Flüchtlinge geben Arbeit - Marietta Rohr - E-Book

Flüchtlinge geben Arbeit E-Book

Marietta Rohr

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Beschreibung

Leiten sie doch mal eine Flüchtlingsunterkunft und geben sie mal ein paar Stunden Deutschunterricht Ich verspreche Ihnen, dass sie dabei jede Menge erleben werden. Sie werden über Situationen staunen, die sie bisher noch nie angetroffen haben. Viel Neues wird ihr Herz erfreuen, diverses auch ärgern. Manche der täglichen Probleme stimmen einen ratlos, weil keine Lösung greifbar oder gut genug. Die Geschichten der Flüchtlinge berühren das Herz und lassen uns halbwegs erahnen, was die Menschen auf der Flucht erleben.

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

1. Teil

Flüchtlinge geben Arbeit – meine Zeit als leitende Betreuerin in Flüchtlingszentren

Leiten Sie doch mal eine Flüchtlingsunterkunft!

Ich verspreche Ihnen, dass sie dabei jede Menge erleben werden. Sie werden über Situationen staunen, die sie bisher noch nie angetroffen haben. Viel Neues wird ihr Herz erfreuen, manches auch ärgern. Manche der täglichen Probleme stimmen einen ratlos, weil keine Lösung greifbar oder gut genug. Die Geschichten der Flüchtlinge berühren das Herz und lassen uns halbwegs erahnen, was die Menschen auf der Flucht erleben.

In einem Flüchtlingsheim treffen verschiedene Nationen, Religionen und Weltanschauungen aufeinander. Nicht selten sind es Menschen aus Ländern, die sich im Krieg gegenseitig bekämpfen. Friedliches Zusammenleben fördern, bei Streitigkeiten intervenieren, Wertschätzung und Respekt vermitteln, gehören zu den Aufgaben der Betreuung.

An diesem speziellen Arbeitsort haben es Gutmenschen schwer. Sie sind dauernd im Clinch zwischen der eigenen Werthaltung und den Richtlingen für die Arbeit. Die eigene Reflexion ist besonders wichtig. Verbale und nonverbale Kommunikation stehen im Vordergrund.

Nähe und Distanz ist ein unvermeidliches Thema. Und ein schwieriges zugleich. Wie viel Nähe zu den Flüchtlingen ist erlaubt, ab wann muss man zwingend Distanz wahren? Darf man die private Telefonnummer aushändigen? Sein Facebook-Profil bedingungslos freischalten? Und wie verhält man sich, wenn man den Asylsuchenden in seiner Freizeit antrifft? Können wir zusammen Kaffee trinken?

Wer diesen Job gut machen will, braucht eine bodenständige Lebenseinstellung. Empathie ist wichtig, benötigt werden aber auch ein gutes Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit zur Kommunikation. Wer nicht gerne Probleme löst, ist am falschen Platz. Davon gibt es nämlich täglich reichlich, meistens kommen sie im Rudel und schreien nach sofortigem Einschreiten. Dann heisst es kühlen Kopf bewahren, Prioritäten setzen, wenn nötig delegieren und ganz wichtig – immer das netteste Lächeln aufsetzen.

Es ist eine anspruchsvolle Arbeit. Sie fordert einen viel ab. Manchmal bleibt einem nur schönreden. In solchen Momenten hilft der Humor. Über den Dingen stehen und ihnen mit einem Grinsen begegnen. Auch wenn es nicht immer einfach war, erfüllte mich mindestens einmal pro Tag das unbeschreibliche Gefühl, den weltbesten Job zu haben. Das zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht.

Ich habe einige Geschichte aus meiner Arbeit zusammengetragen. Sie sollen nicht das Gefühl einer heilen Welt in Asylzentrum vermitteln, sondern vielmehr die Realität aufzeigen. Der facettenreiche Alltag mit einer grossen Palette an Dargebotenem. Die täglichen Herausforderungen – lustiges, spannendes und haarsträubendes. Von allem etwas.

Flüchtlinge geben Arbeit, in jeder Hinsicht.

Solltest du jedoch einmal die Gelegenheit haben, selber eine solche Unterkunft zu leiten, lass dir diese Chance nicht entgehen. Ich habe bei keiner Arbeit soviel über mich selber und das Leben gelernt. Grossartig!

Viel Spass beim Lesen!

Langeweile und die Folgen

Einem Tunesier war es immer wieder langweilig. Obwohl wir ihn für verschiedene Hausarbeiten einspannten oder gemeinnützige Aufgaben zuteilten, kam er immer wieder auf schräge Ideen. Eine davon galt dem Brandalarm. Ideale Tageszeit für diese Aktion: der Abend. Dann, wenn sich am meisten Leute im Zentrum befanden, das grösste Publikum sozusagen. Dann spazierte er ganz unauffällig am Brandmelder vorbei, checkte schnell die allfälligen Zuschauer und zack – im nächsten Moment drückte er den Alarmknopf. Im Gewirr der Leute verdrückte er sich danach unauffällig durch den Stockwerkausgang das Treppenhaus hinunter. Diese Handlung hatte jedes Mal zur Folge, dass die Feuerwehr mit viel Tatütata angerückt kam – vergeblich. Auf die Fehlalarme folgte dann postwendend die Rechnung für die entstandenen Umtriebe. Diese beliefen sich auf über Tausend Franken pro Einsatz.

Irgendwann wurde der Tunesier bei diesen Machenschaften von anderen Asylsuchenden beobachtet. Diese teilten mir ihre Wahrnehmungen umgehend mit. Ich suchte das Gespräch mit dem jungen Mann und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass ich ihn beim nächsten solchen Vorkommnis anzeige. Diese Ansage machte ihm keinen Eindruck. Er stritt die Sache vehement ab. Dabei redete er laut und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Als er feststellte, dass mich das ebenfalls nicht beeindruckte, ging er zum Gegenangriff über. Er beugte sich leicht zu mir vor, machte ein ernstes Gesicht und seine Stimme wurde ganz leise. Beinahe flüsternd liess er mich wissen, dass er mich „fertig macht“, wenn wir uns draussen begegnen, wenn ich nicht sofort von einer Anzeige absehe. Er würde mich überall finden. Aha! Ein zweiundzwanzigjähriger drohte mir. Ich empfand in dem Moment keine Angst, sondern Ärger über die Unverschämtheit dieses Asylsuchenden. Was glaubte der eigentlich? Wir gewähren im Aufenthalt in unserem Land, geben ihm ein Dach über den Kopf, Essen und medizinische Versorgung – und er hat nichts Besseres im Kopf als Streiche und Drohungen. Ich schaute ihm direkt in die Augen, setzte meinen bösesten Blick auf erklärte ihm höflich, dass ich seine Drohung an die entsprechende Stelle weiterleiten werde. Bevor er nochmals den Mund aufmachen konnte, drehte ich mich auf dem Absatz um und ging ins Büro, den Sicherheitsdienst und die Polizei verständigen. Letztere kam, nahm meine Anzeige auf, den jungen Tunesier mit, danach wurde es still rund um den Brandalarm. Der Tunesier kam nicht mehr ins Center zurück.

Kaputte Türen

Und dann war da noch jener Ägypter, welcher eine unglaublich kriminelle Energie hatte. Wann immer ihm etwas nicht passte, oder jemand das Falsche sagte, rastete er völlig aus. Dahingehend, dass er alles kurz und klein schlug, was sich ihm in den Weg stellte. Egal, ob Blumentöpfe, Geschirr oder Mobiliar, nichts war vor ihm sicher. Oder jene gläserne Eingangstüre, welche er mutwillig und mit den blossen Händen zertrümmerte. Aber alles der Reihe nach.

Es fing damit an, dass er an einem Abend zu spät ins Zentrum zurückkam. Er war zwanzig Minuten über der Zeit und ziemlich schlechter Laune, weil es Bindfäden regnete und er einigermassen durchnässt war. Weil der Sicherheitsdienst gerade alle Hände voll zu tun hatte, musste er einen Moment draussen warten. Unter dem schützenden Vordach notabene. Anfangs verhielt er sich einigermassen ruhig, doch je länger die Warterei dauerte, desto aufgebrachter wurde er. Laut gestikulierend machte er auf sich aufmerksam, während man ihm zu verstehen gab, noch einen Moment zu warten. Das gefiel ihm gar nicht. In seinem Ärger begann er gegen die Eingangstüre zu treten, worauf ihm der Sicherheitsdienst deutlich zu verstehen gab, dass er aufhören soll, weil noch nicht an der Reihe. Das war zu viel für ihn. Er drehte sich um, packte den in der Nähe der Eingangstür stationierten Veloständer und warf diesen in voller Wucht gegen die Eingangstür. Diese zerbarst in tausend Stücke und fiel in sich zusammen, dafür war der Weg nun frei ins Haus. Er schmiss den Fahrradständer in die nächste Ecke und spazierte seelenruhig in Haus. Dort wurde er postwendend vom aufgeschreckten Sicherheitsdienst in Empfang genommen und am Weitergehen gehindert. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ihm dies wieder gar nicht behagte und er in der Folge begann, wild um sich zu schlagen. Dabei trat er gegen alle Schienbeine, die sich ihm in den Weg stellten, während er versuchte, sich aus der Umklammerung der Sicherheitsleute zu befreien. Vergeblich.

Im nächsten Augenblick lag er am Boden, die Hände mit einem Kabelbinder gefesselt, umringt von diversen Sicherheitsmitarbeitern. Selbst dies hinderte ihn nicht daran, gegen alles zu treten, was sich bewegte. Die alarmierte Polizei machte kurzen Prozess und nahm ihn mit. Doch wir wussten alle, dass er in spätestens achtundvierzig Stunden wieder freikam. So lange konnte ihn die Polizei maximal festhalten. Bis dahin unternahmen wir alles, um ihn endgültig loszuwerden, leider vergeblich. Wir wurden beim Migrationsbüro vorstellig und baten die Verantwortlichen, den Mann sofort in ein anderes Zentrum zu transferieren. Wir erhielten den Bescheid, dass das Verfahren kurz vor dem Abschluss sei und ein Transfer in ein anderes Zentrum daher nicht mehr sinnvoll. Man plane aber Ausschaffungshaft direkt ab Zentrum. Das hiess im Klartext, nach achtundvierzig Stunden kam der Mann aus dem Polizeigewahrsam zurück. Dann wird ihm so schnell wie möglich der negative Asylbescheid vom Migrationsbüro eröffnet, gefolgt von der Ausschaffungshaft. Die Polizei war in solchen Fällen immer anwesend und nahm die Person anschliessend mit für die Ausschaffungshaft. Wirklich beruhigend tönte dies nicht in meinen Ohren, vor allem der Teil mit "bis zur Übergabe des Asylbescheids kommt er zurück ins Zentrum". Was man in dieser Zeit noch alles kaputt machen kann, wurde uns auf eindrückliche Art demonstriert.

Der Asylsuchende kam zurück aus der Untersuchungshaft und erklärte schon beim Eintritt ins Zentrum den Tarif. Die Kurzform lautete: Wer nicht spurt, den mache ich fertig. Damit meinte er vor allem den Sicherheitsdienst. Wir waren alle alarmiert. Die erste Nacht verlief relativ ruhig. Wir versuchten den Ball flach zu halten um ihn ja nicht zu provozieren. Abstrus. Man halte fest: Ein Asylsuchender macht en masse Stunk und statt rigoros durchzugreifen, hätscheln wir den Mann noch. Am zweiten Abend war es dann fertig mit der Ruhe. Weil ihn die Zimmergenossen aufmerksam machten, dass Rauchen in den Schlafräumen verboten war und Sanktionen nach sich zog, tickte er aus. Er packte den erst Besten und schleuderte ihn gegen die Wand. Der junge Mann blieb benommen liegen. In der Zwischenzeit rannte er auf den Gang, riss einen Blumentopf samt Pflanzen aus einem Kübel und warf diesen mit grosser Wucht ins Zimmer. Der Schuss war derart kraftvoll, dass der Topf an das, dem Eingang gegenüberliegende, Fenster flog, zerbrach und die Blumenerde gleichmässig über den Zimmerboden verteilte. Es sah aus wie auf einem Acker, fehlten nur noch die Kartoffeln zum Anbauen. Keiner der Zimmergenossen traute sich mehr aus dem Raum, alle befürchteten das Schlimmste. Und es kam noch schlimmer. Der Randalierende war mittlerweile bei der Eingangstür, welche auf das Stockwerk führte, angelangt. Und was tat er da? In seiner unsäglichen Wut malträtierte er die Türe mit seinen blossen Fäusten, so lange, bis das Glas zerbarst und rausfiel. Es war nicht zu fassen! Zwei Türen innert kürzester Zeit zerdeppert, ein verwüstetes Schlafzimmer, ein verletzter junger Mann. Tolle Bilanz. Der kann seinen Grosskindern zu Hause mal etwas erzählen. Nach dieser Aktion rannte er durchs Treppenhaus, wo er dem Sicherheitsdienst direkt in die Arme lief. Sie überwältigten ihn und sperrten ihn bis zum Eintreffen der Polizei in die Arrestzelle. Dann ging alles ganz schnell. Nach diesem erneuten Tobsuchtanfall war das Migrationsbüro zur Einsicht gelangt, dass sofort gehandelt werden musste. Der negative Bescheid wurde ihm anderntags im Gefängnis eröffnet und von dort wurde er zeitnah in Ausschaffungshaft verlegt. Ich bin immer noch stinkig, wenn ich an diese Geschichte denke. Man hätte einigen Schaden verhindern können, hätte man rechtzeitig gehandelt. Ich will es nicht schönreden, wir machen alle Fehler. Wichtig ist einfach, es das nächste Mal besser zu machen. Wobei, ein nächstes Mal wird es in dieser Form hoffentlich nicht mehr geben.

Häusliche Gewalt

Eine andere Art von Gewalt mit der wir immer wieder konfrontiert waren, war die häusliche Gewalt. Sie geschah oft hinter verschlossenen Türen und machte das Eingreifen schwierig. Erschwerend kam dazu, dass die Opfer, in den meisten Fällen Frauen, von einer Anzeige gegen den Täter absahen. Meistens aus Angst vor dieser Person. Alles zureden, inklusive übersetzen durch einen Dolmetscher, blieb meistens erfolglos. In solchen Fällen boten wir den Betroffenen an, den Täter in ein anderes Zentrum zu transferieren, damit Ruhe einkehrte. Selbst dieser Vorschlag fand kaum Anklang.

In einem Fall hatte die Geschichte ein anderes Ende. Eine Äthiopierin war von ihrem Mann an einem Abend im Zimmer misshandelt worden. Die beiden hatten getrennte Zimmerer, er hatte sich Zugang zu ihren Räumlichkeiten verschafft. Der mitgebrachte Kollege hielt die restlichen Frauen in Schach, während der Ehemann über seine Frau herfiel. Sie wehrte sich heftig und er wurde immer brutaler. Irgendwann liess der Mann von ihr ab und verschwand mit seinem Freund fast geräuschlos durchs Treppenhaus. Die Frau blieb verletzt zurück. Ihre Freundinnen liefen los um Hilfe zu holen. Der Sicherheitsdienst alarmierte die Ambulanz, welche die Frau umgehend ins nahe Spital brachte. Die Polizei nahm den Mann fest.Auch hier war uns bewusst, dass er nach maximal achtundvierzig Stunden zurück war. Am Morgen danach besprachen wir mit dem Migrationsbüro das weitere Vorgehen. Wir waren uns schnell einig, dass die Geschädigte entscheiden sollte, was sie brauchte und was sie sich wünschte. Ob sie ihren Mann anzeigen würde? Ich schlug vor, dass wir eine gute Freundin aus demselben Zimmer als Übersetzerin mit ins Spital nahmen, damit sie sich nicht gleich verloren fühlte. Die junge Frau, ebenfalls aus Äthiopien, willigte sofort ein.

Vor dem Spital trafen wir zwei Polizisten, welche zwecks Aufnahme des Protokolls eingetroffen waren. Wir besprachen die wichtigsten Dinge und machten uns auf den Weg in die Notfallstation. Die Freude über die mitgebrachte Freundin war gross und half, Hemmungen abzubauen. Wir erklärten ihr die Rechte und gaben ihr klar zu verstehen, dass Misshandlungen durch den Ehepartner in unserem Land nicht geduldet wurden, und dass die Möglichkeit bestand, ihren Partner anzuzeigen. Bei dieser Aussage pochte mein Herz ein klein wenig mehr als sonst und die Anspannung stieg. Würde sie es tatsächlich tun? - Ja, sie tat es, ohne zu zögern. Zur Sicherheit fragten wir bei der Übersetzerin noch einmal nach, wir wollten sicher sein, dass wir nichts missverstanden hatten. Die Nachfrage ergab die gleiche Antwort. Mein Herz machte ein paar Freudensprünge! Endlich wagte es einmal eine Frau, ihrem Mann Paroli zu bieten. Hurra! Wenn dies im Zentrum die Runde machte, mussten sich alle Ehemänner mit denselben Absichten warm anziehen. Ich war zufrieden. Wir vereinbarten mit den Damen, dass wir den Ehemann vor ihrer Rückkehr in ein anderes Zentrum transferierten, wo er hoffentlich weniger "Schaden" anrichtete. Kaum im Zentrum zurück, erreichte uns die Nachricht, dass der Mann das Weite gesucht hatte, nicht durch den offiziellen Ausgang, er war über den Zaun geklettert. Als hätte er etwas geahnt. Er war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Seine Frau vermutete, dass er sich in ein anderes Land abgesetzt hatte. Wie auch immer.......es kehrte Ruhe ein.

Seine Frau erholte sich von den äusserlichen Blessuren und wirkte weit entspannter als noch einige Zeit davor. Sie und die anderen Frauen im gleichen Zimmer waren längstens Freundinnen geworden. Der Tag, an dem sie das Zentrum in verschiedene Richtungen verliessen, war absehbar. Aber gute Freunde verlieren sich nicht so schnell aus den Augen. Die Geschichte machte im Zentrum in Windeseile die Runde, vor allem der Umstand, dass die Ehefrau ihren Mann angezeigt hatte und der bei einem Auftauchen mit rechtlichen Schritten rechnen musste.

Krankheiten

Die Asylsuchenden bringen und diverse Krankheiten ins Haus. Vor einigen müssen wir uns selber schützen, anderen können wir gelassen entgegentreten. So auch Malaria. Eines Tages kam ein junger Eritreer in unser Zentrum um einen Asylantrag einzureichen. Bevor man eintreten konnte, musste man sich einem ausführlichen Check unterziehen. Es wurden die ersten Fingerabdrücke genommen, gefolgt von einem Bodycheck. Auch das Gepäck wurde sorgfältig untersucht. Dann wurden die Leute nach ihrem Befinden gefragt. Je nach Antwort, wurden sofort Massnahmen eingeleitet.

Auch der Eritreer wurde gefragt. Seine Antwort fiel sehr mager aus, war eher ein Gemurmel. Der Sicherheitsdienst fragte nach, aber auch der zweite Versuch, etwas über seine Gesundheit zu erfahren, brachte nichts an den Tag. Der junge Mann wurde im Zentrum einquartiert, in einem Zimmer mit Landsleuten, damit er sich schnell wohlfühlte. Ich begegnete ihm ab und an im Zentrum, er grüsste immer freundlich und fiel auch sonst nie negativ auf. Nichts besonderes, nichts Auffälliges.

Etwa eine Woche später, ich sass über der Buchhaltung, kam ein Mitarbeiter ins Büro gestürmt und forderte mich auf, sofort mitzukommen. Ich folgte ihm ein wenig erstaunt. Bis zu diesem Zeitpunkt war es sehr ruhig gewesen auf dem Stockwerk, nichts war passiert, was ich hätte mitbekommen sollen. Anscheinend täuschte ich mich gewaltig. Ich folgte dem Mitarbeiter gespannt, welcher zielstrebig zur Dusche marschierte. Mein Magen zog sich zusammen. War jemand beim Duschen zusammengebrochen? Hoffentlich nicht. Wir gingen hinein, ich immer noch hinter meinem Mitarbeiter. Drinnen zeigte er auf die Duschkabine. Dort sah ich den jungen Eritreer. Er stand, mitsamt seinen Kleidern unter dem Wasserstrahl. Um den Kopf hatte er einen dicken Winterschal gebunden. Im ersten Moment dachte ich an einen schlechten Scherz. Oder war es gar die Unwissenheit, wozu eine Dusche da ist und wie man sie benutzt? Ich bat den Eritreer das Wasser abzustellen. Er tat wie befohlen. Ich schaute ihn fragend an und er versuchte mir in irgendeiner Sprache seine Situation zu erklären. Dieses Gemisch aus Worten und Gemurmel verstand ich nicht. Ein Dolmetscher musste her. Ich bat den Mitarbeiter, eine Person zu suchen, welche übersetzen konnte. Ich bugsierte den Eritreer in der Zwischenzeit aus der Dusche. Das Ganze fühlte sich sehr unwirklich an. Mein Mitarbeiter kam mit einem Zimmerkollegen zurück, der gut Englisch sprach und uns helfen konnte. Ein kurzer Wortwechsel, dann teilte uns der Dolmetscher mit, dass sein Freund krank war. Und weil er derart heiss hatte, war er zwecks Kühlung des Körpers mit samt den Kleidern unter die Dusche gestanden. Ich bat den Dolmetscher, den Freund ins Zimmer zu begleiten. Dort sollte er die Kleider wechseln, danach gingen wir in die Krankenstation. Irgendetwas war nicht gut, sagte mir meine Intuition. Kurze Zeit später erzählte ich der Krankenschwester davon und bat sie, das Fieber zu checken. Und dann wurde klar, warum der Eritreer sich unter die Dusche gestellt hatte. 42 Grad Fieber! Von da an ging alles ganz schnell. Die Krankenschwester legte eine Infusion und ich alarmierte die Ambulanz. Er musste schnellstens ins Spital. Ich bat seinen Freund, ihn zu begleiten und den Ärzten als Übersetzer zu helfen. Beim Abtransport bat ich die Sanitäter, uns so schnell wie möglich über die Krankheit zu informieren, damit wir, falls nötig, weitere Massnahmen ergreifen konnten. Gegen Abend rief mich die leitende Ärztin an. Ich war sehr gespannt auf ihre Ausführungen. Die waren kurz und bündig: Der junge Mann hatte Malaria, die schlimmste Sorte, und musste nun einige Zeit im Spital bleiben. Ich atmete auf. Einerseits weil ich ihn in guten Händen wusste, andererseits, weil wir hier im Haus nichts zu befürchten hatten. Malaria ist nicht ansteckend, der Überträger dieser Krankheit ist eine Mücke. Der Eritreer war irgendwo in Afrika gestochen worden, doch erst in der Schweiz war die Krankheit ausgebrochen. Vielleicht besser so. Wäre ihm in einem anderen Land auch so professionell geholfen worden?

Mit Tuberkulose verhält es sich anders. Diese Krankheit ist ansteckend, die Gefahr sie zu bekommen entsprechend hoch, wenn man sich mit dem Träger der Krankheit zu lange im gleichen Raum aufhält. Wobei die geschlossene Tuberkulose weniger gefährlich ist als die offene. Egal welche Form, die Krankheit sorgte im Haus unter den Mitarbeitern immer wieder für Hysterie. Das ging so weit, dass jeder glaubte, er habe sich mit Tuberkulose angesteckt, wenn beim Eintritt ein Asylsuchender zweimal hustete. Hatte einer dabei noch Auswurf, waren sich sofort alle einig, dass der Betroffene eine offene Tuberkulose hatte und alle übrigen Anwesenden in diesem Moment angesteckt hatte.

Diese Hysterie machte mich zeitweise fast kirre! Statt mit gesundem Menschenverstand die Sachlage zu klären, machten Horrorgeschichten die Runde. Meine Bemühungen, den Ball flach zu halten, waren meistens erfolglos. Jeder Neueintritt musste einen Tag nach der Ankunft zu einem Medizincheck. Dort wurde unter anderem abgeklärt, ob eine Tuberkulose Untersuchung nötig war oder nicht. Obwohl kerngesund, zwang ein Umstand viele Asylsuchende zu diesem Test. In einigen Ländern der Erde kommt Tuberkulose recht häufig vor. Um sicher zu gehen, dass diese Menschen nichts einschleppten, mussten sie einen Test machen. Ob sie wollten oder nicht, es war obligatorisch.

Einmal hatten wir einen Tibeter. Er gehörte gemäss Landesliste über Tuberkulose zu den Top-Favoriten für diese Krankheit. Und obwohl er angab, kerngesund zu sein, musste er im Spital antraben. Der Tibeter war ziemlich eingeschnappt und unterstellte uns Willkür um ihn zu ärgern. Der Test war negativ. So erging es vielen Leuten.

Auch ein weiterer Umstand führte immer wieder zur kurzfristigen Aufregung unter den Angestellten. Beim Check im Spital wurde als erstes ein Röntgenbild von der Lunge gemacht. Zeigte dies nichts an, war die Geschichte in den meisten Fällen erledigt. Leider nicht in allen. Einige der Ärzte nahmen es sehr genau und gaben sich mit dem Röntgenbild nicht zufrieden. Sie wollten es exakt wissen. In diesem Fall musste der Patient noch Sputum abgeben und an drei aufeinanderfolgenden Tagen noch einmal. Eigentlich war mit dem Spital abgemacht, dass jede Person die Sputum abgeben musste, dort blieb und erst wieder ins Zentrum zurückkehrte, wenn die Krankheit hundert Prozent ausgeschlossen war. An diesem Punkt begann dann der nächste "Horror". Die Asylsuchenden wurden, trotz klarer Abmachung, ins Zentrum zurückgeschickt. Die Auflagen dazu: Die Person musste in einem separaten Zimmer essen und schlafen und durfte sich im Zentrum nur mit einer speziellen Schutzmaske aufhalten. Wenn ich beim Spital intervenierte und drohte, den Asylsuchenden wieder zurückzubringen, wurde ich nur ausgelacht. Gesunde Leute werden nach Hause geschickt, lautete die lapidare Antwort. Und wenn auf dem Röntgenbild nichts zu sehen war, schlossen die Ärzte die Krankheit praktisch aus. Die Abgabe vom Sputum war sozusagen die Zugabe.

An diesem Punkt gestaltete sich die Kommunikation mit den Ärzten schwierig und nicht selten wurde mir das Telefon einfach aufgehängt.

Immer wenn ein Asylsuchender mit einer Schutzmaske im Zentrum herumlief, separat schlief und ass, löste dies jede Menge negativer Gefühle aus. Weniger bei den anderen Gästen, sondern vielmehr bei den Mitarbeitern. Die einen meinten, sie hätten sich schon angesteckt, andere fragten nach Gesundheitschecks und die dritten gaben mir zu verstehen, dass solche Arbeitsbedingungen nicht tragbar seien.

Die paar Wenigen, die gelassen blieben, waren mir eine grosse Stütze. Sie regten sich nie auf, brachten den Betroffenen immer das Essen, begleiteten sie zum Duschen und sorgten täglich für frische Schutzmasken. Ich werde ihnen ewig dankbar sein.

Trotz Schulungen und Informationen blieb die Krankheit ein ewiges Gespenst, dem man viel Platz einräumte. Warum, war mir schleierhaft. Tuberkulose kann geheilt und therapiert werden. Vorsicht ist gut, Hysterie aber fehl am Platz.

Einmal hatte ein Mitarbeiter einen hartnäckigen Husten. Wochenlang. Husten. Keine Tuberkulose. Und wieder machten Gerüchte wegen Tuberkulose die Runde. Andere Angestellte verlangten sogar von mir, dass ich den Betreffenden vom Dienst suspendiere. Wegen einem Husten. Nein, er hatte keine Tuberkulose!

Alkohol

Alkohol war und ist ein allgegenwärtiges Problem in den Zentren. Im Haus war Hochprozentiges in allen Variationen verboten. Nicht aber draussen. Zugang zu Alkohol hat in der Schweiz jeder ab dem sechzehnten Altersjahr. Und das die Asylsuchenden jede Woche Taschengeld bekamen, machte die Situation nicht wesentlich besser. Alkohol ist billig und fast überall erhältlich. Dank den langen Ausgangszeiten hatten die Asylsuchenden reichlich Gelegenheit, sich den diversen Spirituosen hinzugeben. Blöd nur, dass die Allerwenigsten den Alk problemlos vertrugen. Bei Vielen zeigte er seine Wirkung in Form von Aggressivität. Und nicht selten kam es als Folge davon zu wüsten Schlägereien. Wüst deshalb, weil diese in der Regel mit Verletzten endeten. Fazit: Eingeschlagene Zähne, blutende Nasen und gebrochene Glieder. Und jede Menge Arbeit für die Sanitäter.

Ein Marokkaner war derart besoffen, dass er sich an den Wänden festhalten musste, um einigermassen im Gleichgewicht zu bleiben. Er torkelte in den Gängen herum, pöbelte Mitbewohner an, kotzte auf die Treppe, blieb aber ansonsten recht ruhig.

Und dann muss ihm die glorreiche Idee gekommen sein, dass er dringend Nachschub brauchte. Statt den regulären Ausgang zu wählen, zog der den zwei Meter hohen Zaun mit den spitzen Enden vor. Keine gute Entscheidung. Er war so betrunken, dass er nicht mehr in der Lage war abzuschätzen, wann der Zaun zu Ende ist. Mit dem verheerenden Ergebnis, dass er sich zu früh fallen liess und mit dem Daumen am spitzigen Ende hängenblieb. Sein Daumen wurde kurzerhand bis auf den Knochen aufgeschlitzt. Der Sicherheitsdienst brachte ihn in die Krankenstation wo sich die Pflegefachfrau sofort um ihn kümmerte und die Ambulanz aufbot. Das Blut triefte aus der Wunde, man konnte den Knochen sehen. Der Marokkaner nahm das Ganze erstaunlich gelassen. Wahrscheinlich trug der Alkohol das Seine dazu bei. Er sass ganz ruhig auf der Pritsche, bedankte sich bei der Krankenschwester für die Hilfe und fragte noch nebenbei, ob sie einen Mann suche.

Als sie verneinte, meinte er bloss, dass ein allfälliger Exmann oder ein paar Kinder überhaupt kein Problem darstellten. Seinem Humor konnte der Alkohol anscheinend nichts anhaben. Die Sanität traf ein und wollte ihn auf die Bahre laden. Das gefiel im gar nicht, er war überzeugt, die paar Schritte zum Krankenauto auch so zu schaffen.

Dafür verlangte er eine Begleitung, eine Weibliche notabene. Und er wusste auch schon wer. Nein, nicht die Krankenschwester. Die kam nach dem abgelehnten Heiratsantrag nicht mehr in Frage. Im Haus gab es eine verheiratete Frau aus Algerien. Sie sprach neben Arabisch auch noch ausgezeichnet Englisch und Französisch. Die perfekte Dolmetscherin. Sie willigte ein, packte den Marokkaner unter dem Arm und zog ihn energisch nach draussen. Die beiden vermittelten ein lustiges Bild und ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob diese Begleitung letztlich seine Vorstellungen entsprach.

Schlägereien

Schlägereien, mit oder ohne Alkohol, kamen immer wieder vor. Ausser Spiritus gab es noch andere Gründe, welche eine Rauferei rechtfertigten. Meinten zumindest die Asylsuchenden. Wer sich negativ über eine andere Nation äusserte, was einer Majestätsbeleidigung gleichkam, konnte Haue kassieren. Wer aus Versehen das Duschmittel vom Bettnachbarn benutzte, musste damit rechnen, eins auf die Nase zu kriegen. Und wer aus Spass die Schuhe vom Zimmerkollegen versteckte, provozierte eine Prügelei der Extraklasse. Nicht selten trafen die verschiedenen Parteien auf dem Hausflur aufeinander. Und dann ging es los. Mann gegen Mann. Ohne Rücksicht auf Verluste. Schliesslich ging es um die Ehre, das Land, die Familie......die Freunde. Wer überleben will, muss sich wehren. Wer es nicht tut, den bestraft das Leben. In irgendwelchen Formen. Irgendwann lernt es jeder. Übrigens standen die Frauen den Männern in nichts nach. Gut, sie schlugen vielleicht ein bisschen weniger hart zu, aber der Rest war Programm.

Eine junge Äthiopierin war regelmässig in die Raufereien verwickelt. Sie konnte zwar nicht so hart austeilen, aber was sie tat, war von unglaublicher Geschwindigkeit und das war der matchentscheidende Vorteil. Damit gewann sie manches Duell. Jeder ihrer Gegner kassierte am Ende jeweils noch einen Tritt in die Eier, gerade so, als müsste sie ihre Überlegenheit nochmals auf eindrückliche Art demonstrieren. Die jungen Männer brachten ihr entsprechend viel Respekt entgegen. Wer unter ihrem Schutz stand, hatte nichts zu befürchten. War sie nicht in Schlägereien verwickelt, werkelte sie im Haus mit. Ob in der Küche, beim Putzen, bei den gemeinnützigen Arbeiten ausserhalb des Zentrums, sie konnte überall eingesetzt werden und erledigte die Arbeit tadellos.

Wir hätten sie zur "Mitarbeiterin des Monats" küren können. Bei meinen Mitarbeitern befolgte sie Anweisungen problemlos. Diktierte ihr aber ein anderer Asylsuchender den Tarif, kippte ihre Stimmung augenblicklich und die Chance einer Keilerei stieg mit jedem falschen Wort. Und wer in diesem Moment nicht der Rückzug antrat, musste damit rechnen, auf die Eier zu bekommen. Aufgrund dieses Verhaltens kassierte die junge Frau jede Woche zahlreiche Sanktionen und als Folge davon bekam sie kein Taschengeld. Es war ihr egal. In einem Gespräch erklärte sie mir, dass Gerechtigkeit auch Verzicht bedeutete, in ihrem Fall kein Taschengeld. Ich versuchte sie zu ermuntern, mit den Schlägereien aufzuhören, um den Sanktionen zu entgehen. Für sie war das gar keine Option und mein gutgemeinter Vorschlag sowas von durchgefallen. Sie kam einen Schritt näher an mich heran, beugte sich ein wenig vor und schaute mir in die Augen. Dann sage sie leise: "Du hast keine Ahnung, was es heisst, sich nicht zu wehren." In diesem Punkt musste ich ihr rechtgeben.

Kleider

Kleider waren ebenfalls ein gutes Argument für eine Rauferei - so die einhellige Meinung vieler unserer Gäste. Wer dem Bettnachbarn die neuen Turnschuhe klaute, konnte damit gutes Geld machen. Oder die neuen Jeans. Das trendige T-Shirt. Alles konnte man auf irgendeine Art verkaufen. Alles. Wir hatten ein grosses Kleiderlager, welches hauptsächlich aus gespendeten Kleidern bestand. Unterwäsche, Socken und Schuhe kauften wir dazu. Dreimal pro Woche gab es eine Kleiderausgabe. Es war vorgesehen, die Leute einzukleiden, welche mit null Gepäckstück gekommen waren, sprich nur die Kleider hatten, die sie auf dem Leib trugen. Natürlich durften auch alle anderen vorbeischauen, welche dringend etwas benötigten. Meistens ging es dabei sehr gesittet zu und her. Einer nach dem Anderen, keine Drängelei und in den meisten Fällen auch keine Schlägerei.

Ganz ohne ging es leider nicht. Grund dafür waren neue Kleidungsstücke, die von mehreren Asylsuchenden gleichzeitig begehrt wurden. Wer nicht aufpasste, dem wurden die Kleider blitzartig entrissen. Der Sicherheitsdienst hatte jeweils alle Hände voll zu tun, die Streithähne zu trennen. Nicht selten kam es dabei vor, dass das beanspruchte Kleidungsstück in Brüche ging, sprich zerrissen wurde. Spätestens dann wollte es niemand mehr und wir machten ein paar Putzlappen daraus.

Eine Sache, die uns immer wieder betraf, war die Erpressung für ein paar Klamotten oder Schuhe. Ja, wir wurden manchmal regelrecht an die Wand gespielt und standen der Sache oftmals machtlos gegenüber.

Worum ging es? Wir hatten einen Asylsuchenden aus Nordafrika, welcher regelmässig Theater machte, vorzugsweise bei der Kleiderausgabe. Sich mit anderen Leuten in eine Reihe zu stellen, kam für ihn nicht in Frage, er wollte bevorzugt behandelt werden. Alles zureden half nichts. Er tat immer unflätiger, bedrohte alle umstehenden Leute verbal und wollte meinem Mitarbeiter, welcher die Kleider ausgab, an den Kragen. Nur das Eingreifen des Sicherheitsdienstes konnte Schlimmeres verhindern. Diese bugsierten ihn kurzerhand an die frische Luft. Zwei Stunden später stand er wieder da und forderte meine Mitarbeiter unisono auf, ihm nun endlich dir dringend Kleider zu geben. Als ihm diese erklärten, dass er keine weiteren Kleider erhalte, weil er bei seiner Ankunft zwei grosse Koffer voller Kleider dabei hatte, bekam er ganz schlechte Laune. Er versuchte uns klar zu machen, dass dies die Kleider seiner Freunde seien und er überhaupt keine hätte. Soso. Dass wir nicht alles glaubten, lag in der Natur der Sache. Leider brachte der Asylsuchende dafür kein Verständnis auf. Er wurde abermals grantig, so dass wir den Sicherheitsdienst dazu holen mussten. Nach langen Diskussionen drehte er sich abrupt um und ging in sein Zimmer und wir zurück an die Arbeit. Ein paar Minuten später hörte ich es laut poltern in diesem Zimmer. Ich lief dorthin und traute meinen Augen nicht. Der Nordafrikaner zerlegte gerade den Schrank in seine Einzelteile.