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Ein regnerischer Dienstagmorgen in Husum: Die 17-jährige Lotta Koopmann ist spurlos verschwunden. Zeitgleich wird auf einer einsamen Landstraße zwischen Fockbek und Rendsburg der Programmierer Jannick Molander brutal hingerichtet. Kristin Voss, eine scharfsinnige Kriminalhauptkommissarin aus Flensburg mit einem unbestechlichen Instinkt, übernimmt mit ihrem Partner Lars Reimers die Ermittlungen. Bald stehen die beiden vor einem Rätsel, das sie tief in die dunklen Abgründe Schleswig-Holsteins führt. Es wird klar: Hier geht es um weit mehr, als der erste Blick vermuten lässt.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Andreas Schmidt
FördeBlut
Küsten-krimi
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Anne Kürschner, Wien
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Lars Gieger / stock.adobe.com
ISBN 978-3-7349-3522-0
Für Susi.
Du bist das wichtigste Kapitel in meinem Leben.
Die schönste Geschichte, in der jede Zeile für einen weiteren gemeinsamen Tag und jede Seite für ein neues Abenteuer steht. Wir gehen durch dick und dünn. Immer.
Husum, 6:05 Uhr
Der Geruch von kaltem Rauch und nassem Hund umgab den Mann, der an diesem regnerischen Sonntagmorgen den Wachraum der Polizeiinspektion an der Poggenburgstraße betrat. Polizeihauptmeister Dirk Nissen hatte gerade seinen zweiten Kaffee zubereitet, als sich die Tür hinter dem Mann schloss.
Der Besucher war Ende 40 und trug eine verwaschene Jeans, ein zerknittertes Flanellhemd und eine abgetragene Windjacke. Seine Haare waren etwas zu lang und wirkten zerzaust, ebenso der buschige Vollbart. Unsicher schaute er sich um. Ihm war anzusehen, dass er den Besuch der Polizeiwache scheute. Er wirkte übernächtigt, dunkle Ringe lagen unter seinen Augen.
»Moin«, brummte Nissen, der sich erst einmal räuspern musste. Er stellte die Tasse auf die Schreibunterlage und erhob sich, um an den Tresen zu treten. »Kann ich Ihnen helfen?«
Der Mann zögerte und schob die Hände tief in die Taschen seiner Jacke. »Ich … ich möchte eine Vermisstenanzeige aufgeben«, stammelte er und vermied es, Nissen anzusehen.
»Wen vermissen Sie denn?« Nissen legte beide Hände auf die Platte und lächelte freundlich.
»Meine Stieftochter. Lotta. Sie ist siebzehn.«
Kinder im Teenageralter verschwanden ab und zu und kehrten oft nach einer gewissen Zeit ins Elternhaus zurück. Trotzdem schrillten bei Nissen die Alarmglocken. Während Erwachsene ihren Aufenthaltsort frei bestimmen konnten, handelten die Behörden bei Kindern umgehend.
Dirk Nissen nahm einen Block und einen Stift zur Hand. »Und Sie sind?«
»Koopmann, Enno Koopmann«, sagte der Mann.
»Und wann haben Sie Ihre Stieftochter das letzte Mal gesehen?«
»Gestern. Meine Frau hat sie zu einer Party gefahren. Aik Carlsen hat seinen achtzehnten Geburtstag in der Scheune auf dem Hof seiner Eltern gefeiert. Lotta und er kennen sich seit dem Kindergarten. Meine Frau hat früher in Noer gewohnt. Frauke hat mit Lotta abgesprochen, dass sie bei Aik übernachten darf und am Sonntag wieder abgeholt wird. Sie geht nicht ans Telefon.«
»Ist ja auch noch sehr früh«, stellte Nissen fest.
»Lotta hat das verdammte Handy immer an. Und sie meldet sich, wenn sie unterwegs ist. Muss sie nämlich, das haben wir so abgesprochen.«
»Haben Sie schon versucht …«, setzte Nissen an, wurde aber von einer Handbewegung seines Gegenübers unterbrochen.
»Wir haben schon überall angerufen, auch bei Aik. Aber niemand weiß Bescheid. Lotta war wohl irgendwann einfach weg, meinten die anderen. Einfach verschwunden.« Koopmanns Stimme brach beinahe. »Frauke ist total fertig. Wir machen uns solche Sorgen.« Er schüttelte den Kopf. Als er zu Nissen aufblickte, schimmerten seine Augen feucht. »Und Aik weiß von nichts.«
»Wir werden Lotta suchen«, versicherte Dirk Nissen ihm. »Sicher haben Sie ein Foto.«
»Von Aik?«, fragte Koopmann verwirrt.
»Nee, von Lotta.«
»Ach so, klar.« Koopmanns Hände zitterten, als er sein Smartphone aus der Hosentasche zog, es entsperrte und auf den Tresen legte. Er rief die Galerie auf und zeigte Nissen das Bild einer freundlich lachenden Teenagerin mit langen blonden Haaren und blauen Augen. Bei ihrem Anblick entspannten sich Koopmanns Gesichtszüge etwas. »Das ist sie«, sagte er leise. »Ist sie nicht hübsch?«
»Ja, das ist sie.« Nissen kritzelte eine Mailadresse auf das Papier. »Könnten Sie es mir hierhin schicken?«, er tippte auf die Adresse.
»Sicher.« Koopmann nahm das Smartphone in die groben Hände und tippte umständlich Nissens Mailadresse ein. Kurz darauf kündete ein Zischen davon, dass er das Bild versandt hatte. »Fertig.«
»Danke!«
»Da nich für.« Koopmann winkte ab. »Wenn Sie mir nur die Lotta finden.« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, als er das Handy wieder in der Tasche versinken ließ. Währenddessen notierte Nissen sich die Adresse des besorgten Mannes, die er von dessen Personalausweis ablas. Die Müdigkeit seines Gegenübers, die Sorge und die Verzweiflung waren fast greifbar. Doch da war noch etwas anderes, etwas Unbestimmtes, das Nissen noch nicht zuordnen konnte. Ein Hauch von Resignation vielleicht, oder etwas, das tiefer lag als die bloße Angst um seine Stieftochter?
Hamdorf, am Vorabend, 21:20 Uhr
»Dann überhol doch endlich!« Jannick Molander warf hektische Blicke in den Rückspiegel seines alten Mercedes. Schon seitdem er in Hamdorf auf die B 203 in Richtung Rendsburg eingebogen war, hing ihm der Typ an der Stoßstange. Dabei hatte er ihm nicht die Vorfahrt genommen, im Gegenteil, der andere Autofahrer war viel zu schnell unterwegs gewesen und hatte sich nicht um die zulässige Höchstgeschwindigkeit geschert. Vor Aufregung hatte er im anhaltenden Regen und bei der herrschenden Dunkelheit den Abzweig nach Hohn verpasst. Umzudrehen kam ihm nicht in den Sinn, jetzt nahm er den Umweg in Richtung Rendsburg in Kauf. Auf ihn wartete niemand.
Die Scheibenwischer tanzten in hektischem Rhythmus auf der Windschutzscheibe, während der Regen unerbittlich auf das Blech prasselte. Immer wieder blendete der Fahrer des Wagens hinter ihm auf. Er fuhr Schlangenlinien und konnte es offenbar kaum erwarten, an ihm vorbeizuziehen. Am Ortseingangsschild von Elsdorf-Westermühlen drosselte Molander das Tempo, um nicht geblitzt zu werden. Die Straßen lagen verlassen da, kein Mensch war weit und breit zu sehen. Auch das griechische Restaurant hatte bereits geschlossen. Sein Verfolger schloss zeitweise so dicht auf, dass seine Scheinwerfer nicht mehr im Spiegel zu sehen waren.
Nachdem er das Ortsausgangsschild passiert hatte und das Sägewerk rechts am Waldrand liegen gelassen hatte, trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Träge beschleunigte der alte Wagen. Sein Verfolger blendete die Scheinwerfer auf. Molander wollte Abstand gewinnen, doch das andere Fahrzeug reagierte sofort, klebte förmlich an ihm. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Das war kein normales Drängeln. Es war fast halb zehn, und die Landstraße zwischen Fockbek und Rendsburg war menschenleer. Nur die spärlichen Lichter einiger entgegenkommender Fahrzeuge zerschnitten die schwarze Wand des Waldgebiets, die sich beidseitig der Straße erhob. Der Forst wirkte in der Dunkelheit wie ein natürlich gewachsener Tunnel. Molander blendete auf. Im grellen Schein des Fernlichtes wirkten die alten Bäume wie bizarre Wesen entlang der Fahrbahn.
»Zieh schon vorbei!«, rief Molander ihm zu. Stattdessen fuhr der andere noch dichter auf. In dem Waldstück waren 80 Stundenkilometer erlaubt und die Strecke war bekannt für ihre Radarfallen. Molander würde nicht schneller fahren, als erlaubt war. Sollte der Typ im Wagen hinter ihm doch überholen, wenn es ihm nicht schnell genug ging. »Ich fahr schon 90, und hier ist immer Wildwechsel.«
Als hätte ihn der Fahrer des fremden Autos gehört, setzte dieser in einem waghalsigen Manöver zum Überholen an. Molanders Herzschlag beschleunigte sich. »Na endlich«, stieß er erleichtert aus, doch viel Zeit zur Freude blieb ihm nicht. Er umklammerte das Lenkrad fester, als er sah, wie sich der andere Wagen neben ihn schob. Molander blickte kurz nach links und konnte die Umrisse des Fahrers erkennen. Sein Gesicht schimmerte im Widerschein der Armaturenbeleuchtung. Es war starr wie eine Maske und stur nach vorn gerichtet.
Kaum dass der andere Wagen an ihm vorbeigerauscht war, scherte er knapp vor ihm nach rechts. Bevor Molander reagieren konnte, wurde er von dem anderen Fahrzeug abgedrängt. Molander musste bremsen, um ihm nicht aufzufahren. »Hey«, rief er, »was soll das?« Plötzlich blieb der andere Wagen in einem schrägen Winkel mitten auf der Fahrbahn stehen. Molander konnte ihm nicht ausweichen. Der alte Mercedes seiner Mutter schlitterte über die regennasse Fahrbahn, dann kam er zum Stillstand. Vorn flog die Fahrertür auf. Eine Gestalt stieg aus, groß und massiv, in dunkler Kleidung. Der Regen schien den Fremden nicht zu stören, denn die Kapuze seiner Jacke hatte er sich tief ins Gesicht gezogen. Bei diesem bedrohlichen Anblick zog sich Molanders Magen zusammen. Er ahnte, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte, und war dennoch nicht in der Lage, zu handeln. Starr vor Sorge blickte er dem Mann entgegen, während die Scheibenwischer gegen die Wassermassen ankämpften. Erst als der Fremde sich breitbeinig neben Molanders Auto aufgebaut hatte, spürte er die Todesangst in sich aufsteigen. Der andere hielt den Gegenstand, den er in der rechten Hand hielt, hoch. Im Zwielicht erkannte Molander den seidenschimmernden Lauf einer Waffe, die auf ihn gerichtet war. Sein Herzschlag drohte für einen Moment auszusetzen. Molanders Hoffnung, gleich aus diesem Albtraum zu erwachen, erfüllte sich nicht. Das, was er hier erlebte, war die unglaubliche, brutale Wirklichkeit. Er war weit und breit alleine mit diesem Irren, der ihn bedrohte. Zitternd legte Molander den Gang ein, hielt aber den Fuß auf der Kupplung. In Gedanken ging er seine Chancen durch, Vollgas zu geben, um sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Doch es war zu spät. Wie gebannt starrte er auf die Mündung, die geradewegs auf ihn gerichtet war. Instinktiv hob er die Hände, dann nahm er schon das Aufblitzen des Mündungsfeuers wahr. Glas splitterte, Blech kreischte, der eisige Regen fegte ihm ins Gesicht. Sein Kopf war von einem nicht auszuhaltenden Stechen erfüllt, das sich im Bruchteil einer Millisekunde auf den ganzen Körper ausbreitete. Ein brennender Schmerz explodierte in seiner Brust. Die Welt drehte sich, wurde unscharf, die Lichter verschwammen zu einem einzigen, gleißenden Nebel. Molander sackte in seinem Sitz zusammen. Blitze tanzten vor seinen Augen, das Herz schlug ihm bis zum Hals, dann spürte er eine warme Flüssigkeit auf seinem Gesicht. Es musste sein Blut sein, dachte er noch, während ihm ein letzter, keuchender Atemzug entwich. Nie hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie sich der nahende Tod anfühlen mochte. Und jetzt, wo es so weit war, fand er keine Zeit dazu. Noch bevor er wahrnahm, dass er starb, umfing ihn eine tiefe Dunkelheit und der Schmerz ließ nach. Molander spürte eine nie gekannte Leichtigkeit, dann hatte er es geschafft. Er würde nie wieder Qualen ertragen müssen.
Moholz, 21:30 Uhr
Christian Adler liebte die Spätschicht. Heute fuhr er mit einem relativ kleinen Bus die Linie 2820 ab, die Rendsburg und Heide miteinander verband. So konnte er abseits vom hektischen Berufsverkehr seine Runden drehen und fand hier und da die Möglichkeit für einen kurzen Klönschnack mit seinen Mitfahrern. Doch momentan herrschte hinter ihm eine fast gespenstische Stille, denn der letzte Fahrgast, ein alkoholisiert wirkender Mittfünfziger, war an der Haltestelle »Hamdorf/Hauptstraße« ausgestiegen. Kein Wunder, jagte man doch bei diesem Wetter keinen Hund vor die Tür, dachte Adler, während er den Blick nach vorn richtete. Die großen Scheibenwischer schwappten über die Windschutzscheibe. Entspannt lehnte Adler sich im Fahrersitz zurück. Es war Anfang April, die ersten Weidenkätzchen sprossen an den Ästen der Bäume, doch die Nächte waren noch kalt und regnerisch.
Der Diesel des Kleinbusses wummerte monoton gegen das Gebläse der Heizung an. Gerade rollte der Bus durch das große Waldgebiet bei Moholz. An einigen Stellen führte die Straße schnurgerade durch den Forst. Kein Fahrzeug begegnete ihm. Als er den großen Parkplatz zu seiner Rechten passierte, erblickte er dort lediglich einen Sattelzug. Der Fahrer verbrachte in dieser Einsamkeit offenbar seine Nachtruhe, denn die Gardinen der Kabine waren verschlossen. Adler beneidete den Kollegen nicht. Da lobte er sich seinen Job als Busfahrer bei »NAH.SH«. Er konnte jede Nacht in seinem eigenen Bett schlafen und musste nicht alleine in der Koje eines Lkw übernachten. Während seine Gedanken darum kreisten, schälte sich vor dem Bus die kantige Silhouette eines Fahrzeuges aus dem Nebel. Als Christian Adler registrierte, dass der Wagen mitten auf der Fahrbahn stand, tippte er die Bremse an. »Mach doch den Warnblinker an, du Döspaddel«, zischte er, denn offensichtlich hatte der Fahrer des Wagens vor ihm eine Panne. Nur das rote Glühen der Rücklichter schimmerte auf dem feuchten Asphalt. Adler warf einen besorgten Blick in den Rückspiegel. Während er überlegte, ob er ein Warndreieck am Straßenrand gesehen hatte, betätigte er den Blinker und setzte zum Überholen an. Langsam ließ er den kleinen Bus an dem fremden Fahrzeug, einem weißen Mercedes älteren Baujahres, vorbeirollen. Im Augenwinkel stellte Adler fest, dass hinter dem Lenkrad eine Person saß. Das Seitenfenster war offen, der Regen rann in das Fahrzeuginnere.
»Der hat einen Herzinfarkt«, vermutete Adler halblaut. Er scherte ein, brachte den Bus zum Stehen und schaltete die Warnblinkanlage ein. Vielleicht konnte er dem Fremden helfen. Hastig sprang er vom Fahrersitz auf, schlüpfte eilig in die Jacke, betätigte den Türöffner und trat ins Freie. Der frische Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Eiligen Schrittes erreichte Adler den Mercedes. Schon während er sich dem Wagen näherte, stellte er fest, dass der Fahrer wohl keinen Herzanfall erlitten hatte. Die Seitenscheibe war nicht offen – sie war geborsten. Unzählige winzige Scherben glitzerten auf dem Asphalt in der Spiegelung der Rücklichter seines Busses. Der Mann hinter dem Lenkrad des Pkw hing in eigenartiger Position im Sicherheitsgurt. Erschrocken stellte Adler fest, dass die Augen des Fremden weit aufgerissen waren. Überall im Innenraum befanden sich Blutspritzer. Die Kopfhaut von Christian Adler zog sich zusammen. Er registrierte schnell, dass für den Mann am Steuer des Mercedes jede Hilfe zu spät kam. Hier musste sich ein brutales Verbrechen ereignet haben. Mit zitternden Händen zog Adler sein Smartphone aus der Hosentasche, um den Notruf zu wählen. Er kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an und blickte sich panisch um, als er das Einschussloch des Toten an der linken Schläfe erblickte. Alles wirkte bizarr, wie in einem Krimi. Möglicherweise befand sich der unbekannte Schütze noch in der Nähe. Adlers Blicke suchten das Unterholz neben der Landstraße ab. Heckenschützen gab es in Amerika, aber doch nicht im friedlichen Schleswig-Holstein … Adler setzte den Notruf ab, doch nichts geschah. Nervös sah er auf das Display seinesHandys und stellte fest, dass er in dieser Einöde kein Netz hatte. Mit einem Fluch auf den Lippen hetzte er zu seinem Bus zurück, der mit laufendem Motor und eingeschalteter Warnblinkanlage vor dem Pkw stand. Atemlos sank er auf den Fahrersitz und betätigte den Bordfunk, der ihn mit der Zentrale verband. Immerhin hatte die Funkanlage Netz. Nachdem sich ein gelangweilt klingender Kollege meldete, nannte Adler seinen Namen, die Linien- und die Wagennummer, bevor er mit stockender Stimme berichtete, was sich auf der Landstraße ereignet hatte.
Flensburg, 23:05 Uhr
Dieser Frühling fühlt sich wie ein Herbst an, dachte Kristin Voss niedergeschlagen, während sie sich die rote Nase mit einem Papiertaschentuch schnäuzte. Der Regen prasselte unablässig auf die Dachfenster ihres Schlafzimmers und erzeugte ein Geräusch, als würde jemand Erbsen gegen ein Glas werfen. Kein Wunder, dass ich mich erkältet habe, dachte sie fröstelnd und zog die Bettdecke bis zum Kinn. Dieser Samstagabend war für sie gelaufen. Nachdem sie sich eine heiße Zitrone zubereitet hatte, kam sie erst auf dem Sofa zur Ruhe, bevor sie sich irgendwann am Abend ins Bett schleppte. Dort hatte sie sich, wie sie es zum Runterkommen gern tat, die neueste Folge von »Die drei ???« heruntergeladen. Überhaupt konnte sie mit der akustischen Untermalung eines Hörspiels schon seit ihrer Kindheit gut abschalten. Das Vibrieren des Smartphones ließ sie aufhorchen. Schlapp angelte Kristin nach ihrem Handy, das auf der Nachtkonsole neben dem Bett lag. Mit einem Blick auf das Display erkannte sie, dass es sich bei dem Anrufer um Hauptkommissar Lars Reimers, ihren Freund und Kollegen aus Eckernförde, handelte. Eigentlich waren sie zum Essen verabredet gewesen, doch sie hatte abgesagt. Sicherlich wollte er sich nach ihrem Befinden erkundigen. Mühsam hatte sie ihn von einem Besuch abhalten können. »Ich will nicht schuld daran sein, wenn du dich ansteckst«, hatte sie argumentiert. Stöhnend griff sie nach dem Smartphone, während sie sich im Bett aufrichtete.
»Na, alter Mann, schon Sorge um mich?«, fragte sie mit belegter Stimme und einem Anflug von Humor.
»Auch.« Er seufzte. »Du klingst nicht fit.«
»Gut erraten.«
»Dann lege ich lieber wieder auf.«
»Warte«, rief Kristin. Mit der freien Hand stopfte sie sich ein Kopfkissen unter den Rücken. Sie hörte in seiner Stimme eine Nuance, die sie allzu gut kannte. Er hatte nicht angerufen, um sich nach ihr zu erkundigen. »Was liegt an?«
»Nichts«, druckste er herum. »Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht.«
»Lars«, sagte sie in gespieltem Vorwurf, »wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Also raus mit der Sprache. Was liegt an?«
»Es war eine blöde Idee, dich anzurufen«, konstatierte Lars etwas kleinlaut. »Ich wusste ja, dass es dir nicht gut geht und … also schön, dir kann ich nichts vormachen. Ich arbeite an einer TES.«
Kristin war auf der Stelle hellwach. Auch wenn das Kürzel TES nicht in der offiziellen Abkürzungsliste der Polizei auftauchte, wusste sie, wovon er sprach. Das Kürzel stand für »Todesermittlungssache« und wurde oft von den Kollegen im Kriminaldauerdienst verwendet. »Wir haben eine Leiche?«, fragte Kristin aufgeregt.
»Nicht wir – du, um genau zu sein, denn der Tote kommt aus deinem Zuständigkeitsbereich.« Lars klang zerknirscht. »Aber ich ruf die Bereitschaft der Kollegen in Flensburg an, kein Thema.«
»Samma«, rief Kristin aufgebracht. »Geht’s noch? Erst machst du mich neugierig und dann machst du einen Rückzieher?«
Lars seufzte am anderen Ende der Leitung. »Also gut«, sagte er, »du hast es so gewollt.«
»Richtig. Schieß los!« Kristin räusperte sich, um den aufsteigenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Er berichtete ihr in wenigen Worten vom Fund einer Leiche in einem Fahrzeug, das auf der Bundesstraße 203 in Richtung Rendsburg gefunden worden war. Der Fahrer war augenscheinlich an Schussverletzungen gestorben. Kriminaltechnik und der Dauerdienst waren bereits vor Ort.
»Korrigier mich, aber Rendsburg/Eckernförde ist deine Baustelle«, bemerkte Kristin, nachdem er seine Ausführungen beendet hatte.
»Richtig«, stimmte Lars zu. »Aber der Tote lebte in Sieverstedt, und damit bist du wieder an Bord.« Er räusperte sich verlegen. »Aber ich hätte wirklich die Bereitschaft anrufen können.«
»Das willst du nicht«, behauptete Kristin. »Max Paulsen hat Dienst, und mit ihm möchtest du sicher nicht zusammenarbeiten.«
»Wenn es nicht sein muss, nicht.«
»Siehst du.« Kristin stieß die Bettdecke zur Seite und war plötzlich sehr sicher, dass sie sich genug geschont hatte. Als sie sich aus dem Bett erhob, musste sie kurz gegen den Schwindel ankämpfen, der von einem stechenden Kopfschmerz begleitet wurde. »Schick mir den genauen Standort, dann treffen wir uns dort. Ich beeil mich.« Sie tippte auf das rote Feld und unterbrach die Verbindung, bevor Lars Einspruch erheben konnte.
Als sie von einem Geräusch erwachte, richtete sie sich mit klopfendem Herzen im Bett auf. Obwohl das Schlafzimmer in völliger Dunkelheit lag, konnte sie die Konturen des Mobiliars erkennen. Sie wandte den Blick nach rechts, tastete über Kopfkissen und Bettdecke, um festzustellen, dass er noch nicht nach Hause gekommen war. Sie fragte sich, wo er sich an einem späten Samstagabend alleine herumtrieb. Wut keimte in ihr auf und verdrängte die Müdigkeit. In letzter Zeit war er häufig bis in die Nacht unterwegs, ohne ihr zu sagen, was er tat. Nach all den Jahren verdichtete sich in ihr der Verdacht, dass er eine Geliebte hatte. Der Gedanke daran erzeugte Übelkeit in ihr.
Er war ihr erster Mann im Leben gewesen. Vielleicht, so überlegte sie, war sie ihm langweilig geworden. Dabei hatten sie so unglaublich viel miteinander erlebt. Viel Gutes und viel Schlechtes. Damals hatte sie davon geträumt, Ärztin zu werden. Er hatte sie immer ausgelacht und nie wirklich ernst genommen, doch sie hatte ihren Traum niemals aus den Augen verloren. Aus ihnen war ein Paar geworden, auch wenn ihre Mutter sie immer vor ihm und seiner hitzköpfigen Art gewarnt hatte. Doch was zählten im Teenageralter schon die mahnenden Worte einer Erwachsenen?
Sie hatte noch nicht wissen können, ob er für sie die Liebe ihres Lebens war. Doch sie waren ineinander verliebt, und nur das zählte damals. Dann erwartete sie ein Kind von ihm und stimmte einer Hochzeit zu. Ihr Traum vom Studium der Medizin in Kiel war damit zerplatzt wie eine Seifenblase. Sie wurde Mutter – und hatte sich gefälligst um das ungeborene Kind zu kümmern. So hatten es ihr seine Eltern unmissverständlich zu verstehen gegeben.
Nach der Hochzeit waren sie auf den Hof gezogen, der seiner Familie gehörte. Sie hatte sich nützlich gemacht und auf dem Hof geholfen, wo sie nur konnte. Doch immer hatte ihr Schwiegervater etwas daran auszusetzen gehabt. Auch als sie eines Nachts das Kind verloren hatte, wohl weil sie zu oft zu schwer gehoben hatte, verstummten die Vorwürfe ihrer Schwiegereltern und ihres Mannes nicht.
Aber sie war eine starke Persönlichkeit. Ihre Träume hatte sie nicht aus den Augen verloren und so begann sie wenig später mit dem Studium. Im letzten Semester vor dem Examen stellte sich erneut eine neue Schwangerschaft ein. Diesmal kam es nicht zu einer Fehlgeburt – sie lehnte schwere Arbeiten auf dem Hof seiner Eltern ab. Sie brachte einen Jungen zur Welt und ging ganz in ihrer neuen Aufgabe als Mutter auf. Erst als der Junge aus dem Gröbsten heraus war, wurde ihr Traum von einer eigenen Praxis wahr. Ihr Mann beobachtete die Selbstständigkeit seiner Frau stets mit Argwohn, doch er ließ sie gewähren. Dennoch ließ es sich nicht vermeiden, dass sie sich immer mehr aus den Augen verloren. Zwar teilten sie sich noch Bett und Tisch, doch ansonsten hatten sie sich kaum noch etwas zu sagen.
Es wunderte sie nicht, dass er sich nun scheinbar nach einer anderen Frau umgesehen hatte. Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass er ihr seit einiger Zeit fremdging – auch wenn ihr der Beweis noch fehlte. Noch hatte sie es nicht gewagt, ihn darauf anzusprechen. Doch sie wusste nicht, wie lange sie das eisige Schweigen zwischen ihnen noch aushalten würde.
*
Moholz, 23:55 Uhr
Der Regen hatte etwas nachgelassen, als Kristin eine knappe Stunde später den Einsatzort an der B 203 erreichte. Er lag auf halber Höhe zwischen den Ortschaften Elsdorf-Westermühlen und Fockbek in einem ausgedehnten Waldgebiet. Kristin bot sich das bekannte Bild: Die Szenerie war durch unzählige Scheinwerfer in ein bizarres, grelles Licht getaucht. Einsatzwagen standen in einigem Abstand auf der Landstraße, welche der Streifeneinsatzdienst für die Dauer der Ermittlungen abgesperrt hatte. Blaulicht zuckte gespenstisch durch die Nacht, das Quäken von Funkgeräten war allseits zu hören.
Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei parkten in einer langen Schlange am Straßenrand, offenbar hatte man eine Hundertschaft angefordert.
Kollegen in weißen Einmalanzügen waren mit der Spurensicherung beschäftigt. Und mittig, wie auf einer Bühne präsentiert, ein Wagen, der schräg auf der Fahrbahn in Richtung Rendsburg stand. Schon von Weitem war zu sehen, dass das linke Seitenfenster zertrümmert war. Scherben glitzerten unheilvoll im Licht der Scheinwerfer.
Kristin parkte den Dienstwagen, einen silbernen Golf Variant, vor der Absperrung. Fröstelnd stieg sie aus und vernahm sogleich das Rattern von Rotorblättern, das in der Nachtluft hing. Offenbar suchte ein Helikopter das Gebiet mit einer Wärmebildkamera ab. Kristin wies sich beim wachhabenden Beamten an der Absperrlinie aus, danach durfte sie passieren. Die Kollegen der Kripo Rendsburg/Eckernförde kannte Kristin nicht. Entsprechend verhalten begegnete man ihr, als sie den Tatort betrat und sich bei den Kollegen vorstellte.
Lars Reimers schien ihre Ankunft schon bemerkt zu haben. Er unterbrach sein Gespräch, das er mit einem Kollegen geführt hatte, und kam Kristin entgegen. Wie die Kollegen, so trug auch er einen weißen, faserfreien Overall.
»Wie geht’s?« Lächelnd hauchte er ihr einen Kuss auf die Wange und reichte ihr einen der weißen Einmal-Schutzanzüge und Überzieher für die Schuhe.
»Frag nicht, Sofa und Bett wären auch ganz nett.« Sie grinste schief, während sie umständlich in den Schutzanzug schlüpfte.
»Scheißwetter für so was«, murmelte Lars schuldbewusst.
»Und Scheißgegend.« Kristin blickte sich um. »Wer fährt denn hier mitten in der Nacht lang, um jemanden zu erschießen?«
»Wenn wir das wüssten.« Er führte sie zum Wagen des Opfers, einem in die Jahre gekommenen weißen Mercedes mit Schleswiger Kennzeichen. »Vier Treffer, Kristin. Aus nächster Nähe durch die Seitenscheibe.« Er deutete auf die Einschusslöcher, die sich wie schwarze Krater im Interieur des Wagens abzeichneten. Der Tote saß zusammengesunken hinter dem Lenkrad, der Kopf war nach rechts geneigt. Vermutlich verhinderte nur der Sicherheitsgurt, dass sein lebloser Körper auf den Beifahrersitz sank. An der linken Schläfe befand sich die Eintrittsöffnung des Projektils.
»Das sieht aus wie eine Hinrichtung«, murmelte Kristin. Sie beugte sich vor. Als sie Anstalten machte, den Mercedes zu umrunden, hielt Lars sie am Arm fest. Offensichtlich wollte er ihr den Anblick der Ausschusswunde ersparen.
»Von der anderen Seite sieht es nicht schön aus«, bemerkte er, während er Kristins Blick folgte. Sie wusste, dass der Anblick eines Kopfschusses aus nächster Nähe nichts für sanfte Gemüter war.
»Klassischer Durchschuss«, erklärte Lars, der offenbar schon mit den Kollegen der Forensik gesprochen hatte.
Als Kristin einen Schritt näher trat, sah sie weitere Einschüsse im Brustbereich des Toten. Die Kleidung, ein helles Hemd und eine einfache Jacke, waren blutdurchtränkt.
»Wenn du davon ausgehst, dass die Schüsse aus nächster Nähe abgegeben wurden und der oder die Täter auf den Kopf des Opfers geschossen haben, können wir eindeutig von Tötungsabsicht ausgehen«, ergänzte Lars mit ernster Miene. »Wir haben vier Hülsen hinter dem Wagen gefunden.« Er bedeutete ihr, ihm zu folgen. Am Heck des Mercedes angekommen, fiel Kristins Blick auf die Tatort-Nummerntafeln, die Kollegen der KTU neben den Hülsen aufgestellt hatten.
»Das ist seltsam«, murmelte sie.
»Allerdings«, stimmte er ihr zu. »Und wir haben noch etwas gefunden, das Fragen aufwirft.« Wieder bedeutete er ihr, ihm zu folgen. Gemeinsam begaben sie sich vor die Haube der C-Klasse. »Hier«, sagte Lars, während er auf die Nummerntafel wies, »Plastikteile, die sich nicht zuordnen lassen.«
Kristin trat näher und ging neben der Nummer am Boden in die Hocke. »Sieht aus wie Teile eines Kunststoffrahmens von einer Kennzeichenhalterung.«
»Das haben wir auch gedacht«, nickte er. »Kannst du dir das erklären?«
Kristin erhob sich und versuchte, die Gliederschmerzen so gut es ging zu verdrängen. Ihr Schädel dröhnte, und kurz musste sie wieder gegen den Schwindel ankämpfen. »Ein Unfall«, murmelte sie. »Es muss einen Zusammenstoß gegeben haben, womöglich hat der Fahrer eines anderen Fahrzeuges einen Auffahrunfall provoziert.«
»Sehe ich auch so.« Lars nickte. »Wir fahnden also nach einem Fahrzeug mit Heckschaden und achten dabei besonders auf zerstörte Kennzeichenrahmen.«
Das Rattern der Rotorblätter über ihren Köpfen wurde wieder lauter. Der Strahl des Suchscheinwerfers irrlichterte über die Szenerie.
»Was machen die Hundertschaft und der Heli? Meint ihr, dass der Schütze sich nach der Tat in die Büsche geschlagen hat?« Der Gedanke daran, dass der Täter sie möglicherweise aus dem Unterholz beobachtete, ließ Kristin erschaudern.
»Wir wollen nichts ausschließen. Vielleicht hat der Unfall nichts mit dem Todesschützen zu tun – oder nur indirekt. Sollte sich ein Heckenschütze in die Büsche geschlagen haben, sind wir ihm auf den Fersen.«
»Wenn ich das da«, Kristin deutete auf den Wagen des Toten, »getan hätte, würde ich zusehen, dass ich Land gewinne.«
»Wir wollen nur sichergehen«, erklärte Lars. »Möglicherweise sind wir ja auch mit unserer Unfalltheorie auf dem Holzweg, und es handelt sich bei dem Täter um einen Heckenschützen, der aus dem Wald heraus auf ein zufällig vorbeifahrendes Auto geschossen hat.«
»Aber die Schüsse wurden aus nächster Nähe abgegeben«, erinnerte Kristin ihn.
»Das ist unsere Vermutung. Auch, wenn die Verletzungen des Opfers und unser Fund der Hülsen darauf schließen lassen, wollen wir nichts außer Acht lassen.«
Kristin war einverstanden. »Habt ihr die persönlichen Gegenstände des Toten sichergestellt?« Sie warf einen Blick durch die Windschutzscheibe auf den Toten am Lenkrad. Ein bizarrer Anblick, der sie frösteln ließ.
»Ich habe das Smartphone und die Geldbörse sichergestellt. Darin haben sich auch seine Ausweisdokumente befunden. Das Opfer ist der Halter des Fahrzeuges.«
»Also scheidet eine Verwechslung aus.«
»So ist es wohl.«
Kristin ahnte, dass sie die zweifelhafte Ehre hatte, den Angehörigen des Opfers die Todesbotschaft zu überbringen. »Er lebte in Sieverstedt, sagtest du?«
Lars nickte. »Ja.« Er öffnete den Reißverschluss des Overalls und suchte in seiner Jackentasche nach dem Block. »Hier«, sagte er, »das habe ich notiert.«
Kristin warf einen Blick auf die handschriftlichen Notizen, die er gemacht hatte. Sie griff zu ihrem Smartphone und fotografierte die Aufzeichnungen ab. Darauf hatte Lars die Meldeadresse des Toten notiert.
»Dann werde ich mal losfahren«, bemerkte sie. Lieber wäre sie hiergeblieben, um dabei zu sein, wenn sich neue Erkenntnisse bei der Tatortarbeit ergaben.
»Warte«, entgegnete Lars und hielt sie am Unterarm fest. »Wohin willst du?«
»Nach Sieverstedt.«
»Alleine?«
»Nee.« Sie schüttelte den Kopf. »Jetzt komm ich wohl nicht mehr darum herum, Paulsen aus dem Bett zu klingeln.« Ein müdes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. »Max hat doch Bereitschaft«, schob sie hinterher, als sie den fragenden Blick von Lars sah.
»Ist gut«, erwiderte er. »Ich rede noch mit den Kollegen vom Dauerdienst und der KTU und komme dann nach.«
»Nach Flensburg?«
»Sicher. Oder willst du lieber alleine sein?« Er grinste schief. »Ich meine … ich könnte dir einen heißen Tee mit Honig ans Bett bringen und dich verwöhnen, bis es dir besser geht.«
»Zu spät.« Kristin winkte ab. »Gesund werden kann ich immer noch, wenn wir hier fertig sind. Bei Mord muss die Erkältung warten.«
*
Mit jedem Kilometer, den er hinter sich gebracht hatte, war er ruhiger geworden. Für ihn gab es ein Problem weniger. Der Regen hatte nachgelassen. Durch das geöffnete Seitenfenster drang die frische Nachtluft in das Wageninnere. Die Frühlingsnacht war kühl, erst vor ein paar Tagen hatte es noch einmal Nachtfrost gegeben. Entspannt lehnte er sich im Fahrersitz zurück und lauschte der leisen Musik, die aus dem Autoradio drang, während er über das Ereignis, das sein Leben verändert hatte, nachdachte. Es war schnell gegangen und ein wenig wunderte er sich darüber, wie leicht es ihm gefallen war, abzudrücken. Kurz tauchte vor seinem geistigen Auge das blöde Gesicht des Typen am Steuer auf. Die Angst, ihm nicht mehr entkommen zu können, die Panik vor dem unausweichlichen Tod, das Ausgeliefertsein. Vom ersten Augenblick an hatte das Machtgefüge festgestanden. Für ihn war dies ein beruhigender Gedanke, der ihn in die Position des Bestimmers gerückt hatte. Er hatte keine Zeit verloren und die Waffe auf sein Opfer gerichtet.
Seine Hemmungen und alle Bedenken hatte er verloren.
Er hatte Fakten geschaffen.
Jetzt fühlte er sich besser.
Er musste sich eingestehen, mitunter ein wenig impulsiv zu reagieren, doch wer damit ein Problem hatte, der konnte ihm den Buckel runterrutschen. Er musste grinsen, als er an diese altbackene Redewendung dachte, die sein Vater immer angewendet hatte. Die seichte Hügellandschaft schien an ihm vorbeizuschweben, unzählige Sterne standen am Himmel. Die Wolken, die sich in den letzten Tagen hartnäckig über Schleswig-Holstein gehalten hatten, waren verschwunden. Als er das gelbe Ortseingangsschild passierte, drosselte er das Tempo. Jetzt wegen überhöhter Geschwindigkeit geblitzt zu werden, wäre fatal. So hielt er sich an die zulässige Höchstgeschwindigkeit, während er den Wagen mit dröhnendem Motor durch die verlassenen Straßen lenkte. Er spürte Kälte, betätigte den Knopf und ließ das Seitenfenster hochfahren. Der Abend war doch noch gut verlaufen, auch wenn es anfangs nicht den Anschein gehabt hatte.
Jetzt war er in Feierlaune. Er erinnerte sich an die Einladung eines Bekannten, der eine Party gab, und beschloss, dort vorbeizufahren. Etwas laute Musik, ausgelassen feiernde Menschen und ein, zwei Bier konnte er sich jetzt zum Ausklang des Tages gönnen.
Flensburg, 1:10 Uhr
Ihr rhythmisches Keuchen an seinem Ohr beflügelte ihn, nicht nachzulassen und stattdessen das Tempo seiner Penetration zu erhöhen. Dabei blendete er das Quietschen des alten Bettrahmens unter ihnen aus. Auch als Nachbarn an die Wand klopften, ließ Max Paulsen sich nicht stören. Er umklammerte Astrids Hüften fester, bedeckte ihre sinnlichen Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss und schob sich tiefer in ihren Schoß. Wie lange hatte er auf dieses unbeschreibliche Gefühl, eine wilde und hingebungsvolle Frau zu lieben, verzichten müssen?
Die Frauenwelt wusste gar nicht, was sie zwischenzeitlich verpasst hatte. In den vergangenen drei Wochen hatte er sich mit Carmen, einer etwas langweiligen Bibliothekarin aus Kiel, vergnügt. Paulsen war ihr treu geblieben. Bis zu ihrer Aussprache vorgestern, als er ihr gesagt hatte, dass Carmen ihm zu prüde war. »Es passt einfach nicht«, waren seine Worte zum Abschied gewesen, bevor er sich online zum Speeddating in einer Flensburger Kneipe angemeldet hatte.
Und jetzt feierte Paulsen sein Comeback. Endlich konnte er seine zurückgewonnene Freiheit ausleben. An diesem Abend hatte er fette Beute beim Rendezvous-Marathon in der Norderstraße gemacht. Gleich von drei Damen, die einer Bekanntschaft nicht abgeneigt zu sein schienen, hatte er Telefonnummern mit nach Hause genommen – eine gute Ausbeute für einen einzigen Abend, fand er.
Astrid, die dralle Blondine mit der üppigen Oberweite, hatte ihn gleich mit zu sich nach Hause genommen. Ein Rasseweib mit Kurven an den richtigen Stellen, ganz so, wie er es liebte. Schnell waren sie sich nähergekommen und hatten nach dem Kennenlernen noch ein paar Absacker im »Peppermint« genommen, bevor sie ein Taxi nach Mürwik gebracht hatte. Hier bewohnte Astrid eine bescheiden eingerichtete Zweizimmerwohnung in einem der knallbunten Hochhäuser. Kaum dass sie die Wohnungstür hinter ihnen geschlossen hatte, hatte Paulsen gewusst, dass die Nacht noch lange nicht vorbei war. Sie waren förmlich übereinander hergefallen und prompt im Bett gelandet.
Ein dumpfes Vibrieren drang an seine Ohren. Anfangs ignorierte er das lauter werdende Klingeln seines Smartphones. Im Augenwinkel sah er jedoch, dass sich das Handy unter dem tiefen Brummen unaufhaltsam auf die Kante des Nachtschrankes zuschob.
»Dein Telefon klingelt«, flüsterte Astrid unter ihm. Erst als sie ihm auf die Schulter klopfte, unterbrach Paulsen seine Bewegungen. Er stöhnte gequält auf.
»Was ist?«
»Dein Telefon klingelt«, wiederholte sie. »Wartet eine andere Frau auf dich?« Mit einer energischen Bewegung drückte sie Paulsens massigen Oberkörper von sich. Ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen.
»Was? Nein … Blödsinn.« Paulsen schüttelte entschieden den Kopf. Ausgerechnet jetzt holte ihn das verdammte Diensthandy in die Realität zurück. Seine Lust schwand augenblicklich, denn Max Paulsen ahnte, was das zu bedeuten hatte. Er hatte Bereitschaft, und die Kollegen brauchten ihn.
»Lass es klingeln«, keuchte er unwirsch und winkte ab. Er hatte nicht vor, sich die Nacht verderben zu lassen, kaum dass er nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder zum Zuge kam.
»Nee, so kann ich nicht.« Unsanft drückte sie ihn von sich. »Bist du etwa verheiratet?«
»Nein zur Hölle, warum?«
»Wer ruft dich um diese Zeit an?«, fragte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Bestimmt deine Frau. Sie wird wissen wollen, wo du dich Samstagnacht rumtreibst.« Sie rutschte auf die Bettkante. Im Schlafzimmer brannte nur eine kleine Nachttischlampe.
»Ich bin nicht verheiratet«, stellte Max Paulsen klar. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich Bulle bin.«
»Sicher. Und nie Dienstschluss hast.« Sie lachte schrill auf und deckte ihre üppige Oberweite mit der Bettdecke zu. »Wer soll das denn glauben?«
Paulsen stöhnte genervt auf und zeigte auf die Waffe, die im Holster über der Lehne des Ankleidestuhls neben dem Bett hing. Er hatte keine Lust auf eine Grundsatzdiskussion und griff just in dem Augenblick zum Telefon, als es im Begriff war, über die Kante zu kippen. Geschickt fing er es auf und rettete das Gerät somit vor dem Sturz auf den Boden. »Was will die denn?«, fragte er stöhnend, nachdem er einen Blick auf das Display geworfen hatte. Auf Kristin Voss hatte er gar keine Lust. Sie war selbstbewusst und ziemlich fordernd im Alltag. Überhaupt hatte Paulsen ein Problem mit starken Frauen.
»Ha, also doch deine Alte«, riss Astrids Stimme ihn aus den Gedanken. Ablehnend verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Wusste ich es doch.«
»Einen Scheiß wusstest du.« Er nahm das Gespräch an. »Ich habe Dienstschluss.«
»Du hast Bereitschaft«, korrigierte Kristin Voss ihn unbeeindruckt. »Steht so im Dienstplan, Max.«
Paulsen schnaubte wütend. »Du hörst mir nicht zu«, behauptete er. »Ich bin nicht da.«
»Aber gleich kommst du.«
»Ich wäre fast gekommen.«
»Das will ich nicht wissen, Max. Verschon mich mit deinem Liebesleben. Es gab einen Mord, das Opfer kommt aus Sieverstedt bei Tarp.«
»Und jetzt?«
»Müssen wir zusehen, dass wir die Angehörigen finden und sie informieren.«
»Mitten in der Nacht?«
»Das Verbrechen schläft nie, und der Täter läuft noch frei herum.«
»Geil.« Er holte tief Luft. »Genau so habe ich mir dieses Wochenende vorgestellt.«
»Schick mir deinen Standort, dann hol ich dich ab.« Kristin nahm keine Rücksicht auf ihn.
Bevor Paulsen protestieren konnte, hatte sie die Verbindung schon unterbrochen. Ausgerechnet Kristin Voss, dachte er schnaufend, als er das Handy zurücklegte, um sich anzukleiden.
»Du musst weg.« Astrid betrachtete ihn mit einem wütenden Funkeln in den Augen. »Sie wartet auf dich.«
»Sie holt mich ab.« Paulsen seufzte und war in Gedanken schon bei dem bevorstehenden Einsatz. Dann griff er zu seinem Holster und betrachtete Astrid im diffusen Licht der kleinen Nachttischlampe mit einem schiefen Grinsen. »Ich bin halt der Superbulle, und ohne mich kommen die Kollegen nicht weit.«
*
Kristin war sich darüber im Klaren gewesen, dass sie bei Paulsen keine Begeisterung mit ihrem Anruf auslösen würde. Sie holte ihn in Mürwik ab. Obwohl er nicht darüber gesprochen hatte, was er mitten in der Nacht hier tat, konnte Kristin es sich denken.
Lieber wäre Kristin mit Lars gefahren, doch er wurde am Einsatzort im Moholz gebraucht. Da Paulsen Bereitschaft hatte, musste er ran. Er würde sie zur Meldeadresse von Jannick Molander begleiten. Mit etwas Glück lebte er nicht alleine und sie trafen auf seine Angehörigen, um sie zu den Lebensumständen des Opfers zu befragen.
Kristin hasste die unangenehme Aufgabe, Familienmitgliedern eine Todesbotschaft zu überbringen. Doch die Hoffnung auf Informationen zum Toten, die ihnen Hinweise auf den oder die Täter brachten, ließ keinen zeitlichen Aufschub zu. Langsam rollte der Dienstwagen durch die nächtlichen Straßen des Wohngebietes, in dem sie Paulsen abholen sollte. Dann stand sie vor einem achtstöckigen Hochhaus mit gelber Fassade und kaminroten Balkonen. Nachdem Kristin den Wagen am Straßenrand abgestellt hatte, stieg sie aus. Ein eisiger Wind fegte durch das Quartier. Hastig zog Kristin den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Ihr Blick glitt an der Fassade des Betonbunkers hinauf. In einer einzigen Wohnung brannte noch Licht. Kristin zählte die Fensterreihen und vermutete, dass Paulsen seine Nacht im siebten Stock verbracht hatte, als ihn ihr Anruf ereilt hatte. Als das Treppenhauslicht aufflammte, dauerte es nicht lange, bis Paulsen vor das Hochhaus trat. Missmutig schob er die Hände in die Jeanstaschen und stapfte breitbeinig wie ein Cowboy über den mit Betonplatten belegten Gehweg. »Das ist scheiße«, rief er schon von Weitem.
»Wem sagst du das?« Kristin zuckte die Schultern. Auf die Befindlichkeiten ihres Kollegen konnte sie keine Rücksicht nehmen. Am Wagen angekommen, blieb Paulsen stehen und sah sich um. Auf dem kleinen Balkon in der siebten Etage tat sich etwas. Eine Frau mit langen blonden Haaren lehnte sich über die Brüstung und sah herunter. Selbst aus dieser Entfernung konnte Kristin sehen, dass sie sehr aufgebracht war.
»Das ist deine Frau?«, brüllte sie in die Nacht. »Das ist sie doch, oder? Du hast mich angelogen!« Wütend griff sie zu einem Blumentopf, holte aus und warf ihn in hohem Bogen über die Brüstung in Paulsens Richtung.
Wild fluchend wich er aus. »Spinnst du?«, rief er nach oben.
»Du verlogenes Arschloch – das ist deine Alte!«
»Sie ist meine Kollegin«, erwiderte Paulsen sichtlich genervt.
»Ist klar – Wichser!« Die Frau zeigte ihm den Mittelfinger.
Erst als Kristin den Dienstausweis in die Höhe hielt, um zu rufen: »Das stimmt«, wandte sich die Frau wortlos um und verschwand in ihrer Wohnung. Das Knallen der Balkontür war das Letzte, was sie von ihr hörten.
»Weiber.« Paulsen seufzte entnervt.
»Können wir dann, Schatz?«, fragte Kristin mit einem süffisanten Grinsen. In den Nachbarwohnungen gingen bereits die ersten Lichter an. Kein Wunder, denn Paulsens temperamentvolle Freundin hatte die halbe Nachbarschaft aufgeweckt.
»Nichts wie weg hier«, zischte Paulsen und sprang auf den Beifahrersitz. »Und sag so was nie wieder – Schatz.«
»Eine bezaubernde Freundin hast du«, bemerkte Kristin grinsend, während sie in den Wagen stieg und den Motor startete.
Flensburg, 1:25 Uhr
»Soll ich besser fahren?« Paulsen hatte die muskulösen Arme demonstrativ vor der Brust verschränkt und betrachtete Kristin argwöhnisch von der Seite.
»Nein – warum?« Kristin starrte angestrengt in die Nacht und umklammerte das Lenkrad des Dienstwagens fester.
»Weil es dunkel ist und es regnet.«
»Geht’s noch?« Kopfschüttelnd steuerte Kristin den Wagen durch das nächtliche Flensburg. Die Straßen lagen verlassen vor ihnen, ein kalter Wind fegte über die Förde und zerrte an der Karosserie des Dienstwagens. Paulsen musste nicht wissen, dass sie tatsächlich nachts und bei Regen nicht gerne fuhr.
»Ich mein ja nur, weil ihr Frauen nicht gern bei schlechter Sicht fahrt und … du bist gesundheitlich angeschlagen und …«
»Vergiss es.«
»Gut.« Paulsen gab sich geschlagen. »Dann klär mich mal auf, was wir hier tun und warum ich die Nacht mit Astrid nicht …«
»Stopp! Ich will keine Details.« Kristin holte tief Luft und berichtete Paulsen, was geschehen war. Zu ihrer Verwunderung unterbrach er sie kein einziges Mal und stellte auch keine Fragen. Erst als sie ihre Ausführungen beendet hatte, räusperte er sich.
»Und dafür rufst du mich an?«, fragte er. »Können das nicht die Rendsburger machen? Ich musste deshalb extra …«
»Ich will gar nicht wissen, was du musstest«, unterbrach Kristin ihn.
»Weil du neidisch sein würdest«, behauptete er mit stolzgeschwellter Brust und einem breiten Grinsen auf den Lippen.
»Auf diese Furie?« Kristin lachte auf.
»Nein, auf meine Fähigkeiten.«
»Bestimmt nicht.«
Gekränkt starrte Paulsen aus dem Seitenfenster und betrachtete die nächtliche Landschaft, die an ihnen vorüberzufliegen schien. Das hügelige Land verschwand hinter einer Regenwand. Hektisch kämpften die Scheibenwischer gegen die Wassermassen an. Es war dunkel wie in einer riesigen Höhle, nur ab und zu drang das rhythmische, rote Blinken der Windkraftanlagen jenseits der Fahrbahn milchig durch den Schleier.
»So ein Schietwetter«, bemerkte Paulsen, der kurz seinen Gedanken hinterhergehangen hatte. Er richtete sich im Beifahrersitz auf und streckte sich.
Kristin dachte an Lars, der die Ermittlungen im Moholz leitete. Sie beneidete die Kollegen nicht, die bei diesem unwirtlichen Wetter auf der Landstraße arbeiten mussten, um möglichst alle Spuren zu sichern. Fröstelnd drehte sie die Temperatur höher. Zusätzlich schaltete Kristin die Sitzheizung ein. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Rücken aus.
»Bei mir nicht!«, rief Paulsen entsetzt und schaltete seine Seite ab. »Wusstest du nicht, dass dieser eingebaute Eierwärmer Männer unfruchtbar macht?«
»Vielleicht gar nicht mal so schlecht in deinem Fall«, grinste Kristin und fing sich dafür einen bösen Blick von Paulsen ein.
Das Navi verkündete kurze Zeit später die Ankunft am Ziel. Kristin drosselte das Tempo und blickte angestrengt hinaus in die Nacht. Glücklicherweise hatte der Regen etwas nachgelassen. Nur der Wind hatte sie bis ins Landesinnere begleitet. Der reetgedeckte Hof lag zwischen den Ortschaften Tarp und Sieverstedt an einer schmalen Landstraße, an die weitläufige Felder und kleinere Waldstücke heranreichten. Die Scheinwerfer des Dienstwagens erfassten ein großes Hauptgebäude mit weiß getünchter Backsteinfassade, das inmitten der dunklen Felder wie ein Relikt aus alten Zeiten erschien.
Kristin parkte den Wagen neben einem liebevoll angelegten, hüfthohen Friesenwall und stieg aus. Sie schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und blickte sich um. Paulsen folgte ihr mit in den Hosentaschen versenkten Händen. Er rümpfte die Nase. »Es stinkt nach Kuhmist.«
»Land eben.« Kristin zuckte die Schultern. Seite an Seite stapften sie auf das Hauptgebäude des Hofes zu. Stille umfing sie, nur das gleichmäßige Rauschen der nahe gelegenen Autobahn drang leise an ihre Ohren. Alle Zimmer des Gebäudes waren unbeleuchtet. Kein Wunder, um diese Zeit lagen die Menschen längst in ihren Betten. Ein weißes Schild neben der Haustür erregte ihre Aufmerksamkeit.
»Dr. med. Telse Molander, Praxis für Allgemeinmedizin«, stand darauf zu lesen, darunter waren, etwas kleiner, die Sprechzeiten aufgeführt.
»Hier wohnt eine Ärztin?«, wunderte sich Paulsen.
»Immerhin leben hier anscheinend Angehörige des Opfers.« Kristin zuckte die Schultern. »Schon mal ein gutes Zeichen für uns. Besser, als würde er alleine leben.«
»Mir egal«, erwiderte Paulsen gleichgültig. »Mögen die Spiele beginnen.« Er seufzte theatralisch. »Ich hasse meinen Job«, schob er hinterher, als er Kristins missbilligenden Blick sah.
»Ich rede«, bestimmte Kristin, die fürchtete, dass Paulsen nicht das nötige Einfühlungsvermögen mitbrachte, um den mutmaßlichen Angehörigen die Todesbotschaft von Jannick Molander zu überbringen. Wenn ihre Vermutung, dass es sich bei dem Hof um ein Mehrgenerationenhaus handelte, stimmte, bestand Hoffnung, an wichtige Informationen zu gelangen.
Paulsen legte den Daumen auf die Klingel, nachdem er sich auf dem kleinen Schild davon vergewissert hatte, dass sie richtig waren. »Molander«, kommentierte er, während drinnen ein dumpfer Gong ertönte. Kristin trat einen Schritt zurück, um an der Fassade aufzublicken. Es dauerte einen Moment, bis im oberen Stockwerk Licht aufflammte. Schritte näherten sich über eine Treppe nach unten.
Ein sichtlich verschlafener Mann um die 60 öffnete ihnen. Er trug einen altmodischen, karierten Schlafanzug. Sein Gesicht war von zahlreichen Furchen durchzogen, ein Bartschatten ließ sein Gesicht älter erscheinen, als er womöglich war. Hinter ihm stand eine verängstigt wirkende Frau, von der Kristin nicht viel sehen konnte. Der Mann starrte sie feindselig an. »Was soll das um diese Uhrzeit? Wir haben bereits geschlafen. Die Sprechzeit ist längst vorbei.«
»Moin«, erwiderte Kristin freundlich und entschuldigte sich für die nächtliche Störung. »Kripo Flensburg.« Sie hielt ihren Dienstausweis hoch und stellte sich und Paulsen vor. »Herr Molander?«, fragte sie.
»Ja. Laurenz Molander. Und meine Frau Telse.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. Kristin gewann den Eindruck, dass sich Molanders Frau hinter ihrem Mann zu verstecken schien. Ängstlich spähte sie um seine massige Erscheinung herum und betrachtete die Besucher mit einem bangen Blick.
»Polizei?«, fragte sie besorgt und warf ihrem Mann einen besorgten Blick zu. »Hast du was angestellt, als du vorhin unterwegs warst?«
»Spinnst du?« Laurenz Molander schüttelte den Kopf, dann wandte er sich an die Besucher. »Worum geht es?«, wollte er wissen.
»Es geht um Jannick Molander«, antwortete Paulsen, der keine Lust hatte, Zeuge eines handfesten Ehestreits zwischen den beiden zu werden.
»Ist was mit meinem Jungen?«, fragte Telse Molander die Besucher mit bangem Blick. Plötzlich lag eine unbeschreibliche Angst in ihren strahlend blauen Augen. Sie schob sich an ihrem Mann vorbei.
Kristin tauschte einen schnellen Blick mit Paulsen. Offensichtlich handelte es sich bei den beiden um die Eltern des Opfers aus Moholz.
Max Paulsen trat einen halben Schritt vor. »Wir sind ja nicht von den Zeugen Jehovas«, brummte er und deutete mit dem kantigen Kinn in die Diele. »Deshalb wäre es schön, wenn wir nicht an der Tür sprechen müssten.«
Kristin rollte innerlich mit den Augen, doch sie ersparte sich einen Kommentar und beschränkte sich darauf, ihren Kollegen mit einem mahnenden Blick zu bedenken. Sie spürte einen dicken Kloß in der Kehle, als sie an den Grund ihres nächtlichen Besuches dachte.
»Es ist vielleicht wirklich besser, wenn wir drinnen weiterreden«, schlug sie mit ernster Miene vor und hoffte, dass Paulsen schwieg. Jetzt galt es, professionell und einfühlsam zugleich zu agieren. Dafür war Paulsen der falsche Mann, deshalb beschloss sie, das Reden zu übernehmen, so, wie sie es besprochen hatten.
»Bitte kommen Sie herein«, antwortete Molander und gab widerwillig den Eingang frei. Seine Stimme klang etwas sanfter. Er nickte seiner Frau zu, fast so, als wolle er ihr signalisieren, dass alles in Ordnung war. Kristin betrachtete sie so unauffällig wie möglich. Die Frau war einen Kopf kleiner als ihr Mann. Ihre langen, schwarzen Haare waren zu einem lockeren Knoten gebunden und von silbrigen Strähnen durchzogen. Ihre Hand zitterte, als sie den Besuchern den Weg in die große Wohnküche wies. »Kommen Sie!«, sagte Telse Molander mit belegter Stimme. Anscheinend ahnte sie, was es zu bedeuten hatte, wenn nachts die Polizei vor der Tür stand. Ihr war anzusehen, dass sie Angst vor der Wahrheit hatte. Kristin ertappte sich bei der Frage, ob sie auch Angst vor ihrem Mann hatte. Ihr Verhalten ihm gegenüber erschien geradezu devot und passte nicht in Kristins Bild einer resoluten Ärztin.
»Sie sind Ärztin?«, fragte sie deshalb.
»Ja, die letzte Landärztin im Umkreis von einigen Kilometern«, nickte Telse Molander und gewann langsam an Selbstsicherheit zurück. »Eine aussterbende Spezies in Schleswig-Holstein sozusagen.« Ein schwaches Lächeln legte sich auf ihre Lippen. »Und wenn ich in den Ruhestand gehe, sind die Zukunft der Praxis und die Versorgung der Patienten in der Nähe mehr als ungewiss.«
Kristin nickte verstehend. Erst neulich hatte sie einen Bericht im »Schleswig-Holstein-Magazin« des NDR gesehen, der die sinkende Zahl an Landarztpraxen thematisiert hatte.
