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Brigitte Klumps Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass die DDR 1980 auf der Schwarzen Liste der UN-Menschenrechtskommission landete. Einfach war es nicht, eine Weltbehörde wie die UNO vom Fehlverhalten eines ihrer Mitglieder zu überzeugen, das zudem noch im Weltsicherheitsrat saß. Doch die DDR sagte zu, die ihr vorgehaltenen Rechtsbrüche zu prüfen und zu beseitigen. Tausende DDR-Bürger durften daraufhin ausreisen. Und das alles ohne "besondere Bemühungen der westdeutschen Bundesregierung", die vorher jährlich für rund 100 Millionen Mark Menschen freigekauft hatte. Brigitte Klumps Report über nationale und internationale Politik liest sich spannend wie ein Krimi. Ihr Buch ist ein einzigartiges Dokument der Zeitgeschichte, das anlässlich der 60. Wiederkehr des Mauerbaus an das bittere Unrecht unter dem DDR-Regime erinnert und unbedingt das Wiederlesen lohnt.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2021
Brigitte
Klump
Freiheithat keinenPreis
Der lange Kampfum den Schutz der Menschenrechte
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© 2021 LMV, ein Imprint der Langen Müller Verlag GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Sabine Schröder
Umschlagmotiv: © iStock/baona/HAKKI
Satz und Ebook-Konvertierung: Satzwerk Huber, Germering
ISBN: 978-3-7844-8401-3
www.langenmueller.de
Inhalt
Vorwort von Wolfgang Thierse
Einleitung von Brigitte Klump
60 Jahre nach dem Mauerbau
I. Das Buch der Werbung
II. Das Buch des Wartens
III. Das Buch der Wandlung
IV. Das Buch der Entschlossenheit
V. Das Buch der Befreiung
Anmerkungen
Vorwort
Mehr als dreißig Jahre sind seit dem Ende der DDR schon vergangen. Die Erinnerungen an sie verändern sich, manches verblasst, nicht wenige Menschen denken mit nostalgischen Gefühlen an ihr Leben damals – in einer geordneten Welt, in einer egalitären Gesellschaft, in einem Versorgungsstaat. Dass man aufs eigene Leben mit wohlwollenden Gefühlen der Rechtfertigung zurückblickt, ist menschlich durchaus verständlich, aber man sollte den Preis nicht vergessen, den man in der DDR zu zahlen hatte: alltäglicher Mangel, Unfreiheit, Eingesperrtsein! Die bitteren politischen Realitäten des SED-Regimes und Stasi-Staats, sie waren zwar alltäglich, aber trotzdem konnte man sich nicht an sie gewöhnen.
Das Buch von Brigitte Klump, vor vierzig Jahren zum ersten Mal veröffentlicht, erinnert auf lebendige und eindrucksvolle Weise daran. Es ist die Geschichte der mühevollen Befreiung ihres Neffen, der bei einem Fluchtversuch 1979 verhaftet worden war. Die Autorin, selbst über zwanzig Jahre zuvor in den Westen entkommen, mobilisiert Hilfe und entzündet eine ganze Folge von Unterstützungsaktionen bis zur Bundesregierung und den Vereinten Nationen. Sie hat Erfolg und dieser Erfolg wirkt ansteckend. Die Ausreisewelle aus der DDR schwillt in den 1980er-Jahren an – und trägt zum Ende der DDR bei. Denn das darf nicht vergessen werden: Die friedliche Revolution von 1989 entwickelte sich in untrennbarem Zusammenhang mit der Ausreisewelle. So gespannt das Verhältnis zwischen den »Ausreisern« und den »Dableibern« war, zusammen haben sie das SED-Regime bezwungen!
Das Buch erinnert an eines der peinlich-unanständigen Kapitel des SED-Staates, an den Verkauf von Inhaftierten und Ausreisewilligen, also an »staatsfreundlichen Menschenhandel« (wie wir das damals in bitterem Spott genannt haben). Aus diesem Handel hat die DDR insgesamt mehr als drei Milliarden D-Mark eingenommen, in den 1980er-Jahren sind so über 4 000 Menschen in den Westen gelangt. Man liest die Erinnerung daran heute, gerade wenn man sich selbst an die Zeit erinnert, mit großer Erleichterung und Genugtuung. Und vor allem mit tiefer Dankbarkeit für die Autorin, die eben nicht nur geschrieben, sondern vor allem gehandelt hat! Freiheit darf tatsächlich keinen Preis haben, weil sie den höchsten Wert hat, weil Freiheit der höchste Wert ist!
Wolfgang Thierse, Berlin, 1. Juli 2021
60 Jahre nach dem Mauerbau
2021 – eine Jahreszahl, die vor ein paar Jahrzehnten noch wie Utopie klang. Vieles ist inzwischen geschehen in der Welt, das Rad scheint sich immer schneller zu drehen. Vor der deutschen Geschichte macht dieses Rad nicht halt: Vor nunmehr 60 Jahren, am 13. August 1961, erteilte SED-Chef Walter Ulbricht den Befehl, die Sektorengrenze zu Ost-Berlin abzuriegeln, inklusive der S- und U-Bahnverbindungen in den Ostteil der Stadt. Der Stacheldraht, der sich mitten durch die Stadt zog, wurde durch eine hohe Mauer ersetzt. 28 Jahre lang sollte die Mauer, der »antifaschistische Schutzwall«, Politik und Leben der Bewohner beider deutscher Staaten nachhaltig prägen. Familien wurden auseinandergerissen – und das nicht nur in Berlin, sondern in beiden Staaten: Die bisherige Sperrzone zwischen der DDR und der BRD mit einer Länge von 1378 Kilometern wird ab diesem Zeitpunkt ebenfalls zu einem unüberwindbaren Wall ausgebaut, vermint, mit Selbstschussanlagen und bewaffneten Grenzsoldaten gesichert.
Flucht mit der S-Bahn
Ich selbst floh vier Jahre vor dem Mauerbau aus der DDR in die BRD. Damals, 1957, konnte man noch mit der S-Bahn von Ost- nach West-Berlin entkommen. Meine Eltern und meine vier Geschwister blieben in der DDR zurück, ich konnte sie jedoch bis 1978 ohne große Schwierigkeiten besuchen. Allerdings nur bis zur Veröffentlichung meines Buches »Das Rote Kloster« – danach war Schluss mit den Besuchen, denn die DDR war nicht besonders amüsiert über meinen Insiderbericht. Hinzu kam: Mein Neffe Klaus, Sohn meines ältesten Bruders Klaus-Jürgen, hielt es wie viele seiner Mitbürger nicht mehr aus in der DDR. Er unternahm kurz darauf, im Winter 1979, einen erfolglosen Fluchtversuch über Ungarn. Den Fortgang dieser Geschichte und die direkten Folgen, die sie für mich und letztendlich für die beiden deutschen Staaten hatten, können Sie in diesem Buch nachlesen: Beim Versuch, meinen Neffen aus dem Stasi-Gefängnis in Cottbus mit legalen Mitteln zu befreien, entwickelte ich, in Zusammenarbeit mit unglaublich hilfsbereiten Menschen, die UNO-Methode 1503. Letztendlich konnten über diese Methode nicht nur mein Neffe, sondern 4000 weitere Bürger der DDR ausreisen, die sich vergeblich jahrelang um Familienzusammenführung mit ihren im Westen lebenden Verwandten bemüht hatten.
Fünf Meter Drehbuch
Dieses Buch endet eigentlich am Anfang: An der Stelle, an der es gelang, zunächst Klaus in die BRD zu holen, im November 1980. Bis November 1989, also bis zum Fall der Mauer, hatte ich noch so einiges zu erledigen – und ich gab auch der Staatssicherheit zu tun. Offensichtlich sehr viel, denn ungefähr fünf Meter Akten in der damaligen Gauck-Behörde (heute: Stasi-Unterlagen-Archiv) zierten das Regal, das ich 1994 in Augenschein nehmen durfte. Joachim Gauck, damals Leiter der seinen Namen tragenden Behörde, empfing mich persönlich und war wohl besorgt, ich könnte einen Schwächeanfall erleiden, sodass er mich nach Stunden des Aktenwälzens fragte: »Soll ich Ihnen einen Tee machen?«
Mein Schock saß jedoch nicht so tief, wie von Gauck vermutet, kannte ich doch die Methoden meiner früheren »Ausbilder« am »Roten Kloster«, wie das Institut für Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig, die Kaderschmiede des Stasi, genannt wurde. So hatte ich in den Jahren seit der Veröffentlichung meines ersten Buches stets freundlich erst den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker am Telefon begrüßt, bevor jemand am anderen Ende abhob. Meine Familie hielt mich für reichlich überspannt ... Allerdings mussten auch meine beiden Kinder viel später nach der Lektüre einiger Passagen aus meinen Stasi-Akten zugeben, dass ich wohl noch untertrieben hatte. Die Stasi hatte nicht nur über Jahre hinweg unser Telefon überwacht, sondern auch systematisch versucht, Zugang zur Familie zu bekommen: So sollte beispielsweise meine Tochter Inga von einem »Romeo« auf einer Berlinreise umgarnt werden. Schier unglaublich liest sich in der Akte auch der Plan, meinen Mann und mich beim Flug im Jet eines NVA-Piloten, einem Freund meines Bruders, entführen zu lassen. Die findigen Herrschaften der Staatssicherheit waren sich auch nicht zu schade, einen Kleinkriminellen aus dem Nachbarort unseres Dorfes zu engagieren, der uns ein bisschen erschrecken sollte. Das ganze Drehbuch war, gelinde gesagt, abenteuerlich und grenzte an Irrsinn. Die Akteure in diesem C-Movie hatten sich jedoch trotz aller Perfidie reichlich dusselig angestellt – kein einziger Sabotageakt gelang auch nur im Ansatz.
Ein Krater in der Mauer
Was allerdings zum enormen Ärger der Verantwortlichen im real existierenden Sozialismus der Deutschen Demokratischen Republik gelang, und zwar über nahezu neun Jahre, war, die UNO-Resolution in Anwendung zu bringen: Nach Klaus’ Ausreise kam der Stein erst richtig ins Rollen und die DDR hatte Mühe, sich vor der UNO-Menschenrechtskommission zu behaupten. Die Methode 1503 war anfangs nur ein Schlupfloch für meinen Neffen und seine Eltern, sprengte aber im Laufe der Zeit und mithilfe von betroffenen Verwandten in der Bundesrepublik (siehe meine Aktion der 29 Briefe im letzten Teil des Buches), engagierten Journalisten und UNO-Mitarbeitern einen ordentlichen Krater in die Mauer.
Bis Herbst 1989 gelang es, mithilfe der UNO-Resolution 1503 (XLVIII) des Wirtschafts- und Sozialrates rund 4000 Familienmitglieder mit ihren Verwandten im Westen zusammenzuführen. Seit 1973, seit ihrer Ratifizierung durch alle in der UNO zusammengeschlossenen Staaten, hätte diese Methode in Anwendung kommen können. Wenn sie denn in Deutschland veröffentlicht worden wäre ... Ich fand sie mehr oder weniger zufällig 1980 in einem Aktenordner des Bundesjustizministeriums.
Im Laufe der Jahre habe ich viele dankbare Briefe von ehemaligen DDR-Bürgern erhalten, die in ihrer Warteschleife, bis hin zu einem Jahrzehnt nach ihrem ersten Ausreiseantrag, Schikanen der DDR-Behörden und der Stasi ertragen hatten. Und ich erhielt und erhalte immer noch Briefe von den Angehörigen, die sich für ihre Lieben in der DDR eingesetzt hatten, also von Menschen, die über die UNO-Resolution wiedervereint wurden. Zu einigen von beiden Gruppen habe ich heute noch losen Kontakt, einige andere habe ich zusammen mit meiner Tochter ausfindig gemacht. Wir wollten gerne wissen, wie es ihnen nach der Ausreise, in all den Jahren und in dieser turbulenten Zeit ergangen ist und ergeht. Ein paar der Interviews können Sie auf den nächsten Seiten lesen – allen voran die Antworten und Einsichten meines Neffen Klaus Klump, dem »Stein des Anstoßes«.
Kühne Träume werden übertroffen
Mein Neffe Klaus hatte die Nase von der DDR gestrichen voll – und das schon im Alter von 19 Jahren. Der heute 61-Jährige blickt zurück: »Mir war klar: Mit mir und diesem Staat wird das nichts mehr, all diese Lügen, Bespitzelungen, das Reiseverbot, und ich wollte unbedingt Journalist werden, aber auf keinen Fall in diesem verlogenen Staat.«
Also beschloss Klaus mit seiner damaligen Freundin zu fliehen: »Wir wollten im Winter und am helllichten Tag über die grüne Grenze von Ungarn nach Österreich abhauen. Das Ganze war an Naivität nicht zu überbieten: Ich 19-jähriger Kindskopf hatte Seitenschneider für den Stacheldraht dabei, 5000 Ostmark und meine Zeugnisse.« Die beiden überquerten unbehelligt den zugefrorenen Grenzfluss, die Leitha, rannten einen Hügel hoch – und wurden von einem Grenzer verhaftet. Klaus wurde sofort in die DDR zurücktransportiert, in das Zuchthaus Cottbus, in dem hauptsächlich Ausreisewillige und Republikflüchtige interniert waren. Zehn Monate verbrachte Klaus dort in Untersuchungshaft. Mein Bruder Klaus-Jürgen informierte mich und ich setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn dort rauszuholen. Der Rest ist, nun ja, Geschichte und in diesem Buch nachlesbar. Die DDR-Regierung hatte nicht erwartet, was in den nächsten neun Jahren geschehen würde, genauso wenig wie ich selbst. Klaus dazu: »Die Stasi hatte gehofft, dass meine Tante die von ihr entdeckte UNO-Methode einfach vergessen würde, wenn Bruder, Schwägerin und Neffe ausreisen durften. Da kannten die aber meine Tante schlecht. Es war das Signal, jetzt erst richtig loszulegen.«
Klaus und seine Eltern zogen zunächst bei uns im Oberbayrischen ein, er legte sein Abitur am BOS-Internat in Scheyern ab und verwirklichte seinen Berufswunsch, Journalist zu werden. Klaus war der Mitbegründer des privaten Radiosenders Antenne Bayern und ist heute, als leidenschaftlicher Sportler, Mitinhaber einer großen Sportagentur. Er könne sein Glück bis zum heutigen Tage nicht fassen: »Die folgenden Jahrzehnte entschädigten mich für all das, was ich in diesem üblen Staat erlebt hatte. Als Reporter nahm ich an neun Olympischen Spielen teil, habe alle Tennis-Grand-Slam-Turniere erlebt und eine Fußball-WM. Das übertraf alle meine hochfliegenden Kindheitsträume.«
Auswanderung mit riesigen Hürden
Bürger, welche die DDR endgültig verlassen wollten, konnten dies nur auf zwei Wegen tun: Sie konnten fliehen, was lebensgefährlich und fast unmöglich war, oder einen Ausreiseantrag stellen – was relativ aussichtlos war oder zumindest Jahre in Anspruch nehmen konnte. Der Antrag auf Ausreise, also eigentlich Auswanderung, folgte einem strengen bürokratischen Ablauf: Ausreisewillige mussten bei der sogenannten Abteilung Inneres beim Rat des Kreises oder Stadtbezirks an ihrem Wohnort den entsprechenden Antrag stellen. In den seltensten Fällen wurde sofort eine Genehmigung erteilt und wenn, hatte dies den sofortigen Verlust der DDR-Staatsbürgerschaft zur Folge. Von 1949 bis zum Mauerfall 1989 verließen nach Schätzungen vier bis fünf Millionen Menschen die DDR, vermutlich drei Viertel davon in den 12 Jahren bis zum Mauerbau 1961. Nach dem Mauerbau nahm die Zahl der Auswanderer natürlich rapide ab, die Zahl der Ausreiseanträge wuchs allerdings stetig an, und summierte sich auf den Höchststand von rund 125000 laufenden Anträgen Ende Juni 1989. Von 1977 bis Mitte 1989 stellten etwa 316000 DDR-Bürger einen Erstantrag auf Ausreise, von denen knapp 93000 diesen wieder zurücknahmen. Insgesamt reisten rund 176000 Antragsteller schließlich aus (Quelle: Statistiken der »zentralen Koordinierungsgruppe Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung« der Staatssicherheit/Wikipedia).
Allein die Tatsache, dass die Bürger dieses Land, beziehungsweise den Ostblock, nicht einfach verlassen durften, um zu reisen oder auszuwandern, ist heute nur noch schwer vermittelbar. Das Schicksal meines Neffen Klaus ist zumindest exemplarisch, was den Willen und die Verzweiflung vieler Menschen betraf, die ihre Heimat verlassen wollten, da sie sich unfrei fühlten.
Flucht und Familie
Auch Matthias S. war jung und verlobt, als er 1979 beschloss, die DDR zu verlassen. Allerdings gelang dem heute 64-Jährigen, im Gegensatz zu meinem Neffen, die Flucht nach dem damaligen Jugoslawien. Der 22-Jährige musste seine Verlobte in der DDR zurücklassen, eine schwere Entscheidung, wie er heute erzählt: »Meine Freundin war nicht für eine Republikflucht zu begeistern, und ich wollte sie zu nichts drängen. Wenige Tage vor meiner geheim gehaltenen Flucht erfuhr ich, dass sie von mir schwanger war. Trotzdem setzte ich mein Fluchtvorhaben um, mit dem schriftlichen Versprechen, dass ich mich um ihren Nachzug auf offiziellen Wegen einsetzen werde.«
Normalerweise erwarteten Angehörige von Republikflüchtigen Schikanen, manchmal rutschten sie jedoch durch das Netz der Stasi. Matthias erinnert sich: »Auf wundersame Weise konnte meine Freundin bis zum Sommer ihr Studium beenden, ohne von der Stasi schikaniert zu werden. In meiner Stasi-Akte las ich viele Jahre danach, dass man unserer Verbindung zwar irgendwann auf die Spur gekommen war, aber zu spät – das konnte ihren Abschluss nicht mehr verhindern.« Nach dem Studium und mit dem Stellen des Ausreiseantrags war seiner Freundin jedoch klar, dass sie sich nirgendwo bewerben konnte, die Staatssicherheit hätte eine Anstellung sabotiert. So blieb sie bei ihren Eltern auf dem Land und brachte die gemeinsame Tochter zur Welt. Matthias S.’ Mutter wurde mehrmals von der Stasi besucht und befragt: »Da ich sie vorher unwissend gehalten habe, konnte sie sich aber weder verplappern noch tatsächlich aussagen.«
Im Westen angekommen, las Matthias recht bald im Spiegel einen längeren Bericht über meine Arbeit mit der UNO-Methode. Der junge Mann wusste sofort, dies könnte die Möglichkeit sein, die Verlobte aus der DDR freizubekommen. Er nahm Kontakt mit mir auf und schilderte seinen Fall, den ich in die Sammelpetition aufnahm. Von der ersten Antragstellung in der DDR im Herbst 1979 bis zur Ausreise dauerte es keine zwei Jahre, bis Matthias seine Verlobte und seine Tochter in Stuttgart im August 1981 in die Arme schließen konnte. Von Stuttgart zog die kleine Familie nach München, wo es für die jungen Eltern auch beruflich bergauf ging: »Meine Verlobte bekam bald eine gute Stelle bei einem Elektrokonzern in der Forschung und stieg später zur Managerin auf. Ich bekam einen tollen Job im Kamerabau und später in der IT der Firma. Ich war dort 36 Jahre beschäftigt und bin nun Rentner. Meine Tochter ist Tiermedizinerin in Nürnberg, und ich blicke der Zukunft recht zuversichtlich entgegen.«
Der lange Arm der Genossen
Nicht immer jedoch war es für die ehemaligen DDR-Bürger so leicht, sich in die neuen Umstände im Westen einzufinden. Die Geschichte des heute 78-jährigen Günter S. zeigt, wie verflochten und kompliziert die Schicksale der Menschen in den beiden deutschen Staaten sich gestalten konnten. Der ehemalige Spitzensportler hatte schon früh, seit Ende der Sechzigerjahre, ausgedehnte Wettkampfreisen in den Westen unternommen. Besonders eine Reise in die Toskana und die Gespräche mit anderen Sportlern hatten sein Weltbild komplett verändert: »Beeindruckt haben mich mehrere Unterhaltungen mit dem israelischen Diskuswerfer Glück, der mir viel über das Schicksal des jüdischen Volkes, was wir in der DDR nicht vermittelt bekamen, berichtete. Und bei zukünftigen Wettkämpfen, unter anderem den Olympischen Spielen und Europameisterschaften, vervollständigte sich mein Weltgemälde: Die Sehnsucht nach freiem Leben ohne Mauer, Stacheldraht und Überwachung wurde immer stärker.«
Ausschlag für den endgültigen Wunsch nach Ausreise gab jedoch die eigene Tochter, die sich nach einem hervorragenden Abitur für das Studium beworben hatte. Sie wurde abgelehnt, was die junge Frau so maßlos enttäuschte, dass sie sofort einen Ausreiseantrag stellte: »Sie kam nach Hause, ging wortlos in ihr Zimmer. Nach wenigen Minuten kam sie zurück, schwenkte ein Blatt Papier und sagte nur kurz: ›Das ist mein Ausreiseantrag!‹, ging zur Abteilung Inneres, und meine Frau und ich waren lange sprachlos. Nach zwei Stunden, in denen wir vor Angst um sie nicht reden konnten, kam sie zurück, irgendwie stolz und selbstbewusst, und erzählte von der schrecklichsten Stunde ihres Lebens. Das war am 16. März 1984.« Am 19. März stellten die Eltern ebenfalls einen Ausreiseantrag.
Was folgte, war eine lange Odyssee für die Familie, in deren Verlauf der Tochter zwar am nächsten Tag ein Studienplatz in Zahnmedizin angeboten wurde, den sie aber entschlossen ablehnte. Nach fünf Wochen Schikane durch die Lehrer verließ sie schließlich entnervt die Schule. Der Vater, als Sportlehrer angestellt, wurde kurz darauf von seiner Stelle entbunden und konnte zunächst keine Arbeit finden, was in der DDR Grund für eine Verhaftung darstellte. Kurz davor konnte der Sportler jedoch, dank der Unterstützung des örtlichen Pfarrers, in einer Spielwarenhandlung als Helfer unterkommen. Über den Freund der Tochter im Westen kam 1986 der Kontakt zu mir und der Methode 1503 zustande. Dennoch dauerte es noch bis Mitte September 1989, bis Familie S. ausreisen konnte.
Im Westen angekommen, empfand es Günter S. als besonders bitter, dass mündliche Zusagen vom Deutschen Sportbund, dem renommierten Trainer eine Stelle zu verschaffen, zugunsten von »Wendehälsen« nicht eingehalten wurden. Günter S. wollte diese ohnehin nicht als Kollegen wiedersehen, aber seine Enttäuschung darüber sitzt immer noch tief. So reichte, wie in vielen anderen mir bekannten Fällen, der lange Arm der SED-Genossen, insbesondere bei exponierten Menschen, bis in die westdeutsche Gegenwart hinein.
Die Freiheit ruft
Angelika B. und Traudl S. hingegen, zufällig beide Zahnärztinnen, aber nicht miteinander bekannt, sind auch heute noch sehr froh und glücklich über die Veränderung ihrer Lebensumstände, die sie sich nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik schaffen konnten. Angelika B. hatte den gleichen Antrieb wie die meisten Antragsteller, ihre Heimat hinter sich zu lassen: »Der Hauptgrund war die Freiheit, Redefreiheit, Meinungsfreiheit und auch Reisefreiheit. Heute muss ich nicht reisen, freue mich aber nach wie vor, dass ich reisen darf! Das ist das Wichtigste und das weiß ich zu schätzen.« Sie stellte noch während ihres Zahnmedizinstudiums im Februar 1982 ihren Ausreiseantrag. Ihre Mutter und ihr Bruder wollten zunächst in der DDR bleiben. Die direkte Folge des Antrags: Sie wurde sofort exmatrikuliert. Ihr Versuch, mit einem falschen Pass, damals von österreichischen Freunden besorgt, über Ungarn zu fliehen, flog auf. »Ich wurde von der Staatssicherheit mehrmals vernommen; mir wurde der Ausweis der DDR entzogen und ich kam knapp an einer Haftstrafe vorbei. Ich durfte nicht mehr mit Scheck bezahlen, nicht mehr ins sozialistische Ausland (Polen/Tschechien) reisen und bekam keine Arbeit. Ich galt als asozial: Das bedeutete in der DDR, dass man inhaftiert werden konnte.«
Zwei Jahre konnte Angelika in einem Krankenhaus arbeiten, ohne Bezahlung, und lebte von Ersparnissen, die ihre Mutter, die kurz zuvor bereits ausgereist war, zurückgelassen hatte. Doch im Dezember 1983 fand die Stasi auch dies heraus, und sie wurde mit Hausverbot an ihrer Arbeitsstelle belegt. Angelikas Mutter hatte kurz darauf, an ihrem neuen Wohnort in Freiburg, einen meiner Vorträge über die UNO-Methode gehört und kontaktierte mich. Angelika B. konnte bereits nach einem halben Jahr, im Februar 1984, aus der DDR ausreisen und ist heute sehr zufrieden – mit einem großen Wermutstropfen: »Mittlerweile habe ich eine sehr gut gehende Zahnarztpraxis in Hessen. Dass ich aus der ehemaligen DDR komme, darf ich aber noch immer keinem erzählen.« Schon während ihrer Studienzeit in Freiburg hätte sie zu spüren bekommen, dass sie ein »Ossi« sei: »Ich musste mich durchkämpfen und hatte sehr zu leiden unter dem Manko, aus der DDR zu kommen, ich wurde gemobbt, ausgeschlossen.« Dass viele Bundesbürger nicht zu schätzen wissen, welche Freiheiten sie genießen, mache sie sehr traurig. Aber: »Ich habe mit meinem Ausreiseantrag den richtigen Schritt getan.«
Traudl S. (78), die andere Zahnmedizinerin, die heute mit ihrer Jugendliebe verheiratet wieder in Chemnitz lebt, hat dagegen große Solidarität und uneigennützige Hilfe von einer Familie in Regensburg erfahren. Nach ihrer Ankunft in der BRD, zusammen mit ihrem jüngeren Sohn, hatten die Oberpfälzer sie aufgenommen, ihr das familieneigene Auto geliehen und sie in jeder Weise unterstützt: »Unsere Freunde unterbrachen ihren Urlaub, um uns aufzunehmen, stießen mit Sekt auf unsere Zukunft an und bürgten bei der Wohnungssuche für uns.« Der Ausreiseantrag der Zahnärztin im September 1986 hatte die üblichen Folgen: Ihrem jüngeren Sohn wurde nahegelegt, die Oberschule zu verlassen, um Schreiner zu werden; ihr selbst wurde nach 20 Jahren als Zahnärztin und Abteilungsleiterin in einer Poliklinik sofort gekündigt. Traudls Mutter erfuhr kurz darauf über die Regensburger Familie von der UNO-Resolution 1503. Die Regensburger nahmen sich der Sache an, und nach zwei Jahren, im September 1988, konnten Traudl und ihre beiden Söhne ausreisen. Sie lebten sich wunderbar ein: Traudl betrieb 20 Jahre eine Zahnarztpraxis in der Oberpfalz, in den letzten Jahren zusammen mit ihrem jüngeren Sohn. Wir sind bis zum heutigen Tage in Freundschaft verbunden.
Lernen aus der Geschichte
Diese Handvoll deutsch-deutscher Schicksale sind nur ein minimaler Ausschnitt, vier Millionen andere Menschen haben ähnliche und doch ganz individuelle Geschichten zu erzählen. In den Jahrzehnten, die inzwischen vergangen sind, sind diese Menschen Teil einer gemeinsamen deutschen Geschichte geworden. Und heute, im Jahre 2021, 60 Jahre nach dem Mauerbau, stehen wir in diesem seit über 30 Jahren wiedervereinten Land, wie auf der ganzen Welt, vor der unglaublichen Herausforderung, eine verheerende Pandemie einzudämmen. So deutlich wie kaum in der menschlichen Geschichte wird klar: Nur mit Zusammenhalt, in der gemeinsamen, verantwortungsvollen und umsichtigen Haltung und Handlungsweise werden wir aus dieser Krise halbwegs heil, mit einem blauen Auge sozusagen, herauskommen.
Als im Jahre 1935 Geborene habe ich schon vieles erlebt, insbesondere zwei Systeme auf deutschem Boden, die von der Demokratie, wie wir sie heute kennen, so weit entfernt waren wie der Pluto von der Erde. So weiß ich: Menschenrechtsverletzungen beginnen dort, wo ein Staat versucht, seine Bürger aus Machterhaltungsgründen und letztendlich Paranoia vor Machtverlust, einzuschränken, zu bevormunden, zu bestrafen und zu schikanieren. Natürlich gilt es gerade in einer Demokratie, wachsam zu bleiben, Unrecht an- und auszusprechen, mutig zu sein angesichts von Diskriminierung und Machtmissbrauch. Aber wir haben eine freie Presse, Meinungsfreiheit und das Recht zu demonstrieren. Ich und viele Millionen Menschen im Ostteil Deutschlands haben das Gegenteil erlebt.
Mit all der Erfahrung, mit der ich auf die Jahrzehnte meines Daseins auf diesem schönen Planeten zurückblicken kann, weiß ich nun, anders als ich es in diesem Buch zunächst beschrieben habe, was Demut wirklich ist. Lassen Sie uns dankbar sein und weiterkämpfen für all das, was andere vor uns erreicht haben: für die Wahrung und Verteidigung von Menschenrechten, Demokratie, für Nächstenliebe, Umweltschutz und das Recht auf Selbstverwirklichung.
Ihre
Brigitte Klump
PS: Die UNO-Resolution 1503 ist nach wie vor gültig, ein Großteil der in der UNO vereinten Staaten hat diese Resolution ratifiziert. Das bedeutet: Jeder Staat, aber, wie mein Fall gezeigt hat, auch jede Privatperson kann über Sammelpetitionen einen anderen Staat bei der Menschenrechtskommission anklagen. Dazu müssen die Verletzungen grundlegender Menschenrechte dokumentiert werden. Material zum Sammeln gäbe es genug in dieser Welt ...
I. Das Buch der Werbung
Januar 1977
Presseball in Hamburg.
Das Glücksrad dreht sich – mein Los gewinnt.
»Hecki, ich hab gewonnen. Das erste Glückslos meines Lebens.«
»Keine Ente1?«
Gefrierenten sind Trostpreise bundesdeutscher Pressebälle. Zentnerweise Enten, halb aufgetaut, liegen am Morgen nach dem Ball in Pfützen unter den Tischen, vergessen – zur Freude des Putzpersonals.
Der Gast am Tisch, Konsul – ohne Ehren –, trinkt mir zu.
»Glück im Spiel – Pech in der Liebe.«
Hecki blockt ihn ab.
»Sie brauchen ihr kein Wasser in den Wein zu schütten.
Alles, was sie trinkt, ist – Wasser.«
Mein Mann im schwarzen Rolli, weißes Dinnerjackett, »als Gentleman verkleidet«, wie er das nennt, hält nichts vom small talk. Der Presseball, früher eine noble, hanseatische Mischung aus Geschäft, Diplomatie und Politik, hat eine abgleitende Tendenz zum Massenball der Möchtegern-Prominenz. Hecki fühlt sich wohl unter seinesgleichen. Fliegen, fischen, jagen, Zeitung machen – das ist seine Welt.
»Freu dich nicht zu früh, Brigitte, wart ab, was du bekommst.«
»Wo kann ich meinen Gewinn abholen?«
»Gleich da oben, die Rolltreppe hoch.«
»Kommst du mit?«
»Hol dir dein Glück allein. Unernste Männer müssen Ernsthaftes trinken, um den Abend zu retten.«
Er winkt dem Ober.
Mein Glückstreffer ist ein Schinken.
In Folie eingeschweißtes, dunkelrotes Fleisch. Ein Riesenfleisch, kaum zu schleppen.
»Darf ich tragen helfen?«
Jemand spricht mich an, ich sehe nur die rote Nelke im Knopfloch und sage Nein, bevor ich nachdenken kann.
»Warum Opposition gegen eine höfliche Frage?«
Sein prüfender Blick aus schräg gestellten Augen verwirrt mich. Schwarze Haare, Teint wie helles Gold, fremd im Aussehen.
»Es lohnt nicht mehr, zehn Meter weiter steht mein Tisch.«
»Dann darf ich um den nächsten Tanz bitten.«
»Nein.«
»Schon wieder nein?«
»Ich will jetzt nicht tanzen, ich habe Durst.«
»Ich kann warten.«
»Hecki, Wasser! Mir ist, als hätte ich den Schinken schon verzehrt, so trocken ist mein Mund. Dahinten steht ein Gastarbeiter mit einer roten Nelke im Knopfloch, der möchte mit mir tanzen. Soll ich mit ihm tanzen?«
»Tu ihm doch den Gefallen, der will auch mal mit ’ner Blonden tanzen.«
»Blonde gibt es hier genug im Saal, soll er sich eine andere suchen.«
Als ich mein Wasser trinke, fällt er mir wieder ein. Er steht noch immer an der Tür zum Ballsaal.
»Also, Hecki, ich bin ein höflicher Mensch, dann geh ich halt zu meinem Gastarbeiter.«
»Sie haben mich lange warten lassen.«
»Hab ich das?«
»Die Uhr zeigt – zwanzig Minuten.«
»Sie tragen ja gar keine Uhr.«
»So. Sie haben mich also doch schon angesehen.« Spott steht in seinen Augen. Etwas arrogant gebe ich zurück: »Wie sind Sie denn an die Presseballkarten gekommen?«
»Warum? Ist das schwierig?«
»Teuer. Das Hamburger Abendblatt schreibt heute, sie würden schwarz gehandelt zum Preis von 10000 Mark pro Karte.«
»Interessant, ich hätte ein Geschäft machen sollen, als ich sie auf meinem Schreibtisch fand.«
Gastarbeiter mit Schreibtisch?
»Seit wann leben Sie in Hamburg?«
»Seit – zwei Tagen.«
»Und schon auf einem Ball?«
»Ich wollte nicht. Ich bin gezwungen worden.«
»Lassen Sie sich zwingen?«
»Ja. Vom Schicksal.«
»Ich möchte an meinen Tisch zurück nach diesem Tanz.«
»Warum?« – »Ich habe Durst.«
»Nehmen Sie ein Glas Sekt … von einem Botschafter2 an?«
»Botschafter?«
»Kommen Sie mit an die Bar!«
»Mineralwasser für mich.«
»Wie schön, ich bin ein armer Mann.«
»In drei Sekunden drei Überraschungen: Sie sind schicksalsgläubig. Sie sind Botschafter. Sie sind arm. Haben Sie noch mehr Märchen auf Lager?«
»Hören Sie gern Märchen?«
»Ich habe lange keine mehr gehört. Fangen Sie an.«
»Also. Mein Gepäck ist noch auf dem Schiff. Mein Konto ist noch nicht eröffnet. Kein Geld, kein Smoking, aber eine Einladung zu einem Ball. Lächerlich. Ich wollte die Karte zurückgeben. Das Ballbüro hat das nicht akzeptiert. Vorhin ging ich auf dem Jungfernstieg spazieren, da war ein Smoking im Fenster, sehr elegant. Ich fragte den Geschäftsführer: ›Welche Größe? Meine Größe?‹
›Probieren Sie an, wenn er passt, nehmen Sie ihn mit.‹
›Geht nicht. Ich habe kein Geld.‹
›Ich bitte Sie, Sie haben ein Hotel, das Hotel hat Geld. Ich schicke den Anzug in Ihr Hotel.‹
Höfliche Menschen gewinnen bei mir, ich gebe ihm die Hoteladresse. Als ich im Hotel eintreffe, ist mein Smoking schon da. Der Hotelier hat schon gezahlt. Was sollte ich machen? Hier bin ich, kein Geld, aber sehr elegant, hoffe ich.«
Bitte, lieber Gott, nicht schon wieder ein Hochstapler. Einer sitzt schon an unserem Tisch.
»Sie hätten keinen zweiten Tanz mit mir gemacht, deshalb hab ich gesagt, Botschafter. Ohne Titel bin ich für Sie ein Nichts, eine Null, ein Untermensch. Stimmt das?«
»Aber was sind Sie wirklich?«
»Botschafter, Brigitte.«
»Woher wissen Sie meinen Namen?«
»Du kannst gar nicht anders heißen als Brigitte. Du bist Brigitte.«
»Können Sie Gedanken lesen?«
»Ich habe dich gesucht.«
»Quatsch.«
»Ich bin durch die ganze Welt gewandert, um dich zu finden.«
»Zu Fuß!«
»Wie bitte?«
»Zu Fuß durch die ganze Welt gewandert!« Wir lachen vergnügt wie Kinder.
»Ich wusste nicht, dass ich dich heute treffen würde. Ich wusste nur, der Tag kommt. Heute ist der Tag. Jetzt bin ich angekommen. Aber ich habe dich noch nicht erreicht.«
»Ich würde vorschlagen, Sie begleiten mich einfach an meinen Tisch.«
»Nein. Ich will dich kennenlernen, nicht deinen Mann. Wir suchen einen anderen Platz.«
Hinter einer Schwingtür steht ein kleines Sofa. Es ist Märchenstunde, ich möchte mehr hören.
»Sie kennen meinen Namen? Was wissen Sie noch von mir?«
»Sag bitte Du zu mir. In meinem Land sagen Gleichgestellte Du. Wenn ich Sie zu dir sagen würde, wärst du unter mir im sozialen Rang. Beleidige mich bitte nicht, Brigitte, mit Sie.«
»Ich fühle mich beleidigt durch Du.«
»Dann auf der Stelle – Freundschaft. Gib mir einen Kuss.«
»Freundschaft ja. Kuss nein.«
»Gut so. Du wohnst in einem Wald.«
»Nicht direkt. An einem Waldrand.«
»Aber am Haus sind hohe Bäume.«
»Ja. Riesige Tannen.«
»Du hast zwei Kinder.«
»Ja.«
»Und du bist eine Schriftstellerin.«
»Stopp. Das kannst du nicht wissen, das weiß niemand.«
»Sag die Wahrheit, du bist.«
»Also, mein erstes Manuskript ist gerade fertig. Aber es hat noch niemand gelesen. Ich habe auch noch keinen Vertrag.«
»Der Vertrag kommt.«
»Wann?«
»Der Vertrag kommt. Warte. Du wirst eine bekannte Schriftstellerin.«
»Das kannst du nicht wissen. Kein Mensch kennt meinen Text.«
»Das ändert sich bald. Aber an dem Tag, an dem ich dich treffe, ahnt das noch kein Mensch. Nur ich erkenne es. Das ist eine Weissagung.«
Er lehnt sich zurück, entspannt. Niemals habe ich ein solches Gesicht gesehen. So fremd und so vertraut. In welchem Land gibt es Menschen dieser Art?
Menschen?
Ein mystischer Bann umgibt mich. Gewaltsam zerreiße ich die Stimmung: »Botschafter, du lügst. Viele Damen schreiben, eine wird davon möglicherweise berühmt. Du hast ein Schrotschusssystem. Jeder Dame, die schreibt, ein Kompliment dieser Art, und eine wird dann berühmt. Dann sagst du, siehst du, ich habe es dir gesagt! Du bist ein hinterlistiger Charmeur.«
»Gib mir einen Kuss.«
Ich will aufstehen und gehen. Er hält mich zurück, sanft, aber befehlend.
»Bleib. Ich will dir noch etwas sagen. Du wirst später wissen, dass es wahr ist. Heute hört es sich wie ein Märchen an. Ich habe dich am Fleisch erkannt.«
»Am Fleisch?«
»Ich habe dich am Fleisch erkannt. Das Zeichen war, ich sollte dich am Fleisch erkennen.«
»Aber ich bin doch nicht dick.«
»Nein, nein, das Fleisch, das dunkelrote Fleisch in deiner Hand, das war’s.«
»Der Schinken?«
»Erst sah ich den Schinken. Dann sah ich dich. Eine wunderschöne Dame auf einem Ball schleppt Fleisch, und sie hat einen Zopf. Ein Zopf in einem Ballsaal. Unmöglich. Die Welt stand auf dem Kopf durch dich!«
»Mein Zopf ist die neueste Mode aus Paris.«
»In meinem Land trägt keine Dame einen Zopf. Nur Personal. Und dann dein Kleid, entsetzlich.«
»Was hast du gegen Rosa?«
»Pink!«
»Also, was hast du gegen Pink?«
»Zu grell für dich.«
»Grell? Es ist leuchtend.«
»Du kannst deine Sprache besser als ich, aber es ist grell. Schreit. Tut weh. Falsch für dich.«
»Emilio Pucci hat das entworfen.«
»Pucci? Muss man den kennen?«
»Das ist ein Mailänder Aristokrat, der Stoffe und Farben zusammenstellt wie ein Maler. Mein Kleid ist ein Kunstwerk aus Seide.«
»Lass es einrahmen, aber trage es nie mehr.« Er betrachtet mich prüfend.
»Wenn dir diese Farbe gefällt, bist du aus der Balance, aus der Harmonie mit dir selbst. Du musst sie wiederfinden. Das ist ein Befehl.«
»Warum?«
»Gehört dazu. Zum Erfolg im Leben gehört Balance. Wer das richtige Maß hat, findet das richtige Maß.«
»So einfach ist das?«
»Glaubst du mir jetzt, Brigitte? Ich habe dich erkannt. Das Zeichen war das Fleisch. Und auch dein Satz: ›Ich habe Durst.‹ Christus hat am Kreuz gesagt: ›Ich habe Durst.‹ Durst auf die Welt, Brigitte.«
Tränen steigen in meine Augen.
»Stimmt. Ich kenne die Welt nicht.«
»Ja. Du weißt nichts von der Welt. Geh jetzt zu deinem Mann. Nichts bleibt, wie es ist. Wart ab.«
Hecki sieht mich an.
»Ein langes Gespräch – mit einem Gastarbeiter?«
»Der Gastarbeiter ist Botschafter.«
Der Konsul an unserem Tisch legt Tremolo in seine Stimme:
»Botschafter müsste man sein.«
»Konsul müsste man sein, Herr Konsul!«
»Aus welchem Land?«
»Das hat er nicht verraten.«
»Sein Name?«
»Weiß ich nicht.«
»Aha, gibt sich geheimnisvoll, der Herr. Nicht unbedingt die dümmste Masche.«
»Kann er auch fliegen?«, fragt der Konsul.
»Fliegen?«
»Ja. Fliegen. Mit dem Flugzeug. Wie der Hecki.« Er macht mit den Armen Bewegungen wie mit Vogelschwingen.
»Ach so, fliegen meinen Sie. Ich glaube – er kann fliegen.«
Freundin Birgit, Auslandskorrespondentin, formschön im schwarzen, etuischmalem Abendkleid, schlendert an unserem Tisch vorbei und sieht mich nicht. Ich falle Birgit um den Hals.
»Schön, dass du mal wieder im Land bist.« Ihr Begleiter schmunzelt.
»Und wer küsst mich?«
»Brigitte, das ist Gabriel Laub. Präsident vom PEN-Club. Exil-PEN-Club. Gabriel lebt seit ’68 in Hamburg. Ihr habt vergleichbare Erfahrungen. Er hat das Diplom der Fakultät Journalistik, Prag.«
»Mit allen Konsequenzen?« Irritiert blickt er mich an.
»Wie meinen Sie das?«
»Och … ich hab in Leipzig an der Fakultät Journalistik studiert.«
»Ja, dann … wissen Sie Bescheid, mit allen Konsequenzen. Aber ich habe schon ’51 mein Diplom gemacht. Studiert von ’46 bis ’51.«
»Glück gehabt. Damals fing es an. Wie haben Sie sich verteidigt?«
»Ich … ich bin stark im Sprücheklopfen.«
»Sie sind Tscheche?«
»Geboren in Polen, aber mir ist die ganze Welt um die Ohren geflogen.«
»Wir stehen unbequem, wollen wir uns nicht setzen?« Hecki murrt.
Birgit denkt nicht dran.
»Jetzt wird getanzt, in ein paar Tagen können wir bei Freunden schwatzen, wir sehen dort auch Gabriel.«
»Wenn wir uns treffen, werde ich sagen, wer ist diese schöne Frau, macht mich bekannt. Und dann werde ich dir um den Hals fallen, Brigitte!!! Und du wirst sagen, Gabriel!!! Und die Leute werden Augen machen, dass wir uns kennen.«
Hecki senkt aus seiner Höhe seine Hand auf meine Schulter.
»Du darfst mich auch mal wieder zur Kenntnis nehmen, Weib, geliebtes.«
»Nur, wenn du mit mir tanzt.«
»Schweres muss man durchmachen, man ruiniert sich das Leben mit Verrenkungen unsinniger Art, tanzen! Kinder, heiratet nie!«
Gabriel: »Eine gute Ehe überdauert so manches. Auch die Lebensfreude. Ich sage immer so. Jeder Mensch braucht im Leben drei Frauen. Die Mutter, die Ehefrau, und wenigstens eine, die ihn für einen Mann hält.« Birgit: »Ihr bemerkt, Gabriel ist Satiriker, seine Aphorismen sprechen für sich selbst.«
»Lasst mich nicht sprechen, lest meine Bücher. Es sind nur drei ganz dünne mit knapp 1000 Aphorismen.«
»Er wirbt schon wieder, ganz bescheiden, ganz nebenbei für seine Bücher.« Birgit zieht ihn weg von unserem Tisch ins Getümmel des Ballsaals. Wir tanzen auch, aber nur bis zur nächsten Bierbar.
Ein Herr lehnt an einer Säule und mustert mich mit Interesse. Wolf sieht den Blick.
»Hallo, Herr Hölling, darf ich Sie mit meiner Frau bekannt machen? Ich glaube, Sie kennen sie noch nicht.«
Hölling, Staatssekretär, Leiter des Bundespresseamtes, ist perplex.
»Ihre Frau? Also wissen Sie, was ich gedacht habe, als ich ihren Zopf bewunderte, ist das nun seine Freundin oder seine Geliebte. Das ist Ihre Frau?«
»Seit sechzehn Jahren.«
»Ich muss mich beschweren, Wolf Heckmann. Helmut Schmidt hat Ihr Rommel-Buch bekommen. Ich nicht. Aber ich bin Ihr Geldgeber.«
»Schon abgesandt. Ich ahnte nicht, dass der Haudegen Rommel Sie interessiert?«
»Vergessen Sie die Widmung nicht.«
Weil mir sein Kompliment gefallen hat, sage ich, ohne nachzudenken: »Herr Bölling, ich mache das gut. Sie bekommen mein Buch als Vorausexemplar, noch ehe es erscheint.«
»Sie schreiben auch? Haben Sie noch mehr Überraschungen auf Lager?«
»Es ist ein Buch über die Erziehung von Journalisten zur Machtelite in der DDR. Sie sind auch mehr Machtpolitiker als Journalist. Stimmt’s, Herr Bölling?«
»Meinen Sie?«
»Sie finden sicher verbindliche Formulierungen, falls es Ärger gibt mit der DDR. Werden Sie mir Schützenhilfe geben, im Notfall?«
»Als Demokrat, ja.«
»Versprochen?«
»Versprochen.«
Im Weggehen ruft er zurück: »Ich kriege Ihr Buch bestimmt?«
Wir sagen beide JA. Hecki und ich.
»Deinen Humor möchte ich haben, Brigitte. Wo ist dein Buch? Du hast noch nicht einmal einen Vertrag.«
»Der Vertrag kommt.«
»Wann, meine Dame, wann? Zur Buchmesse werden jedes Jahr im Herbst etwa 300000 Neuerscheinungen auf den Markt geworfen. Warum soll gerade dein Buchsich durchsetzen und auch noch zum Politikum werden? Bedenk die Flut von Büchern, Jahr für Jahr.«
»Mein Buch ist ein Politikum. Du kannst es nicht wissen. Du hattest bis heute noch keine Lust, mein Manuskript zu lesen.«
»Keine Zeit.«
»Keine Lust.«
»Ich bitte dich nur um eins, blamier mich nicht, Brigitte, vor Kollegen. Noch gibt es kein Buch von dir. Willst du den Kuchen essen, bevor er gebacken ist? Du … du … leidest ja unter Realitätsverlust. Operiere nicht mit der Zukunft, wenn deine Gegenwart noch nicht erreicht ist. Dein Buch existiert noch nicht. Es ist doch nur ein Manuskript.«
»Die Gegenwart ist immer auch die Zukunft. Meine Zukunft sind meine Bücher.«
»Du … du bist ein Visionär.«
»Mir erscheint die Zukunft wie die Gegenwart, real. Und ein, zwei Jahre später ist sie da. Ich hab doch Glück. Was ich sage, stimmt. Verzögerungsquote ein, zwei Jahre. Denk an den armen Nietzsche. Der hatte eine Zugriffszeit von 100 Jahren. Nietzsche hat seine Zukunft nie erreicht, solange er lebte. Er war 100 Jahre zu früh in unserer Zeit.«
*
Ich sitze zu Hause in Bendestorf und warte darauf, dass ein Verleger anruft und sagt: Wissen Sie überhaupt, dass Sie ein großartiges Buch geschrieben haben?
Verleger, ruf an!
Mit dem Lineal klopfe ich rhythmisch auf die Schreibtischplatte: Ver – le – ger – ruf – jetzt – an!
Das Telefon klingelt. Klingelt es wirklich?
Oder war das nur mein knallendes Lineal? Es klingelt.
»Hallo, Brigitte.«
»Hallooo?«
»Hilfst du mir Möbel zu kaufen?« Der Botschafter.
»Woher hast du meine Telefonnummer?«
»Unwichtig. Du langweilst dich zu Hause. Komm zu mir.«
»Wie bitte?«
»Treffpunkt vier Uhr. An der Alster gibt es ein Terrassencafé. Du kommst bestimmt?«
Und dann – kommt er nicht.
Die zweite Kanne Tee. Versetzt? Unglaublich. Ich gehe. Als ich die Straße überqueren will, hupt ein Auto neben mir einmal ganz kurz. Der Botschafter.
Ich öffne den Wagenschlag und setze mich neben ihn.
»Hallooo.«
Er sitzt da im eleganten grauen Flanell und sagt kein Wort, starrt mich nur an wie einen Geist, fassungslos.
»Botschafter. Die Autos hupen hinter uns. Gib Gas.«
»Du bist das?«
»Du hast doch gehupt. War ich nicht gemeint?«
»Entschuldigung. Ich bin verwirrt. Eine Dame geht über die Straße, ich drücke auf die Hupe, nur so, als Anerkennung. Da öffnet sie meine Tür und steigt ein. Keine Dame steigt in ein fremdes Auto ein.«
»Sich mit mir verabreden und nach fremden Damen hupen! Gleich steig ich wieder aus.«
»Ich bin verabredet mit einem langen Zopf. Dich hab ich nicht erkannt mit deinen offenen Haaren. Du bist … eine andere.«
»Welche gefällt dir besser?« Er blickt mich prüfend an.
»Unglaublich… zwei Gesichter. Wie viele hast du noch?«
»Ein Gesicht. Zwei Frisuren.«
»Nein, das ist es nicht. Du bist zweifach, oder dreifach, vielfach. Ich kenne dich noch nicht. Sag mir, warum hast du gewartet?«
»Ich wollte mir den Mann ansehen, der eine Dame warten lässt – über eine Stunde lang.«
»Ich schäme mich – aber ich hatte die Pressekonferenz vergessen.«
»Was hast du auf Pressekonferenzen verloren?«
»Es war meine. Leider wurde ich die Journalisten nicht wieder los. Die Zeit flog weg. Husch.«
»Kauf dir eine Uhr.«
»Meine innere Uhr sagt mir Bescheid. Du siehst, ich bin hier, wenn auch in der allerletzten Sekunde.«
»Merk dir eine Regel! Botschafter …«
»Jetzt kommt eine Belehrung. Habe ich verdient.«
»In Deutschland gilt c.t. cum tempore. Eine Viertelstunde zu überziehen, ist erlaubt, jede weitere Minute Unhöflichkeit.«
Er lacht. »Höflichkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Gründlichkeit, Sauberkeit, Fleißigkeit … wirst aus mir einen Preußen machen, Brigitte. Einen Muster-Preußen mit Orden, alle von dir verliehen. Die ganze Brust voll Orden. Klasse.«
»Botschafter, du bist ein Kind.«
»Danke für das Kind. Für wie alt hältst du mich?«
»Weiß ich nicht. Von neunundzwanzig bis neunundvierzig – alles möglich. Jetzt bist du – neunundzwanzig!«
»Danke für neunundzwanzig. Einen Orden habe ich übrigens schon. Siehst du das Bändchen am Revers?«
»Schwarz – rot – gold. Bundesrepublik. Ich habe ihn dir nicht verliehen, da bin ich sicher.«
»Du nicht. Genscher. Aber was jetzt? Zurück in dein Café? Oder soll ich dir mein Büro zeigen.«
»Büro, du hast ein Büro?«
»Botschafter ohne Büro, geht das?«
»Ich halte dich für eine – Unperson. Deinen Namen kenne ich nicht. Dein Land weiß ich nicht. Warten lässt du mich.«
»Habe ich dich neugierig gemacht? Wie schön.« Er lacht.
Noble Adresse, Jugendstilbau. Langsam fasse ich Vertrauen.
»Einen Whisky zur Begrüßung?«
»Mineralwasser.«
»Trink einen Whisky mit mir. Zum Umschalten.« Er gießt einfach ein.
»Prost, Brigitte. Du sollst mein Berater für Möbel sein. Immer wollte ich englische Möbel kaufen. Aber jedes Mal habe ich gedacht, lohnt nicht, der Transport ist zu teuer. Also habe ich mir in jedem Land neue Möbel gekauft und wieder verkauft bei der Abreise. Schluss damit. Jetzt will ich englische Möbel kaufen für mein Haus.«
»Möbel musst du kaufen mit deiner Frau.«
»Ich will meine Möbel mit dir kaufen.«
»Abgelehnt.«
»Warum abgelehnt?«
»Das fände mein Mann recht merkwürdig.«
»O Brigitte. Eine Ehe ist nichts weiter als ein Vertrag. Selbst Völker annullieren Verträge. Von Einzelpersonen gar nicht zu sprechen.«
»Ich denke nicht daran, Verträge zu brechen, Botschafter, merken Sie sich das.«
»Gratuliere.«
»Warum gratulierst du mir?«
»Nur so.«
»Warum, zum Donnerwetter?«
»Es war eine Prüfung. Prost, Brigitte.«
Das Telefon schrillt. Als er den Hörer abnimmt, wechselt er die Sprache. Ich begreife kein Wort, nur seine Betroffenheit. Er spricht weiter in dieser Sprache, nachdem er aufgelegt hat, düster, klagend, rhythmisch wie ein Gedicht.
»Hay golpes en la vida, tan fuertes … Yo no sé! Golpes como del odio de Dios; como si ante ellos, la resaca de todo lo sufrido se empozara en el alma … Yo no sé!«3
Seine Hand fährt über das Gesicht, als streife sie eine Maske ab.
»Es gibt Schläge im Leben, so hart … Ich weiß es nicht!«
Automatisch korrigiere ich ihn, stolz, das Gedicht zu erkennen, wenn auch anders im Wortlaut:
»Es gibt Schläge im Leben, so hart… Ich begreife es nicht. Als schlüge Gott zu in seinem Hass.«
Er unterbricht mich.
»Unglaublich. Was ist das für eine Übersetzung?«
»Von Enzensberger.«
»Kein Gefühl für Sprache. Keine Vorstellungskraft. César Vallejo sagt Yo no sé – Ich weiß es nicht! Es trifft dich wie ein Schock. Wie ein Blitz. Elementar. Ein Hammerschlag ohne Vorwarnung. Du kannst dich nicht schützen. Solch ein Schlag vernichtet. Wie kann ein Übersetzer sagen Yono sé – Ich begreife es nicht!
