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10x Herzklopfen. 10x Drama. 10x Liebe. Die Liebe hat viele Gesichter! In zehn Kurzgeschichten zeigen Forever-Autorinnen die Vielfalt des schönsten aller Gefühle. Dabei tauchen sie erneut in die Welten ihrer Romane ein und beweisen: Love wins. Always and Forever! Romantische, dramatische und emotionale Storys erzählt von: Juliette Bensch, Ally Crowe, Nadine Dela, Jennifer Edmond, Julica Fernholz, Nicole Klein, Vanessa Kolwitz, Murphy Malone, Katharina Olbert und Michelle C. Paige. Die Kurzgeschichten können unabhängig von den Romanen der Autorinnen gelesen werden.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2023
Forever yours
Jennifer Edmond ist geboren und aufgewachsen in Berlin, wo sie noch immer lebt und als Redakteurin arbeitet. Bis vor Kurzem wusste sie gar nicht, dass sie als Kind schon Fanfiction geschrieben hat - weil es dafür in den 90ern keinen Namen gab. Das Fiktive hat sie dann aber zwischenzeitlich für die Wissenschaft fallen gelassen und hauptsächlich geisteswissenschaftlich geschrieben und publiziert. Bis ein wildes Brainstorming mit einer Freundin mit den Worten endete: "Weißt du was? Das schreiben wir jetzt auf!"
Nicole Klein, 1985 in Stuttgart geboren, hat bereits in jungen Jahren ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckt. Sie studierte Medien- und Kommunikationswirtschaft und lebt ihre Kreativität seit vielen Jahren als Marketingmanagerin aus. Beruflich wie privat liebt sie es, ihre Ideen und Geschichten auf einem einfachen Blatt Papier zum Leben zu erwecken. Ihr Herz schlägt für Liebesgeschichten und Krimis, die bewegen und zum Nachdenken anregen. Die besten Ideen kommen ihr Zuhause auf dem heimischen Sofa in Stuttgart, bei einer guten Tasse Kaffee und mit ihrem schnurrenden Kater auf ihrem Schoß.
Vanessa Kolwitz wuchs in einer beschaulichen Kleinstadt im immer grauen Dithmarschen auf. Schon zu Grundschulzeiten schrieb sie lieber Aufsätze als Diktate und dachte sich gemeinsam mit Freunden Geschichten aus, um diese entweder zu verfilmen oder ein Hörspiel davon aufzunehmen. Wenn sie in ihrer Freizeit nicht gerade in eigene Geschichten vertieft ist oder ihre Nase in ein Buch steckt, redet sie auf YouTube und Instagram über ihre Leidenschaft zu Büchern, Musicals und anderen Dingen oder suchtet zum x-ten Mal Criminal Minds durch.
Katharina Olbert lebt in einer Kleinstadt in der Mecklenburgischen Seenplatte und liebt Tee, Schokolade und Spaziergänge mit ihrer Border-Collie-Hündin. Geschichten hatte die Autorin schon immer im Kopf, aber erst 2016 fing sie an, diese auch aufs Papier zu bringen. Seit dem ist das Schreiben für sie eine nicht mehr wegzudenkende Leidenschaft geworden. Ihr Herz schlägt vor allem für Romane, bei denen die Liebe im Mittelpunkt steht, genau wie in ihren Geschichten.
Nadine Dela, 1984 geboren und aufgewachsen in Bad Kreuznach, lebt gemeinsam mit ihrem Mann in einem Tinyhaus in Polen. Jahrelang verschlang sie Liebesromane. Seit Juni 2016 schreibt sie eigene Geschichten. Ihr Herz brennt für Liebesgeschichten mit Botschaften, die bewegen, zu Tränen rührer und zum Nachdenken anregen. Mit einem aufgeräumten Arbeitsplatz, der richtigen Musik auf den Ohren und reichlich Kaffee kommt sie immer ein Kapitel weiter.
Ally Crowe wurde 1993 in Hessen geboren und ist für ihr Wirtschaftsinformatikstudium nach Leipzig gezogen. Ihre Inspiration zieht sie aus allem, was sie in ihrem Alltag umgibt, weswegen sie nie ohne Notizbuch das Haus verlässt. Sie liest sich quer durch alle Genres, schreibt jedoch am liebsten New Adult und Fantasy. Während sie Welten kreiert und Figuren erschafft, sind Musik und Kaffee ihre treusten Begleiter. Außerdem hat sie ein Faible für Videospiele, Dreiecke und spricht Sarkasmus fließend.
Julica Fernholz ist das Pseudonym zweier deutscher Autorinnen. Das Paar lebt und arbeitet in Niedersachsen und schreibt als Ausgleich zum turbulenten Arbeitsalltag gemeinsam Romane unterschiedlicher Genres. Neben dem Schreiben und der Liebe zur Natur teilen die beiden die Leidenschaft zum Kochen und Backen. Genau wie Tonkabohne ihrem Cheesecake das gewisse Etwas gibt, so runden die Autorinnen ihre Geschichten mit Humor, Gefühl und Tiefgang ab.
Murphy Malone (26) lebt dafür, die Welt zu erkunden und ihre Lebenserfahrungen in Geschichten festzuhalten. Ihr Debüt »You make me fly« basiert auf ihren Erlebnissen in Glasgow, wo sie vier Jahre an der Glasgow University Psychologie studiert hat und selbst Mitglied von zoologischen Forschungsexpeditionen nach Trinidad und Island war. Nun macht sie ihren PhD am King’s College London, wo sie Intergruppenkonflikte mit Hilfe von Virtual Reality erforscht. Außerdem ist Murphy als Sensitvity Readerin tätig. In ihrer Freizeit macht sie Fotos und ist als Aktivistin laut. Dabei setzt sie sich vor allem für Mental Health Themen und queere Repräsentation ein.
Michelle C. Paige, geboren 1990, lebt aktuell mit ihrem Mann im Rhein-Main-Gebiet und arbeitet als Projektmanagerin in einer Digitalagentur. "Schriftstellerin" hat sie als Kind in jedes Freundebuch als Traumberuf geschrieben, denn ihre Leidenschaft ist und war schon immer nur eins: Geschichten schreiben. Ihre ersten Erfolge als Autorin hat sie seit 2017 mit drei in Anthologien erschienen Kurzgeschichten erlangt und tüftelt zu jeder Zeit an unzähligen frischen Romanideen. Wenn man sie nicht in einem ihrer vielen Tagträume findet, dann vermutlich auf Island, wo sie seit 2016 jedes Jahr hinreist, ihr Herz verloren hat und zukünftig leben möchte.
Juliette Bensch ist eine deutsche Autorin (*1986). Sie schwärmt für Hundewelpen, Eis und herzerwärmende Liebesgeschichten. Wenn sie die nicht gerade liest, tüftelt sie selbst an neuen Romanideen. Mit ihrer Partnerin und einem Garten voller Blumen wohnt sie am Waldrand in einer Stadt in Niedersachsen.
Michelle C. Paige, Murphy Malone, Julica Fernholz, Ally Crowe, Nadine Dela, Katharina Olbert, Vanessa Kolwitz, Nicole Klein, Jennifer Edmond und Juliette Bensch
10 Geschichten über die Liebe
Forever by Ullsteinforever.ullstein.de
Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Januar 2023 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2022Umschlaggestaltung: Emily Bähr, www.emilybaehr.deTitelabbildung: © Bokeh Blur Background, pics five, Kateryna Mostova via ShutterstockE-Book powered by pepyrusISBN 978-3-95818-728-3
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Die Autoren / Das Buch
Titelseite
Impressum
Juliette Bensch:Cherry Cream Kisses
Ally Crowe: Heads or Tails
Nadine Dela:The Words Between Us
Jennifer Edmond:Something Just Like This
Julica Fernholz:Love at Midnight
Nicole Klein:Love Between Lines
Vanessa Kolwitz:Pushing Back Doubt
Murphy Malone: You Make Me Whole
Katharina Olbert: Und vor uns ein ganzes Leben
Michelle C. Paige: A Little Bit Forever
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Juliette Bensch: Cherry Cream Kisses
»Wir freuen uns sehr, dass ihr alle gekommen seid«, verkündete Rosi voller Stolz. Sie sah in die Runde. Ihre Freunde saßen um den großen improvisierten Esszimmertisch. Ein Bettlaken diente als Tischdecke. Sogar ein paar Narzissen hatte sie besorgt und in zwei schlanken Vasen auf die riesig wirkende Tischplatte gestellt. Rosi sah in die Gesichter der Menschen, die ihre Mitbewohnerin Yolanda und sie zu diesem ersten Versuch eingeladen hatten. An einem Gesicht blieb ihr Blick besonders lange hängen. Annika lächelte sie mit ihren geheimnisvollen blauen Augen an. Sofort überkam sie wieder das zarte Kribbeln im Bauch, das sie seit ihrer ersten Begegnung regelmäßig in Annikas Gegenwart spürte. Rosi konnte kaum glauben, dass diese tolle, kreative Frau ihre Freundin war. An den Klang des Wortes Freundin hatte sie sich noch nicht ganz gewöhnt.
»Und ihr seid sicher, dass es nichts zu feiern gibt?«, unterbrach Antje ihre Gedanken. »Ich wette, hier kommt gleich noch eine Offenbarung.«
Alle sahen erwartungsvoll zwischen Antje und Rosi hin und her.
Rosi räusperte sich und nahm den Faden ihrer Begrüßung wieder auf. »Die Torten werden eine Offenbarung sein, aber zu verkünden gibt es nichts.« Sie schmunzelte wegen der Ironie. Hinter ihr hing ein großes, buntes Tuch und verbarg durchaus eine Überraschung. Mit den Ecken hatten Yolanda und sie es in die Türen der Hängeschränke geklemmt. Die ganze Arbeitsfläche der Küchenzeile war dadurch verdeckt. »Aber wir begrüßen euch hiermit feierlich zum allerersten ›Yosis Kaffeeklatsch‘!« Wie vereinbart zogen Rosi und Yolanda bei diesen Worten gleichzeitig an dem Tuch und enthüllten sechs kleine Torten. Sie konnte nicht sagen, wer zuerst geklatscht hatte, aber nun erfüllte ein kleiner Applaus den Raum.
Rosi beobachtete, wie die Blicke der Gäste über die üppig dekorierten Minitorten glitten. »Double-Chocolate, Lemon Cheesecake, Blaubeere, Kirsch-Sahne, Haselnuss und Mohn«, zählte sie auf. »Da sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein.« Sie rückte eines der Schildchen zurecht, das vor einer der kleinen Torten stand. Dann drehte sie sich um und ging einen Schritt auf die Kaffeetafel zu. »In den Thermoskannen auf dem Tisch ist Kaffee und Schwarztee. Milch und Zucker findet ihr auch auf dem Tisch. Sagt mir einfach Bescheid, wenn ihr etwas anderes möchtet.« Sie fühlte sich in der Rolle der Gastgeberin richtig wohl, während Yolanda nicht die Frau großer Worte war. Rosi wollte jedoch, dass dieser Nachmittag für ihre Freunde das Erlebnis werden würde, das Yolanda und sie sich vorgestellt hatten. »Und jetzt kommt das Wichtigste. In der Mitte des Tisches findet ihr unsere Pay-what-you-want-Spendenkasse. Wenn euch diese zauberhaften Leckereien geschmeckt haben, freuen wir uns über eine milde Gabe für unsere WG-Kasse.« Seit Langem hing Yolanda ihr in den Ohren, dass sie nicht die perfekten Voraussetzungen hatte, um so zu backen, wie es ihr vorschwebte. Eine große Kühl-Gefrier-Kombination musste her. Und das war der erste Schritt.
»Das sieht ja hervorragend aus!«, lobte Lisa, Rosis und Yolandas gemeinsame Freundin.
»Danke schön!«, kam es von Yolanda.
»Aber wie ihr Yolanda kennt, sehen ihre Kunstwerke nicht nur gut aus, sondern sie schmecken auch teuflisch gut.« Rosi kam sich ein bisschen wie ein Marktschreier vor, aber nichts von dem, was sie sagte, fühlte sich falsch oder übertrieben an. Ihre Freunde zu unterhalten – genau das war ihr Plan für heute Nachmittag.
»Alle Torten sind in möglichst kleine Stücke geschnitten, damit jeder von euch überall kosten kann. Im Anschluss möchte ich euch bitten, diesen Fragebogen auszufüllen«, erklärte Rosi weiter und hielt eine der Kopien hoch, die ebenfalls auf der Arbeitsfläche bereitlagen. Wennschon, dennschon, hatte sie zu Yolanda gesagt, als sie den Nachmittag vorbereitet hatten. Sie machten sich nichts vor. Unzählige dieser Nachmittage waren nötig, bis sie sich ein technisches Gerät in ihrer gewünschten Größenordnung leisten konnten. Aber wenn sie schon diesen Aufwand betrieben, sollten wenigstens ein paar Informationen dabei herausspringen, mit denen man den nächsten Nachmittag schneller und leichter planen konnte.
»Ihr ermittelt hier und heute also Yolandas besten Kuchen!«, posaunte sie. »Und nun lasst es euch schmecken.« Daraufhin griff sie zum Tortenheber und bot sich an, ihren Gästen Tortenstücke auf die Teller zu geben.
»Kaffeeklatsch«, bemerkte Brutus anerkennend, »das passt ja echt toll. Traditionelles ist ja wieder im Trend.«
»Ja, das ist ganz witzig, aber Yosis Kaffeeklatsch?«, hakte Antje nach. »Yosi als Mischung zwischen Yolanda und Rosi? Ich weiß nicht.« Antje wiegte kritisch ihren Kopf hin und her.
Rosi merkte, wie ihre innere Anspannung anstieg. »Spricht etwas dagegen?«, hakte sie nach und war überzeugt, dass ihre Stimmlage völlig neutral klang.
Antje fuchtelte mit ihrem Kuchenteller in der Luft herum und wies auf Annika. »Was soll denn deine Freundin davon halten? Da wird sie doch eifersüchtig, wenn Yolanda und du sogar im Namen miteinander verschmelzen.«
Rosi sah zu Annika. Die wunderschönen kirschroten Lippen ihrer Freundin öffneten sich einen kleinen Spaltbreit, als sie Luft holte, aber sie sagte letztlich nichts.
»Ich glaube nicht, dass Annika ernsthaft Grund zur Eifersucht haben muss«, warf Brutus trocken ein und setzte sich mit seinem gefüllten Teller zurück an den Tisch.
Antje lachte herzlich. »Ich glaube, bei Rosi kann man nie sicher sein.«
»So ein Quatsch!«, hielt Yolanda dagegen.
Rosis Blick jagte von einem zum anderen. Alle schienen abzuwarten, weil sich keiner in diese Auseinandersetzung einmischen wollte. Rosi schaute zu Annika, aber der Ausdruck ihrer Augen war unergründlich.
»Wurdest du nicht letztens erst auf einem deiner Dildoabende angemacht?« Rosi war sich sicher, einen süffisanten Unterton in Antjes Stimme vernommen zu haben.
»Wie bitte?« Rosis Atem setzte für einen Moment aus. Woher wusste Antje davon? Sie machte zwar kein Geheimnis aus ihrem Nebenberuf, bei dem sie von wildfremden Leuten zur Präsentation von Sextoys gebucht werden konnte. Die meisten dieser Veranstaltungen waren harmlose Abende mit schüchternem Gekicher. Aber dass erst letzte Woche tatsächlich eine Kundin mit ihr geflirtet hatte, hatte sie eigentlich nur Yolanda erzählt. Rosi sah zu ihrer Mitbewohnerin, die schuldbewusst dreinschaute.
»So what?«, antwortete Rosi selbstsicher. »Die ganze Welt ist eine Flirtarena.« Sie ging beiläufig zum Esstisch und ergriff die Thermoskanne mit dem Kaffee und schwenkte sie leicht, um zu überprüfen, ob sie noch ausreichend gefüllt war. Nachdem Rosi sie wieder zurückgestellt hatte, ließ sie ihre Hand auf Annikas Schulter gleiten. Sie beugte sich zu ihr herunter und küsste sie auf die Wange. Annika lehnte sich jedoch nicht wie sonst ihrer Berührung entgegen. Sie fühlte sich stocksteif in ihrem Arm an. »Hey, du bist doch nicht wirklich eifersüchtig, oder?«, flüsterte Rosi ihr ins Ohr.
Annika zuckte mit den Achseln. Sie machte sich auch keine Mühe, Blickkontakt mit Rosi aufzunehmen. Rosi hatte das Gefühl, sie würde ihr wortwörtlich die kalte Schulter zeigen. Sofort zog sie ihre Hände weg. Es war enttäuschend, dass ihre Freundin ihr anscheinend nicht vertraute. Augenblicklich wandte Rosi sich ab und sah nach den Torten auf der Arbeitsplatte. Vielleicht konnte sie irgendwo jemandem noch ein Stück servieren. Mittlerweile waren aber alle Gäste versorgt und jeder saß wieder an seinem Platz.
»Ein Gedicht«, verkündete Erwin, die Kuchengabel zog Kreise durch die Luft. Rosi spürte, dass diese Reaktion gar nicht richtig bei ihr ankam. Sie sollte sich freuen. Sie sollte nachfragen, welcher Kuchen so gelobt wurde. Stattdessen hatte sie nur Antennen für ihre innere Anspannung. Anspannung, die von Angst herrührte. Angst um Annikas Gefühle.
»Trouble in Paradise?«, hakte Antje mit Unschuldsmine nach und sah von Rosi zu Annika und wieder zurück, als erwartete sie einen Schlagabtausch.
Da stellte Rosi ein für alle Mal fest, dass man mit einer Ex-Freundin einfach nicht befreundet bleiben konnte. Eine von beiden würde immer die von Eifersucht zerfressene, abgewiesene Ex bleiben und der anderen das Leben schwer machen.
»Nein, alles in Ordnung«, murmelte Annika, aber Rosi vernahm die leisen Zwischentöne ihrer Stimmlage ganz genau. Rein gar nichts war in Ordnung. Annika war nur zu höflich, etwas zu sagen.
»Weißt du was?«, platzte es plötzlich aus Rosi heraus. »Es ist doch total egal, wer mit mir flirtet. Das ist jedenfalls kein Grund, hier so zu schmollen. Du solltest lieber diese köstlichen Torten probieren.« Sie knallte einen kleinen Teller mit einem Stück der Mohntorte vor Annika auf den Tisch. Rosi hatte das Stück eigentlich selbst essen wollen, aber ihr war die Lust vergangen.
Eine Kuchengabel klirrte irgendwo. Brutus hustete trocken, als hätte er sich an einem Krümel verschluckt.
»Findest du es etwa in Ordnung, wenn sich andere Frauen an dich ranmachen?«, keifte Annika plötzlich. So hatte Rosi sie noch nie erlebt. Annika schaffte es immer, vor anderen die Contenance zu wahren, egal wie heikel die Gesprächsthemen waren. »Geht es vielleicht in deinen Kopf rein, dass ich es nicht toll finde, wenn du ständig angegraben wirst?«
»Das lässt sich doch gar nicht verhindern«, hielt Rosi dagegen. Wo fing Flirten überhaupt an, wo hörte es auf? »Und ich bin auch ganz froh, dass das nicht möglich ist, denn ich finde es toll, dass wir in einem freien Land leben und jeder signalisieren kann, wenn er oder sie jemanden interessant findet. Flirts sind doch nichts anderes als freundliche Komplimente. Warum sollte man auf die verzichten?«
»Leute, jetzt hört schon auf zu streiten. Das ist es doch nicht wert«, versuchte Yolanda zu schlichten.
»Dem kann ich mich nur anschließen«, sagte Brutus und stand auf. Er drängte sich dicht neben Rosi an die Arbeitsplatte, um sich ein weiteres Stück Torte zu nehmen. »Make cake, not war!«, sagte er und tätschelte Rosi an der Schulter.
»So, du kannst also nicht ohne Komplimente von fremden Leuten leben?«, fauchte Annika. Brutus’ gut gemeinte Worte hatten offenbar rein gar keine Wirkung auf ihre Stimmung. Ganz im Gegenteil. Es schien, als ob die Versuche, die beiden zu beschwichtigen, Annika nur noch mehr auf die Palme brachten. »Das bedeutet dann wohl, dass dir die Komplimente von mir nicht sonderlich viel bedeuten.« Sie schmiss die Kuchengabel neben ihren Teller auf den Tisch. Annika machte dicht und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Du hast überhaupt nicht das Recht, jetzt so ein Theater zu machen!« Rosi schrie fast. »Jeden Freitag flirten deine Leserinnen bei deinen Videochats mit dir. Und? Hat mir das je etwas ausgemacht?« Rosi funkelte Annika provokativ an.
»Leserinnen?«, fragte Antje nur.
Yolanda kicherte vor Verlegenheit. »Ehrlich. Klärt das doch später. Wir wollen doch jetzt einfach in Ruhe Kaffee trinken.« Sie klang, als wäre das alles ein lächerlicher kleiner Konflikt.
»Was bildest du dir eigentlich ein?«, schrie Annika. Sie ignorierte Yolanda. Ihre Augen blitzten Rosi herausfordernd an. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, griff sie ihren Teller und warf ihn mitsamt dem Tortenstück voran in Rosis Richtung.
Rosi duckte sich rechtzeitig neben Brutus weg. Die fliegende Untertasse raste auf sie zu, verfehlte aber ihr eigentliches Ziel. Es klirrte dennoch kurz darauf. Der Keramikteller schlug in ihrer unmittelbaren Nähe auf dem Fußboden auf. Rosi kam langsam aus der Hocke wieder hoch. Sie hatte eine schreckliche Ahnung. Der arme Brutus stand neben ihr und sah verdattert in die Kaffeegesellschaft. Flöckchen des Lemon Cheesecake bedeckten seinen Vollbart. Ein Klecks fiel von seiner Nasenspitze herunter und klatschte auf den Fußboden.
Rosi hörte, wie Annika auf der anderen Seite des Tisches scharf die Luft einsog. »Das wollte ich n-«, setzte sie an, kam aber nicht dazu, ihren Satz zu beenden. Brutus war auf sie zugestürmt. Schneller als Annika Kirsch-Sahne-Torte hätte sagen können, hatte sie ein Stück davon im Gesicht kleben.
»Wir sind quitt«, sagte Brutus trocken und stellte die Untertasse auf dem Tisch ab.
Annika wischte sich einmal quer durchs Gesicht. Rosi konnte hören, wie sie nach Luft schnappte, nachdem sie ihre Nasenlöcher von der Sahnecreme befreit hatte. Für einen Moment tat sie Rosi leid. Annika war immer zurückhaltend, und nun fuhr sie ein einziges Mal aus der Haut und bekam gleich die Quittung.
Erschrocken sah Annika in die Runde. Ein schockiertes Schweigen schien die Oberhand zu gewinnen. Niemand wagte es, seinem Schmunzeln freien Lauf zu lassen.
Ohne ein Wort stand Annika ruckartig auf, sodass die Stuhlbeine knarzend über den Boden schleiften. Sie flüchtete aus dem Wohnbereich.
Rosi hatte sofort das dringende Bedürfnis, ihr hinterherzurennen. Aber sie hatten sich gerade erst gestritten – vor ihrem versammelten Freundeskreis.
»Habt ihr vielleicht mal ein Handtuch für mich«, kam es von Brutus, der sich über die Spüle gebeugt hatte, und die Tortencreme aus seinem Bart wusch.
»Wow«, sagte Antje, während sie ausatmete. »Was war das denn?«
Yolanda reichte Brutus währenddessen ein Handtuch.
»Rosi, was meintest du damit, dass ihre Leserinnen mit ihr flirten?«, hakte Antje nach, als niemand etwas sagte.
Rosi war in Schockstarre verfallen. Sie konnte kaum klar denken. Was war da eben passiert?
Yolanda drehte sich zu Antje um und erklärte: »Annika ist Romanautorin.«
»Ach, ist sie bekannt?«, erkundigte sich Lisa.
»Sie ist Maxima Arnold«, erklärte Yolanda.
Da kribbelte ein eiskaltes Gefühl der Erkenntnis in Rosis Nacken. Entschlossen drehte sie sich um und eilte in den Flur. Hinter sich hörte sie noch, wie Antje und Lisa sich darüber austauschten, dass sie Maxima Arnold tatsächlich kannten. Rosi machte vor der Badezimmertür halt und hörte das Rauschen des Wasserhahns dahinter. Sie klopfte ungeduldig mit der flachen Hand gegen die Tür. »Kann ich reinkommen?«
Als Rosi keine Antwort hörte, drückte sie die Klinke kurzerhand nach unten. Es war nicht abgeschlossen. Annika hatte gerade andere Prioritäten. Sie stand über das Waschbecken gebeugt und wischte sich die Sahnecreme aus dem Gesicht.
»Raus!«, blaffte sie jetzt, ohne den Kopf zu heben.
Statt ihrer Bitte Folge zu leisten, tat Rosi das genaue Gegenteil. Sie schloss die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel im Schloss um.
»Es tut mir leid«, sagte sie geradeheraus.
Annika reagierte nicht.
»Könntest du mich mal ansehen?«, verlangte Rosi ungehalten. Sie ging die zwei Schritte auf das Waschbecken zu und schaltete den laufenden Wasserhahn aus. »Bitte.«
Annika stützte sich mit beiden Händen auf dem Rand des Waschbeckens ab. Rosi konnte sehen, dass weißliche Creme an Annikas Fingern klebte. Als sie widerwillig ihren Oberkörper über dem Waschbecken aufrichtete, waren es zuerst ihre wütend funkelnden Augen, die Rosi auffielen. Erst danach bemerkte sie, dass ihr Gesicht noch immer mit Resten von Sahnecreme bedeckt war. Streifen auf ihren Wangen waren durch ihre Finger abgekratzt, aber etliche Bahnen waren noch übrig und bedeckten ihre helle Haut.
Rosi konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen. »Süß siehst du aus.«
Annika reagierte auf diesen Wortwitz nicht einmal mit einem kümmerlichen Zucken der Mundwinkel. Stattdessen schaltete sie den Wasserhahn wieder an und machte sich daran, weiter an ihrem Gesicht herumzurubbeln.
Rosis Hoffnung auf eine Versöhnung floss mit dem milchigen Wasser den Abfluss hinunter. Nein! Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass etwas zwischen Annika und ihr unausgesprochen blieb. In der Geschichte ihrer Beziehung hatte es schon genug unausgesprochene Geheimnisse gegeben. Sie hatten sich geschworen, dass damit ein für alle Mal Schluss war. Und nur weil es jetzt umgekehrt lief und Rosi an der Reihe war, aus sich herauszukommen, sollte das nicht heißen, dass sie mit diesem Drama wieder ganz von vorn anfangen würden.
Entschlossen schaltete Rosi den Wasserhahn aus. »Sieh mich an.« Sie fürchtete, dass es ihr etwas zu herrisch herausgerutscht war, und schob rasch ein »Bitte« hinterher.
Langsam, fast schon etwas widerwillig, hob Annika den Kopf.
Rosi führte ihre Hand zu Annikas Wange und legte sie zaghaft darauf. Wassertropfen perlten von Annikas Gesicht auf Rosis Hand. Rosi ließ ihren Daumen über die Wange gleiten, mitten über die schmierige Fläche. Dann führte sie den Daumen zu ihrem Mund und leckte die Sahnecreme bewusst langsam ab. »Du bist wirklich süß«, sagte sie und nahm wahr, dass Annika ihre Worte diesmal an sich heranließ.
»Das ist so peinlich!«, klagte sie.
Rosi lächelte und schüttelte den Kopf. »Sahnecreme im Gesicht ist nicht peinlich. Mein Verhalten vorhin war peinlich. Es tut mir leid.«
»Möchtest du wirklich, dass alle Welt mit dir flirtet?«, fragte Annika kleinlaut.
Rosi senkte den Kopf. Ihr Blick fiel auf Annikas Hände, die noch immer den Waschbeckenrand umfassten. »Na ja, so habe ich es bisher gehandhabt. Das war mein Leben.. Ich wollte mich nie eingrenzen lassen – von nichts und niemandem.« Dann hob Rosi den Kopf und sah in Annikas abwartende Augen. »Aber jetzt hat sich das vielleicht etwas geändert«, gab sie zu. »Du bist mir wichtig. Wichtiger als Flirts mit anderen Frauen.«
Annikas rechter Mundwinkel wanderte nach oben.
»Aber weißt du, ich war vorhin vielleicht etwas trotzig, weil du sofort so eifersüchtig gewirkt hast. Ich hasse Eifersucht! Und es ist so unnötig, weil es momentan nur dich in meinem Leben gibt. Und wenn du mir das nicht glaubst, habe ich einfach das Gefühl, dass du mir nicht vertraust.«
Sofort legten sich Annikas Hände auf Rosis. Sie waren glitschig und kalt vom Wasser. »Das weiß ich ja. Das hast du mir schon so oft gesagt.« Sie sah kurz zur Decke, als erhoffte sie sich dort die Lösung ihres Problems. »Aber ich kann eben manchmal nicht aus meiner Haut«, gestand sie dann. »Ich kann es oft einfach nicht glauben, dass so eine tolle Frau wie du etwas für mich übrighat.«
Rosi erwiderte den leichten Druck von Annikas Fingern mit ihren.
»Aber dass du vor allen meine Identität als Autorin preisgegeben hast, war richtig blöd«, beschwerte Annika sich jetzt.
Rosi seufzte. »Mensch, das weiß ich doch. Es tut mir leid! Auch das!«
Annika lächelte schief.
»Ich finde es halt bescheuert«, fügte Rosi kleinlaut hinzu. »Ich stehe einfach nicht dahinter, dass du auf Teufel komm raus geheim hältst, dass du Maxima Arnold bist. Du bist meine Freundin und eine erfolgreiche Autorin, verdammt noch mal!« Als sie das sagte, schlug sie sanft gegen den Waschbeckenrand. »Ich bin unglaublich stolz auf dich. Du hast dich in den letzten Monaten auch noch weiterentwickelt. Du schreibst nicht mehr den oberflächlichen Schnulzenkram, den du früher geschrieben hast.«
Annika räusperte sich. Ein Tropfen fiel von ihrem Kinn ins Waschbecken.
»Also, Schnulzenkram … damit meine ich, dass ich deine Texte früher für so was gehalten habe«, schob Rosi schnell hinterher. »Aber sie sind so viel mehr als das.« Ihre Stimme wurde immer leiser und eindringlicher. »Ich sehe, wie vielen Menschen deine Texte etwas bedeuten, weil sie sich darin wiederfinden.« Sie dachte an die vielen Freitagabende, an denen sie miterleben durfte, wie Maximas Fans während der sogenannten Fan-Freitage davon schwärmten, wie sie in ihren Romanen versinken konnten und wie viel mehr die queeren Liebesgeschichten sie berührten, als Heteroromanzen es taten. »Wenn wir mal ehrlich sind, wissen ja fast alle schon Bescheid. Brutus, Erwin, Yolanda. Es war doch nur für Antje und Lisa eine Neuigkeit. Aber ich denke sowieso, du solltest in die Welt hinausschreien, dass du Maxima Arnold bist!«
Ein verschmitztes Grinsen legte sich auf Annikas Lippen. »Du würdest ganz schön doof aus der Wäsche gucken, wenn mir plötzlich die Frauen hinterherlaufen. Schauen wir mal, ob du dann immer noch sagst, dass du selbst gar nicht eifersüchtig bist.«
Rosi musste grinsen. Solche Ansagen kannte sie von ihrer Liebsten nicht. Wurde diese schüchterne, zurückhaltende Frau, die ihr da gegenüberstand, langsam selbstbewusst? »Ich erkenne dich kaum wieder.« War das ihr Verdienst? Der Gedanke daran machte ihr fast ein bisschen Angst.
»Sahnecreme – das neue Beauty-Geheimnis«, sagte Annika mit ihrer Social-Media-Stimme, »nach der ersten Anwendung werden Sie Ihre Freundin nicht wiedererkennen!« Ein schelmisches Lachen erklang aus Annikas wunderschönem Mund.
Rosis Blick blieb an Annikas Lippen haften. »Wow«, hauchte sie.
Annika legte ihren Kopf leicht schräg, als sie Rosi ansah. Sie schien eindeutig auf eine Erklärung für das Wow zu warten.
»Dein Lippenstift«, säuselte Rosi, während sie ihr Gesicht Annikas annäherte, »passt ganz hervorragend zu Kirsch-Sahne-Torte.« Als sie daraufhin ihre Lippen auf Annikas legen wollte, zog sich Annika ein wenig zurück.
»Mein Gesicht klebt doch überall«, sagte sie beschämt.
Rosi grinste. Dann ließ sie ihre Lippen ruckzuck über Annikas verschmierte Wange gleiten. »Halb so wild«, sagte sie und legte ihre nun mit Sahne beschmierten Lippen auf Annikas. Diesmal wich ihre Freundin nicht zurück. Stattdessen sog sie hörbar die Luft ein. Rosi kannte dieses Geräusch mittlerweile. Und jedes Mal aufs Neue reagierte sie darauf mit dem prickelnden Gefühl der Erregung in ihrem Bauch, mit dem Kribbeln, das sich wellenartig auszubreiten schien. Sie umklammerte Annikas Taille und genoss den Körperkontakt ihrer beiden Oberkörper. Es machte ihr nichts aus, dass Annika sie nicht berührte. Sie merkte, dass sie ihre Hände in die Luft hielt, vermutlich um Rosi nicht mit klebrigen Tortenresten vollzuschmieren.
Rosi öffnete leicht ihre Lippen und Annika reagierte sofort, indem sie Rosis Zunge Einlass in ihren Mund gewährte. Ihre Küsse schmeckten verdammt gut, und es lag sicher nicht nur an der Kirsch-Sahne-Creme.
»Wir sollten aufhören«, sagte Annika leicht atemlos zwischen den Küssen. Sie klang ganz und gar nicht danach, als würde sie ihren eigenen Vorschlag wirklich gut finden.
In dem Moment hörten sie ein Klopfen an der Badezimmertür. »Ist hier noch jemand drin?«, fragte eine gedämpfte Stimme. »Alles okay bei euch?«
Yolanda.
»Ja, wir sind gleich wieder da«, rief Rosi gegen die geschlossene Tür.
Schweren Herzens nahmen sie voneinander Abstand und wuschen sich die Tortenreste aus den Gesichtern. Als beide wieder vorzeigbar waren, öffneten sie die Tür und gingen Hand in Hand in den Flur der WG.
Yolanda stand nicht mehr vor der Tür, registrierte Rosi sofort. Schnurstracks wich sie vom eigentlichen Plan ab und zog Annika in ihr eigenes Zimmer anstatt zurück in den Wohn- und Essbereich, wo sie gedämpfte Gespräche ihrer Gäste hörte.
Sobald sie die Türschwelle zu ihrem Zimmer übertreten hatten, fielen sie wortlos übereinander her und küssten sich, als hätten sie sich tagelang nicht gesehen. Rosi spürte eine Bewegung, die von Annikas Oberkörper ausging. Sie öffnete die Augen und in dem Moment hörte sie ein irritiertes »Hm« von Annika. Mit ihrem Arm hatte sie wohl nach der Tür greifen und sie schließen wollen. Sie riss erschrocken die Augen auf. »Wo ist deine Tür?«
Rosi sah in die Richtung, in der die nackten Türangeln im Rahmen hingen. Sie hatte selbst kurz vergessen, dass sie die Zimmertür ausgehängt hatten. Jetzt bedauerte sie es umso mehr.
»Na ja«, erklärte sie, »unser Esszimmertisch ist doch viel zu klein für alle Gäste.«
»Wir haben an einer Tür als Tischplatte gesessen?«
Rosi zuckte mit den Achseln. »Jap!«
»Ihr lasst euch auch echt immer etwas Neues einfallen.« Sie drückte Rosi einen Kuss auf die Wange. »Dann ist das wohl ein Zeichen. Lass uns zurück zu den anderen gehen. Die warten bestimmt schon auf dich. Ihr müsst doch noch den besten Kuchen küren, oder?«
»Nein, das ist schließlich kein Wettbewerb. Es war nur eine Umfrage.«
»Aber vielleicht interessieren sich die anderen trotzdem dafür, was am besten ankommt.«
»Die Kirsch-Sahne-Torte konnte ja am Ende nicht mehr verkostet werden«, neckte sie Rosi.
Annika stupste sie für diesen Kommentar in die Seite. Es gab Dinge, an die sie nicht gern erinnert wurde.
Sie gingen zurück in den Wohn- und Essraum. Rosi hatte sofort das Gefühl, dass die Stimmung etwas betreten war. Yolanda wischte an der Arbeitsplatte hin und her, Lisa stocherte mit der Kuchengabel in dem kleinen Kuchenrest auf ihrem Teller herum. Antje hüstelte trocken. Falls es kurz davor ein Gespräch gegeben hatte, war es verstummt, als sie eingetreten waren.
Rosi bemerkte Annikas Blick in ihre Richtung. Dann räusperte sie sich. »Hört mal«, sagte Annika, »entschuldigt, dass wir uns gestritten haben. Wir wollten euch nicht den Nachmittag vermiesen. Es ist alles wieder gut.«
Erwin rührte mit seinem Teelöffel in der Kaffeetasse herum.
»Brutus, ist bei dir auch wieder alles okay?«
»Sicher«, sagte er, und Rosi konnte nicht einordnen, ob er wirklich so unbekümmert war, wie er klang. »Wenn du mir zu verstehen geben wolltest, dass ich meinen Bart mal wieder gründlich reinigen sollte, hättest du das aber auch einfach sagen können.«
»Sorry.« Annika ging zu ihm und umarmte ihn.
Antje hustete erneut, diesmal etwas lauter. Sie hörte gar nicht mehr auf. »Habt ihr mal ein Glas Wasser?«, krächzte sie.
Yolanda sprang auf und holte ein Glas aus dem Küchenschrank und füllte es mit Leitungswasser. Antje setzte es an die Lippen und trank behutsam. Als sie fertig war, schob sie demonstrativ ihren Kuchenteller von sich weg. Rosi sah auf das kleine Stück Blaubeerkuchen. Antje hatte nur die Spitze probiert. Und nun wies sie ihn entschieden von sich? Was sollte das? Der war köstlich! Warum machte Antje jetzt so eine Show?
»Besser?«, fragte Yolanda.
Antje nickte, während sie hörbar ausatmete. »Ich darf nur nicht weiteressen. Da ist Haselnuss drin, oder?«
Yolanda erblasste. »Ja. Ein bisschen gemahlene Nüsse im Boden.«
»Ich hab im Blaubeerkuchen nicht damit gerechnet, weil ihr ja auch extra einen Haselnusskuchen habt. Ich bin leicht allergisch auf Haselnüsse.«
»Oh«, sagte Yolanda. Auch Rosi erschrak. An das Ausweisen der Allergene hatten sie beide nicht gedacht. Sie hatten offenbar Glück, dass Antjes Allergie nicht noch schlimmer war und sie jetzt den Notarzt rufen mussten. Langsam wirkte es auf sie, als würde alles schieflaufen. Wenn das so weiterging, würden ihre Freunde bestimmt kein zweites Mal kommen.
»Und du bist also Maxima Arnold?«, fragte Lisa mit einem Lächeln an Annika gewandt.
»Ja«, gab sie sofort zu. »Ja, die bin ich.« Sie schob sich eine braune Haarsträhne hinter das Ohr. »Ich bin noch nicht daran gewöhnt, dass so viele Leute um mich herum das wissen.«
»Signierst du mir eines deiner Bücher, wenn wir uns das nächste Mal sehen?« Lisa legte den Kopf etwas schräg bei der Frage. »Ich habe schon einige von dir im Regal stehen.«
Rosi erkannte das leichte Erröten auf Annikas Wangen. So zart, dass es vermutlich allen anderen entging. »Ja, natürlich kann ich das machen.«
»Also, ich muss jetzt endlich mal loswerden, wie toll ich eure Sammeltassen finde«, warf Erwin zusammenhanglos ein. Er hielt seine Tasse mit goldenen und türkisfarbenen Ornamenten bewundernd an zwei Fingern vor sich in die Luft. »Dass so etwas Klassischem überhaupt noch Wertschätzung entgegengebracht wird!«
