Miteinander - Paul Horn - E-Book

Miteinander E-Book

Paul Horn

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Beschreibung

Felix wacht in einem fremden Bett auf, Richard schlägt sich mit einem unangenehmen Auftrag herum, Ulla hat ihre Arbeit gekündigt, Gabriele fühlt sich in letzter Zeit ziemlich einsam und Jule würde am liebsten Job und Beziehung hinschmeißen. Richard und Ulla sind die Eltern von Felix und haben sich vor Jahren getrennt. Ulla ist danach mit Gabrieles ehemaligem Mann verheiratet gewesen, und Jule ist Gabrieles Tochter. Schmerzen und Verletzungen sind bei niemandem vergessen. An diesem Sommerwochenende werden die fünf jedoch nicht nur mit ihren nicht gerade einfachen, familiären Verflechtungen konfrontiert ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Paul Horn

Miteinander

© 2019 Paul Horn

Verlag und Druck: tredition GmbH,

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Umschlag unter Verwendung

eines Bildes von Ute Rautenberg, Berlin

ISBN

 

Paperback:

978-3-7482-5326-6

Hardcover:

978-3-7482-5327-3

e-Book:

978-3-7482-5328-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

für Klaus

Freitag

Felix

Es ist zu viel gewesen, von allem viel zu viel. Bier, Wein, Cocktails, Schnaps, Zigaretten und dann noch die fremden Küsse, doch die Blonde ist auf einmal da gewesen, hat an der Bar gestanden und ist später beim Tanzen im flackernden Licht um ihn herum geschwirrt, ist dann draußen auf der Wiese regelrecht auf ihm draufgelegen, ist immer da und immer zu nah gewesen, hat sich an ihn gedrängt und ihn geküsst, hat ihre Zunge gierig und fordernd zwischen seine Lippen gestoßen und ihre Hände unter sein Hemd geschoben, dass ihm gar nichts anderes übriggeblieben ist, als mitzumachen.

Jonas große Feier, Staatsexamen mit summa cum laude, also Party im ganz großen Stil. Siebzig, achtzig Leute oder sind es hundert gewesen, perfekte Musik, man hat sich gekannt bis auf wenige Ausnahmen, und unter denen eben auch diese große Blonde. Nun liegt sie neben ihm, ihre lockige Mähne bedeckt Gesicht und Schulter, und ihre langen Finger sind wie ein gieriger Krake geöffnet, als wolle sie ihn sich gleich nach dem Wachwerden wieder greifen. Felix fixiert den Raum, er sieht aus wie die meisten, die er kennt. Irgendwie leer und doch unordentlich, keine Vorhänge, keine Pflanzen und keine Bilder an den Wänden, dafür ein großer Tisch mit Laptop, Büchern, Papierkram und Schminksachen, ein paar Klamotten auf einer fahrbaren Kleiderstange und viele auf dem Boden. Hier bleibt man nicht lange und kann jederzeit gehen. Die Blonde ist zu Besuch in der Stadt, irgendeine entfernte Verwandte von Jonas. Hoffentlich entfernt genug, denkt Felix und schält sich so geräuschlos wie möglich aus dem Bett, greift seine Kleider vom Boden und huscht durch die Tür. Anziehen wird er sich im Bad und dann nichts wie fort. Wieder einmal.

Jule

Als sie halbwach ihren Arm ausstreckt, greift sie ins Leere oder vielmehr auf das unbenutzte Kopfkissen neben sich. Also doch. Nein. So kann es nicht sein, nein, nein, nicht so, bitte. Draußen beginnt es schon hell zu werden, und die dünne Bettdecke klebt an ihrem Körper. Seit Wochen kein Regen, dafür eine fast südländische Hitze, die einen kaum noch klar denken und nachts schlecht schlafen lässt. Wann immer es geht, stellt sie sich unter die Dusche, um die Klebrigkeit von der Haut zu waschen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen, und auch jetzt bräuchte sie schon wieder eine.

Mit den Fingern tastet sie nach ihrem Telefon auf dem Boden, drei Uhr fünfundfünfzig. Noch könnte es einfach nur sehr lange gedauert haben, vielleicht sind die schwierigen Verhandlungen endlich zu einem guten Zwischenabschluss gebracht worden, danach hat er mit den Kollegen noch gefeiert, ist womöglich noch in einen Club gegangen. Ausgelassen sein, den Druck der letzten Monate abschütteln, sich jung fühlen, all das. Doch das wievielte Mal ist es schon, dass er immer später kommt? Auf jeden Fall seitdem die Fusion mit der englischen Firma vorbereitet wird, und Mark immer häufiger nach London fliegen muss. Seit Ostern also, und jetzt ist Juni, ein ungewöhnlich warmer, fast heißer Juni nach einem erstaunlich milden Frühjahr, das auch noch sehr früh begonnen hat. Lauter Superlative. Die sie locker gemeinsam mit entspannten Abenden auf dem Balkon, beim Italiener und mit Ausflügen an den Wochenenden ins Umland hätten genießen können wie die Jahre zuvor. Freunde treffen und es sich gut gehen lassen, all das Leichte mitnehmen, das das Leben erträglich macht. Doch nun frisst die Arbeit all seine Zeit, sein Aufstieg in der Kanzlei hänge davon ab, erklärt er jedes Mal mit einer Strenge in der Stimme, die sie sorgt und der sie nichts zu entgegnen weiß. Denn auch einen seltsamen Stolz meint sie jedes Mal mit zu hören, als würde ihm gar nichts fehlen. Diese Mischung aus Freude, Stolz und Strenge umgibt ihn seit einiger Zeit schon, und immer wieder vertröstet er sie auf ein Bald, auf ein Später. Wenn erst die Fusion und der nächste Karriereschritt gemacht sein werden, dann wird wieder Zeit sein. Wobei der drohende Brexit nun natürlich noch einmal alles verkompliziert, und seine Vorgesetzen selbstverständlich vollen Einsatz von ihm erwarten. Die Mandanten wollen schließlich nicht nur beraten, sondern auch auf alle denkbaren Szenarien bestens vorbereitet werden. Natürlich. Und doch klingen seine Sätze, diese Erklärungen und Versprechungen wie von einem fremden Mann aus einem schlechten Film, den sie sich noch nicht einmal bis zum Ende ansehen würde, und nicht wie die von ihrem Freund, ihrem Partner, ihrem Liebsten, von ihrem Mark, mit dem sie seit fast sechs Jahren nun schon zusammen ist.

Vier Uhr zehn. Gibt es ein Muster? Nein, keinen festen Abend, an dem er immer später nach Hause kommt, und auch keine Vorwarnungen. Immer bleibt er überraschend fort und raubt ihr nun schon Woche für Woche den Schlaf, und seine Erklärungen am Frühstückstisch beruhigen sie nicht mehr, nein, schon lange nicht mehr. Es wird wohl doch so sein wie in schlechten Geschichten, dass er bald gar nicht mehr kommen, von der anderen morgens gleich ins Büro gehen wird oder womöglich auch mit ihr zusammen. Sicher ist es eine aus der Firma, der Klassiker also, bestimmt.

Diese aufwallende Hitze im Kopf, auch in den Händen und Füßen, dazu ein rasender Puls und der trockene Mund, sie wirft die Decke von sich und setzt sich auf, stellt die Füße auf den Boden, versucht ruhig zu atmen. Vielleicht hilft ja das. Im Liegen werden schlechte Gedanken auf jeden Fall nicht besser, und nachts oder frühmorgens schon gar nicht, auch wenn es draußen schon fast hell ist. Wie ein riesenhoher, grüner Fels steht die stattliche Linde vor dem Fenster, und eigentlich könnte sie sich doch darüber freuen, über diesen alten Baum und seine Blüten, warum sich nicht einfach mal daran freuen? Vielleicht später, im Alter dann, wenn sie mit sich im Reinen ist und nichts anderes mehr zu tun hat. Sie steht auf und geht auf den Balkon. Alle Parkplätze auf der kurzen Straße sind besetzt, und Marks Wagen ist nicht darunter, zweimal sieht sie in jede Richtung, doch sein schwarzer Audi steht nirgends. Links schiebt sich gerade der Zeitungsmann mit seinem Handwagen in die Straße, im Sommer eigentlich kein so schlechter Job, frühmorgens die Stadt noch für sich alleine zu haben. Ganz schön zynisch, sie weiß. Dass sie eine Zeitung abonniert haben, ist schon lange her, heute lesen sie alles auf ihren Tabletts und wissen womöglich doch weniger als früher oder vergessen einfach schneller.

Vier Uhr zwanzig. Sie geht hinüber ins Wohnzimmer, Mark liegt nicht auf dem Sofa und auch nicht auf der Coach in seinem Arbeitszimmer liegt er, im Flur stehen nicht seine Schuhe und auch sein Jackett hängt nicht an der Garderobe. Das ist es dann wohl. Sie wird seinen großen Koffer mit den wichtigsten Sachen packen und ihm im Treppenhaus vor die Tür stellen und dann das Schloss austauschen lassen, wie sie es erst letzte Woche in einem Fernsehfilm gesehen hat. Oder selber erstmal zu einer Freundin gehen, doch Dörte und Carola sind gerade zu sehr mit sich selbst beschäftigt, und Bea ist auf Dienstreise in Hamburg. Ihm jetzt gleich eine wütende Nachricht schreiben? Ihn anrufen oder ihn später in seinem Büro zur Rede stellen? Bei anderen scheint es immer so einfach. Auf keinen Fall ein Wort zu Mutter, nicht eine Silbe, denn die würde nur herunterbeten, was sie auch sonst immer über Mark zum Besten gibt, dass er einfach nicht der Richtige ist, weil er zu sehr an sich denkt, absolut keinen Humor hat und viel zu ehrgeizig ist, und dass sie das immer schon gewusst hat. Dann würde Mutter sie einladen, es sich doch bei ihr erst einmal ein paar Tage gemütlich zu machen, und auch noch mit ihrem Lieblingsessen aus alten Kindertagen winken, mit Speck und Gurken gefüllten Rinderrolladen, Möhrengemüse und Bratkartoffeln. Dass sie schon lange kein Fleisch mehr isst, hat sich Mutter immer noch nicht gemerkt.

Sie braucht eine Dusche, denn an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Dabei muss sie in ein paar Stunden fit sein, pünktlich um acht Uhr warten dreiundzwanzig Erstklässler auf sie. Schreiben, Rechnen, Sachkunde und Turnen, das volle Programm am letzten Tag der Woche. Gleich nach dem Unterricht wollen Mark und sie an die Ostsee fahren, endlich mal ein bisschen ausspannen. Eigentlich verrückt so kurz vor den Sommerferien, aber bis Herbst kann er sich nicht mehr frei nehmen. Urlaubssperre. Du weißt mein Schatz, die Fusion, doch lass uns übers Wochenende in dieses traumhafte Hotel fahren, hat er letzten Samstag mit dieser Bestimmtheit gesagt, die sie immer ein wenig arrogant findet. Als müsste sie froh und dankbar sein für zwei gemeinsame Tage im Fünfsternehotel und Zimmer mit Meerblick.

Im Bad dreht sie das Wasser in der Dusche an, nur lauwarm, fast kühl, hält das Gesicht in den harten Wasserstrahl und dann den Kopf. Shampoo in die Haare, einmassieren, lange ausspülen. Vielleicht kann sie ja doch noch ein wenig schlafen, Freitag ist immer der härteste Tag, und ihre Kraft für die dreiundzwanzig Kinder ist da meist schon verbraucht. Sie könnte nach dem Unterricht alleine an die See fahren, das Hotel ist schon bezahlt, könnte lange am Strand laufen, bei klarer Sicht bis rüber nach Hiddensee sehen, im Meer schwimmen und nachdenken. Über sechs gemeinsame Jahre mit Mark, über enttäuschte Hoffnungen, ewiges Warten und sein zunehmendes Schweigen, so lässt sich die Zeit mit ihm auch sehen, wenn sie das Schöne der ersten Jahre ausklammert oder sich am besten erst gar nicht mehr daran erinnert. Doch der Anfang mit ihm ist so wunderbar gewesen, so intensiv und schön und herrlich, voller Nähe und Leidenschaft, ist mit vielen spontanen Unternehmungen und Marks kleinen, liebevollen Überraschungen zwischendurch, mit Gleichklang und Humor so dicht gewesen, dass sie im Grunde immer noch davon zehrt und auf die Wiederkehr all dessen wartet, was einmal gewesen ist. Sie trocknet sich ab, wickelt sich in das Badetuch und legt sich noch einmal ins Bett, stellt den Wecker auf halb sieben. Zwei Stunden Schlaf wären nicht schlecht, gepackt für das Wochenende hat sie schon. In der ersten Pause, spätestens in der zweiten wird sie Mark eine Nachricht schicken und dann nach dem Unterricht alleine an die See fahren.

Felix

Am doppelten Espresso verbrennt er sich fast die Lippen, die Bedienung macht ihm eine Brezel mit zu wenig Butter und vergisst, den Zucker hinzustellen. Ist wohl auch nicht ihr Tag heute. Felix kühlt sich mit dem Wasser aus dem kleinen Glas die Lippen und verdrückt die Brezel, dann bekommt er langsam wieder einen klaren Kopf. Nina wird morgen kommen, heute will sie noch ein letztes Mal mit ihren Freunden feiern, hat sie am Telefon gemeint. Mit den Bewerbungen wird sie nicht sofort beginnen, will erst einmal eine Pause machen und mit ihm den Sommer genießen. Hat alles durchgeplant wie immer, seine Nina, sein Schatz, sein Stern, seine Liebe. Warum bringt er es nicht fertig, es ihr einmal, wenigstens einmal nur zu sagen? Und warum nicht wenigstens sich selbst? Er bestellt noch einen Espresso und dazu ein Croissant, sein Magen knurrt, immerhin ist es schon elf. Bevor Nina kommt, muss er unbedingt die Wohnung aufräumen, putzen, aber das kann er auch noch morgen machen. Ab dann werden sie die nächsten Wochen zusammen aufwachen und durch die Stadt ziehen, werden in der Küche, im Park, am See und sonst wo morgens, mittags, nachts miteinander schlafen, werden tanzen, sich mit ihren Freunden treffen, ans Meer fahren und die letzten Wochen genießen, bevor sie endgültig erwachsen werden.

Sein Hemd klebt auf der Haut und stinkt nach Rauch, doch wenn er jetzt nach Hause fährt, wird er sich doch nur ins Bett legen. Lieber gleich zur Uni fahren und die bestellten Bücher in der Bibliothek abholen, dann muss er nächste Woche nicht nochmal hin. Nur noch eine einigermaßen passable Masterarbeit schreiben und das war es dann mit dem Studium. Keine langweiligen Seminare mehr über sich ergehen lassen, kein fades Mensaessen mehr hinunterschlingen und keine nervigen Kommilitonen mehr sehen müssen, nach der Masterarbeit wird die Uni endlich, endlich Geschichte sein. Im September will er mit der Arbeit anfangen, wenn er nur endlich ein Thema hätte, würde es ihm besser gehen. Vielleicht lässt sich heute noch jemand am Institut finden, mit dem er darüber reden kann.

Sein Smartphone klingelt, Jonas fragt an: „Wie war’s?“

„Keine Ahnung“, tippt er und dann noch: „Halt’ bloß dicht.“

Jonas schickt ein Emoji mit Heiligenschein und schreibt dazu:

„Wie immer verschwiegen wie ein Grab, abends Nachglühn?“

Felix schickt zwei betende Hände und ein „Na klar.“

Auf Jonas ist Verlass, seit der fünften Klasse gehen sie durch dick und dünn, seitdem ist der Freund sein Fels in der Brandung. Schnell noch an Nina ein paar Kuss-Emojis, dann lockt er sich auf der Institutsseite ein, Professor Hammer wird hoffentlich endlich die Klausur korrigiert haben, die letzte, die noch aussteht, und die unangenehmste, schwerste überhaupt, Statistik, einmal ist er schon durchgefallen. Nicht umsonst hat er diese verdammte Klausur immer wieder hinausgeschoben, aber dann die letzten Wochen, die letzten drei Monate nur noch dafür gelernt und soviel gearbeitet, wie während des ganzen Studiums nicht.

„Ja, Herr Rothang, tut mir leid, sie liegen zwar nur knapp darunter, aber eben darunter, da konnte ich nichts machen. Aber einen Versuch haben sie ja noch.“ Professor Hammer scheint keine Antwort von ihm zu erwarten, sieht unauffällig auf seine Breitlinguhr, schließlich ist es Freitagnachmittag, und er hat sicher Besseres vor, als mit ihm über eine missratene Klausur zu sprechen.

„Und da ist gar nichts mehr …“

„… wie ich schon sagte, knapp daneben ist nicht bestanden, probieren sie es einfach beim nächsten Mal wieder.“ Wieder ein rascher Blick auf die Uhr, dann ein schnelles Händeschütteln und schon hat er ihn aus seinem Büro heraus komplimentiert.

Wieder durchgefallen. Das kann nicht sein, das gibt es nicht, das ist einfach nicht wahr. Felix hält seine Hände unter das fließende Wasser des Waschbeckens in der Männertoilette, schüttet sich dann Wasser ins Gesicht und über den Hals. Spürt Herzklopfen im ganzen Körper, obwohl er weiß, dass es das nicht gibt, spürt den rasenden Puls von den Schultern bis hinunter zu den Füssen, Herzklopfen und rasenden Puls zusammen. Jetzt hat er nur noch einen Versuch, wenn er dann noch einmal durchfällt, ist es vorbei. Müsste sich dann exmatrikulieren lassen, und fünf Jahre Studium wären für die Katz. Eine Ungeheuerlichkeit, eine unfassbare, bodenlose Blamage wäre das. Schlappe, Unglück, Schande, Niederlage, Scheitern, Verhängnis, Absturz, Debakel, Desaster, Fiasko und alles zusammen. Felix nimmt noch einige Schluck Wasser und betrachtet sich im Spiegel. Kreidebleich zu sagen, wäre noch stark untertrieben. Dann schleicht er rüber in die Mensa, wo es nach Fisch riecht wie jeden Freitag, nimmt Kartoffelbrei, Bohnen-, Gurken- und Tomatensalat, setzt sich alleine an irgendeinen Tisch und schiebt gedankenlos alles in den Mund. Schmeckt nichts und sieht nichts, vor seinen Augen nur Zahlenreihen und Kombinationen, an denen er gescheitert ist. Nie wird er Statistik verstehen, schon in der Schule hat er Mathe nicht gekonnt und überhaupt immer schon einen Widerwillen gegen alles gehabt, von dem er nicht einsieht, wozu er es jemals brauchen wird. Sein Widerstand gegen Vorgaben, die ihm überflüssig erscheinen, wird ihm noch das akademische Genick brechen, er muss das unbedingt mit Jonas besprechen und sich von ihm beraten lassen, dass er dann ja nicht die Wiederholung auch wieder versieben wird. Auf keinen Fall mit Nina, die mühelos alles erledigt, was von ihr verlangt wird.

Als er zur U-Bahn geht, hat sich der Himmel dunkel verfärbt, die Blätter der Bäume rascheln bereits heftig, hoffentlich wird er noch trocken nach Hause kommen. Nein, er wird auf keinen Fall mit Jonas darüber reden, Freund hin oder her, schließlich hat der gerade mit seinem summa cum laude die Latte genauso unerreichbar hochgelegt wie Nina. Aber am Abend muss er ihn auf jeden Fall treffen, schon um das Thema mit der Blonden zu klären. Als er um die Ecke biegt, beginnt es aus Kübeln zu schütten, doch was soll’s, Hemd und Haare haben sowieso eine Wäsche nötig.

Ulla

Eine Woche ist es her, vor einer Woche hat sie Otto Meierbrand endlich gesagt, was sie von seinen Plänen hält, nämlich nichts, gar nichts. Noch zwei Wohnung zu kaufen und für zeitweiliges Luxuswohnen zu renovieren, da macht sie nicht mehr mit. Bereits seine derzeitigen sechs Wohnungen bietet er über ‚Homecompany‘ für eine sehr betuchte Klientel meist aus dem Ausland an. Russen, Skandinavier, Chinesen, die befristet in der Stadt zu tun haben und denen der Arbeitgeber die mehr als üppige Miete zahlt, manche kommen auch privat, ob im Ruhestand oder zur Entbindung ihres Kindes. Wen hat sie seither nicht gesehen und bisher hat sie bei diesem Geschäft auch brav mitgemacht, ist ja auch mehr als froh gewesen, damals diese Möglichkeit bekommen zu haben, als ihre Bürogemeinschaft mit zwei Kolleginnen auseinandergebrochen ist. Hat Umbaupläne ausgearbeitet, Bauarbeiten betreut, die Einrichtungen der Wohnungen übernommen und Mietsachen akkurat abgewickelt. Aber eine mit Ikea- und Bo-Concept-Möbeln Sachen zwar durchaus gemütlich ausgestattete Zweizimmerwohnung für fünfzehnhundert Euro, kalt wohlgemerkt, zu vermieten, ist ihr in letzter Zeit doch immer mehr gegen den Strich gegangen. Und das neue Portal ‚Luxiös‘, mit dem Meierbrand nun liebäugelt, verspricht sogar noch höhere Mieten und Renditen. Aber Meierbrand, ein Bekannter ihres Bruders aus Stuttgart, will das unbedingt machen, ist ganz heiß darauf, hat die erste Wohnung schon gekauft und ist bereits an der nächsten dran, er riecht das schnelle Geld, und seine späteren Erben wird es freuen. Auf ihre Einwände und auf ihre Kündigung hat er nur konstatiert reagiert, als kämen sie beide wirklich von verschiedenen Planeten. Aber Frau Rothang, sie können doch nicht den Lauf der Zeit aufhalten, hat er nur lapidar gemeint, ihr noch großzügig drei weitere Monatsgehälter zugesagt und für die gute Zusammenarbeit der letzten Jahre gedankt. Verstanden hat er sie nicht.

Nun heißt es wieder Stellenausschreibungen durchlesen, Bewerbungen schreiben, Vorstellungsgespräche führen und das Beste hoffen. Viele sagen ja, in ihrem Alter ist nichts mehr finden in ihrem Beruf, allenfalls schlecht bezahlte und befristete Aushilfsjobs. Die Arbeitslosenrate ist niedrig wie seit zwanzig Jahren nicht, die Wirtschaft boomt, und sie ist seit einer Woche ohne Arbeit. In einem Monat wird sie sechzig, das ist noch nicht alt, überhaupt gar nicht alt, aber dieses Mal wird die Suche wohl eine Herausforderung werden. Sie ist gespannt, wie oft es heißen wird, leider nein, schade, tut uns sehr leid. Das hat sie von ehemaligen Kolleginnen gehört, die nichts Richtiges mehr gefunden haben. Doch sie wird sich nicht abschrecken lassen und alles probieren, wieder einmal, wie meist, wie so oft schon. Bisher hat sie noch immer Glück gehabt, meistens jedenfalls. Notfalls setzt sie sich auch erstmal an die Kasse irgendeines Drogeriemarktes, wenn es sein muss, auch das. Sie wäre damit zwar die erste in ihrer Familie und erzählen würde sie es natürlich niemand von ihnen.

Alter ist relativ, das weiß sie nicht erst seit gestern. Sie trägt keinen Dutt und keine weiten Kleider, kann immer noch ziemlich lange auf einem Bein stehen, hat eine sehr gute Kondition und eine ziemlich gute Figur, vielleicht ein bisschen zu dünn ist sie in letzter Zeit geworden, und sie fühlt sich gesund. Aber alt ist sie trotzdem, irgendwie. Hat zwei Ehen hinter sich und zwei Kinder großgezogen, ist zweimal selbständig gewesen, hat noch ein bisschen Geld auf der Bank, gute Freunde, fünf Geschwister, eine akzeptable Familie im Schwäbischen, hat Schlafstörungen, Haut- und Magenprobleme, keinen Partner und seit letzter Woche nun auch keine Arbeit mehr. Aber auch keinen Termindruck, keinen Ärger und keinen nervenden Meierbrand mehr, dem sie es recht machen muss. Eigentlich sollte sie froh sein, jetzt hat sie erstmal alle Zeit der Welt. Einen Wochenplan hat sie sich schon gemacht, dreimal in der Woche Sport, Montag Kino, Dienstag Englisch, Mittwoch Chor, und hat schon beim Planen gewusst, dass es zu viel sein wird. Nur beim Singen ist sie wie jede Woche gewesen, nach den Proben gehen sie immer noch in ein Lokal zum Bier oder Wein. Mit dem Sportprogramm wird sie nächste Woche beginnen, Englisch dann im Herbst starten, vielleicht könnte sie auch ein Seniorenstudium an der Uni beginnen, bis sie eine neue Arbeit findet. Doch erstmal wird sie gründlich aufräumen und saubermachen, ihre Kleidung durchsehen, den Keller ausmisten, die liegengebliebenen Papiere durchgehen, die Finanzen durchrechnen, für Ordnung sorgen. Einfach machen und nicht zu viel nachdenken, einfach nur machen.

Das Gewitter kommt wie angekündigt, früher sind die Wetterprognosen nicht so genau gewesen, es blitzt und donnert. Ulla schließt die Fenster und sieht auf den Platz hinunter, auf dem die Linden durchgeschüttelt werden und viele Blätter und kleinere Äste verlieren. Kein Mensch ist zu sehen. Mitten in der Stadt ein Naturschauspiel, das erste Gewitter dieses Jahr. Sie wird sich gleich noch einen Tee machen und dann weiter räumen, jetzt hat sie Zeit dafür. Keine Verabredungen und keine Termine stehen an, und langsam kann sie die Sachen von Hans auch wieder in die Hand nehmen.

Was gehört einem nach sechs Ehejahren vom anderen? Bücher, Geschirr, Bilder, Fotos, Tagebücher, Möbel, der Computer? Mittlerweile kann sie sich sogar vorstellen, alles wegzuräumen und hinunter in den Keller zu tragen. Danach nur noch auf leere Wände zu sehen, warum nicht? Was sie noch einmal lesen möchte, kann sie sich jederzeit wieder besorgen, Geschirr ist mehr als genügend da, und Fotos aus den gemeinsamen Jahren auch. Immer haben sie alles kopiert aus Sorge, etwas Einmaliges zu verlieren. Seine Kleider hat sie längst weggegeben und nur zwei dickere Pullover behalten, die sie an kühleren Tagen gerne überstreift. Die wenigen Möbel, die er damals mitgebracht hat, können gerne seine Kinder haben, auch seine Fotoausrüstung und sein Kanu, seine Räder und Sportsachen, Skier, Tennis-, Badminton-, Tischtennisschläger und erst recht die Bilder seiner Familie. Portraits seiner Vorfahren und auch von ihm selbst als kleinem Jungen in weißem Hemd und kurzer Hose, allesamt in Öl auf Leinwand und in monströsen Rahmen. In den Fünfzigern hat man sich in den besseren Familien eben noch so malen lassen. Nichts mehr davon will sie haben, langsam schnüren ihr seine Sachen den Hals zu.

Jule

Gerade noch hat sie es in den Wagen geschafft, nun prasselt der Regen wie Nagelspitzen auf die Karosserie, im Nu sind die Scheiben von innen beschlagen, und dahinter verschwinden Schulgebäude, Schulhof, Kinder und Kollegen zu undeutlichen Schemen, als säße sie im Trocknen in einem fremden Land. Wie lange die Luft wohl im Wageninnere reichen wird, wenn sie die Fenster nicht öffnet? Das würde ihr Kollege Mattes sofort erklären, der für alles immer eine Antwort hat und ihr bei jeder Gelegenheit auch gerne immer einen Schritt zu nahekommt, dieser Wichtigtuer. Das Radio meldet für die Ostsee immer wieder Regenfälle für das gesamte Wochenende. Bei diesen Aussichten wird sie auf keinen Fall alleine über die Autobahn schleichen, um sich dann doch wegen schlechten Wetters nur im Hotelzimmer zu verkriechen. Denn nichts ist schlimmer als Paare beim Frühstücksbuffet, im Speisesaal und in weißen Bademänteln im Wellnessbereich um sich zu haben, wenn man selber alleine ist und es draußen schüttet.

Sie klappt die Rückenlehne zurück und streckt die Beine aus, sie könnte den Schlüsseldienst anrufen und ein neues Schloss für die Wohnung einbauen lassen oder Mark schreiben, dass sie ihn dieses Wochenende auf keinen Fall sehen will. In der großen Pause vorhin ist ihr vor lauter Ärger kein einziger Satz eingefallen, aber jetzt wird sie ihm schreiben, dass er erstmal fortbleiben soll. Sie schaltet ihr Telefon an und sieht, dass er einmal angerufen und ihr dann noch eine Nachricht geschickt hat: „Sollen wir bei diesem Wetter überhaupt fahren? Ruf mich an.“

Als wäre nichts passiert. Nach dieser Nacht. Nur ein Anruf und dann diese Nachricht. Geschäftsmäßig, praktisch und effektiv, so wie er ist. Sie probiert eine Nachricht, korrigiert und löscht sie wieder, dann schreibt sie: „Brauche Zeit für mich, rufe bitte nicht an.“

Ohne ihren üblichen Doppelkuss drückt sie auf Senden. Sie kann auch praktisch und effektiv, soll er sich ruhig wundern. Dann stellt sie das Telefon stumm, der Regen prasselt auf den Wagen, im Radio wird das fünfte Kapitel aus Fontanes ‚Effi Briest‘ gelesen, und sie döst langsam weg.

Gabriele

Als sie an der Yorkstraße umsteigt, ist die S-Bahn bereits brechend voll, schwitzend steht sie zwischen zwei jungen Syrern in verwaschenen, karierten Hemden, die sich über ihren Kopf hinweg dauerunterhalten oder vielmehr fremde Sprachlaute zuschreien, Flüchtlinge womöglich oder auch Studenten. Vor zwei, drei Jahren hat man noch nicht so viele dunkelhäutige, junge Männer in der Stadt gesehen. Nach ihrem Arbeitstag in der Bibliothek erträgt sie die lauten Stimmen kaum, hält sich tapfer am klebrigen Haltegriff fest und schließt immer wieder die Augen, hoffentlich steigen die beiden beim nächsten Halt aus oder wenigstens andere Fahrgäste, sodass sie sich setzen kann. Denn die nächste Dreiviertelstunde wird sie unmöglich noch länger diese vor Männlichkeit strotzenden, tiefen Stimmen ertragen können und auch nicht die Enge, Wärme und die vielen Gerüche. Sicherlich werden die Männer am Potsdamer Platz oder spätestens am Gesundbrunnen aussteigen, bis zu ihr nach Frohnau werden sie schon nicht fahren. Bei ihnen gibt es keine Flüchtlinge oder Migranten oder Asylanten, so genau kennt sie sich mit diesen Begriffen gar nicht aus. Überall in der Stadt sieht man jetzt diese Fremden, aber bei ihnen in der Gartenstadt nicht, und das spricht doch dafür, dort zu bleiben. Noch immer ist die Stadt wie ein ordentlich zusammengesetztes, großes Puzzle aufgeteilt, in dem die meisten Leute dort leben, wo sie hingehören, sein wollen oder hingeschoben werden. Und die städtischen Verkehrsbetriebe verbinden die normalen, langweiligen, spießigen, wohlhabendenden, angesagten Viertel mit den schlichten, abgehängten, verarmten, gefährlichen, absturzgefährdeten und bereits abgestürzten Gegenden und auch mit den No-Go-Areas, welche die Polizei mittlerweile alljährlich ausweist und damit zugibt, dass doch schon Einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Ein jeder sucht seinen Platz in diesem Irrsinn und macht sich seine eigene Welt in dieser Stadt, in die es noch viel mehr zieht. Über vierzigtausend Menschen, schreibt die Zeitung, kommen jedes Jahr und suchen hier ihr Glück.

So wie sie auch, damals nach der Schule. Aus Saarbrücken ist sie zum Studium gekommen, und hat sich die ersten beiden Semester auf keine Vorlesung und auf kein Buch konzentrieren können, ist mit ihrem gebrauchten Fahrrad nur staunend durch die Straßen gefahren und hat sich wie in einem fremden Land gefühlt. Als sie später dann schwanger geworden ist und noch später die Kinder eingeschult werden mussten, haben Hans und sie dann doch nicht mehr im heruntergekommenen Altbau im vierten Stock ohne Balkon wohnen wollen und schweren Herzens dem geliebten Stadtteil ihrer Jugend den Rücken gekehrt, haben ihren Kiez, ihren Obst- und Gemüsetürken um die Ecke, ihre Lokale und Kinos, die Markthalle und den Park, ihre Freunde und damit einen großen Teil ihres Lebens verlassen. Wo sie heute in ihrer Mittagspause manchmal beim Thai oder Türken eine Kleinigkeit isst oder bei schönem Wetter auch nur einen kleinen Spaziergang macht, hat sie früher gelebt, zuerst zur Untermiete bei einer älteren Dame, dann mit vier anderen Studenten in einer Wohngemeinschaft und später zusammen mit Hans in einer anderen. Die alten Häuser sind mittlerweile alle, ausnahmslos alle, mehr oder weniger aufwändig renoviert worden und werden für viel Geld vermietet oder sind in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Nur ein paar kleine Läden von früher gibt es noch und auch noch die schmale, begehbare Fotokabine für Schwarz-Weiß-Passfotos am Platz, aber das ist es dann auch schon. Das Haus ihrer letzten Wohnung hat jetzt einen orangegelben Anstrich, neue Fenster und Balkone, und statt der ehemaligen Schuhmacherei Witte im Erdgeschoß bewirtet nun ein vegetarisches Restaurant mit Stühlen und Tischen auf dem Bürgersteig seine internationalen Gäste. Aus ihrem früheren, immer ein wenig schäbigen und heruntergekommenen Viertel ist mittlerweile ein angesagter Szenekiez für Leute und Investoren aus der ganzen Welt geworden.

Später wird sie zuhause erstmal unter die Dusche gehen, ein frisches Sommerkleid anziehen und ein alkoholfreies Weißbier auf der Terrasse trinken. Dann wird Mutter ihr sicherlich wie jeden Abend wieder zeigen, was sie im Garten geschafft hat und lobende Worte dafür einfordern. Noch vierzehn Stationen. Ihr Leben gleicht mittlerweile einem simplen Bermudadreieck, wie sie es manchmal scherzhaft nennt, in dem sie langsam, aber sicher zu verschwinden droht. Tagsüber ist sie die erfahrene Fachkraft hinter dem Bibliothekstresen, die Auskünfte erteilt, Leihfristen verlängert, neue Ausweise erstellt, Bücher ausgibt und entgegennimmt, stets verlässlich, unaufgeregt und freundlich. Morgens und nachmittags fährt sie zwischen fremden Menschen eingeklemmt in den U-und S-Bahnen dieser Stadt, die übrige Zeit verbringt sie in ihrer gepflegten Doppelhaushälfte im nördlichsten Bezirk der Stadt mit viel Grün und noch mehr Ruhe. Doch wie übriggeblieben oder schon halb vergessen kommt sie sich mittlerweile in dieser beschaulichen Welt vor, die sie einmal mit Mann und drei Kindern belebt hat und nun mit Mutter aufrechterhält. Das vertraute Haus im Grünen ist lange Heimat gewesen und verwandelt sich je nach Gemütszustand in die unterschiedlichsten Gebilde, ist Leere, Überfluss, Vergangenheit, Zuflucht, Last, Zuhause und Sicherheit geworden für sie selbst, für Mutter und auch für ihr seltsames Mutter-Tochter-Konstrukt, und schon längst hat sie aufgehört, sich dies näher anzusehen. Jule würde ihr natürlich gleich wieder vorhalten, dass ihr einfach nichts recht ist, nicht die Extreme und nicht das Mittelmaß, nicht die Veränderungen und nicht das Beständige. In letzter Zeit kann sie es sowieso niemandem mehr recht machen, nicht der Tochter und nicht der Mutter, die Söhne halten sich aus Allem heraus und sind ins Ausland verschwunden, und Hans, ihr Exmann, ist damals einfach gegangen und nun schon zwei Jahren tot.

Als sie auch nach der nächsten Station immer noch zwischen den beiden Syrern eingeklemmt steht und ihren Redeschwall über sich ergehen lassen muss, möchte sie am liebsten nur noch laut schreien, greift sich dann ein Tempo aus der Handtasche und trocknet damit ihre Stirn.

Richard

Dieser verfluchte Typ! Er knallt das Telefon auf den Schreibtisch, immer wieder eine Änderung, noch eine und noch eine, hier die Zwischenwand nicht und dort doch noch eine Tür, und auf der Terrasse natürlich eine Hundedusche. Hundedusche! Gut, der feine Herr aus dem Süden zahlt, und das nicht schlecht, aber muss er sich deshalb zum Hampelmann machen? Er geht auf den Balkon und steckt sich eine Zigarette an, inhaliert die ersten Züge schnell und tief, und mit dem Gift im Kopf kann er sich wieder beruhigen. Der gut gebräunte und vor Selbstgefälligkeit strotzende Süddeutsche meint doch wirklich, dass ein Architekt jederzeit nach seinen Wünschen springen muss, selbst am Freitagnachmittag. Wie leid er diese Rolle ist, immer nur liefern und dabei noch die seltsamsten Vorschläge berücksichtigen und in kürzester Zeit in die Pläne einbauen zu müssen. Doch so ist das Geschäft, wer zahlt, schafft an. Wie leid er es ist, wie sehr ihn das alles mittlerweile langweilt, aber er hat keine Alternative. Dieser Auftrag ist sein einziger, und ein neuer noch nicht in Sicht. Also muss er stillhalten und liefern. Wie er das hasst. Er zündet sich noch eine zweite Zigarette an, bevor er später nach Hause fährt, wird er sich gründlich die Zähne putzen und noch einen Kaugummi in den Mund schieben, denn Anna denkt, dass er schon letztes Jahr damit aufgehört hat. Also raucht er nur noch im Büro, denn er braucht diese schnelle Vernebelung und die anschließende Ruhe im Kopf und im Körper und manchmal auch einen guten Single-Malt-Whisky dazu.

Nach der zweiten Zigarette geht er wieder an seinen Schreibtisch, um die Pläne wunschgemäß zu verändern, auch wenn ihm später der neue, überarbeitete Entwurf noch weniger gefallen wird als der bisherige. Dieses Luxus-Einfamilienhaus im Grunewald wird der Süddeutsche höchstens zwei- oder dreimal im Jahr bewohnen. Kunst braucht Kapital, auch wenn seine Architektur schon lange keine Kunst mehr oder noch nie gewesen ist, aber das schnöde Kapital will keine Kunst, vielleicht sollte er sich das endlich einmal eingestehen, dann würde ihm die Arbeit auch besser von der Hand gehen. Für eine bald fünfköpfige Familie muss er sorgen, und leider noch ziemlich lange, aber immerhin wird Felix bald mit dem Studium fertig sein und braucht dann keine Unterstützung mehr. Dafür kommt in zwei Monaten das dritte Kind, das er nicht mehr unbedingt gewollt hat, aber Anna hat sich eine große Familie gewünscht, und er hat Anna gewollt. Unbedingt. Will sie immer noch. Doch. Ja.

Das Gewitter ist vorbei und die Luft wieder angenehm frisch, die letzten Wochen mit der andauernden Hitze haben ihm zugesetzt, aber das hat er Anna gegenüber natürlich nicht zugegeben. Arno, sein bester Freund, hat ihn damals gewarnt, was macht du da nur, fast zwanzig Jahre jünger ist sie und will noch das ganze Programm mit Familienleben, das du schon hinter dir hast, bist du sicher, dass du es durchhalten wirst? Mittlerweile genießt sein Freund mit Frau die traute Zweisamkeit im dreißigsten Ehejahr und hat ihn damals nicht verstehen können, als er erst mit Anna zusammengezogen ist und sie dann auch hochschwanger geheiratet hat. Richard, hast dich mal wieder von deinen Hormonen treiben lassen, hat er nur kopfschüttelnd gemeint und ist dann doch wieder sein Trauzeuge gewesen. Wie schon bei der Hochzeit mit Ulla. Das ist aber jetzt das letzte Mal, hat er noch augenzwinkernd gemeint, dieses Mal machst du es richtig. Doch was richtig ist zwischen Mann und Frau, weiß er immer noch nicht so genau, auch nicht mit zwei Ehen, bald fünf Kindern und dem sechzigsten Geburtstag im nächsten Jahr.

Jetzt muss er Anna anrufen und ihr klarmachen, dass er die Kleinen nicht wie ausgemacht vom Kindergarten abholen kann. Natürlich wird sie alles anderes als begeistert, sondern ziemlich sicher sehr ärgerlich sein, die neue Schwangerschaft macht sie leider ungewohnt reizbar. Doch vor neun wird er nicht zuhause sein können, dann aber auf jeden Fall noch wie versprochen für Leonies Geburtstag morgen Girlanden aufhängen und Luftballons aufblasen, das volle Programm.

Ulla

Natürlich ist Felix wieder nicht zu erreichen, und Maja in Stuttgart wird noch arbeiten. Dass es ihre Älteste einmal in ihre alte Heimat verschlagen wird, hätte wohl niemand gedacht. Sie selbst ist damals nach dem Abitur gleich aus der schwäbischen Enge geflohen, nicht schnell genug hat es ihr damals gehen können, und nun hat ihre Tochter ihr Glück genau dort gefunden. Eine gute Stelle und eine schöne Wohnung, ein behagliches Nest inmitten der großen Familie mit vielen Tanten, Onkeln, Cousinen und Cousins, die zusammenhält und etwas darstellt in der Stadt. All das hat sie ihr hier nicht bieten können. Noch immer empfindet sie es als stummen Vorwurf, dass Maja gleich nach der Schule von allem und auch von ihr ganz weit weg sein wollte, erst plan- und ziellos im Ausland umhergereist, dann zum Studium nach München gegangen ist, und nun bei Daimler an ihrer Karriere bastelt. Kraftfahrzeugingenieurin, wer hätte das gedacht, arbeitet seit zwei Jahren in der Entwicklungsabteilung für Hybridautos, ungewöhnlicher und solider geht es kaum. Weit weg und in Sicherheit, das ist ihre Antwort auf das Durcheinander, das Richard und sie als Eltern veranstaltet haben.

Der Regen ist vorbei, und die Luft fast klar, schon als Kind hat sie es gemocht, wenn das Himmelswasser alles sauber wäscht. Sie hat keine Lust, noch länger im Keller zu räumen, keine Lust mehr auf Staub und Erinnerungen, und legt Schumann auf. Früher Abend, gute Musik und kühlere Luft, eine ideale Kombination für Gemütlichkeit, sich wieder zusammenbasteln, wie ihre Mutter früher zu solchen Momenten gesagt hat. Schumanns Klavierkonzert ist genau das Richtige, Mozart hat weit über zwanzig Klavierkonzerte geschrieben, Beethoven fünf, doch Schumann nur ein einziges, aber was für eins. Sie setzt sich mit einer Tasse Assam auf das Sofa und lauscht den ersten Tönen, Mitsuko Uchida und die Berliner Philharmoniker füllen den Raum, und nach den ersten Takten schon ist alles vergessen. Der Ärger über Meierbrand und seine Geldgier, ihre Kündigung und die vielen Sachen von Hans im Keller, einzig die Musik tönt in sie hinein, beruhigt und wärmt, wie sie es immer schafft. Bald schon sieht sie sich mit Hans auf ihren gewohnten Plätzen in der sechsten Reihe im Block A der Philharmonie sitzen, diesem visionären Bau, der sie noch immer mit Ehrfurcht erfüllt und den sie seit Hans Tod noch nicht wieder betreten hat, spätestens beim Intermezzo hätte er seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt. Sie schließt ihre Augen und spürt sie, seine Hand auf ihrem Schenkel, vertraut wie immer.

Jule

Das ständige Brummen nervt, und sie weiß, dass es nicht dazugehört. Nicht auf diese Insel und nicht an diesen Strand gehört, an dem sie mit Mark spazieren geht, bei heftigem Gegenwind durch feuchten Sand stapft. Er schreit ihr irgendetwas zu, doch sie kann ihn nicht verstehen, und etwas in seinem Gesicht macht ihr Angst, große Angst, und sie ist sich nicht sicher, ob er sich im nächsten Moment von ihr abwenden oder die Hand ausholen wird.

Als sie die Augen öffnet, brummt es immer noch, und sie braucht ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass sie im Auto liegt, es draußen immer noch Bindfäden regnet und die Scheiben von innen mittlerweile so beschlagen sind, dass sie fast gar nichts mehr sieht. Sie kurbelt die Sitzlehne hoch, öffnet das Seitenfenster einen Spalt und als sie nach dem Telefon in ihrer Handtasche greift, hört das Brummen auf. Hätte er sie wirklich geschlagen? Mark wird laut, wenn er wütend und mit etwas nicht einverstanden ist, man könnte ihn cholerisch und auch jähzornig nennen, aber handgreiflich?

Zwei Anrufe von ihm meldet ihr Smartphone und dann noch eine Nachricht: „Sorry Liebes, habe auf der Liege im Büro kaum geschlafen, Projekt am seidenen Faden, unser Wochenende muss leider ausfallen, wir holen es nach, bis später, Kusskuss.“

Immerhin ein Liebes, ein Sorry, ein bis später und auch den üblichen Doppelkuss, und doch. Zu selbstverständlich und sachlich, zu routiniert und auch noch Mitleid heischend, der Arme hat kaum geschlafen auf der Liege im Büro. Klingt wie bei einem alten Paar, bei dem die Frau für alles Verständnis zeigen soll. Gut, sie sind schon über sechs Jahre zusammen, aber sie ist noch nicht mal dreißig und gerade immer noch viel zu wütend. Seit Ostern geht das nun schon, dass er abends immer später nach Hause kommt und gestern zum ersten Mal gar nicht, seit vier Monaten also, sie lässt sich nicht weiter für dumm verkaufen, auf keinen Fall.

Der Regen hört auf, die Fahrt an die See hat sie schon abgehakt, aber nach Hause will sie auch nicht. Nur mit neuem Schloss, aber das wäre vielleicht doch noch etwas verfrüht, immerhin besteht ja noch die Möglichkeit, dass es wirklich nur die Arbeit und nur die Kanzlei sind. Noch schreibt er „Liebes“. Und sie hängt vielleicht nur durch. Die Arbeit mit den Kindern strengt sie an, das Schuljahr ist hart und sie braucht Ferien. Doch die Aussicht, nie mehr etwas anderes zu machen als Schule, schreckt, nimmt ihr fast den Atem und auf jeden Fall zu viel Kraft. Ist sie doch immer schon eine gewesen, für die Schwieriges einfach nur schwierig bleibt. Die Aussicht auf Sicherheit hat sie nach dem Abitur blind gemacht, Lehrer werden immer gebraucht, gutes Gehalt, später einmal Kinder bekommen können mit fester Jobzusage. Mutters unstete Lage seit der Scheidung hat ihr damals auch wenig Mut gemacht, sich etwas anderes vorzustellen. Seit Vater ausgezogen ist, wohnt Großmutter bei ihr, die ihr wohl auch immer wieder etwas zusteckt und dafür ihre Launen bei ihr ablädt. Zwei enttäuschte Frauen im grünen, ruhigen Vorort, die sich gegenseitig stützen und beklagen. Gute Vorbilder sind etwas anderes. Und Mark kräuselt jedes Mal nur die Stirn, wenn sie mal wieder Zweifel an ihrer Arbeit hat und Neues überlegt. Den sicheren Job für etwas aufgeben, das allenfalls unter Selbstverwirklichung einzuordnen ist? In einer muffigen Werkstatt sitzen und Töpfe drehen oder sich gar um Kranke kümmern? Vergiss es. Seine Worte, jedes Mal, die er schon gar nicht mehr aussprechen müsste, da sie sie schon auswendig kennt.

Sie wischt mit der Hand über die Vorderscheibe des Wagens, Parkplatz und Schulhof sind verwaist, statt bunter Anoraks nur tropfendes Grau. Ihre Schüler sind längst zuhause oder noch in der Kita, dreiundzwanzig Kinder aus siebzehn Nationen, die ihr täglich alles abverlangen. Sie sollte etwas essen, so flau wie sie sich fühlt, vielleicht beim Spanier oder Italiener, auf jeden Fall etwas Warmes, doch als sie den Wagen auf die Straße lenkt, entscheidet sie sich für den Vietnamesen in der Markthalle. Wie gut, in dieser Stadt zu leben und eine große Auswahl zu haben.

Gabriele

Trotz Dusche und Sommerkleid fühlt sie sich schon wieder klebrig, sie füllt das Glas mit alkoholfreiem Weißbier und setzt sich auf die Terrasse, trinkt in schnellen Schlucken und sieht in den Garten. Das Gewitter ist das erste dieses Sommers gewesen, etliche Zweige sind von den Bäumen heruntergebrochen und auch viele Blüten liegen auf den Beeten. Gießen und Rasenmähen fallen damit heute aus, sie hat nichts dagegen.

Allmählich kann sie den Tag und die ganze Woche wie eine zu enge Jacke abstreifen. Die Arbeit in der Stadtteilbibliothek ist seit Jahren die gleiche, nur die Technik ist moderner geworden, und alle paar Jahre macht sie notgedrungen eine dementsprechende Fortbildung mit. Immerhin kann sie nun mal während des Dienstes im Internet etwas nachsehen oder ihre E-Mails lesen. Manche Stammkunden sind mit ihr älter geworden, und man erzählt auch hier und da etwas Persönliches, einige bleiben weg, ob sie gestorben oder weggezogen sind, erfährt sie nicht. Die neuen Kunden sind meist jünger, viele von ihnen mit ausländischem Hintergrund, mit beiden Gruppen fällt es ihr schwer, ins Gespräch zu kommen. Die Zahl der Bibliotheksbesucher geht seit Jahren zurück, Bücher sind aus der Mode, allenfalls die Zahl der Ausleihen von E-Books, Hörbüchern und Filmen steigt. Nach der Scheidung ist sie froh gewesen, den Job überhaupt bekommen zu haben, nun aber fühlt sie sich wie auf einem elend langsam dahinschippernden Ozeandampfer mit der immer gleichen Aussicht. Noch weitere zehn Jahre im großen Lesesaal ihre Zeit abzusitzen, wird ihr die letzte Lebensfreude rauben, von der Jule meint, dass sie leider noch nie viel davon gehabt hätte. In solchen Momenten findet sie ihre Tochter einfach nur unverschämt, arrogant und vollkommen daneben und fragt sich, warum Jule so geworden ist. Ein wenig mehr Mitgefühl erwartet sie schon von ihren Kindern, wer ist es schließlich gewesen, der damals bei ihnen geblieben ist und dafür gesorgt hat, dass alle drei dann doch ohne größere Schäden durch die Schule gekommen sind, ein passables Abitur und gute Ausbildungen gemacht beziehungsweise begonnen haben. Hans jedenfalls ist es nicht gewesen, er hat sich mittendrin aus dem Staub gemacht und ein neues Leben begonnen. Und jetzt beweinen sie ihn als einen zu früh Gegangenen und beginnen sogar, ihr darüber Vorwürfe zu machen, nicht mehr aus ihrem Leben gemacht hat. Immerhin hätte sie doch mal studiert, Französisch und Englisch. Geht’s noch?

„Gabriele, wo bist du?“ Aus dem Inneren des Hauses tönt Mutters Stimme durch die Nachmittagsruhe.

„Hier, auf der Terrasse.“

Und schon steht Mutter neben ihr samt ihrem Stock. „Soviel Unkraut war, und nun sieht man doch wieder gar nichts von dem, was ich alles gemacht habe. Das Gewitter hat ja eine halbe Verwüstung angerichtet, aber heute mache ich nichts mehr … “

„… brauchst du auch nicht …“

„… jetzt habe ich Feierabend.“

„Ja, jetzt ist Feierabend, und morgen ist Wochenende“, sagt Gabriele.

„Morgen werde ich noch die verblühten Sachen wegschneiden und auch die kleinen Äste wegräumen, du musst unbedingt den Rasen mähen, wie hoch er schon wieder steht, morgen soll es ja wieder warm und trocken werden …“

„Mutter, ich … “

„… heute kannst du ja nicht mehr mähen, ist ja noch alles ganz nass.“

Mutter kann stundenlang so weiterreden.

„Was hat es denn heute Mittag zu essen gegeben?“, unterbricht Gabriele ihren Redeschwall.

„Heute Mittag?“ Mutter muss überlegen, wie so oft in letzter Zeit. „Ich glaube Fisch, Kochfisch, und er hat wieder überhaupt nicht geschmeckt, er schmeckt ja nie, viel zu viel Sauce und keine Gewürze.“

„Magst du dich nicht ein wenig setzen?“ fragt Gabriele.

Bevor Mutter antwortet, führt Gabriele sie schon zum Sessel, holt noch ein Polster aus dem Wohnzimmer und schiebt es ihr unter den Po.

„Was möchtest du trinken, Wasser, Apfelsaftschorle oder einen kühlen Tee?“, fragt sie dann, froh über jede Beschäftigung.

„Ich mag nichts trinken, aber bringe mir doch bitte die Zeitung mit raus. Ich hatte noch gar keine Zeit, sie zu lesen“, antwortet Mutter in diesem Leidenston, der Gabriele augenblicklich Kopfschmerzen verursacht.

„Und was magst du später essen?“, unterbricht sie sofort.

„Leberwurstbrot, weißt du doch.“