche mit Jakob will sie gut vorbereitet sein.

2

Die Absätze ihrer Stiefel haben bei jedem Schritt auf dem Steinboden der Sparkasse laut gehallt, als sie eine Woche nach Heinrichs Tod dem korpulenten Zweigstellenleiter Pfitzner in sein Büro gefolgt ist. Mit ruhiger Hand hat er zuerst in den Unterlagen geblättert und ihr dann mit monotoner Stimme die aktuellen Zahlen erklärt, auf Grund eines Beinahekonkurses hatten sie vor der Hochzeit nicht nur eine Gütertrennung verfügt, sondern auch, dass die Bauunternehmung vorerst weiterhin alleine auf Heinrichs Namen eingetragen blieb. Leider hatten sie später nicht mehr daran gedacht, dies wieder zu ändern. Die Zahlen haben Marlene an diesem sonnigen Vormittag nicht überrascht, da sie erst zwei Monate zuvor auf ihr Drängen hin das viergeschossige Stadthaus in der Kordulastraße ersteigert hatten, von dem sie sich nach Renovierung und Wiederverkauf einen guten Gewinn versprochen haben. Der gesamte Besitz ist also nach Heinrichs Tod maximal belastet gewesen, und die privaten Konten haben unter dem Strich exakt soviel Guthaben gezeigt, um die Kosten für Beerdigung und Grabstelle zu begleichen. Als sie Herrn Pfitzner daraufhin um eine vorläufige Schätzung zum Wert des gesamten Besitzes gebeten hat, hat er sich nicht festlegen wollen, und erst nachdem sie ihm erklärt hat, nicht alleinige Erbin zu sein, hat er zunächst seine Krawatte gelockert und dann mit goldenem Kugelschreiber flink ein paar Zahlenreihen auf einen Block geschrieben, hat addiert, dividiert und subtrahiert und sie anschließend wie ein Oberlehrer über seine Brille angesehen. „Zum Wert des Betriebes kann ich derzeit nichts sagen“, hat er mehr geflüstert als gesprochen, „alles wird davon abhängen, wie gut und rasch sie das neue Objekt veräußern können, sie wissen ja, wie kritisch wir das beurteilen. Und der alte Hof, nun ja, wer möchte heute noch so etwas haben? Allenfalls ein Liebhaber. Alles zusammen, abzüglich aller Verbindlichkeiten, aber bitte, Frau Hartmann, das ist nur eine vorläufige Schätzung und natürlich alles ohne Gewähr, eine knappe Million vielleicht. Sie wissen ja selbst, der Wohnungsmarkt ist derzeit sensibel in jegliche Richtung.“

Als sie das Büro abschließt und über den matschigen Hof zum Haus zurückgeht, hat sie Pfitzners hämisches Grinsen von damals wieder in ihre wohl gehütete Erinnerungskiste verbannt. Damals sind die Zahlen schlecht gewesen, aber derzeit ist das Geschäft wieder auf einem guten Weg, vier Wohnungen in der Kordulastraße sind bereits verkauft, für die beiden größten Wohnungen gibt es einen ernsthaften Interessenten und der Zuschlag für das nächste Objekt in der Poststraße steht unmittelbar bevor. Möglicherweise ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um mit Jakob persönlich zu verhandeln und die Verhärtungen der letzten Wochen zurückzunehmen, mit einigem Geschick kann sie sich vielleicht schon in den beiden nächsten Tagen mit ihm einigen.

Nachdem sie ihn weder in der Küche noch im Wohnzimmer findet, geht sie ins Dachgeschoß und klopft an seine Zimmertür. Nie kommt sie hier hinauf, Heinrich hat ihr nach ihrem Einzug das frühere Zimmer seines Sohnes einmal gezeigt und dabei ist es geblieben. Nach dem dritten Klopfen öffnet sie die Tür, das schmale Bett ist mit einer bunten Tagesdecke bezogen, beide Flügel des großen Fensters sind geöffnet, als solle der Geruch der Vergangenheit weichen. Anzugjacke und Pullover liegen achtlos auf dem großen Lehnstuhl, auf dem blanken Holzboden die offene Reisetasche mit ungebügelten T-Shirts, zerknüllten Boxershorts, Socken und Jeans und auf dem Tisch Laptop und Unterlagen.

Schließlich findet sie ihn im Schuppen, als sie die knarrende Tür öffnet, bemerkt sie ihn erst auf den zweiten Blick, denn er sitzt im Fond des roten Daimlers und hält das lederne Lenkrad zwischen seinen Händen, genauso hat sie als kleines Mädchen oft im Wagen ihrer Mutter erwachsene Frau gespielt. Es scheint ihn nicht zu stören, dass sie ihn hier findet, denn er öffnet von innen die Beifahrertür, und sie lässt sich auf das weiche Lederpolster fallen.

„Von Autos hat er immer schon viel verstanden“, seine Stimme klingt überraschend mild, „von diesem hier hat er früher schon geredet, hat sich seinen alten Traum also doch noch verwirklicht! Ein schöner Wagen, den hat er sich was kosten lassen.“

„Er hat ihn sich zur Hochzeit geschenkt, Baujahr 1976“, antwortet sie und sieht auf Jakobs Hände, die das mit braunem Leder bezogenen Lenkrad fast zu streicheln scheinen, „hier hat er oft stundenlang gebastelt oder repariert, irgendetwas ist ja immer defekt an so einem alten Ding. Er hätte gerne noch einen zweiten Wagen gekauft, aber zuerst wollten wir die nächsten Projekte abwarten, da ist er schon immer vernünftig gewesen.“

„Da kenne ich ihn aber anders.“

„Er war ein guter Mann.“

„Ach was, Blödsinn, nicht einmal hat er sich gemeldet, nicht einmal in all den Jahren.“

Sie will ihm nicht widersprechen und Heinrich nicht verteidigen, also öffnet sie die Beifahrertür. „Mir ist kalt, lass uns ins Haus zurückgehen.“

Doch er scheint sie nicht zu hören. „Als ich damals deine Nachricht gehört habe, weißt du, wie es mir da gegangen ist? Ich war nur erleichtert, einfach nur froh, dass es endlich vorbei ist, unglaublich erleichtert.“

In ihrem Kopf beginnt wieder der stechende Schmerz über den Augen, sie hätte Jakob nicht suchen sollen, und so steigt sie aus und geht zurück zum Haus.

Als sie in der Küche das zweite Glas Wasser trinkt und sich die Schläfen reibt, kommt er herein, setzt sich wieder auf Heinrichs alten Platz und blättert lustlos in der Zeitung. Sie füllt ein weiteres Glas und stellt es vor ihn auf den Tisch, auf keinen Fall möchte sie wieder über Heinrich reden. „Gefällt dir Berlin?“ fragt sie, „vor Jahren war ich mal mit einer Freundin dort, wir sind viel mit den Rädern durch die Parks gefahren und abends auch ein paar Mal zum tanzen gegangen. Die Mauer stand noch, und es war ein heißer Sommer.“

„Ja, eine tolle Stadt. Und mir geht es sehr gut dort, viel besser als damals hier“, antwortet er und streicht mit seinen Händen über die Maserung der Tischplatte.

Sie setzt sich auf die Bank und nimmt noch einen Schluck Wasser. „Hier kann man aber auch wunderbar mit dem Fahrrad fahren, die Radwege wurden in den letzten Jahren ausgebaut.“

„Aber Tanzen kann man nur einmal im Jahr auf der Kirmes und lässt sich dann am besten auch gleich volllaufen?“, grinst er sie an.

„Das war einmal, auch hier hat sich viel verändert.“

„Gibt es das ‚Crash’ noch? Gleich neben dem Industriegebiet, ‚Fummelbunker’ haben wir früher gesagt, der einzige Schuppen weit und breit, fast jeder hat damals seine erste Liebe dort kennengelernt.“ Für einen Moment huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht, und neben seinem Mund bilden sich zwei kleine Grübchen, die ihn noch jünger aussehen lassen.

„Der ist vor ein paar Jahren abgebrannt“, sagt sie, „man vermutete Brandstiftung, zum Schluss ist er nicht mehr so gut gegangen, da hat der Besitzer wohl ein bisschen nachgeholfen, aber nachweisen konnte man ihm natürlich nie etwas. Er hat dann etwas Neues aufgemacht, aber ich habe keine Ahnung, ob es das noch gibt.“

In diesem Moment läutet das Telefon, und sie geht in den Flur, erträgt mit geschlossenen Augen zuerst Sabines ermüdende Beschreibung vom plötzlichen Fieber der Tochter und lehnt dann die Einladung zum Abendessen ab, entschuldigt dies mit einer Lesung im Radio, die sie auf keinen Fall verpassen möchte. Schon seit ein paar Monaten kann sie die fürsorgliche Art der Freundin immer weniger ertragen.

„Mein Besuch bleibt also geheim?“ fragt er, als sie in die Küche zurückkommt.

„Ich dachte, es wäre dir Recht“, antwortet sie und sieht aus dem Fenster.

„Ich kenne hier sowieso so gut wie niemanden mehr“, antwortet er kurz und steht auf, „ich muss an meinem Wagen noch etwas richten, Werkzeug ist ja sicherlich noch genügend da.

„Ja, natürlich. Gegen eins könnten wir etwas essen“, schlägt sie vor.

„Mir reicht ein Brot.“

Als er über den Hof hinüber zum Schuppen schlendert, hängt noch sein herber Duft in der Küche, also öffnet sie das Fenster und atmet die kalte, feuchte Morgenluft ein, ihre Einladung zum Essen hätte er ruhig freundlicher aufnehmen können. Draußen beginnt ein heftiger Platzregen, und die Pfützen auf dem Hof werden noch größer.

3

Als die beiden Männer vom Beerdigungsinstitut damals die weiße Bettdecke aufgeschlagen haben, und Heinrichs Körper in dem blauen Schlafanzug auf einmal so schutzlos dagelegen hat, hat es auch heftig geregnet. Die Männer hatten wohl Heinrichs Gewicht unterschätzt, denn während sie ihre Arme unter seinen Rücken geschoben und den stattlichen Körper langsam hochgehoben haben, hat man im Zimmer nur noch ihr Stöhnen gehört. Und als sie ihn dann in den Sarg gelegt haben, hat Heinrich auf dem weißen Innenfutter so verloren ausgesehen, dass sie ihm am liebsten seine warme Decke mitgegeben hätte. Nachdem die Männer den Sarg geschlossen und verschraubt, ihn auf die Schultern gehoben und die Treppe hinunter getragen haben, ist sie ihnen gefolgt wie auf einer Prozession durch das eigene Haus, begleitet von Lotte, Christian und Frau Michels und ihrem Weinen, Schluchzen und Schniefen. Auf dem Hof haben sie den Pfützen ausweichen müssen, doch als der schwarze Wagen mit dem Sarg auf die Straße gefahren ist, hat sie weder Pfützen, Regen und Tränen noch die aufsteigende Kälte gespürt, sondern nur dem langsam davon rollenden Auto nachgesehen und gedacht, dass alles nur ein Film in einer einzigen Einstellungen von ganz weit oben ist, hat sich selbst in diesem Helikopter oberhalb des Hofes gesehen, von wo aus die Kamera alles festhält. Selbst als der Wagen schon gar nicht mehr zu sehen gewesen ist, ist sie im Regen auf dem aufgeweichten Boden stehen geblieben, bis Lotte mit einem geöffneten Regenschirm gekommen ist. Doch sie ist nur an den anderen vorbei zum Hoftor gestürzt und dann weiter auf die Straße hinaus, als wollte sie Heinrich hinterrennen und ihn wieder zurückholen.

Viel später hat sie dann der heiße Kaffee von Paul im Büro langsam wieder aufgewärmt, ihr nasser Mantel hat von der Garderobe getropft, und unter der Heizung haben ihre durchnässten Stiefel gestanden. In feuchten Jeans hat sie auf ihrem Drehstuhl am Schreibtisch gesessen und den starken Kaffee genossen, eine Zigarette wäre auch gut gewesen, aber sie hatte damit vor Jahren aufgehört, und dafür hatte sich Heinrich, wenn auch widerwillig, an das morgendliche Obst gewöhnt und auch auf seine geliebten, hellen Frühstücksbrötchen verzichtet. Ihre Ehe hat aus vielen dieser kleinen Vereinbarungen bestanden. Aber in ihren feuchten Kleidern auf dem Drehstuhl hätte sie damals gerne eine Zigarette nach der anderen geraucht, bis ihr davon schwindelig geworden und sie hinüber ins Haus gewankt wäre, hinauf in ihr Zimmer gegangen wäre und sich endlich in ihr Bett hätte fallen lassen können, die Decke über den Kopf ziehen und endlich, endlich hätte schlafen können. Ein, zwei Stunden nur oder den restlichen Tag und die ganze Nacht einfach nur hätte schlafen können. Und beim Aufwachen wäre Heinrich wieder neben ihr gelegen und hätte mit seinen schmalen Finger ihren weichen Bauch gestreichelt, wie er es immer so gern gemacht hat. Doch stattdessen hat das Telefon geklingelt, und eine freundliche Angestellte des Beerdigungsinstituts um den Text für die Traueranzeige gebeten. Danach ist Pauls Stimme kaum noch zu ihr vorgedrungen.

„Diese Woche machen wir weiter wie bisher“, hat er in seiner gewohnt ruhigen Art gemeint, „lass’ am besten einfach alles liegen, die wichtigsten Dinge kann ich auch nach Feierabend noch machen.“ Dann hat er wie jeden Mittag Äpfel und Birnen geschält und in kleine Spalten geschnitten, während sie nur ein schmales Apfelstück in den Mund geschoben und lustlos darauf rumgekaut hat.

„Nächste Woche müssen wir allerdings entscheiden, ob wir uns auch noch um die beiden anderen Objekte in der Poststraße bewerben, wann wird die Beerdigung sein?“, hat er gefragt.

„So schnell es geht, auf jeden Fall diese Woche“, hat sie müde geantwortet und das angebissene Apfelstück wieder auf den Teller zurückgelegt.

Während sie die ersten Entwürfe für die Traueranzeige auf das Papier gekritzelt hat, hat sie nur an Heinrich auf dem weißen Tuch im Sarg denken müssen, er würde es auf jeden Fall schlicht haben wollen. Beim Tod ihres Vaters hat sie auch die Anzeige alleine formuliert, während Mutter auf dem Sofa gelegen ist, mit ihren beringten Fingern ruhelos die Fransen der Mohairdecke gezupft hat und dann eingeschlafen ist. Wie immer schon hat sie ihr auch damals die unangenehmen Dinge abnehmen müssen. Soll sie Jakobs Namen unter ihren eigenen setzen oder ihn noch einmal anrufen? In letzter Zeit hat sie wichtige Entscheidungen immer häufiger mit Paul besprochen, während sich ihr Mann lieber einen freien Tag genommen, im Schuppen an seinem alten Wagen gebastelt oder stundenlang im Internet nach Ersatzteilen gesucht hat. Sein alter Freund Christian hat ihm oft zu seinem Glück gratuliert, denn seitdem er eine jüngere Frau geheiratet und einen tüchtigen Bauleiter eingestellt hat, könne Heinrich endlich wieder das machen, was er schon als junger Mann am liebsten getan hat.

4

Als sich die Tür öffnet, schreckt sie hoch, sie ist wohl doch kurz auf dem Sofa im Wohnzimmer eingenickt. Fast unbeholfen steht Jakob in der Tür, murmelt eine Entschuldigung und schließt sie wieder.

„Ich komme gleich“, ruft sie ihm hinterher und fährt mit den Fingern über die verschlafenen Augen. Am liebsten würde sie weiterschlafen, bis zum übernächsten Morgen, bis er wieder weg sein wird. Auf dem Weg zur Küche bindet sie ihre zerdrückten Haare mit einem Gummiband zusammen, die Anzeige des Anrufbeantworters zeigt vier Anrufe, sicherlich alle von Mutter. Dass sie über die Feiertage nicht ins Badische gefahren ist, wird sie nun mit täglichen Anrufen bezahlen müssen. Diesmal sitzt Jakob auf der Eckbank und blickt auf den Bildschirm seines Laptops, trotz Freizeitkleidung mit der Miene eines Geschäftsmannes.

„Worauf hast du Appetit?“ fragt sie und öffnet den Kühlschrank. „Rinderroulade, Sauerbraten, Hühnerfrikassee oder Scholle?“

„Ich nehme nur einen Apfel, dann gehe ich zum Friedhof.“

„Bei dem Regen?“

„Ich habe einen Schirm im Wagen.

Sie blickt auf seine Lederschuhe unter dem Tisch. „Größe 45? Im Schuppen stehen noch ein paar alte Gummistiefel, vielleicht passen sie dir. Du findest das Grab?“

„So groß ist der Friedhof nun auch wieder nicht.“

„Wenn du an der Kapelle links vorbeigehst und dann den dritten Weg wieder links abbiegst, kommst du direkt hin. Ein hoher, dunkler Stein, der einzige Basalt weit und breit“, spricht sie wie eine Fremdenführerin.

„Also auch im Tod noch etwas Besonderes.“

„Er war auch ein besonderer Mensch, vielleicht kannst du das auch irgendwann mal so sehen.“

Er klappt den Laptop zu und steht auf. „Wenn es dunkel ist, bin ich wieder da.“

„Und dann lieber Fisch oder Fleisch?“ fragt sie.

„Mir egal“, antwortet er und verlässt die Küche.

„Dann mach’ ich Pasta, und die Stiefel stehen im Schuppen, neben der Tür im Regal.“

Mutters Stimme auf dem Anrufbeantworter ist energisch und bittet um baldigen Rückruf, immer wie eine Chefin und nie wie eine Mutter. Ihr fällt der Abend wieder ein, als sie ihr eröffnet hat, zu Heinrich zu ziehen. Und während sie dabei durch das Fenster auf die sorgfältig gesäuberten Blumenbeete im Garten gesehen hat, hat sich Mutter auf dem Samtsofa in die schweren Kissen gelehnt, ein paar Mal tief geseufzt und dann kurz und bündig erklärt, dass sie sich so einen alten Witwer mit erwachsenem Sohn niemals ans Bein binden würde. Seit diesem Nachmittag hat sich Marlene daran gewöhnt, nur noch das Notwendigste mit ihr zu sprechen.

Einen Tag vor Heinrichs Beerdigung hat sie am Bahnsteig auf den Zug aus Freiburg gewartet, ihr weinroter Pullover ist am Bund ausgeleiert und die Stiefel sind alt gewesen. Wie eine stolze Witwe ist dagegen Mutter aus dem Zug gestiegen, sogar mit Hut zum schwarzen Mantel, hat sie gleich fest an sich gedrückt und ihr mit den Lederhandschuhen auch noch über die Wangen gestrichen. „Wie furchtbar, so plötzlich.“

Aber Marlene hat nur den Koffer gegriffen, sie zum Auto geführt und während der Fahrt ihrem unaufhörlichen Redefluss nur halb zugehört.

„Zum Glück habe ich Frau Schneider, sie schmeißt den Laden auch mal ohne mich, aber gleich nach der Beerdigung muss ich wieder zurückfahren, du glaubst ja nicht, was am Wochenende los ist, großes Frühlingsfest in der Stadt, und das Geschäft ist bis acht Uhr geöffnet.“ Mutter führt ein Modegeschäft für reifere Kundinnen, schon im Wagen hat sie ihre Hand auf Marlenes Oberschenkel gelegt und sich unmissverständlich ausgedrückt. „Du siehst schlecht aus, dieser Pullover zieht alle Farbe aus deinem Gesicht, dass habe ich dir immer schon gesagt, dieses Weinrot steht dir nicht. Und die alten Stiefel! Schon am Bahnsteig habe ich gesehen, dass sie seit Ewigkeiten keine Creme mehr bekommen haben. Du darfst dich nicht so gehen lassen, auch jetzt nicht.“

K. D. Lang hat aus den Lautsprechern gesungen, und Marlene die Lautstärke höher gedreht, doch Mutter hat sich natürlich nicht unterbrechen lassen. „Vielleicht ist es sogar besser so, als wenn er später krank und bettlägerig geworden wäre. Ist natürlich jetzt ein Schock für dich, aber glaube mir, das ist unterm Strich besser als langes Siechtum und jahrelange Pflege. Als dein Vater starb, war ich zuerst auch wie gelähmt, aber dann ging es doch erstaunlich schnell wieder aufwärts. Du wirst dich wieder fangen, mein Kind, du bist ja noch jung. Ich hab’ ja nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich damals von deiner Entscheidung nicht viel gehalten habe. Fast zwanzig Jahre älter du, was findet die nur an dem, habe ich mich gefragt, ein Witwer und Bauunternehmer vom Niederrhein! Wenn er wenigstens Geld gehabt hätte! Aber charmant ist er ja gewesen, dein Heinrich, und einen guten Humor hat er auch gehabt. Aber du hättest trotzdem einen anderen verdient gehabt, und das sage ich, weil ich es dir immer schon gesagt habe. Aber nun stehen wir das natürlich zusammen durch, muss doch jetzt meiner Kleinen beistehen, nicht wahr?“

Marlene hat ihre Finger währenddessen so fest um das Lenkrad gekrallt, dass sie kaum noch ein Gefühl in den Händen gehabt hat, und erst nach der lang gestreckten Rechtskurve im kleinen Wäldchen ist es dann endlich aus ihr herausgebrochen. „Halt’ endlich den Mund!“

„Marlene!“

Doch für den Rest der Fahrt haben sie geschwiegen, sie hat im kleinen Gemüseladen im Ort noch frisches Obst gekauft und als sie danach wieder zu Mutter in den Passat gestiegen ist, ist es gewesen wie in einem Gefrierschrank Platz zu nehmen.

In der Küche hat sich Mutter eine Tasse Tee eingeschenkt und ein Stück vom Bienenstich abgeschnitten. „Du solltest auch etwas essen, wirst ja immer dünner.“ Doch während sie schon nach dem Messer gegriffen hat, ist Marlene bereits aufgestanden und zur Tür gegangen. „Ich muss noch mal ins Büro, um halb sieben fahren wir zum Essen, ruh’ dich bis dahin noch ein wenig aus, im Wohnzimmer liegen auch ein paar Zeitschriften.“

„Welche Blumen hast du für den Sarg ausgesucht?