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"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." (Erich Kästner) Dieses Buch enthält acht besondere erotische Geschichten - sie schildern Begebenheiten, die uns allen passieren könnten. Meistens jedoch geschehen sie uns nicht. Zum Glück - oder leider? Die Menschen in diesen Geschichten sind normale Menschen mit Herz. So wie du und ich haben sie ihre Fehler und Probleme. Eindrucksvoll müssen sie feststellen, dass die Liebe niemals den einfachen Weg geht. Ihre Erlebnisse berühren. Sie lassen Gänsehaut entstehen, treiben Tränen in die Augen und senden das Blut in den Unterleib. Ist das unanständig? Na, hoffentlich.
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Wie alles begann …
Fremdgehen für vier
Danke
Hölle und Himmel
Verschlungene Wege
Der Pfad des jungen Tigers
Eine harte Lektion
Wir müssen reden
Himmlisch
Ich sage danke …
Liebe Leben Lust Coaching
Die Entstehung meiner Geschichten war höchst spektakulär. Zu jener Zeit fand ich mich in einer tiefen Depression wieder. In dieser dunklen Phase war da plötzlich eine Geschichte in meinem Kopf. Eine erste erotische Story drängte sich in meinen Geist und motivierte mich, sie aufzuschreiben. Niemals zuvor hatte ich eine erotische Geschichte verfasst, wobei ich mir das Genre nicht explizit aussuchte. Vielmehr erwählte das Genre mich aus.
Dann erschien eine weitere Erzählung vor meinem inneren Auge. Und noch eine. Die Dynamik fühlte sich großartig an. Wenn ich schrieb, ging es mir gut. Allmählich überwand ich die schlimmste Zeit der Depression. Immer weitere Geschichten kamen zu mir und baten mich förmlich darum, niedergeschrieben zu werden. Als dann acht gefühlvolle und erotische Erzählungen beieinander waren, entschied ich mich, die Geschichten und meinen Weg dahin mit der Welt zu teilen. Und so entstand dieses Buch.
Die Erkenntnis und Gewissheit, meine Erkrankung mithilfe des Schreibens weitestgehend überwunden zu haben, erfüllen mich seither mit Demut und Dankbarkeit.
Mein Weg mag anderen Menschen als Beispiel dienen, auch und besonders in den dunklen Stunden des Lebens auf ihr Herz zu hören. Die Erkenntnisse daraus können im Einzelfall überraschend, aber auch wundervoll sein.
Warst du auch noch niemals in New York? Suchst du auch nach etwas in »deinem Leben, was dir deine jetzige Beziehung nicht geben kann? Etwas Aufregendes? Etwas Neues? Vielleicht sogar fremde Haut? Ich habe diese Sehnsucht und suche jemanden, mit dem ich sie stillen kann. Fühlst du ähnlich, dann schreib mich einfach an. Nur Mut.«
Sarah atmete schnell. Sie war fürchterlich aufgeregt. Nach Jahren der offen gebliebenen Wünsche hatte sie sich durchgerungen und einen mutigen Schritt getan. Mit ihrem Mann Harald war sie seit vierzehn Jahren verheiratet. Sie liebte ihn. Er liebte sie. Irgendwie. Aber nicht mehr wie früher. Mittlerweile ist aus der einstigen Liebesbeziehung etwas geworden, was gemeinhin eher als gute Freundschaft bezeichnet wird. Der Sex war verschwunden. Wohin auch immer. Ob Harald ihn vermisste, wusste Sarah nicht. Sie jedenfalls vermisste ihn, und zwar immer intensiver. So intensiv, dass sie nach Monaten und Jahren des Haderns eine Entscheidung traf, die sie bislang niemals für möglich gehalten hatte. Sie organisierte sich eine neue Mailadresse und meldete sich bei einer entsprechenden Plattform an. Im Anschluss feilte sie nächtelang an der Formulierung ihrer Dating-Anzeige. Der literarische Feingeist in ihrer Familie war ihr Mann. Und den konnte sie ja in dieser Angelegenheit nun schlecht um Hilfe bitten. Doch nun war die Anzeige endlich fertig, Sarah musste nur noch auf »Absenden« klicken. Bestimmt eine halbe Stunde schwebte der Mauszeiger über dem Button. Sarah zitterte am ganzen Leib. Erst als sie Harald vorfahren hörte, fasste sie sich ein Herz und gab ihre Anzeige frei.
Georg war noch wach. Wie immer. Seine Frau Carina ging immer früh ins Bett. Spätestens um zweiundzwanzig Uhr war für sie der Abend vorbei, aber um diese Uhrzeit war für Georg an Schlaf nicht zu denken. Er war eine typische Nachteule. Da konnte es schon mal ein Uhr nachts werden. So verblieb relativ wenig gemeinsame Zeit. Die dann meistens auch noch vor dem Fernseher verbracht wurde. Das hatte sich mit den Jahren irgendwie so ergeben. Gewollt oder geplant hatte das keiner. Bei Licht betrachtet, führte jeder sein eigenes Leben. Das war natürlich nicht schön, aber Georg wollte sich damit nicht abfinden. Er wollte etwas ändern. Etwas erleben.
Aus diesem Grund begann er, sich auf den einschlägigen Datingportalen umzusehen. Doch dort war viel Schein statt Sein. Geschönte Informationen und Fakeprofile. Als Mann war man da sowieso irgendwie auf verlorenem Posten, gerade wenn man die fünfzig bereits überschritten hatte. Als sich Georg der Übermacht der jungen, im Fitness-Studio gestählten Konkurrenz gegenübersah, fühlte er sich fürchterlich schlecht. Und unglaublich alt. Georg war kurz davor, diesen Versuch als hoffnungslos gescheitert zu bewerten, da fiel ihm eine Anzeige auf. Sie war zurückhaltender gestaltet, nicht so reißerisch wie die meisten anderen. Er war hin und weg. Es fühlte sich an, als wären er und die Unbekannte seelenverwandt. Ihre Art zu schreiben zog ihn magisch an. Er fühlte sich verstanden. Daher versuchte er sich an einer Nachricht, in welcher er sich bemühte, die von ihm empfundene Seelenverwandtschaft in Worte zu fassen. Dabei ließ er sich durchaus von seinen Empfindungen leiten und erfand nichts dazu. So hatte er die Mail relativ schnell fertig. Absenden. Erledigt. Georg atmete ein paar Mal tief durch. Anschließend ging er zu Bett. Dort fand er wenig überraschend die tief schlafende Carina vor. Er schaute sie an. Ganz lange. Ganz zärtlich. Und ganz traurig.
»Liebe Sarah, nein in New York war ich noch nie und auch nicht auf Hawaii. Aber offensichtlich bewegen mich ähnliche Gefühle wie dich. Ich bin seit etlichen Jahren in einer guten Beziehung. Aber mit den Jahren kommen Wünsche auf. Du hast es so schön formuliert. Aufregend, neu, fremd. Genau das suche ich auch. Was meinst du, wollen wir probieren, ob wir gemeinsam diese Lücke in unserem Leben schließen können? Ich würde mich freuen, von dir zu hören.
Ganz liebe Grüße
Georg.«
Am nächsten Tag schaute Sarah aufgeregt in ihr Mailpostfach. Es gab etliche Antworten auf ihre Anzeige. Die meisten davon mit völlig inakzeptablem Inhalt. Nachrichten wie »Ich komme vorbei und ficke dich« und Schlimmeres. Doch es gab auch eine Antwort, die Sarah gefiel. Die Mail von Georg war ganz anders. Sie zeugte von ähnlichen Wünschen und strahlte eine wohltuende Zurückhaltung aus. Immer wieder las sie seine Mail, als suchte sie nach Gründen, diese Gelegenheit doch nicht ergreifen zu müssen.
Sie verbrachte den Tag mit diversen Gedankenspielen. Sollte sie oder sollte sie nicht? Am Nachmittag kehrte Harald von der Arbeit zurück. Sarah wurde somit vorerst aus ihren Gedanken gerissen. Es schien alles wie immer. Aber nicht ganz. Sarah schaute ihren Mann an. Auf einmal war sie sich nicht mehr so sicher, ob ihr Vorgehen richtig war. Was würde sie aufs Spiel setzen? Aber welche Zukunft hatte diese Beziehung? Auch in der Nacht grübelte sie weiter. Aber statt Antworten fand sie nur immer mehr Fragen. Schlussendlich sagte sich Sarah, dass sie Georg ja wenigstens mal kennenlernen könnte. Vielleicht würde ja auch gar nichts passieren. Also entschied sie, Georg entsprechend zu antworten. Sie wollte ihn kennenlernen.
Sarah und Georg hatten sich für Freitagabend verabredet. Beide kamen aus dem Norden Hamburgs. Um unliebsamen Begegnungen mit Bekannten weitestgehend aus dem Weg zu gehen, hatte Georg ein Restaurant im Süden der Stadt ausgesucht. Sarah fuhr mit der S-Bahn. Himmel, was war sie aufgeregt. Extrem aufmerksam hörte sie den schwer verständlichen Haltestellendurchsagen zu. Die richtige Haltestelle wollte sie auf keinen Fall verpassen. Mit zitternden Knien verließ sie die Bahn und ging die wenigen Schritte zum Restaurant. Direkt davor stand ein Mann. So wie er hin- und herging, schien er ebenso nervös wie Sarah zu sein. Sie schmunzelte. Das konnte nur Georg sein. Dieser Logik und ihrer weiblichen Intuition folgend sprach sie ihn vorsichtig an. »Georg?« Erschrocken fuhr er herum. »Sarah?« Sie begrüßten sich, gaben sich anständig die Hände, bemerkten aber, dass das irgendwie nicht passte. Die Unsicherheit war beiden anzusehen und förmlich zu greifen. Sarah bemerkte, dass sie die gemeinsame Verlegenheit ganz sympathisch fand.
Am Tisch begannen sie langsam aufzutauen. Ganz langsam. »So etwas habe ich noch nie gemacht.« Sarah flüsterte, als ob sie befürchten würde, dass irgendjemand dieses Geständnis hören oder gar verstehen könnte. »Ich auch nicht.« Georgs Stimme klang schüchtern, fast ängstlich. Der Kellner kam mit der Karte. So konnten sie sich erst mal in ein unverfängliches Thema flüchten. Nach der Bestellung kam die Stille wieder. »Wer bist du? Magst du ein wenig von dir erzählen?« Georg hatte sich ein Herz gefasst. Die Stille mochte er nicht weiter ertragen. Damit hatte er das Eis gebrochen. Als ob sie nur darauf gewartet hätte, begann Sarah zu erzählen. Anfänglich noch nervös berichtete sie von ihrem Leben. Aufgrund der mutmaßlichen Seelenverwandtschaft schenkte sie ihm schnell ihr vollstes Vertrauen. Ausführlich schilderte sie Details ihrer Ehe, schüttete ihm ihr Herz aus. Verständnisvoll nickte er. Das tat ihr gut. Sie fühlte sich verstanden. »Und irgendwie fragte ich mich, ob das wirklich schon alles gewesen sein sollte. Da muss doch noch was sein. Also machte ich mich auf die Suche. Und nun sitze ich heute Abend mit dir hier.«
Georg schaute sie mitfühlend an. Dann eröffnete er ihr sein Leben. Seine Ehe und all das, was sich über die Jahre so entwickelt hatte. »Es ist einfach so gekommen. Da hat keiner Schuld dran. Aber auch ich hatte da noch eine Hoffnung. In welche Richtung auch immer. Irgendwas muss das Leben doch noch für mich bereithalten.«
Seine letzten Worte klangen fast schon ein wenig verzweifelt. Nun war es an ihr, voll Verständnis zu nicken. Er ergriff ihre Hand. Im gleichen Augenblick erschreckte er sich über seine eigene unwillkürliche Geste, wurde rot und zog seine Hand zurück. »Ist das in Ordnung für dich?«
Sie lächelte. »Ja, das ist in Ordnung. Denn es ist genau das, was mir fehlt. Die Körperlichkeit. Einen anderen Menschen berühren und spüren. Gott, wie habe ich das vermisst.« Tränen liefen ihr über das Gesicht. Tränen der Erkenntnis. Darüber, wohin sich ihre Ehe entwickelt hatte. Nun nahm sie seine Hand und hielt sie fest, ganz fest. Das tat so gut.
Das Essen beendete vorerst den intensiven Austausch. Zwischen Spaghetti und Lasagne spricht es sich doch eher schlecht. Immer wieder bemerkten sie, wie einer den anderen anschaute. Da entdeckte Georg einen kleinen Spritzer Tomatensauce auf ihrer Wange. Er ergriff seine Serviette. »Darf ich?« Mit einer zärtlichen Bewegung entfernte er den Fleck. Sie sah ihn sprachlos an. Ihr fehlten die Worte ob dieser liebevollen Geste. Warum tat ihr Harald so etwas nie? Sie versuchte, sich wieder auf ihre Spaghetti zu konzentrieren.
Nach dem Essen ergriffen beide gleichzeitig ihr Rotweinglas und mussten lachen. Sie prosteten sich zu und sahen einander in die Augen. Gefühlt minutenlang. Dann genossen sie den Rotwein. Beide mochten sie ihn eher trocken. Noch so eine Gemeinsamkeit. Nun nahm sie den Gesprächsfaden wieder auf. Aber wie! »Liebst du deine Frau?«
Georg traf diese Frage völlig unvorbereitet. Fast hätte er sich verschluckt. So überlegte er kurz, bevor er antwortete. »Ja, ich liebe sie. Immer noch. Aber ich fühle auch meine Bedürfnisse. Und dieser Konflikt hat mir so manche schlaflose Nacht beschert.«
Sie nickte.
»Und wie ist es bei dir?«
Sie wurde nachdenklich. »Ähnlich. Obwohl ich so Vieles so sehr vermisse, verspüre ich doch eine tiefe Liebe zu meinem Harald.«
Nun schwiegen sie wieder. Die jeweiligen Erkenntnisse hatten eine sich gerade beginnende Dynamik zwischen den beiden fast wieder zum Erliegen gebracht. »Aber welche Zukunft hat eine solche Beziehung, wenn so fundamentale Elemente fehlen? So sehr fehlen, dass man auf komische Gedanken kommt.« Georgs tröstende Hand ergriff wieder ihre. Dankbar schaute Sarah ihn an. »Und nun sitze ich hier mit einem fremden Mann und trinke Rotwein.«. Sie nahm seine Hand und führte sie an ihre Wange. So konnte sie ihn noch näher spüren.
»Wenn wir jetzt nicht hier am Tisch sitzen würden, würde ich dich jetzt in den Arm nehmen.«
Sie genoss seine Worte, lächelte und drückte seine Hand ganz fest. »Und ich hätte es gern, wenn du mich in den Arm nehmen würdest.«
So hielten sie sich weiter bei den Händen. »Und jetzt?«
Statt zu antworten schenkte sie noch mal Rotwein nach. Dann saßen sie wieder schweigend voreinander. Sie hielten einander an den Händen. Hielten einander ganz fest. Zärtlich fuhr sie mit dem Finger über seinen Handrücken. Das bescherte ihm eine ordentliche Gänsehaut. Das sah sie und lächelte liebevoll. »Weißt du eigentlich, dass du mir richtig guttust?«
Nun war es an ihm, feuchte Augen zu bekommen. Er wollte etwas sagen. Man sah ihm an, dass er um Worte rang. Endlich traute er sich. »Ich hoffe, dass ich jetzt nichts kaputt mache.« Er fürchtete, das zierliche Pflänzchen der Zuneigung zu zertrampeln. »Da ich annahm, dass ich hier heute Abend auch den einen oder anderen Rotwein trinken würde, habe ich ganz in der Nähe ein Hotelzimmer gebucht. So, jetzt ist es raus.«
Sein Vorstoß kam überraschend. Dennoch war es ihr wichtig, ihm die Angst zu nehmen. »Du machst nichts kaputt, keine Angst.«
Trotzdem stimmte seine Aussage sie nachdenklich. Sie hatte sich keine Vorstellung gemacht, wie der Abend ablaufen würde. Ein Drehbuch für diesen Abend hatte sie nicht verfasst. Sich kennenlernen und am gleichen Abend zusammen aufs Hotelzimmer zu gehen, das war schnell. Wollte sie es so schnell? Aber war die Geschwindigkeit überhaupt relevant? Oder ist der Mensch, mit dem man es macht, nicht viel wichtiger? Und dieser Mensch war schon etwas Besonderes. Der erste Eindruck der Seelenverwandtschaft hatte sich von Minute zu Minute mehr verstärkt. In ihr entbrannte ein heftiger Streit. Ihr Wunsch nach Genuss und ihre körperlichen Bedürfnisse rebellierten gegen ihren Anstand und ihre Vernunft. Ihre körperlichen Bedürfnisse gewannen.
»Okay. Ich weiß immer noch nicht, ob das richtig ist, was wir hier tun. Aber es fühlt sich mit dir so unendlich gut an. Dann lass uns noch einen Rotwein trinken und dann auf dein Hotelzimmer gehen.« Hatte sie das wirklich gesagt? Hatte die so züchtig erzogene Sarah ihre körperlichen Bedürfnisse tatsächlich in den Vordergrund geschoben? Sie war erschrocken und stolz zugleich.
»Immerhin können wir dann dem Rotwein die Schuld geben.« Er lachte nur kurz. Dann wurde er wieder ernst. Sehr ernst. »Ich danke dir für dein Vertrauen.« Das letzte Glas Wein tranken sie schweigend. Händchenhaltend.
Der Weg zum Hotel war kurz. Dennoch tat die klare Luft gut. Nach dem Wein kam ihnen das sehr recht. Beide wollten die Intensität des Augenblickes zu hundert Prozent spüren. Vor der Tür zum Hotelzimmer drehte Georg sich zu ihr um und schaute ihr tief in die Augen. »Noch kannst du Nein sagen.«
Sie zögerte kurz, spürte hin und schüttelte den Kopf. »Ich habe so oft in meinem Leben an entscheidenden Stellen Nein gesagt. Heute sage ich Ja, eindeutig Ja.«
Er atmete tief durch und öffnete die Tür.
Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Zwei eher unbequeme Stühle luden nicht dazu ein, längere Zeit auf ihnen zu sitzen. Das Bett hingegen war klasse. King-Size. Mindestens. Georg nahm ihr die dünne Jacke ab. Dabei berührte er ihren Oberarm. Sie zuckte zusammen und lächelte verlegen. Auch er entledigte sich seiner Jacke. Dann saßen sie nebeneinander auf dem Bett. Wie zwei unerfahrene Teenager. Genauso unsicher.
»Ich weiß gar nicht, was ich jetzt tun soll. Niemals in meinem Leben war ich so nervös.«
In seiner Verlegenheit nahm er ihre Hand. Sie war dankbar für diesen Vorstoß. Ihre Ratlosigkeit war auch nicht kleiner. Wie zwei Ertrinkende hielten sie sich geradezu krampfhaft bei den Händen. Wieder streichelte sie mit dem Finger über seinen Handrücken. Die körperliche Nähe löste ein wenig die Anspannung.
Was würde nun folgen? Würden sie ihren aufgestauten Bedürfnissen nach körperlicher Nähe nachgeben und die Zweisamkeit genießen? Sie wussten es beide nicht. Irgendwie war das hier absolut kein Selbstläufer. Nach einer Weile zog er sie ein wenig zu sich. Sanft streichelte er ihr Gesicht und fuhr ihr liebevoll übers Haar. Sie schloss die Augen und genoss die Zärtlichkeiten. Spürte dabei, wie er seinen Kopf an ihren legte. Fühlte ihn. Seine Lippen näherten sich den ihren. Sarah roch sein herbes Aftershave. Es roch gut, ganz anders als bei ihrem Mann. Kurz bevor seine Lippen ihre berührten, sagte sie laut: »Nein!«
Erschrocken sah er sie an. »Tut mir leid, küssen geht irgendwie nicht.« Mit ihren verlegenen Rehaugen warf sie ihm einen entschuldigenden Blick zu. Um aber die Situation zu retten, streichelte sie mit der freien Hand seinen Oberkörper. Das beruhigte ihn halbwegs. Er hatte gedacht, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Ihr Streicheln gefiel ihm. Das waren die Streicheleinheiten, die er so vermisst hatte. Nun schickte er auch seine Hand auf Wanderschaft. Zärtlich kraulte er ihren Nacken und ihre Schulter. Ihre Brüste lockten ihn. Unter der weißen Bluse hatte er sie bereits erahnen können. Er wollte sie berühren, sie liebkosen. Aber wie würde sie reagieren? Ganz vorsichtig näherte er sich ihrem Ausschnitt. Sie kam ihm entgegen, öffnete sogar noch einen Knopf ihrer Bluse. Der schwarze Spitzen-BH zeigte sich ihm, versprach ihm das Paradies. Als seine Hand unter dem BH ihre Brust erreichte, atmete sie tief durch.
Plötzlich hielt er inne und zog seine Hand zurück. Nun war sie es, die ihn erschrocken anschaute. Sie sah Tränen. Tränen der Enttäuschung und der Mutlosigkeit. »Es geht nicht. Es geht einfach nicht.«
Sie verstand nicht.
»Ich sitze hier mit einer bezaubernden Frau, die mit mir auf mein Hotelzimmer gekommen ist. Wir sitzen ganz dicht beieinander. Und ich denke immer wieder an meine Frau. Die ich so liebe. Und dass ich jetzt gerade alles kaputt mache.« Er schluchzte, die Tränen liefen nur so über sein Gesicht.
Tröstend nahm sie ihn in den Arm. Sie sagte nichts. Sie hielt ihn nur fest, ganz fest.
Nach einer Weile nahm sie seinen Kopf, drehte ihn zu sich und schaute ihm in die Augen. »Soll ich dir was sagen? Es geht mir genauso. Nur wenige Sekunden später hätte ich wahrscheinlich gestoppt.«
Er schaute verblüfft.
»Auch ich denke an meinen Harald. Und frage mich, was ich hier gerade tue. Noch vor wenigen Minuten fühlte es sich gut und richtig an. Nun nicht mehr, jetzt fühlt es sich falsch an. Ich liebe ihn und möchte ihn nicht verlieren.«
Noch ein paar Minuten hielten sie sich ganz fest, spendeten sich Halt und Trost. Dann schaute sie ihn an. »Na, wir sind ja zwei stümperhafte Ehebrecher, oder?«
Er musste schmunzeln. »Stimmt, professionell war das irgendwie nicht.«
»Und nun?« Sie stellte damit eine gute Frage.
»Weiß nicht. Vielleicht sollten wir einfach mal ein wenig darüber reden.« Das klang nach einem verzweifelten Versuch, diesem hoffnungslos gescheiterten Experiment noch ein wenig inhaltlichen Wert abzugewinnen.
Sie nickte. Nach kurzem Schweigen brachte sie es auf den Punkt. »Eigentlich gibt es für unsere Partner keinen schöneren Liebesbeweis, oder?«
Dem konnte er nur zustimmen.
»Schade, dass sie nichts davon wissen.«
Sie dachte nach. »Warum eigentlich nicht?«
»Wie meinst du das?« In seinem Gesicht war deutlich ein riesengroßes Fragezeichen zu sehen. »Lass uns die Situation mal sachlich beurteilen. Du führst eine Ehe, die nicht gut läuft, stimmt’s?«
Er konnte nur traurig nicken.
»Bei mir ist es genauso. Es sind also in beiden Fällen unerfreuliche Situationen, die so nicht weitergehen können, richtig?«
Wieder stimmte er zu.
»Wir wollten die Situation ohne unsere Partner ändern, haben das aber nicht übers Herz gebracht. Warum versuchen wir nicht, die Situation gemeinsam mit unseren Partnern zu ändern?«
Ihr plötzlicher rasanter Umschwung in Richtung einer sachlichen Situationsanalyse überforderte ihn ganz erheblich. Die Verwirrung fiel ihm quasi aus dem Gesicht.
»Warum holen wir die beiden nicht hierher und versuchen, gemeinsam eine Lösung herbeizuführen? Immerhin können wir sie erst einmal mit einer tollen Liebeserklärung begrüßen.«
Er dachte nach. Dieser Tag könnte ihr aller Leben verändern. Aber das war ja durchaus positiv zu bewerten. Tausende Fragen taten sich auf. Wie würden die beiden reagieren? Würden sie überhaupt kommen? Das wäre ja eine interessante Wendung. Oh mein Gott, würde das wirklich funktionieren? Er schluckte. Dann fasste er sich ein Herz. »Der Plan ist verwegen, aber gut. Ich weiß nur nicht, ob unsere Partner da mitspielen.«
»Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.«
Er nickte. Sie würden es versuchen. Sarah machte den Anfang. Sie nahm ihr Handy und rief ihren Mann an. Georg konnte der Unterhaltung nur bruchstückhaft folgen. »Ja, es ist wichtig für uns beide. Bitte.« Dann gab sie die Adresse des Hotels und die Zimmernummer durch. Anschließend atmete sie tief durch. »Er kommt. Und jetzt du.«
Das hatte er befürchtet. Mit zittrigen Händen rief er seine Carina an. Er musste ein wenig länger klingeln lassen. Womöglich war sie schon eingeschlafen. Dann ging sie endlich dran. Sarah nahm wahr, mit welch liebevollen Worten er seine Frau ansprach. Offensichtlich war für ihn jedoch mehr Überzeugungsarbeit zu leisten. Schlussendlich sah Sarah, wie Georg das Gespräch beendete und erleichtert aufatmete. »Sie kommt auch.«
Beide würden ungefähr eine halbe Stunde benötigen.
»Und was sagen wir, wenn sie da sind?«
Das war eine gute Frage. Das hatten sie irgendwie noch gar nicht zu Ende gedacht. »Wir können doch nicht einfach sagen, dass wir uns hier zum Poppen getroffen haben. Dann ist das Gespräch doch sofort beendet.«
Sarah schüttelte den Kopf. »Nein, so plump dürfen wir das nicht angehen. Wir müssen den beiden schon einen Augenblick lassen, die Situation zu verstehen.«
Georg wurde immer blasser. »Das kann ich nicht, das kriege ich nicht hin.«
Sarah nahm ihn in den Arm. »Dann lass mich reden. Ich denke, wir sollten behutsam, aber ehrlich sein.«
Ja, das klang gut, meinte Georg, so würden sie es machen.
Dennoch sahen beide dem großen Augenblick mit einer gehörigen Aufregung entgegen. Ihre Nervosität stieg ins Unermessliche. Die halbe Stunde müsste doch längst vorbei sein. Ob die beiden doch nicht kommen würden? Was würde dann werden? Gerade als sich die schlimmsten Befürchtungen in ihren Köpfen breit machen wollten, klopfte es.
Sie sahen einander an. Jetzt würde sich zeigen, wie ihr Leben weitergehen würde. Georg dachte nur: Oh mein Gott, was für eine Idee. Was hatte sie da bloß geritten? Das konnte doch nicht funktionieren.
Sarah atmete tief durch, ging zur Tür und öffnete sie. Dort traf sie auf zwei Menschen, denen die Verwirrung ins Gesicht geschrieben stand. Ihren Harald erkannte Sarah natürlich, die zierliche Frau daneben musste somit Carina sein. Offensichtlich hatte man sich vor dem Hotel getroffen. »Schön, dass ihr gekommen seid. Kommt doch bitte rein und setzt euch aufs Bett.«
Beide traten ein. »Kannst du mir bitte mal erklären …« Harald wollte Klarheit. Die sollte er bekommen, aber erst ein wenig später.
»Sofort, mein Schatz. Wir werden gleich alles erklären.« Sarah nahm ihn bei der Hand und führte ihn zum Bett.
Carina war von der Situation sichtlich überfordert und sah ihren Georg nur mit großen Augen an. Endlich saßen Carina und Harald nebeneinander auf der Bettkante und schauten erwartungsvoll zu Sarah und Georg. »Harald, das sind Georg und Carina. Carina, das ist Harald und ich bin Sarah.« Gerade wollte Harald wieder etwas sagen, aber Sarah unterbrach ihn. »Wir würden euch bitten, jetzt erst mal zuzuhören. Zuerst erklären wir die Situation und dann sprechen wir gemeinsam darüber. Hinterher.«
Harald warf ihr einen fragenden, aber zustimmenden Blick zu und schwieg. Zufrieden nickte Sarah, atmete tief durch und begann ihren Monolog.
»Carina, Georg hat mir erzählt, dass ihr seit vielen Jahren verheiratet seid. Ihr liebt euch. Aber irgendwie ist die Beziehung nicht mehr so, wie sie mal war. Ihr lebt mehr nebeneinander her als miteinander.«
Carina hatte immer noch große Augen. Diese wurden nun feucht und füllten sich mit Tränen. Dennoch nickte sie still.
»Harald, unsere Ehe kann man doch ähnlich beschreiben. Ein Paar sind wir ja, aber sind wir auch ein Liebespaar? Oder nur noch gute Freunde?«
Auch Harald war still geworden. Sein Aufbegehren war durch die deutlichen Worte seiner Frau im Keim erstickt worden. Nun nahm Sarah ihr Handy aus der Tasche und begann vorzulesen. Georg erkannte sofort den Text von Sarahs Anzeige und seiner Antwortmail.
»Warst du auch noch niemals in New York? Suchst du auch nach etwas in deinem Leben, was dir deine jetzige Beziehung nicht geben kann? Etwas Aufregendes? Etwas Neues? Vielleicht sogar fremde Haut? Ich habe diese Sehnsucht und suche jemanden, mit dem ich sie stillen kann. Fühlst du ähnlich, dann schreib mich einfach an. Nur Mut.«
»Nein in New York war ich noch nie und auch nicht auf Hawaii. Aber offensichtlich bewegen mich ähnliche Gefühle, wie dich. Ich bin seit etlichen Jahren in einer guten Beziehung. Aber mit den Jahren kommen Wünsche auf. Du hast es so schön formuliert. Aufregend, neu, fremd. Genau das suche ich auch. Was meinst du, wollen wir probieren, ob wir gemeinsam diese Lücke in unserem Leben schließen können? Ich würde mich freuen, von dir zu hören ...«
Sowohl für Carina als auch Harald war sofort die Bedeutung dieser Worte klar. Beide schauten sehr erschrocken aus. Beide schienen etwas sagen zu wollen, es fehlten ihnen jedoch die Worte.
Schnell fuhr Sarah mit ihren Ausführungen fort. »Also haben Georg und ich uns getroffen. Wir waren essen und wir fanden uns gleich sympathisch.«
Carina schaute Georg mit einem unsagbar traurigen Blick an. Er schaute nur betreten zu Boden. »Georg hatte ein Hotelzimmer gebucht und so sind wir gemeinsam hierhergekommen. Wir wollten uns näherkommen.«
Plötzlich übernahm Georg das Wort. »Ja genau. Und als wir uns näherkommen wollten, sind wir grandios gescheitert.«
Das erschloss sich Carina und Harald nun nicht auf Anhieb.
»Exakt.« Sarah übernahm wieder das Gespräch. »Es ging einfach nicht. Wir haben beide an euch gedacht und dann ging es einfach nicht. Weil wir euch lieben. Also ich dich Harald und Georg Carina natürlich.«
Augenblicklich war das Hotelzimmer völlig erfüllt von Stille. Schweigen. Vier Menschen, die nicht wussten, was sie sagen sollten. Die sich ratlos anschauten. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten. Dann unterbrach Georg die Situation, ging zu Carina, setzte sich neben sie aufs Bett und nahm sie in den Arm. Er schaute ihr in die Augen. »Ich liebe dich, Carina. Mein Gott, ich liebe dich so sehr, dass es wehtut. Und ich will dich niemals verlieren.« Dabei drückte er sie an sich, so fest er nur konnte. Sie weinten. Gemeinsam. In der Zwischenzeit war Sarah zu Harald gegangen. Der zog sie an sich und ließ sie nicht wieder los. Auch er weinte. Tränen der Erkenntnis und Tränen der Erleichterung. Dem konnte sich nun auch Sarah nicht mehr entziehen und heulte mit. Der ganze Raum war erfüllt von Schluchzen und Schniefen.
Nach einer Weile löste sich Georg von Carina und ging ins Bad. Von dort holte er eine Box mit Taschentüchern und reichte diese herum. Diese Situation wirkte plötzlich irgendwie bizarr, dennoch schaffte sie es, die Anspannung aus dem Raum zu treiben. Es war Carina, die als erste ihre Worte wiederfand. »Ihr wolltet also fremdgehen und habt es nicht übers Herz gebracht?«
Georg und Sarah nickten betroffen.
Dann sah Carina zu Harald rüber. »Eigentlich ist das doch eine wundervolle Liebeserklärung für uns beide, oder?«
Harald nickte. Er war nur ein wenig verwirrt als Sarah plötzlich loslachte. »Meine Worte«, sagte sie. »Das waren genau meine Worte. Und wir haben gedacht, dass solltet ihr auch miterleben. Daher haben wir euch dazu geholt.«
Georg hielt seine Carina fest und wollte sie nie wieder loslassen.
»Und was machen wir jetzt?«
Haralds Frage war eine gute Frage. Soweit hatte keiner gedacht. Nun war das Schweigen in den Raum zurückgekehrt. Bis ausgerechnet Carina irgendwann fragte: »Das Zimmer ist doch für die ganze Nacht gebucht und bezahlt, oder?«
Harald hatte den Hinweis als erster verstanden. Er grinste und zog Sarah an sich. Er hielt sie ganz nah und küsste sie. Sie genoss die so lang vermisste Zärtlichkeit. Sie hatte die Augen geschlossen und genoss. Und genoss. Und genoss. Carina hingegen griff sich den sichtlich verdatterten Georg. Sie ließ sich nach hinten aufs Bett fallen und zog ihn auf sich. Sie versanken in einem Kuss, wie sie es bestimmt etliche Jahre nicht mehr getan hatten. Georgs Herz fuhr Achterbahn. Eine Achterbahn der Gefühle. Er versuchte, seinen Kopf auszuschalten. Das gelang ihm nur schwer. Die letzten Worte, die sein Hirn bewusst dachte, sprach er laut aus: »Immerhin ist das Bett breit genug.«
Direkt danach knutschte ihm Carina das Hirn auf Stand-By. Nein, das war kein Zungenkuss, das war schon fast eine Organspende. Wie in alten Teenager-Zeiten erkundeten sie den Mundraum des geliebten Partners. Gierig. Hungrig. Wie bei Georg auch hatte sich auch bei Carina der Hunger nach Liebe und nach körperlicher Nähe über die Jahre aufgestaut. Offensichtlich hatten sie die gleichen unerfüllten Bedürfnisse, hatten sich aber blöderweise nie darüber ausgetauscht. Nun hatten sie das Verlangen, das Verpasste in kurzer Zeit nachzuholen.
Nur wenige Zentimeter daneben spielten sich ähnliche Szenen ab. Harald hatte Sarah keine Sekunde losgelassen. Er wollte sie spüren, die Frau, die er liebte, die er begehrte. Trotz ihrer soeben gestandenen Seitensprung-Ambitionen. Vielleicht sogar genau deswegen. Das so fürchterlich verkorkste Schäferstündchen hatte ihm die Augen geöffnet. Er erkannte, dass er diese Frau liebte. Immer noch und mehr denn je. Und dass er sie niemals verlieren wollte. Daher hielt er sie fest. So fest, dass Sarah fast keine Luft mehr bekam. Als sie ihm das japsend kundtat, ließ er sie erschrocken los. Die nun gewonnene Freiheit nutzte Sarah, um Harald aufs Bett zu schubsen. Mit einem lüsternen Lächeln auf den Lippen öffnete sie Bluse und BH und warf beides von sich. Anschließend krabbelte sie auf ihn drauf und bedeckte ihn mit Küssen.
