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"Ächzende Umwelt, zur Neige gehende Ressourcen, wirtschaftlicher Widersinn (Wohlstand auf Pump), Gigantomanie, ungerechtfertigtes Wohlleben hier, unverschuldete Not dort, Massenflucht, das bei Vorhandensein erbötiger absoluter Tötungsmacht. Die Kennzeichen der humanen Zivilisation von heute. Flucht vor der Wahrheit ist angesichts dessen sicher keine gute Option. Dennoch befleißigen sich die Politgrößen dieser Fehlleistung. Die Geistesgrößen ereifern sich jeder über eine andere der verheerenden Erscheinungen. Sie versuchen, die Symptome zu kurieren. Als könne man einem Wahn sein Wüten austreiben, ohne ihm an die Wurzel zu gehen. Und der bedrückte Bürger geht auf die Straße, gibt deren Wände von seinem Frust und seiner Furcht kund. Er wählt aus Verzweiflung Populisten oder andere Extremisten ins Amt. Die Lage schreit nach Umkehr, nach Änderung dessen, was wirkt und gilt. Zugleich aber verbietet sie Gewalt. Gibt es einen Weg aus der Bedrängnis? Einen halbherzigen sicher nicht
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Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Frank Föder
Fremd- oder Selbstbestimmung?
Failure, is that the option?
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Stand der Dinge
Die Ursache der Wirkung.
Die bedrohliche Bevölkerungsvermehrung, was ruft sie hervor?
Die bedrohliche Beschädigung der Natur, was führt sie herbei?
Zerstörung und Krieg, was beschwört sie herauf?
Die inneren Zerwürfnisse, Bürgerkriege, wer/was führt sie herbei?
Das Gebot der Stunde.
Menschengerechtigkeit.
Die mentalen Grundbedürfnisse des Menschen, haben sie Bedeutung, wenn ja, wie ist ihnen gerecht zu werden?.
Selbstachtung, benötigt sie der Mensch? Wenn ja, wie ist sie zu haben?
Selbständigkeit, hat sie die Bedeutung, die ihr hier übertragen wird?
Soziale Anerkennung, benötigt sie der Mensch und vermittelt die Freiheit sie ihm?
Braucht der Mensch einen Vorschuß an Vertrauen? Ist dies der Fall, erhält er ihn in der gegebenen Freiheit vermittelt?
Geborgenheit, ist sie nötig und ist sie in der Freiheit zu haben?
Sicherheit vor Verletzung und Verlust, ist sie in der Freiheit zu haben?
Menschengerechtigkeit, stellt Freiheit sie her?
Recht und Freiheit, ein Gegensatz?
Das Recht, was ist und was soll es?
Vergehen und Verbrechen, wie werden sie geahndet werden?
Streit, wie wird er mutmaßlich geschlichtet werden?
Die Menschenrechte, ist zu erwarten, daß solche in Kraft gesetzt werden?
Freiheit, was hat es damit auf sich?
Bindung, wieviel davon ist nötig?
Wandel, was bleibt da bestehen?
Bildung, geht sie verloren?
Sicherheit, ist sie zu haben?
Weltregierung, wie ist sie verträglich zu formieren?
Freiheit und Ordnung, ein unauflöslicher Widerspruch?
Die Zeit setzt Zeichen. Was sagen sie?
Die materiellen Grundbedürfnisse, wird Freiheit sie gewährleisten?
Der Markt, macht Freiheit ihn gedeihlich?
Die Banken, macht Freiheit sie nützlich?
Das Geld, gibt Freiheit ihm Geltung und Wert?
Die Globalisierung, wie wird sie sich in der Freiheit gestalten?
Die Frage war: Befriedigt Freiheit die materiellen Bedürfnisse des Menschen?
Die Natur, käme die Freiheit ihr zugute?
Die Bevölkerungsvermehrung, dämmt Freiheit sie ein?
Die Landwirtschaft, macht Freiheit sie naturverträglich?
Die Arbeitsplätze, bleiben sie auf dem freien Markt erhalten?
Die Umweltverschmutzung, wird Freiheit sie beheben?
Mäßigung, läßt Freiheit sie reifen?
Der Schluß
Die Freiheit, ist sie eine Ideologie?
Die Verwirklichung der Freiheit, Utopie?
Die Begründung der Zukunft, wie könnte sie aussehen?
Die Erfordernisse
Recht und Ordnung.
Ordnung, wie ist sie zuträglich zu gestalten?
Nachhaltigkeit
Impressum neobooks
Das Wissen und Können des Menschen hat eine neue Zeit anbrechen lassen. Die Spaltung des Atoms und der Flug zum Mond beenden augenfällig jene Zeitalter, in denen der Mensch eingebunden war in die Natur. Er hat die Fesseln der biologischen Gesetzmäßigkeiten gesprengt, die allem übrigen Leben einen begrenzten Platz und eine Aufgabe in der Biosphäre der Erde zuweisen. Der Mensch ist ausgebrochen aus dem Regelkreis des Lebens. Er hat sich zum Herrn über die Natur gemacht.
Der blaue Planet mit allem, was auf ihm wächst und lebt, ist dem Menschen ausgeliefert. Was stellt er mit ihm an? Das ist die Frage.
Bisher überwiegt die Freude an den erlangten Möglichkeiten. Daseinsfroh kostet der Zeitmensch aus, was das neue Können hergibt.
Bedenken sind nicht im Schwang. Die Politik sieht ihre Aufgabe darin, das Glück der Gegenwärtigen zu mehren. Die Zukunft bleibt den Technikern überantwortet. Diese aber streben nach Erweiterung ihrer Erkenntnisse und Vermehrung ihres Könnens. Ein Innehalten kommt ihnen nicht in den Sinn.
Was nötig ist. liegt auf der Hand. Der Mensch muß sich neu begreifen. Er kann nicht mehr tun und lassen, was ihm beliebt. Wem die Schöpfung anvertraut ist, muß Weit- und Rücksicht üben. Er muß der Unschuld, der Sorglosigkeit entwachsen, kann nicht mehr ungehemmt seinem Eigensinn frönen. Vor allem darf er sich nicht auf Kosten der Natur und der Nachwelt wohl sein lassen.
In erster Linie ist gefordert, die Bedingungen zu erhalten, die das höhere Leben auf diesem Planeten ermöglichen. Dazu ist Mäßigung nötig. Die Vernichtung der Arten ist zu beenden, desgleichen die Vergiftung der Böden und Gewässer, die Verschmutzung der Luft sowie die Vergeudung der Rohstoffe. Sodann ist die Zwietracht aus der Welt zu schaffen. Die Konflikte müssen behoben werden, die großen, angesichts der vorhandenen Tötungsmacht, für immer.
Doch diesen Erfordernissen entgegen vermehrt sich die Menschheit und schraubt ihre Ansprüche in die Höhe. Die Natur erhält keine Rücksicht, die Ressourcen werden weiter vergeudet. Und für Streit bleibt reichlich Anlaß. Es wächst die Wut der Benachteiligten auf die Bevorteilten, die der Gläubigen auf die Ungläubigen, die der Besorgten auf die Unbesorgten.
Nun gibt es, um ein Problem zu lösen, eine bewährte Methode. Sie erheischt zuvorderst, sich über die gegebene Lage ins Bild zu setzen. Nur eine unverfälschte Betrachtung dessen, was ist und was sich tut, kann deutlich werden lassen, welche Gefahren drohen. Und sind die Bedrängnisse erkannt, sind deren Ursachen zu ergründen. Weiß man sodann, was die Mißstände hervorruft, sind diejenigen Vorkehrungen zu treffen, die das Verderbenbringende dauerhaft abstellen.
Den ersten Schritt haben einige Umwelt-Organisationen vollzogen. Sie machen fortgesetzt deutlich, was die Menschheit mit und in ihrem Lebensraum anstellt.
Was stattfindet demnach sind überschäumende Population und Zivilisation. Der Mensch setzt an, seinen Planeten zu überfüllen und zu überfordern. Das Unheil heißt Wachstum. Es wächst die Zahl der Menschen und der Umfang der Industrialisierung. Als dessen Folge wächst die Fläche der Wüsten und die Verschmutzung der Umwelt.
Jede dieser Erscheinungen wäre, für sich allein genommen, wahrscheinlich nur von regionaler Bedeutung und mit herkömmlichen Mitteln zu meistern. Indes, sie stehen in komplizierter Abhängigkeit zueinander und verhelfen sich gegenseitig zu immer schnellerer Ausbreitung und Steigerung.
Da ist die rapide Vermehrung just jener Bewohner des Planeten, die seine Biosphäre in Bedrängnis bringen. Deren Gesamtzahl hat im letzten Jahrzehnt um eine Milliarde auf jetzt über sieben Milliarden zugenommen. Die UNO rechnet mit einem weiteren Anstieg um etwa 80 Millionen Menschen pro Jahr.
Einige Bevölkerungswissenschaftler veranschlagen in den nächsten Jahren ein Ende der Vermehrung. Dafür sollen Aufklärung und die Anwendung von Verhütungsmitteln sorgen. Viele Experten gehen davon aus, daß das Wachstum der Menschheit in drei bis vier Jahrzehnten bei einem Stand zwischen neun und zehn Milliarden zum Stillstand kommt.
Aus Versuchen mit Tieren weiß man, daß Bevölkerungswachstum in begrenztem Lebensraum sich nicht durchgehend fortsetzt. Es findet ein jähes Ende, selbst wenn ein Versorgungsengpaß nicht auftritt. Maßgebend ist die Unerträglichkeit der Enge. Wenn die Population im Hort überhand nimmt, beißen auch sonst recht friedlich veranlagte Tiere sich gegenseitig tot.
Ein weiteres folgenschweres Übel ist das wilde Auswuchern der Zivilisation. Die heute handelnde Menschengeneration macht sich bedenkenlos, jedenfalls nicht ausreichend sorgsam, über die Bodenschätze und Nutzflächen der Erde her.
Von dem wichtigsten Grundstoff für Leben, dem Wasser, gibt es zwar genug auf der Erde, aber das meiste davon ist als Lebensmittel oder für die Nahrungsmittelproduktion ungeeignet. Doch mit dem Süßwasser geht die gegenwärtige Generation alles andere als pfleglich um. Der Kampf um sauberes Grund- und Flußwasser zwischen den Gebietskörperschaften ist unausbleiblich und zeichnet sich vielerorts bereits ab.
Die Staaten ringen um die Besitz- und Nutzungsrechte an dem einen noch verbliebenen großen Rohstoff- und Nahrungsreservoir, dem Weltmeer. Der Streit um die Pole, um Mond und Mars ist abzusehen.
Industrie, Handel und private Haushalte, durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten eher stimuliert als behindert, überantworten den Unrat, den sie erzeugen, unbearbeitet oder doch nur mangelhaft gefiltert und geklärt, zumindest nicht überall und in jedem Fall vollkommen neutralisiert, dem Wind, den Wellen und den Wäldern.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Den Berichten des UN-Programms für Umwelt (Unep) zufolge sind die Küstengewässer von der Überdüngung der Äcker besonders betroffen. Es gebe bereits mehr als 170 tote Zonen im Ozean. Und 415 weiteren Meeresgebieten drohe der Erstickungstod.
Hinzu kommt ein Machbarkeitswahn. Die Technik ist so weit gediehen, daß ihre Huldiger glauben, die Natur überlisten oder gar verbessern zu können Das führt zur Ausbringung von Giften, teils als Medikamente, teils als Pflanzenschutz- oder -vernichtungsmittel. Jedes Jahr dadurch verschwinden bis zu 58.000 Tierarten. In Finnland sind 61, in der Slowakei 77 Prozent der Farn- und Blütenpflanzen ausgestorben. Die Bienen gehören zu den am meisten gefährdeten Arten.
Zur Zeit wird heftig gestritten, ob überhaupt und in wie weit das Klima der Erde durch das, was die gegenwärtige Menschengeneration vollzieht, beeinflußt wird. Die Mehrheit der Experten vertritt die Auffassung, daß momentan eine Erwärmung der Erdoberfläche stattfinde. Überdies sind sie überzeugt, daß diese Erscheinung anthropogen, also von Menschenhand verursacht sei. Von anderen Fachleuten wird beides, sowohl der Temperaturanstieg, als auch die humane Verantwortung dafür, nicht nur angezweifelt, sondern vehement bestritten.
Dabei sind Erscheinungen der Erderwärmung nicht mehr zu übersehen. Permafrostböden tauen auf – und setzen in großen Mengen Methan frei, ein Gas, das zwanzigmal schädlicher für das Klima ist als CO2. Das Kontinentaleis und die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt und die von dessen höherer Temperatur geweckten Winde werden heftiger. Da obendrein die Regenwälder abgeholzt werden, die CO2 speicherten, droht demnächst das Klima zu kippen.
Erwärmung, Raubbau und Umweltverschmutzung rufen hervor, daß die sich vermehrende Menschheit auf schrumpfende land- und forstwirtschaftlich nutzbare Flächen trifft, auf immer weniger fischführende Flüsse und Binnenmeere, auf das knapper werdende Grundwasser und einige bald völlig aufgebrauchte Rohstoffe. Die Menschheit überzieht das ihr gegebene Ressourcenangebot Jahr für Jahr um rund 150 Prozent (dem WWF zufolge).
Das beunruhigt nur wenige Zeitgenossen. Die Mehrheit setzt auf des Menschen Geist und die ihm mittlerweile zu Diensten stehende Kunstfertigkeit.
Wo die Natur versagt, schafft die Technik vermeintlich eine bessere. In der Tat haben Experten die Fähigkeit entwickelt, das Erbgut von Pflanzen und Tieren genetisch zu verändern, ja selbst neue Substanzen und neue Lebewesen zu erzeugen.
108 Nobelpreisträgerinnen und -träger bedrängten im Juni 2016 in einem offenen Brief die Umweltschutzorganisation Greenpeace, ihren Widerstand gegen die „Grüne Gentechnik“ (GMO) aufzugeben. Die Klügsten der göttergleichen Gattung verlangen, ihre Fähigkeiten voll ausschöpfen zu dürfen.
Wahrscheinlich befanden sich die Ökosysteme auf der Erde ohnedies selten im Lot. Jedenfalls waren in der Erdgeschichte hie und da durchaus biologische Katastrophen zu verzeichnen. Doch ob es den Technikern tatsächlich gelingt, eine neue Natur zu erschaffen, eine, die den zu stellenden Anforderungen voll genügt, darf wohl mit einigen Zweifeln versehen werden.
Experimentierfreude und Wissensdurst, ganz zu schweigen von enthemmtem Erwerbssinn, menschlich-allzumenschliche Eigenschaften gehen mit den neu gewonnenen Fähigkeiten des Menschen eine Verbindung ein, die schwerlich Gutes verheißt. Der Untergang einer Zivilisation wurde oft von Vermessenheit begleitet. Hybris ging oft einem Verfall voraus.
Eine andere neue technische Tüchtigkeit verdient nicht minder Beachtung. Der moderne Mensch ist zunehmend in einer Welt zu Hause, die von versklavten Elektronen bevölkert wird. Der Kleincomputer hat jede Hosen- und Handtasche erobert. Und für viele ersetzt er den Freund und den Nachbarn. Im übrigen nehmen immer mehr elektronisch gesteuerte Maschinen dem Menschen seine Betätigungen ab. Die Robotik vernichtet Arbeitsplätze. Und die neuen, die entstehen, sind wenig aufbauend, wenn nicht gar unzuträglich, geisttötend.
Fortschrittsenthusiasten feiern die „Vierte industrielle Revolution“. Diese will die für Handel und Wandel relevanten Gegenstände sämtlich über das digitale Netz miteinander verbinden. Das „Internet der Dinge“ will den Menschen als Impulsgeber ausschalten. Die mit Intelligenz ausgestatteten Fabrikate der humanen Schöpfung sollen selbständig tun und lassen, was ihnen ihr Rechenwerk eingibt.
Die Initiatoren der „Industrie 4.0“ fragen nicht, was dem Menschen nutzt und frommt. Sie huldigen ausschließlich ihrem Erfindergeist. Und wenn die gültige Gelehrsamkeit recht hat, gibt es kein Mittel, sie zu bremsen. Die Menschheit sei dem Überschwang ihrer Fortschrittsenthusiasten hilflos ausgeliefert.
Hinzu kommt, daß bei den Leuten, die in der Menschenwelt das Sagen haben, eine Überbewertung des Ichs stattfindet. Offenbar verabreicht die Hochentwicklung den Angehörigen der maßgebenden Schichten stärker als je zuvor einen Hang zur Selbstverherrlichung. Viele Hochgestellte befinden sich unverkennbar auf einem „Egotrip“. Übersteigerte Gewissenlosigkeit wird immer häufiger angetroffen, Rücksichtnahme und Maßhalten dafür weniger.
Bis vor kurzem mag sich die Frage gestellt haben, ob die Ichlinge (Matthias Horx) an den Schalthebeln der Macht bereit sein werden, von ihren Vorhaben und Vorlieben zu lassen, wenn nicht auszuschließen ist, daß deren Verwirklichung einen erheblichen Schaden anrichtet. Inzwischen wissen wir, daß sie dazu nicht willens sind. So drohen einige Supergescheite der USA, ins Ausland oder aufs Meer zu gehen, wenn sie in ihren Vorhaben eingeschränkt würden.
Diese Begebenheiten bauen sich auf vor dem Hintergrund einer Welt, in der nichts mehr verborgen bleibt. Arm und Reich, Unterdrückung und Ausbeutung hat es gegeben, seit Menschen über Menschen und ihr Tun berichten. Selten aber waren die Kontroversen so abgründig wie gegenwärtig. .
Vor den vielerorts unerträglichen Verhältnissen fliehen die Überlebenden. Schon jetzt sind mehr Menschen auf der Flucht als die gewachsenen Strukturen vertragen.
Zunehmend setzt den Staaten die unterschiedliche Ausstattung mit Vorräten und Kapazitäten zu. Der Streit darüber ist von besonderer Bedeutung in einer Welt, in der dem Menschen die Fähigkeit zur totalen Vernichtung anheimgegeben ist.
Der erste Einsatz von Atomsprengkörpern hat zwar der Menschheit einen nachhaltig wirkenden Schock versetzt. Die Regierenden deshalb vermieden den Einsatz von Nuklearwaffen in den bewaffneten Konflikten, die sie inzwischen austrugen. Damit hat der Mensch erstmals über einen längeren Zeitraum eine ihm gegebene Möglichkeit ungenutzt gelassen. Es hieße dennoch sicher, Arglosigkeit und Leichtfertigkeit auf die Spitze zu treiben, würde aus dieser zeitweiligen Beschränkung eine Gewährleistung für die Zukunft gezogen.
Möglicherweise wäre das Risiko kalkulierbar, wenn erstens die atomare Macht in der Hand weniger ausgesuchter Leute läge und wenn zweitens zwischen diesen Potentaten Übereinstimmung in allen wesentlichen politischen Fragen herrschte. Doch weder das eine noch das andere ist der Fall. Die Zahl der Atomwaffenbesitzer nimmt ständig zu, niemand weiß überhaupt genau, wer Gefechtsköpfe dieser Art und wieviel davon besitzt. Und von Gleichklang im Atomclub kann schon gar nicht die Rede sein.
Zwischen den beiden mächtigsten Besitzern der Bombe - den Vereinigten Staaten und Rußland - gibt es zwar so etwas wie eine Patt-Situation: Wer den ersten Schlag führt, läuft Gefahr, durch den zweiten selbst vernichtet zu werden. Eine konflikteindämmende Wirkung aber hat diese Kontradiktion keineswegs. Jeder der beiden Widersacher versucht fortwährend, sich ein Übergewicht zu verschaffen, durch Erweiterung des Potentials und besonders durch Verbesserung der Abwehrsysteme.
Gegenwärtig bringen die hinzugetretenen neuen Besitzer, die sich von Anfang an nicht in die klassische Polarität haben einordnen lassen, jede Ausgewogenheit und Überschaubarkeit zu Fall.
Hinzuzufügen bleibt, daß die Menschheit seit geraumer Zeit über weitere, insbesondere biologische und chemische Massenvernichtungsmittel verfügt. Dieses Rüstzeug unterliegt zwar einer Ächtung, wir übrigens auch das nukleare. Dennoch aber werden die entsprechenden Materialien nach wie vor produziert, weiterentwickelt und einsatzbereit gehalten. Einer ihrer Vorzüge nämlich liegt darin, daß sie billiger und mit geringerem technischen Aufwand herzustellen sind. Das versetzt auch weniger begüterte Staaten und selbst versierte Gruppen in die Lage, sich mit dieser, der atomaren in ihrer Wirkung nicht nachstehenden Vernichtungsmacht auszustatten.
Die Fähigkeit, das Leben auf ihrem Planeten auszulöschen, erhält besondere Brisanz dadurch, daß sich zugleich die Schrauben lockern, die sie in Schranken halten. Es vermehren und verstärken sich die Streitgründe, es schrumpfen zugleich die moralischen Bedenken.
Damit sind wohl die wichtigsten Sachverhalte aufgeführt. Faßt man sie zusammen, stellt sich die Lage der Menschheit wie folgt dar:
Die Erdzivilisation entfaltet eine Reihe verhängnisvoller Trends, die, zumal sie sich gegenseitig voranstoßen, mit bedrohlicher Beschleunigung auf einen Punkt zu führen, an dem die Biosphäre des Planeten zusammenbrechen muß.
Daneben verstärken sich die Gegensätze, und es ist abzusehen, daß sie sich weiter verschärfen werden, je drastischer die Überlebensprobleme sich bemerkbar machen, je enger der Raum wird und je deutlicher die Ungleichheit der Chancen.
Die Moral sinkt und die Selbstsucht wächst. Dieser Sachverhalt ist vor der Tatsache zu sehen, daß die Menschheit über mehrere Möglichkeiten verfügt, bewußt oder versehentlich, rasch oder in Raten, das höhere Leben auf der Erde auszulöschen.
Ächzende Umwelt, zur Neige gehende Ressourcen, verbreitete Vermessenheit der bestimmenden Bewohner, absehbar steigende Konflikte zwischen ihnen, das, bei erbötiger absoluter Tötungsmacht. So etwa müßte ein Außerirdischer die gegenwärtige innere Situation auf dem Wirtsplaneten der Menschen beschreiben. Wer Augen hat zu sehen und wer sich den Blick für Realitäten nicht verstellt, dem muß auch von seinem irdischen Standort aus mit hinlänglicher Deutlichkeit aufschließen, daß die Menschheit im Begriff steht, ihre Lebenschance zu überreizen.
Sollten Fakten das Geschehen bestimmen, steht zweifelsfrei fest, ausrechenbar, daß die Menschheit enden wird, wenn sie fortfährt in dem, was sie vollführt. Sie überschreitet die Grenze dessen, was ihr Heimatgestirn erträgt. Es kann schwerlich zehn Milliarden Menschen einen zuträglichen Lebensraum bieten, wenn schon sieben Milliarden nicht ausreichend Nahrung auf ihm finden, dazu die Wüsten vergrößert, die Äcker vergällt, die Gewässer verseucht und die Luft verpestet wird.
Und es kann keinen Frieden geben, wenn ein Teil der Menschheit in Saus und Braus lebt, während ein großer anderer Teil darbt.
Wenn sich fortsetzt, was geschieht, ist eine Endzeit-Katastrophe so gewiß wie der unvermeidliche Zusammenbruch eines Kartenhauses.
An Mahnern gibt es denn auch genug. Doch was sie bewirken, muß den aufgeschreckten Geist erst recht befremden. Die tonangebende Mehrheit wirft ihnen modisches Krisengewinsel vor und macht sie als „Propheten des Weltuntergangs“ verächtlich. Auch das blasseste und hohlste Argument ist sonst klugen Köpfen nicht zu fade, gegen die unangenehmen Aufrüttler ins Treffen geführt zu werden. So wird unverdrossen auf die wohlfeile Begebenheit verwiesen, daß seit jeher in der Geschichte Bedenkenträger vor dem drohenden Weltuntergang gewarnt hätten.
Auf der anderen Seite treten immer wieder Futurologen auf, die in all der Finsternis nur Licht sehen wollen. Und da der Mensch sich dem Angenehmen bereitwilliger aufschließt und sich dort, wo es ihm gut geht, in dem, was er tut, gern bestätigen läßt, findet der Verkünder des Heils stets ein gefälligeres Echo. Wer der Menschheit für die nahe Zukunft das „Goldene Zeitalter“ verheißt und darüber hinaus versichert, daß es sich automatisch einstellen werde, im wesentlichen als Folge der angestoßenen Entwicklung, der darf nicht nur bei Einfaltspinseln, sondern auch bei allen denen des Beifalls sicher sein, die bei einem realistischeren Blick in die Zukunft dazu aufgerufen wären, ihrer Verantwortung gemäß zu handeln.
Gefordert wären die Regierungen der maßgebenden Staaten. Diese jedoch zeigen sich alles andere als als besonnen und bedenklich. Sie sind mit „Apokalypseblindheit“ geschlagen, wie Günther Anders konstatiert. Ihre Weitsicht reicht gerade bis zur nächsten Legislaturperiode.
Wo es um Gegenwartsbeurteilung geht, da verlegen auch gemeinhin recht diesseitig Veranlagte sich gern aufs Glauben: „Es wird schon nicht so schlimm kommen“. Gar zu außerordentlich, zu unfaßbar, zu aussichtslos ist, was die unverfälschte Betrachtung der Sachverhalte offenlegt.
Von dem afro-amerikanischen Schriftsteller James Baldwin wird überliefert: „Menschen, die ihre Augen vor der Wirklichkeit verschließen, beschwören schlicht ihre eigene Vernichtung herauf.“
Gleichwohl gibt es Zeitzeugen, denen seit langem das unbekümmerte Schwelgen in den gewonnenen Gelegenheiten Sorge bereitet. Dazu gehören die Mitglieder des Club of Rome und die Angehörigen der Union of Concerned Scientists [UCS]). Auch einige Nichtregierungsorganisationen (NGO) gehen gegen besonders gefährliche Auswüchse an. Den Mitgliedern der Weltorganisationen bleibt die Bedenklichkeit der Lage zwangsläufig nicht verborgen. Sie machen darauf auch reichlich aufmerksam.
So finden sich zunehmend Menschen, die das Geschehen beunruhigt. Sie bleiben aber eine Minderheit. Obendrein besteht unter ihnen Uneinigkeit über die Möglichkeiten und Verfahren, den bedrohlichen Entwicklungen Einhalt zu gebieten.
Henry Kendall, amerikanischer Umweltexperte und Nobelpreisträger, ist gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Wissenschaftler der Auffassung, daß der Menschheit nur mehr wenige Jahre bleiben, um das Steuer herumzureißen.
Da gibt es eine Spezies, die über einen kleinen Körper im All gebietet. Sie überfüllt und überfordert ihn. Zur Massentötung fähig, läßt sie ihre Alphatypen ungehemmt ihrem Eigensinn frönen und jedes Maß verlieren. Sie führt sich auf, wie einst Zeus und seine Sippschaft. Deren Himmel immerhin hat der Orkus verschlungen.
Die Geschöpfe des Prometheus schlagen in den Wind, was er sie einst lehrte. Hat er ihnen doch dringend empfohlen, sein Feuer auf kleiner Flamme zu halten.
Die Erdzivilisation droht zusammenzubrechen. Verantwortlich dafür ist der Mensch, das steht außer Frage. Doch schlägt sich hier seine Veranlagung nieder? Muß es darum gehen, ihn zu ändern oder ihn zu disziplinieren?
Nach Robert Malthus vermehren sich Völker immer in besonderem Maß, wenn es ihnen wirtschaftlich gut geht. Demnach müßte es rosig aussehen auf dem Wirtsplaneten der Menschen.
Vielerorts fehlt es den Bewohnern tatsächlich an nichts. Aber just dort werden zu wenig Kinder geboren. Offensichtlich kommen seit neuestem günstige wirtschaftliche Verhältnisse der Familienplanung bei jungen Menschen nicht mehr entgegen.
Der alten Weisheit zum Trotz schrumpft die Bevölkerung, wo Wohlstand herrscht, und sie wächst, wo er ausbleibt. Neuerdings scheinen eher Armut und Ausweglosigkeit den Fortpflanzungstrieb anzuregen.
Die Gegenwart leidet unter der Begebenheit, daß hier zu wenig und dort zu viel Geburten verzeichnet werden. Beide Erscheinungen sind bedenklich. Dennoch ist die Übervölkerung für die Situation auf der Erde das gefährlichere Übel. Was ruft sie hervor?
An dieser Stelle drängt sich die Betrachtung einer Begebenheit auf, wie dieser: Vor achthundert Jahren „einte“, wie es in platthistorischer Diktion heißt, Dschingis Khan alle Mongolenstämme. Kaum hatte er dies vollbracht, verlangte die Macht, die er nun innehatte, nach mehr. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß ihm dafür unversehens viel Volk zur Verfügung stand.
Noch heute gibt es in Arabien, in Afrika, im fernen Osten, Nomadensippen, die ungeachtet der mittlerweile vorhandenen Staatsstruktur sehr selbständig auf ihrem gegen andere Sippen abgegrenzten Gebiet ein Eigenleben führen. Das dürfte in den Jahrhunderten vor der Geburt des Großkhans im Inneren Asiens ebenso der Fall gewesen sein. Was also führte dazu, daß es jählings Mongolen zu Hauf gab? Und was regulierte, nachdem der Spuk vorbei war, die Fortpflanzung wieder auf ein normales Maß?
Es macht wenig Sinn, diesen Vorgang zu vertiefen. Aber merkwürdig ist es schon, daß munter darauf los geschwängert wird, sobald die Eigenverantwortung aufhört und ein Mächtiger nach Masse ruft. Tüchtige Volksverführer haben einen hohen Verschleiß an Personal. Auch die Deutschen zeugten in ihren „großen Zeiten“ reichlich Nachwuchs.
Unverkennbar haben äußere Umstände Einfluß auf das Geburtsgeschehen. Deshalb kommt die Frage nach der Ursache dafür, daß die Vermehrung eines Volks hin und wieder überhandnimmt, an den jeweils gegebenen Verhältnissen nicht vorbei.
Wohlstand scheidet heute als Beweggrund aus. Er hemmt eher. Dagegen könnte Volksverführung nach wie vor nicht ganz unbeteiligt sein. Die meisten Geburten jedoch finden zur Zeit in Regionen statt, die von Zerrissenheit und Wirrnis geprägt sind. Hier ist die Zeugung offenbar Ausdruck einer Verzweiflung. Auch damit aber steht das Umfeld im Visier.
Nun waren für Staat und Gesellschaft die Möglichkeiten, bezüglich des Kinderwunsches auf ihre Angehörigen einzuwirken, noch nie so reichhaltig wie heute.
Nach dem Willen der Vereinten Nationen, ausgedrückt erstmals auf der Bevölkerungskonferenz 1994 in Kairo, soll „reproduktive Gesundheit“ die Gebärfreudigkeit eindämmen. Mann und Frau sollen ihre Familienplanung so einrichten, daß es zum Stillstand der Bevölkerungsvermehrung kommt. Mit anderen Worten: Es gilt, jungen Menschen die Kenntnis der Möglichkeiten zur Verhütung einer Schwangerschaft zu vermitteln sowie ihren Willen zu wecken, eines dieser Mittel anzuwenden, spätestens sobald das dritte Kind ins Haus steht.
Gerade dort aber, wo Armut herrscht, machen die Paare davon zu wenig Gebrauch. Deshalb versuchen die Regierungen, auf andere Weise auf sie einzuwirken. In Indien verspricht ein Bundesstaat Frauen und Männern, die sich kostenfrei sterilisieren lassen, ein Auto. Der Club of Rome schlägt vor, jede Frau, die nur ein Kind bekommen hat, an ihrem fünfzigsten Geburtstag mit 80 000 Dollar zu belohnen.
China greift zur Gewalt. Es erlaubt den Familien nur mehr die Aufzucht eines Kindes. Zwangsmaßnahmen indessen zeitigen selten, was sie bewirken sollen. Das Bevölkerungswachstum in der Volksrepublik beträgt trotz der Aktion noch fortlaufend 1,5 Prozent. Im übrigen leidet das Land jetzt unter einem Männerüberschuß.
Was die Politik unternimmt, bleibt ohne die nötige Wirkung. Und die naheliegende Erwägung, das Unmaß hier und den Mangel dort auszugleichen, stiftet gerade in jüngster Zeit mehr Unheil als Erleichterung. Diese Begebenheit wird an anderer Stelle noch gesondert zu beleuchten sein.
Nach alledem ergibt sich folgender Sachverhalt: Junge Menschen haben nicht das weltgeschichtliche Erfordernis im Auge, wenn sie kopulieren. Und die Bemühung, ihnen das gebotene Bewußtsein beizubringen, etwa durch Belehrung und verbesserte Bildung oder durch Belohnung, erbringt nicht den nötigen Erfolg. Druck andererseits hat überwiegend negative Auswirkungen.
Achtsamkeit, so scheint es, verdienen die sozialen Verhältnisse. Gebraucht wird ein Umfeld, das Paare dazu bewegt, sich Kinder zuzulegen, aber eben nicht im Unmaß. Utopie? Mit diesem Urteil sind wir schnell bei der Hand. In Ermangelung eines erfolgversprechenden anderen Wegs indes lohnt es sich vielleicht, diesen Aspekt im Auge zu behalten.
Nach Berechnungen des World Wide Fund For Nature (WWF) stehen jedem Menschen 2,1 globale Hektar zur Verfügung. Die Deutschen brauchen mit 4,2 Hektar doppelt so viel. Die Bürger der USA benötigen jeder 9,4 Hektar. Allein die USA beanspruchen ein Zehntel der weltweiten Ressourcen. Unter dem Wohlstandsvermehrer Trump wird sich dieser Tatbestand wahrscheinlich noch um einiges verschärfen
Der indische Ökonom Pavan Sukhdev erklärt in seiner 2008 vorgestellten Studie „Die Ökonomie von Ökosystemen in der Biodiversität“: „Während sich der Verlust an der Wallstreet auf eine bis eineinhalb Billionen US-Dollar beläuft, verliert die Welt jedes Jahr zwei bis fünf Billionen Dollar in Form von Naturkapital. Das ist nicht nur mehr, sondern auch noch fortlaufend. Es passiert jährlich, Jahr für Jahr.“
Besserung ist nicht in Sicht. Nun stellt sich erneut die Frage, warum der gemeine Zeitgenosse mehr oder weniger bewußt der Umwelt Schaden zufügt.
Es ist ja keineswegs so, daß der Gegenwärtige nicht informiert wäre über das, was in der Natur vorgeht. Und wenn er sich von seinem Wissen beeindrucken ließe, könnte er viel zur Linderung des Raubbaus tun. Nichts hinderte ihn, seinen Verbrauch an elektrischer und chemischer Energie einzudämmen. Er könnte sich darauf beschränken, nur ökologisch hergestellte Lebensmittel und Kraftformen zu verwenden. Er könnte überhaupt vom „Konsumismus“ lassen, wie dies Hans-Wolff Graf in seiner kleinen Schrift „Geißel der Menschheit“ eindringlich fordert.
Doch was immer da nötig und möglich ist, es sind zu wenige, die davon Gebrauch machen. Was hält die Mehrheit ab? Herrscht ein Mangel an Verantwortungsbewußtsein vor? Der Papst scheint dies zu vermuten, wie eines seiner jüngsten Rundschreiben nahelegt (Enzyklika „Laudato si“ vom 24. Mai 2015).
Nach allgemeinem Dafürhalten sind entsprechende Gesetze nötig und die strenge Kontrolle ihrer Einhaltung. Demnach wäre die obwaltende Obrigkeit gefordert.
Staatlichkeit jedoch verträgt sich schlecht mit Mäßigung. Die Demokratie besonders braucht Innovation und Wachstum. Nur Aufschwung hält sie am Leben. Deren Regierungen regen deshalb den Konsum an. Ihn zu drosseln, bekäme ihnen schlecht.
Der Sachverhalt läßt sich wie folgt beschreiben: Jeder Mensch erlebt vor seiner Haustür, wie sehr die Natur leidet. Auch wie schlimm die Lage insgesamt ist, bleibt niemandem verborgen. Jedes längere Gespräch hat die Belastung der Umwelt, die Vernichtung der Arten, die Veränderung des Klimas zum Inhalt. Dennoch verrichten die Besorgten nicht, zumindest nicht ausreichend, was sie zur Behebung der Bedrohung vollziehen müßten.
Vielleicht ist nicht ganz falsch zu vermuten, daß der Mitmensch so etwas wie einen allgemeinen Aufbruch braucht. Möglicherweise will er erleben, daß nicht er allein sich aufgerufen fühlt und sich die erforderlichen Einschränkungen auferlegt.
Erneut stellt sich die Frage, ob die Einwirkung auf den einzelnen das geeignete Mittel darstellt. An Informationen fehlt es ihm nicht, auch Belehrung findet reichlich statt. Und Druck, wie man weiß oder wissen sollte, erbringt nicht, was er bewirken soll.
Vielleicht ist auch in dieser Hinsicht das Augenmerk auf das Umfeld zu richten. Wieder geraten die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick. Muß möglicherweise ein Miteinander das Mitmachen herausfordern?
Gemeinhin wird unterstellt, daß neben der Leichtfertigkeit, unter der die Mäßigung leidet, der unselige Drang zur Gewaltanwendung im einzelnen Menschen angelegt sei. Er, der Mitmensch, der Nachbar, sei unbesonnen und streitsüchtig veranlagt. Er lasse sich zu leicht zu Ausfällen hinreißen. Folgerichtig müsse es darauf ankommen, die Erzihung und Bildung zu verbessern. Dem Menschen müsse beigebracht werden, an sich zu halten. Ihm müsse die Neigung ausgetrieben werden, auf unliebsame Begebenheiten bösartig, mit Ingrimm zu reagieren.
Mit hohem Pathos werden Friedenspreise verliehen. Sie werden Damen und Herren zuteil, die in ihrem Umkreis Zeitgenossen dazu veranlaßt haben, davon abzulassen, aufeinander einzuschlagen, oder die in ihren Publikationen eine Lanze für die Friedfertigkeit brechen.
Ohne Zweifel ist verdienstvoll, den Angehörigen der weltbewegenden Spezies anschaulich zu machen, daß Krieg verwerflich ist, unerfreulich und für den einzelnen selten bis nie von Nutzen. Unbestreitbar ist ehrenwert, dem Nachwuchs dieser Gattung zu verdeutlichen, wie schlimm die Auswirkungen von Wut und Waffen sind.
Der erhobene Zeigefinger hat seine Berechtigung. Doch weist er in die richtige Richtung? Sind es die Mitmenschen, die von sich aus auf Hieb und Stich aus sind? Etwa, weil sie mangelhaft unterrichtet oder schlecht erzogen sind? Oder steckt jemand oder etwas anderes dahinter?
Gefeiert werden Friedensaktivisten wie der Politologe Andreas Buro. Er fordert den „Aufbau ziviler Konfliktlösungsmuster“ und „kooperative Verhaltensweisen“ (In seinem Buch „Gewaltlos gegen Krieg. Lebenserinnerungen eines streitbaren Pazifisten“, Brandes & Apsel, Frankfurt a. M., 2011). Sein Appell richtet sich zwar in erster Linie an die Politikerin und den Politiker, läßt aber auch den Mann und die Frau auf der Straße nicht aus. Am Ende dringt auch er darauf, daß seine Mitbürger sich verträglich verhalten.
Es geht um die Natur des Menschen. Nehmen die Friedensfreunde die Veranlagung und das Wünschen und Wollen ihrer Mitbürger zutreffend wahr? Unbenommen ist beim Mitmenschen hin und wieder Angriffswut zu vermerken. Was aber ruft sie hervor? Schlechte Erziehung, mangelhafte Bildung? Oder ist dafür vielleicht eher das Umfeld verantwortlich? Kommt die Gewaltbereitschaft nicht von innen, sondern von außen?
Das Bestreben, den Menschen zu durchgehender Besonnenheit zu veranlassen, ist Gegenstand einer weltweiten Bewegung, die schon im Altertum ihren Ursprung hat, des Pazifismus. Sie erhielt besonders nach den Gräueln des zweiten Weltkriegs neuen Auftrieb. Den Ostermarschierern geht es erklärtermaßen darum, den Haß der Völker gegeneinander aus der Welt zu schaffen.
Nun ist allerdings sehr die Frage, ob diese Untugend oft oder überhaupt je die wahre Ursache der Kriege war. Haßten die Deutschen die Polen und Franzosen? Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, bliebe zu klären, ob diese Aversion in Erfahrungen des einzelnen ihren Ursprung hatte oder geschürt worden ist, von hoher Hand.
Weihnachten 1915 kam es in Flandern zwischen den Gräben zu einer Verbrüderung von britischen und deutschen Soldaten. Die Truppenteile mußten anschließend aus der Front genommen werden. Selbst in Stalingrad ereignete sich Weihnachten 1943 zuweilen ein friedlicher Kontakt zwischen russischen und deutschen Kämpfern. Die Ausführenden der Kriegshandlungen werden augenfällig selten von Abneigung gegeneinander beherrscht. Sie sind mehr Opfer als Täter. Nicht die Soldaten treiben zum Kampf. Krieg wird nicht von ihnen, sondern von ihrer Obrigkeit heraufbeschworen.
Heute haben die Europäer sich vereint. Was immer zwischen ihnen vorlag und geschehen ist, es ist nicht vergessen, aber weitgehend doch vergeben. Überall an niedergerissenen Schlagbäumen liegen sich Freunde in den Armen. War es mit der Feindschaft der Völker vorher vielleicht gar nicht so weit her?
Nebenbei sei angemerkt, die Tatsache, daß es während des Ost-West-Konflikts trotz einiger gefährlicher Eskalationen nicht zum Krieg gekommen ist, ist kaum das Resultat einer Friedenserziehung oder einer Friedenspolitik, sondern schlicht der Erfolg des Konzepts der Abschreckung.
Kriege finden statt. Zur Zeit – gottlob – nur begrenzt und überwiegend nur innerhalb der Staaten. Doch ist es so, daß die, die sich hier gegenseitig umbringen, ihrer Veranlagung folgen? Entspricht es ihrer Natur oder schlechter Erziehung oder vorhandener Abneigung, daß sich Mitmenschen gegenseitig nach dem Leben trachten?
Wo Menschen tatsächlich aus eigener Veranlassung zur Waffe greifen und töten, hat das einen Hintergrund, der gern außer Acht bleibt. Das Bemühen nämlich, den Mitmenschen dazu zu bringen, daß er sich verträglich verhält, stößt auf Begebenheiten, die diesem Anliegen eklatant entgegenwirken, Die Rede ist von Ungerechtigkeiten und Mangelerscheinungen.
Es geht unfair zu in der Welt. Zum einen werden Mitmenschen durch von den Regierenden geschaffene Verhältnisse drastisch benachteiligt oder psychisch verletzt. Zum anderen sind die Mittel und Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, für die Menschen sehr ungleich verteilt. Noch nie war die Kluft zwischen den Armen und den Reichen in der Welt so groß wie heute.
Weltweit haben inzwischen fast zwei Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Und die Vereinten Nationen rechnen damit, dass sich diese Zahl in wenigen Jahren verdoppeln wird.
Je nachdem, wer die Zählung vornimmt, hungern derzeit etwas mehr oder etwas weniger als eine Milliarde Menschen, mithin etwa jeder siebente Mensch auf der Erde. Jedes Jahr sterben annähernd neun Millionen Menschen, hauptsächlich Kinder, an Hunger, was einem Todesfall alle drei Sekunden entspricht (Wikipedia).
Ob, wer des Trinkwassers oder der Nahrung enträt, sich dauerhaft dareinfinden wird, das Verdursten oder Verhungern widerstandslos hinzunehmen, darf hinterfragt werden. Zumal die neuen Medien jedermann wissen und sehen lassen, daß dort gepraßt, während hier gedarbt wird.
Gegenüber einer Zurücksetzung, die keine Berechtigung, aber arge Auswirkungen hat, sowie gegenüber einer nicht selbst verschuldeten Bedrängnis, deren Verursacher dingfest zu machen sind, dürfte mit Friedenserziehung wenig auszurichten sein. Hier wird die Aufforderung an den einzelnen, sich zu fügen, zur Absurdität. Gegen offensichtliche Benachteiligung als Ursache zu erleidender Not ist kein Erziehungskraut gewachsen. Gegen den Ingrimm der Zurückgesetzten mit der Friedenspalme zu wedeln, macht nur für diejenigen Sinn, die aufgerufen sind, aber es nicht fertigbringen, die Ungereimtheiten zu beseitigen.
Gegen Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Erniedrigung, gegen Not und berechtigte Angst ist mit Belehrung und Druck schwerlich etwas auszurichten. Wenn es nicht gelingt, die Anlässe für die Beklemmungen zu beseitigen, wird der Ruf nach Aggressionsabbau und Abrüstung weiterhin ungehört in der Wüste verhallen.
Wer demnach Frieden haben will, wird mehr tun müssen, als an Um- und Nachsicht zu appellieren. Wo eine Drangsal vorliegt, ist mit Beschwichtigung und Belehrung kaum etwas zu bestellen. Erneut gerät das Umfeld in den Blick.
Die hier vorliegende Frage ist, wer oder was verursacht die stattfindende Verwüstung und Zerstörung. Wer oder was bringt die Menschen gegeneinander auf? Wer oder was läßt sie Mitmenschen töten und Kulturgüter vernichten?
Reine Angriffslust ist beim Menschen äußerst selten anzutreffen. Haß und Wut gehören ebenfalls nicht zu seinen hervorstechenden Neigungen. Wo er von sich aus zur Waffe greift, will er in der Regel eine Not beenden oder eine Erniedrigung. Diese Widrigkeiten aber setzt nicht der Mensch als einzelner in Funktion. Wer oder was ihn damit belastet, ist der wahre Schuldige.
Der akut anstehende Sachverhalt läßt sich wie folgt beschreiben:
Der Mensch, an den sich die Anforderung richtet, Frieden zu halten, weiß, daß er selbst dazu nicht angehalten werden muß. Vom Krieg zu lassen, ist für ihn kein Problem. Nichts ist ihm mehr wert als eine Lage, die keinen Beweggrund gibt für Wut und Widerwehr.
Wo Gewaltneigung auftritt, liegt eindeutig eine Veranlassung vor. Der abzuhelfen aber hat der einzelne kaum eine effektive Möglichkeit.
Wohl gibt es Hilfsorganisationen, denen der einzelne sich anschließen kann. Ihnen haben die Menschen, wo die Not am größten ist, unbestreitbar viel zu danken. Die privaten Initiativen aber können gegen die Ursache der Drangsal nichts ausrichten. Auf die Entscheidungen, die zur Behebung der Not nötig wären, haben sie keinen und ihre Unternehmungen wenig Einfluß.
Sodann gibt es einige Aktionsgruppen, die gegen eine der bedrückenden Erscheinungen etwas auszurichten versuchen. Dazu gehören viele Nichtregierungsorganisationen (NGO). Von diesen haben einige auch Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen erlangt. Ihre Einwirkungsmöglichkeiten jedoch sind auf Warnungen und Moralappelle beschränkt.
Wenn demnach die Unzuträglichkeiten und Bedrohungen nicht beseitigt werden, dann ist dies berechtigt nicht dem einzelnen Mitmenschen anzulasten. Seine Stimme, sein Begehr, sein Wollen geht unter, nicht etwa in der Masse anders Fühlender oder anders Denkender. Davon kann keine Rede sein. Der Wunsch nach Frieden, nach Linderung der Not dürfte von der überwältigenden Mehrheit seiner Zeitgenossen geteilt werden. Sein Verlangen verliert sich bei den Umständen, die ihn umgeben.
Unverkennbar verantwortet nicht der Mensch als einzelner, was seine Gattung in Bedrängnis bringt. Er kann weder allein, noch gemeinschaftlich mit anderen die Not und die Beklemmungen aus dem Weg räumen. Er ist darauf angewiesen, daß diejenigen, die die Möglichkeit haben, das große Geschehen zu beeinflussen, das Nötige tun. Augenfällig hängt das Geschick seiner Gattung platt und banal ab vom guten Willen derer, die in der Welt das Sagen haben.
Nun könnte man meinen, daß Einsicht und Wille bei der Mehrheit der Mächtigen durchaus vorhanden seien. Möglicherweise ist dies sogar der Fall. Gleichwohl bleibt aus, was nötig ist. Die erforderlichen Übereinkünfte und Maßnahmen werden nicht getroffen. Was steht da neuerlich im Weg? Was legt nun wieder die Entscheider lahm? Was veranlaßt sie gar, das dem Nötigen Entgegengesetzte zu vollziehen?
Es muß etwas geben, das die Bemühungen derer, denen das System alle Macht verleiht, durchkreuzt. Die Regierenden erwirken Mäßigung und Frieden nicht, selbst dann nicht, wenn sie besten Willens sind. Ihnen sind offensichtlich die Hände gebunden. Diese Fessel kann ihnen nur die Einrichtung anlegen, der zu dienen sie sich verpflichtet haben. Was sich ihnen in den Weg stellt, muß aus dem Wesen jener Agentur kommen, deren Besonderheiten alles Handeln der Hoheiten bestimmt.
Sollte nicht der Mensch, sondern die gegebene Ordnung Schuld tragen an den verhängnisvollen Entwicklungen? Sollte Ronald Reagan recht gehabt haben, als er hellsichtig konstatierte: „Die Staaten sind nicht die Lösung der Probleme. Die Staaten sind das Problem“? Könnte es sein, daß nicht die Regierenden haften für das, was da schief läuft? Könnte sie das System zwingen, sich in der gezeigten Weise zu verhalten? Könnte für die fatale Entwicklung in der Welt in Wahrheit die Form verantwortlich sein, in der sich die Menschheit organisiert hat?
Wir durchschreiten jetzt ein Tor, durch das niemand ohne Zögern geht. Wir betreten geheiligtes Gelände. Hochverrat, das schlimmste aller Verbrechen, liegt in der Luft.
Der Staat, das sind wir, hat man uns beigebracht. Nur gemeinsam sind wir stark. Der Staat gibt uns Halt und Kraft. Ohne ihn fielen wir ins Nichts.
John Locke verlieh dieser Anschauung die akademische Weihe. Ihm zufolge hätten wir ein Übereinkommen geschlossen mit dieser Einrichtung, den vielgerühmten „Gesellschaftsvertrag“. Für die Gewalt über uns verlangten wir vom Staat, daß er die Dinge, die uns alle gemeinsam angehen, für uns erledigt. Denn jeder für sich allein, das versteht sich von selbst, ist nicht in der Lage, dem gewünschten Gemeinwohl zur Wirksamkeit zu verhelfen.
Doch das Gemeinwohl, darum geht es. Gegenwärtig steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die Fortexistenz der Menschheit.
In Anbetracht dessen, sollte man meinen, nähmen die Staatsregierungen sich dieser Sache ernsthaft an. Vielleicht darf man bei einigen von ihnen tatsächlich entsprechende Bemühungen wahrnehmen. Wie beklagt aber, bleiben die nötigen Schritte und Maßnahmen aus. Reagans Verdacht, daß die Krux möglicherweise nicht bei ihnen, den ins Amt gesetzten Damen und Herren, liegt, sondern im System, drängt sich förmlich auf.
So ungebührlich es ist, die Frage kann nicht ausbleiben: Liegt das Gemeinwohl beim Staat wirklich in guten Händen? Erfüllt er seinen Teil des Vertrags?
Wo ist anzusetzen, um das höhere Leben auf der Erde zu retten, beim ohne Zweifel schuldigen Menschen oder vielleicht vorweg bei dem Ordnungsmuster, das dessen Verhalten bestimmt?
Der Staat trat wohl mit der Seßhaftigkeit unserer Vorfahren in die Welt. Auch der allmählich erkannte Vorzug der Arbeitsteilung begünstigte seine Errichtung. Häufig jedenfalls, wo diese Errungenschaften eine gewisse Beständigkeit erreicht hatten, erschien er auf der Bildfläche.
Viele meinen, Ackerbau und Arbeitsteilung hätten eine übergeordnete Obrigkeit bedingt. Das indessen ist schwerlich tatsächlich der Fall. Denn beides funktionierte damals und bis zum heutigen Tag auch ohne Regelung von oben. Es ist daher wohl eher so, daß jene Gegebenheiten die Errichtung der Staaten erst ermöglichten.
Genau genommen ist eine Notwendigkeit für die Etablierung dieser Gebilde nicht erkennbar. Viele Völker kommen bis heute ohne eine reglementierende Hochinstanz aus. Die Eidgenossen beugen sich der ihrigen nur, weil das Umfeld sie dazu zwingt. Die Gründung der Staaten ist wahrscheinlich jeweils lediglich dem Willen eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe entsprungen. Denn zu herrschen, das hat Charme.
Von epochaler Bedeutung aber ist, daß diese Institution umgehend etwas in die Welt setzte, das die Menschheit vorher nicht gekannt hatte.
„Nach meinen Daten“, sagt der Ethnologe Jürg Helbling von der Universität Luzern, „lag die kriegsbedingte Mortalität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte praktisch bei null. Die frühen hochmobilen Jäger- und Sammlergruppen bekriegten sich kaum oder gar nicht.“ (Gemäß Süddeutscher Zeitung vom 21./22. April 2012 auf Seite 24).
Diese Begebenheit bestätigt eine Studie des amerikanischen Anthropologen Douglas Fry und des schwedischen Entwicklungspsychologen Patrik Söderberg. Ihnen zufolge kommt es seit je her innerhalb von Gruppen zu Tötungsdelikten. Daß aber ganze Gruppen gegeneinander ins Feld ziehen, sei äußerst selten festzustellen. Es gebe noch heute Stämme in Afrika und in Asien, die sich noch nie mit Krieg, dem systematischen Kampf zwischen Gruppen, beschäftigt haben (Die genannten unter dem Titel „Krieg liegt uns nicht im Blut“ in Science, Bd. 341, Seite 270, 2013).
Eine weitere Erhärtung dieses Sachverhalts geben die Anthropologen Joachim Burger und Ruth Bollongino von der Universität Mainz (in Science online im September 2011). Ihnen zufolge lebten die Jäger und Sammler mit den vor 7500 Jahren in Mitteleuropa eingewanderten Ackerbauern in friedlicher Nachbarschaft, wahrscheinlich über drei Jahrtausende hinweg. Beide Gesellschaften hätten sich eindeutig gekannt: Wildbeuterfrauen hätten Bauern geheiratet. Sie hätten ihre Toten am gleichen Ort begraben. Schwerwiegende Konflikte zwischen den Gruppen aber hätten offenbar nicht stattgefunden. Wahrscheinlich weil sie unterschiedliche Lebensräume beansprucht hätten.
Auch hat es in den Äonen vor der Zeitrechnung durchaus Zusammenführungen von Menschen zur Erfüllung eines gemeinsamen Wunsches oder Ziels gegeben, wie unter anderem die Errichtung von Stonehenge beweist. Hier haben Mitglieder einer egalitären Gesellschaft eine beachtliche Gemeinschaftsleistung vollbracht. Die von der Welt noch wenig wissenden Jäger und Sammler im Süden Englands vermochten über Jahrtausende hinweg schwerwiegende Konflikte untereinander zu vermeiden. Statt ihre Pfeile und Speere gegen einander zu richten, legten sie gemeinsam mit primitiven Mitteln Kilometer lange Prozessionsstraßen an, daneben über Jahrhunderte gemeinsam genutzte Begräbnisstätten und ein gewaltiges Heiligtum. Sie kannten offensichtlich Priester und Baumeister, aber keine Könige.
Daß ein Herr A einem Herrn B den Schädel eindellt, das hat es gegeben – wie bezeugt -, seit der Mensch einen Knüppel schwingen kann. Und das wird sich, wie man annehmen muß, weiterhin zutragen, solange es Menschen gibt, in jeder denkbaren Daseins- und Gesellschaftsform.
Mit der Unterwerfung unter eine Herrschaft aber, mit dem Staat kommt Krieg in die Welt.
Zum grundlegenden Selbstverständnis des neuen Gebildes gehörte von Anfang an, quasi unabdingbar, nicht nur herzuzeigen, was ihm eigen ist, sondern auch, es zu gebrauchen. Macht verführt, geradezu unwiderstehlich, sie zu demonstrieren – und sie anzuwenden, wenn ein Vorteil lockt.
Staat muß sich als wehrhaft darstellen. Zugleich aber weckt er die Sucht seiner Vorstände nach Vergrößerung des Machtbereichs. Dafür wiederum braucht er Leute, die das dazu geeignete Handwerk beherrschen. Damit hatte die Stunde des Militärs geschlagen. Seither tritt eine auf Menschentötung bewaffnete und trainierte Streitmacht auf den Plan und in Aktion. Staat und Streitkräfte verschmolzen umgehend zu einer unzertrennlichen Einheit.
Seither gibt es „Geschichte“. Seither fallen organisierte Massen von Menschen über einander her, richten Tod und Zerstörung an. Erst mit der Fremdbestimmung, mit dem Staat stellt sich Gefahr ein für Leib und Leben in großem Umfang durch Mitmenschen. Vor allem aber, erst mit seiner Existenz töten Menschen nicht aus Wut oder Haß, sondern wider Willen, auf Befehl.
Aus der Sicht der neuen Untertanen freilich hatten Herrscher und Heer eine eindeutig eingeschränkte Aufgabe. Indem sie der Staatsgründung zustimmten, das liegt wohl auf der Hand, ging es ihnen darum, andere Gewalthaber von dem Beutegang gegen sie abzuhalten und, sollte die Abschreckung versagt haben, ihnen den Erfolg zu verwehren.
Dieser Selbstbeschränkung indes hat sich kein Staatsoberhaupt je über einen längeren Zeitraum unterworfen. Kaum eine Generation von Staatsbürgern ist ohne das Erlebnis eines von der eigenen Obrigkeit heraufbeschworenen Gewaltakts geblieben. Als „groß“ apostrophierte Herrscher zeichneten sich sämtlich durch Kriegszüge aus.
Doch von Anbeginn an verstanden es die Befürworter der neuen Einrichtung, die Überzeugung wachzurufen, als sei allein dieses Gebilde imstande, das Verlangen nach Frieden, nach Sicherheit vor Krieg zu befriedigen. Die Methode, einen Verdruß zu erzeugen und zugleich auf dessen Beseitigung das Monopol zu erwirken, ist offensichtlich schon früh erfunden worden.
Dennoch konnte diese Einrichtung Jahrhunderte überdauern. Die Unstimmigkeit wurde ihr nicht und wird ihr noch heute nicht verargt, wo Schild und Schwert zu Killerdrohnen sich gemausert haben. Das erinnert unwillkürlich an Platons Höhlengleichnis. Der Mensch weigert sich, Realitäten wahrzunehmen, die dem widersprechen, an das er – absichtsvoll – gewöhnt worden ist.
Nach Heraklit ist Krieg aller Dinge Vater, aller Dinge König.
Unverkennbar schaffen Waffengänge Veränderungen. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hat, sieht die Welt anders aus. Unter den Umgestaltungen, das läßt sich nicht bestreiten, waren ehemals auch solche, die für den Sieger und dessen Untertanen einen Vorteil erbrachten - wenn man denn sozialen oder ökonomischen Nutzen gegen Tod und Verderben aufwiegen kann. Und er regt den Geist an: Hat der Krieg das Rad erfunden? Vom Heldentum ganz zu schweigen. Heraklit: „Die einen macht er zu Sklaven, die anderen zu Freien“.
Die Gegenwart aber läßt davon nichts mehr übrig. Was seinen Nutzen anbelangt, kann kein moderner Krieg ihn gegen den Schaden aufwiegen, den er verursacht. Überdies hat die Sache eine Wendung ins Irrwitzige genommen. Militärischer Erfolg nämlich hängt neuerdings nicht mehr von der Genialität der Generäle ab oder der Tapferkeit der Truppe, sondern von technischen Gegebenheiten. Das Kriegsgeschehen ist völlig aus den Fugen geraten. Es begann mit der Kernspaltung und explodiert jetzt mit der Digitalisierung. Das Menschliche ist aus dem Krieg völlig entschwunden.
Die Hochrüstung der großen Staaten ist so weit gediehen, daß Krieg unter ihnen seine Denkbarkeit verloren hat. Zum einen ist die Explosionskraft der Sprengköpfe so gewaltig geworden, daß, sollte der Inhalt der Arsenale in Gebrauch kommen, auf der Erde kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Zum anderen sind die Einsatzmittel neuerdings von einer Art, die sie der menschlichen Einflußnahme weitgehend entzieht. Nachdem der Krieg eröffnet worden ist, können die Generäle Golf spielen gehen. Was auf dem Feld geschieht, bestimmt allein das Instrumentarium. Da gehen nur noch Automaten auf einander los, bis auch ihnen der Input ausgeht. Der Krieg hinterläßt nicht mehr nur noch Verlierer. Es bleibt überhaupt niemand und nichts mehr übrig.
Krieg deshalb darf nicht mehr stattfinden. Das macht die Frage relevant, ob erwartet werden darf, daß die Staatsoberhäupter das, was sie bisher nie haben einhalten wollen oder haben einhalten können, fürderhin gewährleisten werden. Sind die Regierungen in Anbetracht der neuen Lage dahin zu bringen, daß sie bei Vorliegen einer Veranlassung entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit darauf verzichten werden, eine militärische Lösung zu suchen? Werden sie sich zur Selbstgenügsamkeit verpflichten? Werden sie neuerdings dauerhaft der Verlockung widerstehen, den Vorteil ihres Staates gewaltsam im Außenbereich zu decken?
Friede ist nötig. Krieg war ohnehin selten jemals die bessere Lösung. Jetzt scheidet er als solche vollends aus. Friede ist unabdingbar geworden, weil Krieg, wenn er die Großen erfaßt, das höhere Leben auf der Erde beendet.
Das versetzt die Menschheit in eine conditio sine qua non, in eine Lage, aus der es nur einen Ausweg gibt: Die Menschheit muß die Anlässe beseitigen, die die Anwendung von Gewalt heraufbeschwören. Gefordert ist, die Zerwürfnisse, die zwischen ihren Gemeinschaften anstehen, dauerhaft aus dem Weg zu räumen. Denn solange Kriegsgründe auftreten, auftreten können, ist an Entwaffnung nicht zu denken, bleibt der Orlog die latent lastende Existenzbedrohung der Menschheit.
Es gibt sicher selten einen Sachverhalt, der eindeutiger nur eine Konsequenz zuläßt. Indes, so utopisch die Anforderung anmutet, bleibt sie unerfüllt, wird es still werden auf diesem Globus.
Die Politiker freilich verdrängen diese Unabdingbarkeit. Das machen NATO-Entscheidungen deutlich. Selbst strategische Überlegungen der Deutschen Bundesregierung laufen ihr zuwider (Siehe dazu das Positionspapier Rußland der CDU/CSU- Fraktion im Deutschen Bundestag vom 29.11.2016). Und die USA rüsten gewaltig auf und lassen ihre Dickschiffe vor allen Küsten kreuzen.
Nun ist ja der Gedanke, den Krieg zu verhindern, nicht neu. Er kam schon zu Zeiten des dunklen Deuters aus Ephesos auf. Dem seinigen Urteil entgegen, meinten schon damals mehrere seiner Zeitgenossen, daß es eigentlich nicht im Interesse des Bauern, Handwerkers und Händlers liegen könne, fortgesetzt seine Felder, Werkstatt oder Laden verlassen zu sollen, um anderwärts irgendwelchen Mitmenschen den Schädel einzuschlagen. Zumal das Kampfgeschehen schon damals – Heraklit widersprechend – sich auch für die siegreich Überlebenden nur selten als nutzbringend erwies.
Seine damaligen Auchdenker Solon, Kleistenes, Perikles schlossen daraus, daß, wenn man das gegenseitige Abschlachten unterbinden wolle, man dem Bürger das Sagen geben müsse. Ihnen war klar, daß nicht der Mensch als einzelner maßgebend ist für das Gewaltgeschehen, sondern daß dies in der Natur der Ordnungsform liegt, die er sich gegeben hat.
Der Staat ermöglicht es, Massen zu manipulieren und sie gegen andere ins Feld zu führen, und er verleitet dazu - es sei denn, so der neue Gedanke, nicht ein Herrscher schwingt das Zepter, sondern das Volk hat das Sagen.
Die Erfindung der Demokratie war dem Frieden gewidmet. Was hier Gestalt gewann, war die Überzeugung, dem Bürger wohne eine natürliche Abneigung gegen gewaltsame Auseinandersetzungen inne. Wo er bestimme, was geschehen soll, käme Friedfertigkeit zum Zug. Krieg stehe im Widerspruch zum Wünschen und Wollen des Souveräns dieser Staatsform.
Diese Vorstellung trat mit den Begründern der Vereinigten Staaten von Amerika in die Neuzeit. Die Verfassung der USA ist die erste, die sie widerspiegelt. Folgerichtig verpflichtete einer ihrer ersten Präsidenten, James Monroe, das junge Gebilde, sich aus allen Konflikten herauszuhalten, die in der Welt (außerhalb der neuen!) stattfänden.
Doch die USA wurden ein Staat, ein großer, ein mächtiger Staat. Und große Staaten, das liegt offenbar in ihrer Natur, kommen nicht umhin, in der Kakophonie der Konflikte den ihnen entsprechenden Part zu spielen.
Nach den beiden Weltkriegen traf die neue Supermacht auf den Kommunismus. Der hatte es darauf angelegt, an die Stelle der wohlmeinenden Demokratie die Diktatur des Proletariats zu setzen. Nicht ohne Blessuren gelang es der neuen Weltmacht, die hiffen Heilsbringer in die Schranken zu weisen.
Inzwischen treten „Schurkenstaaten“ auf den Plan (wenn man der Diktion des Altpräsidenten George W. Bush folgen will). Dabei handelt es sich um Länder, deren Lenker bewußt die Mehrheitsmeinung ignorieren (die auch nicht immer von Lauterkeit geprägt ist), und sich erlauben, Recht oder Vorteil auf eigene Weise zu suchen. Dabei berühren sie naturgemäß die Belange ihrer Nachbarn, zumeist nicht nur dieser.
Überwiegend ist es so, daß diejenigen Staaten, auf die jene Aussage zutrifft, keine Demokratien sind, oder, wenn doch, noch recht unfertige. Das festigt die Überzeugung, es gelte, überall die Demokratie durchzusetzen. Wenn alle Staaten zu Demokratien gewandelt seien, wenn überall der Bürger das Sagen habe, so die einleuchtende Erwartung, gerate der Friede nicht mehr in Gefahr.
Die Außenpolitik aller Rechtmeinenden ist diesem Ziel gewidmet.
Entsprechend stellt sich das Modell Zukunft wie folgt dar: Die Staatsgebilde, die die neuere Geschichte hat entstehen lassen, der „status quo“, ist von allen Staaten anzuerkennen. Jeder von ihnen hat sich mit den politischen Grenzen, die ihm gegenwärtig zugebilligt werden, zufriedenzugeben.
Als Staatsform hat die repräsentative Demokratie zu gelten. Verfassung und Regierung haben die Menschenrechte zu achten, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen festgelegt sind.
Zur Durchsetzung dieser Weltordnung geziemt es den regierenden Demokraten, friedliche Mittel anzuwenden. Einleuchtenderweise läßt sich das kaum anders bewerkstelligen als durch Unterstützen von Bewegungen, die sich in ihrem Staat für die Umwandlung zur Demokratie einsetzen.
Nun bieten sich aber in den Autokratien neben lauteren auch recht zweifelhafte Gruppierungen mit dem geforderten Vorsatz an. Die rechtdenkenden Regierungen auf der anderen Seite haben vermeintlich nicht die Möglichkeit, allzu wählerisch zu sein. Geld und Waffen daher fließen auch an Bruderschaften, die recht eigenwillige Ziele haben.
In den zu wandelnden Staaten andererseits widersetzen sich die Inhaber der Macht dem Ansinnen, von ihr zu lassen, gemeinhin, zumal die Zumutung unverkennbar aus der Fremde geschürt wird. Es kommt zu Gewalt und Gegengewalt. Damit steht die angezeigte Strategie vor der Beantwortung der Frage, ob zur Durchsetzung der Demokratie die Anwendung militärischer Gewalt gerechtfertigt sei.
Moral und Politik, ein wiederkehrendes Dilemma. Die wohlgesinnte Absicht trifft auf harte widerstreitende Fakten. Im allgemeinen muß das Feingefühl da zurücktreten.
Die Regierungen der wohlmeinenden (westlichen) Staaten geben vor, ihre Streitkräfte vorwiegend nur mehr dazu verwenden zu wollen, Demokratie und Menschenrechte durchzusetzen.
Diese außenpolitische Doktrin indessen erfordert, sich über das Prinzip der Staatssouveränität und das der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates hinwegzusetzen.
Die Realpolitik überdies verlangt, sich bei diesem Vorhaben auf diejenigen Staaten zu beschränken, denen man gefahrlos beikommen kann. Was die Großmächte mit ihren Minderheiten und Systemgegnern anstellen, darf den Feinsinn der dieserart erleuchteten Friedensfreunde nicht berühren. Den Kleinen aber ist Mores zu lehren.
Darüber hinaus dürfen die rührigen Regierungen bei alledem ihre wirtschaftlichen Interessen nicht aus dem Auge verlieren. Gerade in den Demokratien müssen die Mächtigen acht geben, daß die Unternehmen ihres Landes keinen Schaden erleiden.
Am Rande spielt auch eine Rolle, was in der eigenen Innenpolitik Geltung gewonnen hat. Unter anderem gehört dazu, die Gleichheit der Geschlechter herbeizuführen. Das moderne Menschenrecht verlangt, die Frauen wegzubringen von Haus und Herd. Sie gehören unverschleiert und unbenachteiligt an die Schreibtische und Werkbänke. Selbst an die Gewehre wollen und sollen Frauen. Sie sollen auch in den Krieg ziehen dürfen und Feinde niedermähen.
Was als Folge der vielschichtigen staatsimmanenten Bestrebungen zur Wirkung kommt, ist in den Regionen der Welt zu besichtigen. Kulturgüter werden zerstört, Tausende Menschen werden getötet oder zu Obdachlosen gemacht, Flüchtlinge ergießen sich über den Norden Europas und Amerikas.
Der ehemalige Finanzminister der USA, Paul Craig Roberts, deckt eindrucksvoll auf, was die amerikanischen Regierungen der letzten Jahre in Wahrheit in der Welt veranstalteten (Siehe http://www.paulcraigroberts.org). Der Ex-CIA- Agent, Kevin Shipp, schildert in einem Vortrag (gehalten am 7. Januar 2018. Nachzulesen unter www.kla.tv/11729.), in welchem Ausmaß seine Behörde das politische Geschehen destruktiv beeinflußt. J. Michael Springmann, ebenfalls Ex-CIA Agent, behauptet, die USA kreierten ihre eigenen Feinde (in seinem Buch „Die CIA und der Terror“, Kopp Verlag , 2018). Viele Terroristen seien von der CIA ausgebildet oder mit Waffen und Sprengstoff versorgt oder gegen ihren Willen benutzt worden.
