François Mitterrand - Adolf Kimmel - E-Book

François Mitterrand E-Book

Adolf Kimmel

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Beschreibung

After Charles de Gaulle, François Mitterrand is regarded as the most important French politician since the end of World War II. His election as President of the Republic in 1981 brought about the first transfer of power after 23 years in the Fifth Republic, to the left-wing Socialist&Communist alliance. During his 14-year presidency, important reforms were passed, some of which are still in place today & including the abolition of the death penalty, decentralization, and retirement at age 60. Adolf Kimmel presents, on the one hand, Mitterrand=s efforts to ensure national independence and achieve close Franco-German cooperation, and on the other his adherence to the principles of Gaullist foreign policy. In clear contours, he portrays a politician who was as inscrutable and changeable as he was controversial as a personality & the reason he has also been called the ?Sphinx=.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der Autor

Adolf Kimmel war Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten Würzburg und Trier. Schwerpunkte seiner Publikationen sind das französische politische System und die deutsch-französischen Beziehungen.

Adolf Kimmel

François Mitterrand

Verlag W. Kohlhammer

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Umschlagabbildung: Mitterrand à Toulouse (1974), André Cros (CC SA 4.0)

 

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040094-8

E-Book-Formate:

pdf:      ISBN 978-3-17-040095-5

epub:   ISBN 978-3-17-040096-2

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Vorwort

Die Jahre vor der Politik: 1916–1946

Kindheit und Jugend

Studium in Paris

Krieg und Gefangenschaft

Vichy und Résistance

Parlamentarier und Minister in der IV. Republik 1946–1958

Der Eintritt in die Politik

Der ›ewige Minister‹

Mitterrand und das französische Kolonialreich

Die Oppositionsjahre in der V. Republik 1958–1981

Schwierige Anfänge und unerwarteter Wiederaufstieg 1958–1965

Auf dem Weg zum Sozialismus

Die Präsidentenwahlen 1974 und 1981

Die erste Präsidentschaft 1981–1988

Amtsantritt, Regierungsbildung und Verfassungspraxis

Innenpolitik

Wirtschafts- und Sozialpolitik

Außenpolitik

Die erste Kohabitation

Präsidentschaftswahl 1988

Die zweite Präsidentschaft 1988–1995

Wiederwahl und Regierungsbildung

Mitterrand und seine Premierminister

Außenpolitik in einem weltpolitischen Umbruch

Zweite Kohabitation

Kontroversen um Mitterrand

Nach dem Amt

Was bleibt?

Abkürzungsverzeichnis

Anmerkungen

Bibliographie

Quellen

Literatur

Personenregister

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

 

 

 

François Mitterrand gilt, nach Charles de Gaulle, als der bedeutendste französische Politiker seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er hat mit seiner Wahl zum Staatspräsidenten 1981 den ersten Machtwechsel in der V. Republik herbeigeführt und war mit 14 Jahren der am längsten amtierende Staatschef und der erste Sozialist in diesem Amt – ihm folgte 2012 bis 2017 nur François Hollande als sozialistischer Präsident nach.

Nicht nur aufgrund seiner politischen Rolle, sondern besonders wegen seiner faszinierenden, nur schwer durchschaubaren, umstrittenen Persönlichkeit ist bereits eine Vielzahl an Büchern über ihn erschienen. In deutscher Sprache gibt es zwar mehrere Werke über einzelne Bereiche seiner Politik, besonders über die Zeit der Wiedervereinigung, die Auswahl an Biographien in deutscher Sprache ist allerdings sehr begrenzt: die Biographie von Heiko Engelkes, die schon vor der Wahl Mitterrands zum Präsidenten 1981 endet; die Übersetzungen des Buches von Catherine Nay, das nur bis 1984 reicht, und des Buches von Franz-Olivier Giesbert, welches sich zwar auf die gesamte Lebenszeit Mitterrands erstreckt, aber für die meisten deutschen Leser zu umfangreich ist. Journalistische Darstellungen sind zwar informativ und gut lesbar, doch kommt die vertiefende, kritische Analyse mitunter zu kurz.

Die hier vorgelegte Biographie ist nicht nur für Fachhistoriker, sondern auch für an französischer Zeitgeschichte und Politik interessierte Laien gedacht. Für die Darstellung werden die Bücher Mitterrands und die Memoiren seiner Zeitgenossen herangezogen und die vorliegenden Biographien und wichtigen allgemeinen zeitgeschichtlichen Ausführungen berücksichtigt. Das Buch umfasst Mitterrands ganzes Leben von seiner Kindheit bis zu seinem Tod mit einem Fokus auf sein politisches Wirken. Insbesondere werden auch seine außenpolitischen Entscheidungen in den Vordergrund gestellt.

Ich danke meinen Kollegen und Freunden Klaus Günther, Wilfried Loth und Joachim Schild, die große Teile des Manuskripts gelesen und mich auf manche Irrtümer hingewiesen haben. Ihre kenntnisreichen, kritischen Anmerkungen sind dem Text zugutegekommen.

Ein besonderer Dank gilt meiner Frau. Sie hat nicht nur bereitwillig akzeptiert, dass ich in den letzten Jahren viel Zeit mit Mitterrand verbracht habe, sie hat es als Fachfremde auch auf sich genommen, das Manuskript zu lesen. Ihrer Aufmerksamkeit sind die Fehler und Wiederholungen, die sich eingeschlichen hatten, nicht entgangen.

Für eventuell im Text noch enthaltene Fehler und Irrtümer ist selbstverständlich allein der Verfasser verantwortlich.

Die Jahre vor der Politik: 1916–1946

 

 

 

Kindheit und Jugend

Mitterrand schreibt in seinen fragmentarischen Erinnerungen, ein Mensch, der die fünfzig erreicht und überschritten habe, sei ein Ergebnis der Erfahrungen, die er gemacht hat. Herkunft, Kindheit und Jugend bestimmen zwar nicht das spätere Leben, beeinflussen es aber. Der erwachsene Mensch ist nicht nur, aber auch das, was die Erfahrungen von Kindheit und Jugend an aus ihm gemacht haben.1 Doch: Der Mensch neigt dazu, eine Geschichte zu erfinden, die er für sein Leben hält – dieser Ausspruch von Max Frisch gilt insbesondere auch für François Mitterrand.

Als François Maurice Adrien Marie Mitterrand am 26. Oktober 1916 in der Kleinstadt Jarnac im südwestfranzösischen Departement Charente als fünftes von acht Kindern geboren wurde, wurde ihm das Parteibuch der sozialistischen Partei nicht in die Wiege gelegt. Geprägt wurde der junge Mitterrand durch das ländliche Frankreich und das bürgerlich-katholische Milieu Die Familie lebte in Angoulême, dem Hauptort (etwa 40.000 Einwohner) des Departements, wo der Vater seit Anfang des Jahres 1916 Bahnhofsvorsteher war. Als Mitterrands Großvater mütterlicherseits 1919 einen Nachfolger für die Leitung seiner Essigfabrik suchte, übernahm Mitterrands Vater sie. Die Familie zog nach Jarnac, in ein Haus neben dem der Großeltern. Auch später war er noch oft in Jarnac, er hing sehr an seinem Elternhaus. Im Großplakat für seine Wahl zum Staatspräsidenten 1981 mit einem kleinen Dorf mit Kirchturm vor seinem Porträt im Großformat kann man noch einen Hinweis auf seine Herkunft sehen.

Mitterrand wuchs in einer Familie auf, die zur bürgerlichen Mittelschicht gehörte – der Vater zählte zu den Provinznotabeln.2 Die industrielle Welt, das proletarische Milieu und soziale Probleme kannte er nicht. Dieses Milieu blieb ihm zeitlebens fremd. In der Region bildeten die meist protestantischen Cognac-Fabrikanten die Oberschicht. Die Mitterrands waren Essighändler – der Vater erbte den großväterlichen Betrieb. Die Familie hatte zwar keine Sympathien für das Proletariat, aber den Reichen (les gros) begegnete sie mit Abneigung. Umgekehrt blickte die Oberschicht auf Essighändler eher herab. Mitterrand sei Zeit seines Lebens ein vinaigrier (Essighändler) gewesen, berichtet einer seiner Jugendfreunde.3

Nicht eine sozialrevolutionäre Ideologie hat Mitterrands Kindheit und Jugend beeinflusst, sondern der sozial akzentuierte Katholizismus. In seinem Elternhaus wurde die katholische Religion sehr strikt praktiziert. Mitterrands Mutter ging täglich um sechs Uhr morgens zur Messe und betete in der Familie regelmäßig mit den acht Kindern. Am sonntäglichen Kirchgang mit Empfang der Kommunion nahm die gesamte Familie teil. Der Pfarrer kam sonntags zum Mittagessen. Der Vater, Mitglied des Gemeinderats, galt als eine der Säulen der Gesellschaft Saint-Vincent-de-Paul, einer karitativen katholischen Organisation. Er war Vorsitzender des Verbandes der ›freien‹, d. h. katholischen Schulen der Charente und der regionalen Organisation der konservativ-katholischen und betont nationalen Fédération nationale catholique. Mitterrand selbst wurde von den protestantischen Mitschülern als ›kleiner Pfaffe‹ (calotin) gehänselt. Noch als Student in Paris war er ein gläubiger und praktizierender Katholik. Auch als Soldat betete Mitterrand regelmäßig – seinem Freund Georges Dayan schreibt er aus der Kriegsgefangenschaft, seine Gebete hätten geholfen, dass er überlebt habe.4 Am Ende seines Lebens erklärt er auf die Frage hin, ob er eine religiöse Erziehung gehabt habe, er »badete in diesem Klima«, er habe eine »religiöse Natur«.5 Auch später, als er sich vom Glauben und von der Kirche entfernt hatte, nannte er sich nie einen Atheisten, sondern einen Agnostiker.

Obwohl die Sehnsucht nach der Monarchie damals im konservativen katholischen Milieu noch lebendig war, war Mitterrands Familie republikanisch. Ein Bruder der Mutter gehörte zu den Gründern des Sillon, einer 1899 gegründeten religiös-politischen Bewegung, die die katholische Kirche zur Gesellschaft öffnen wollte und eine Aussöhnung mit der Republik anstrebte.

Mitterrand beschreibt seinen Vater als kalt, er habe kaum gesprochen.6 Wegen der umfassenden Engagements hatte er nur wenig Zeit für die Familie und die Kinder fanden keine enge Beziehung zu ihm. Mitterrand schildert ihn als jemanden, der sich gegen die Hierarchien auflehnte, Privilegien verachtete, aber die auf dem katholischen Glauben begründete Ordnung respektierte. Der Einfluss der Mutter, die bereits 1936 mit nur 58 Jahren starb, war stärker. Von ihr dürfte François seine frühe Neigung zum Lesen und sein Interesse für Literatur übernommen haben. Um ihre kulturelle Bildung besorgt, abonnierte sie für ihre Kinder die Nouvelle Revue Française, damals die wichtigste literarische Zeitschrift Frankreichs.

Mitterrand erinnert sich, dass sie sich als Kinder einer großen Freiheit erfreuten. Seine Eltern hätten keine »blinde Autorität« gefordert, wohl aber ihm »eine Disziplin für das Leben eingeprägt«.7 Er sei ein schüchternes, verschlossenes, nicht besonders fröhliches Kind gewesen. Er habe nicht das Bedürfnis gehabt, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Diesen Charakterzug habe er auch als Erwachsener behalten. Eine Neigung zur Revolte habe er nicht verspürt. Seine Kindheit sei glücklich gewesen; er habe aus ihr seine Kraftreserven geschöpft.

Nach der Übernahme der Essigfabrik wurde die Familie so wohlhabend, dass François 1926 in das von Priestern geleitete Internat Saint-Paul in Angoulême geschickt werden konnte. Es sei für ihn ein einschneidender Wandel gewesen, aber er habe sich gegen die dort praktizierte strenge Disziplin nicht aufgelehnt. In seiner Freizeit las er viel, vor allem zeitgenössische französische, oft politisch rechts stehende Romanciers (u. a. Maurice Barrès, Jacques Chardonne, François Mauriac). In Gesprächen mit seinen Mitschülern interessierte ihn vor allem die Literatur und weniger die Politik. Wie schon in der Großfamilie zeigte Mitterrand auch in der Schule eine Neigung zum Einzelgänger.8 Er war eher kontaktarm und introvertiert als offen und kommunikativ. Es ist bezeichnend, dass er selbst beim Fußball die Position einnahm, die am wenigsten Einordnung in die Mannschaft verlangte: Torwart. Gleichwohl gewann er in der Schule in Angoulême einige Freunde, die ihm zeitlebens eng verbunden blieben. Mitterrand war ein guter Schüler. Seine Lieblingsfächer waren Französisch, Geschichte und Religion, während er in Mathematik nur mittelmäßig war und für Englisch keine große Begeisterung zeigte. Auch die Ferienaufenthalte in England gefielen ihm nicht. So konnte er sich selbst als Präsident nicht auf Englisch unterhalten. Früh zeigten sich Ansätze seiner später vorzüglichen Rhetorik, für die er einen Preis gewann. Auffällig waren sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ein starker Wille, der nach Erinnerung einer seiner Schwestern bis zum Eigensinn ging. Er konnte aber auch schon verführerischen Charme entfalten.

Lebte man damals als Katholik in einer Kleinstadt in der Provinz, dann war man politisch »automatisch rechts«, wie Mitterrand selbst feststellt. Aber da sein politisch interessierter Vater die soziale Ungerechtigkeit und die Arroganz der ›besseren Leute‹ ablehnte, stand er politisch nirgendwo, er war in die damaligen Kategorien nicht einzuordnen.9 Die Mitterrands waren gemäßigt-konservative Republikaner. Über den damals führenden radikalsozialistischen (d. h. linksliberalen) Politiker Herriot habe man »mit misstrauischer Sympathie, über Briand klagend, über Poincaré mit Ehrerbietung, aber ohne Wärme« gesprochen. Die Kommunisten wären ihnen »eher wie Marsmenschen vorgekommen denn wie Wolfsmenschen«.10 Man mochte weder die Freimaurer noch die Deutschen, die Bolschewiken und die Sozialisten. Den Engländern begegnete man wegen der imperialistischen Rivalität in Afrika mit Zurückhaltung. In jedem Fall war man entschieden patriotisch, in der Art Clemenceaus, ›bis zum heiligen Zorn‹. Um später die politische Offenheit der Familie zu belegen, verweist Mitterrand neben den erwähnten Sillon-Aktivitäten eines Onkels auf den Großvater mütterlicherseits, der 1924 sogar für das Linkskartell eingetreten sei.

Studium in Paris

Der noch nicht ganz achtzehnjährige Abiturient Mitterrand, der 1934 nach Paris ging, um Jura und Politikwissenschaft zu studieren, war politisch weder besonders gut informiert noch festgelegt, sondern offen für neue Einflüsse und Erfahrungen. Er war kein Rebell gegen sein Milieu und nicht auf dem Weg zum Sozialismus, er hatte im Philosophieunterricht im Gymnasium nicht einmal die Namen von Marx oder Engels gehört.11 Aufgewachsen in der Provinz, waren ihm die Großstadt, die Welt der Fabriken und die trostlosen Banlieues fremd. Kein Wunder, dass er kein Vorkämpfer der kommenden Volksfront der Linksparteien wurde und nichts darauf hindeutete, dass er sie und sie ihn einmal an die Macht bringen würden.

Die französische III. Republik befand sich Anfang der dreißiger Jahre in einer sich krisenhaft zuspitzenden politischen Instabilität. Linke und Rechte standen sich in einer zunehmend schärferen Konfrontation gegenüber. Die Linksparteien hatten die Parlamentswahl 1932 gewonnen und die radikalsozialistische Partei, die stärkste des linken Lagers, stellte die Regierungschefs kurzlebiger Kabinette. Am 6. Februar 1934 entwickelte sich aus einer Demonstration rechtsgerichteter Gruppen vor der Abgeordnetenkammer eine Straßenschlacht mit mehreren Toten und Hunderten von Verletzten. Zwar war es kein faschistischer Putschversuch, aber für die Linke ein Alarmsignal. Radikalsozialisten, Sozialisten und erstmals auch Kommunisten begannen nun, ein Bündnis zu schmieden, um die Republik gegen die Bedrohung von rechts zu schützen.

Mitterrand wohnte bis zum Abschluss seines Studiums 1938 in einem von Maristenpatres geleiteten Studentenwohnheim. Dort lebte er unter gleichgesinnten, katholischen, kultivierten und meist einem wohlhabenden Bürgertum angehörenden Studenten. Sein Redetalent, seine Intelligenz und sein starker, auch autoritäre Züge zeigender Charakter hoben ihn aus den knapp 100 Mitbewohnern bald heraus.

Auch in Paris blieb Mitterrand ein kirchentreuer Katholik: Er besuchte weiterhin regelmäßig die Sonntagsmesse, machte Exerzitien, war Mitglied der katholischen Studentenorganisation JEC und engagierte sich wie sein Vater in der sozialpolitisch aktiven Conférence Saint-Vincent-de-Paul. 1937 wurde er sogar ihr Vorsitzender. Er schrieb gelegentlich in der katholischen Revue Montalembert, der Hauszeitschrift des Wohnheims. Noch 1938 nahm er an der Wallfahrt nach Chartres sowie an der Fronleichnamsprozession teil.12 Bis zum Abschluss seines Studiums hat er ein ruhiges, geordnetes Leben geführt.

Abb. 1: Straßenschlacht vom Februar 1934

Seine Interessen und seine ersten veröffentlichten Artikel galten weiterhin vor allem der Literatur. Er las vorwiegend zeitgenössische französische Autoren (aber auch Thomas Mann und Ernst Jünger) und traf sich sogar mit François Mauriac, den er sehr schätzte. Er gewann merklich an Selbstvertrauen, zeigte schon Talent und Willen zur Führung; Freunde bemerkten, dass er aus der Menge herausragte. 1937 erhielt er seinen Jura-Abschluss (licence de droit) und 1938 den Hochschulabschluss in öffentlichem Recht und Politikwissenschaft (diplôme supérieur en droit public et en sciences politiques).

Über seine politischen Aktivitäten dieser Zeit hat Mitterrand in unterschiedlicher, widersprüchlicher, nicht immer der Wahrheit entsprechender Weise Auskunft gegeben. Er ging dank der Vermittlung eines Abgeordneten mehrmals in den Palais Bourbon, um sich Sitzungen der Abgeordnetenkammer anzusehen. Der junge Mitterrand in Paris driftete zunächst weiter nach rechts. Dennoch wurde er nicht Mitglied der rechtsextremen und monarchistischen Action française oder ihrer unter den Studenten der juristischen Fakultät aktiven Jugendorganisation, obwohl Freunde ihn dazu zu überreden versuchten und er einen der wichtigsten Anführer, Charles Maurras, als Schriftsteller und Intellektuellen schätzte.13 Dabei waren für ihn nicht genuin politische Gründe ausschlaggebend. Als Katholik, der sein Engagement gemäß den Prinzipien seiner Religion und den Weisungen der Kirche verstand, war er nicht bereit, einer 1926 vom Vatikan verurteilten Bewegung beizutreten;14 vor allem hielt er die monarchistische Nostalgie für unzeitgemäß. Viel diskutiert war seine Beziehung zur Cagoule, einer rechtsextremen terroristischen Untergrundorganisation, die vor allem während der 1934 vorankommenden Einigung der Linksparteien zur Volksfront aktiv und für mehrere Morde verantwortlich war. Er hatte erwiesenermaßen Freunde, die in ihr aktiv waren; er selbst war laut einem damaligen Freund allerdings nicht Mitglied.15

Im Oktober 1934 wurde Mitterrand Mitglied der Volontaires nationaux, der Jugendorganisation der Croix-de-Feu, was er nach einigem Zögern später auch zugab.16 Die Croix-de-Feu waren eine außer- und antiparlamentarische, nationalistische, bonapartistisch-autoritäre, aber republikanische, auch sozial orientierte Gruppierung ehemaliger Frontkämpfer mit verschwommenen politischen Zielen. Sie wollten eine Art Ständestaat, einen Staat, der beschützt und in der Lage ist, zu kontrollieren und zu sanktionieren. Vorsitzender war der Oberst François de La Rocque, für den schon Mitterrands Vater Sympathien gezeigt hatte. Dank ihrer der katholischen Soziallehre nahen Ideologie genoss sie im konservativen katholischen Milieu große Sympathien. Mit über 100.000 Mitgliedern war sie die bedeutendste der ›Ligen‹, die sich in Frankreich Mitte der dreißiger Jahre entwickelten und die sich als Alternative zu den Parteien verstanden. Laut Mitterrand hätten die Croix-de-Feu »ein sehr humanes, weil soziales Ideal« vertreten und seien nicht einfach als links oder rechts zu klassifizieren.17 Seine spätere Erklärung, er sei nur aus bald gestillter Neugier Mitglied geworden, überzeugt jedoch nicht: Nach der Auflösung der Croix-de-Feu durch die Volksfrontregierung wurde er Mitglied der im Juni 1936 von de La Roque gegründeten Parti social français, auch wenn er die Mitgliedschaft später nie zugegeben hat. An ihren Versammlungen nahm er ebenso regelmäßig teil wie an denen der Croix-de-Feu.18 Anfang Februar 1935 sah man Mitterrand als Teilnehmer einer von der Action française organisierten Studentendemonstration, bei der ein großes Transparent vor einer »Invasion« der Fremden warnte, abschätzig als métèques (in etwa ›Kanaken‹) bezeichnet.19 Auch ein Artikel Mitterrands in der Tageszeitung Echo de Paris enthält deutlich fremdenfeindliche Akzente.20

1936 nahm Mitterrand an Demonstrationen der Action française gegen einen jüdischen Professor teil. Obwohl ein Foto davon erhalten ist, behauptete er zunächst, er habe an Demonstrationen für den Professor und gegen die extreme Rechte teilgenommen.21 Später will er sich nicht daran erinnern, die Demonstration als fremdenfeindlich wahrgenommen zu haben.22 1935/36 hat Mitterrand noch nicht zur Linken, zur sich bildenden Volksfront gefunden: Im Gegenteil, seine Aktivitäten und sein Engagement waren gegen die Linke gerichtet. Eine Demonstration für die gerade gebildete Volksfrontregierung soll er »missmutig« beobachtet haben.23 Er bewegte sich im rechten oder sogar extrem rechten, nationalistischen Milieu.

Sein Hauptinteresse galt allerdings nach wie vor der Literatur. Er las sehr viel, vorzugsweise, aber keinesfalls ausschließlich, Schriftsteller, die zur politischen Rechten gehören. Namhafte Autoren, die der Linken nahestanden, unterzog er einer scharfen, mit ironischen Formulierungen gewürzten Kritik.24 Mitterrand schrieb außer in der Hauszeitschrift seines Wohnheims vor allem in der Tageszeitung Echo de Paris. Von der Linken als »Filiale des Erzbischofs, des Generalstabs und der Banque de France«25 gebrandmarkt, gehörten ihrer konservativ-nationalistischen, die Volksfront scharf kritisierenden Linie offenbar seine Sympathien. 1936 leitete er als gerade einmal Zwanzigjähriger den Literaturteil für Studenten und 1937 übernahm er auch den Vorsitz des Cercle littéraire der Zeitung. Neben dem Studium hatte er eine erstaunliche journalistische, politische und soziale Aktivität entfaltet. Sie belegt seine überdurchschnittliche Intelligenz, seine breiten Interessen und seinen enormen Ehrgeiz, der sich nicht damit zufrieden gab, nur im Strom mit zu schwimmen. Er schien eher auf die Karriere eines Literaturkritikers, eines Intellektuellen, als auf die eines Politikers zuzusteuern.

Für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war das politische Interesse des jungen Mitterrand auf Frankreich beschränkt. In seinen Briefen findet sich nichts über den spanischen Bürgerkrieg, die Bildung der Achse Hitler–Mussolini oder den chinesisch-japanischen Krieg. Seinen ersten eindeutig politischen Artikel veröffentlichte er im April 1938 in der Revue Montalembert unter einem Titel, der entschlossenen Widerstand anzukündigen schien: »Bis hierher und nicht weiter.«26 Es geht um die Annexion Österreichs durch Deutschland. Der Text begnügt sich nicht mit einer moralischen Verurteilung, sondern zeugt von einem historisch unterfütterten, bemerkenswert illusionslosen politischen Realismus, dem aber eine klare Orientierung noch fehlte. Nach einer nüchternen Analyse des Versailler Vertrags, auf dessen Schwächen er hinweist, konstatiert Mitterrand die tatenlose Hinnahme des Anschlusses durch Frankreich, Großbritannien und Italien. Großdeutschland entstehe so aus einer Niederlage. Freilich ziehe ein geglücktes Experiment ein zweites nach sich. Jeder Rückzug sei eine verlorene Schlacht. Aber Frankreich wäre töricht, närrisch, einen Krieg zu riskieren, um einen verlorenen Frieden zu retten, denn »der Tod eines Menschen ist schlimmer als die Zerstörung eines Staates«. Mitterrand akzeptierte die Entscheidung der Münchner Konferenz, der Forderung Hitlers nachzugeben, das Sudentenland, das zur Tschechoslowakei gehörte, an Deutschland abzutreten. Allerdings empfand er so etwas wie Scham, da er Frankreich geschwächt sah. Eine Konferenz müsse die noch offenen Fragen regeln, um den Frieden zu wahren. Diese Einstellung deckt sich mit der Appeasement-Politik und kann für das damalige politische Klima in Frankreich als repräsentativ gelten.

Am Vorabend des Krieges war sich Mitterrand über sich selbst, seinen politischen Standpunkt und seine Zukunft noch nicht im Klaren. Nachträglich bekannte er, dass es in turbulenten Zeiten für einen jungen Menschen schwierig sei, seinen Weg zu finden. Es sei ungerecht, die Menschen wegen der Irrtümer zu verurteilen, die sich aus dem Klima der Zeit erklären.

»Ich hatte noch keine Wahl getroffen. Zwei Drittel meines Denkens waren der Reflex meines rechten Milieus.«27

Die frühen politischen Aktivitäten Mitterrands, die ihn eindeutig im rechten, wenn nicht im extrem rechten Spektrum platzieren,28 mögen aus der Sicht des künftig linken Politikers peinlich erscheinen. Vermutlich hat er sie deshalb in seinen Erinnerungen im Sinne seines späteren politischen Engagements ›eingefärbt‹, manche auch verfälscht.

Krieg und Gefangenschaft

Im Oktober 1938, wenige Wochen nach dem Abschluss seines Studiums, wurde Mitterrand zum Militärdienst, zur Kolonialinfanterie eingezogen. Für einen Offizierslehrgang, der nach einem abgeschlossenen Studium das Normale gewesen wäre, wurde er nicht zugelassen. Der Grund ist strittig. Er selbst nennt später seine ›antimilitaristische‹ Einstellung und sein Versäumnis, nach Vincennes zu fahren, um dort die entsprechende Ausbildung zu erhalten. Sein Bruder Robert schreibt, er habe nicht nach Saumur, wo sich die Offiziersschule befand, gehen wollen, weil er dann zu weit entfernt gewesen wäre von seiner ersten Liebe, die er einige Wochen vorher kennen gelernt hatte. Vielleicht hat er auch die Prüfung wegen schlechter Vorbereitung nicht bestanden.29

Zunächst brachte das Soldatenleben für ihn keine großen Entbehrungen mit sich, als angenehm hat er diesen neuen Lebensabschnitt mit seiner autoritären Struktur trotzdem nicht empfunden.30

Nachdem deutsche Truppen am 1. September 1939 in Polen einmarschiert waren, erklärte das mit Polen verbündete Frankreich Deutschland den Krieg. Zunächst war es ein ›Sitzkrieg‹ (drôle de guerre), da die französische Armee sich hinter der für unüberwindbar gehaltenen Maginotlinie verschanzte. Auch als Mitterrand, inzwischen Stabsunteroffizier, mobilisiert und seine Einheit ins Elsass verlegt wurde, war er noch keineswegs beunruhigt. In den Schützengraben nahm er zwei anspruchsvolle Bücher mit: Les Pensées von Pascal und Die Nachfolge Christi von Thomas von Kempen (auf französisch). Selbst als der deutsche Vormarsch begann, blieb Mitterrand noch optimistisch. Wie viele Franzosen glaubte er an die Stärke der französischen Armee. Von Kriegsbegeisterung war bei ihm dennoch nichts zu spüren.

»Der Krieg ist eine dumme, fürchterliche Sache. Er ist die Zerstörung, die Verneinung des Lebens, des Fortschritts, des Glücks.«31

Als eine existentielle Erfahrung scheint er ihn nicht empfunden zu haben. Von einem Deutschenhass ist in seinen damaligen Briefen erstaunlicherweise nichts zu finden. Dagegen setzte er sich kritisch mit der französischen Politik auseinander. Sie machte er für die Erniedrigung des Rückzugs verantwortlich. »Ich bin besiegter Soldat einer entehrten Armee«, schreibt er, »und ich zürne jenen, die das möglich gemacht haben, den Politikern der III. Republik« (nicht hommes politiques genannt, sondern abwertend politiciens).32 Er wolle nicht für Werte bzw. das Gegenteil von Werten (antivaleurs) sterben, an die er nicht glaube. Mitterrand schien seine Werteordnung in dieser Situation neu zu orientieren: Es lohne sich vielleicht zu sterben, um den Schmutz von der Zivilisation zu nehmen. Er werde Kälte und Schmutz ertragen und er glaube, er werde »revolutionär und positiv« aus dem Krieg herauskommen.33 Seinen Briefen kann man insgesamt ein kritisches Reflektieren über Politik im Allgemeinen entnehmen, das über die studentischen Diskussionen hinausging.

Im Juni 1940 wurde der Stabsunteroffizier Mitterrand bei Verdun in der Nähe der Höhe 304 (Mort-Homme genannt) verwundet.34 Ein Granatsplitter drang in sein rechtes Schulterblatt. Kameraden brachten ihn auf einem Karren und unter den Angriffen der deutschen Luftwaffe in Sicherheit. Er wurde mit dem Kriegskreuz auf silbernem Stern ausgezeichnet und erhielt eine ehrenvolle Erwähnung im Tagesbefehl seiner Division.35 Im Feldlazarett bei Bruyères in den Vogesen wurde er von den Deutschen gefangen genommen und in ein Lazarett in Lunéville gebracht. Nachdem er weitgehend genesen war, kam er im September 1940 in ein Kriegsgefangenlager in Ziegenhain, zwischen Kassel und Marburg. Vorübergehend wurde er etwa für ein halbes Jahr in dem Lager Bad Sulza in der Nähe von Rudolstadt in Thüringen einem Arbeitskommando zugeteilt, wo er harte körperliche Arbeit leisten musste.36 Dennoch behielt er das Kommando in guter Erinnerung, da ein ›Geist der Brüderlichkeit‹ herrschte und er neue Freunde gewann – darunter mehrere Priester, insbesondere Jesuiten.

Abb. 2: Die Doppelanhöhe Toter Mann (franz. Mort Homme), zwischen 1917 und 1918. Sie war 1916 Schauplatz einer der längsten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges. Fast 25 Jahre später wurde Mitterrand hier in einer Schlacht im Zweiten Weltkrieg an der Schulter verwundet.

Die Bedingungen der Gefangenschaft waren hart, respektierten aber die Genfer Konvention. Die französischen Gefangenen wurden weniger hart behandelt als andere.37 Die Deutschen waren nicht »brutal«, erinnert sich Mitterrand. Die Wärter seien alte, anständige Männer, oft Arbeiter gewesen.38 Verglichen mit anderen Lagern herrschten in Ziegenhain in der Tat erträgliche Zustände. So gab es ein beachtliches Kulturprogramm (Theatergruppe, Orchester), an dem sich Mitterrand aktiv beteiligte, sowie eine umfangreiche Bibliothek. Er hielt an der im Lager gebildeten »Zeitweiligen Universität Ziegenhain« Vorträge über die unterschiedlichsten Themen. Auch schrieb er in der Gefangenenzeitung L’Ephémère, die er zusammen mit einem Priester leitete. Bald wurde er ›der Professor‹ genannt. Auch bei der Herstellung von falschen Papieren machte er mit und bewies dabei großes Geschick.

Seinen Mitgefangenen erschien er als eine außergewöhnliche, allerdings auch widersprüchliche, schwer zu durchschauende Persönlichkeit.39 Er sei geistvoll und ironisch, habe ein Herz, arbeite zuverlässig und pünktlich. Eine Karikatur in derselben Zeitung stellt ihn als römischen Imperator dar, mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf und bekleidet mit einer Toga. Der beigefügte Text spiegelt den Eindruck wider, den er hervorrief: »Hochmütig, empfindlich und kategorisch«.40 Er beeindruckte durch seine Intelligenz, Bildung und Eloquenz. Er besaß sichtlich die Fähigkeit und den Willen, Verantwortung zu übernehmen. Zugleich wurde er als jemand empfunden, der Distanz zu seinen Mitgefangenen wahrte, der sich als »über der Masse stehend empfindet« und ehrgeizig ist. In einem Punkt stimmten die recht unterschiedlichen Eindrücke seiner Mitgefangenen überein: Er war eine aus den übrigen Gefangenen hervorstechende Persönlichkeit, ein geborener Anführer und für ein außergewöhnliches Schicksal bestimmt.41 Ungeachtet dessen zeigte er sich solidarisch, hatte zu allen ein gutes Verhältnis, sodass die meisten Mitgefangenen ihn in guter Erinnerung behielten.42

Mitterrand hatte früh den Entschluss gefasst, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Nicht der einzige, aber ein besonders wichtiger Grund war seine Verlobte.43 Ihren Briefen entnahm er, dass sich ihre Beziehung zu ihm abkühlte; sie hatte sich in einen polnischen Architekturstudenten verliebt. Seine ersten beiden Fluchtversuche hatte Mitterrand sorgfältig mehrere Monate vorbereitet. Er zeichnete von einer Karte im Lager, an der er möglichst oft vorbeiging, die geplante Route nach und nach ab. Außerdem las er einen Bericht eines Franzosen über seine Flucht aus der Gefangenschaft während des Ersten Weltkrieges, der viele praktische Ratschläge enthielt. Einen ersten Fluchtversuch unternahm er, gemeinsam mit einem Geistlichen, am 5. März 1941 von Schaala (in Thüringen) aus. Er wurde von den Mitgefangenen gedeckt, so dass sie nicht sofort entdeckt wurden. Da die Überquerung der Grenze zur Schweiz die wenigsten Risiken barg, wählten sie diese Route, obwohl sie dafür etwa 600 km zurücklegen mussten. Nachdem sie schon etwa drei Wochen Nachtmärsche – sie schliefen tagsüber im Freien – hinter sich hatten und bis auf etwa 30 km an die Schweizer Grenze gekommen waren, wurden sie leichtsinnig und gingen bei Tag weiter. Sie verliefen sich in Egesheim, fielen den Kirchgängern auf, wurden angesprochen und konnten, kaum Deutsch sprechend, keine überzeugende Erklärung geben. Also wurden sie der Polizei übergeben. Nach einer Haft von einem Monat im Gefängnis von Spaichingen wurden sie zunächst nach Schaala, dann in ihr Ursprungslager Ziegenhain zurückgebracht.

Der zweite Versuch, den er am 28. November 1941 mit zwei Mitgefangenen von Ziegenhain aus unternahm, begann ähnlich vielversprechend. Zwar wurde einer von ihnen sofort ergriffen, aber Mitterrand blieb in seinem Versteck unentdeckt. Da er schon hinlänglich Deutsch sprach, um sich eine Fahrkarte zu kaufen, fuhr er allein – den anderen geflohenen Mitgefangenen hatte er nicht wiedergefunden – mit dem Zug über Frankfurt und Saarbrücken nach Metz, das damals von den Deutschen besetzt war. Da eine eisige Kälte herrschte und es ihm schlecht ging, wollte er nicht noch eine Nacht im Freien verbringen. Er übernachtete in einem kleinen Hotel, wurde aber von der Inhaberin denunziert und ins nahe gelegene Boulay in ein Sammellager für geflohene Kriegsgefangene gebracht.

Mitterrand fürchtete, nun in ein Lager in Polen mit härteren Bedingungen verlegt zu werden. Also unternahm er noch von Boulay aus, am 10. Dezember 1941, einen weiteren äußerst riskanten Fluchtversuch.44 Diesmal wurde er nicht denunziert, sondern fand Helfer. In einem nahegelegenen Krankenhaus wurde er versteckt und zum Bahnhof Metz gebracht.45 Von dort fuhr er, begleitet von einem ortskundigen Mann, mit dem Zug weiter. Nach einigen Kilometern sprangen sie ab und überquerten am 16. Dezember nachts die Demarkationslinie zum nicht besetzten Teil Frankreichs. Er hielt sich einige Tage bei seiner Cousine in Mantry (im Jura) auf. Im nahe gelegenen Lons-le-Saunier ließ er sich demobilisieren. Er erhielt Ausweispapiere und eine ›Fluchtprämie‹. Bei Freunden erholte sich einige Tage in Saint-Tropez.

Die Flucht war für ihn, wie er selbst sagt, »ein quasi-biologischer Reflex des Vogels im Käfig.«46 Er hasse den Zwang und habe das Bedürfnis nach Freiheit, die er brauche wie die Luft zum Atmen. Einen frühen Akt des Widerstands wird man in der Flucht aber kaum sehen können.47 Es ging ihm nicht primär darum, möglichst bald wieder gegen die Deutschen zu kämpfen. Er wollte schlicht frei sein und seine Verlobte wiedersehen, denn er war über ihre Beziehung beunruhigt.48 Mitterrand hat immer wieder betont, wie einschneidend diese Zeit für ihn war. Krieg und Gefangenschaft hätten ihm eine Welt geöffnet, die er vorher nicht gekannt habe. Das Gemeinschaftserlebnis habe ihn, den eingefleischten Individualisten, tief geprägt. Die »natürliche, moralische und physische Hierarchie« sei völlig anders gewesen als jene, die er in seiner Jugend gekannt habe.49 Nachdem er bisher weitgehend in einem geschlossenen bürgerlichen und religiösen Milieu verkehrt hatte, lernte er nun Menschen aus ärmlichen sozialen Milieus kennen, oft ohne religiöse Bindung, mit anderen politischen Ansichten, z. B. kommunistische Arbeiter. Roger-Patrice Pelat, der Arbeiter in den Renaultwerken, Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation und Kämpfer der Internationalen Brigaden in Spanien gewesen war, wurde einer seiner engsten Freunde. An die Stelle einer durch Auszeichnungen, Diplome oder Geld festgelegten Hierarchie sei eine getreten, die auf ›wirklichen Werten‹ beruhte.

»Ich sah die Welt meiner Jugend zerfallen. […] Nach der Ordnung der Vorkriegszeit, die plötzlich obsolet geworden war, hat sich eine neue, auf moralische Werte gegründete Ordnung gebildet […] [I]ch habe begonnen, die Kriterien, nach denen ich bisher gelebt hatte, grundsätzlich in Frage zu stellen.«50

Später sagt er, er habe im Lager mehr gelernt als von seinen Lehrern. Er habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Zuerst habe das Recht des Stärkeren geherrscht, etwa um die tägliche Suppen- und Brotration, »die Regierung des Messers«.51 Mutige Gefangene lehnten sich dagegen auf und bildeten eine Organisation. Daraufhin sei die Gewalt einem neu installierten Recht gewichen, innerhalb weniger Wochen sei auf den Dschungel die Zivilisation gefolgt. Es habe Delegierte gegeben, die »unter der aufmerksamen Kontrolle des allgemeinen Stimmrechts« – also aller Gefangenen – die Schwarzbrotscheiben auf den Millimeter genau geschnitten hätten. Er habe der Geburt des Gesellschaftsvertrages (contrat social) beigewohnt. Da er sich leicht anpassen konnte, sei er in der Gefangenschaft »nicht wirklich unglücklich gewesen«. Es sei keine einfache Zeit gewesen, aber auch kein Martyrium.52

Die Gefangenschaft bewirkte weitreichende, auch seine politischen Einstellungen erfassende Veränderungen, selbst wenn diese sich nicht immer sofort bemerkbar machten. Der junge Bürgersohn, erzogen in einer vom Christentum geprägten Welt, hatte die Erfahrung von der Verschiedenheit der Menschen gemacht. Voller Staunen hatte er »Formen eines ruhigen Unglaubens« entdeckt.53 Obwohl er häufigen Umgang mit Priestern hatte – den ersten Fluchtversuch hatte er mit einem Priester unternommen – und ihm ihre »feste Haltung gegenüber den Deutschen Vertrauen einflößte«, entfernte er sich vom Glauben.54 Die Prägung seiner Kindheit und Jugend wurde jedoch nicht völlig ausradiert. Er wurde zwar Agnostiker, behielt aber sein ›religiöses Temperament‹, wie er selbst sagt, las weiter die Bibel, wurde kein Rebell gegen Gott.

Selbst wenn sein Aufbegehren noch nicht genuin politisch war, machte er die ersten Schritte nach links. Durch Krieg, Gefangenschaft und Flucht war Mitterrand klar geworden, dass er die behütete Kindheit und die unbekümmerte Studentenzeit der Jugendjahre hinter sich gelassen hatte. Er hatte seine physische und psychische Widerstandskraft erfahren, war härter und entschlossener geworden. Vor allem hatte er feststellen können, dass er andere Menschen beeindrucken, auf sie Einfluss ausüben konnte. Er fühlte in sich die Fähigkeit, eine Führungsaufgabe zu übernehmen.55 Die Erfahrungen im Lager dürften ihn in seinem Ehrgeiz bestärkt haben, eine solche Rolle anzustreben – in der Politik?

Vichy und Résistance

Nach eineinhalb Jahren Gefangenschaft war er schließlich wieder in Frankreich. Die Jahre zwischen seiner Flucht im Dezember 1941 und der Befreiung Frankreichs sind die vielleicht wichtigsten und die erstaunlichsten im Leben Mitterrands. Ein neuer Abschnitt in seinem Leben begann, über den Mitterrand lange geschwiegen hat. Erst spät hat er sich, oft nur lapidar, ungenau und lückenhaft, dazu geäußert oder die Öffentlichkeit mit unzutreffenden Schilderungen getäuscht. In seinen 1969 geschriebenen »Fragmenten einer Autobiographie« schreibt er: »Zurück in Frankreich, gehe ich selbstverständlich in den Widerstand.«56 Ein paar Zeilen weiter ist er bereits beim Treffen mit de Gaulle im Dezember 1943. Noch in Interviews während seiner Präsidentschaft heißt es: »Meine Jugend war die Gefangenschaft und dann die Résistance«.57

Mitterrands ebenso knappe wie eindeutige Aussage ist »nicht der kürzeste Weg zur historischen Wahrheit«, wie Pierre Péan sarkastisch bemerkt.58 Mitterrands ›Teil der Wahrheit‹ ist nur eine Teilwahrheit: Von einem sofortigen Engagement in der Résistance kann keine Rede sein. Erst Péans Lebensbeschreibung »Eine französische Jugend: François Mitterrand« (Une jeunesse française: François Mitterrand) hat 1994 Mitterrands Leben im mit Deutschland kollaborierenden Vichy-Regime detailliert offengelegt.

Nach einigen Erholungstagen in Saint-Tropez fuhr Mitterrand nach Paris und musste sich dem Ende seiner Liebesbeziehung stellen. Seine Verlobte hatte sich von ihm getrennt, was er in der Gefangenschaft schon geahnt und befürchtet hatte. Wie ernst Mitterrands Liebe gewesen war, kann man daraus entnehmen, dass er ihr auch nach der Trennung immer zum Verlobungstag schrieb, Rosen schickte und in Vichy ein Foto von ihr in seinem Zimmer hatte.

Da ihm als geflohenem Kriegsgefangenen die Festnahme durch die Deutschen drohte, konnte er nicht im besetzten Teil Frankreichs bleiben. Anfang 1942 ging er das Risiko ein, seinen erkrankten Vater zu besuchen – seine Mutter war bereits 1936 gestorben. Sein Vater, ein Mann der traditionellen Rechten und Patriot, hielt weder etwas von der nationalen Revolution und ihrem Bruch mit dem republikanisch-demokratischen System Frankreichs noch teilte er ihren Antisemitismus. Dennoch war er ein entschiedener Anhänger des Marschalls Philippe Pétain, der von 1940 bis 1944 die Führung des Vichy-Regimes übernahm. In Pétain sah er den Garanten moralischer Werte und der Ewigkeit der Nation.59

Das Regime von Vichy

Im Januar 1942 fuhr Mitterrand nach Vichy. Er fand die Stadt zwar langweilig und hässlich, sie war aber – in seinen Worten – »Mittelpunkt Frankreichs und Sitz der öffentlichen Verwaltungen.«60 In Vichy hatte er Freunde, ehemalige Mitbewohner des Pariser Wohnheims, auch geflohene Kriegsgefangene und Bekannte der Familie aus dem katholisch-traditionalistisch-patriotischen Milieu, deren Sympathien Vichy und insbesondere Pétain gehörten. Unter den ›offiziellen‹ Journalisten traf er auch Jean Delage, seinen früheren Mentor vom Echo de Paris. Der junge Mitterrand hoffte, dass diese Bekannten ihm helfen könnten, eine Anstellung zu finden. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen und nach der erzwungenen Untätigkeit in der Gefangenschaft drängte es ihn zu einer Tätigkeit, die sein Leben ausfüllen konnte.

Mitterrand weist zu Recht darauf hin, dass Vichy kein ›monolithischer Block‹ gewesen sei, sondern ein Gemisch aus Faschisten und Antisemiten, Patrioten und auch Widerständlern. Es habe Hass auf den Parlamentarismus und die III. Republik gegeben. Eine ultrakonservative Doktrin nach der Devise ›Arbeit, Familie, Vaterland‹ wurde wiederbelebt. Sie wurde von der Croix-de-Feu aus den 1930er Jahren übernommen, in deren Jugendorganisation Mitterrand Mitglied gewesen war. Die ›entschlossenen Ideologen‹, die Faschisten, hätten sich in Vichy erst später durchgesetzt. Mitterrands Ignorieren der Schattenseiten des Vichy-Regimes und seine anfängliche Mitarbeit, sein Sympathisieren mit der nationalen Revolution ist vor allem mit seiner Herkunft aus dem rechten Milieu zu erklären, in dem er noch als Student in Paris gelebt hatte.

In Vichy bewegte sich Mitterrand also wieder, wie in den 1930er Jahren in Paris, in rechten Kreisen. Selbst wenn er es in seinen Erinnerungen nur ahnen lässt: Ohne Zweifel war er – wie sein Vater und eine Zeitlang wohl sogar eine Mehrheit der Franzosen – maréchaliste, ein Anhänger des Marschalls Pétain, den er bewunderte, auch wenn dieser nicht mehr alles verstand, was um ihn vorging.61 In einem Brief vom März 1942 schreibt er über ihn, den er im Theater gesehen hatte:

»Er ist eine wunderbare Erscheinung, sein Gesicht ist wie aus Marmor gegossen […]. Er machte einen majestätischen Eindruck.«62

Abb. 3: Henry Philippe Petain und Adolf Hitler in Montoire-sur-le-Loir (in der Mitte Chefdolmetscher Gesandter Dr. Paul Schmidt, rechts Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop) am 24. Oktober 1940.

Schon im Januar 1942 fand er durch die Vermittlung von Bekannten seiner Familie eine Beschäftigung bei der Légion française des combattants. Diese Organisation, die im August 1940 gegründet worden war, sollte die ehemaligen Soldaten für die Ideen der ›nationalen Revolution‹ gewinnen und für das Vichy-Regime aktivieren. Leiter der Organisation war François Valentin, vor dem Krieg national-konservativer Abgeordneter, der auch im Pariser Wohnheim Mitterrands hochgeschätzt wurde. Die Tätigkeit in der Organisation befriedigte Mitterrand allerdings nicht, weshalb er bereits im April desselben Jahres kündigte. Eine Distanzierung von Vichy war das jedoch nicht, wie aus seinen Briefen hervorgeht.

Da sein Interesse als selbst Betroffener weiterhin den ehemaligen Kriegsgefangenen galt, entschied er sich im Mai/Juni 1942 für eine Mitarbeit im »Kommissariat für die Eingliederung der zurückgekehrten Kriegsgefangenen«. Er hatte sich um die Beziehungen zur Presse in der freien Zone zu kümmern. Darin sah er eine »nützliche Propagandaaufgabe«.63 Die Wiedereingliederung von etwa 350.000 entlassenen oder geflohenen Kriegsgefangenen stellte Vichy vor eine schwierige Aufgabe. Pétain genoss bei dieser Gruppe hohe Achtung.