Frei wie ein Parasit - Fritzi S. Fischer - E-Book

Frei wie ein Parasit E-Book

Fritzi S. Fischer

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Beschreibung

Zwei Haftstrafen, eine Suchtkarriere und noch immer keine Bleibe. Die Startbedingungen sind alles andere als rosig, als Kora in die Freiheit entlassen wird. Trotzdem will sie um jeden Preis zurück in die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Zwischen Versicherungsschulden, Notschlafstellen, Zwist mit dem Arbeitsamt und einem wütenden Dealer im Nacken, stirbt sie einfach nicht: die Hoffnung, dass hinter all dem ein Leben wartet, für das es sich zu kämpfen lohnt. Ein Kampf, von dem auch Christian bloß ahnt, was er bedeutet, bis auch seine Zukunft mit einem Mal ins Wanken gerät und ausgerechnet seine Bekanntschaft zu Kora ihm droht, zum Verhängnis zu werden.

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Seitenzahl: 884

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Straßenkämpferherz

Frei wie ein Parasit

Roman

Fritzi S. Fischer

Alle Rechte bei Fritzi S. Fischer

Copyright © 2025

by Fritzi S. Fischer

Autorenstraße

PLZ Autorenort

www.autorenseite.eu

Textgutachten: Melanie Vogelsang

ISBN 978-3-384-49834-2

Content Notes

Triggerwarnungen

Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Menschen vermeiden wollen. Um diese Möglichkeit zu bieten, findet sich hier eine Liste der betroffenen Themen. Sie orientiert sich an den Warnhinweisen für anderweitige Medien wie beispielsweise von Filmen oder Computerspielen (PEGI) und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Um die Liste anzuzeigen, bitte den folgenden Text auf dieser Seite markieren.

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Angst Diskriminierung Drogenkonsum/Sucht körperliche/psychische Gewalt Depression/Suizidgedanken vulgäre Sprache

Inhalt

Frei wie ein VogelEin FreundWeltfrieden mit VollpensionIm SystemFeine ZwischentöneKinder, die was wollenEigentlich wie KriegTrübe VerhältnisseEin Kampf gegen SackrattenDer Preis blinden VertrauensQuality TimeDeJaVuAuslegungssacheDiskretion par excellanceDer Henker und das SchwurgerichtMittendrin statt nur dabeiSei ein GastWenn die Zeit renntIm körperwarmen HaifischbeckenGlückseligkeit unter VorbehaltNiemandes ProblemHagelschadenZu vielUnd wenn sie nicht gestorben sindCarpe DiemBitterer LuxusTonnenschwerVerkappte Helden und ein VollidiotFlashbackSchmerzhaftes VerstehenEin DingRelativität der ZeitVerdient

Frei wie ein Vogel

hris­tian war stolz auf sich. Oh­ne frem­de Hil­fe hat­te er es be­werks­tel­ligt, zurück auf die In­ten­sivs­ta­tion zu ge­lan­gen. Seit ei­ner Wo­che ab­sol­vier­te er hier ein Pfle­ge­prak­ti­kum, als Teil sei­ner Aus­bil­dung zum Not­fall­sa­ni­tä­ter. Den Weg zum Aus­gang fand er so­gar im Schlaf. Nur jen­seits die­ser be­kann­ten Pfa­de, da wur­de es eng. Ins­be­son­de­re, wenn er auf Rat­schlä­ge alt­ein­ge­ses­se­ner Kol­le­gen hör­te, die mit den Wor­ten »Nimm doch die Ab­kür­zung durch …« be­gan­nen. Das Ex­pe­ri­ment hat­te er heu­te auf dem Weg zum La­bor er­neut ge­wagt. Der Hin­weg war ein Kin­der­spiel ge­we­sen, aber wie er es ge­schafft hat­te, auf dem Rück­weg in der Kühl­kam­mer zu lan­den, das woll­te er gar nicht so ge­nau wis­sen. Viel­leicht der un­ter­be­wuss­te, sehr drin­gen­de Wunsch nach Ru­he. Wie viele Prak­ti­kan­ten dort wohl ver­schol­len waren oder für schlech­te­re Zeiten auf­be­wahrt wur­den? Von der August­hit­ze war da je­den­falls nichts zu spü­ren ge­we­sen.

Am blau-wei­ßen Tre­sen des Sta­tions­stütz­punkts an­ge­kom­men, seufzte er. Es war Zeit für den Feie­ra­bend. Hat­te er über­haupt ei­ne Pau­se ge­habt? Ja, doch, er­in­ner­te er sich dun­kel. Auch zu lan­ge her. Ge­nau­so wie der letz­te freie Tag. Ei­ne ge­fühl­te Ewig­keit. Ins­ge­heim är­ger­te er sich über die eige­ne Jam­me­rei. Da er aller­dings die ver­gan­ge­nen Wo­chen fast aus­schließ­lich Theo­rie­un­ter­richt ge­habt hat­te, war er nichts mehr ge­wohnt, was das Wort Schicht auch nur be­inhal­te­te. Außer viel­leicht Schicht­salat. Auf ih­re Wei­se hat­te die Ler­ne­rei ge­schlaucht, aber es war ja nicht so, als könn­te er plötz­lich da­mit auf­hö­ren. Immer, wenn er das Ge­fühl hat­te, ver­stan­den zu ha­ben, wie die Din­ge lie­fen, wur­de er ei­nes Bes­se­ren be­lehrt. Meist von den Pa­tien­ten. Sel­ten aus bö­ser Ab­sicht. Bei den meis­ten ih­rer Schütz­lin­ge wä­re die Be­haup­tung ei­ner be­wuss­ten Pro­vo­ka­tion ei­ne halt­lo­se Un­ter­stel­lung ge­we­sen, denn bei der Mehr­zahl be­schränk­te sich die An­we­sen­heit auf den körper­li­chen Part der Exis­tenz.

»Na, ge­dank­lich schon im Frei­bad?«, neck­te ihn Ina, ei­ne der In­ten­siv­schwes­tern. Sie war ei­nen hal­ben Kopf klei­ner als Chris­tian. Ih­re Körper­grö­ße stand wie ihr zier­li­cher Körper­bau im kras­sen Ge­gen­satz zu ih­rem aus­ge­präg­ten Selbst­be­wusst­sein. Ei­ne brau­ne Sträh­ne lug­te un­ter dem grün­li­chen Haar­netz her­vor. Sie ge­hör­te zu je­nen, die sich bis­her die größ­te Mü­he ge­ge­ben hat­ten, ihm alle Fra­gen zu be­ant­wor­ten. Außer­dem schleif­te sie ihn qua­si zu al­lem mit, was im Ent­fern­tes­ten als ›in­te­res­sant‹ be­zeich­net wer­den konn­te. Kur­zum: Sie war das Be­ste, das ei­nem Prak­ti­kan­ten pas­sie­ren konn­te.

Er­tappt spür­te Chris­tian, wie ihm die Hit­ze ins Ge­sicht stieg. »So halb«, ge­stand er klein­laut. Wo­bei sein Plan bis­her kei­nen Frei­bad­be­such vor­sah.

Inas Schmun­zeln flau­te ab. »Wo bist du ge­we­sen? Sten­ner hat dich ge­sucht.«

»Ich war un­ten im La­bor. Hat­te mir Sten­ner doch auf­ge­tra­gen.« Chris­tian ging das Ge­spräch in Ge­dan­ken durch, aber so­weit er sich er­in­ner­te, hat­te es un­miss­ver­ständ­lich die An­wei­sung ge­ge­ben, die Pro­ben so­fort dort ab­zu­ge­ben.

»Hast auch nichts ver­passt.« Ina wink­te ab. »Dann hat er ver­ba­selt, dass er dich los­ge­schickt hat. Mach dir nichts draus, das kommt vor.« Plötz­lich stutz­te sie und sah sich fra­gend um. »Was woll­te ich denn jetzt?«, mur­mel­te sie, ehe sie sich kon­zen­triert die Na­sen­wur­zel mas­sier­te.

»Ei­nen Cai­pi­rin­ha auf San­si­bar?«, schlug er grin­send vor.

Ina lach­te lei­se auf. »Das auch«, ant­wort­ete sie, als ein hoch­fre­quen­tes Pie­pen die kurz­wei­li­ge Stil­le des Gan­ges un­ter­mal­te. Er­ge­ben roll­te die Pfle­ge­rin mit den Augen. »Das woll­te ich je­den­falls nicht«, brumm­te sie. »Gehst du eben? Die Nährs­toff­son­de von Frau Elas.«

Mit ei­nem flüch­ti­gen Sei­ten­blick zur Uhr nick­te Chris­tian, der sich ge­gen das Kom­men­de wap­pne­te, das mit »Wenn du eh da bist«, be­gann und mit »Ach, ich komm eben mit« en­de­te. Die näch­ste hal­be Stun­de wä­re er be­schäf­tigt. Aber gut, fürs Ar­bei­ten war er schließ­lich hier.

Beim Be­tre­ten des ab­ge­trenn­ten Be­reichs fiel ihm das lee­re Bett auf, das direkt hin­ter dem Durch­gang stand. Die an­de­ren bei­den Schlaf­stät­ten waren be­legt. Eigent­lich hat­te das, zu­min­dest heu­te Mor­gen, für alle drei Plät­ze ge­gol­ten. Fra­gend deu­te­te er zu der Stel­le, an der zu­vor ein Pa­tient ge­le­gen hat­te. Ei­ne Leder­kap­pe und Je­ans­ja­cke moch­ten auf ei­ner Har­ley sty­lish aus­se­hen, bo­ten bei Kon­takt mit As­phalt aber ei­nen ver­schwin­dend ge­rin­gen Schutz. Schi­cke Textil­ien und Haut wur­den in we­ni­ger als ei­ner Se­kun­de weg­ge­ho­belt, wenn man mit ei­ner An­fangs­ge­schwin­dig­keit von ge­schätz­ten hun­dert­drei­ßig da­rüber schlit­ter­te. Muss­te für die Kräf­te am Un­fal­lort ein ein­prägs­ames Bild ge­we­sen sein – wo­bei das, was sich un­ter den Ver­bän­den ver­bor­gen hat­te, Chris­tian am Mor­gen eben­falls ziem­lich be­ein­druckt hat­te. Seit drei Ta­gen war der Herr bei ih­nen zu Gast ge­we­sen. Nun hat­ten sie sich auf dem Weg in den Kel­ler knapp ver­passt.

Ina hob die Schul­tern, ehe sie sich der schla­fen­den Frau Jes­sen zu­wand­te. »Hat­te kei­ne gro­ßen Chan­cen«, raun­te sie ihm zu. Über­ra­schung such­te man in ih­rem Ge­sichts­aus­druck ver­ge­bens, doch ei­ne Spur Be­dau­ern glaub­te er zu er­ken­nen. »Und was hast du heu­te noch so vor?«

Chris­tian über­leg­te ei­nen Mo­ment, ob ihm der Themen­wech­sel recht war. Je­den­falls woll­te er kein Trüb­sal bla­sen. Sei­ne weite­re Tages­pla­nung war da je­doch kei­ne be­son­ders ge­eig­ne­te Al­ter­na­ti­ve. »Ein Be­kann­ter hat heu­te ei­nen wich­ti­gen Ge­richts­termin.« Ob es ei­ne gu­te Idee wä­re, sich mit je­man­dem über die Details zu un­ter­hal­ten? Wo­mög­lich ka­men sei­ne Ge­dan­ken dann zur Ru­he. Auf der an­de­ren Sei­te hat­te die Va­ri­an­te ›Ab­len­kung‹ bis­her recht gut funk­tio­niert. Des­halb war er froh da­rüber, dass Ina sich bloß flüch­tig zu ihm her­um­dreh­te. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit hät­te er ge­lo­gen, wenn Ina ge­fragt hät­te, wer zu der Ver­hand­lung muss­te oder wo­rum es ging. Ei­ne ehe­ma­li­ge Pa­tien­tin, die sich we­gen Dro­gen­han­dels zu ver­ant­wor­ten hat­te, war ein eher exo­ti­scher Ge­sprächs­auf­hän­ger. Und ei­ner, bei dem er selbst rat­los war, was er da­von hal­ten soll­te. Schlecht ge­eig­net für Small Talk, den man im Ideal­fall mit­hil­fe des ver­län­ger­ten Rü­cken­marks be­stritt, wäh­rend man die rest­li­chen Ka­pa­zi­tä­ten für die Ar­beit nutz­te. Bis zum er­sehn­ten Feie­ra­bend war noch ge­nug zu tun.

Aus Do­ku­men­ta­tio­nen ken­ne ich das Bild von al­ten Pro­jekt­oren, bei de­nen schwe­re Film­rol­len ein­ge­legt wer­den. Die ein­zel­nen Se­quen­zen lau­fen an ei­ner Lam­pe vor­bei, de­ren Licht die In­hal­te auf die Lein­wand brennt. Hin und wie­der rat­tern die Strei­fen zu lang­sam durch und man hat kurz das Ge­fühl, das Ge­sche­hen wür­de rück­wärts ab­lau­fen. Manch­mal stol­pert es, dann sieht man den Ab­lauf zer­hackt statt als flie­ßen­de Be­we­gung.

Mein bis­he­ri­ger Tag ist ge­nau­so un­rund ge­lau­fen wie ei­ner die­ser al­ten Fil­me. In ge­wis­ser Art und Wei­se. Immer wie­der tau­chen ein­zel­ne Szenen vor mei­nem in­ne­ren Au­ge auf. Un­sau­be­re Über­gän­ge zwi­schen den Bil­dern, die den Ver­lauf sto­cken las­sen; die mir das Ge­fühl ge­ben, die Zeit läuft rück­wärts – was gar nicht das Schlech­tes­te wä­re. Wäh­rend ich das den­ke, be­rap­pelt sich die Welt und dreht sich weiter. Immer weiter.

Ich er­schau­de­re. Hin­ter dem Sei­ten­fens­ter nimmt die Um­ge­bung kla­re Um­ris­se an. Ein Park. Bäu­me. Wie­se. Ge­strüpp un­be­kann­ter Art, das aber net­te ro­sa­far­be­ne Blüten trägt, ob­wohl wir den Früh­ling längst hin­ter uns ge­las­sen ha­ben. Es ver­sperrt bei­nahe den Blick auf den klei­nen Spiel­platz, an dem wir im näch­sten Atem­zug be­reits vor­beige­fah­ren sind. Das grel­le Gelb des Klet­ter­ge­rüsts brennt sich mir ins Hirn.

Die Se­quenz ei­nes Stumm­films schluckt die kon­fu­se Rea­li­tät. Der Rich­ter, wie er hin­ter ei­nem ho­hen Tisch steht. Alle Bli­cke auf ihn ge­rich­tet. Mei­ner ein­ge­schlos­sen. Wie sich sei­ne Lip­pen be­we­gen. Hal­lend über­la­gert der Ton zeit­ver­setzt das Bild, häm­mert sich in mei­ne Stirn, oh­ne ver­stan­den zu wer­den. Da­mals nicht. Vor ein paar end­lo­sen Mi­nu­ten. All­mäh­lich, mit je­dem Mal mehr, dringt die Er­kennt­nis zu mir durch, die hin­ter den Zah­len und ver­wir­ren­den Wor­ten steckt. Mein Ur­teil.

Seit über vier Mo­na­ten sit­ze ich in U-Haft. Adres­se: JVA Köln. We­gen un­er­laub­ten Han­delns mit Be­täu­bungs­mitteln. He­ro­in. Viel­leicht auch Crack oder Speed. Koks, Gras, LSD, Ec­sta­sy – ich kann es schwer sa­gen. Ich ha­be nie in die Ru­cksä­cke ge­schaut, die ich über­bracht ha­be. Ich wuss­te aber sehr wohl, dass sich da­rin we­der Hun­de­fut­ter noch Wun­der­wol­le be­fand. Ei­ne Tat­sa­che, die ich bei der Poli­zei be­reit­wil­lig zu Pro­to­koll ge­ge­ben ha­be, be­vor mein Pflicht­ver­tei­di­ger sie her­un­ter­spie­len konn­te. Wie viel? Wie oft? Wie lan­ge? Fra­gen, zu de­nen ich mehr oder we­ni­ger schwam­mi­ge An­ga­ben ma­chen konn­te. Nach be­stem Wis­sen und Ge­wis­sen.

Das Er­geb­nis: vier Mona­te. Ei­ne Frei­heits­stra­fe von vier Mo­na­ten. Fast den ge­sam­ten Som­mer ha­be ich im Knast ver­bracht. Es ist En­de August. Oh­ne den mil­dern­den Um­stand, dass ich zum De­alen ge­zwun­gen wur­de, wä­re es ver­mut­lich deut­lich län­ger ge­wor­den. Das Schlimm­ste und gleich­zei­tig das Be­ste, das mir pas­sie­ren konn­te, denn mei­ne zu ver­bü­ßen­de Stra­fe wird mit der Zeit in Un­ter­su­chungs­haft ver­gol­ten. Das be­deu­tet, ab dem heu­ti­gen Tag bin ich ein frei­er Mensch. Frei, das Ge­fäng­nis, in das mich die Jus­tiz­be­am­ten zurück­brin­gen, nach Räu­mung mei­ner Zel­le zu ver­las­sen. Frei, zu ge­hen, wo­hin ich möch­te. Frei, zu tun und zu las­sen, wo­nach es mir im Rah­men des Ge­set­zes be­liebt. Das ist auch die Er­klä­rung für die ed­le Kut­sche, in der ich be­för­dert wer­de: ei­nem Strei­fen­wagen. Ver­gleichs­wei­se ein Auf­stieg, denn den Hin­weg ha­be ich noch in ei­nem Trans­por­ter der Jus­tiz ver­bracht, als ich noch ein Un­ter­su­chungs­häft­ling war. Was bin ich jetzt?

Aus der Spiege­lung des Sei­ten­fens­ters schaut mich ei­ne aus­dru­ckslo­se Mie­ne an. Zu ei­nem glanz­lo­sen Zopf ge­bun­de­ne, blon­de Haa­re. Graue Augen, die in tie­fen Höh­len lie­gen, um­rahmt von dunk­len Rin­gen, ge­malt auf ei­ne na­he­zu wei­ße Lein­wand. In die­sem Ge­sicht fin­det sich alles Mög­li­che, aber kei­ne Freu­de. Kei­ne Ge­nug­tu­ung. Immer­hin ein dump­fer, grim­mi­ger Wil­le, doch er er­trinkt in ei­nem Meer aus Ver­zweif­lung, die sich in mei­nen feuch­ten Augen wi­der­spiegelt. Das Was­ser steht mir bis zum Hals.

Seit zwei Wo­chen weiß ich, dass es so kom­men könn­te. So lan­ge ken­ne ich den Termin für mei­ne Ver­hand­lung. Ge­nau­so lan­ge fra­ge ich mich, was ich mir für ei­nen Aus­gang wün­sche. Ich ha­be kei­ne zu­frie­dens­tel­len­de Ant­wort ge­fun­den. Eigent­lich ist es sinn­los, weiter da­nach zu su­chen. Es gibt sie nicht, die per­fek­te Lö­sung. Sie ist wie Gott und wie die Vor­stel­lung, dass El­vis noch lebt. Un­ser ganz ei­ge­ner Film, ei­ne Pro­jekt­ion un­se­rer Wün­sche. Was ich ge­ra­de ge­brau­chen könn­te, wä­re ein si­che­res Netz – statt­des­sen er­schüt­tert die Rea­li­tät die Vor­stel­lung und hin­ter­lässt bloß va­ge, ver­wa­ckel­te Bil­der da­von, wie es hät­te wer­den kön­nen.

Herr May­ew­ski, mein So­zi­al­ar­bei­ter im Ge­fäng­nis, wüss­te, was zu tun ist, doch all sei­ne Rat­schlä­ge su­che ich in den Flu­ten des Cha­os’ ver­ge­bens. Ich ha­be Papie­re, sa­ge ich mir, in der Hoff­nung, dass es mein trom­meln­des Herz be­ru­higt. Ei­nen Per­so­nal­aus­weis, ei­ne Ver­si­cher­ten­kar­te. Ich ha­be ein Konto, das zu­min­dest in Tei­len vor Pfän­dun­gen ge­schützt ist und auf das re­gel­mä­ßig So­zi­al­hil­fe ein­ge­zahlt wer­den könn­te – so­lan­ge ich mich an die Auf­lagen des Amts hal­te.

Herr Jan­son. Mein Puls stol­pert und ich at­me tief ein, um das Bren­nen aus den Augen zu ver­ja­gen. Seit mei­ner U-Haft ha­be ich zwei Brie­fe er­hal­ten, auf de­nen die­ser Na­me auf dem Um­schlag stand. Mein zu­stän­di­ger Be­ar­bei­ter beim Job­cen­ter. Je­des ein­zel­ne Mal war mein er­ster Im­puls, das Papier zu ver­bren­nen, zu zer­fet­zen, not­falls auf­zu­es­sen, um nie wie­der da­ran er­in­nert zu wer­den. Bald wer­de ich ihm per­sön­lich ge­gen­über­ste­hen kön­nen – sol­len – müs­sen.

Ich schlucke, was den Kloß in mei­nem Hals zu zer­rei­ßen droht. Bax­ter. Hit­ze schießt mir ins Ge­sicht, die Wan­gen, die Oh­ren, ge­raubt aus mei­nen nun­mehr eis­kal­ten Hän­den. We­der ihn noch sei­ne Leu­te hat man ge­fun­den. Ob weiter­hin nach der Crew mei­nes Ex-De­alers ge­sucht wird, steht in den Ster­nen. Was ich aber mit Si­cher­heit sa­gen kann, ist, dass er nach mir sucht. Denn die Rech­nung, die wir bei­de of­fen ha­ben, lässt sich nicht mit ein paar Ta­gen Ord­nungs­haft ab­sit­zen. Den Preis der letz­ten Lie­fe­rung, die ich in ei­nem An­flug aus Idea­lis­mus dem Rhein über­eig­net ha­be, kennt nur er. Und wenn ich Bax­ter ge­gen­über­ste­he, wer­de ich be­zah­len müs­sen. Denn ich bin frei. Frei wie ein Vogel. Mit an­de­ren Wor­ten: vogel­frei.

Mit zwei bun­ten Wein­gum­mi­schlan­gen als Weg­zeh­rung ver­ließ Chris­tian nach Feie­ra­bend das Ge­bäu­de durch das voll­ver­glas­te Haupt­por­tal. Es war der kür­zes­te Weg zur na­he­lie­gen­den U-Bahns­ta­tion. Ger­ne hät­te er sich da­mit ge­brüs­tet, der Um­welt zu­lie­be auf das Auto zu ver­zich­ten. In der Rea­li­tät war es vor al­lem der Stress der Park­platz­su­che, den er sich am Mor­gen – und zu je­der an­de­ren Tages­zeit – er­spa­ren woll­te. Zu­mal auch der Sprit be­zahlt wer­den woll­te, wie auch die Mie­te. Das Azu­bi­ge­halt als Not­fall­sa­ni­tä­ter war nicht so übel, aber rech­nen muss­te er doch.

Chris­tian zück­te sein Han­dy, das an der Luft end­lich Emp­fang hat­te. Die Sei­te des ört­li­chen Amts­ge­richts hat­te er schnell auf­ge­ru­fen. Le­se­zeichen sei Dank. Was ei­ni­ge sei­ner aus­ge­lern­ten Kol­le­gen sa­gen wür­den, wenn sie wüss­ten, was er nun vor­hat­te, konn­te er sich den­ken, doch vor­erst ließ ihn ein pan­is­ches Quiet­schen in­ne­hal­ten.

Die drei Pass­an­ten, die ne­ben ihm über den Bür­gers­teig lie­fen, be­ach­te­ten ihn so we­nig wie er sie zu­vor. Das Ge­räusch war vom Geh­weg selbst ge­kom­men, von wo aus ihn ein Eich­hörn­chen ent­rüs­tet ent­ge­gen starr­te, dann wie ein ge­öl­ter Blitz vor­schoss und me­ckernd die Ei­chel un­ter Chris­tians schwe­ben­dem Fuß weg­klau­te.

Sa­chen gab es. Ei­ne Se­kun­de blick­te Chris­tian dem Tier­chen nach, das den näch­sten Baum empor­klet­ter­te. Zu­min­dest waren Eich­hörn­chen auch dann noch sehr put­zig, wenn sie un­höf­lich vor sich hin schim­pften.

Kopf­schüt­telnd wand­te er sich der Am­pel zu, um die Stra­ße zur U-Bahns­ta­tion zu über­que­ren. Ei­ne Un­ter­füh­rung wä­re prak­tisch ge­we­sen, aber ver­mut­lich zu teu­er. So hat­te er Zeit, er­neut auf das Han­dy zu se­hen und mit Er­schre­cken fest­zu­stel­len, dass er das Ak­ten­zeichen der Ver­hand­lung ver­ge­bens such­te. Zu­min­dest im Nach­mit­tags­be­reich. Bei den frü­he­ren Ter­minen wur­de er fün­dig. In­ner­lich stöhn­te er ge­nervt auf, als er das Smart­pho­ne in der Ho­sen­ta­sche ver­schwin­den ließ.

Das be­deu­te­te, der Pro­zess war längst vor­bei. Sein Plan, sich we­nigs­tens an­zu­se­hen, wie die gan­ze Sa­che für Ko­ra aus­ging, und ihr viel­leicht ein we­nig Mut für den be­vor­ste­hen­den Neu­an­fang zu ma­chen, war da­mit hin­fäl­lig. Da­bei hat­te er sich so­gar die zwei­te Tages­hälf­te für den Pro­zess frei­ge­nom­men. An­de­rer­seits brach­te er sich auf die­se Wei­se um die Ge­le­gen­heit, an­de­ren Leu­ten An­lass zur Sor­ge we­gen über­stei­ger­ter An­teil­nah­me zu ge­ben. Zeit­gleich ver­fluch­te er sei­nen Zy­nis­mus.

Ei­ne Idee hat­te er noch. Die Ver­hand­lung war öf­fent­lich ge­we­sen, al­so dürf­te auch das Ur­teil her­aus­zu­fin­den sein. Da sei­ne Bahn oh­ne­hin ge­ra­de ab­ge­fah­ren war, hat­te er acht Mi­nu­ten Zeit, in de­nen er sein Daten­vo­lu­men sinn­voll in­ves­tie­ren konn­te – wenn der Emp­fang in den Ka­ta­kom­ben der Stadt­bahn nicht so un­ter­ir­disch ge­we­sen wä­re. In quä­len­der Lang­sam­keit kroch der La­de­bal­ken an der Un­ter­sei­te des Brow­sers vor sich hin. We­nigs­tens lenk­te das Chris­tian von der un­be­que­men Sitz­ge­le­gen­heit ab, de­ren Me­tall­git­ter kalt und ver­bogen waren. Die Flie­sen an den Wän­den der Sta­tion waren in Acht­zi­ger­jah­re-Oran­ge und Mint­gelb ge­hal­ten. Durch un­ge­woll­te Sprenk­ler auf der la­sier­ten Ke­ra­mik mach­ten sie nicht nur ei­nen alt­back­enen, son­dern auch ei­nen spe­cki­gen Ein­druck, wie der ge­sam­te War­te­be­reich.

Als das Quiet­schen und Sir­ren aus dem Tun­nel die An­kunft der Bahn an­kün­dig­te, war er kei­nen Deut schlau­er. Je­doch sah Chris­tian ein, dass ei­ne län­ge­re War­te­zeit oder ei­ne schnel­le­re Ver­bin­dung an sei­ner Rat­lo­sig­keit we­nig ge­än­dert hät­ten. Die äl­tes­ten Ur­tei­le, die er on­li­ne fand, waren aus März, was nun über ein hal­bes Jahr her war.

Ver­rückt, dach­te er, als er sich in der Bahn an ei­nem Fens­ter­platz nie­der­ließ, der ver­mut­lich we­gen der lie­gen­ge­las­se­nen Zei­tung auf ei­nem der Sit­ze so­wie der Bier­fla­sche im Fuß­raum bis­her un­be­setzt ge­blie­ben war. Oder die Fahr­gäs­te nah­men An­stoß an dem ins Fens­ter ge­ritz­ten Glied. Zu­min­dest ver­mu­te­te Chris­tian das hin­ter den fah­ri­gen Li­ni­en. Theo­re­tisch war auch ein un­ge­len­ker Vogel­um­riss mög­lich. Dass auf der obe­ren Zier­leis­te aus­ge­rech­net ei­ne Ban­ner­wer­bung ei­ner orts­an­säs­si­gen Uro­lo­gie prang­te, fand er da­ge­gen fast schon lus­tig. Wenn sich zwi­schen ge­rupf­ter Mö­we und Ge­mächt nur noch mit Mü­he un­ter­schei­den ließ, war das kein schlech­ter An­sprech­part­ner.

Die tem­po­rä­re Hei­ter­keit ver­flog, als Chris­tian an den ver­gan­ge­nen März zurück­dach­te. Er hat­te ja nicht ah­nen kön­nen, wie das gan­ze Dra­ma aus­ge­hen wür­de. Wie zur Höl­le pass­te ei­ne 0815-Blind­darm­ent­zün­dung da­zu, dass die­sel­be Per­son nach ei­nem Dro­gen­ent­zug vor Ge­richt saß? Da­mals hät­te er wohl be­haup­tet, dass das ei­ne nichts mit dem an­de­ren zu tun hat­te, doch in die­sem Fall wuss­te er es bes­ser. Auch wenn die Ap­pen­di­zi­tis bloß der Trop­fen ge­we­sen war, der das Fass zum Über­lau­fen ge­bracht hat­te – und der da­für ge­sorgt hat­te, dass sich ih­re We­ge kreuz­ten. Wä­re Ko­ra Ott­mann nicht die er­ste Pa­tien­tin ge­we­sen, die er im Ret­tungs­wagen be­glei­tet hat­te, wä­re sie ihm ei­ni­ge Ta­ge spä­ter nie­mals auf­ge­fal­len. Er wä­re in der Fuß­gän­ger­zo­ne an ihr vor­beige­gan­gen. Ver­mut­lich wä­re er zu dem Zeit­punkt ganz wo­an­ders ge­we­sen, da er kei­nen Grund ge­habt hät­te, mit sei­nen Kum­pels zu ver­sa­cken. Je­den­falls hät­te er nicht mit ihr ge­spro­chen. Nie­mand hät­te das ge­tan, als sie nichts ah­nend in den er­sten Ent­zug ge­rutscht war. Die Wahr­schein­lich­keit, dass sie sich ih­rer La­ge viel spä­ter be­wusst ge­wor­den wä­re oder sich ir­gend­wann aus Ver­zweif­lung ei­nen gol­de­nen Schuss ge­setzt hät­te, war nur halb so ge­ring, wie Chris­tian es sich ger­ne ein­ge­re­det hät­te. Wä­re er da­bei ge­we­sen, wenn man sie an­schlie­ßend in ei­ner Sei­ten­stra­ße, ei­nem Ab­riss­haus oder ei­nem Ge­büsch ge­fun­den hät­te, wä­re sie für ihn ei­ne völ­lig Frem­de ge­we­sen, für die es halt schei­ße ge­lau­fen war. Ma­xi­mal hät­te er da­rüber nach­ge­dacht, wie es so weit kom­men konn­te. Es war ver­rückt, wie so ei­ne Ba­ga­tel­le die Kar­ten neu misch­te.

Als Ko­ra Ott­mann ihm aus dem Ge­fäng­nis den Brief ge­schrie­ben hat­te, in dem sie sich für sei­ne Hil­fe be­dankt hat­te, wä­re das der per­fek­te Zeit­punkt für ei­nen Schluss­strich ge­we­sen. Statt­des­sen saß er in der U-Bahn­li­nie 18 und war­te­te da­rauf, end­lich die Hal­tes­tel­le Weiß­haus­stra­ße zu er­rei­chen. So wür­de er den Fall nie aus dem Kopf be­kom­men.

Ent­nervt fuhr er sich mit der Hand über das Ge­sicht. Ihm war be­wusst, dass es voll­kom­men in Ord­nung ge­we­sen wä­re, um­zu­keh­ren; es un­ter ›Nicht mei­ne Bau­stel­le‹ zu ver­bu­chen, wie es viele Men­schen ta­ten. Wie es viele sei­ner Kol­le­gen tun muss­ten, weil sie an­sons­ten gar kein Pri­vat­le­ben mehr hät­ten. So viele Leu­te, die sie täg­lich tra­fen. Da waren ge­nü­gend üb­le Schi­cksa­le da­bei. Wenn man je­dem, der je­man­den brauch­te, ein gu­ter Freund sein woll­te, war das qua­si ›Burn-Out leicht­ge­macht‹.

Er schüt­tel­te den Kopf, als er aus dem be­schmier­ten Fens­ter blick­te. In­zwi­schen fuhr die Bahn ober­ir­disch, so­dass er ei­nen ver­trock­ne­ten Mittel­strei­fen be­wun­dern konn­te. Ob er die rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen hat­te, wür­de er hin­ter­her er­fah­ren.

»Näch­ster Halt: Weiß­haus­stra­ße. Aus­stieg in Fahr­trich­tung rechts«, er­tön­te es ble­chern aus den Lauts­pre­chern des Wag­gons. Un­weit konn­te Chris­tian das Ge­richts­ge­bäu­de se­hen, das je­den Baum und je­des Haus in der Um­ge­bung mit Leich­tig­keit über­rag­te. Der häss­li­che, grau-brau­ne, drei­ar­mi­ge Klotz wirk­te alles an­de­re als ein­la­dend. Er wür­de ihn aus ei­ge­nem An­trieb be­tre­ten, statt als An­ge­klag­ter. Da hat­te er we­nig zu ver­lie­ren.

Flüch­tig schaue ich über die Schul­ter zurück in mei­ne Zel­le. Sie ist leer, als hät­te hier nie je­mand ge­wohnt. Das Bett ab­ge­zo­gen, De­cke und Kis­sen in Wä­sche­sä­cken ver­schwun­den, die An­stalts­klei­dung eben­so, der Boden ge­fegt. Ei­ne blan­ke Ma­trat­ze ist alles, was an Wohn­lich­keit er­in­nert. Ent­fernt. Das We­ni­ge, das ich mit­neh­me, passt in mei­nen Hy­gie­ne­beu­tel. Dusch­zeug, Zahn­bür­ste, Sei­fe, Wasch­lap­pen. Klein­kram.

»Ab­marsch«, treibt mich die Jus­tiz­be­am­tin an, die hin­ter mir die Tür zu­schließt. Ih­re blon­den Haa­re sind zu ei­nem prak­ti­schen Zopf ge­floch­ten, der sie zu­sam­men mit der zier­li­chen Ge­stalt wie ein ty­pi­sches Pfer­de­mäd­chen aus­se­hen lässt. Ihr kal­ter Blick da­ge­gen weckt in mir Zwei­fel, ob Rei­ten zu ih­ren Hob­bys zählt, oder je­mals ge­zählt hat. »Sie be­kom­men gleich den Rest Ih­rer Ha­be aus­ge­hän­digt, so­wie die not­wen­di­gen Papie­re.«

Ha­be, Papie­re, tschüss. Die Meilen­stei­ne tref­fen mich hart. So lan­ge war ich hier und plötz­lich geht es furcht­bar schnell. Trä­ge ni­cke ich. Ich ha­be den An­schluss an die Rea­li­tät ver­lo­ren, be­fürch­te ich, als ich der Wär­te­rin zur Kan­zel fol­ge. Ein na­he­zu voll­ver­glas­tes Büro, des­sen Sicht ein­zig durch die dun­kel­grü­nen Rah­men um die Fens­ter ein­ge­schränkt wird. Wie auf dem Prä­sen­tier­tel­ler.

Als ich zum Spre­chen an­set­ze, ist ein hei­se­res Kräch­zen alles, was ich zu­stan­de brin­ge. Un­se­re Schrit­te hal­len über den Flur, aus dem in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den das Ge­räusch von Stahl auf Stahl klingt. Türen, Schlös­ser, Trep­pen. Die wei­ße Far­be der Wän­de fräst sich mir schmerz­haft in die bren­nen­den Augen.

Wäh­rend die Jus­tiz­be­am­tin auf­schließt, schaut sie sich mit ge­run­zel­ter Stirn nach mir um.

Mei­ne Zun­ge klebt wie Es­trich an mei­nem Gau­men, aber trotz­dem brin­ge ich end­lich die Fra­ge her­aus, die mir auf der See­le liegt: »Kann ich mit Herrn May­ew…«

»Ist heu­te nicht im Haus«, un­ter­bricht mich Frau Ger­rand, so laut Schild der Na­me der Pfer­de­da­me, die mich in ih­re Stu­be bit­tet. »Aber ich hän­di­ge Ih­nen den Schrift­ver­kehr mit den Äm­tern aus. Viel­leicht kann ich Ih­re Fra­gen ja auch be­ant­wor­ten.« Sie ringt sich ein knap­pes Lä­cheln ab. Das Ent­las­sungs­ge­spräch mit mir wi­der­spricht of­fen­sicht­lich ih­rer Tages­pla­nung.

Zö­ger­lich neh­me ich auf dem Büro­stuhl Platz, den die Wär­te­rin mir an­bie­tet.

Sie ver­schwin­det in­des im hin­te­ren Be­reich, um gleich da­rauf mit ei­nem di­cken Ord­ner und ei­ner we­ni­ger im­po­san­ten Map­pe zurück­zu­kom­men.

Mei­ne Hän­de um­klam­mern den Kultur­beu­tel wie ei­nen Ret­tungs­ring.

»Da hät­ten wir ein­mal«, mur­melt sie, wäh­rend sie die Sa­chen auf dem Schreib­tisch ord­net, auf dem weite­re Zet­tel her­um­lie­gen, »Ihr Ent­las­sungs­schrei­ben, Ih­re Aus­fer­ti­gun­gen der Amts­kom­mu­ni­ka­tion – so­fern die Papie­re nicht Ih­rer Ha­be zu­geord­net wur­den – und …« Sie öff­net den Ord­ner, ehe sie die vielen Blät­ter un­ter ih­rem Dau­men hin­durch­glei­ten lässt. »Die me­di­zi­ni­schen Un­ter­lagen feh­len noch. Das klä­ren wir gleich.«

Ih­re Wor­te schei­nen die Luft zu ver­drän­gen. Sie deh­nen sich im Raum, in mei­nem Kopf aus, rau­ben mir den Platz zum Den­ken. Äm­ter, Mehr­zahl. Do­ku­men­te. Wie hy­pno­ti­siert star­re ich auf den Sta­pel Papier, der dort in dem Ord­ner liegt. Zur Hälf­te ist er ge­füllt. Pap­pein­schü­be tren­nen die ein­zel­nen Themen­be­rei­che vo­nei­nan­der. Woh­nung, So­zi­al­äm­ter, Gläu­bi­ger, Ver­si­che­run­gen … Mit aller Macht ho­le ich tief Luft, in der Hoff­nung, das eiser­ne Band um mei­ne Brust zu spren­gen. Es ent­puppt sich als hart­nä­cki­ges Gum­mi, das mir mit je­dem Atem­zug die­sel­be Kraft ab­ver­langt. Zu­hö­ren. We­nigs­tens das muss ich hin­krie­gen.

Nach ei­nem flüch­ti­gen Blick in mei­ne Rich­tung schlägt die Be­am­tin die Map­pe auf. Schwarz auf wei­ßem Grund. Li­ni­en, Buch­sta­ben, Zah­len, Käst­chen. Für sie er­ge­ben sie Sinn. Vor mei­nen Augen ver­schwim­men sie wie Stra­ßen­krei­de im Som­mer­re­gen. »Bei Haf­tan­tritt waren Sie woh­nungs­los«, stellt Frau Ger­rand nüch­tern fest. »Wie sieht es jetzt bei Ih­nen aus?«

Ich blinz­le, wo­bei ich spü­re, wie mei­ne Wim­pern an­ein­an­der­kle­ben. Im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes bei­ße ich die Zäh­ne zu­sam­men. »Nicht viel an­ders«, spre­che ich dann die er­nüch­tern­de Wahr­heit aus. Es war ge­plant, dass ich mich da­rum küm­me­re, so­bald ein Ent­las­sungs­termin fests­teht. Dass die­ser Termin aus­ge­rech­net heu­te ist, weiß ich seit zwei Stun­den. Ich mag kein Or­ga­ni­sa­tions­ge­nie sein, aber spon­ta­ne Wun­der voll­bringt wohl nie­mand.

»Fa­mi­lie oder Freun­de, zu de­nen Sie ge­hen kön­nen?«

Fa­mi­lie? Das Wie­der­se­hen formt sich gro­tesk vor mei­nem in­ne­ren Au­ge: Hal­lo Ma­ma, hal­lo Pa­pa, könn­te ich nicht wie­der zu­hau­se ein­zie­hen, nach­dem ich mein Le­ben vor die Wand ge­fah­ren ha­be, wie ihr es vor­her­ge­sagt habt? Ein fan­tas­ti­scher Plan, nach jah­re­lan­gem Schwei­gen. Oder zurück zu mei­nem Ex, der kei­nen ge­rin­gen An­teil an mei­nem er­sten Auf­ent­halt in die­sen Hal­len hat­te? Un­term sel­ben Dach wie sei­ne neue Flam­me, falls Fa­bien­ne noch ak­tu­ell ist? Zu sei­nen Kum­pels, die mich da­mals ha­ben fal­len las­sen? So viele fa­mo­se Mög­lich­kei­ten.

Die Wär­te­rin scheint mein Schwei­gen zu ver­ste­hen und beugt sich zu ei­ner Schub­la­de hin­un­ter, aus der sie weite­re Papie­re her­vor­kramt. Ei­nen Fly­er, vor­nehm­lich in Blau und Weiß ge­hal­ten. Das Lan­des­wap­pen vor­ne auf­ge­druckt. Tipps zu Wohn­un­ter­künf­ten und Not­schlaf­stel­len. »Da fin­den Sie ei­ni­ge Adres­sen, an die Sie sich wen­den kön­nen oder Rat­schlä­ge, was Sie tun kön­nen, um ei­ne So­zi­al­woh­nung zu be­kom­men. Da müs­sen Sie die nö­ti­gen An­trä­ge für stel­len.«

An­trä­ge, wie auch sonst, den­ke ich zy­nisch, als ich mit aus­dru­ckslo­ser Mie­ne das Papier ent­ge­gen­neh­me. Im schlimm­sten Fall, zuckt es durch mein Hirn, ha­be ich in kal­ten Näch­ten we­nigs­tens Ma­te­ri­al zum Hei­zen.

»Wich­tig wä­re vor al­lem, dass Sie …«, setzt sie an, als es an der Tür klopft.

Wie vom Don­ner ge­rührt, zu­cke ich zu­sam­men. Der Fly­er klemmt zerk­nüllt zwi­schen mei­nen Fin­gern. Wie un­nö­tig. Die Wut, die sich in mei­ner ge­ball­ten Faust ma­ni­fes­tiert, sie gilt mir selbst, nicht dem Herrn, der das Büro be­tritt.

Der Mitt­vier­zi­ger ist mir wäh­rend der Haft ge­le­gent­lich über den Weg ge­lau­fen. Es ist je­doch das er­ste Mal, dass er mir so et­was wie ein auf­mun­tern­des Lä­cheln schenkt, wenn auch ei­nes der sehr flüch­ti­gen Sor­te. Bis­her grün­de­te mei­ne Sym­pa­thie Herrn Pfeif­fer ge­gen­über vor al­lem auf sei­nem neu­tra­len Auf­tre­ten, das jeg­li­che Ver­ach­tung ver­mis­sen ließ und kei­nen gro­ßen Terz um mei­ne Un­zu­läng­lich­kei­ten ver­an­stal­te­te.

»Die Arzt­brie­fe für den Haus­arzt«, ver­kün­det er der Wär­te­rin, als er sei­ner­seits Um­schlä­ge in die Hö­he hält. Noch mehr Un­ter­lagen. Da­zu ein klei­nes, durch­sich­ti­ges Plas­tik­dös­chen, in dem zwei wei­ße Pil­len lie­gen. »Die ken­nen Sie ja schon«, rich­tet er das Wort an mich. »Je­den Mor­gen ei­ne.«

Ja, ken­ne ich. Mein dop­pel­tes Netz. Mein »Ich bin cle­an, aber …« So­lan­ge ich es re­gel­mä­ßig neh­me, ist ein Rausch nur un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen mög­lich. Eben­so wie ei­ne Über­do­sis. Zu­min­dest für die näch­sten zwei Ta­ge.

»Wenn Sie mit den Un­ter­lagen zu Ih­rem Haus­arzt ge­hen, soll­te er Ih­nen die pro­blem­los ver­schrei­ben.« Als hät­te er mei­ne Zwei­fel ge­hört, über­reicht er mir Um­schlag und Do­se.

»Haus­arzt, klar«, ant­wor­te ich ton­los. Nor­ma­le Men­schen ha­ben so et­was. Dass kurz da­rauf ein wei­te­rer Fly­er den Weg in den Ord­ner fin­det, Hin­wei­se zur Suchtt­her­apie, war ab­zu­se­hen.

Ehe Herr Pfeif­fer da­rauf­hin das Büro ver­lässt, rin­ge ich mir ab, was eigent­lich lan­ge über­fäl­lig ist. »Dan­ke.« Zu mei­ner Über­ra­schung ge­lingt es mir, es halb­wegs auf­rich­tig vor­zu­brin­gen. Nicht so sehr, wie er es ver­dient oder ich es ge­wollt hät­te, aber es klingt we­ni­ger nach ei­nem re­zi­tie­ren­den Zom­bie.

»Frei­ge­spro­chen«, ent­fuhr es Chris­tian un­gläu­big. Es hat­te Über­re­dungs­kunst und ei­ne Men­ge Ge­duld er­for­dert, um sich in dem Bau zu­recht­zu­fin­den. Be­zie­hungs­wei­se je­man­den, der ihm sa­gen konn­te, wie das Ur­teil aus­ge­fal­len war. Nun stand er hier, in ei­nem Büro, das in je­der Be­hör­de hät­te exis­tie­ren kön­nen. De­cken­ho­he Ak­ten­schrän­ke an drei von vier Wän­den, die ei­nem Klau­stro­pho­bi­ker Freu­de be­rei­tet hät­ten. Immer­hin mit hel­len Fron­ten, so­dass sie bloß halb so er­schla­gend wirk­ten. Für mehr Wuch­tig­keit sorg­te der dunk­le, mit Ak­ten über­sä­te Schreib­tisch auf dem an­thra­zit­far­be­nen Tep­pich­boden.

Der Mann mitt­le­ren Alters, des­sen dun­kel­brau­ne Haa­re be­reits von grau­en Sträh­nen durch­zo­gen waren und ei­nen schüt­te­ren Kranz bil­de­ten, wirk­te kei­nes­falls so, als hät­te er gro­ße Lust, ei­ne aus­führ­li­che Aus­kunft zu er­tei­len. Lei­ernd er­wi­der­te er: »Nein, nicht frei­ge­spro­chen. Die Frei­heits­stra­fe, die ver­hängt wor­den ist …«

»Ja, schon ver­stan­den«, un­ter­brach Chris­tian den Rechts­pfle­ger. »Aber das heißt, sie kann das Ge­fäng­nis heu­te ver­las­sen, rich­tig?« Es war kaum zu glau­ben, dass es so gut für Ko­ra aus­ge­gan­gen war. Men­tal hat­te er sich da­rauf vor­be­rei­tet, dass die jun­ge Frau noch ein paar Mona­te dran­hän­gen muss­te.

Sein Ge­gen­über war im­mun ge­gen die­se Freu­de. »Sie kann das Ge­fäng­nis nicht ver­las­sen, sie muss es.« Mit die­ser Kor­rek­tur wand­te er sich sei­nen Ak­ten zu, die vor ihm auf dem Schreib­tisch lagen.

Zwar ging Chris­tian die Wort­klau­be­rei un­glau­blich auf die Ner­ven, doch der größ­te Dämp­fer war die ge­än­der­te For­mu­lie­rung selbst. Sie muss­te das Ge­fäng­nis ver­las­sen. Na groß­ar­tig. Und dann? Die ei­ne Fra­ge wür­de er noch ris­kie­ren, ob­wohl der Be­am­te sich viel Mü­he gab, sei­nen Gast zu ig­no­rie­ren. »Mal an­ge­nom­men, je­mand hat kei­ne Blei­be …«

»Dann küm­mert sich der So­zi­al­dienst der je­wei­li­gen An­stalt im Vor­feld in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Häft­ling um ei­ne an­nehm­ba­re Lö­sung, durch die dem Be­trof­fe­nen der kleinst­mög­li­che Schaden ent­steht.« Der Vor­trag des Rechts­ge­lehr­ten ließ of­fen, ob sich der kleinst­mög­li­che Schaden nun auf den Häft­ling oder die Staats­kas­se be­zog. Ver­mut­lich ein Kom­pro­miss, mit dem bei­de un­zu­frie­den waren. Na ja, das klang so, als hät­te es je­mand auf dem Schirm.

»Vielen Dank für Ih­re Zeit und noch ei­nen schö­nen Tag«, ver­ab­schie­de­te sich Chris­tian mit wi­der­lich kle­bri­ger Freund­lich­keit, doch der ver­dutz­te Blick des Rechts­pfle­gers war es ihm wert. Zu­mal der Dank kei­nes­falls ge­heu­chelt war. Trotz­dem konn­te er den Kerl nicht lei­den.

Wäh­rend er ei­lig die tris­ten Büro­flu­re ent­lang­lief, kam in ihm un­wei­ger­lich die Fra­ge auf, wa­rum in drei Teufels Na­men er sich über­haupt be­eil­te. Die Zeit, die er vor dem Auf­zug war­te­te, eig­ne­te sich vor­treff­lich zum Grü­beln. Was jetzt? Er hat­te er­fah­ren, was er er­fah­ren woll­te. Er konn­te nach Hau­se fah­ren und in aller Ru­he sei­ne Ler­nun­ter­lagen durch­stö­bern – oder ei­ne Fol­ge sei­ner Lie­blings­kri­mi­se­rie schau­en. Viel­leicht wür­de er ein paar Leu­te aus der Aus­bil­dung ein­laden, mit de­nen er in letz­ter Zeit häu­fi­ger zu­sam­men büf­fel­te. Da­zu ei­ne le­cke­re Piz­za oder Ca­ren brach­te zu­fäl­lig Kuchen mit. Ei­ne ver­füh­re­ri­sche Vor­stel­lung. Ver­mut­lich wür­de er den Abend so­gar ge­nie­ßen, oh­ne sich stän­dig zu fra­gen, was mit Ko­ra Ott­mann ge­sche­hen war.

An­de­rer­seits er­war­te­te er we­der Be­such noch stand ir­gend­ei­ne wich­ti­ge Klau­sur an. Außer die Prü­fung zum Ret­tungs­sa­ni­tä­ter in we­ni­gen Wo­chen. So­mit hat­te er die freie Wahl.

Bei­nahe alles klang ver­lo­ckend, er je­doch ent­schloss sich, dass er sich ein Bild da­von ma­chen wür­de, wie die­ser kleinst­mög­li­che Schaden in der Jus­tiz aus­se­hen moch­te. Wenn er Ko­ra an der JVA ver­pass­te, konn­te er immer noch in sein ge­müt­li­ches, war­mes Zu­hau­se fah­ren. Wür­de das The­ma Hel­fer­kom­plex in ir­gend­ei­ner Klau­sur vor­kom­men, es wä­re die er­ste, für die er sich das Ler­nen spa­ren konn­te.

Noch immer in Ge­dan­ken lief er zurück zur Stra­ßen­bahn. Wie er in die Li­nie Fünf kam, die in der Nä­he der Haf­tans­talt hielt, war sei­ne ge­ring­ste Sor­ge. Was ihn wohl er­war­te­te? Im Ideal­fall ver­pass­ten sie sich wirk­lich, dann hät­te er end­lich ei­nen Vor­wand, die Flin­te ins Korn zu wer­fen. Wie ein ver­damm­ter Spie­ler, der sei­nen letz­ten Gro­schen mit dem Ge­dan­ken ver­senk­te, ei­ne Run­de oh­ne Ge­winn und ich geh nach Hau­se.

Was soll­te er über­haupt sa­gen, wenn er an die Tür der JVA klopf­te? Hal­lo, ich hei­ße Chris­tian und woll­te mal fra­gen, ob Ko­ra Ott­mann zum Spie­len raus­kommt? Trotz­dem saß er we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter in der Bahn in Rich­tung Köln-Os­sen­dorf, oh­ne neue Er­kennt­nis­se. Nur die Fra­gen ver­mehr­ten sich in sei­nem Kopf. Was, wenn sie kei­ne Blei­be hat­te? Ihr sei­ne Couch an­zu­bie­ten, ging dann doch ein Stück zu weit. Hat­te die Fahrt schlicht und er­grei­fend et­was mit ei­nem Phä­no­men zu tun, das er Gaf­fern vor­warf? War es rei­ner Voy­eu­ris­mus?

Wa­rum hat­te er nicht ein­fach auf den Brief ge­ant­wor­tet und ihr ein schö­nes Le­ben ge­wünscht? Aber nein, er woll­te das per­sön­lich über­neh­men. Chris­tian lä­chel­te bit­ter. Sei­ne Har­mo­nie­sucht bräch­te ihn ir­gend­wann un­ter die Er­de.

Ein Freund

s ist dumm, hier zu ste­hen. Ich ha­be so viel an­de­res zu tun, als dem La­chen der Kin­der zu­zu­hö­ren. Das rhyth­mi­sche Quiet­schen der Schau­keln, nur vom Ra­scheln der Blät­ter und ge­le­gent­li­chem Ru­ckeln ei­nes Motors un­ter­bro­chen, hält mich ge­fan­gen, ob­wohl ich es längst nicht mehr bin. Ich bin frei. Seit Mi­nu­ten rat­tern die­se Wor­te durch mei­nen Schä­del, auf der Su­che nach ei­nem Quänt­chen Glück oder Er­leich­te­rung. Er­folg­los. Die un­be­schwer­ten Ru­fe von der an­de­ren Stra­ßen­sei­te kom­men dem, was ich wohl emp­fin­den soll­te, am näch­sten.

Da­ge­gen steht das Ge­wicht des Ord­ners, den ich mit bei­den Hän­den um­klam­mert hal­te. So schwer, so ge­wich­tig, so wich­tig. Der Schlüs­sel zu ei­nem ge­re­gel­ten Le­ben und gleich­zei­tig der Klotz Be­ton an mei­nen Fü­ßen. Ich mei­de es, ihn an­zu­se­hen, um sei­ner Schwär­ze zu ent­ge­hen. Sei­ner Macht, wel­che die nie­der­ge­schrie­be­nen Din­ge in mei­nem Kopf ha­ben, so­bald ich sie zu­las­se.

Statt­des­sen flüch­te ich mich in das fried­li­che Bild vor mir. Wer weiß schon, wann da­zu wie­der die Mög­lich­keit be­steht? Was mich an der näch­sten Häus­er­ecke er­war­tet? Ein eis­kal­ter Schau­er läuft mir über den Rü­cken, die Ru­fe ver­mi­schen sich in mei­nem Kopf zu Alt­be­kann­tem.

Ted­dy­bär, Ted­dy­bär, dreh dich um.

Ge­nau, Ted­dy­bär, dreht dich um – und lauf. Lauf und komm nie mehr zurück, schießt es mir durchs Hirn. Das Hirn und das Herz ei­nes Feig­lings. Wie ein frei­es Ra­di­kal rast lo­dern­der Zorn quer durch mei­ne Ge­dan­ken; legt sich über alles, das den klein­sten Wi­ders­tand bie­tet. An vor­ders­ter Front ste­he ich selbst, reg­los, statt nur ei­nen Schritt in Rich­tung Zu­kunft zu tun.

»Hi, ich …«

Wie ein Ka­no­nen­schlag de­to­niert die Stim­me direkt ne­ben mir. Bax­ter, kommt es mir ur­plötz­lich in den Sinn, als schon die er­sten Fly­er, die ich acht­los in den Ord­ner ge­pfef­fert ha­be, zu Boden segeln. Ich will sie grei­fen, flie­hen, doch das schwar­ze Mons­ter in mei­nen Hän­den hält mich an Ort und Stel­le; die Angst ver­bie­tet mir je­de Be­we­gung, so­dass ein­zig mein Blick hek­tisch zwi­schen den Va­ria­blen springt. Am Frem­den bleibt er end­lich hän­gen, wo­rauf­hin sich die Pa­nik ver­zieht, um der Ver­wir­rung Platz zu ma­chen, die sich eben­so in Chris­tians Augen wi­der­spiegelt.

Mit er­ho­be­nen Hän­den steht er da, die Stirn in tie­fen Fal­ten. »Tut mir leid, ich woll­te dich … Sie nicht er­schre­cken.«

»Klar, ich mein, schon okay, ich …«, stamm­le ich hei­ser, wäh­rend sich mei­ne be­ben­den Fin­ger in den Ord­ner kral­len. »Ich war in Ge­dan­ken. Mei­ne Schuld.« Es ist mir ein Rät­sel, was er aus­ge­rech­net heu­te an die­sem Ort treibt, aber bei ihm kann ich mir si­cher sein, dass von ihm kei­ne Ge­fahr aus­geht. Außer die, dass ich mal wie­der wie ein ge­schei­ter­ter Jun­kie wirk­te, der nichts auf die Rei­he be­kommt. Al­so rei­ße ich mich zu­sam­men, kon­zen­trie­re mich auf das Hier und Jetzt, um mich nach mei­nen Sa­chen zu bü­cken, die wie ei­ne kun­ter­bun­te Col­la­ge mei­nes Lebens auf dem Geh­weg ver­streut lie­gen.

Lei­der bin ich zu lang­sam. »Ich mach schon«, kommt Chris­tian mir zu­vor, was oh­ne Ge­päck und butter­wei­che Knie ei­ne Leich­tig­keit ist.

Mit an­ge­hal­te­nem Atem be­ob­ach­te ich, wie er die Zeugen mei­ner Exis­tenz vom Boden auf­liest. Re­du­ziert auf fett­ge­schrie­be­ne Schlag­wor­te. Ar­beits­lo­sig­keit, Ob­dach­lo­sig­keit, Dro­gen­ent­zug, So­zi­al­hil­fe, Schul­den, psy­cho­so­zia­le Be­glei­tung. Für den Fall, dass er in der Zwi­schen­zeit das ein oder an­de­re Detail ver­ges­sen ha­ben soll­te, wä­re das ge­klärt.

»Alles klar?«, fragt Chris­tian, als er mir die Fly­er über­reicht. Falls er in ir­gend­ei­ner Form ent­täuscht ist, ver­birgt er das gut. Die Fal­ten auf sei­ner Stirn las­sen ihn viel­mehr be­sorgt aus­se­hen.

Die Fra­ge zwingt mich zum Han­deln; ver­treibt end­lich ei­nen Teil der jäm­mer­li­chen Reh­star­re. Ich räu­spe­re mich, ni­cke, neh­me die Papie­re ent­ge­gen und ver­su­che sie zurück­zu­ste­cken, den Ord­ner mit ei­ner Hand an mei­nen Ober­körper ge­lehnt.

»Hast du da viel­leicht ei­ne Klar­sicht­hül­le oder so drin?«, rät mir Chris­tian in vor­sich­ti­gem, bei­nahe ent­schul­di­gen­dem Ton­fall. »Oder ich pack sie dir hin­ten in die Ta­sche. Sonst fal­len die dir an der näch­sten Ecke wie­der raus.«

»Dan­ke.« Ich bei­ße mir auf die Lip­pen, ver­drän­ge den er­neut auf­kei­men­den Zorn, nicht selbst auf die­se Idee ge­kom­men zu sein. Im Stil­len re­giert in mir vor al­lem die Er­leich­te­rung, dass Chris­tian ge­dul­dig war­tet, bis ich die bun­ten In­fo­blätt­chen in ei­ne Fo­lie ge­stopft ha­be. Außer­dem ist da noch ei­ne Fra­ge, die ich mir stel­le, seit er auf­ge­taucht ist: »Was machst du … Sie hier? Al­so hier.« Ich deu­te auf die ho­hen Mau­ern hin­ter mir, de­ren Sims ein hoch­po­ten­ter Sta­chel­draht säumt. Si­cher nicht son­der­lich höf­lich, doch ich kann mir kei­nen Reim da­rauf ma­chen. Mei­net­we­gen wird er kaum her­ge­kom­men sein – nur ei­ne an­de­re Er­klä­rung kommt mir beim be­sten Wil­len nicht in den Sinn. »Ich mei­ne …«

»Na ja, ich …«, fällt Chris­tian mir zeit­gleich ins Wort, was in ver­le­ge­nem Schwei­gen mün­det.

Soll er nur re­den. Ich rei­te mich ja oh­ne­hin nur noch weiter rein.

Zu mei­nem Glück ver­steht er den stum­men Wink. »Ich könn­te be­haup­ten, es wä­re Zu­fall«, meint er und für ei­ne Se­kun­de kau­fe ich ihm die Ge­las­sen­heit ab, mit der er in­te­res­siert die Mau­er hin­ter mir be­trach­tet. Sein Blick glei­tet zu Boden, zum Spiel­platz auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. »Eigent­lich woll­te ich zur Haupt­ver­hand­lung kom­men, aber ir­gend­wie ha­be ich ver­pennt, dass die vor­ver­legt wur­de. We­gen der Ar­beit ha­be ich sie dann ver­passt und ge­fragt, wie es aus­ge­gan­gen ist und als ich ge­hört ha­be, dass du heu­te ent­las­sen wirst, dach­te ich, ich kom­me vor­bei, um …« In­zwi­schen schaut er mich un­schlüs­sig an, wäh­rend die Wor­te sto­ckend über sei­ne Lip­pen kol­lern. »… zu fra­gen … wie es läuft. Al­so ur­sprüng­lich, um dir Alles Gu­te zu wün­schen, aber …« Of­fen­sicht­lich wä­re das zu viel des Op­ti­mis­mus.

Dass er tat­säch­lich we­gen mir her­ge­kom­men ist, lässt mich schlu­cken. Es ehrt mich, es rührt mich, doch gleich­zei­tig lädt sich vor mir ei­ne rie­si­ge Ver­ant­wor­tung auf, mei­nen Zwei­feln zu wi­ders­te­hen. »Es«, kräch­ze ich, räu­spe­re mich in dem Ver­such, das in­ne­re In­fer­no zu über­spie­len, »läuft.« So die reel­le Ein­schät­zung mei­ner­seits. »Ir­gend­wie.« Ich be­mü­he mich um ein Lä­cheln, spü­re aber, wie mei­ne Lip­pen bloß zit­trig in die Hö­he zu­cken, als ich den Ord­ner an­he­be, um die Wor­te zu un­ter­strei­chen. Das Bren­nen in mei­nen Augen, wel­chen Ur­sprungs es auch sein mag, un­ter­drü­cke ich mit aller mir zur Ver­fü­gung ste­hen­den Macht.

»Sieht nach viel Ar­beit aus«, be­merkt Chris­tian mit ei­nem flüch­ti­gen Lä­cheln. »Musst du das alles le­sen?«

»Das ist der Schrift­ver­kehr der letz­ten Wo­chen.« Ich spü­re, wie ein Teil der An­span­nung von mir ab­fällt. Wie sich mein Herz­schlag be­ru­higt und sich mei­ne Stim­me fes­tigt. »Das meis­te ken­ne ich schon, aber was jetzt wird, das muss ich halt re­geln.« Wie­der zu­cken mei­ne Mund­win­kel in die Hö­he. »Ist ja noch ge­nug Platz für mehr Papier.«

»Viel zu re­geln?«

Ich ha­de­re mit mir, ob es mir lie­ber ge­we­sen wä­re, wenn er die Ober­fläch­lich­keit be­wahrt hät­te. Ob ich sie wah­ren soll? Prü­fend mus­te­re ich ihn. Fra­ge mich, ob er sich mit ei­nem ein­fa­chen Ja zu­frie­den­ge­ben wür­de. Den­ke zurück an die Fly­er auf dem Boden. Es ist mei­ne Chan­ce, ei­ne Men­ge rich­tig­zu­stel­len. »Mir ei­nen Haus­arzt su­chen, der mir die Opio­id­blo­cker ver­schreibt; das Ar­beits­amt we­gen Ar­beits­lo­sen­geld kon­tak­tie­ren; mit der Ver­si­che­rung tele­fo­nie­ren, da­mit ich ver­si­chert bin; Un­ter­kunft, viel­leicht neue Kla­mot­ten, Ar­beit. Le­ben eben.« Ge­nau, so ist das Le­ben nun ein­mal. Kein Grund, in Pa­nik aus­zu­bre­chen. Eins nach dem an­de­ren.

Chris­tian sieht mich mit gro­ßen Augen an. »Da bist du die näch­sten Ta­ge ja gut be­schäf­tigt.«

Das hys­te­ri­sche La­chen, das sich mei­ne Keh­le hoch­kämpft, ent­zieht sich mei­ner ach so tol­len Kon­trol­le. »Die näch­sten Ta­ge ist gut.« Wenn es nach den Äm­tern gin­ge, hät­te ich es bes­ser ge­stern als heu­te er­le­digt. Chris­tian ist aller­dings der Letz­te, den ich voll­jam­mern will, wes­halb ich schnell hin­ter­her­schie­be: »Aber ich krieg das hin. Ich …« Ja, was? Was wer­de ich tun? Auf­ge­ben schon ein­mal nicht, nur wo an­fan­gen? Es brennt an allen En­den. »Ver­mut­lich ist es das Be­ste, wenn ich mir zu­erst ei­ne Un­ter­kunft su­che.« Alles an­de­re ist ge­nau­so wich­tig, aber wenn ich mich zu spät küm­me­re, steh ich heu­te Abend oh­ne Dach über dem Kopf da. Allein. Dann wä­re eh je­de Lie­bes­müh ver­ge­bens.

Stumm nickt Chris­tian. Kein Wun­der, an sei­ner Stel­le wüss­te ich ge­nau­so we­nig, was ich ant­wor­ten soll­te. ›Jo, su­per Plan‹ oder ›Gu­te Idee‹ wä­ren adä­qua­te Re­ak­tio­nen, aber auch nur, weil es an Al­ter­na­ti­ven man­gelt. Wahr­schein­lich ist es der de­pri­mie­rend­ste Small Talk, den er seit Lan­gem ge­führt hat. »Adres­sen von Not­schlaf­stel­len hast du?«, fragt er schließ­lich.

»Ge­nug, den­ke ich mal«, ent­geg­ne ich, dies­mal um Ge­las­sen­heit be­müht, ob­wohl mich die Er­in­ne­rung an mei­nen letz­ten Gang zu ei­ner die­ser Ein­rich­tun­gen frös­teln lässt.

In Chris­tians Mie­ne flammt ein er­leich­ter­tes Lä­cheln auf. »Soll ich mit­kom­men? Al­so, nur auf dem Weg.«

Un­gläu­big star­re ich ihn an. Wa­rum?, fra­ge ich mich. Wa­rum tut er das?

»Ich kann auch ge­hen, al­so, ich kann mir den­ken, dass es ir­gend­wie ko­misch aus­sieht, wenn ich plötz­lich auf­tau­che und … Je­den­falls woll­te ich mich nicht auf­drän­gen, ich dach­te nur …«

»Gern«, un­ter­bre­che ich sei­nen Schwall an Recht­fer­ti­gun­gen. »Al­so, wenn du willst, kannst du mit­kom­men.« Ich ver­ste­he nicht, wa­rum er das tut, aber nicht allei­ne zu sein, wenn ich gleich zum zwei­ten Mal vor dem Haus der Rosen ste­he, bei dem ich um Asyl bit­ten will, das er­scheint mir ei­ne ver­dammt gu­te Idee.

So viel da­zu, dass alles sei­nen Gang ging, dach­te Chris­tian bit­ter, als sie in der U-Bahn sa­ßen. Bei den Wor­ten des Rechts­pfle­gers, es wür­de sich um ei­ne Lö­sung ge­küm­mert, hat­te er nicht an ei­ne In­fo­bro­schü­re zu Not­schlaf­stel­len oder Ob­dach­lo­sen­ver­ei­ne ge­dacht. »Hat sich in den letz­ten Ta­gen je­mand mal mit dir hin­ge­setzt, we­gen ei­ner Blei­be?« Sein Ton­fall hin­ter­ließ ei­nen säu­er­li­chen Ge­schmack auf der Zun­ge, doch der galt nicht Ko­ra, die auf­schreck­te, ehe sie sei­nem Blick aus­wich.

Statt­des­sen schau­te sie aus dem Fens­ter, als sie klein­laut die Schul­tern hob. »Schon.« Bei­nahe über­tön­te das Kreis­chen der Rä­der auf den stäh­ler­nen Schie­nen ih­re ge­mur­mel­ten Wor­te. »Ist halt schwie­rig, oh­ne Ent­las­sungs­termin, kon­kret zu su­chen.«

Da war was dran, muss­te Chris­tian ge­ste­hen. »Klar, ver­ste­he ich ja«, räum­te er ein, wäh­rend die Zeit sei­ne Wut in Hil­flo­sig­keit um­wan­del­te, die noch viel ät­zen­der war. »Aber das ist doch so kei­ne Lö­sung. Zu­min­dest kei­ne Gu­te.«

Er­neut hob Ko­ra die Schul­tern. Für ei­nen flüch­ti­gen Mo­ment schau­te sie zu ihm her­über. »Na ja, ich bin ja ent­las­sen. Al­so ist die Jus­tiz­be­hör­de für mich nicht mehr zu­stän­dig.« Ihr Blick, wäh­rend sie das sag­te, war trüb. Die Mund­win­kel zuck­ten mü­de, als sie sich wie­der dem Fens­ter zu­wand­te. »Will­kom­men in Deutsch­land.«

Nicht mehr zu­stän­dig. Wun­der­bar. Das war ei­ne Denk­wei­se, mit der es das Sys­tem weit brin­gen wür­de. »Al­so wä­re es für dich bes­ser ge­we­sen, wenn die Stra­fe hö­her aus­ge­fal­len wä­re«, kons­ta­tier­te Chris­tian kühl. So hat­te Ko­ra zwar die kür­ze­re, aber am En­de här­te­re Quit­tung er­hal­ten.

Das Schluch­zen der jun­gen Frau ließ ihn auf­schau­en, doch da be­merk­te er, dass er sich geirrt hat­te. Sie hat­te ge­lacht. Ih­re schma­len Lip­pen zier­te noch immer ein kal­tes Lä­cheln. »Ir­gend­wie schon. Ich wä­re zurück in mei­ne Zel­le, hät­te ge­wusst, wann ich raus­kom­me, und mir in aller Ru­he was su­chen kön­nen. Ei­ne Be­wäh­rungs­stra­fe wä­re auch okay ge­we­sen, dann hät­te ich ei­nen Be­wäh­rungs­hel­fer be­kom­men.« Ihr Lä­cheln ver­schwand, als sie den Kopf an die Glas­schei­be lehn­te, die den Ein­gangs­be­reich hin­ter ihr von der Sitz­grup­pe trenn­te. »Aber an­de­re Leu­te krie­gen das ja auch hin. Job, Woh­nung und so weiter. Wird schon klap­pen.« Den Op­ti­mis­mus such­te man in ih­rer Stim­me je­doch ver­ge­bens.

Zu­mal an­de­re Leu­te sel­ten oh­ne eige­ne Blei­be das­tan­den. »Ei­ne ver­schenk­te Chan­ce ist es trotz­dem«, mur­mel­te Chris­tian halb­laut, als auch er aus dem Fens­ter schau­te. »Dich da­mit allein zu las­sen, mei­ne ich.« War nicht je­der, der es von der Stra­ße weg­schaff­te, ein Ge­winn für die Stadt? So konn­te man sich die Be­schwer­den über das ach so ver­schan­del­te Bild der In­nens­tadt spa­ren oder da­rüber, dass so viele Men­schen dem Ar­beits­markt nicht zur Ver­fü­gung stan­den.

»Ist ja nicht so, als wä­re es was Per­sön­li­ches«, ent­geg­ne­te Ko­ra nach kur­zem Zö­gern. »Auf der Stra­ße hab ich ein paar ge­trof­fen, die so auf der Plat­te ge­lan­det sind. Un­ge­plan­te Ent­las­sung und dann hän­gen ge­blie­ben. Wenn man eh bei den al­ten Kum­pels sitzt, wa­rum nicht wie­der an­fan­gen zu sau­fen? We­nigs­tens ist man da kein Sand­korn im Ge­trie­be, son­dern hat je­man­den zum Re­den. Dem es ge­nau­so geht. Man ist halt nicht allein. Ir­gend­wie schon, aber … an­ders als beim Job­cen­ter oder so.«

Nach­denk­lich mus­ter­te Chris­tian ihr Ge­sicht. Sie schau­te aus dem Fens­ter. Ih­re Pu­pil­len zuck­ten hek­tisch von ei­nem Punkt zum an­de­ren. Es war schwer zu sa­gen, ob sie ihm aus Scham aus­wich, oder ob es Angst war. Er konn­te sich gut vor­stel­len, dass sie ih­re Ehr­lich­keit be­reu­te. »So ge­se­hen, ver­ste­he ich es ir­gend­wie«, mur­mel­te er. »Wenn man über­all bloß Schlä­ge kas­siert, ist es si­cher …« Er stock­te. Wie war es dann, auf der Stra­ße ei­nen Platz zu ha­ben? Toll? An­nehm­bar? Er­träg­lich?

»Be­schis­sen, aber kal­ku­lier­bar«, half ihm Ko­ra mü­de lä­chelnd auf die Sprün­ge. »Das war mein Mot­to, auch, wenn es ge­lo­gen ist. Die Ein­schlä­ge ha­be ich trotz­dem nicht kom­men se­hen. Ich konn­te es mir aber zu­min­dest ein­re­den.«

So, wie sie sich ein­ge­re­det hat­te, bloß ei­ne Er­käl­tung zu ha­ben, statt ge­ra­de­wegs in ei­nen kal­ten Opioid­ent­zug zu rut­schen, er­in­ner­te sich Chris­tian. An­de­rer­seits brauch­te man ver­mut­lich in ei­ner sol­chen Si­tua­tion viel Fan­ta­sie, um mit der ei­ge­nen La­ge klar­zu­kom­men. »Was ist jetzt dein Mot­to?« Die Fra­ge war zu schnell drau­ßen, als dass er die Däm­lich­keit lan­ge hät­te be­wun­dern kön­nen.

Zu sei­ner Er­leich­te­rung schien Ko­ra bloß ver­wun­dert, ehe sie, zu sei­nem noch grö­ße­ren Er­stau­nen, schmun­zelnd ei­ne Augen­braue hob. »Mein Mot­to?«, frag­te sie, wäh­rend sie zwi­schen ihm und dem Ord­ner auf ih­rem Schoß hin und her sah. »Bis zum Ho­ri­zont und noch viel weiter, kei­ne Ah­nung.« Der Glanz ver­schwand aus ih­ren Augen. »Zu­erst reg­le ich mei­nen Kram. Dann mal se­hen.«

»Gibt schlech­te­re Plä­ne«, er­wi­der­te Chris­tian zu­frie­den, ob­wohl ihm ih­re Wort­wahl klei­ne Sti­che ver­setz­te. Ho­ri­zont, Din­ge re­geln. Es war wie ei­ne un­heil­vol­le Wol­ke am Fir­ma­ment, die sich un­auf­halt­sam auf ihn zu­schob.

»Fin­de ich auch«, hör­te er Ko­ra sa­gen, wäh­rend er die Leu­te be­ob­ach­te­te, die mit ih­nen in dem Wag­gon sa­ßen; die auf­stan­den, als sie sich der näch­sten Sta­tion nä­her­ten; für sich blie­ben, in ih­ren Bü­chern, der Musik aus ih­ren Kopf­hörern oder Ge­dan­ken ver­san­ken. Ko­ras Ton­fall, nach­denk­lich, bei­läu­fig, sag­te ihm, dass das Ge­wit­ter nä­her kam. »Wa­rum tust du das, Chris­tian?«

Da war er. Der Ein­schlag, den er sehr wohl hat­te kom­men se­hen. Er rühr­te sich kei­nen Mil­li­me­ter. Statt­des­sen mus­ter­te er weiter­hin die Men­schen, von de­nen sich ver­mut­lich nie­mand vor­stel­len konn­te, nach Feie­ra­bend ei­nen ob­dach­lo­sen Ex-Sträf­ling von der JVA ab­zu­ho­len und nach Nip­pes zu be­glei­ten, was in ge­wis­ser Wei­se auch bes­ser so war. »Das«, sag­te er, ehe er sich von den Mit­rei­sen­den los­riss und mit mü­dem Lä­cheln zurück zu Ko­ra sah, »ist ei­ne ver­dammt gu­te Fra­ge.« Aber in­zwi­schen kann­te er ei­nen Teil der Ant­wort. »Es gibt be­stimmt je­de Men­ge Leu­te, die mich für be­scheu­ert er­klä­ren wür­den, wenn sie wüss­ten, was ich ge­ra­de ma­che. Von we­gen Hel­fer­syn­drom und so weiter.«

Ko­ra hob un­schlüs­sig die Schul­tern. »Schon mög­lich.«

»Und ein biss­chen be­kloppt fin­de ich es selbst«, gab er zu, wo­mit er wahr­schein­lich jeg­li­chen Fun­ken Ver­trau­ens­wür­dig­keit ver­lor, »aber ich mag es, wenn Ge­schich­ten gut aus­ge­hen.« Das fass­te es recht tref­fend zu­sam­men. »Wie ge­sagt, eigent­lich hat­te ich dir nur alles Gu­te wün­schen wol­len. Dich ein­fach so ste­hen las­sen, wä­re aber ge­nau­so we­nig fair ge­we­sen.«

Un­si­cher schau­te sie zu ihm her­über. »Du hät­test es trotz­dem nicht ge­musst. Du kannst schließ­lich nichts da­zu, wie das alles ge­lau­fen ist.« Sie schluck­te, schau­te hi­nab auf den schwar­zen Ord­ner. »Du hast mir oft ge­nug ge­hol­fen.« Mit zu­sam­men­ge­press­ten Lip­pen hob sie tap­fer den Blick. »Das heißt aber nicht, dass du für mich ver­ant­wort­lich wärst oder so. Da­für muss ich sel­ber ge­ra­de­ste­hen.«

»Ich weiß.« Das war Chris­tian im Grun­de nur all­zu klar. »Aber schaden tut es ja nicht, oder?«

Ein Lä­cheln husch­te über Ko­ras Ge­sicht. »Nein, tut es nicht. Mir je­den­falls nicht.« Dies­mal waren ab­sur­der­wei­se bei ihr die Sor­gen­fal­ten zu se­hen. »So oft ge­hen Ge­schich­ten nicht gut aus?«

»Mal so, mal so«, ent­geg­ne­te Chris­tian, wo­bei ihm die Ge­las­sen­heit, die er an den Tag leg­te, sehr leicht fiel. Denn es stimm­te. »Wenn ich mein BWL-Stu­di­um durch­ge­zo­gen hät­te, hät­te ich we­ni­ger da­von mit­be­kom­men, aber das Wah­re wä­re das auch nicht ge­we­sen. Zu­min­dest nicht für mich.« Nicht mehr.

Mit gro­ßen Augen starr­te Ko­ra ihn an. Fehl­te nur, dass ihr die Kinn­la­de her­un­ter­klapp­te. Auf ih­rer Stirn stand qua­si in Leucht­buch­sta­ben, mit blan­kem Un­glau­be un­ter­stri­chen: »BWL?«

Die Re­ak­tion be­lus­tig­te ihn je­des Mal aufs Neue. Es funk­tio­nier­te ge­nau­so in der an­de­ren Rich­tung, wenn er ehe­ma­li­gen Klas­sen­ka­me­ra­den oder Kom­mi­li­to­nen er­zähl­te, was er heu­te trieb. Die kind­li­che Freu­de da­rüber, tropf­te je­doch in dem Mo­ment von sei­nem Ge­sicht, als er sich da­ran er­in­ner­te, wa­rum das alles an­ders ge­kom­men war. Ob es ei­ne gu­te Idee war, da­mit raus­zu­rü­cken? Dass es zu per­sön­lich wä­re, war sei­ne ge­ring­ste Sor­ge. Aber viel­leicht ver­stand Ko­ra es dann ein we­nig bes­ser. »Je­mand aus mei­ner Zen­tu­rie, äh, so­was wie Jahr­gang, hat sich das Le­ben ge­nom­men.«

»Er ist …«, stamm­el­te Ko­ra per­plex, wo­rauf­hin Chris­tian den Kopf schüt­tel­te.

Das läs­si­ge Schul­ter­zu­cken war rei­nes Theater. In Wahr­heit schnür­te ihm allein die An­deu­tung des The­mas die Brust zu. »Je­den­falls hab ich seit dem et­was an­de­re Prio­ri­tä­ten. Bes­ser spät als nie.«

»Tut mir trotz­dem leid«, ent­geg­ne­te Ko­ra, wie man es halt tat, wenn Men­schen ei­nem so et­was er­zähl­ten.

»Braucht es nicht.« Das mein­te Chris­tian so, wie er es sag­te. »Da kannst du ja auch nichts für. Und ich war zu­min­dest nicht allein.« Aber Si­mon, der war es ge­we­sen.

Ich könn­te es Chris­tian nicht ver­den­ken, wenn er bei mir ei­ne ähn­li­che Ge­fahr wit­tert. Dass ich ei­nes Tages ein­fach Schluss ma­che. Re­set. Oder bes­ser Black­out. Ob er mich des­halb be­glei­tet? Es gab in mei­ner Ver­gan­gen­heit ge­nü­gend Si­tua­tio­nen, in de­nen ich da­rüber nach­ge­dacht ha­be. Schwei­gend set­ze ich ei­nen Fuß vor den an­de­ren, als wir den Bür­gers­teig ent­lang­lau­fen. Ein stink­nor­ma­les Wohn­ge­biet. Lau­ter nied­li­che Dop­pel­haus­hälf­ten, Rei­hen­häu­ser, Mehr­par­tei­en­klöt­ze, aber alles be­schau­lich, wenn auch auf den zwei­ten Blick in die Jah­re ge­kom­men. Es ist ei­ne an­ge­neh­me Stil­le, die ich durch­bre­che. »Ich kann mich nicht um­brin­gen.« Sub­til und ele­gant wie ein be­sof­fe­ner Pan­da im Bäl­le­pa­ra­dies. Ge­nau mein Stil.

Chris­tians Ge­sichts­aus­druck zu­fol­ge fragt er sich, ob die­ser Be­wusst­seins­zu­stand auch auf mich zu­trifft.

Ich räu­spe­re mich. Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen ist ei­ni­ges an Kon­text ver­lo­ren ge­gan­gen. »Ist nicht so, als hät­te ich das je­mals ver­sucht, aber immer, wenn mir der Ge­dan­ke kam, dass an­de­re sich an mei­ner Stel­le in den näch­sten Fluss stür­zen wür­den, hat sich alles in mir da­ge­gen ge­wehrt.« Den Schritt ein­mal zu ge­hen, ist mir un­vor­stell­bar. Selbst in die­sem Mo­ment. Oder bes­ser ge­sagt, so­gar als ich mutter­seelen­allein vor der JVA stand. Jetzt erst recht nicht.

»Bei dir klingt es, als wä­re das was Schlech­tes«, wirft Chris­tian skep­tisch ein.

Ich zu­cke mit den Schul­tern. »Manch­mal kam es mir so vor.« Wie ein sel­ten däm­li­cher Gen­de­fekt. Mei­ne Stim­me ist kaum mehr als ein Flüs­tern, denn so, wie ich mich in be­sag­ten Mo­men­ten für mei­ne Feig­heit vor dem Tod ge­schämt ha­be, schä­me ich mich nun für mei­ne Feig­heit ge­gen­über dem Le­ben.

»Ko­ra, es gibt nichts Schlech­tes da­ran, Lebens­wil­len zu ha­ben.« Es ist über­haupt das er­ste Mal, dass Chris­tian mir direkt wi­der­spricht, statt bloß ei­ne an­de­re Mei­nung zu ha­ben. »Dass du dir den be­wahrt hast, ist viel­mehr be­wun­derns­wert.«

Ich schaue ihm in die Augen, in de­nen ein ener­gi­sches Fun­keln liegt. Be­wun­derns­wert. Die glü­hen­de Flam­me des Stol­zes, die ich spü­ren soll­te, ist bloß ein ent­fern­tes Glim­men. »Ist es das?«, fra­ge ich, ob­wohl mir un­er­klär­lich ist, wo­her ich den Mut neh­me, die­se Wor­te laut aus­zu­spre­chen. Viel­leicht weil, immer wenn ich mit die­sem The­ma kon­fron­tiert wer­de, mei­ne Rea­li­tät in ei­ne Art theo­re­ti­sche Di­men­sion stürzt. Als wä­re nichts mehr von dem, was pas­siert, echt. »Ist es noch be­wun­derns­wert, wenn man frie­rend und zit­ternd in ei­ner Spund­wand hängt, in den Lauf ei­ner ge­la­de­nen Waf­fe schaut und, ob­wohl man weiß, dass ein Groß­teil der Ge­sell­schaft die eige­ne Exis­tenz ver­ach­tet und der Rest sie ig­no­riert; ob­wohl das eige­ne Le­ben ein ein­zi­ger Scher­ben­hau­fen ist, der oh­ne­hin in ein paar Mi­nu­ten passé ist; ob­wohl es eigent­lich nichts gibt, für das man kämp­fen könn­te, nicht ein­fach los­las­sen kann?« Bis heu­te ist es mir un­be­greif­lich, was da­mals in mei­nem Kopf vor sich ge­gan­gen ist. »Ich ha­be nicht an Mer­lin ge­dacht, der sich ver­mut­lich rie­si­ge Vor­wür­fe ge­macht hät­te. Nicht an dich oder ir­gend­je­mand an­de­ren, der mir je­mals auf die Bei­ne ge­hol­fen hat. Nicht an ir­gend­ei­nen Gott, der mir dann, was weiß ich, zwei­und­sieb­zig Jung­frau­en ver­wehrt hät­te, oder so. Ich woll­te nur nicht ster­ben und ich ha­be kei­ne Ah­nung, wa­rum.« Hät­te ich nicht allen Grund ge­habt?

»Viel­leicht, weil du wuss­test, dass es doch bes­ser wer­den kann«, ver­mu­tet Chris­tian, oh­ne zu zö­gern. »Be­stimmt hät­ten in so ei­ner La­ge viele an­ders rea­giert. Aus Angst, Pa­nik. In sol­chen Ex­trem­si­tua­tio­nen denkt nie­mand groß nach. Wir kämp­fen in­stink­tiv um un­ser Le­ben. Weg­lau­fen, kämp­fen, wo­für auch immer wir uns ent­schei­den. Das ist nor­mal, so, wie es sein soll.«

Ich spü­re, wie sich mei­ne Mund­win­kel zu ei­nem hoh­len Grin­sen ver­zie­hen. »Wä­re es schief­ge­gan­gen, wä­re es dumm ge­we­sen.« Dann wä­re ich wie ein Schaf in die Ar­me mei­ner Mör­der ge­lau­fen, oh­ne mich zu weh­ren. Wo­bei, ge­wehrt ha­be ich mich ja doch. Ir­gend­wann. »Na ja, es ist nicht schief­ge­gan­gen. Je­den­falls be­weist es, dass es ei­ne gan­ze Men­ge braucht, bis ich die Flin­te ins Korn wer­fe.« Wo­mög­lich zu viel. »Und du hast auch recht: Weiter­ma­chen ist die ein­zi­ge Chan­ce, da­mit es bes­ser wird.« Ob­wohl ich den Glau­ben da­ran oft als Nai­vi­tät ver­dammt ha­be, bleibt es wahr.

»Immer­hin hast du so et­was wie ei­nen Plan.« Zu­ver­sicht­lich deu­tet Chris­tian auf den Ord­ner in mei­nen Hän­den.

Un­schlüs­sig da­rüber, ob die­se aus­ge­klü­gel­te Samm­lung aus Zet­teln mir mehr hilft, als mich nie­der­drückt, be­trach­te ich die Deck­pap­pe. »Ja, gro­ße Plä­ne.« Mei­ne Ent­geg­nung klingt we­ni­ger op­ti­mis­tisch, was ich mit ei­nem Lä­cheln zu ka­schie­ren ver­su­che. »Wie weit ich kom­me, wird man se­hen.« Zu­min­dest bis hier­her ha­be ich es ge­schafft, sa­ge ich mir, als ich ste­hen blei­be.

Vom Bür­gers­teig aus führt ein schma­ler Pfad über ei­ne zweck­mä­ßi­ge Grün­flä­che zu ei­nem der vielen Dop­pel­häu­ser. Un­ter dem Grausch­lei­er der Fass­ade schim­mert et­was her­vor, das viel­leicht mal ein strah­len­des Gelb ge­we­sen ist. Was das Ge­bäu­de von den Um­ste­hen­den un­ter­schei­det, ist das Schild ne­ben der Klin­gel. Es ist grö­ßer. Die in Mess­ing ge­ätz­ten Buch­sta­ben las­sen sich aus der Ent­fer­nung schlecht ent­zif­fern, doch die Adres­se ist mir wohl­be­kannt. Das Haus der Rosen. Ein Zu­flucht­sort für ob­dach­lo­se Frau­en.

Un­si­cher schaue ich zu Chris­tian. »Ist wohl bes­ser, ich ge­he da allei­ne hin.« Nicht, dass ich das un­be­dingt will. Das ab­so­lu­te Ge­gen­teil ist der Fall. Weg­lau­fen oder mit Chris­tian drei­mal um den Block spa­zie­ren, klingt tausend­mal bes­ser. Bes­ser als die­sen Pfad zu der ge­schloss­enen Tür zu lau­fen, die ei­ne mir voll­kom­men frem­de Per­son öff­nen und mir Fra­gen über mein Le­ben stel­len wird. Aber es ist mein Le­ben. Das hier muss ich tun. Allein.

Chris­tian, der sich die Zeit nimmt, das Haus ei­ni­ge Se­kun­den zu be­trach­ten, scheint das zu ver­ste­hen. »Den­ke ich auch. Das schaffst du. Dann sag ich mal: Alles Gu­te.« Zum Ab­schied streckt er mir sei­ne Hand ent­ge­gen.

Ich klem­me mir den Ord­ner un­ter den Arm und schla­ge zö­ger­lich ein. Alle mir ge­ge­be­ne Zu­ver­sicht le­ge ich in das letz­te Lä­cheln, das ich mir ab­rin­ge. »Dan­ke noch ein­mal. Auch fürs Mit­kom­men.«

»Gern.« Ich su­che An­zeichen ei­ner Lü­ge. Für Heu­che­lei. Für Spott. Er­folg­los. Es wä­re in ge­wis­ser Wei­se leich­ter, wenn Chris­tian es nicht so ver­flucht ernst mei­nen wür­de.

Zö­ger­lich schaue ich über mei­ne Schul­ter zur Tür der No­tun­ter­kunft. Der Kon­trast zwi­schen der net­ten Plau­de­rei zu mei­nen schlimm­sten Be­fürch­tun­gen könn­te grö­ßer kaum sein.

»Soll ich mit­kom­men?«, hö­re ich Chris­tian sa­gen, doch ich schütt­le den Kopf.

»Aber«, set­ze ich un­si­cher an. Es ist nicht allein Stolz, mit dem ich rin­ge, wenn er auch der größ­te Geg­ner ist. Mei­ne Oh­ren glü­hen. Ich kann füh­len, wie sie förm­lich vor Rö­te leuch­ten. Es sind bloß zehn Schrit­te und ei­ne klei­ne Hand­be­we­gung, die mich un­end­li­che Über­win­dung kos­ten. Ei­ne Leich­tig­keit, möch­te man mei­nen. Kin­der­leicht. Nur für mich nicht. »Aber du könn­test war­ten, bis ich ge­klin­gelt ha­be.« To­des­mu­tig schaue ich ihm ins Ge­sicht, als er schweigt.

Kei­ne Hä­me. Kein Ge­läch­ter. »Falls du kei­nen Platz kriegst?«, fragt er, oh­ne mich in ir­gend­ei­ner Wei­se zu be­wer­ten.

Sei­ne Ver­mu­tung ist je­doch nur die hal­be Wahr­heit. Er ver­dient die Gan­ze. »Da­mit ich wirk­lich hin­ge­he.« An­ders als beim letz­ten Mal.

Auf sei­ner Stirn plop­pen Fra­ge­zeichen auf, aber die­se Epi­so­de, als ich zu­letzt zu die­ser Tür ge­gan­gen bin, be­hal­te ich vor­erst für mich. Als mir der Mut ge­fehlt hat, ich mich statt­des­sen in ei­nem Park ver­kro­chen ha­be. Ei­ne gott­ver­damm­te Dumm­heit, die ich mit ei­ner Tracht Prü­gel be­zahlt ha­be.

Auf dem Weg zum Ein­gang der No­tun­ter­kunft um­schlin­ge ich den Ord­ner in mei­nem Arm fes­ter. Wie ei­nen sehr kan­ti­gen, un­be­que­men Ted­dy­bä­ren. Der Kin­der­reim kommt mir in den Sinn. Ob die Er­in­ne­rung es ist oder die Tür, die mit je­dem Me­ter zu wach­sen scheint; ei­nes von bei­dem sorgt da­für, dass der Kloß in mei­nem Hals un­an­ge­neh­me Di­men­sio­nen an­nimmt. Je­der Schritt ist merk­wür­dig leicht. Fast schwe­bend. Das Ge­räusch mei­ner aus­ge­tre­te­nen Schu­he auf den schie­fen Geh­weg­plat­ten klingt selt­sam. Un­pas­send. Als wä­re nichts hier echt. Nur, wenn es das nicht wä­re, wür­de mein Herz sich wohl kaum so sehr da­ge­gen sträu­ben, mich die­sem Haus zu nä­hern. Wie da­mals in der Gru­be, als Mer­lin mich zur Ob­dach­lo­sen­spei­sung mit­ge­nom­men hat. Ein Schild aus Ab­leh­nung, Trost­lo­sig­keit, Be­vor­mun­dung, den ich ge­walt­sam durch­drin­ge; der mich nie­der­drückt.

Mein ei­ge­ner Herz­schlag dröhnt mir in den Oh­ren, als ich vor der Tür ste­hen blei­be. Er über­tönt das ener­gi­sche Me­ckern ei­nes Vogels. Mein Fin­ger, der für ei­nen Se­kun­den­bruch­teil zö­gernd vor dem Knopf ver­harrt, zuckt im sel­ben Takt wie das rhyth­mi­sche Pul­sie­ren, das mich durch­strömt; das mich zu zer­rei­ßen droht, als das schril­le Läu­ten die trü­ge­ri­sche Stil­le durch­zieht.

Nach­dem das Kreis­chen ver­klun­gen ist, glau­be ich für ei­nen Mo­ment, die Zeit wä­re ste­hen ge­blie­ben, bis die un­hei­li­ge Sym­pho­nie in mei­nem In­ne­ren er­neut an­stimmt. Erst ganz lei­se, doch mit je­dem Atem­zug er­schüt­tert sie mich mehr. Das mie­se Ge­fühl in mei­ner Brust dehnt sich aus und in mir wächst der Wunsch, zu flie­hen. Wenn ich die Mög­lich­keit ge­habt hät­te, ich hät­te es ge­tan – wenn nie­mand es ge­se­hen hät­te. Heu­te steht aller­dings im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes je­mand hin­ter mir.

Zum Glück hat Chris­tian kei­ne Ah­nung, dass ich ihn, ob­wohl ich es war, die ihn um die­sen Ge­fal­len ge­be­ten hat, für sei­nen Ju­das­dienst ver­ach­te. Für je­den Puls­schlag, der mich mehr ins Wan­ken bringt. Für je­de Se­kun­de, die ich vor die­ser Tür schmo­re, als wä­re sie ra­dio­ak­tiv. Lebens­feind­li­ches Terrain, das mir mit je­dem Atem­zug mei­ne ei­ge­nen Zwei­fel vor Augen führt. Was, wenn ich kei­nen Platz be­kom­me? Wenn es so schlimm wie be­fürch­tet wird? Wenn es mei­ne kühns­ten Vor­stel­lun­gen über­trifft? Was, wenn ich ih­nen zu we­nig be­dürf­tig bin? Zu jung? Zu alt? Zu kri­mi­nell? Zu su­spekt? Zu un­zu­ver­läs­sig? Was, wenn ich nicht ein­mal hier­für ge­nü­ge?

Un­will­kür­lich wei­che ich ei­nen hal­ben Schritt zurück, als mit ei­nem oh­ren­be­täu­ben­den Kli­cken das Tür­schloss er­klingt.

Die Hit­ze, die mir ins Ge­sicht ge­stie­gen ist, wan­delt sich in wum­mern­de Kopf­schmer­zen. Dumpf, un­an­ge­nehm, un­nach­gie­big. Ich be­ob­ach­te ge­lähmt, wie die Tür nach in­nen auf­schwingt und den Blick auf die da­hin­ter­ste­hen­de Non­ne frei­gibt.

Schwar­zes Ge­wand, die ho­he, wei­ße Hau­be, die ih­re Haa­re ver­deckt. Ob sie be­reits graue Sträh­nen hat? Ne­ben den grü­nen Augen er­ken­ne ich win­zi­ge Fält­chen auf der som­mer­spros­si­gen Haut. Sie ist de­fi­ni­tiv äl­ter als ich, doch um wie viele Jah­re, ist mir ein Rät­sel. »Ja, bit­te?« Ihr Ton­fall er­in­nert mich an ei­ne der Auf­se­her­in­nen im Knast. Kühl, dis­tan­ziert, aber kei­nes­falls des­in­ter­es­siert.

Ich ste­he sto­isch da, mei­nen Ord­ner um­klam­mert, mit dem Ruck­sack auf dem Rü­cken und fra­ge mich, was sie hö­ren will. Was ich zu sa­gen ha­be. Ich schlucke, be­zweif­le, ob ich über­haupt ei­ne Stim­me ha­be. Ein Recht auf ei­ne Stim­me; hier zu sein; um Hil­fe zu bit­ten – ob­wohl ich es ganz allein ver­geigt ha­be. Weg­lau­fen, er­mah­ne ich mich, ist kei­ne Al­ter­na­ti­ve. »Ha…«, set­ze ich hei­ser an, bei­nahe froh, auf die­se Wei­se ei­nen zwei­ten Ver­such zu ha­ben. »Gu­ten Tag«, be­mü­he ich im näch­sten An­lauf mei­ne gu­te Kin­der­stu­be. »Mein Na­me ist Ko­ra Ott­mann«, und ich ver­kau­fe Staub­sau­ger der Mar­ke Ko­bold, zischt mir ei­ne fie­se Stim­me ins Ohr, doch der An­fang ist ge­macht. Dies­mal zie­he ich es durch. »Es tut mir leid, dass ich Sie stö­re, aber ich wur­de heu­te Mit­tag aus der Haft ent­las­sen …« Ich räu­spe­re mich, als ich hö­re, wie mei­ne Stim­me zu bre­chen und die Hit­ze mei­nen ge­sam­ten Körper zu ver­sen­gen droht. »Al­so, bei der Ver­hand­lung wur­de ent­schie­den, dass ich nicht mehr ins Ge­fäng­nis muss, aber ich ha­be kei­ne Woh­nung und je­mand mein­te, ich … ob ich, al­so nur über­gangs­wei­se, für ein oder zwei Näch­te …«

»Schon gut, ich ver­ste­he«, fällt mir die Non­ne ins Wort, be­vor ich voll­kom­men den Fa­den ver­lie­re.

Un­end­lich froh, schwei­gen zu dür­fen, wenn es auch nur ei­ne mi­ni­ma­le Ver­bes­se­rung der Si­tua­tion ist, at­me ich auf. Was hät­te ich sonst sa­gen sol­len? Je­mand mein­te, ich könn­te hier ein­zie­hen? Mer­lin hat mich her­ge­schickt, sie wür­den mich schon durch­füt­tern? Ich kom­me mir so frech vor. Dreist. Scham­los, ob­wohl ich vor Scham am liebs­ten im Boden ver­sin­ken wür­de. Da­her be­mer­ke ich auch erst jetzt et­was Ver­wir­ren­des.

Die Non­ne schaut an mir vor­bei. Ich ah­ne, wen sie da an­sieht. »Ihr Be­wäh­rungs­hel­fer?« Sie ver­zieht kei­ne Mie­ne.

Im Ge­gen­satz da­zu kann ich mir das un­be­hol­fe­ne Grin­sen, das sich über mein Ge­sicht zieht, nicht ver­knei­fen. Trau­ri­ger­wei­se ziem­lich nah dran. Ich dre­he mich noch ein­mal zu Chris­tian um, der die Sze­ne be­ob­ach­tet. »Nein, aber er war so nett, mich herz­ube­glei­ten.«

Als sich un­se­re Bli­cke tref­fen, hebt er die Augen­brau­en.

Ich neh­me all mei­ne Zu­ver­sicht zu­sam­men, rin­ge mir ein Lä­cheln ab und he­be die Hand. Ab hier muss ich allei­ne klar­kom­men.

»Ein Freund?«, fragt die Non­ne, nach­dem Chris­tian sich zum Ge­hen ge­wandt hat.

Nach­denk­lich schaue ich dem jun­gen Mann hin­ter­her, dem ich so viel Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet zu ha­ben schei­ne. »So was in der Art«, ant­wor­te ich aus­wei­chend. In ei­ner an­de­ren Welt, un­ter an­de­ren Um­stän­den, wä­ren wir viel­leicht so et­was wie Freun­de ge­we­sen.

Weltfrieden mit Vollpension

as ein­zi­ge Licht, das den Flur er­hellt, dringt aus dem Ne­ben­raum. Die Lam­pe an der De­cke ist aus­ge­schal­tet. An ei­ner Wand hän­gen ei­ni­ge vor­nehm­lich dunk­le Ja­cken, die in den schma­len Gang hin­ein­ra­gen. Sie las­sen alles noch düs­te­rer und en­ger wir­ken.

»Sie kön­nen Ih­re Sa­chen hier ab­stel­len. Ih­re Schu­he kön­nen Sie an­las­sen. Wir ge­hen erst ein­mal in die Kü­che.« Mit der Hand deu­tet die Non­ne zum Durch­gang auf der lin­ken Sei­te, durch den sich der Son­nen­schein er­ah­nen lässt.