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«Hast du U-Bahn?» «Hab Bus!» «Binisch auch Bus.» In der ersten Zeit stellte ich mir oft die Frage, welche Gespräche man hörte, wenn man nicht wie ich auf einem Gymnasium unterrichtete. Äußerungen in der Pause waren das eine, in den Unterrichtsstunden machte ich jedoch keine anderen Erfahrungen. «Cemal! Erläutere mir doch bitte mal, wie der Humanismus dazu beitrug, dass die Europäer damals unbekannte Regionen und Kontinente entdeckten!» «Kolumbus.» «Cemal, bitte antworte im ganzen Satz!» «Wegen Kolumbus.» «Das ist noch kein ganzer Satz.» «Doch!» «Nein, da liegst du falsch.» Über diese Streitfrage in der Klasse abzustimmen, hätte Cemal zu einem Kantersieg verholfen, weshalb ich auf solche plebiszitären Elemente verzichtete und lieber fortfuhr, ihn zu triezen …
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2010
Stephan Serin
Föhn mich nicht zu
Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer
Mit Illustrationen von Ulrich Scheel
1
Da stand es nun, Schwarz auf Weiß, ich war zum Referendariat in Berlin zugelassen. Eigentlich eine Neuigkeit, über die ich mich hätte freuen sollen. Andere Bewerber warteten schließlich drei Jahre auf einen Platz. Bei mir waren es nur zehn Monate gewesen. Aber schon spürte ich sie wieder, meine Ängste. War das wirklich der richtige Beruf für mich? War ich nicht viel zu unorganisiert, viel zu chaotisch, um die Arbeit eines Lehrers halbwegs zeitökonomisch zu bewältigen? Wie sollte ich es schaffen, mir all die Schülernamen zu merken, wenn ich mir schon sonst nicht den von Frau Schmidt und Herrn Müller merken konnte? Würde ich mich mit meiner Körpergröße gegen die Jugendlichen behaupten können? Konnte ich vor ihnen glaubwürdig als Lehrer auftreten, wenn ich schon per se alles, was ich tat, selbstironisch infrage stellte, um mich nicht angreifbar zu machen? Und vor allen Dingen: War das Referendariat wirklich so schrecklich, wie alle sagten? Würde ich das erste Mal an meine Grenzen stoßen, das Zweite Staatsexamen vielleicht nicht bestehen oder die Ausbildung gar mittendrin abbrechen? Oder übertrieben die von mir befragten Lehrer, die diese zwei Jahre als schlimmste Zeit in ihrem Leben ansahen, weil sie in ihnen trotz größter Bemühungen permanent immer nur negative Rückmeldungen erhalten hatten? Leider war das Schreiben der Senatsverwaltung nicht dazu angetan, meine Sorgen zu zerstreuen und mir Mut zu machen:
6.Juni 2007
Sehr geehrter Herr Serin,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass nach dem Ergebnis des Zulassungsverfahrens Ihre Einstellung in den Vorbereitungsdienst zum 22.August 2007 mit der Fächerkombination Sozialkunde, Französisch erfolgen könnte. Informationen über die Zuweisung zum Schulpraktischen Seminar und zur Ausbildungsschule erhalten Sie drei Wochen vor Dienstantritt. Sehen Sie bitte von telefonischen Nachfragen bei uns ab.
Voraussetzung für die Einstellung in den Vorbereitungsdienst ist Ihre gesundheitliche Eignung, nachzuweisen durch Vorlage eines amtsärztlichen Gutachtens. Die amtsärztliche Untersuchung habe ich beim zuständigen Gesundheitsamt angeordnet, welches Ihnen den Untersuchungstermin schriftlich mitteilt. Der Aufforderung zur Untersuchung ist unbedingt nachzukommen. Sollten Sie dieser Verpflichtung zuwiderhandeln, werden Sie vom Einstellungsverfahren ausgeschlossen.
Beantragen Sie überdies unverzüglich bei der für Sie zuständigen Meldebehörde die Erteilung eines «Führungszeugnisses zur Vorlage bei einer Behörde». (Belegart «0»). Die Gebühr für das Führungszeugnis haben Sie selbst zu tragen. Führungszeugnisse, die vor Mai 2007 ausgestellt wurden, werden von uns nicht akzeptiert. Sollte ich das Führungszeugnis bis zum 16.Juli nicht erhalten haben, werden Sie vom Einstellungsverfahren ausgeschlossen.
Schicken Sie mir ferner unverzüglich Ihre Lohnsteuerkarte für das Jahr 2007 und füllen Sie das beigefügte Formblatt vollständig und mit Unterschrift aus. Beides muss bis zum 20.Juni in unserer Behörde eingegangen sein. Maßgebend ist nicht der Poststempel.
Sollten Sie allen Forderungen nachgekommen sein und sich aus der amtsärztlichen Untersuchung sowie dem Führungszeugnis keine Bedenken gegen Ihre Einstellung ergeben, würde ich Sie zum 22.August in den Vorbereitungsdienst aufnehmen.
Mit freundlichen Grüßen,
Im Auftrag
Schönemann
Hatte vor dem Lesen des Briefes zumindest noch eine Restzuversicht in mir geschlummert, dass mit den zwei Jahren Referendariat nicht zwingend eine bittere Leidenszeit für mich anbrechen würde, so war diese Hoffnung nun endgültig ausgeräumt. Meine nächtliche Atemnot und Herzbeklemmung würden wohl noch zunehmen. Der ganze Tonfall erinnerte mich stark an die Schreiben vom Jobcenter Mitte, mit dem ich seit Ende meines Studiums im letzten Jahr konferierte, weil ich nicht sofort einen Referendariatsplatz ergattert und mich darum arbeitslos gemeldet hatte. Nur war es denen im Jobcenter immer um Abschreckung gegangen, darum, dass ich meinen Antrag auf Arbeitslosengeld II zurückzog. Verfolgte Frau Schönemann in der Senatsverwaltung – von einem ehemaligen Kommilitonen, der bereits Referendar war, wusste ich, dass es sich bei «Schönemann» um eine Frau handelte – mit ihrem Brief etwa das gleiche Ziel? Dieser vermittelte mir zumindest nicht den Eindruck, als wolle man mich als Referendar, eher, als sei es ein Verbrechen von mir, mich überhaupt beworben zu haben. Und da man mich formal nicht ablehnen konnte, versuchte man nun, mich eben mittels dieses unfreundlichen Behördenjargons zum Aufgeben zu bewegen. In der Tat erschien mir ein fortgesetztes Leben mit Hartz IV angesichts der Alternative Lehrerausbildung gerade deutlich weniger bedrohlich als sonst, denn als Arbeitsloser hatte ich mich schließlich schon bewährt. Nur hätte Frau Schönemann, um sicherzugehen, dann auch gleich noch deutlicher werden können, in etwa so:
Herr Serin,
es ist unsere Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass nach dem Ergebnis des Zulassungsverfahrens Ihre Einstellung in den Vorbereitungsdienst zum 22.August 2007 erfolgen könnte. Informationen über Zuweisung zur Ausbildungsschule folgen. Unterstehen Sie sich, mich oder meine Kollegen diesbezüglich mit telefonischen Nachfragen zu belästigen.
Um sicherzugehen, dass unsere Schüler nicht von kranken oder behinderten Menschen (zum Beispiel solchen mit Klumpfüßen) unterrichtet werden, haben wir für Sie eine amtsärztliche Untersuchung beim zuständigen Gesundheitsamt angeordnet, welches Ihnen den Untersuchungstermin schriftlich mitteilt. Sollten Sie der Aufforderung zur Untersuchung nicht nachkommen oder um eine Verschiebung des Termins ersuchen, so interpretieren wir dies als vorsätzliches Verschweigen krankheits- bzw. behindertenrelevanter Tatbestände. Dieser Betrug hat ein sofortiges lebenslanges Berufsverbot in Berlin und allen anderen Bundesländern zur Folge.
Da Sie nicht weiblich sind, sind Sie überdies verpflichtet, uns innerhalb der kommenden zwei Wochen ein aktuelles polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Sollte laut diesem nichts zu beanstanden sein, so werden wir Sie noch einem Lügendetektortest zu eventuell vorhandenen Sympathien für totalitäre Systeme unterziehen. Das machen wir bei allen Kandidaten so, die auf dem Boden der DDR zur Welt gekommen sind.
Ihre Lohnsteuerkarte für das Jahr 2007 und das ausgefüllte Formblatt bringen Sie bis zum 20.Juni gefälligst persönlich in unserer Dienststelle vorbei. Unsere Sprechzeiten sind montags von 11.00–11.15Uhr und von 11.15–11.30Uhr. Belästigen Sie uns nicht außerhalb dieser Sprechzeiten. Der Postweg wird nicht akzeptiert.
Sollten Sie wider Erwarten alle Bedingungen erfüllen, so werden wir Sie am 22.August vereidigen müssen, ob es uns passt oder nicht.
Abschließend möchten wir Sie noch darauf hinweisen, dass Ihre Chancen, nach dem Referendariat als Lehrer eine Stelle zu finden, äußerst gering sind, hingegen Ihre Chance, während des Referendariats an Burnout zu erkranken, umso größer. Für zukünftige Rückfragen werden wir Ihnen nicht mehr zur Verfügung stehen.
Gruß,
Senatsverwaltung für
Bildung, Jugend und Sport
Wenn es Frau Schönemann nicht darum gegangen war, mich abzuschrecken, sondern abzuhärten, damit ich vom Referendariat selbst nicht mehr so geschockt werden konnte, dann hatte sie ihr Ziel verfehlt. Gerade in dieser Phase voller Selbstzweifel an meiner beruflichen Eignung und daran, das benötigte Durchhaltevermögen für die Ausbildungszeit zu besitzen, brauchte ich besonders viel Zuspruch. Und hätte darum ein Schreiben in folgender Akzentuierung bitter nötig gehabt:
Lieber Herr Serin,
als Ihre persönliche Sachbearbeiterin ist es mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie nach dem Ergebnis des Zulassungsverfahrens kurz vor Ihrer Einstellung in den Vorbereitungsdienst stehen. Über Ihre Ausbildungsschule liegen noch keine näheren Informationen vor. Die Rütli wird es aber nicht sein, das kann ich Ihnen schon mal versichern. Ich rufe Sie jedenfalls sofort an, sobald ich Näheres weiß.
Um tatsächlich eingestellt werden zu können, müssen Sie noch ein amtsärztliches Gutachten vorlegen. Aber keine Sorge, die Amtsärztin ist ein bisschen schwer von Begriff. Behaupten Sie einfach, Sie seien gesund. Die glaubt Ihnen das. Und wenn Sie sich Sorgen um Ihre Urinprobe machen, dann bringen Sie einfach eine fremde mit.
Überdies bräuchte ich noch ein polizeiliches Führungszeugnis von Ihnen. So sympathisch wie Sie auf dem Passfoto in Ihrer Bewerbung lächeln, kann ich mir zwar nicht vorstellen, dass Sie irgendetwas verbrochen haben. Aber Sie wissen ja selbst, wie unflexibel Behörden oft sind. Sollte in Ihrem Führungszeugnis doch schon etwas vermerkt sein, Schwamm drüber! Das sind für mich Jugendsünden, und ich werde Sie trotzdem im Personalrat durchboxen. Versprochen!
Und schließlich müssten Sie mir noch das ausgefüllte und unterschriebene Formblatt sowie Ihre Lohnsteuerkarte zukommen lassen. Sie können es schicken, aber auch vorbeibringen. Das hätte den Vorteil, dass wir uns mal persönlich kennenlernen würden. Meine Sprechzeiten sind Montag bis Sonntag jeweils 7–22Uhr.
Ich bin mir sicher, dass Ihnen das Referendariat trotz seines schlechten Rufs viel Freude bereiten wird. Lassen Sie sich von zwischenzeitlichen Rückschlägen nicht verunsichern. Sie werden die Aufgaben meistern. Sie haben das Zeug zu einem guten Lehrer. Das sagt mir Ihr sympathisches Lächeln auf dem Bewerbungsfoto.
Auf bald,
Ihre Ines
PS: Haben Sie eigentlich schon eine Freundin?
2
Die Zusage von der Senatsverwaltung besaß ich zwar, aber ich musste noch durch den Bodycheck, die amtsärztliche Untersuchung im Gesundheitsamt Mitte, das sich im dritten Stock eines elfgeschossigen Neunziger-Jahre-Hochhauses unweit vom Alexanderplatz befand. Als ich nach meiner Ankunft am Empfang von der Arzthelferin einen Anamnesebogen erhielt, musste ich wieder an die Worte des GEW-Referenten denken, den ich extra vorher angerufen hatte: «Die Untersuchung ist reine Formsache. Mach dir keine Sorgen!» Aber konnte ich mir bei all meinen Behinderungen da wirklich so sicher sein? Zudem hatten mich seit dem Schreiben von Frau Schönemann aus der Beuthstraße meine referendariats- und berufsbezogenen Sorgen dermaßen fest im Griff, dass ich mir gleich wieder ein paar neue somatoforme Störungen zugelegt hatte: Stiche in der Brust, ein nächtliches Puckern im rechten Oberschenkel sowie ein permanentes Druckgefühl im Bauch. Empfahlen mir diese Beschwerden nicht im Grunde, besser durch die amtsärztliche Untersuchung zu fallen, um mich keiner Arbeit zu verschreiben, die mir nur schaden konnte?
Allerdings waren meine Verunsicherung und meine körperlichen Leiden auch keine konstruktiven Berater, solange mir keine tatsächliche Alternative zum Lehrerberuf einfiel. Denn für Journalismus, für den ich mich zu meiner Schulzeit mal begeistert hatte, war der Zug wohl abgefahren, da ich mich in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr in diese Richtung engagiert hatte. Und etwas anderes konnte ich mir nicht vorstellen. Außerdem: Was, wenn meine Panik eigentlich unbegründet und lediglich Ausdruck diffuser Zukunftsängste war? Was, wenn ich doch für den Beruf des Lehrers geeignet war? Dann sollte ich wohl eher hoffen, nicht ausgemustert zu werden.
Im Zweifel darüber, was nun eigentlich für mich richtig war beziehungsweise was ich eigentlich wollte, gab ich der Arzthelferin unter Angabe aller Behinderungen und Erkrankungen – außer jenen Beschwerden, die, obwohl ich an ihnen litt, von allen Medizinern bisher verleugnet worden waren – einen wahrheitsgemäß ausgefüllten Anamnesebogen ab. Zudem unterzog ich mich der Urinprobe, um danach noch einmal auf einem der schwarzen Kunststoffschalensitze im Wartebereich Platz zu nehmen, in welchem sich außer mir niemand aufhielt. Kurze Zeit später rief man mich ins Sprechzimmer zu Frau Dr.Jost. Der Raum war hell und schmal, vielleicht fünf Meter lang, drei Meter breit. Hinter mir, an der Tür, die Zahlenreihen für den Sehtest. Gegenüber, an der Stirnseite, ein großes zweiflügeliges Fenster. Die schwarzen Vorhänge waren zur Seite gezogen, sodass man auf die Rückseite vom Kino International blickte. An der linken Wand die Untersuchungsliege. Über dieser das berühmte Anatomieposter, mir bestens bekannt aus den Physiotherapiepraxen, von denen ich wegen meiner chronischen Rückenschmerzen vermutlich jeder einzelnen in den Berliner Innenstadtbezirken bereits meine Aufwartung gemacht hatte. Rechter Hand ein Schreibtisch mit Computer. Hinter diesem, auf einem armlehnenfreien schwarzen Drehstuhl, die Ärztin, eine Frau in den späten Fünfzigern. Sie trug keinen Kittel, sondern einen marineblauen Anzug. Wollte sie mit dieser uniformähnlichen Tracht Autorität vermitteln – oder zum Ausdruck bringen, dass sie eine unkonventionelle Medizinerin war? Sie hielt sich bedeckt.
«So, Herr Serin, dann setzen Sie sich mal!», wies sie mir mit Nachdruck den Holzhocker neben sich zu. «Wir haben Ihre Urinprobe untersucht und darin Leukozyten gefunden.»
Leukozyten? Leukozyten? Was war das noch? Auf jeden Fall irgendwas Schlimmes. Das hatte ich irgendwo gehört, gelesen oder gesehen. Ich wusste, was das war, aber kam nicht drauf.
Natürlich wollte ich mir vor ihr nicht die Blöße geben und mich offen nach Leukozyten erkundigen. Dann hätte sie eine Bildungslücke vermutet, obwohl ich mich in Wirklichkeit lediglich nicht an mein Wissen erinnerte. Darum fragte ich nur indirekt: «Habe ich etwa Aids?»
«Nein! Außerdem kann man das auf Grundlage dieser Untersuchung nicht sagen.»
So beruhigend ihre Antwort für meine Lebenserwartung war, so wenig erhellend war sie im Hinblick auf mein Leukozyten-Blackout. Natürlich hätte ich zu Hause im Internet recherchieren können, aber ich wollte es sofort wissen. Außerdem schaute mich Frau Dr.Jost so an, als erwarte sie ob dieses medizinischen Scoops eine angemessene Reaktion von mir. Ich hakte darum nach, wieder verklausuliert: «Was kann denn die Ursache für die Leukozyten im Urin sein?»
Eigentlich hätte diese trickreiche Gesprächsführung der Ärztin die Information, auf die ich aus war, entlocken müssen, ohne dass sie es merkte. Selbst Verhörspezialisten des sowjetischen Geheimdienstes hätten ob meines geschickten Vorgehens vermutlich anerkennend den Hut gezogen. Doch Frau Jost stellte sich stur und reagierte mit einer Gegenfrage:
«Na überlegen Sie mal selber, junger Mann! Wo kommt denn Urin her?»
War ich hier in einem Quiz? Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Wo Urin herkam?! Was für eine Kindergartenfrage. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als ich zu ihr meinte: «Tut mir leid. Aber das weiß ich nicht.»
Sie war nicht zu Scherzen aufgelegt. In ihrem Blick lag abgrundtiefe Fassungslosigkeit.
«Das wissen Sie nicht?»
«Doch, doch!», beteuerte ich. «Urin kommt aus der Blase.»
Sie war immer noch nicht zufrieden. Was wollte sie denn hören?
«Wir sind hier nicht in der Grundschule, junger Mann!»
Genau! Wir waren nicht in der Grundschule. Aber wie in der Grundschule fühlte ich mich gerade behandelt.
«Wo bildet sich denn der Urin?»
«Na, hab ich doch schon gesagt, in der Blase.»
«Herr Serin!» Sie schien mittlerweile regelrecht verärgert zu sein. Eine gestrenge Furche vom Haaransatz zum Nasenrücken spaltete nun ihre Stirn in eine rechte und eine linke Hälfte. Woher sollte ich denn so etwas wissen? Ich hatte doch Französisch und Sozialkunde studiert, nicht Medizin oder Biologie. «Was haben Sie bloß für eine Allgemeinbildung? Und Sie wollen unterrichten? Also, ich möchte nicht Ihre Schülerin sein.» Das traf sich gut, denn ich hätte auch nicht ihr Lehrer sein wollen. Doch sie konnte einfach keine Ruhe geben: «Was wollen Sie denn Ihren Schülern erzählen, wenn die Sie mal fragen, wo der Urin herkommt?»
Diese Situation hielt ich für sehr unwahrscheinlich. Damit musste wohl eher ein Biolehrer rechnen. Aber ihr ging es scheinbar sowieso vor allem darum, mich herabzuwürdigen. Ihre ganze Art war vermutlich nur ein bitterer Vorgeschmack darauf, was mich die zwei Jahre im Referendariat erwarten würde: viele zutiefst demütigende und selbstwertbedrohliche Erfahrungen – als unterstes Glied in der Schulhierarchie und Fußabtreter der Seminarleiter.
Dass sie nicht wirklich an meiner Antwort interessiert war, zeigte sich auch daran, dass sie diese nicht abwartete, sondern mir stattdessen erläuterte, Urin habe seinen Ursprung in den Nieren, wandere von dort über die Harnleiter in die Blase und werde schließlich über die Harnröhre ausgeschieden. Und meine weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, seien möglicherweise ein Hinweis auf eine temporäre Entzündung. Kein Grund zur Beunruhigung. Ich solle den Test ein paar Wochen später wiederholen. «Das bedeutet noch nicht, dass Sie Ihr Referendariat nicht aufnehmen dürfen.» Ich hätte über diese Versicherung erleichtert sein können. Aber das Wort noch erweckte meine Aufmerksamkeit. Die Tauglichkeitsprüfung war also noch nicht abgeschlossen.
«Nun zu Ihrem Anamnesebogen!» Vor der Untersuchung hatte ich angenommen, erst an dieser Stelle würde ich mich warm anziehen müssen. Schließlich ging es nun um meine Behinderungen. Aber mittlerweile schien es mir, als sollte ich mir weniger wegen meiner Klumpfüße und Skoliose den Kopf zerbrechen, sondern vielmehr darüber, dass ich nicht im medizinischen Fachjargon erklären konnte, wo Klumpfüße – eine Form von Fehlstellung, bei der die Füße bei der Geburt nach innen verdreht waren – und Skoliose, eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule, eigentlich herkamen. Vielleicht würde mich die Ärztin gleich auffordern: «Herr Serin, legen Sie bitte knapp die heute gängigen Methoden zur Behandlung von Klumpfüßen dar!» Oder: «Erklären Sie bitte die von Dr.Clyde Lester Nash zur Bestimmung des Krümmungswinkels der Skoliose angewandte Methode!»
Doch Frau Dr.Jost hielt sich mit meinen Klumpfüßen nicht weiter auf, wollte vielmehr nur wissen, ob ich mir trotz dieser Beeinträchtigung zutraute, in der Pause auch hinter einem, wie sie es nannte, «ungezogenen Schüler» herzurennen. Was ich bejahte, denn dank mehrerer Operationen zeigten meine Füße mittlerweile immerhin nach vorne. Wenn sie mich im Referendariat tatsächlich nicht wollte, hätte sie dann nicht besser gefragt, ob ich mir zutraute, den ungezogenen Schüler auch zu fangen? Ich wurde aus ihr nicht schlau. Vielleicht wollte sie mich vor Antritt meiner Ausbildung vor allem verunsichern. Was aber nicht nötig gewesen wäre. Das schaffte ich alleine.
Zum Vorhaben, mich einzuschüchtern, passte der Vorwurf, den ich mir einfing, als ich ihr gestand, gegen meine chronischen, skoliosebedingten Rückenschmerzen nur gelegentlich Gymnastik zu machen. Verantwortungslos sei das, schalt sie mich. Sie wies mich in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, an, mir von nun an für diese Übungen jeden Tag zehn Minuten Zeit zu nehmen. Diese oberlehrerhafte Instruktion ließ für den sich anschließenden Hör- und Sehtest nichts Gutes erahnen, boten sich hier doch erneut Möglichkeiten, mich zu maßregeln. Dafür, dass ich zu oft ohne Oropax das Berliner Clubleben genossen hatte; und dafür, immer noch meine Brille aus der dreizehnten Klasse zu tragen, also das Modell aus der Lebensphase, als ich anderthalb Dioptrien weniger schwere Gläser benötigte.
Aber zu meiner großen Verwunderung meisterte ich diese beiden Prüfungen ohne Probleme. Vielleicht lag es daran, dass für die amtsärztliche Untersuchung zur Einstellung in den öffentlichen Dienst Tafeln mit größeren Zahlen verwendet und die viersilbigen Zahlwörter nicht zugeflüstert, sondern laut und deutlich gesprochen werden. Möglicherweise spielte die tatsächliche körperliche Verfassung der Bewerber fürs Referendariat auch einfach keine Rolle, solange man keine ansteckende Krankheit hatte.
Zum Schluss sollte ich mich entkleiden und hinlegen. Frau Jost tastete meine Bauchgegend ab und testete meine Reflexe. Ich hatte welche, sogar einen Puls und einen Blutdruck. Insgesamt hatte ich damit besser abgeschnitten als erwartet – trotz meiner Uringeschichte. Das musste doch zur Zulassung reichen.
Zuversichtlicher als zu Beginn der Untersuchung, zog ich mich wieder an. Als ich gerade in meine Hose schlüpfte, ergriff sie ein weiteres Mal das Wort, aber keineswegs, um mir mitzuteilen, ob ich nun tauglich sei.
«Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Ihr Körper ästhetisch nicht unansehnlich ist. Sie brauchen keine Komplexe zu haben.»
«Wieso Komplexe?», wunderte ich mich.
«Na ja. Sie werden sicherlich oft gehänselt wegen Ihrer Behinderungen.»
«Eigentlich nicht.»
«Na gut! Aber Sie wissen ja sicherlich, wie Schüler so sind. Ich wünsche Ihnen jedenfalls ein dickes Fell. Schalten Sie dann einfach auf Durchzug!»
Psychologisches Einfühlungsvermögen war nicht ihre Stärke. Ich war bisher fest davon ausgegangen, meine körperlichen Defizite durch mir gewogene Kleidung kaschieren zu können: meine klobigen orthopädischen Schuhe unter den gazellenhaften Unterschenkeln durch weite, lange Schlaghosen und meine Skoliose, indem ich darauf verzichtete, mit nacktem Oberkörper zu unterrichten und den Mädchen und Jungen so meinen Rücken zur Schau zu stellen. Den skoliosebedingten Verlust an Körpergröße – etwa zwei Zentimeter – glich ich durch Einlagen in meinen Schuhen teilweise wieder aus. Aber was hatte Frau Dr.Jost im Sinn gehabt? Etwa einen Wandertag ins Schwimmbad? Daran hatte ich tatsächlich nicht gedacht. Vielleicht konnte man als Referendar von der Schulleitung gegen seinen Willen dafür eingeteilt werden. Als was würden mich die Schüler dann wohl verhöhnen? Als Klumpie? Als Glöckner von Notre Dame? Als Plattfußantilope?
«Also heißt das, dass ich tauglich bin?»
«Das sehen wir noch. Kommen Sie in vier Wochen wieder! Und geben Sie eine neue Urinprobe ab! Wenn die Leukozyten dann weg sind – wovon ich ausgehe – und Sie bis dahin nicht vergessen haben, wo sich Urin bildet, dürfen Sie Ihr Referendariat in Angriff nehmen.»
Ob die Ärztin die Drohung ernst meinte, wusste ich nicht. Auf jeden Fall hatte sie sie überzeugend vorgetragen. Und sehr wirkungsvoll, denn meine daraus resultierende Anspannung führte dazu, dass mir die Herkunft von Urin bereits auf dem Nachhauseweg wieder entfiel. Für die nächste Untersuchung würde ich besser lernen. Und vielleicht sollte ich Frau Dr.Jost bitten, mir eine Befreiung für Wandertage auszustellen, bei denen man sich als Lehrer ausziehen musste.
Lehrerzimmer, Montag, erste Hofpause
Ich: Sind Sie Frau Herz?
Frau Herz: Ja.
Ich: Ich bin Stephan Serin, der neue Referendar. Herr Stern1meinte zu mir, dass Sie die mir zugeordnete Lehrerin für Geschichte sind. Dass Sie mich ein bisschen einweisen. Dass ich mich bei Fragen an Sie wenden kann.
Frau Herz: Ich sag Ihnen gleich: Ich hab nicht viel Zeit. Herr Stern hat mich nicht gefragt. Ich kann Ihnen gerne Materialien ausleihen. Aber erwarten Sie nicht, dass ich mich jetzt hier um Sie kümmere.
3
Ich kam an die Werner-Heisenberg-Schule in der Brunnenstraße im Stadtbezirk Berlin-Mitte. Als ich dort mein Referendariat aufnahm, schockte mich neben dem Mangel an Disziplin auch die fehlende Sprachkompetenz meiner Schüler. Ich hatte mich selbst nie für besonders sprachbegabt gehalten, aber im Klassenraum wurde ich mit meinen fehlerfreien Hauptsätzen zu einem lexikalischen und syntaktischen Genie. Wenn ich hingegen den Schülern in der Pause beim Sprechen zuhörte, dröhnten mir sofort die Ohren:
«Musstu Alexa, ja?»
«Isch Alexa, wallah.»
«Ischauch.»
«Hast du U-Bahn?»
«Hab Bus!»
«Binisch auch Bus.»
«Weißdu gestern?»
«Nee, weiß nisch.»
«Musstu wissen gestern.»
«Isch?»
«Musstu wissen.»
«Was?»
«Gestern. Isch bin U-Bahn. Isch kein Fahrschein. Isch gefickt von Kontrolleur.»
«Escht? Tschüüüsch! Musstu schlagen, Kontrolleur.»
«Nee, nisch schlagen. Kontrolleur Frau.»
«Escht schwul, die Muschi!»
In der ersten Zeit stellte ich mir oft die Frage, welche Gespräche man als Lehrer hörte, wenn man nicht wie ich auf einem Gymnasium unterrichtete. Vielleicht ließen die Schüler an Haupt- und Realschulen Verben und Personalpronomen gänzlich weg und gebrauchten nur noch Nomen.
Der Pausenjargon der Jugendlichen war das eine, aber in den Stunden machte ich keine anderen Erfahrungen. Mir bereitete die Sprache der Schüler fast körperliche Schmerzen, denn ich war von meinen Eltern früh dazu erzogen worden, auf meine Ausdrucksweise zu achten. Bereits als Erstklässler musste ich vor ihnen jeden Samstag einen Kurzvortrag zu einem Thema halten, das ich erst zwei Tage zuvor erfuhr, oftmals zu Gegenständen, anhand derer sich die Überlegenheit des Kommunismus nachweisen und der Untergang des Kapitalismus prophezeien ließ. Und schon zu Kindergartenzeiten wurde ich gemaßregelt, sobald ich mich schlampig ausdrückte. Fragte ich am Abendbrottisch: «Kann ich mal bitte Milch?», statt vorschriftsmäßig: «Kann ich mal bitte die Milch haben?», so schlug mir mein Vater zur Strafe mit der Gabel auf die Finger. Man mag das für grausam halten, aber in der DDR der achtziger Jahre waren solche Züchtigungen an der Tagesordnung. Nur so war es möglich, dass im friedliebenden Teil Deutschlands bis zum bitteren Ende auf höchstem Niveau Konversation betrieben wurde – während auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs die deutsche Sprache bereits in tiefer Agonie lag. DDR-Bürgern wäre es beispielsweise nie eingefallen, elliptische Satzstrukturen zu gebrauchen. Selbst für die Bekanntgabe einer Telefonnummer arbeiteten wir mit Para- und Hypotaxe: «Zuerst hebst du den Hörer ab. Im Anschluss daran steckst du den Zeigefinger in das Loch mit der Nummer 4 der Fingerlochscheibe. Durch eine anschließende Rechtsdrehung bis zum Fingeranschlag spannst du die Rückdrehfeder bis zum Anschlag. Nachdem dies erfolgt ist, verlässt der Finger das Loch, sodass die Fingerlochscheibe linksdrehend durch die Rückdrehfeder wieder in ihre Ausgangslage gebracht wird. Nun, ohne den Hörer wieder aufzulegen, steckst du deinen Zeigefinger erneut in das Loch mit der Nummer 4.Durch eine weitere Rechtsdrehung wiederum bis zum Fingeranschlag…»
Für den Austausch von Telefonnummern musste man viel Zeit einplanen. Darum verzichteten in der DDR die meisten freiwillig auf dieses Medium. Es entsprach einfach nicht unseren praktischen Kommunikationsbedürfnissen. Lieber fuhr man kurz von Berlin nach Dresden. Das ging schneller.
Verständlicherweise irritierte mich die nachlässige bis fehlerhafte Ausdrucksweise der Menschen aus den alten Bundesländern auch noch lange nach dem Mauerfall. Zehn Jahre sprachlicher DDR-Sozialisation konnte und wollte ich nicht so einfach abschütteln. So war mir an all meinen Freundinnen aus dem Westen auch immer unangenehm aufgefallen, dass sie beim Sex bestenfalls einzelne Worte stöhnten. Oft hatte ich unser Liebesspiel deshalb unterbrechen müssen und sie gebeten, das Stöhnen zu wiederholen – und zwar im ganzen Satz. Daran war manche Beziehung gescheitert. Bei meinen Schülern musste ich noch häufiger intervenieren. Eigentlich konnte ich am Werner-Heisenberg-Gymnasium keine Äußerung einfach so stehen lassen. Das führte regelmäßig zu ausgedehnten Lehrer-Schüler-Pingpongs:
«Cemal! Erläutere mir bitte, wie der Humanismus dazu beitrug, dass die Europäer damals unbekannte Regionen und Kontinente entdeckten.»
«Kolumbus.»
«Cemal, bitte antworte im ganzen Satz!»
«Wegen Kolumbus.»
«Das ist noch kein ganzer Satz, Cemal.»
«Doch!»
«Nein, da liegst du falsch.»
Über diese Streitfrage in der Klasse abzustimmen, hätte Cemal zu einem Kantersieg verholfen, weshalb ich auf solche plebiszitären Elemente verzichtete und lieber fortfuhr, ihn zu triezen. «Welches Element gehört denn in einen Satz?»
«Weisnisch!»
«Jeder Satz braucht ein Verb. Ein Tuwort. Also: Was tat Kolumbus?»
«Amerika!»
«Das ist kein Verb, aber sicherlich auch eine Information, die in den Satz gehört. Also, ich fasse mal zusammen: Wegen Kolumbus Amerika. Nun zum Verb: Was hat Kolumbus denn getan, um nach Amerika zu gelangen?»
«Mit Schiff.»
«Okay, halten wir fest: Wegen Kolumbus Amerika mit Schiff. Was hat er denn mit dem Schiff gemacht, um nach Amerika zu gelangen?»
«Gefahren!»
«Also: Wegen Kolumbus Amerika mit Schiff gefahren. Ist es dass, was du sagen wolltest?»
«Ja.»
«Dann wiederhole bitte: Der Humanismus trug zur Entdeckung unbekannter Regionen und Kontinente bei, weil Kolumbus mit dem Schiff nach Amerika gesegelt ist.»
«Der Humanismus trug zur Entdeckung bei von Regionen äh…, weil Kolumbus nach Amerika gesegelt ist, äh… also mit ’nem Schiff.»
«Sprachlich ist das jetzt so weit in Ordnung, inhaltlich aber trotzdem falsch. Leider ist die Stunde nun zu Ende. Überlegt euch bitte bis zum nächsten Mal, wie die Antwort hätte richtig lauten müssen!»
Dieses Beispiel gehörte noch zu den Erfolgserlebnissen. Normalerweise wurde ich gar nicht verstanden, zumal wenn ich die Operatoren – also die Verben mit Aufforderungscharakter – verwendete, die uns unsere Ausbilder aufnötigten.
«Ermittelt bitte aus dem Text, was die Ursachen für den Aufstieg der NSDAP waren.»
«Wasis ermitteln?»
«Das heißt so viel wie rausholen. Informationen aus dem Text rausholen.»
«Escht krass! Wieisch Informationen aus Text holen. Habisch Schere?… Nee!»
Oder: «Beurteilt bitte, ob Hitler die Macht ergriffen hat oder übertragen bekam.»
«Wasis beurteilen?»
«Zu einer Frage eine begründete Meinung formulieren.»
«Ischhasse Hitler.»
Mein Unterricht war ein täglicher Kampf um das Einhalten sprachlicher Minimalstandards. Stofflich kam ich kaum voran. Wenn ich die Schüler im Französischunterricht aufforderte, einen dreihundert Wörter umfassenden Text zu lesen und alle Adjektive zu unterstreichen, die Gefühle ausdrücken, scheiterte ich daran, dass die Schüler nicht mal im Deutschen wussten, was eigentlich Adjektive waren und durch welche Begriffe Gefühle ausgedrückt werden konnten. So begnügte ich mich am Ende damit, dass die Schüler im Text einfach alle Wörter unterstrichen, aber für jedes eine andere Farbe benutzten. Ich begründete das ihnen gegenüber damit, dass sie zunächst lernen sollten, wo im Französischen das eine Wort aufhöre und wo das nachfolgende anfange.
Natürlich befriedigte mich das nicht. Das war nicht der Unterricht, den ich mir vorgestellt hatte. Der sprachliche Kontrast zu meiner eigenen Kindheit wurde mir jeden Tag umso drastischer in Erinnerung gerufen, als das Werner-Heisenberg-Gymnasium einer von den viergeschossigen Plattenbauten aus Stahlbeton war, in denen viele Ostberliner Schüler – auch ich – bis zur Wende unterrichtet worden waren. Nur hatte es eben mittlerweile zwei offenbar unrenovierte Jahrzehnte mehr in den Gliedern. Wie auch die zahlreichen Lehrer, die hier bereits vor dem Mauerfall tätig waren und die am sprachlichen Niedergang in ihrem Arbeitsumfeld ebenso hätten Anstoß nehmen müssen wie ich. Doch bei den gestandenen Kollegen stieß ich mit meinen Klagen auf taube Ohren. Niemanden schienen die Sprachprobleme der Schüler noch aufzuregen. Alle verschanzten sich hinter einem nach außen gekehrten Pragmatismus, der in Wirklichkeit Gleichgültigkeit kaschierte. Frau Willing, eine unserer Deutschlehrerinnen, meinte: «Man darf von einem Schüler der Oberstufe nicht zu viel verlangen. Man muss sich auf die heutigen Jugendlichen einstellen. Meine Klausuren bestehen daher einzig aus Ankreuzaufgaben. In ganzen Sätzen schreiben zu lernen, dafür gibt es schließlich die Uni.»
Andere verlangten von ihren Schülern nicht einmal mehr Deutsch zu sprechen, solange sie überhaupt irgendeine Sprache benutzten – auch wenn sie als Lehrer diese gar nicht verstanden. Es musste nur ein Schüler der Klasse mit derselben Muttersprache bezeugen, dass die Äußerung richtig war. Meiner Fassungslosigkeit begegnete keiner der Kollegen mit Verständnis: «Seien Sie doch froh, dass die Schüler überhaupt antworten. An anderen Schulen würde man Sie abstechen, wenn Sie die ansprechen. Außerdem hat es einen Vorteil, wenn die Schüler kaum Deutsch beherrschen. Wollen Sie mit Kollegen über die herziehen, müssen Sie das nicht heimlich tun. Verwenden Sie einfach Nebensätze. Und schon wird Sie keiner der Schüler verstehen.»
Auch wenn mich dieses Desinteresse am sprachlichen Vermögen der Jugendlichen anfangs sehr empörte, wurde mangels Erfolg selbst bei mir der Widerstand dagegen mit der Zeit schwächer, denn mein Aufbäumen war ein einsamer und vergeblicher Kampf gegen Windmühlenräder. Irgendwann fand ich mich ebenfalls damit ab, dass sich die Schüler schlechter ausdrückten als sie sollten, indem ich mir einredete, sie würden sich einfach anders ausdrücken. Und folglich gab auch ich mich schließlich mit Ein-Wort-Antworten zufrieden. Bezeichnete ein Schüler im Unterricht WilhelmII. als Vollhoden, dann deutete ich das großzügig dahingehend, dass er die kriegstreibende Rolle des letzten deutschen Kaisers sehr wohl begriffen hatte. Immerhin ermöglichte mir diese neue Aufgeschlossenheit meinerseits, einige jugendsprachliche Begriffe kennenzulernen, die mir mit meiner ursprünglichen Haltung wohl entgangen wären.
Angesagte Musiker wurden als endgeil, porno, tight oder mörder bezeichnet, Stars, die out waren, als voll assig. Einen Schüler, der sich am unteren Ende der Klassenhierarchie befand, sah man als Opfa oder als Toy. Lehrer waren schizo und wurden wegen ihres Alters Kadaver genannt, in einer größeren Ansammlung als Krampfadergeschwader. Der immer elegant gekleidete und mit spitzen Lippen und distinguiert schrägem Kopf durch die dreckigen Flure eilende Herr Menz war wegen seiner Homosexualität voll gaylord. Ich wurde aufgrund meiner Größe abwechselnd als Bonsai oder Nabelküsser tituliert. Herr Rauter, der zu viel redete, föhnte die Schüler zu. Die magenkranke und auch sonst überall leidende Frau Flach hatte Mundgulli und Gesäßhusten, also einen schlechten Atem und Blähungen. Für Menschen mit Pickeln wurden alternativ die Bezeichnungen Akne-X und Clearasil-Testgelände benutzt.
Natürlich bemühte ich mich darum, mir diese Begriffe nicht zu eigen zu machen, mich weiterhin korrekt und in ganzen Sätzen zu artikulieren. Dennoch hinterließ die Sprache meiner Berlin-Mitte-Schüler bei mir Spuren. Das merkte ich aber erst, als ich nach dem Referendariat für eine kurze Zeit eine Stelle als Vertretungslehrer am Kant-Gymnasium in Zehlendorf annahm. Die sehr aufmerksamen und früh geförderten Arzt-, Psychologen- und Anwaltskinder im Französischunterricht waren ziemlich verwundert, als ich sie in der ersten Stunde darum bat, im zu lesenden Text alle Wörter mit unterschiedlichen Farben zu markieren und ihnen anbot, beim Sprechen und Schreiben einfach Verben und Artikel wegzulassen, weil die Sprache dadurch einfacher würde. In meinem Grundkurs Politik kam es sogar zum Eklat, weil ich eine Schüleräußerung nicht entsprechend würdigte:
«Einleitend bitte ich Sie, mir zu sagen, was Ihnen spontan zum politischen System der BRD einfällt… Ja, Hannes!»
«Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie und ein Bundesstaat. Manche sprechen auch von einem Parteienstaat wegen der zentralen Bedeutung des Parteienwesens für den Prozess der Meinungs- und Willensbildung. Wahlen werden überwiegend als personalisierte Verhältniswahlen durchgeführt. Zentrale Aufgaben der politischen Institutionen werden durch das Grundgesetz geregelt, zum Beispiel die Rolle von Parlament und Regierung.»
Ich kommentierte seinen Beitrag in einer Weise, wie es mir noch nie passiert war. Es rutschte einfach so heraus: «Is ja gut! Nun föhn mich mal nicht zu! Die Message ist anjekommen, du Schnellchecker! Andre wollen auch noch was sagen.»
Einen Tag später standen seine Eltern auf der Matte. Hannes war aber echt empfindlich. Der sollte froh sein, dass er in Zehlendorf zur Schule ging. In Mitte wäre er mit seinem langen Monolog von seinen Mitschülern abgestochen worden. Das habe ich den Eltern auch erklärt. Sie haben wohl nur deshalb nichts gegen mich unternommen, weil meine Zeit an der Schule sowieso nach einem Monat beendet war.
Lehrerzimmer, Montag, Freistunde
Frau Baum: Entschuldigen Sie. Hier können Sie nicht sitzen! Hier sitze ich immer. Schon seit über zwanzig Jahren.
Ich: Aha! Und wo dann?
Frau Baum: Also, die Referendare sitzen immer dahinten in der Ecke, neben dem Kopierer.
4
Noch zehn Minuten bis zum Beginn der Vereidigung. Zum Glück war ich wie immer zu früh erschienen. Darum hatte ich noch eine große Auswahl und konnte zu meiner Erleichterung weiter hinten im Raum Platz nehmen. Kurz darauf waren die etwa fünfzig Klassenraumstühle, sauber angeordnet in dicht hintereinander stehenden Reihen, bereits alle besetzt. Rechts von uns Wartenden befand sich eine Wandtafel. Vor uns ein Tisch, an dem sich wohl gleich unser Hauptseminarleiter einfinden würde. Hier würde ich nun also jede Woche die Veranstaltungen meines Allgemeinen Seminars haben. Keinem der angehenden Referendare im Raum war ich schon mal begegnet. Keiner meiner ehemaligen Kommilitonen war anwesend. Ich kam mir so verloren vor wie als Jugendlicher auf Partys, auf denen ich niemanden gekannt und wo ich schon bei meiner Ankunft gespürt hatte, dass ich auch keine Person kennenlernen würde. Nur waren jene Veranstaltungen spätestens nach ein paar Stunden wieder vorbei gewesen. Doch diese Party hier würde vierundzwanzig Monate dauern.
