4,99 €
Zwei Haftstrafen, eine Suchtkarriere und noch immer keine Bleibe. Die Startbedingungen sind alles andere als rosig, als Kora in die Freiheit entlassen wird. Trotzdem will sie um jeden Preis zurück in die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Zwischen Versicherungsschulden, Notschlafstellen, Zwist mit dem Arbeitsamt und einem wütenden Dealer im Nacken, stirbt sie einfach nicht: die Hoffnung, dass hinter all dem ein Leben wartet, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ein Kampf, von dem auch Christian bloß ahnt, was er bedeutet, bis auch seine Zukunft mit einem Mal ins Wanken gerät und ausgerechnet seine Bekanntschaft zu Kora ihm droht, zum Verhängnis zu werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 884
Veröffentlichungsjahr: 2025
Straßenkämpferherz
Frei wie ein Parasit
Roman
Fritzi S. Fischer
Alle Rechte bei Fritzi S. Fischer
Copyright © 2025
by Fritzi S. Fischer
Autorenstraße
PLZ Autorenort
www.autorenseite.eu
Textgutachten: Melanie Vogelsang
ISBN 978-3-384-49834-2
Triggerwarnungen
Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Menschen vermeiden wollen. Um diese Möglichkeit zu bieten, findet sich hier eine Liste der betroffenen Themen. Sie orientiert sich an den Warnhinweisen für anderweitige Medien wie beispielsweise von Filmen oder Computerspielen (PEGI) und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Um die Liste anzuzeigen, bitte den folgenden Text auf dieser Seite markieren.
...
Angst Diskriminierung Drogenkonsum/Sucht körperliche/psychische Gewalt Depression/Suizidgedanken vulgäre Sprache
Frei wie ein VogelEin FreundWeltfrieden mit VollpensionIm SystemFeine ZwischentöneKinder, die was wollenEigentlich wie KriegTrübe VerhältnisseEin Kampf gegen SackrattenDer Preis blinden VertrauensQuality TimeDeJaVuAuslegungssacheDiskretion par excellanceDer Henker und das SchwurgerichtMittendrin statt nur dabeiSei ein GastWenn die Zeit renntIm körperwarmen HaifischbeckenGlückseligkeit unter VorbehaltNiemandes ProblemHagelschadenZu vielUnd wenn sie nicht gestorben sindCarpe DiemBitterer LuxusTonnenschwerVerkappte Helden und ein VollidiotFlashbackSchmerzhaftes VerstehenEin DingRelativität der ZeitVerdient
hristian war stolz auf sich. Ohne fremde Hilfe hatte er es bewerkstelligt, zurück auf die Intensivstation zu gelangen. Seit einer Woche absolvierte er hier ein Pflegepraktikum, als Teil seiner Ausbildung zum Notfallsanitäter. Den Weg zum Ausgang fand er sogar im Schlaf. Nur jenseits dieser bekannten Pfade, da wurde es eng. Insbesondere, wenn er auf Ratschläge alteingesessener Kollegen hörte, die mit den Worten »Nimm doch die Abkürzung durch …« begannen. Das Experiment hatte er heute auf dem Weg zum Labor erneut gewagt. Der Hinweg war ein Kinderspiel gewesen, aber wie er es geschafft hatte, auf dem Rückweg in der Kühlkammer zu landen, das wollte er gar nicht so genau wissen. Vielleicht der unterbewusste, sehr dringende Wunsch nach Ruhe. Wie viele Praktikanten dort wohl verschollen waren oder für schlechtere Zeiten aufbewahrt wurden? Von der Augusthitze war da jedenfalls nichts zu spüren gewesen.
Am blau-weißen Tresen des Stationsstützpunkts angekommen, seufzte er. Es war Zeit für den Feierabend. Hatte er überhaupt eine Pause gehabt? Ja, doch, erinnerte er sich dunkel. Auch zu lange her. Genauso wie der letzte freie Tag. Eine gefühlte Ewigkeit. Insgeheim ärgerte er sich über die eigene Jammerei. Da er allerdings die vergangenen Wochen fast ausschließlich Theorieunterricht gehabt hatte, war er nichts mehr gewohnt, was das Wort Schicht auch nur beinhaltete. Außer vielleicht Schichtsalat. Auf ihre Weise hatte die Lernerei geschlaucht, aber es war ja nicht so, als könnte er plötzlich damit aufhören. Immer, wenn er das Gefühl hatte, verstanden zu haben, wie die Dinge liefen, wurde er eines Besseren belehrt. Meist von den Patienten. Selten aus böser Absicht. Bei den meisten ihrer Schützlinge wäre die Behauptung einer bewussten Provokation eine haltlose Unterstellung gewesen, denn bei der Mehrzahl beschränkte sich die Anwesenheit auf den körperlichen Part der Existenz.
»Na, gedanklich schon im Freibad?«, neckte ihn Ina, eine der Intensivschwestern. Sie war einen halben Kopf kleiner als Christian. Ihre Körpergröße stand wie ihr zierlicher Körperbau im krassen Gegensatz zu ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein. Eine braune Strähne lugte unter dem grünlichen Haarnetz hervor. Sie gehörte zu jenen, die sich bisher die größte Mühe gegeben hatten, ihm alle Fragen zu beantworten. Außerdem schleifte sie ihn quasi zu allem mit, was im Entferntesten als ›interessant‹ bezeichnet werden konnte. Kurzum: Sie war das Beste, das einem Praktikanten passieren konnte.
Ertappt spürte Christian, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. »So halb«, gestand er kleinlaut. Wobei sein Plan bisher keinen Freibadbesuch vorsah.
Inas Schmunzeln flaute ab. »Wo bist du gewesen? Stenner hat dich gesucht.«
»Ich war unten im Labor. Hatte mir Stenner doch aufgetragen.« Christian ging das Gespräch in Gedanken durch, aber soweit er sich erinnerte, hatte es unmissverständlich die Anweisung gegeben, die Proben sofort dort abzugeben.
»Hast auch nichts verpasst.« Ina winkte ab. »Dann hat er verbaselt, dass er dich losgeschickt hat. Mach dir nichts draus, das kommt vor.« Plötzlich stutzte sie und sah sich fragend um. »Was wollte ich denn jetzt?«, murmelte sie, ehe sie sich konzentriert die Nasenwurzel massierte.
»Einen Caipirinha auf Sansibar?«, schlug er grinsend vor.
Ina lachte leise auf. »Das auch«, antwortete sie, als ein hochfrequentes Piepen die kurzweilige Stille des Ganges untermalte. Ergeben rollte die Pflegerin mit den Augen. »Das wollte ich jedenfalls nicht«, brummte sie. »Gehst du eben? Die Nährstoffsonde von Frau Elas.«
Mit einem flüchtigen Seitenblick zur Uhr nickte Christian, der sich gegen das Kommende wappnete, das mit »Wenn du eh da bist«, begann und mit »Ach, ich komm eben mit« endete. Die nächste halbe Stunde wäre er beschäftigt. Aber gut, fürs Arbeiten war er schließlich hier.
Beim Betreten des abgetrennten Bereichs fiel ihm das leere Bett auf, das direkt hinter dem Durchgang stand. Die anderen beiden Schlafstätten waren belegt. Eigentlich hatte das, zumindest heute Morgen, für alle drei Plätze gegolten. Fragend deutete er zu der Stelle, an der zuvor ein Patient gelegen hatte. Eine Lederkappe und Jeansjacke mochten auf einer Harley stylish aussehen, boten bei Kontakt mit Asphalt aber einen verschwindend geringen Schutz. Schicke Textilien und Haut wurden in weniger als einer Sekunde weggehobelt, wenn man mit einer Anfangsgeschwindigkeit von geschätzten hundertdreißig darüber schlitterte. Musste für die Kräfte am Unfallort ein einprägsames Bild gewesen sein – wobei das, was sich unter den Verbänden verborgen hatte, Christian am Morgen ebenfalls ziemlich beeindruckt hatte. Seit drei Tagen war der Herr bei ihnen zu Gast gewesen. Nun hatten sie sich auf dem Weg in den Keller knapp verpasst.
Ina hob die Schultern, ehe sie sich der schlafenden Frau Jessen zuwandte. »Hatte keine großen Chancen«, raunte sie ihm zu. Überraschung suchte man in ihrem Gesichtsausdruck vergebens, doch eine Spur Bedauern glaubte er zu erkennen. »Und was hast du heute noch so vor?«
Christian überlegte einen Moment, ob ihm der Themenwechsel recht war. Jedenfalls wollte er kein Trübsal blasen. Seine weitere Tagesplanung war da jedoch keine besonders geeignete Alternative. »Ein Bekannter hat heute einen wichtigen Gerichtstermin.« Ob es eine gute Idee wäre, sich mit jemandem über die Details zu unterhalten? Womöglich kamen seine Gedanken dann zur Ruhe. Auf der anderen Seite hatte die Variante ›Ablenkung‹ bisher recht gut funktioniert. Deshalb war er froh darüber, dass Ina sich bloß flüchtig zu ihm herumdrehte. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er gelogen, wenn Ina gefragt hätte, wer zu der Verhandlung musste oder worum es ging. Eine ehemalige Patientin, die sich wegen Drogenhandels zu verantworten hatte, war ein eher exotischer Gesprächsaufhänger. Und einer, bei dem er selbst ratlos war, was er davon halten sollte. Schlecht geeignet für Small Talk, den man im Idealfall mithilfe des verlängerten Rückenmarks bestritt, während man die restlichen Kapazitäten für die Arbeit nutzte. Bis zum ersehnten Feierabend war noch genug zu tun.
Aus Dokumentationen kenne ich das Bild von alten Projektoren, bei denen schwere Filmrollen eingelegt werden. Die einzelnen Sequenzen laufen an einer Lampe vorbei, deren Licht die Inhalte auf die Leinwand brennt. Hin und wieder rattern die Streifen zu langsam durch und man hat kurz das Gefühl, das Geschehen würde rückwärts ablaufen. Manchmal stolpert es, dann sieht man den Ablauf zerhackt statt als fließende Bewegung.
Mein bisheriger Tag ist genauso unrund gelaufen wie einer dieser alten Filme. In gewisser Art und Weise. Immer wieder tauchen einzelne Szenen vor meinem inneren Auge auf. Unsaubere Übergänge zwischen den Bildern, die den Verlauf stocken lassen; die mir das Gefühl geben, die Zeit läuft rückwärts – was gar nicht das Schlechteste wäre. Während ich das denke, berappelt sich die Welt und dreht sich weiter. Immer weiter.
Ich erschaudere. Hinter dem Seitenfenster nimmt die Umgebung klare Umrisse an. Ein Park. Bäume. Wiese. Gestrüpp unbekannter Art, das aber nette rosafarbene Blüten trägt, obwohl wir den Frühling längst hinter uns gelassen haben. Es versperrt beinahe den Blick auf den kleinen Spielplatz, an dem wir im nächsten Atemzug bereits vorbeigefahren sind. Das grelle Gelb des Klettergerüsts brennt sich mir ins Hirn.
Die Sequenz eines Stummfilms schluckt die konfuse Realität. Der Richter, wie er hinter einem hohen Tisch steht. Alle Blicke auf ihn gerichtet. Meiner eingeschlossen. Wie sich seine Lippen bewegen. Hallend überlagert der Ton zeitversetzt das Bild, hämmert sich in meine Stirn, ohne verstanden zu werden. Damals nicht. Vor ein paar endlosen Minuten. Allmählich, mit jedem Mal mehr, dringt die Erkenntnis zu mir durch, die hinter den Zahlen und verwirrenden Worten steckt. Mein Urteil.
Seit über vier Monaten sitze ich in U-Haft. Adresse: JVA Köln. Wegen unerlaubten Handelns mit Betäubungsmitteln. Heroin. Vielleicht auch Crack oder Speed. Koks, Gras, LSD, Ecstasy – ich kann es schwer sagen. Ich habe nie in die Rucksäcke geschaut, die ich überbracht habe. Ich wusste aber sehr wohl, dass sich darin weder Hundefutter noch Wunderwolle befand. Eine Tatsache, die ich bei der Polizei bereitwillig zu Protokoll gegeben habe, bevor mein Pflichtverteidiger sie herunterspielen konnte. Wie viel? Wie oft? Wie lange? Fragen, zu denen ich mehr oder weniger schwammige Angaben machen konnte. Nach bestem Wissen und Gewissen.
Das Ergebnis: vier Monate. Eine Freiheitsstrafe von vier Monaten. Fast den gesamten Sommer habe ich im Knast verbracht. Es ist Ende August. Ohne den mildernden Umstand, dass ich zum Dealen gezwungen wurde, wäre es vermutlich deutlich länger geworden. Das Schlimmste und gleichzeitig das Beste, das mir passieren konnte, denn meine zu verbüßende Strafe wird mit der Zeit in Untersuchungshaft vergolten. Das bedeutet, ab dem heutigen Tag bin ich ein freier Mensch. Frei, das Gefängnis, in das mich die Justizbeamten zurückbringen, nach Räumung meiner Zelle zu verlassen. Frei, zu gehen, wohin ich möchte. Frei, zu tun und zu lassen, wonach es mir im Rahmen des Gesetzes beliebt. Das ist auch die Erklärung für die edle Kutsche, in der ich befördert werde: einem Streifenwagen. Vergleichsweise ein Aufstieg, denn den Hinweg habe ich noch in einem Transporter der Justiz verbracht, als ich noch ein Untersuchungshäftling war. Was bin ich jetzt?
Aus der Spiegelung des Seitenfensters schaut mich eine ausdruckslose Miene an. Zu einem glanzlosen Zopf gebundene, blonde Haare. Graue Augen, die in tiefen Höhlen liegen, umrahmt von dunklen Ringen, gemalt auf eine nahezu weiße Leinwand. In diesem Gesicht findet sich alles Mögliche, aber keine Freude. Keine Genugtuung. Immerhin ein dumpfer, grimmiger Wille, doch er ertrinkt in einem Meer aus Verzweiflung, die sich in meinen feuchten Augen widerspiegelt. Das Wasser steht mir bis zum Hals.
Seit zwei Wochen weiß ich, dass es so kommen könnte. So lange kenne ich den Termin für meine Verhandlung. Genauso lange frage ich mich, was ich mir für einen Ausgang wünsche. Ich habe keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Eigentlich ist es sinnlos, weiter danach zu suchen. Es gibt sie nicht, die perfekte Lösung. Sie ist wie Gott und wie die Vorstellung, dass Elvis noch lebt. Unser ganz eigener Film, eine Projektion unserer Wünsche. Was ich gerade gebrauchen könnte, wäre ein sicheres Netz – stattdessen erschüttert die Realität die Vorstellung und hinterlässt bloß vage, verwackelte Bilder davon, wie es hätte werden können.
Herr Mayewski, mein Sozialarbeiter im Gefängnis, wüsste, was zu tun ist, doch all seine Ratschläge suche ich in den Fluten des Chaos’ vergebens. Ich habe Papiere, sage ich mir, in der Hoffnung, dass es mein trommelndes Herz beruhigt. Einen Personalausweis, eine Versichertenkarte. Ich habe ein Konto, das zumindest in Teilen vor Pfändungen geschützt ist und auf das regelmäßig Sozialhilfe eingezahlt werden könnte – solange ich mich an die Auflagen des Amts halte.
Herr Janson. Mein Puls stolpert und ich atme tief ein, um das Brennen aus den Augen zu verjagen. Seit meiner U-Haft habe ich zwei Briefe erhalten, auf denen dieser Name auf dem Umschlag stand. Mein zuständiger Bearbeiter beim Jobcenter. Jedes einzelne Mal war mein erster Impuls, das Papier zu verbrennen, zu zerfetzen, notfalls aufzuessen, um nie wieder daran erinnert zu werden. Bald werde ich ihm persönlich gegenüberstehen können – sollen – müssen.
Ich schlucke, was den Kloß in meinem Hals zu zerreißen droht. Baxter. Hitze schießt mir ins Gesicht, die Wangen, die Ohren, geraubt aus meinen nunmehr eiskalten Händen. Weder ihn noch seine Leute hat man gefunden. Ob weiterhin nach der Crew meines Ex-Dealers gesucht wird, steht in den Sternen. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er nach mir sucht. Denn die Rechnung, die wir beide offen haben, lässt sich nicht mit ein paar Tagen Ordnungshaft absitzen. Den Preis der letzten Lieferung, die ich in einem Anflug aus Idealismus dem Rhein übereignet habe, kennt nur er. Und wenn ich Baxter gegenüberstehe, werde ich bezahlen müssen. Denn ich bin frei. Frei wie ein Vogel. Mit anderen Worten: vogelfrei.
Mit zwei bunten Weingummischlangen als Wegzehrung verließ Christian nach Feierabend das Gebäude durch das vollverglaste Hauptportal. Es war der kürzeste Weg zur naheliegenden U-Bahnstation. Gerne hätte er sich damit gebrüstet, der Umwelt zuliebe auf das Auto zu verzichten. In der Realität war es vor allem der Stress der Parkplatzsuche, den er sich am Morgen – und zu jeder anderen Tageszeit – ersparen wollte. Zumal auch der Sprit bezahlt werden wollte, wie auch die Miete. Das Azubigehalt als Notfallsanitäter war nicht so übel, aber rechnen musste er doch.
Christian zückte sein Handy, das an der Luft endlich Empfang hatte. Die Seite des örtlichen Amtsgerichts hatte er schnell aufgerufen. Lesezeichen sei Dank. Was einige seiner ausgelernten Kollegen sagen würden, wenn sie wüssten, was er nun vorhatte, konnte er sich denken, doch vorerst ließ ihn ein panisches Quietschen innehalten.
Die drei Passanten, die neben ihm über den Bürgersteig liefen, beachteten ihn so wenig wie er sie zuvor. Das Geräusch war vom Gehweg selbst gekommen, von wo aus ihn ein Eichhörnchen entrüstet entgegen starrte, dann wie ein geölter Blitz vorschoss und meckernd die Eichel unter Christians schwebendem Fuß wegklaute.
Sachen gab es. Eine Sekunde blickte Christian dem Tierchen nach, das den nächsten Baum emporkletterte. Zumindest waren Eichhörnchen auch dann noch sehr putzig, wenn sie unhöflich vor sich hin schimpften.
Kopfschüttelnd wandte er sich der Ampel zu, um die Straße zur U-Bahnstation zu überqueren. Eine Unterführung wäre praktisch gewesen, aber vermutlich zu teuer. So hatte er Zeit, erneut auf das Handy zu sehen und mit Erschrecken festzustellen, dass er das Aktenzeichen der Verhandlung vergebens suchte. Zumindest im Nachmittagsbereich. Bei den früheren Terminen wurde er fündig. Innerlich stöhnte er genervt auf, als er das Smartphone in der Hosentasche verschwinden ließ.
Das bedeutete, der Prozess war längst vorbei. Sein Plan, sich wenigstens anzusehen, wie die ganze Sache für Kora ausging, und ihr vielleicht ein wenig Mut für den bevorstehenden Neuanfang zu machen, war damit hinfällig. Dabei hatte er sich sogar die zweite Tageshälfte für den Prozess freigenommen. Andererseits brachte er sich auf diese Weise um die Gelegenheit, anderen Leuten Anlass zur Sorge wegen übersteigerter Anteilnahme zu geben. Zeitgleich verfluchte er seinen Zynismus.
Eine Idee hatte er noch. Die Verhandlung war öffentlich gewesen, also dürfte auch das Urteil herauszufinden sein. Da seine Bahn ohnehin gerade abgefahren war, hatte er acht Minuten Zeit, in denen er sein Datenvolumen sinnvoll investieren konnte – wenn der Empfang in den Katakomben der Stadtbahn nicht so unterirdisch gewesen wäre. In quälender Langsamkeit kroch der Ladebalken an der Unterseite des Browsers vor sich hin. Wenigstens lenkte das Christian von der unbequemen Sitzgelegenheit ab, deren Metallgitter kalt und verbogen waren. Die Fliesen an den Wänden der Station waren in Achtzigerjahre-Orange und Mintgelb gehalten. Durch ungewollte Sprenkler auf der lasierten Keramik machten sie nicht nur einen altbackenen, sondern auch einen speckigen Eindruck, wie der gesamte Wartebereich.
Als das Quietschen und Sirren aus dem Tunnel die Ankunft der Bahn ankündigte, war er keinen Deut schlauer. Jedoch sah Christian ein, dass eine längere Wartezeit oder eine schnellere Verbindung an seiner Ratlosigkeit wenig geändert hätten. Die ältesten Urteile, die er online fand, waren aus März, was nun über ein halbes Jahr her war.
Verrückt, dachte er, als er sich in der Bahn an einem Fensterplatz niederließ, der vermutlich wegen der liegengelassenen Zeitung auf einem der Sitze sowie der Bierflasche im Fußraum bisher unbesetzt geblieben war. Oder die Fahrgäste nahmen Anstoß an dem ins Fenster geritzten Glied. Zumindest vermutete Christian das hinter den fahrigen Linien. Theoretisch war auch ein ungelenker Vogelumriss möglich. Dass auf der oberen Zierleiste ausgerechnet eine Bannerwerbung einer ortsansässigen Urologie prangte, fand er dagegen fast schon lustig. Wenn sich zwischen gerupfter Möwe und Gemächt nur noch mit Mühe unterscheiden ließ, war das kein schlechter Ansprechpartner.
Die temporäre Heiterkeit verflog, als Christian an den vergangenen März zurückdachte. Er hatte ja nicht ahnen können, wie das ganze Drama ausgehen würde. Wie zur Hölle passte eine 0815-Blinddarmentzündung dazu, dass dieselbe Person nach einem Drogenentzug vor Gericht saß? Damals hätte er wohl behauptet, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte, doch in diesem Fall wusste er es besser. Auch wenn die Appendizitis bloß der Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte – und der dafür gesorgt hatte, dass sich ihre Wege kreuzten. Wäre Kora Ottmann nicht die erste Patientin gewesen, die er im Rettungswagen begleitet hatte, wäre sie ihm einige Tage später niemals aufgefallen. Er wäre in der Fußgängerzone an ihr vorbeigegangen. Vermutlich wäre er zu dem Zeitpunkt ganz woanders gewesen, da er keinen Grund gehabt hätte, mit seinen Kumpels zu versacken. Jedenfalls hätte er nicht mit ihr gesprochen. Niemand hätte das getan, als sie nichts ahnend in den ersten Entzug gerutscht war. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich ihrer Lage viel später bewusst geworden wäre oder sich irgendwann aus Verzweiflung einen goldenen Schuss gesetzt hätte, war nur halb so gering, wie Christian es sich gerne eingeredet hätte. Wäre er dabei gewesen, wenn man sie anschließend in einer Seitenstraße, einem Abrisshaus oder einem Gebüsch gefunden hätte, wäre sie für ihn eine völlig Fremde gewesen, für die es halt scheiße gelaufen war. Maximal hätte er darüber nachgedacht, wie es so weit kommen konnte. Es war verrückt, wie so eine Bagatelle die Karten neu mischte.
Als Kora Ottmann ihm aus dem Gefängnis den Brief geschrieben hatte, in dem sie sich für seine Hilfe bedankt hatte, wäre das der perfekte Zeitpunkt für einen Schlussstrich gewesen. Stattdessen saß er in der U-Bahnlinie 18 und wartete darauf, endlich die Haltestelle Weißhausstraße zu erreichen. So würde er den Fall nie aus dem Kopf bekommen.
Entnervt fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht. Ihm war bewusst, dass es vollkommen in Ordnung gewesen wäre, umzukehren; es unter ›Nicht meine Baustelle‹ zu verbuchen, wie es viele Menschen taten. Wie es viele seiner Kollegen tun mussten, weil sie ansonsten gar kein Privatleben mehr hätten. So viele Leute, die sie täglich trafen. Da waren genügend üble Schicksale dabei. Wenn man jedem, der jemanden brauchte, ein guter Freund sein wollte, war das quasi ›Burn-Out leichtgemacht‹.
Er schüttelte den Kopf, als er aus dem beschmierten Fenster blickte. Inzwischen fuhr die Bahn oberirdisch, sodass er einen vertrockneten Mittelstreifen bewundern konnte. Ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, würde er hinterher erfahren.
»Nächster Halt: Weißhausstraße. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts«, ertönte es blechern aus den Lautsprechern des Waggons. Unweit konnte Christian das Gerichtsgebäude sehen, das jeden Baum und jedes Haus in der Umgebung mit Leichtigkeit überragte. Der hässliche, grau-braune, dreiarmige Klotz wirkte alles andere als einladend. Er würde ihn aus eigenem Antrieb betreten, statt als Angeklagter. Da hatte er wenig zu verlieren.
Flüchtig schaue ich über die Schulter zurück in meine Zelle. Sie ist leer, als hätte hier nie jemand gewohnt. Das Bett abgezogen, Decke und Kissen in Wäschesäcken verschwunden, die Anstaltskleidung ebenso, der Boden gefegt. Eine blanke Matratze ist alles, was an Wohnlichkeit erinnert. Entfernt. Das Wenige, das ich mitnehme, passt in meinen Hygienebeutel. Duschzeug, Zahnbürste, Seife, Waschlappen. Kleinkram.
»Abmarsch«, treibt mich die Justizbeamtin an, die hinter mir die Tür zuschließt. Ihre blonden Haare sind zu einem praktischen Zopf geflochten, der sie zusammen mit der zierlichen Gestalt wie ein typisches Pferdemädchen aussehen lässt. Ihr kalter Blick dagegen weckt in mir Zweifel, ob Reiten zu ihren Hobbys zählt, oder jemals gezählt hat. »Sie bekommen gleich den Rest Ihrer Habe ausgehändigt, sowie die notwendigen Papiere.«
Habe, Papiere, tschüss. Die Meilensteine treffen mich hart. So lange war ich hier und plötzlich geht es furchtbar schnell. Träge nicke ich. Ich habe den Anschluss an die Realität verloren, befürchte ich, als ich der Wärterin zur Kanzel folge. Ein nahezu vollverglastes Büro, dessen Sicht einzig durch die dunkelgrünen Rahmen um die Fenster eingeschränkt wird. Wie auf dem Präsentierteller.
Als ich zum Sprechen ansetze, ist ein heiseres Krächzen alles, was ich zustande bringe. Unsere Schritte hallen über den Flur, aus dem in unregelmäßigen Abständen das Geräusch von Stahl auf Stahl klingt. Türen, Schlösser, Treppen. Die weiße Farbe der Wände fräst sich mir schmerzhaft in die brennenden Augen.
Während die Justizbeamtin aufschließt, schaut sie sich mit gerunzelter Stirn nach mir um.
Meine Zunge klebt wie Estrich an meinem Gaumen, aber trotzdem bringe ich endlich die Frage heraus, die mir auf der Seele liegt: »Kann ich mit Herrn Mayew…«
»Ist heute nicht im Haus«, unterbricht mich Frau Gerrand, so laut Schild der Name der Pferdedame, die mich in ihre Stube bittet. »Aber ich händige Ihnen den Schriftverkehr mit den Ämtern aus. Vielleicht kann ich Ihre Fragen ja auch beantworten.« Sie ringt sich ein knappes Lächeln ab. Das Entlassungsgespräch mit mir widerspricht offensichtlich ihrer Tagesplanung.
Zögerlich nehme ich auf dem Bürostuhl Platz, den die Wärterin mir anbietet.
Sie verschwindet indes im hinteren Bereich, um gleich darauf mit einem dicken Ordner und einer weniger imposanten Mappe zurückzukommen.
Meine Hände umklammern den Kulturbeutel wie einen Rettungsring.
»Da hätten wir einmal«, murmelt sie, während sie die Sachen auf dem Schreibtisch ordnet, auf dem weitere Zettel herumliegen, »Ihr Entlassungsschreiben, Ihre Ausfertigungen der Amtskommunikation – sofern die Papiere nicht Ihrer Habe zugeordnet wurden – und …« Sie öffnet den Ordner, ehe sie die vielen Blätter unter ihrem Daumen hindurchgleiten lässt. »Die medizinischen Unterlagen fehlen noch. Das klären wir gleich.«
Ihre Worte scheinen die Luft zu verdrängen. Sie dehnen sich im Raum, in meinem Kopf aus, rauben mir den Platz zum Denken. Ämter, Mehrzahl. Dokumente. Wie hypnotisiert starre ich auf den Stapel Papier, der dort in dem Ordner liegt. Zur Hälfte ist er gefüllt. Pappeinschübe trennen die einzelnen Themenbereiche voneinander. Wohnung, Sozialämter, Gläubiger, Versicherungen … Mit aller Macht hole ich tief Luft, in der Hoffnung, das eiserne Band um meine Brust zu sprengen. Es entpuppt sich als hartnäckiges Gummi, das mir mit jedem Atemzug dieselbe Kraft abverlangt. Zuhören. Wenigstens das muss ich hinkriegen.
Nach einem flüchtigen Blick in meine Richtung schlägt die Beamtin die Mappe auf. Schwarz auf weißem Grund. Linien, Buchstaben, Zahlen, Kästchen. Für sie ergeben sie Sinn. Vor meinen Augen verschwimmen sie wie Straßenkreide im Sommerregen. »Bei Haftantritt waren Sie wohnungslos«, stellt Frau Gerrand nüchtern fest. »Wie sieht es jetzt bei Ihnen aus?«
Ich blinzle, wobei ich spüre, wie meine Wimpern aneinanderkleben. Im wahrsten Sinne des Wortes beiße ich die Zähne zusammen. »Nicht viel anders«, spreche ich dann die ernüchternde Wahrheit aus. Es war geplant, dass ich mich darum kümmere, sobald ein Entlassungstermin feststeht. Dass dieser Termin ausgerechnet heute ist, weiß ich seit zwei Stunden. Ich mag kein Organisationsgenie sein, aber spontane Wunder vollbringt wohl niemand.
»Familie oder Freunde, zu denen Sie gehen können?«
Familie? Das Wiedersehen formt sich grotesk vor meinem inneren Auge: Hallo Mama, hallo Papa, könnte ich nicht wieder zuhause einziehen, nachdem ich mein Leben vor die Wand gefahren habe, wie ihr es vorhergesagt habt? Ein fantastischer Plan, nach jahrelangem Schweigen. Oder zurück zu meinem Ex, der keinen geringen Anteil an meinem ersten Aufenthalt in diesen Hallen hatte? Unterm selben Dach wie seine neue Flamme, falls Fabienne noch aktuell ist? Zu seinen Kumpels, die mich damals haben fallen lassen? So viele famose Möglichkeiten.
Die Wärterin scheint mein Schweigen zu verstehen und beugt sich zu einer Schublade hinunter, aus der sie weitere Papiere hervorkramt. Einen Flyer, vornehmlich in Blau und Weiß gehalten. Das Landeswappen vorne aufgedruckt. Tipps zu Wohnunterkünften und Notschlafstellen. »Da finden Sie einige Adressen, an die Sie sich wenden können oder Ratschläge, was Sie tun können, um eine Sozialwohnung zu bekommen. Da müssen Sie die nötigen Anträge für stellen.«
Anträge, wie auch sonst, denke ich zynisch, als ich mit ausdrucksloser Miene das Papier entgegennehme. Im schlimmsten Fall, zuckt es durch mein Hirn, habe ich in kalten Nächten wenigstens Material zum Heizen.
»Wichtig wäre vor allem, dass Sie …«, setzt sie an, als es an der Tür klopft.
Wie vom Donner gerührt, zucke ich zusammen. Der Flyer klemmt zerknüllt zwischen meinen Fingern. Wie unnötig. Die Wut, die sich in meiner geballten Faust manifestiert, sie gilt mir selbst, nicht dem Herrn, der das Büro betritt.
Der Mittvierziger ist mir während der Haft gelegentlich über den Weg gelaufen. Es ist jedoch das erste Mal, dass er mir so etwas wie ein aufmunterndes Lächeln schenkt, wenn auch eines der sehr flüchtigen Sorte. Bisher gründete meine Sympathie Herrn Pfeiffer gegenüber vor allem auf seinem neutralen Auftreten, das jegliche Verachtung vermissen ließ und keinen großen Terz um meine Unzulänglichkeiten veranstaltete.
»Die Arztbriefe für den Hausarzt«, verkündet er der Wärterin, als er seinerseits Umschläge in die Höhe hält. Noch mehr Unterlagen. Dazu ein kleines, durchsichtiges Plastikdöschen, in dem zwei weiße Pillen liegen. »Die kennen Sie ja schon«, richtet er das Wort an mich. »Jeden Morgen eine.«
Ja, kenne ich. Mein doppeltes Netz. Mein »Ich bin clean, aber …« Solange ich es regelmäßig nehme, ist ein Rausch nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Ebenso wie eine Überdosis. Zumindest für die nächsten zwei Tage.
»Wenn Sie mit den Unterlagen zu Ihrem Hausarzt gehen, sollte er Ihnen die problemlos verschreiben.« Als hätte er meine Zweifel gehört, überreicht er mir Umschlag und Dose.
»Hausarzt, klar«, antworte ich tonlos. Normale Menschen haben so etwas. Dass kurz darauf ein weiterer Flyer den Weg in den Ordner findet, Hinweise zur Suchttherapie, war abzusehen.
Ehe Herr Pfeiffer daraufhin das Büro verlässt, ringe ich mir ab, was eigentlich lange überfällig ist. »Danke.« Zu meiner Überraschung gelingt es mir, es halbwegs aufrichtig vorzubringen. Nicht so sehr, wie er es verdient oder ich es gewollt hätte, aber es klingt weniger nach einem rezitierenden Zombie.
»Freigesprochen«, entfuhr es Christian ungläubig. Es hatte Überredungskunst und eine Menge Geduld erfordert, um sich in dem Bau zurechtzufinden. Beziehungsweise jemanden, der ihm sagen konnte, wie das Urteil ausgefallen war. Nun stand er hier, in einem Büro, das in jeder Behörde hätte existieren können. Deckenhohe Aktenschränke an drei von vier Wänden, die einem Klaustrophobiker Freude bereitet hätten. Immerhin mit hellen Fronten, sodass sie bloß halb so erschlagend wirkten. Für mehr Wuchtigkeit sorgte der dunkle, mit Akten übersäte Schreibtisch auf dem anthrazitfarbenen Teppichboden.
Der Mann mittleren Alters, dessen dunkelbraune Haare bereits von grauen Strähnen durchzogen waren und einen schütteren Kranz bildeten, wirkte keinesfalls so, als hätte er große Lust, eine ausführliche Auskunft zu erteilen. Leiernd erwiderte er: »Nein, nicht freigesprochen. Die Freiheitsstrafe, die verhängt worden ist …«
»Ja, schon verstanden«, unterbrach Christian den Rechtspfleger. »Aber das heißt, sie kann das Gefängnis heute verlassen, richtig?« Es war kaum zu glauben, dass es so gut für Kora ausgegangen war. Mental hatte er sich darauf vorbereitet, dass die junge Frau noch ein paar Monate dranhängen musste.
Sein Gegenüber war immun gegen diese Freude. »Sie kann das Gefängnis nicht verlassen, sie muss es.« Mit dieser Korrektur wandte er sich seinen Akten zu, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen.
Zwar ging Christian die Wortklauberei unglaublich auf die Nerven, doch der größte Dämpfer war die geänderte Formulierung selbst. Sie musste das Gefängnis verlassen. Na großartig. Und dann? Die eine Frage würde er noch riskieren, obwohl der Beamte sich viel Mühe gab, seinen Gast zu ignorieren. »Mal angenommen, jemand hat keine Bleibe …«
»Dann kümmert sich der Sozialdienst der jeweiligen Anstalt im Vorfeld in Zusammenarbeit mit dem Häftling um eine annehmbare Lösung, durch die dem Betroffenen der kleinstmögliche Schaden entsteht.« Der Vortrag des Rechtsgelehrten ließ offen, ob sich der kleinstmögliche Schaden nun auf den Häftling oder die Staatskasse bezog. Vermutlich ein Kompromiss, mit dem beide unzufrieden waren. Na ja, das klang so, als hätte es jemand auf dem Schirm.
»Vielen Dank für Ihre Zeit und noch einen schönen Tag«, verabschiedete sich Christian mit widerlich klebriger Freundlichkeit, doch der verdutzte Blick des Rechtspflegers war es ihm wert. Zumal der Dank keinesfalls geheuchelt war. Trotzdem konnte er den Kerl nicht leiden.
Während er eilig die tristen Büroflure entlanglief, kam in ihm unweigerlich die Frage auf, warum in drei Teufels Namen er sich überhaupt beeilte. Die Zeit, die er vor dem Aufzug wartete, eignete sich vortrefflich zum Grübeln. Was jetzt? Er hatte erfahren, was er erfahren wollte. Er konnte nach Hause fahren und in aller Ruhe seine Lernunterlagen durchstöbern – oder eine Folge seiner Lieblingskrimiserie schauen. Vielleicht würde er ein paar Leute aus der Ausbildung einladen, mit denen er in letzter Zeit häufiger zusammen büffelte. Dazu eine leckere Pizza oder Caren brachte zufällig Kuchen mit. Eine verführerische Vorstellung. Vermutlich würde er den Abend sogar genießen, ohne sich ständig zu fragen, was mit Kora Ottmann geschehen war.
Andererseits erwartete er weder Besuch noch stand irgendeine wichtige Klausur an. Außer die Prüfung zum Rettungssanitäter in wenigen Wochen. Somit hatte er die freie Wahl.
Beinahe alles klang verlockend, er jedoch entschloss sich, dass er sich ein Bild davon machen würde, wie dieser kleinstmögliche Schaden in der Justiz aussehen mochte. Wenn er Kora an der JVA verpasste, konnte er immer noch in sein gemütliches, warmes Zuhause fahren. Würde das Thema Helferkomplex in irgendeiner Klausur vorkommen, es wäre die erste, für die er sich das Lernen sparen konnte.
Noch immer in Gedanken lief er zurück zur Straßenbahn. Wie er in die Linie Fünf kam, die in der Nähe der Haftanstalt hielt, war seine geringste Sorge. Was ihn wohl erwartete? Im Idealfall verpassten sie sich wirklich, dann hätte er endlich einen Vorwand, die Flinte ins Korn zu werfen. Wie ein verdammter Spieler, der seinen letzten Groschen mit dem Gedanken versenkte, eine Runde ohne Gewinn und ich geh nach Hause.
Was sollte er überhaupt sagen, wenn er an die Tür der JVA klopfte? Hallo, ich heiße Christian und wollte mal fragen, ob Kora Ottmann zum Spielen rauskommt? Trotzdem saß er wenige Minuten später in der Bahn in Richtung Köln-Ossendorf, ohne neue Erkenntnisse. Nur die Fragen vermehrten sich in seinem Kopf. Was, wenn sie keine Bleibe hatte? Ihr seine Couch anzubieten, ging dann doch ein Stück zu weit. Hatte die Fahrt schlicht und ergreifend etwas mit einem Phänomen zu tun, das er Gaffern vorwarf? War es reiner Voyeurismus?
Warum hatte er nicht einfach auf den Brief geantwortet und ihr ein schönes Leben gewünscht? Aber nein, er wollte das persönlich übernehmen. Christian lächelte bitter. Seine Harmoniesucht brächte ihn irgendwann unter die Erde.
s ist dumm, hier zu stehen. Ich habe so viel anderes zu tun, als dem Lachen der Kinder zuzuhören. Das rhythmische Quietschen der Schaukeln, nur vom Rascheln der Blätter und gelegentlichem Ruckeln eines Motors unterbrochen, hält mich gefangen, obwohl ich es längst nicht mehr bin. Ich bin frei. Seit Minuten rattern diese Worte durch meinen Schädel, auf der Suche nach einem Quäntchen Glück oder Erleichterung. Erfolglos. Die unbeschwerten Rufe von der anderen Straßenseite kommen dem, was ich wohl empfinden sollte, am nächsten.
Dagegen steht das Gewicht des Ordners, den ich mit beiden Händen umklammert halte. So schwer, so gewichtig, so wichtig. Der Schlüssel zu einem geregelten Leben und gleichzeitig der Klotz Beton an meinen Füßen. Ich meide es, ihn anzusehen, um seiner Schwärze zu entgehen. Seiner Macht, welche die niedergeschriebenen Dinge in meinem Kopf haben, sobald ich sie zulasse.
Stattdessen flüchte ich mich in das friedliche Bild vor mir. Wer weiß schon, wann dazu wieder die Möglichkeit besteht? Was mich an der nächsten Häuserecke erwartet? Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken, die Rufe vermischen sich in meinem Kopf zu Altbekanntem.
Teddybär, Teddybär, dreh dich um.
Genau, Teddybär, dreht dich um – und lauf. Lauf und komm nie mehr zurück, schießt es mir durchs Hirn. Das Hirn und das Herz eines Feiglings. Wie ein freies Radikal rast lodernder Zorn quer durch meine Gedanken; legt sich über alles, das den kleinsten Widerstand bietet. An vorderster Front stehe ich selbst, reglos, statt nur einen Schritt in Richtung Zukunft zu tun.
»Hi, ich …«
Wie ein Kanonenschlag detoniert die Stimme direkt neben mir. Baxter, kommt es mir urplötzlich in den Sinn, als schon die ersten Flyer, die ich achtlos in den Ordner gepfeffert habe, zu Boden segeln. Ich will sie greifen, fliehen, doch das schwarze Monster in meinen Händen hält mich an Ort und Stelle; die Angst verbietet mir jede Bewegung, sodass einzig mein Blick hektisch zwischen den Variablen springt. Am Fremden bleibt er endlich hängen, woraufhin sich die Panik verzieht, um der Verwirrung Platz zu machen, die sich ebenso in Christians Augen widerspiegelt.
Mit erhobenen Händen steht er da, die Stirn in tiefen Falten. »Tut mir leid, ich wollte dich … Sie nicht erschrecken.«
»Klar, ich mein, schon okay, ich …«, stammle ich heiser, während sich meine bebenden Finger in den Ordner krallen. »Ich war in Gedanken. Meine Schuld.« Es ist mir ein Rätsel, was er ausgerechnet heute an diesem Ort treibt, aber bei ihm kann ich mir sicher sein, dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Außer die, dass ich mal wieder wie ein gescheiterter Junkie wirkte, der nichts auf die Reihe bekommt. Also reiße ich mich zusammen, konzentriere mich auf das Hier und Jetzt, um mich nach meinen Sachen zu bücken, die wie eine kunterbunte Collage meines Lebens auf dem Gehweg verstreut liegen.
Leider bin ich zu langsam. »Ich mach schon«, kommt Christian mir zuvor, was ohne Gepäck und butterweiche Knie eine Leichtigkeit ist.
Mit angehaltenem Atem beobachte ich, wie er die Zeugen meiner Existenz vom Boden aufliest. Reduziert auf fettgeschriebene Schlagworte. Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Drogenentzug, Sozialhilfe, Schulden, psychosoziale Begleitung. Für den Fall, dass er in der Zwischenzeit das ein oder andere Detail vergessen haben sollte, wäre das geklärt.
»Alles klar?«, fragt Christian, als er mir die Flyer überreicht. Falls er in irgendeiner Form enttäuscht ist, verbirgt er das gut. Die Falten auf seiner Stirn lassen ihn vielmehr besorgt aussehen.
Die Frage zwingt mich zum Handeln; vertreibt endlich einen Teil der jämmerlichen Rehstarre. Ich räuspere mich, nicke, nehme die Papiere entgegen und versuche sie zurückzustecken, den Ordner mit einer Hand an meinen Oberkörper gelehnt.
»Hast du da vielleicht eine Klarsichthülle oder so drin?«, rät mir Christian in vorsichtigem, beinahe entschuldigendem Tonfall. »Oder ich pack sie dir hinten in die Tasche. Sonst fallen die dir an der nächsten Ecke wieder raus.«
»Danke.« Ich beiße mir auf die Lippen, verdränge den erneut aufkeimenden Zorn, nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein. Im Stillen regiert in mir vor allem die Erleichterung, dass Christian geduldig wartet, bis ich die bunten Infoblättchen in eine Folie gestopft habe. Außerdem ist da noch eine Frage, die ich mir stelle, seit er aufgetaucht ist: »Was machst du … Sie hier? Also hier.« Ich deute auf die hohen Mauern hinter mir, deren Sims ein hochpotenter Stacheldraht säumt. Sicher nicht sonderlich höflich, doch ich kann mir keinen Reim darauf machen. Meinetwegen wird er kaum hergekommen sein – nur eine andere Erklärung kommt mir beim besten Willen nicht in den Sinn. »Ich meine …«
»Na ja, ich …«, fällt Christian mir zeitgleich ins Wort, was in verlegenem Schweigen mündet.
Soll er nur reden. Ich reite mich ja ohnehin nur noch weiter rein.
Zu meinem Glück versteht er den stummen Wink. »Ich könnte behaupten, es wäre Zufall«, meint er und für eine Sekunde kaufe ich ihm die Gelassenheit ab, mit der er interessiert die Mauer hinter mir betrachtet. Sein Blick gleitet zu Boden, zum Spielplatz auf der anderen Straßenseite. »Eigentlich wollte ich zur Hauptverhandlung kommen, aber irgendwie habe ich verpennt, dass die vorverlegt wurde. Wegen der Arbeit habe ich sie dann verpasst und gefragt, wie es ausgegangen ist und als ich gehört habe, dass du heute entlassen wirst, dachte ich, ich komme vorbei, um …« Inzwischen schaut er mich unschlüssig an, während die Worte stockend über seine Lippen kollern. »… zu fragen … wie es läuft. Also ursprünglich, um dir Alles Gute zu wünschen, aber …« Offensichtlich wäre das zu viel des Optimismus.
Dass er tatsächlich wegen mir hergekommen ist, lässt mich schlucken. Es ehrt mich, es rührt mich, doch gleichzeitig lädt sich vor mir eine riesige Verantwortung auf, meinen Zweifeln zu widerstehen. »Es«, krächze ich, räuspere mich in dem Versuch, das innere Inferno zu überspielen, »läuft.« So die reelle Einschätzung meinerseits. »Irgendwie.« Ich bemühe mich um ein Lächeln, spüre aber, wie meine Lippen bloß zittrig in die Höhe zucken, als ich den Ordner anhebe, um die Worte zu unterstreichen. Das Brennen in meinen Augen, welchen Ursprungs es auch sein mag, unterdrücke ich mit aller mir zur Verfügung stehenden Macht.
»Sieht nach viel Arbeit aus«, bemerkt Christian mit einem flüchtigen Lächeln. »Musst du das alles lesen?«
»Das ist der Schriftverkehr der letzten Wochen.« Ich spüre, wie ein Teil der Anspannung von mir abfällt. Wie sich mein Herzschlag beruhigt und sich meine Stimme festigt. »Das meiste kenne ich schon, aber was jetzt wird, das muss ich halt regeln.« Wieder zucken meine Mundwinkel in die Höhe. »Ist ja noch genug Platz für mehr Papier.«
»Viel zu regeln?«
Ich hadere mit mir, ob es mir lieber gewesen wäre, wenn er die Oberflächlichkeit bewahrt hätte. Ob ich sie wahren soll? Prüfend mustere ich ihn. Frage mich, ob er sich mit einem einfachen Ja zufriedengeben würde. Denke zurück an die Flyer auf dem Boden. Es ist meine Chance, eine Menge richtigzustellen. »Mir einen Hausarzt suchen, der mir die Opioidblocker verschreibt; das Arbeitsamt wegen Arbeitslosengeld kontaktieren; mit der Versicherung telefonieren, damit ich versichert bin; Unterkunft, vielleicht neue Klamotten, Arbeit. Leben eben.« Genau, so ist das Leben nun einmal. Kein Grund, in Panik auszubrechen. Eins nach dem anderen.
Christian sieht mich mit großen Augen an. »Da bist du die nächsten Tage ja gut beschäftigt.«
Das hysterische Lachen, das sich meine Kehle hochkämpft, entzieht sich meiner ach so tollen Kontrolle. »Die nächsten Tage ist gut.« Wenn es nach den Ämtern ginge, hätte ich es besser gestern als heute erledigt. Christian ist allerdings der Letzte, den ich volljammern will, weshalb ich schnell hinterherschiebe: »Aber ich krieg das hin. Ich …« Ja, was? Was werde ich tun? Aufgeben schon einmal nicht, nur wo anfangen? Es brennt an allen Enden. »Vermutlich ist es das Beste, wenn ich mir zuerst eine Unterkunft suche.« Alles andere ist genauso wichtig, aber wenn ich mich zu spät kümmere, steh ich heute Abend ohne Dach über dem Kopf da. Allein. Dann wäre eh jede Liebesmüh vergebens.
Stumm nickt Christian. Kein Wunder, an seiner Stelle wüsste ich genauso wenig, was ich antworten sollte. ›Jo, super Plan‹ oder ›Gute Idee‹ wären adäquate Reaktionen, aber auch nur, weil es an Alternativen mangelt. Wahrscheinlich ist es der deprimierendste Small Talk, den er seit Langem geführt hat. »Adressen von Notschlafstellen hast du?«, fragt er schließlich.
»Genug, denke ich mal«, entgegne ich, diesmal um Gelassenheit bemüht, obwohl mich die Erinnerung an meinen letzten Gang zu einer dieser Einrichtungen frösteln lässt.
In Christians Miene flammt ein erleichtertes Lächeln auf. »Soll ich mitkommen? Also, nur auf dem Weg.«
Ungläubig starre ich ihn an. Warum?, frage ich mich. Warum tut er das?
»Ich kann auch gehen, also, ich kann mir denken, dass es irgendwie komisch aussieht, wenn ich plötzlich auftauche und … Jedenfalls wollte ich mich nicht aufdrängen, ich dachte nur …«
»Gern«, unterbreche ich seinen Schwall an Rechtfertigungen. »Also, wenn du willst, kannst du mitkommen.« Ich verstehe nicht, warum er das tut, aber nicht alleine zu sein, wenn ich gleich zum zweiten Mal vor dem Haus der Rosen stehe, bei dem ich um Asyl bitten will, das erscheint mir eine verdammt gute Idee.
So viel dazu, dass alles seinen Gang ging, dachte Christian bitter, als sie in der U-Bahn saßen. Bei den Worten des Rechtspflegers, es würde sich um eine Lösung gekümmert, hatte er nicht an eine Infobroschüre zu Notschlafstellen oder Obdachlosenvereine gedacht. »Hat sich in den letzten Tagen jemand mal mit dir hingesetzt, wegen einer Bleibe?« Sein Tonfall hinterließ einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, doch der galt nicht Kora, die aufschreckte, ehe sie seinem Blick auswich.
Stattdessen schaute sie aus dem Fenster, als sie kleinlaut die Schultern hob. »Schon.« Beinahe übertönte das Kreischen der Räder auf den stählernen Schienen ihre gemurmelten Worte. »Ist halt schwierig, ohne Entlassungstermin, konkret zu suchen.«
Da war was dran, musste Christian gestehen. »Klar, verstehe ich ja«, räumte er ein, während die Zeit seine Wut in Hilflosigkeit umwandelte, die noch viel ätzender war. »Aber das ist doch so keine Lösung. Zumindest keine Gute.«
Erneut hob Kora die Schultern. Für einen flüchtigen Moment schaute sie zu ihm herüber. »Na ja, ich bin ja entlassen. Also ist die Justizbehörde für mich nicht mehr zuständig.« Ihr Blick, während sie das sagte, war trüb. Die Mundwinkel zuckten müde, als sie sich wieder dem Fenster zuwandte. »Willkommen in Deutschland.«
Nicht mehr zuständig. Wunderbar. Das war eine Denkweise, mit der es das System weit bringen würde. »Also wäre es für dich besser gewesen, wenn die Strafe höher ausgefallen wäre«, konstatierte Christian kühl. So hatte Kora zwar die kürzere, aber am Ende härtere Quittung erhalten.
Das Schluchzen der jungen Frau ließ ihn aufschauen, doch da bemerkte er, dass er sich geirrt hatte. Sie hatte gelacht. Ihre schmalen Lippen zierte noch immer ein kaltes Lächeln. »Irgendwie schon. Ich wäre zurück in meine Zelle, hätte gewusst, wann ich rauskomme, und mir in aller Ruhe was suchen können. Eine Bewährungsstrafe wäre auch okay gewesen, dann hätte ich einen Bewährungshelfer bekommen.« Ihr Lächeln verschwand, als sie den Kopf an die Glasscheibe lehnte, die den Eingangsbereich hinter ihr von der Sitzgruppe trennte. »Aber andere Leute kriegen das ja auch hin. Job, Wohnung und so weiter. Wird schon klappen.« Den Optimismus suchte man in ihrer Stimme jedoch vergebens.
Zumal andere Leute selten ohne eigene Bleibe dastanden. »Eine verschenkte Chance ist es trotzdem«, murmelte Christian halblaut, als auch er aus dem Fenster schaute. »Dich damit allein zu lassen, meine ich.« War nicht jeder, der es von der Straße wegschaffte, ein Gewinn für die Stadt? So konnte man sich die Beschwerden über das ach so verschandelte Bild der Innenstadt sparen oder darüber, dass so viele Menschen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung standen.
»Ist ja nicht so, als wäre es was Persönliches«, entgegnete Kora nach kurzem Zögern. »Auf der Straße hab ich ein paar getroffen, die so auf der Platte gelandet sind. Ungeplante Entlassung und dann hängen geblieben. Wenn man eh bei den alten Kumpels sitzt, warum nicht wieder anfangen zu saufen? Wenigstens ist man da kein Sandkorn im Getriebe, sondern hat jemanden zum Reden. Dem es genauso geht. Man ist halt nicht allein. Irgendwie schon, aber … anders als beim Jobcenter oder so.«
Nachdenklich musterte Christian ihr Gesicht. Sie schaute aus dem Fenster. Ihre Pupillen zuckten hektisch von einem Punkt zum anderen. Es war schwer zu sagen, ob sie ihm aus Scham auswich, oder ob es Angst war. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie ihre Ehrlichkeit bereute. »So gesehen, verstehe ich es irgendwie«, murmelte er. »Wenn man überall bloß Schläge kassiert, ist es sicher …« Er stockte. Wie war es dann, auf der Straße einen Platz zu haben? Toll? Annehmbar? Erträglich?
»Beschissen, aber kalkulierbar«, half ihm Kora müde lächelnd auf die Sprünge. »Das war mein Motto, auch, wenn es gelogen ist. Die Einschläge habe ich trotzdem nicht kommen sehen. Ich konnte es mir aber zumindest einreden.«
So, wie sie sich eingeredet hatte, bloß eine Erkältung zu haben, statt geradewegs in einen kalten Opioidentzug zu rutschen, erinnerte sich Christian. Andererseits brauchte man vermutlich in einer solchen Situation viel Fantasie, um mit der eigenen Lage klarzukommen. »Was ist jetzt dein Motto?« Die Frage war zu schnell draußen, als dass er die Dämlichkeit lange hätte bewundern können.
Zu seiner Erleichterung schien Kora bloß verwundert, ehe sie, zu seinem noch größeren Erstaunen, schmunzelnd eine Augenbraue hob. »Mein Motto?«, fragte sie, während sie zwischen ihm und dem Ordner auf ihrem Schoß hin und her sah. »Bis zum Horizont und noch viel weiter, keine Ahnung.« Der Glanz verschwand aus ihren Augen. »Zuerst regle ich meinen Kram. Dann mal sehen.«
»Gibt schlechtere Pläne«, erwiderte Christian zufrieden, obwohl ihm ihre Wortwahl kleine Stiche versetzte. Horizont, Dinge regeln. Es war wie eine unheilvolle Wolke am Firmament, die sich unaufhaltsam auf ihn zuschob.
»Finde ich auch«, hörte er Kora sagen, während er die Leute beobachtete, die mit ihnen in dem Waggon saßen; die aufstanden, als sie sich der nächsten Station näherten; für sich blieben, in ihren Büchern, der Musik aus ihren Kopfhörern oder Gedanken versanken. Koras Tonfall, nachdenklich, beiläufig, sagte ihm, dass das Gewitter näher kam. »Warum tust du das, Christian?«
Da war er. Der Einschlag, den er sehr wohl hatte kommen sehen. Er rührte sich keinen Millimeter. Stattdessen musterte er weiterhin die Menschen, von denen sich vermutlich niemand vorstellen konnte, nach Feierabend einen obdachlosen Ex-Sträfling von der JVA abzuholen und nach Nippes zu begleiten, was in gewisser Weise auch besser so war. »Das«, sagte er, ehe er sich von den Mitreisenden losriss und mit müdem Lächeln zurück zu Kora sah, »ist eine verdammt gute Frage.« Aber inzwischen kannte er einen Teil der Antwort. »Es gibt bestimmt jede Menge Leute, die mich für bescheuert erklären würden, wenn sie wüssten, was ich gerade mache. Von wegen Helfersyndrom und so weiter.«
Kora hob unschlüssig die Schultern. »Schon möglich.«
»Und ein bisschen bekloppt finde ich es selbst«, gab er zu, womit er wahrscheinlich jeglichen Funken Vertrauenswürdigkeit verlor, »aber ich mag es, wenn Geschichten gut ausgehen.« Das fasste es recht treffend zusammen. »Wie gesagt, eigentlich hatte ich dir nur alles Gute wünschen wollen. Dich einfach so stehen lassen, wäre aber genauso wenig fair gewesen.«
Unsicher schaute sie zu ihm herüber. »Du hättest es trotzdem nicht gemusst. Du kannst schließlich nichts dazu, wie das alles gelaufen ist.« Sie schluckte, schaute hinab auf den schwarzen Ordner. »Du hast mir oft genug geholfen.« Mit zusammengepressten Lippen hob sie tapfer den Blick. »Das heißt aber nicht, dass du für mich verantwortlich wärst oder so. Dafür muss ich selber geradestehen.«
»Ich weiß.« Das war Christian im Grunde nur allzu klar. »Aber schaden tut es ja nicht, oder?«
Ein Lächeln huschte über Koras Gesicht. »Nein, tut es nicht. Mir jedenfalls nicht.« Diesmal waren absurderweise bei ihr die Sorgenfalten zu sehen. »So oft gehen Geschichten nicht gut aus?«
»Mal so, mal so«, entgegnete Christian, wobei ihm die Gelassenheit, die er an den Tag legte, sehr leicht fiel. Denn es stimmte. »Wenn ich mein BWL-Studium durchgezogen hätte, hätte ich weniger davon mitbekommen, aber das Wahre wäre das auch nicht gewesen. Zumindest nicht für mich.« Nicht mehr.
Mit großen Augen starrte Kora ihn an. Fehlte nur, dass ihr die Kinnlade herunterklappte. Auf ihrer Stirn stand quasi in Leuchtbuchstaben, mit blankem Unglaube unterstrichen: »BWL?«
Die Reaktion belustigte ihn jedes Mal aufs Neue. Es funktionierte genauso in der anderen Richtung, wenn er ehemaligen Klassenkameraden oder Kommilitonen erzählte, was er heute trieb. Die kindliche Freude darüber, tropfte jedoch in dem Moment von seinem Gesicht, als er sich daran erinnerte, warum das alles anders gekommen war. Ob es eine gute Idee war, damit rauszurücken? Dass es zu persönlich wäre, war seine geringste Sorge. Aber vielleicht verstand Kora es dann ein wenig besser. »Jemand aus meiner Zenturie, äh, sowas wie Jahrgang, hat sich das Leben genommen.«
»Er ist …«, stammelte Kora perplex, woraufhin Christian den Kopf schüttelte.
Das lässige Schulterzucken war reines Theater. In Wahrheit schnürte ihm allein die Andeutung des Themas die Brust zu. »Jedenfalls hab ich seit dem etwas andere Prioritäten. Besser spät als nie.«
»Tut mir trotzdem leid«, entgegnete Kora, wie man es halt tat, wenn Menschen einem so etwas erzählten.
»Braucht es nicht.« Das meinte Christian so, wie er es sagte. »Da kannst du ja auch nichts für. Und ich war zumindest nicht allein.« Aber Simon, der war es gewesen.
Ich könnte es Christian nicht verdenken, wenn er bei mir eine ähnliche Gefahr wittert. Dass ich eines Tages einfach Schluss mache. Reset. Oder besser Blackout. Ob er mich deshalb begleitet? Es gab in meiner Vergangenheit genügend Situationen, in denen ich darüber nachgedacht habe. Schweigend setze ich einen Fuß vor den anderen, als wir den Bürgersteig entlanglaufen. Ein stinknormales Wohngebiet. Lauter niedliche Doppelhaushälften, Reihenhäuser, Mehrparteienklötze, aber alles beschaulich, wenn auch auf den zweiten Blick in die Jahre gekommen. Es ist eine angenehme Stille, die ich durchbreche. »Ich kann mich nicht umbringen.« Subtil und elegant wie ein besoffener Panda im Bälleparadies. Genau mein Stil.
Christians Gesichtsausdruck zufolge fragt er sich, ob dieser Bewusstseinszustand auch auf mich zutrifft.
Ich räuspere mich. Zugegebenermaßen ist einiges an Kontext verloren gegangen. »Ist nicht so, als hätte ich das jemals versucht, aber immer, wenn mir der Gedanke kam, dass andere sich an meiner Stelle in den nächsten Fluss stürzen würden, hat sich alles in mir dagegen gewehrt.« Den Schritt einmal zu gehen, ist mir unvorstellbar. Selbst in diesem Moment. Oder besser gesagt, sogar als ich mutterseelenallein vor der JVA stand. Jetzt erst recht nicht.
»Bei dir klingt es, als wäre das was Schlechtes«, wirft Christian skeptisch ein.
Ich zucke mit den Schultern. »Manchmal kam es mir so vor.« Wie ein selten dämlicher Gendefekt. Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, denn so, wie ich mich in besagten Momenten für meine Feigheit vor dem Tod geschämt habe, schäme ich mich nun für meine Feigheit gegenüber dem Leben.
»Kora, es gibt nichts Schlechtes daran, Lebenswillen zu haben.« Es ist überhaupt das erste Mal, dass Christian mir direkt widerspricht, statt bloß eine andere Meinung zu haben. »Dass du dir den bewahrt hast, ist vielmehr bewundernswert.«
Ich schaue ihm in die Augen, in denen ein energisches Funkeln liegt. Bewundernswert. Die glühende Flamme des Stolzes, die ich spüren sollte, ist bloß ein entferntes Glimmen. »Ist es das?«, frage ich, obwohl mir unerklärlich ist, woher ich den Mut nehme, diese Worte laut auszusprechen. Vielleicht weil, immer wenn ich mit diesem Thema konfrontiert werde, meine Realität in eine Art theoretische Dimension stürzt. Als wäre nichts mehr von dem, was passiert, echt. »Ist es noch bewundernswert, wenn man frierend und zitternd in einer Spundwand hängt, in den Lauf einer geladenen Waffe schaut und, obwohl man weiß, dass ein Großteil der Gesellschaft die eigene Existenz verachtet und der Rest sie ignoriert; obwohl das eigene Leben ein einziger Scherbenhaufen ist, der ohnehin in ein paar Minuten passé ist; obwohl es eigentlich nichts gibt, für das man kämpfen könnte, nicht einfach loslassen kann?« Bis heute ist es mir unbegreiflich, was damals in meinem Kopf vor sich gegangen ist. »Ich habe nicht an Merlin gedacht, der sich vermutlich riesige Vorwürfe gemacht hätte. Nicht an dich oder irgendjemand anderen, der mir jemals auf die Beine geholfen hat. Nicht an irgendeinen Gott, der mir dann, was weiß ich, zweiundsiebzig Jungfrauen verwehrt hätte, oder so. Ich wollte nur nicht sterben und ich habe keine Ahnung, warum.« Hätte ich nicht allen Grund gehabt?
»Vielleicht, weil du wusstest, dass es doch besser werden kann«, vermutet Christian, ohne zu zögern. »Bestimmt hätten in so einer Lage viele anders reagiert. Aus Angst, Panik. In solchen Extremsituationen denkt niemand groß nach. Wir kämpfen instinktiv um unser Leben. Weglaufen, kämpfen, wofür auch immer wir uns entscheiden. Das ist normal, so, wie es sein soll.«
Ich spüre, wie sich meine Mundwinkel zu einem hohlen Grinsen verziehen. »Wäre es schiefgegangen, wäre es dumm gewesen.« Dann wäre ich wie ein Schaf in die Arme meiner Mörder gelaufen, ohne mich zu wehren. Wobei, gewehrt habe ich mich ja doch. Irgendwann. »Na ja, es ist nicht schiefgegangen. Jedenfalls beweist es, dass es eine ganze Menge braucht, bis ich die Flinte ins Korn werfe.« Womöglich zu viel. »Und du hast auch recht: Weitermachen ist die einzige Chance, damit es besser wird.« Obwohl ich den Glauben daran oft als Naivität verdammt habe, bleibt es wahr.
»Immerhin hast du so etwas wie einen Plan.« Zuversichtlich deutet Christian auf den Ordner in meinen Händen.
Unschlüssig darüber, ob diese ausgeklügelte Sammlung aus Zetteln mir mehr hilft, als mich niederdrückt, betrachte ich die Deckpappe. »Ja, große Pläne.« Meine Entgegnung klingt weniger optimistisch, was ich mit einem Lächeln zu kaschieren versuche. »Wie weit ich komme, wird man sehen.« Zumindest bis hierher habe ich es geschafft, sage ich mir, als ich stehen bleibe.
Vom Bürgersteig aus führt ein schmaler Pfad über eine zweckmäßige Grünfläche zu einem der vielen Doppelhäuser. Unter dem Grauschleier der Fassade schimmert etwas hervor, das vielleicht mal ein strahlendes Gelb gewesen ist. Was das Gebäude von den Umstehenden unterscheidet, ist das Schild neben der Klingel. Es ist größer. Die in Messing geätzten Buchstaben lassen sich aus der Entfernung schlecht entziffern, doch die Adresse ist mir wohlbekannt. Das Haus der Rosen. Ein Zufluchtsort für obdachlose Frauen.
Unsicher schaue ich zu Christian. »Ist wohl besser, ich gehe da alleine hin.« Nicht, dass ich das unbedingt will. Das absolute Gegenteil ist der Fall. Weglaufen oder mit Christian dreimal um den Block spazieren, klingt tausendmal besser. Besser als diesen Pfad zu der geschlossenen Tür zu laufen, die eine mir vollkommen fremde Person öffnen und mir Fragen über mein Leben stellen wird. Aber es ist mein Leben. Das hier muss ich tun. Allein.
Christian, der sich die Zeit nimmt, das Haus einige Sekunden zu betrachten, scheint das zu verstehen. »Denke ich auch. Das schaffst du. Dann sag ich mal: Alles Gute.« Zum Abschied streckt er mir seine Hand entgegen.
Ich klemme mir den Ordner unter den Arm und schlage zögerlich ein. Alle mir gegebene Zuversicht lege ich in das letzte Lächeln, das ich mir abringe. »Danke noch einmal. Auch fürs Mitkommen.«
»Gern.« Ich suche Anzeichen einer Lüge. Für Heuchelei. Für Spott. Erfolglos. Es wäre in gewisser Weise leichter, wenn Christian es nicht so verflucht ernst meinen würde.
Zögerlich schaue ich über meine Schulter zur Tür der Notunterkunft. Der Kontrast zwischen der netten Plauderei zu meinen schlimmsten Befürchtungen könnte größer kaum sein.
»Soll ich mitkommen?«, höre ich Christian sagen, doch ich schüttle den Kopf.
»Aber«, setze ich unsicher an. Es ist nicht allein Stolz, mit dem ich ringe, wenn er auch der größte Gegner ist. Meine Ohren glühen. Ich kann fühlen, wie sie förmlich vor Röte leuchten. Es sind bloß zehn Schritte und eine kleine Handbewegung, die mich unendliche Überwindung kosten. Eine Leichtigkeit, möchte man meinen. Kinderleicht. Nur für mich nicht. »Aber du könntest warten, bis ich geklingelt habe.« Todesmutig schaue ich ihm ins Gesicht, als er schweigt.
Keine Häme. Kein Gelächter. »Falls du keinen Platz kriegst?«, fragt er, ohne mich in irgendeiner Weise zu bewerten.
Seine Vermutung ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Er verdient die Ganze. »Damit ich wirklich hingehe.« Anders als beim letzten Mal.
Auf seiner Stirn ploppen Fragezeichen auf, aber diese Episode, als ich zuletzt zu dieser Tür gegangen bin, behalte ich vorerst für mich. Als mir der Mut gefehlt hat, ich mich stattdessen in einem Park verkrochen habe. Eine gottverdammte Dummheit, die ich mit einer Tracht Prügel bezahlt habe.
Auf dem Weg zum Eingang der Notunterkunft umschlinge ich den Ordner in meinem Arm fester. Wie einen sehr kantigen, unbequemen Teddybären. Der Kinderreim kommt mir in den Sinn. Ob die Erinnerung es ist oder die Tür, die mit jedem Meter zu wachsen scheint; eines von beidem sorgt dafür, dass der Kloß in meinem Hals unangenehme Dimensionen annimmt. Jeder Schritt ist merkwürdig leicht. Fast schwebend. Das Geräusch meiner ausgetretenen Schuhe auf den schiefen Gehwegplatten klingt seltsam. Unpassend. Als wäre nichts hier echt. Nur, wenn es das nicht wäre, würde mein Herz sich wohl kaum so sehr dagegen sträuben, mich diesem Haus zu nähern. Wie damals in der Grube, als Merlin mich zur Obdachlosenspeisung mitgenommen hat. Ein Schild aus Ablehnung, Trostlosigkeit, Bevormundung, den ich gewaltsam durchdringe; der mich niederdrückt.
Mein eigener Herzschlag dröhnt mir in den Ohren, als ich vor der Tür stehen bleibe. Er übertönt das energische Meckern eines Vogels. Mein Finger, der für einen Sekundenbruchteil zögernd vor dem Knopf verharrt, zuckt im selben Takt wie das rhythmische Pulsieren, das mich durchströmt; das mich zu zerreißen droht, als das schrille Läuten die trügerische Stille durchzieht.
Nachdem das Kreischen verklungen ist, glaube ich für einen Moment, die Zeit wäre stehen geblieben, bis die unheilige Symphonie in meinem Inneren erneut anstimmt. Erst ganz leise, doch mit jedem Atemzug erschüttert sie mich mehr. Das miese Gefühl in meiner Brust dehnt sich aus und in mir wächst der Wunsch, zu fliehen. Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, ich hätte es getan – wenn niemand es gesehen hätte. Heute steht allerdings im wahrsten Sinne des Wortes jemand hinter mir.
Zum Glück hat Christian keine Ahnung, dass ich ihn, obwohl ich es war, die ihn um diesen Gefallen gebeten hat, für seinen Judasdienst verachte. Für jeden Pulsschlag, der mich mehr ins Wanken bringt. Für jede Sekunde, die ich vor dieser Tür schmore, als wäre sie radioaktiv. Lebensfeindliches Terrain, das mir mit jedem Atemzug meine eigenen Zweifel vor Augen führt. Was, wenn ich keinen Platz bekomme? Wenn es so schlimm wie befürchtet wird? Wenn es meine kühnsten Vorstellungen übertrifft? Was, wenn ich ihnen zu wenig bedürftig bin? Zu jung? Zu alt? Zu kriminell? Zu suspekt? Zu unzuverlässig? Was, wenn ich nicht einmal hierfür genüge?
Unwillkürlich weiche ich einen halben Schritt zurück, als mit einem ohrenbetäubenden Klicken das Türschloss erklingt.
Die Hitze, die mir ins Gesicht gestiegen ist, wandelt sich in wummernde Kopfschmerzen. Dumpf, unangenehm, unnachgiebig. Ich beobachte gelähmt, wie die Tür nach innen aufschwingt und den Blick auf die dahinterstehende Nonne freigibt.
Schwarzes Gewand, die hohe, weiße Haube, die ihre Haare verdeckt. Ob sie bereits graue Strähnen hat? Neben den grünen Augen erkenne ich winzige Fältchen auf der sommersprossigen Haut. Sie ist definitiv älter als ich, doch um wie viele Jahre, ist mir ein Rätsel. »Ja, bitte?« Ihr Tonfall erinnert mich an eine der Aufseherinnen im Knast. Kühl, distanziert, aber keinesfalls desinteressiert.
Ich stehe stoisch da, meinen Ordner umklammert, mit dem Rucksack auf dem Rücken und frage mich, was sie hören will. Was ich zu sagen habe. Ich schlucke, bezweifle, ob ich überhaupt eine Stimme habe. Ein Recht auf eine Stimme; hier zu sein; um Hilfe zu bitten – obwohl ich es ganz allein vergeigt habe. Weglaufen, ermahne ich mich, ist keine Alternative. »Ha…«, setze ich heiser an, beinahe froh, auf diese Weise einen zweiten Versuch zu haben. »Guten Tag«, bemühe ich im nächsten Anlauf meine gute Kinderstube. »Mein Name ist Kora Ottmann«, und ich verkaufe Staubsauger der Marke Kobold, zischt mir eine fiese Stimme ins Ohr, doch der Anfang ist gemacht. Diesmal ziehe ich es durch. »Es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber ich wurde heute Mittag aus der Haft entlassen …« Ich räuspere mich, als ich höre, wie meine Stimme zu brechen und die Hitze meinen gesamten Körper zu versengen droht. »Also, bei der Verhandlung wurde entschieden, dass ich nicht mehr ins Gefängnis muss, aber ich habe keine Wohnung und jemand meinte, ich … ob ich, also nur übergangsweise, für ein oder zwei Nächte …«
»Schon gut, ich verstehe«, fällt mir die Nonne ins Wort, bevor ich vollkommen den Faden verliere.
Unendlich froh, schweigen zu dürfen, wenn es auch nur eine minimale Verbesserung der Situation ist, atme ich auf. Was hätte ich sonst sagen sollen? Jemand meinte, ich könnte hier einziehen? Merlin hat mich hergeschickt, sie würden mich schon durchfüttern? Ich komme mir so frech vor. Dreist. Schamlos, obwohl ich vor Scham am liebsten im Boden versinken würde. Daher bemerke ich auch erst jetzt etwas Verwirrendes.
Die Nonne schaut an mir vorbei. Ich ahne, wen sie da ansieht. »Ihr Bewährungshelfer?« Sie verzieht keine Miene.
Im Gegensatz dazu kann ich mir das unbeholfene Grinsen, das sich über mein Gesicht zieht, nicht verkneifen. Traurigerweise ziemlich nah dran. Ich drehe mich noch einmal zu Christian um, der die Szene beobachtet. »Nein, aber er war so nett, mich herzubegleiten.«
Als sich unsere Blicke treffen, hebt er die Augenbrauen.
Ich nehme all meine Zuversicht zusammen, ringe mir ein Lächeln ab und hebe die Hand. Ab hier muss ich alleine klarkommen.
»Ein Freund?«, fragt die Nonne, nachdem Christian sich zum Gehen gewandt hat.
Nachdenklich schaue ich dem jungen Mann hinterher, dem ich so viel Kopfzerbrechen bereitet zu haben scheine. »So was in der Art«, antworte ich ausweichend. In einer anderen Welt, unter anderen Umständen, wären wir vielleicht so etwas wie Freunde gewesen.
as einzige Licht, das den Flur erhellt, dringt aus dem Nebenraum. Die Lampe an der Decke ist ausgeschaltet. An einer Wand hängen einige vornehmlich dunkle Jacken, die in den schmalen Gang hineinragen. Sie lassen alles noch düsterer und enger wirken.
»Sie können Ihre Sachen hier abstellen. Ihre Schuhe können Sie anlassen. Wir gehen erst einmal in die Küche.« Mit der Hand deutet die Nonne zum Durchgang auf der linken Seite, durch den sich der Sonnenschein erahnen lässt.
