Flüsterndes Echo zwischen den Welten - Sindy Schröter - E-Book

Flüsterndes Echo zwischen den Welten E-Book

Sindy Schröter

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Beschreibung

Alles begann an einem scheinbar gewöhnlichen Tag – nichts deutete darauf hin, dass sich Alexandra Jane Lewis' Leben in einem einzigen Moment grundlegend verändern würde. Ein plötzlicher Unfall riss sie aus der Wirklichkeit und stürzte sie in beklemmende Stille, gefangen in ihrem eigenen Körper, unbeweglich und ausgeliefert. Während die Welt sich weiterdrehte, offenbarte sich ihr eine neue Realität: voller Rätsel, Schatten und Stimmen, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen. Das Echo in ihr war mehr als Erinnerung – es war ein Flüstern aus einer anderen Dimension. Neue Freundschaft, eine außergewöhnliche Fähigkeit, die alles bisher Dagewesene übertraf, und ein dunkler Gegner. All das musste Alexandra entdecken – und sich der Wahrheit stellen.

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sindy Schröter

Flüsterndes Echo

Zwischen den Welten

Alle Handlungen,

sowie Personen,

sind vollkommen frei erfunden.

Ich habe mich oft gefragt, ob es nach dem Tod etwas gibt, oder ob man einfach die Augen schließt und dann nichts mehr kommt. Keine Gedanken, keine Erinnerungen, kein Bewusstsein. Alles einfach vorbei. Aber wäre das nicht ein bisschen zu simpel? Kann es sein, dass wir geboren werden, nur um ein paar Jahrzehnte auf dieser Welt zu verbringen, geprägt von Höhen und Tiefen, Hoffnungen und Träumen, nur damit am Ende alles im Nichts verschwindet? Diese Vorstellung erfüllt mich mit einer eigenartigen Mischung aus Angst und Faszination. Einerseits scheint sie erschreckend endgültig, andererseits macht sie die Zeit, die wir haben, kostbar.

Doch wie soll man leben, wenn man das Leben selbst kaum begreift? Wie kann man

jemals wirklich verstehen, was es bedeutet, zu existieren? Vielleicht liegt genau darin die

Schönheit des Ganzen – in der Unsicherheit, im Rätsel, in den unbeantworteten Fragen,

die uns am Leben halten. Dennoch glaube ich fest daran, dass es mehr gibt, als wir sehen,

fühlen und wissen können. Etwas, das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Es gibt diesen

Moment, diesen winzigen, fast ungreifbaren Augenblick, in dem man spürt, dass da noch

etwas ist. Es ist wie ein Flüstern, ein leises Summen tief im Inneren, das uns sagt: „Da

draußen wartet noch so viel mehr.“

Aber ich glaube, es ist wichtig, die Dinge nacheinander anzugehen. Alles hat seine Zeit, und jedes Rätsel wird irgendwann ein Stück weit gelüftet. Für mich beginnt dieser Prozess genau hier – mit dieser Geschichte. Es ist mein Versuch, das Unbegreifliche zu erfassen und meinen eigenen Weg durch das Mysterium des Lebens zu finden.

Mein Name ist Alexandra Jane Lewis. Und dies ist meine Geschichte – ein Fragment meines Lebens, geprägt von Ereignissen, die alles, woran ich je geglaubt habe, in Frage gestellt haben. Am Ende werdet ihr selbst entscheiden, ob ihr glaubt, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als wir erklären können. Aber vielleicht, nur vielleicht, wird auch euch dieses leise Flüstern erreichen, das sagt: „Das ist noch nicht alles.“

15. Dezember 2020

„Schatz, hast du die Autoschlüssel gesehen?“, hörte ich meinen Freund Jasper von unten rufen. Ich musste lächeln und schüttelte den Kopf, während ich mich auf den Weg nach unten machte.

„Du wirst es niemals lernen. Habe ich recht?“

Sein Blick glitt zu mir, und er legte den Kopf schief. Ich bemerkte, wie es hinter seiner Stirn arbeitete, aber so, wie ich ihn kannte, wusste er längst nicht, worauf ich hinauswollte.

„Schau in deine linke Jackentasche“, zwinkerte ich ihm zu und lief an ihm vorbei, während ich das Haus verließ. Ich hätte in dem Moment von drei rückwärts zählen können. Spätestens bei eins würde er seine Hand heben und sich leicht gegen die Stirn schlagen, weil er den Schlüssel, wie immer, in die linke Jackentasche gesteckt hatte und ihn hinterher fast schon theatralisch suchte. Einmal Schussel, immer Schussel. Aber genau so hatte ich ihn kennengelernt und genau so liebe ich ihn heute noch.

Niemals hätte ich gedacht, dass ausgerechnet ich mich eines Tages für einen Mann interessieren würde. Mein Leben war mir viel zu heilig, um es mit jemandem zu teilen. Ich wollte nie Rechenschaft ablegen oder Rücksicht nehmen müssen. Die Vorstellung, mein Leben womöglich mit ein und demselben Menschen verbringen zu müssen, ließ mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Aber manchmal macht einem das Leben selbst einen Strich durch die Rechnung und dafür bin ich dankbar.

Jasper hat mir gezeigt, was es bedeutet, jemanden bedingungslos und zutiefst zu lieben. Dass es absolut nicht schlimm ist, sein Leben zu teilen, sondern es sich als etwas ganz Besonderes herausstellt. Selbst Rechtfertigung offenbarte sich nicht als etwas Negatives, sondern zeugte von Ehrlichkeit. Ganz gleich also, wie ich damals über die Liebe dachte, meine Überlegungen waren völlig falsch, und ich musste erst die Erfahrung selbst machen, um davon überrascht zu werden.

Seitdem ist Jasper aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken, auch wenn ich meine Zeit trotzdem gerne mal allein verbringe. Doch unser gegenseitiges Vertrauen macht diese Freiheit möglich und dafür bin ich sehr dankbar.

„Dann wollen wir mal“, rissen mich seine Worte aus meinen Gedanken, und ich war überrascht, wie tief ich darin versunken war.

„Freust du dich schon auf das Wochenende bei deinen Eltern?“

„Ja, sehr sogar. Es wird zwar stressig, aber trotzdem wunderbar, davon bin ich überzeugt.“ Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. Mehr als einen Kopf größer zu sein als ich, war manchmal anstrengend, aber oft auch ein Vorteil.

„Und ich fahre“, sagte ich und nahm ihm dabei den Schlüssel aus der Hand. Ich konnte sehen, wie er genervt die Augen zusammenkniff.

„Ach komm schon. Da sind wir morgen noch nicht da.“

„Dein Ernst? Hast du meinen Fahrstil gerade als Schneckentempo bezeichnet?“, lachte ich und stieg auf der Fahrerseite ein. „Aber egal, du wirst dich auf der Hinfahrt auf dem Beifahrersitz vergnügen und dabei meine Schneckentempo genießen.“

„Ich habe nichts gesagt“, hob er resignierend die Hand und stieg mit einem leichten knurrigen Unterton ein.

Jasper war kein guter Beifahrer, aber ich hatte auch nicht die Absicht, ihn während der langen Autofahrt zu quälen. Von Anfang an war ich entschlossen, an der nächsten Tankstelle auf den Beifahrersitz zu wechseln. Ich wusste ja, dass mein geliebter Schatz nichts lieber tat, als selbst zu fahren. Er war eben der geborene Autofahrer und ließ sich das nur ungern nehmen. Und wenn, dann nur unter leisem und stillem Protest.

„An der nächsten Tankstelle halte ich.“

„Was? Aber wir haben doch einen vollen Tank“, zog er seine Augenbrauen hoch, und ich konnte nahezu spüren, wie mich seine Blicke musterten.

„Keine Sorge. Ich weiß das wir einen vollen Tank haben. Ich will dir nur dein geliebtes Zepter wieder überlassen“, konnte ich mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen, und ich spürte, wie sich Gelassenheit und Fröhlichkeit in ihm breit machten. Schon erstaunlich, wie eigen die Hälfte der Männerwelt sich benehmen konnte, wenn es ums Autofahren geht. Da liegt der Sachverhalt klar auf der Hand: Die Frau nimmt bitte auf dem Beifahrersitz Platz.

Aber mir war es von jeher egal, wer fährt. Auch wenn ich mich mit seinem Fahrstil nicht so wirklich anfreunden konnte. Nein, jetzt nicht der falschen Annahme verfallen, er wäre ein schlechter Fahrer. Das ist er nicht. Vielmehr aber ist er der Typ Fahrer, der gerne mal übertreibt, wenn er sich auf der Straße, insbesondere der Autobahn, befindet. Nichtsdestotrotz tauschte ich an der nächsten Tankstelle mit ihm die Seiten, und er durfte wieder vollkommener er selbst sein, hinterm Steuer und mit geschwellter Brust.

Ich freute mich schon riesig auf meine Eltern, inklusive der fehlenden Erholung und der überfürsorglichen Art meiner Mutter, die es zwar immer gut meinte, aber damit Jasper nahezu an den Rand des Wahnsinns trieb. Schon jetzt konnte ich sie hören, wie sie ihn anschaute und sagte: „Du wirst von Mal zu Mal attraktiver. Wann läuten nochmal die Hochzeitsglocken?“

Es war kein Geheimnis, dass meine Mutter mich am liebsten gestern statt morgen, verheiratet sehen würde. Aber ich wollte mir mit diesem Thema noch ein wenig mehr Zeit lassen. Zwar sind wir schon seit über fünf Jahren ein Paar, aber deshalb gleich die Hochzeitsglocken läuten zu lassen, empfand ich noch nicht als notwendig. Wie es bei Jasper diesbezüglich aussah, wusste ich ehrlich gesagt auch gar nicht. Würde es in seinem Interesse liegen? Zieht er es vielleicht doch lieber vor, eine Partnerschaft auf Lebenszeit zu haben? Empfindet er die Ehe als Krönung einer Liebe oder ist sie für ihn nur ein Name auf dem Blatt Papier, lediglich eine formelle Zugehörigkeit zueinander? Ich weiß es nicht. Damit habe ich mich noch nie beschäftigt. Und auch wenn meine Mutter immer damit angefangen hatte, war es hinterher bei uns nie ein Thema. Genauso wenig wie die Frage, ob wir eines Tages Kinder haben werden. Aber das war ein Punkt, den ich definitiv ziemlich weit hinten auf meiner To-Do-Liste zum Abhaken hatte. Davor reihten sich diverse andere Dinge, die ich auf jeden Fall bevorzugte. Aber wer weiß, manchmal kommt es sowieso immer anders als man denkt. Das Leben hatte immer die eine oder andere Überraschung parat. Von daher lebte ich jeden Tag und genoss ihn in vollen Zügen.

An der nächsten Tankstelle überließ ich ihm das Fahren und wechselte auf die Beifahrerseite. Ihm war regelrecht anzusehen, wie froh er darüber war, endlich wieder Herr des Lenkrades zu sein. Umso mehr belustigte mich das kindliche Leuchten in seinen Augen in diesem Moment.

„Na? Jetzt ist hier aber jemand glücklich“, schmunzelte ich und legte meinen Sicherheitsgurt an, während ich ihm ins Gesicht blickte.

„Worauf du dich verlassen kannst. Ein Mann wie ich gehört nicht auf die Beifahrerseite. Ich bin eben der geborene Fahrer, Herr des Asphalts und der glühenden Räder“, scherzte er und fuhr los. Ich konnte darauf nichts mehr erwidern und lachte.

„Na dann, mein Herr des Asphalts, übertreib nur nicht mit den glühenden Rädern“, mahnte ich ihn scherzhaft und lehnte mich zurück. Ich blickte aus dem Seitenfenster und genoss die Umgebung. Malerisch zogen die Bäume an mir vorbei, während auch der ein oder andere See in seinem Blau erstrahlte. Ich liebte diese Strecke, die zu meinen Eltern führte, auch wenn wir meistens im Schnitt drei Stunden unterwegs waren. Aber diese Fahrt war für mich immer ein ganz besonderes Highlight.

„Du kannst die Augen ruhig schließen. Ich werde vorsichtig fahren“, rissen mich Jaspers Worte aus den Gedanken und ich drehte mich zu ihm.

„Du hast recht, ich werde ein bisschen meine Augen schließen. Doch ich werde nicht schlafen, also Fuß vom Gas“, drohte ich aus Spaß mit dem Zeigefinger, während er ein breites Grinsen aufsetzte. Ich wusste, wenn ich einschlafe, wären wir schneller bei meinen Eltern, als es mir lieb wäre. Aber ich war irgendwie zu müde, um mich wach zu halten, und so übermannte mich der Schlaf.

Ganz leise, tief in meinem Unterbewusstsein, hörte ich das Fahrgeräusch des Autos und die sanften Klänge des Radios. Es war, als würde ich selbst im Traum die Rolle der Beifahrerin übernehmen.

In meiner Vorfreude sah ich meine Eltern vor mir, wie sie mich mit offenen Armen empfangen würden. Arco, ihr Schäferhund, würde wie immer schwanzwedelnd auf mich zustürmen, stürmisch und überschwänglich, fast so, als wollte er mich vor lauter Freude umwerfen.

Schon jetzt glaubte ich, den Duft des Schokoladenkuchens zu riechen, den meine Mutter stets backt, wenn ich zu Besuch komme. Ihrer Meinung nach tut es gut, hin und wieder ein bisschen mehr auf die Rippen zu bekommen, statt sich ständig nur gesund und zuckerfrei zu ernähren.

Dabei genieße ich ehrlich gesagt zu Hause schon ganz gerne die ein oder andere Praline. Aber das behalte ich lieber für mich.

Zwischen all diesen Träumereien, versunken im Halbschlaf, spürte ich plötzlich, wie sich etwas veränderte. Es fühlte sich an, als würde mich ein Fahrgeschäft auf der Kirmes durch die Gegend schleudern, rasant, unkontrollierbar, und ganz real. Ich versuchte, meine Augen zu öffnen, aber es gelang mir nicht. Obwohl ich spürte, dass etwas nicht stimmte, blieben sie fest und verschlossen.

Plötzlich schlich sich ein furchtbares, schrilles Quietschen dazwischen. Ich hörte einen dumpfen, erschütternden Schlag und etwas riss mich erneut durch die Gegend. Dann wurde alles dunkel …

Eine gespenstische Stille umschlang mich. Mein Traum begann zu verblassen, während ich immer noch nicht in der Lage war, meine Augen zu öffnen. Ich wusste instinktiv, dass etwas nicht stimmte.

Aber ich hatte keine Ahnung, was geschehen war.

Dann verlor ich das Bewusstsein.

16. Dezember 2020

Ich wusste nicht, was geschehen war, wo ich war oder warum ich meine Augen nicht öffnen konnte. Ich spürte, dass sich jemand in meiner Nähe befand, eine Person, die mir fremd war. Ich fühlte die Hände dieser Person, wie sie etwas an meiner Stirn tat und anschließend an meinen Handgelenken drückte.

War das einer dieser Träume, die sich erschreckend real anfühlen? Ich war vollkommen irritiert und chancenlos, meine Augen zu öffnen. Alles, was mir blieb, war zu versuchen, etwas zu hören, doch selbst das gelang mir nicht. Das konnte doch nicht wahr sein. Wie verrückt war dieser Traum, dass er mich so sehr einnahm?

Dann spürte ich eine Hand, die sich langsam und behutsam auf meine legte. Sie war warm und fühlte sich seltsam vertraut an. Wie konnte es sein, dass ich plötzlich wusste, dass es die Hände meiner Mutter waren? Dieser Traum wurde immer verrückter. Ihre Anwesenheit, ihre Berührung, ich konnte sie ganz deutlich spüren.

Konnte ich nicht einfach meine Augen öffnen? Ich wollte meine Hand drehen und ihre Hand drücken, doch selbst das war mir nicht möglich. Ich war gefangen, nicht nur in meinem eigenen Traum, sondern in meinem eigenen Körper. Es war surreal und vollkommen absurd. Ich wollte nur aufwachen. Am liebsten hätte ich laut geschrien, aber auch das war, wenig überraschend, nicht möglich.

Was geschieht hier? Hörte ich meine eigenen Gedanken, während ich weiter gegen den Traum kämpfte. Ich wollte doch nur aufwachen, mehr nicht.

Ich konzentrierte mich. Nach und nach hörte ich Stimmen. Anfangs war es nur Gemurmel, doch je mehr ich mich anstrengte, desto klarer wurden sie.

„Mama?“, flackerte eine Stimme in meinem Inneren auf.

„Wird sie wieder gesund werden?“

„Das wissen wir noch nicht.“

Gesund? Was reden die da? Ich bin doch vollkommen wach! Kann mir jemand erklären, was hier los ist? Ich bin hier! Ihr könnt mich doch sehen, oder nicht? Was passiert denn hier?

Meine Gedanken überschlugen sich, während ich hörte, wie meine Mutter mit jemandem sprach. Es fiel mir schwer, mich auf die Stimmen zu konzentrieren, weil diese Dunkelheit immer wieder versuchte, mir das Licht auszuknipsen, mir das letzte Stück Bewusstsein zu rauben. Zumindest fühlte es sich so an. Anders konnte ich diesen Zustand nicht beschreiben.

Aber eines wusste ich: Ich musste unbedingt hier raus – irgendwie. Doch das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. Und langsam begann ich zu begreifen, dass es womöglich gar kein Traum war, sondern etwas anderes. Nur was? Darauf wusste ich keine Antwort.

Ich spürte, dass meine Mutter lange Zeit bei mir blieb. Immer wieder hörte ich andere Stimmen, mal älter, mal jünger, mal männlich, dann wieder weiblich.

„Meine Kleine, dein Vater möchte dich noch einmal sehen. Ich verabschiede mich für heute“, hörte ich die Stimme meiner Mutter, während ich gleichzeitig spürte, wie etwas meine Stirn berührte.

War das gerade ein Kuss? Oder war es ihre Hand? Ich konnte es nicht einordnen. War das eben die Tür? Ist sie fort? Was soll das alles?

Dann roch ich das Parfum meines Vaters und hätte am liebsten laut geschrien. Doch es gelang mir nicht. Ich musste stumm ertragen, wie mein Vater sich in meiner Nähe befand, meine Hand streichelte, und ich keinerlei Kontrolle über meinen eigenen Körper hatte. Ich wollte seine Hand drücken, mich aufrichten,3 nichts davon war möglich.

Wenn das ein Albtraum war, dann ein besonders perfider. Konnte ich nicht einfach meine Augen öffnen und feststellen, dass es Jaspers Hände waren, die mich sanft streichelten, um mich zu wecken, weil wir längst bei meinen Eltern angekommen waren?

„Ich komme morgen wieder, mein Engel“, durchbrachen die Worte meines Vaters meine Gedanken.

Moment. Morgen? Papa? Was heißt hier morgen? Kann mir bitte jemand erklären, was hier passiert?

Das kann doch alles nicht wahr sein.

Was geschieht mit mir?

Meine Gedanken überschlugen sich erneut, und ich spürte, wie mein Puls raste. Plötzlich wurde alles wieder dunkel, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.

17. Dezember 2020

„Alexandra? Alexandra Jane Lewis? Können Sie mich hören?“ Eine eindringliche männliche Stimme durchbrach die Dunkelheit, während etwas Grelles vor meinem Auge flackerte. Doch ich konnte nichts erkennen, nur die Stimme war da.

„Alexandra?“

„Alex. Ich heiße Alex. Ich hasse es, wenn man mich mit meinem vollen Namen anspricht“, murmelte ich gereizt. Doch erneut blieb meine Stimme stumm. Kein einziges Wort verließ meinen Mund, alles spielte sich nur in meinem Kopf ab. War ich immer noch gefangen in meinem Körper?

„Keine Reaktion. Das ist heute schon der zweite Tag in Folge, an dem die Patientin keinerlei Reaktion zeigt.“

„Keine Reaktion? Patientin? Wie bitte?“ Meine Gedanken überschlugen sich. Ich konnte sie doch hören, ich spürte ihre Berührungen. Wie konnte es sein, dass sie keine Reaktion wahrnahmen? Oder war es wahr? Zeigte ich keine?

Ich begann zu begreifen, dass dies kein Traum war. Es war real. Ich lag in einem Krankenhaus, aus welchem Grund auch immer, aber mir fehlte ein entscheidendes Puzzleteil. Ich wusste nicht, was geschehen war. Ich wusste nur: Ich musste es herausfinden.

„Wird sie wieder gesund?“

„Das können wir aktuell noch nicht sicher sagen. Wir müssen herausfinden, wie schwer ihre Beschwerden sind und wie gravierend die Verletzungen tatsächlich sind.“

„Was meint ihr damit, ihr könnt es nicht sagen? Hallo! Ich bin doch hier!“ Ich versuchte zu protestieren, doch die Welt da draußen konnte mich nicht hören. Jasper war dort. Ich erkannte seine Stimme.

„Oh, mein Schatz. Es geht mir gut, hörst du? Bitte, mach dir keine Sorgen. Könnt ihr denn nicht erkennen das ich euch höre?“

Doch so sehr ich es mir wünschte, sie konnten es nicht. Ich war zum stummen Zuhören verdammt. Ich konnte meinen Körper nicht einschätzen. Ich konnte nichts bewegen, nicht einmal blinzeln. Nur meine Gedanken waren frei. Und sie waren mein Rettungsanker, mein letzter Draht zur Realität.

„Es ist furchtbar, nicht zu wissen, was geschehen ist. Oder?“

„Na super. Er weiß, dass ich nicht antworten kann, und stellt mir trotzdem Fragen. Was für ein Humor“, brodelte es in meinem Kopf.

„Nicht ganz. Also Humor habe ich schon. Aber Arzt bin ich keiner.“

„Moment. Hast du gerade ... geantwortet?“

„Ja, habe ich. Und im Moment bin ich der Einzige, der das tun kann.“

Normalerweise hätte ich tief durchgeatmet, die Augen geschlossen, doch nichts davon war mir möglich. Ich lauschte stattdessen, ganz gespannt. Denn ich war mir sicher: Da war jemand, der mich hörte.

„Du bist erschöpft. Dein Körper braucht Ruhe. Wir reden morgen wieder. Versprochen. Dann bekommst du auch mehr Informationen. Für heute war es genug.“

„Nein! Du kannst doch jetzt nicht einfach verschwinden! Du bist der Einzige, mit dem ich kommunizieren kann!“ Ich kämpfte verzweifelt gegen die Stille an.

„Hallo? Bist du noch da?“ Doch da war nur noch Leere. „Jasper?“

Auch er war fort. Vielleicht genau in dem Moment, als die fremde Stimme auftauchte. Oder war da gar niemand gewesen? Spielten meine Gedanken mir nur einen Streich?

Eine Kopfverletzung. Klar. Das musste es sein. Meine Sinne machten mir etwas vor. Ich musste mir das einreden, einfach um nicht den Verstand zu verlieren. Doch viel Zeit zum Grübeln blieb mir nicht: Die Dunkelheit holte mich ein, riss mich fort und nahm mich mit in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

18. Dezember 2020

Ich erwachte erneut in einem Zustand zwischen Bewusstsein und Traum, diesem eigenartigen Schwebezustand ohne Orientierung, ohne Richtung, Zeit oder Raum. Ein zarter Lichtstrahl flackerte vor meinem Auge und versuchte, die Dunkelheit zu verdrängen. Dieses Mal konnte ich die Geräusche klarer und deutlicher wahrnehmen: das gleichmäßige Piepen eines Monitors, das Pulsieren des Blutes in meinen Ohren, das leise Murmeln von Stimmen in der Nähe meines Betts.

„Dir scheint es heute ein klein wenig besser zu gehen, Alex“, sprach die vertraute Stimme, die ich immer noch nicht zuordnen konnte, aber sie hörte mich.

„Ich habe gehofft, dass du stark bist.“

„Wer bist du?“, fragte ich innerlich, angespannt, und spürte einen Hoffnungsschimmer in mir aufsteigen. „Bitte sag es mir. Lass mich nicht länger im Ungewissen.“

„Ich glaube, dafür ist es noch zu früh.“

„Zu früh? Zu früh für was?“, dachte ich panisch und versuchte verzweifelt, ihn zum Weitererzählen zu bringen. Diese Stimme war das Einzige, was mir geblieben war.

„Das wirst du noch erfahren. Hab keine Sorge.“

„Keine Sorge? Wirklich? Seit zwei Tagen weiß ich nicht, was mit mir passiert ist. Ich höre Stimmen, aber kann mit niemandem interagieren. Entschuldige bitte, wenn ich dich mit meiner Sorge wie ein Monsun überschwemme“, sagte ich, bemüht, ruhig zu bleiben, aber meine Emotionen drohten, mich zu überrollen.

„Alex, bitte. Ich weiß, dass du verzweifelt bist. Aber du musst dich noch ein wenig gedulden. Nicht mehr lange, dann bringe ich Licht ins Dunkel. Doch dafür musst du mir vertrauen.“

Klar, ich schenke einem Fremden mein blindes Vertrauen, einer Stimme, die ich nur in meinem Kopf höre. Das musste doch eine Halluzination sein. Ich war überzeugt, dass ich den Verstand verlor, oder mit Medikamenten vollgepumpt wurde, die meine Sinne vernebelten.

„Ja, da könntest du sogar richtig liegen.“

Was? Moment ... konnte er meine Gedanken lesen?

„Nein, du hast es dir nicht eingebildet.“

„Okay, ich drehe durch. Ganz gleich, welchen medizinischen Cocktail sie mir verabreicht haben – er bringt mich zum Wahnsinn. Ich schwebe nicht nur, ich spreche auch noch mit meinen inneren Dämonen. Fabelhaft.“

„Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir einen Namen zu meiner Stimme gebe.“

Ernsthaft? Wollte sich diese Stimme mir vorstellen?

„Ich bin Gideon“, sagte er. „Und du bist Alex.“

„Woher kennst du meinen Kosenamen?“

„Das war leicht zu erraten. Die meisten kürzen längere Namen ab. Aber vielleicht irre ich mich auch.“

„Nein, tust du nicht“, musste ich zähneknirschend zugeben. „Und? Wann bekomme ich mehr Informationen? Oder lässt du mich wieder am langen Arm verhungern?“ Ich sprach wahrhaftig mit einer Stimme, die nur ich hören konnte. Vielleicht halluzinierte ich, aber selbst das war besser als die absolute Stille.

„Hab Geduld, Alex. Alles zu seiner Zeit“, antwortete Gideon, als trüge er ein Geheimnis in sich, das mir noch verborgen war.

„Geduld?“, wiederholte ich sarkastisch. „Ich liege hier in diesem Krankenhausbett, ohne zu wissen, warum oder wie lange und du redest von Geduld?“ Ich zwang mich, ruhiger zu werden.

„Ich verstehe deine Frustration. Aber manchmal verlangt das Leben, dass wir unser Schicksal akzeptieren, bevor wir es ändern können. Vertrau mir.“

„Weise Worte, für jemanden, den ich mir vielleicht bloß einbilde“, murmelte ich halb ironisch, halb fasziniert von dieser eigentümlichen Kommunikation. War Gideon real? Oder eine Projektion meiner Einsamkeit?

„Na gut, Gideon. Wenn du schon in meinem Kopf herumspukst, wie geht es jetzt weiter?“

„Hab Geduld. Bitte.“

„Nicht schon wieder dieses Wort. Ich habe genug von Geduld und Vertrauen. Ich will Antworten. Sonst liege ich noch nächstes Jahr hier … Moment mal. Es ist bald Heiligabend“, durchzuckte mich plötzlich dieser Gedanke wie ein Schlag ins Gesicht.

„Ich kann doch nicht Heiligabend in diesem Zustand verbringen und Weihnachtslieder mit mir selbst singen.“

„Ach, Weihnachten“, seufzte Gideon, als wäre er selbst der Geist dieser Jahreszeit. „Manchmal braucht es die Magie dieser Tage, um zu verstehen und zu akzeptieren.“

Ich verdrehte in meinen Gedanken die Augen. „Das hier ist kein Weihnachtsmärchen, Gideon. Ich stecke mitten in einer existenziellen Krise und du kommst mit Magie und Glitzer? Wirklich jetzt?“

„Was? Nein, das habe ich so nicht gemeint. Entschuldige. Weihnachten bedeutet für mich nicht viel, aber weißt du was? Ruh dich etwas aus. Deine Emotionen brauchen Raum, um sich zu beruhigen. Außerdem hast du Besuch bekommen.“

„Besuch?“ Ich lauschte und spürte Jasper, wie er meine Hand hielt.

Warum konnte ich nicht einfach seine Hand drücken? Ihm zeigen, dass ich da bin?

Dieser körperlose Zustand, dieses geisterhafte Schweigen, es machte mich wahnsinnig. Nicht einmal eine Träne konnte ich vergießen, obwohl ich sonst viel zu oft den Tränen nahe bin.

„Hey, mein Reh. Wie geht es dir? Ich weiß, du kannst mich nicht hören, aber ich hoffe, es geht dir gut.“

„Nicht hören? Aber ich höre dich. Laut und deutlich. Ach, komm schon Jasper, du kennst mich. Hör auf dein Herz. Du musst doch spüren, dass ich da bin.“

Ich versuchte ihm ein Zeichen zu geben, irgendetwas, das ihn wissen ließ, dass ich bei vollem Bewusstsein war. Doch es gelang mir nicht.

„Los jetzt! Du verdammter Körper, zuck doch wenigstens! Zeig ihm, dass ich ihn höre. Das kann doch nicht so schwer sein!“

In meinem Inneren tobte ich, bis das grelle Piepen der Monitore mich erschreckte. Ich stellte überrascht fest, dass ich es ausgelöst hatte. Offenbar war ich so emotional aufgewühlt, dass mein Puls in die Höhe schoss und mein Herzschlag zu explodieren drohte.

Es dauerte nicht lange, bis das Trappeln der Füße des Krankenhauspersonals den Raum erfüllte. Sie drückten auf mein Handgelenk, funkelten mir mit ihrer nervigen Taschenlampe in die Augen und tasteten mich ab.

„Kann ihnen denn niemand sagen, dass ich einfach nur aufgeregt bin und es mir sonst gut geht?“ Aber natürlich konnte das niemand. „Gideon? Bist du da? Was ist das für ein seltsames Gefühl?“

Ich spürte, wie meine Sinne benebelt wurden und ein tiefer Drang nach Schlaf mich überkam. Ich verlor die Kontrolle, alles wurde dunkel.

Ein tiefer Schlaf nahm Besitz von mir, unkontrolliert. Anders als jeder Schlaf, den ich zuvor kannte. Kein Traum, keine Gedanken, kein Gefühl. Nur Ruhe. Und die spürbare Kraft, mich für Stunden zu entspannen, ob ich wollte oder nicht.

19. Dezember 2020

Nach meinem emotionalen Ausbruch kam ich wieder zur Besinnung und öffnete meine Augen. Plötzlich war ich überrascht, dass ich etwas sehen konnte. Allerdings befand ich mich nicht in einem tristen, von Monitoren und Technik übersäten Krankenzimmer, sondern in einem wundervoll eingerichteten Raum. Ich saß auf einem fliederfarbenen Sofa und konnte den weichen Stoff spüren, als meine Hände darüber glitten. Als ich bemerkte, dass ich meinen Arm bewegen und fühlen konnte, war ich kurzzeitig völlig aus dem Häuschen, fing mich jedoch schnell wieder, um nicht erneut die Kontrolle zu verlieren. Direkt vor mir stand ein runder, wunderschöner schwarzer Holztisch, und die Wände waren mit den schönsten Bildern geschmückt. Dann erblickte ich einen Stuhl, auf dem jemand saß und mich anblickte. Anfangs wirkte er nur schemenhaft, als müssten sich meine Augen noch daran gewöhnen, dann wurde das Bild klarer. Es war ein Mann mit längeren, schwarzen Haaren und einem leichten Drei Tage Bart. Hinzu kam, dass er verdammt gut aussah. Aber Moment, hatte ich das gerade wirklich gedacht? Ich spürte, wie mir die Schamesröte ins Gesicht stieg, und senkte schnell meinen Kopf, in der Hoffnung, dass es ihm nicht aufgefallen war und blickte mich um.

Der Raum schien in einem sanften Licht zu erstrahlen, fast als würde er von einem inneren Glanz erfüllt.

„Keine Sorge“, sagte der Mann mit einer tiefen, beruhigenden Stimme, die mir auf unerklärliche Weise vertraut vorkam. „Hier können wir uns ganz ungestört unterhalten.“

„Wo… wo bin ich?“ stammelte ich, während ich mich bemühte, den Faden meines Verstandes in dieser seltsamen neuen Realität zu halten. „Und wer bist du?“

Während ich den fremden Mann vor mir musterte, umspielte ein sanftes Lächeln seine Lippen.

„Du erkennst mich nicht?“

Ich neigte meinen Blick zur Seite und blickte ihm dabei tief in die Augen. Sie strahlten mit einem besonderen Glanz und hielten mich für einen kurzen Moment fest in ihrem Bann, bis ich meinen Kopf schüttelte und kurz einatmete. „Nein. Tut mir leid“, strauchelte ich mit einer leicht unsicheren Stimme, während er sich ein wenig nach vorn neigte.

„Schließe deine Augen“, forderte er mich freundlich auf und ich überlegte kurz. Aber was hatte ich zu verlieren? Daher schloss ich sie und lauschte in die Stille. Immerhin hatte ich damit die letzten Tage Erfahrung sammeln können.

„Hör auf den Klang meiner Stimme. Erkennst du mich jetzt?“

„Gideon“, flüsterte ich und öffnete wieder meine Augen. „Du bist Gideon. Die Stimme aus meinem Kopf. Ich kann es kaum glauben.“

Das ich vollkommen verblüfft, irritiert und durcheinander wirkte, musste ich ihm nicht erklären. Das stand mir ins Gesicht geschrieben.

„Ja, der bin ich. Ich freue mich, dir auf diesem Wege gegenübertreten zu dürfen, wenn auch unter nicht gerade optimalen Bedingungen.“

„Ich verstehe nicht. Wie bin ich hierhergekommen? Wo bin ich?“

„Ja wo fange ich da am besten an, dir das zu erklären“, kratzte er sich leicht am Kopf und presste dabei seine Lippen aufeinander. „Am besten, du erfährst erstmal etwas über mich und dann arbeiten wir uns nach und nach an die Wahrheit. Bist du damit einverstanden?“

Um ehrlich zu sein, musste ich in diesem Augenblick einverstanden sein. Ich hatte keinerlei Wahl. Sicher hätte ich auch aufstehen und davonlaufen können, aber etwas tief in mir drinnen schrie danach, sitzen zu bleiben und seinen Worten zu lauschen.

„Ich bin ein Seelenwächter“, sprach er mit leiser, aber dennoch beherrschter Stimme.

„Ein was? Seelenwächter? Also das Wort Wächter, in Verbindung mit Seele, klingt gerade absurd, dass ich gar nicht weiß, wie ich das einordnen soll“, fühlte ich mich verunsichert und wäre spätestens jetzt am liebsten aufgesprungen und davongelaufen.

„Ja, ich weiß, das muss merkwürdig für dich klingen“, antwortete er mit einem sanften Lächeln. „Aber lass mich dir erklären, was das bedeutet. Ein Seelenwächter ist jemand, der sich um die Seelen der Lebenden und der Verstorbenen kümmert. Wir sorgen dafür, dass sie ihren Weg finden, wenn die Zeit gekommen ist.“

Ich starrte ihn an und vergaß für einen Moment zu atmen. „Moment mal, du sorgst dafür, dass sie ihren Weg finden? Wenn die Zeit gekommen ist? Bedeutet das, dass ich … sterbe?“ Der Gedanke zog mir fast den Boden unter den Füßen weg, und ich kämpfte dagegen an, die Fassung nicht zu verlieren.