Freiheit - Elodie Arpa - E-Book

Freiheit E-Book

Elodie Arpa

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Beschreibung

Ist das jetzt Freiheit? Was sich wieFreiheit anfühlt, muss Freiheit sein, nicht wahr? Mitnichten. Elodie Arpa stellt einen strapazierten Begriff – und damit gleich uns alle – auf den Prüfstand. Freiheit: Wahlversprechen, Werbebotschaft, Wundermittel gegen alle Widrigkeiten. Kaum ein Wort lässt so viele Interpretationen zu und beflügelt uns, kaum eines wird so schamlos vereinnahmt, ausgehöhlt und missbraucht. Was hat es auf sich mit Freiheit, freedom, liberté? Elodie Arpa zeigt uns in ihrem klugen Text, wo das Pochen auf Freiheit für andere gefährlich wird, was unser heutiges Freiheitsverständnis beeinflusst und warum Freiheit schrecklich verführerisch ist. Und nicht zuletzt führt sie uns damit vor Augen, wo unsere blinden Flecken in Bezug auf Freiheit liegen.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Freiheit

Elodie Arpa

Inhalt

Freiheit in Gefahr?

Missverstandene Freiheit: Egoismus und Ignoranz

Trügerische Freiheit: Jede*r für sich allein

Was ist Freiheit auf dem Papier wert?

Meinungsfreiheit – (k)ein Freipass für Diskriminierung

Wann sind wir wirklich frei?

Ein Gedanke zum Schluss

Dank

Anmerkungen

Ich liebe es, wie „Freiheit“ einfach eine leere Worthülse ist mit der man absolut alles begründen kann, klar „friere ich für die Freiheit“, wann kommen die „Steuererhöhungen für mittlere Einkommen für die Freiheit“ und die „Streichung der Sozialleistungen für die Freiheit“

Sebastian Hotz alias El Hotzo

Freiheit in Gefahr?

Freiheit beschäftigt uns. Wir argumentieren mit ihr, wir sehnen uns nach ihr. Und nicht selten entscheiden wir uns für sie.

Was aber meinen wir, wenn wir Freiheit sagen? Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden suchen wir Menschen nach ihrer Definition – bisher scheinbar vergeblich. So schrieb der französische Schriftsteller Montesquieu im Jahr 1748: „Es gibt kein Wort, dem man mehr unterschiedliche Bedeutungen gegeben hätte als dem Wort Freiheit. Kein Wort hat die Geister so vielfältig gefesselt.“1

Viele Philosoph*innen, von Aristoteles über Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant bis hin zu Hannah Arendt und Friedrich August von Hayek, beschäftigten sich Zeit ihres Lebens intensiv mit der Freiheit. Und auch für gegenwärtige Philosoph*innen ist es ein Thema, an dem sie sich abarbeiten können, ohne je ein Ende zu finden.

So sehr der Begriff der Freiheit philosophische Debatten prägt, so sehr ist er auch aus der Politik nicht wegzudenken. Unzählige Male findet man das Schlagwort Freiheit in den Wahlprogrammen der sechs größten Parteien zur deutschen Bundestagswahl 2021. Und auch bei der österreichischen Nationalratswahl 2019 ist in den Wahlprogrammen der fünf größten Parteien wieder und wieder von Freiheit die Rede. Mit Freiheit wird auf Wahlplakaten geworben, in Sonntagsreden nach Stimmen gefischt und einige Parteien tragen die Freiheit sogar im Namen. Ob links oder rechts, progressiv oder konservativ – jede politische Gruppierung bekennt sich zur Freiheit und tut das laut kund.

Und das geht auch! Denn jede*r von uns versteht etwas anderes unter Freiheit. Man könnte demnach meinen, Freiheit sei nicht mehr als eine leere Worthülse. Aber ist es nicht genau das, was diesem Wort eine solche Macht verleiht? Denn obwohl – oder gerade weil – jeder Mensch eine eigene Definition von Freiheit hat, dient der Begriff Freiheit als Projektionsfläche für unsere größten Wünsche, tiefsten Sehnsüchte und dringendsten Erwartungen.

Dessen ist sich auch das Marketing bewusst, und so werden wir in der Werbung mit Freiheitsversprechen bombardiert. Kaufe das Auto, erhöhe dein Datenvolumen, bestelle das Parfüm, buche das Ticket, trinke das Bier – tu es für dich, für deine Freiheit! So oder so ähnlich klingen sie, die immer gleichen Produktversprechen. Und obwohl wir sie längst alle kennen, sehen wir uns im Alltag stetig mit ihnen konfrontiert.

Denn für die Wirtschaft und die Politik ist Freiheit nicht nur ein tolles „one fits all“-Versprechen: Wer mit Freiheit wirbt, befindet sich auf sicherem Terrain. Bei einem so weiten, unklar definierten Begriff wirft einem nämlich selten jemand vor, man würde ihn zur Täuschung oder Manipulation nützen. Dass einigen Unternehmen und Parteien zum Fang von Wähler*innen bzw. Kund*innen jede Heuchelei recht ist, ist bekannt. Um davor zu warnen, hat sich mittlerweile eine Reihe an Begriffen etabliert: Wenn Individuen oder Vereinigungen umweltfreundlicher wirken wollen, als sie es tatsächlich sind, nennt man das „Greenwashing“. Und wer angibt, sich für LGBTQIA*2-Rechte einzusetzen, ohne dass die eigenen Handlungen das faktisch widerspiegeln, betreibt „Pinkwashing“. Zum Schutz des Freiheitsbegriffs gibt es aber nichts dergleichen. Das Wort Freiheit wird ständig ausgehöhlt, irreführend oder gar missbräuchlich verwendet, ohne dass wir das notwendige Vokabular haben, um diese Vorgänge einordnen zu können.

Mehr noch, Freiheit eignet sich grandios als Totschlagargument. Statt das eigene Verhalten oder die eigene Meinung zu begründen, kommt ein flapsiges: „Das wird man ja wohl noch –! Also meine Freiheit lasse ich mir nicht nehmen!“ und verunmöglicht jede konstruktive Diskussion. Denn das Scheinargument Freiheit lässt sich nicht entkräftigen. Oder doch?

Der Missbrauch des Freiheitsbegriffs hat eine lange Geschichte. Ausgerechnet im Zeitalter der Aufklärung, in dem Denker wie John Locke und Immanuel Kant ihre Freiheitsliebe in zahlreichen Schriften kundtaten, florierte der Sklavenhandel. John Locke investierte sogar persönlich in Sklavenhandelsgesellschaften.3 Nachdem man in Europa einige Jahrhunderte lang von der Gewalt in Afrika profitiert hatte, nutzte man das Argument der Freiheit zur Rechtfertigung des Kolonialismus. Während die imperialen Mächte sich selbst als zivilisationsbringend inszenierten, propagierten sie ein rassistisches Bild der Afrikaner*innen als zur Ordnung und Selbstkontrolle nicht fähig und rechtfertigten die Aufteilung des Kontinents als eine Befreiung Afrikas von sich selbst.4 Eine solche Pervertierung des Freiheitsbegriffs findet sich auch in der Zeit des Nationalsozialismus wieder, wo die Aufschrift „Arbeit macht frei“ auf den Eingangstoren der Konzentrationslager Ausschwitz, Dachau, Sachsenhausen, Theresienstadt und Groß-Rosen angebracht wurde.5

Diese historischen Beispiele stellen nur die Spitze des Eisbergs an missbräuchlicher Freiheitsrhetorik dar, denn große und kleine Verdrehungen des Begriffs Freiheit gab es immer schon. Rückblickend analysieren, kritisieren und verurteilen wir diese Freiheitsrhetorik – und das zu Recht! Doch wie sieht es heute aus? Welche derzeitigen Freiheitsdebatten sind kritisch zu sehen?

Freiheit hat mehrere Dimensionen, doch es scheint, als ob nur eine davon unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurse beherrschen würde. Freiheit ist eine Idee, ein Grundrecht und ein subjektives Empfinden. Als Grundrecht findet man die Freiheit in vielen Rechtsordnungen wieder. Freiheitsrechte sind vielseitig und beinhalten auf europäischer Ebene neben Eigentumsfreiheit und Meinungsfreiheit auch das Folterverbot und das Recht auf Schutz der Privatsphäre, um nur einige zu nennen. Wirtschaft und Politik sind aber primär darauf ausgerichtet, unser subjektives Empfinden von Freiheit anzusprechen. Unsere persönliche Freiheitsdefinition bilden wir nämlich auf der Gefühlsebene: Was sich nach Freiheit anfühlt, muss Freiheit sein. Nicht wahr?

Nicht ganz! Freiheit als subjektives Empfinden kann im richtigen Kontext eine wichtige Funktion einnehmen. Gerade in Entscheidungssituationen richten wir uns oft danach, was sich für uns befreiend anfühlt. Allerdings ist genau dieses Freiheitsgefühl stark von unserem Umfeld, von Werbung und von Politik geprägt, daher leicht beeinflussbar und nicht so zuverlässig, wie wir es gerne hätten. Trotzdem ist es das subjektive Empfinden von Freiheit, das zurzeit unsere gesellschaftlichen Diskurse formt – und oft zu einem einseitigen, naiven, ja geradezu kindischen Freiheitsverständnis führt.

Nimmt man das eigene Freiheitsgefühl unreflektiert als Maßstab für gesellschaftliches Handeln und politische Entscheidungen, dann kann das im Ergebnis nicht nur egoistisch sein, sondern auch gefährlich. Denn wenig hemmt uns in der konstruktiven Bewältigung akuter Krisensituationen so sehr wie falsch verstandene Freiheit, die es nicht anzurühren gilt. Sie bedroht unseren Planeten, schadet unserer Gesundheit und gefährdet Existenzen. Das Freiheitsverständnis, wie es uns bei Corona-Großdemonstrationen, in so manchen TV-Interviews und vielleicht auch beim Weihnachtsessen mit der Familie begegnet, ist bei näherer Betrachtung oft rücksichtslos, menschen- und zukunftsverachtend und damit im Kern vor allem eines: freiheitsgefährdend.

Dem etwas entgegenzusetzen, ist die Aufgabe all jener, die sich Freiheit wünschen, ohne im gleichen Atemzug andere Menschen von ebendieser Freiheit ausnehmen zu wollen. Es liegt an uns, die wir nachhaltigen Freiheitserhalt und Freiheitsausbau ehrlich anstreben, Kontra zu geben.

Dieses Buch soll dazu einen Anstoß liefern. Es zeigt die Schwächen in der Argumentation derjenigen auf, die „Freiheit“ rufen, damit aber Egoismus, Ignoranz und Diskriminierung meinen. Und es bietet einen Ausblick auf ein größer gedachtes, gemeinschaftlicheres Freiheitsverständnis. Eines, mit dem sich Krisen eindämmen lassen und Zukunft erbauen lässt. Ein Freiheitsverständnis, das Freiheit nicht als Gegenpol von Rücksichtnahme und Miteinander versteht, sondern als etwas Bedingtes und Bedingendes. Etwas, was Voraussetzungen braucht und einen Rahmen hat.

Missverstandene Freiheit: Egoismus und Ignoranz

Als Gesellschaft stehen wir vor großen Herausforderungen. Wir befinden uns bereits mitten in einer Klima- und Biodiversitätskrise und steuern mit Vollgas auf eine dystopisch anmutende Klimakatastrophe zu. Die enorme Inflation verschärft die soziale Ungleichheit und treibt immer mehr Menschen in die Armut. Und schließlich bleibt auch Corona leider weiterhin Thema. Doch obwohl die Faktenlage deutlich macht, dass sofortiges Handeln notwendig ist, gibt es genügend Politiker*innen und (selbsternannte) Intellektuelle, die am Status Quo festhalten wollen. Weil ihre Positionierung wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht, sie ihre Meinung in TV-Debatten und Zeitungsinterviews aber trotzdem kundtun wollen, wird auf die effektivste Ausrede schlechthin zurückgegriffen: Freiheit. Superreiche Menschen besteuern ist Freiheitsraub – so ihre Erklärung. Auch das Tempolimit ist eine Zumutung für die Freiheit. Und das Verbot inländischer Kurzstreckenflüge sowieso!

Als Gesellschaft haben wir uns daran gewöhnt, dass Freiheit als Euphemismus für Egoismus, für möglichst wenig Staat und möglichst viel Risiko verwendet wird. Besonders auffällig war die missbräuchliche Verwendung des Freiheitsbegriffs als eine beschönigte Umschreibung für Rücksichtslosigkeit während den Corona-Lockdowns. Das Nein zur Impfung wurde als „persönliche Entscheidung“ gerechtfertigt und das fehlende Maskentragen zum Ausdruck „der eigenen Freiheit“ erklärt. Bei verbotenen Großdemonstrationen marschierten „besorgte Eltern“ mit Kinderwägen und Familienhunden, überzeugte Wissenschaftsgegner*innen und langjährige AfD-bzw. FPÖ-Wähler*innen gemeinsam mit Esoterik-Gurus und amtsbekannten Rechtsextremen durch die Innenstädte. Ihr gemeinsames Anliegen: Freiheit.

Tatsächlich ist das Narrativ der „persönlichen Entscheidung“ inmitten einer Pandemie fehlplatziert. Denn Maßnahmen- und Impfverweigerung ist bei einem hochansteckenden Virus wie Covid-19 neben Selbstgefährdung vor allem eines: Fremdgefährdung. Die sogenannten Coronaleugner*innen – viele von ihnen leugnen ja nicht die Gefährlichkeit des Virus, sondern die eigene Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen – verschärften die gesellschaftliche Gesundheitskrise extrem. Trotzdem konnten die Coronaleugner*innen ihr altbekanntes Lied der „persönlichen Entscheidung“ monatelang weiterträllern. Es dauerte erstaunlich lange, bis die Mehrheitsgesellschaft die Maßnahmenverweiger*innen nicht nur um Solidarität bat, sondern sie dazu aufforderte, doch mal die Definition von Freiheit nachzuschlagen.

Natürlich gibt es keine einheitliche Definition von Freiheit. Dennoch stößt jede*r, der*die sich mit dem Konzept der Freiheit beschäftigt – und sei es nur in aller Kürze – auf den Leitsatz, der Immanuel Kant zugeschrieben wird: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Tatsächlich hat Kant das – typisch Kant!– etwas komplizierter ausgedrückt: „Die Freiheit als Mensch, deren Prinzip für die Konstitution eines gemeinen Wesens ich in der Formel ausdrücke: Niemand kann mich zwingen auf seine Art […] glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann […] nicht Abbruch tut.“6 Ähnliches ist auch in der Französischen Erklärung der Bürger- und Menschenrechte von 1789 zu lesen. So heißt es in Artikel 4 der Erklärung: „La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie: Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet.