Flüchtiges Glück - Ferdinand Haenel - E-Book

Flüchtiges Glück E-Book

Ferdinand Haenel

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Beschreibung

"Ist Deutschland ein guter Zufluchtsort?" fragt Ferdinand Haenel, Facharzt im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer, in seinem Kursbuch-Beitrag und erzählt die Geschichte des Herrn F. Herr F ist einer von vielen traumatisierten Flüchtlingen, die eine psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung benötigen, weil sie in ihrer Heimat oftmals jahrelange Folter erdulden mussten. Haenels Antwort: "Für die meisten traumatisierten Asylbewerber und Flüchtlinge leider nein."

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Seitenzahl: 23

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ferdinand Haenel Flüchtiges Glück

Warum Deutschland kein guter Ort für Folteropfer ist

Wohin flüchten, wenn im eigenen Land Krieg herrscht? Das Haus zerbombt, die Familie getötet oder man selbst von Folterknechten gequält wurde, mitunter monatelang, jahrelang. Ist Deutschland da ein guter Zufluchtsort? Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Herrn F. Als er zu uns in die Tagesklinik im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer gebracht wurde, konnte er sich an seine Vorgeschichte nicht erinnern. Nur seinen Namen wusste er und sein Herkunftsland. Sonst nichts. Er hatte sein Gedächtnis verloren. So schien es.

Er lächelte stereotyp, wirkte abwesend mit in die Ferne gerichtetem Blick. Er war ohne Affekt, antriebslos, verlangsamt. Wie ein kleiner Junge ließ er sich von seinen Begleitern an der Hand führen, nahm folgsam den angebotenen Platz im Behandlungszimmer ein, gab sehr zeitverzögert und verlangsamt Antworten mit knappem »Ja« oder »Nein«. Auf die Frage des Psychiaters nach »Stimmenhören« reagierte er nachdenklich konzentriert, als suche er seine Erinnerungen ab, und schüttelte schließlich den Kopf.

Noch eh er im Laufe der Behandlung seine Erinnerungen wiederfand, zeigte er im Garten der Tagesklinik große Aktivitäten und Fertigkeiten im Umgang mit den Gartengeräten, war begeistert dabei und wollte sogleich auf dem kleinen Gartengelände Obstplantagen anlegen und Kühe zur Viehzucht anschaffen. Viel später erst stellte sich heraus, dass Herr F. im Kaukasus auf einem Bauernhof gelebt hatte. Offenbar waren ihm seine motorischen Fertigkeiten geblieben, während seine Erinnerungen an seine biografische Vorgeschichte verloren gegangen waren.

Die Umstände, wie Herr F. nach Berlin gekommen war, hören sich fast unglaublich an. Eines Tages im Jahre 2008 klingelte bei Frau E., einer russischen Emigrantin, die bereits seit vielen Jahren in Berlin lebt, das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Frau, sie war sehr aufgeregt, sprach schnell und auf Russisch, ihren Namen wollte sie nicht nennen, sie bat eindringlich Frau E., ihren kranken Sohn bei sich aufzunehmen. Frau E. hatte keine Zeit, »Ja« oder »Nein« zu sagen, da wurde auf der anderen Seite der Hörer schon wieder aufgehängt. Und als es drei Tage später an ihrer Haustüre klingelte, stand Herr F. da mit einem unbekannten Begleiter, der auch gleich unter knappem Gruße wieder verschwand und den anderen einfach vor der Türe stehen ließ. Weiß Gott, auf welchen Wegen der Schlepper den Herrn F. vom Kaukasus nach Berlin gebracht hat. Frau E. entschied sich in diesem Augenblick, den vollkommen verwirrten Herrn F. erst einmal bei sich aufzunehmen, obwohl sie berufstätig und alleinerziehende Mutter zweier Kinder im Kindergartenalter war. Und brachte ihn sofort zu uns.

Tschetschenien? Kein Deutsch? Ach so!