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Eine Familie als Spiegel der russischen Gesellschaft Schweigen, Hinnehmen, Verdrängen – dieses Muster ist tief in der russischen Gesellschaft verankert. Auch Frieda verschwieg das Leid, das sie durch die Nationalsozialisten und die sowjetische Diktatur erfuhr. Das Erbe der Gewalt wird bis heute an die jüngeren Generationen weitergegeben, wie sich auch in Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt. Die Journalistin Inna Hartwich macht anhand der Biografie ihrer russlanddeutschen Großmutter Frieda das Unerzählte in Russland sichtbar und geht auf historische und ungehörte Perspektiven ein. Sie reist quer durchs Land, trifft Menschen mit den unterschiedlichsten Haltungen und zeigt, wie sich dieses durch Angst, Leid und Ignoranz selbst zerstört.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inna Hartwich
Meine Familie und das Erbeder Gewalt in Russland
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Fazit Communication GmbH
Frankfurter Allgemeine Buch
Pariser Straße 1
60486 Frankfurt am Main
Umschlag: Nina Hegemann
Titelfoto: © Adobe Stock/Dario Sabljak, Inna Hartwich
Karte: © Adobe Stock/Porcupen
Satz: Jan Walter Hofmann
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
1. Auflage
Frankfurt am Main 2023
ISBN 978-3-96251-162-3eSIBN 978-3-96251-191-3
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten.
Frankfurter Allgemeine Buch hat sich zu einer nachhaltigen Buchproduktion verpflichtet und erwirbt gemeinsam mit den Lieferanten Emissionsminderungszertifikate zur Kompensation des CO2-Ausstoßes.
1Der Anfang
2Im Westen
3Russischer Journalismus – reine Propaganda?
4Im Norden
5Bildung in Russland – nur patriotisch?
6Im Osten
7Russische Politik – ohne Opposition?
8Der Schluss
Dank
Literatur
Personen, Die Autorin
Es ist einer dieser Tage, an denen unsere Eltern meinen Bruder und mich zu den Großeltern bringen. Sie haben ein Haus, einen Garten, Holzscheunen, Apfelbäume zur Straße hin. Ich bin nicht gern da. Die Großmutter schreit, man dürfe die Äpfel nicht einfach so essen, auch wenn sie am Boden liegen. Sie schreit oft. Zum Essen stellt sie eine große Pfanne auf den Tisch, die Kartoffelpuffer triefen vor Fett. „Fresst“, sagt die Großmutter. Ich habe mich an das Wort längst gewöhnt, weiß, dass hier alles aufgegessen werden muss, egal wie. Die Großmutter sieht es nicht gern, wenn etwas übrig bleibt vom Essen. Ein „Es schmeckt mir nicht“ überhört sie jedes Mal. Ich verstehe nicht, warum. Ich esse die Kartoffelpuffer, den Speck, das mit Schmalz bestrichene Schwarzbrot. Ich esse und schweige und sage meinen Eltern immer wieder, dass ich dort nicht hinwill. „Es sind deine Großeltern“, sagen die Eltern und fahren mit uns wieder hin. Die Cousinen sind da, die Tanten, die Onkel. Sie sitzen am Tisch, sie lachen, manchmal streiten sie. Erwachsenenzeugs. Ich fahre mit meinem grünen Fahrrad die Straße am Haus der Großeltern entlang. Die grünen Äpfel lasse ich aus Unbehagen irgendwann unbeachtet im Garten liegen.
Bei den Großeltern muss alles erfragt werden. Darf ich das? Kann ich dies? „Es muss Ordnung herrschen im Leben“, herrscht die Großmutter uns an. Der Großvater sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer und sagt nichts. Er sagt selten etwas. Groß gewachsen ist er, hager, die Kleider wirken viel zu breit an ihm. Er sitzt fast unbeweglich da, schaut nach vorn, zieht hin und wieder an seiner Zigarette, legt sie in den Drehaschenbecher, silbern mit schwarzer Umrandung. Er sitzt, atmet, pafft. Während die Großmutter schimpft, belehrt, tadelt, ist der Großvater eine Art Denkmal auf dem Sofa. Wie eine Sphinx, erstarrt in seiner eigenen Welt.
„Baba Frieda“, rufe ich, als ich einmal vom Fahrrad falle. Ich nenne die Großmutter immer so, „Baba Frieda“, so heißt sie auf Russisch, meiner einzigen Sprache als Kind. Nie werde ich „Oma“ zu ihr sagen, auch dann nicht, wenn wir längst in Deutschland leben werden und das Deutsche auch zu meiner Sprache geworden sein wird. Das Blut rinnt mir übers Knie. „Stell dich nicht so an, es ist nur eine Schürfwunde“, sagt „Baba Frieda“ und geht wieder ins Haus. Ich kann mich an keine Situation erinnern, in der sie ihre Arme ausgebreitet und mich getröstet hätte. „Hör zu, Kind, im Leben muss man stark sein“, wird sie immer wieder sagen und etwas befehlen, was ihrer Meinung nach noch nicht erledigt worden ist. „Mach dich lieber nützlich, heulen kannst du woanders.“ Etwas Liebevolles, das hätte sie wohl auch selbst über sich gesagt, hatte sie nicht. Liebe sei etwas für die Katzen, ja, sie sagte: für die Katzen. Katzen könnten sich so etwas erlauben, sie aber, Frieda, müsse funktionieren, bloß keine Schwäche zeigen. „Stell das nie infrage, Kind.“ Sie geht in die Küche, setzt sich in die Ecke und isst. Allein. Einsam. Wahrscheinlich war sie das ihr Leben lang.
Fragen aber, die kommen immer. „Unsere Nachnamen sind deutsch? Warum?“ Mein Vater sagt: „Weil wir Deutsche sind.“ Was aber heißt das? Und warum sind wir hier, am Ural, in der Sowjetunion? Keine Erklärung. Aus dem Briefkasten, der in der Mitte unserer Straße steht und mit Nummern für jedes Wohnhaus versehen ist, hole ich mit der Zeit immer wieder bläuliche Briefe mit weiß-rot-blauer Umrandung heraus. Keine kyrillische Schrift darauf. Es ist Anfang der 1990er-Jahre. Keine Erklärung. Die Erwachsenen schweigen, schicken mich weg und sagen, es sei „für Erwachsene“. Die Großeltern erzählen nichts, die Eltern wenig. Bis die Ausreise kommt. Nach Deutschland, in dieses ominöse Land, das keiner von ihnen wirklich kennt und doch jeder als großartig zu beschreiben weiß. „Baba Frieda“ kommt mit, ohne ihren Richard, meinen Großvater. Richard stirbt in der Steppe am Ural, an seinem 80. Geburtstag. Fast alle seine Kinder reisen aus unterschiedlichen Ecken des großen Landes zu seinem Fest an. Es wird ein Abschied. „Kann Großvater nicht diese Tabletten essen und wieder aufwachen, ich habe sie extra für ihn eingesteckt?“, wird mein damals dreijähriger Bruder unsere Großmutter fragen und ihr die Pillen reichen. Der Großvater kann nicht.
Kurz zuvor hatte Richard zu reden angefangen. Es ist die Zeit der Perestroika. Michail Gorbatschow flimmert in Schwarz-Weiß über den Fernsehbildschirm, die Erwachsenen machen manchmal lauter, manchmal stellen sie die Kiste ab. Die Verwandten in Deutschland schicken irgendwelche Unterlagen, mein Vater stellt seinem Vater Fragen, auch seiner Mutter. Zu ihrem Leben, ihrer Vergangenheit. Richard sitzt auf seinem Sofa, den Drehaschenbecher vor sich. Er spricht langsam und leise, als müsse er seine Erinnerung behutsam hervorholen, die Bilder in seinem Kopf, die er so fest vergraben hatte, weil totalitäre Staaten ihn zu schweigen gelehrt hatten. Die Sowjetunion, das nationalsozialistische Deutschland. Er wird nur wenig erzählen, wenig erklären. Die Angst sitzt ihm auch kurz vor seinem Tod noch tief in den alten, geschundenen Knochen.
Die Angst, sie ist wie ein Virus, dessen sich die russische Gesellschaft nie entledigt hat. Er befällt sie, zerfrisst sie. „Was kann ich schon tun? Allein kann ich nichts ausrichten“, sagen die Menschen, schwer an ihrer nie verarbeiteten sowjetischen Vergangenheit tragend. „Du bist ein Nichts, hörst du, eine Missgeburt, man sollte dich an die Wand stellen und dir eine Kugel in den Kopf jagen“, sagt eine Lehrerin in der Region Perm zu ihrem Schüler im Jahr 2023, weil dieser zu spät zu einer Veranstaltung zu Ehren der russischen Armee gekommen ist. Das Video der Tirade macht sogleich die Runde in Russlands sozialen Netzwerken, in den Kommentaren finden sich allerlei Worte der Unterstützung – für die Lehrerin. Es ist ein Mitlaufen mit der Mehrheit, ein Nichthinterfragen der menschenverachtenden Haltung, die sie den Menschen entgegenbringt, die von ihr abhängig sind. Die Lehrerin erniedrigt ihren Schüler, weil Gewalt und Erniedrigung unter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin Staatsräson sind. Dagegen vorzugehen, trauen sich nur wenige, weil die Mehrheit die Zweifler und Fragestellerinnen zu „Verrätern“ abstempelt und ihnen eine „Kugel in den Kopf jagen“ will. So trägt diese Mehrheit die Gewalt mit, übt sie zuweilen aus. Denn: „Ich kann nichts ausrichten“, sagen sie. Der Satz soll selbstberuhigend wirken, während die Angst vor dem zerstörerischen Staat immer tiefer in sie hineinkriecht. Angst, seit Generationen. Repressionen, seit Generationen. Sich zu fügen, bequem zu sein – für seine Eltern, die Lehrerinnen, die Arbeitgeber, den Staat –, ist über die Jahrzehnte hinweg zu einem Mittel des Überlebens geworden. „Wenn du normal bist, passiert dir auch nichts“, sagen die Eltern zu ihren Kindern, die Kinder zu ihren Kindern, und geben die unhinterfragte Floskel immer weiter, ohne zu erklären, was das eigentlich heißt, „normal sein“. Nach und nach wird selbst ein alles vernichtender Krieg „normal“. Er wird zur Realität, die die Menschen hinnehmen, über die sie lieber schweigen, ja, die manche auch gutheißen.
Als in den frühen Morgenstunden des 24. Februar 2022 Wladimir Putin per Fernsehansprache der Ukraine den Krieg erklärt, ohne ihn zu erklären, stehe ich in unserem Moskauer Bad und schluchze. Russische Bomber fliegen über das Land, in dem meine Großeltern das Licht der Welt erblickt haben, russische Panzer zerstören Häuser, Leben, Gewissheiten. Das Land, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, in dem ich ein Sportabzeichen nach dem anderen holte, das einen mit wunderbarsten Landschaften und schrecklichsten historischen Ereignissen einnahm und anwiderte zugleich, es hat ein anderes überfallen, das ebenfalls ein Teil von mir, von meiner Familie ist. „Kriech“, hätte meine Großmutter Frieda gesagt. Es ist ein Wort, das ihr ein Leben lang geblieben war, auch als sie längst hätte Wojna sagen können. Krieg auf Russisch.
Ich war 2010 als freie Korrespondentin von Mannheim nach Moskau gegangen, um Russland zu beschreiben, um Russland zu erklären. Für deutsche Zeitungen, österreichische, schweizerische. Ich wollte das Land selbst besser verstehen. Die Brüche in den Leben der Menschen, die Überbleibsel der sowjetischen Vergangenheit, die Prägungen und die Wandlungen. In Russland wie auch in der Ukraine, in Georgien, Belarus, Kasachstan, allen Ländern, die einst Sowjetrepubliken waren und sich nun aus der Zwangsumarmung Moskaus zu lösen versuchen. Ich war 2018 nochmals zum Leben und Arbeiten nach Moskau gekommen, nun mit Mann und Tochter, die gerade ihre ersten Worte sprach, auf Deutsch wie auf Russisch. Es war mir immer wichtig, ihr die Sprache meiner Kindheit mitzugeben, auch wenn ich einige Wörter dieser Sprache selbst längst eingebüßt hatte. Heute fragt sie: „Was ist eigentlich diese ‚Sowjetunion‘, in der du geboren wurdest?“ Ja, was ist sie? Warum bestimmen die Ideen von damals – neu formatiert und in imperialen Nationalismus verpackt –, auch die Nostalgie gegenüber damals noch heute die Politik, mit aller Gewalt?
Meine drei ersten Korrespondentenjahre schienen mir nicht ausreichend zu sein für dieses Land, seine Geschichte und Politik. Ich wollte mehr beobachten und erkennen. Im Februar 2022 stehe ich mitten in Moskau und begreife, dass ich so vieles nicht verstehe. Ich spüre einen stechenden Schmerz in mir, eine Hilflosigkeit, eine nicht zu erfassende Wut, Enttäuschung, tiefste Traurigkeit. Ich bewege meine Zehen in den Schuhen, um nicht mitten auf der Straße in Tränen auszubrechen, die Zehen sollen ablenken. „Mach dich lieber nützlich, heulen kannst du woanders“, hätte „Baba Frieda“ gesagt. Die Menschen um mich herum laufen am ersten Kriegstag durch die Moskauer Straßen, als sei nichts geschehen, während nicht einmal 1000 Kilometer von ihnen entfernt die Welt zusammenbricht, in ihrem Namen. Die meisten von ihnen werden das auch noch tun, wenn der 136. Tag vergangen ist und der 257. und der 524. Sie werden tanzen und Feste feiern. Die Sommer genießen. Sie werden Rechtfertigungen dafür finden, Sätze, die keinen Widerspruch vertragen, sie werden sich herausreden, herauswinden und letztlich eine Handbewegung machen, als wollten sie eine Fliege wegscheuchen. „Ach, lassen Sie mich doch mit all diesem Negativen zufrieden, ich will einfach mein ruhiges Leben leben.“ Und sie leben ihr Leben, auch wenn es mitnichten ruhig ist. Ich will sie schütteln, sie anschreien und erschrecke ob meiner inneren Aggression. Die wackelnden Zehen in den Schuhen helfen nicht. Nichts hilft. Es sind körperliche Schmerzen, weil ein Land, mit dem ich mich tief verbunden fühle, ein anderes angegriffen hat, das meine Familie geprägt hat – und sich dabei selbst zerstört. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Auch moralisch.
Putins Regime findet beschönigende Worte für seine als „militärische Spezialoperation“ verpackte Vernichtung der Ukraine, spricht von Zielen, die es auch Monate später nicht formulieren kann. Diese änderten sich je nach Lage, aber sie blieben dieselben, wird der Präsident im Sommer 2023 von sich geben und ganz rührselig erklären, wie sinnlos er es finde, wenn Wohnviertel bombardiert werden. „Einfach erstaunlich“, wird er mit seinem bekannten Zynismus sagen, und wieder einmal die völlige Umkehrung der Tatsachen offenlegen. Die Filterblase des Kremls umfasst das ganze Land. Sie kann das, weil die Menschen von klein auf gelernt haben, dass Hinterfragen Gefahr bedeutet. Sie hinterfragen mit der Zeit nicht mehr und schwimmen mit der Masse mit. Oder sie hinterfragen und gehen zunächst unter: vor Gericht gezerrt, weggesperrt in der Strafkolonie, ins Exil getrieben. Über allen schwebt die Angst. Sie leben mit ihr und versuchen, jede und jeder auf ihre und seine Weise, mit ihr fertigzuwerden.
„Wenn du bestehen willst im Leben“, hatte Frieda einst gesagt, „musst du einfach die Klappe halten.“ Frieda hielt „die Klappe“, Frieda nahm hin, sie unterwarf sich dem sowjetischen Regime und rettete sich und ihren Kindern das Leben, ohne die Frage danach zu stellen, was für ein Leben sie gern gelebt hätte. Sie nahm es, wie es kam, ertrug Hunger, Schmerzen und Deportationen, unterwarf sich der Gewalt und übte selbst Gewalt aus. Sie hielt das alles für richtig. Jahrzehnte später halten sehr viele Enkel des Sowjetregimes ebenfalls „die Klappe“, weil sie gelernt haben, dass das ihr Leben rettet. Weil sie verlernt haben, menschlich zu sein.
– Ja, sagte sie.
– Ja, sagte er.
Vielleicht sagten die beiden – er 20, sie 26 und ein dreijähriges Kind zu Hause – auch Tak oder Da, die Bedeutung ist dieselbe. Sie waren durch dieses Wort verheiratet, mein Großvater Richard und seine erste Frau Julianne.
Geblieben ist ein vergilbtes Stück Papier, das sich in einer Klarsichtfolie befindet, sauber abgeheftet in einem dunklen Aktenordner. Irgendwann einmal muss es ein ordentliches Dokument gewesen sein, an einem besonderen Tag überreicht, wohl einem kühlen Oktoberdonnerstag. Ich muss in einem Wörterbuch nachschauen, um mich zu vergewissern, zu welchem Zweck das Papier, das längst zu einem fast auseinanderfallenden Fetzen geworden ist, ausgeteilt worden war. Ob ich es richtig verstehe, dass vor mir eine ukrainische Heiratsurkunde liegt. Ausgestellt 1931. Zu Zeiten, als die Sowjetunion ihre Nationalitätenpolitik pflegte und das Ukrainische in der Ukraine förderte, egal ob die Menschen zu Hause Ukrainisch sprachen oder Russisch oder Deutsch, wie Richard und Julianne und ihre kleine Tochter Irma es taten, die Richard als sein Kind annahm. Später, während die Zeiten immer härter wurden und der Hunger immer größer, zeugte er mit Julianne noch sechs weitere Mädchen und Jungen.
Oben in der Mitte prangt das Emblem der Ukrainischen Sowjetrepublik. Darunter sind Namen, die es so weder im Ukrainischen noch im Russischen und auch nicht im Deutschen gibt. Kyrillische und lateinische Buchstaben, hier ein paar zu viel, dort einige zu wenig. Es ist eine Mischung aus allem, wie auch die Geschichte der mit diesem Papier Vermählten eine Geschichte voller Brüche ist und voller politischer Willkür. Eine Geschichte kleiner Leute, die zum Material politischer Ambitionen gleich mehrerer Diktatoren wurden. „Diktator“ gehörte nicht zum Wortschatz der Frischverheirateten. Sie arbeiteten auf dem Feld und pflegten ihre Kinder, wie es ihre Vorfahren bereits getan hatten, in einem kleinen Dorf, fernab der Politik, so hatten sie gedacht. Fern aber war die Politik nie.
Richard und Julianne wurden im russischen Zarenreich geboren, in nicht weit voneinander entfernten Dörfern. Auch Frieda, die zu Richards späterer Frau werden sollte, kam in einer Siedlung zur Welt, wie es zu der Zeit so viele gab in Wolhynien, einer Region, die mit der Gründung der Sowjetunion zur „Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ kam und heute zur Ukraine gehört, Gebiet Schytomyr. Ihre Vorfahren waren wohl Ende des 19. Jahrhunderts über Polen dorthin gezogen, auf der Suche nach einem besseren Leben, wie es bereits Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Bauern, Handwerker, Gläubige etwa aus Hessen, Württemberg, der Pfalz getan hatten, die sich im Russischen Reich ansiedelten. Sie hatten Ortschaften mit deutschen Namen gegründet, hatten Felder bestellt und Kinder großgezogen. Raus aus der Armut in Deutschland, vor sich den Traum von einem Land, in dem Milch und Honig fließen. Die Realität hatte weder Milch noch Honig zu bieten. Aber wer wusste das schon?
Die russische Zarin Katharina, die als Prinzessin Sophie von Anhalt-Zerbst in Stettin zur Welt kommt, 1745 als 16-Jährige nach Moskau verheiratet wird und später als Katharina die Große in die Geschichte eingeht, ruft mit ihrem Manifest von 1763 ausländische Bürger in die unwirtlichen Gegenden ihres gerade für sich entdeckten Reiches. Die leibeigenen Bauern im zaristischen Russland reichen nicht aus, um die unbesiedelte Erde urbar zu machen, also lockt sie ausländische Siedler mit Privilegien. Sie verspricht ihnen Land, eine jahrzehntelange Steuerfreiheit, Kredite, die Befreiung vom Militärdienst und Selbstverwaltung ihrer Kolonien. Vor allem die nach dem Siebenjährigen Krieg schwer gebeutelte deutsche Bevölkerung wagt den beschwerlichen Weg ins Unbekannte, auch Franzosen und Schweizer kommen, auf dem strapaziösen Weg verlieren viele der Neusiedler ihr Leben. Katharinas Enkel, Zar Alexander I., fährt später mit dieser Anwerbepraxis fort.
Die nach und nach ankommenden Kolonisten, all die Schmidts, die Wagners, die Peters, die Kaspers, die Glasers, die Zimmermanns, die Schwarz’, die Roths und die Brauns, siedeln sich an der Wolga an, auch auf der Krim, im Kaukasus, in der Steppe hinter dem Ural. Meine Vorfahren, die Hartwigs, die Sonnenbergs, die Besels, die Kellerts, folgen nicht Katharinas Versprechen, sie kommen erst später aus Kongresspolen, dem nach dem Wiener Kongress formal als „polnisch“ bezeichneten Gebiet, das jedoch unter der Kontrolle des russischen Zarenreiches stand, und lassen sich in Wolhynien nieder, im Nordwesten der Ukraine. Zu dem Zeitpunkt ist bereits ein kleines Deutschland im weiten russischen Reich entstanden, mit deutschen Kirchen, Schulen und Betrieben, nach all den Entbehrungen ein durchaus florierendes Unterfangen. Doch bereits 1871 schiebt das Zarenhaus dem Ganzen per Gesetz einen Riegel vor. Es ist vorbei mit der Selbstverwaltung. Russisch zieht als Pflichtsprache in die Schulen ein, die Befreiung vom Militärdienst fällt weg. Im Ersten Weltkrieg, in dem die russischen Deutschen loyal gegen Deutschland in den Kampf ziehen, wächst die Skepsis gegen sie. Der Vorwurf: Die Russlanddeutschen bildeten die fünfte Kolonne, sie kollaborierten mit den Deutschen aus Deutschland. Weg mit ihnen! Die zaristische Regierung greift zu Zwangsmaßnahmen, wie sie es auch bei anderen „politisch unzuverlässigen Elementen“ zu tun pflegt. Mehrere Hunderttausend Russlanddeutsche lässt der Zar nach Sibirien und ins heutige Baschkortostan deportieren, im Südosten Russlands. Einige Zehntausend Deutsche lässt Kaiser Wilhelm II. aus Russland „heim ins Reich“ holen, eine Praxis, die sich später unter Hitler nochmals wiederholen sollte.
Richard und Julianne lebten in Wolhynien ein Kinderleben, von dem sie niemals berichteten. Eine Schule besuchten sie nie, sie arbeiteten auf dem Feld, sobald sie arbeiten konnten. Frieda kam erst zur Welt, als Lenin nach einem blutigen Bürgerkrieg die Sowjetunion gründen ließ, als Gegenentwurf zum „zaristischen Völkergefängnis“. Es waren Jahre der Dürre und des Hungers, die Höfe der Deutschen in Wolhynien ließ der neue Staat zu Kolchosen umbauen, wie er es auch bei anderen Bauern machte. Wer sich den staatlichen Zwangsabgaben widersetzte, wurde als „Kulak“ diffamiert – und verbannt. Richards Eltern widersetzten sich nicht, auch Friedas nicht. Sie lieferten an die neuen Machthaber ab, hungerten – und überlebten knapp. Wie sie auch später den von Stalin verursachten Holodomor überlebten, die Hungerkatastrophe der 1930er-Jahre, die nicht nur die Ukraine traf, sie aber am meisten.
Die Sowjets schaffen ein eigenes Völkergefängnis, in dem sie ganze Volksgruppen ausbeuten, verschleppen, zugrunde richten, aus Angst, dass sich diese gegen sie auflehnen könnten. Deutsche, Polen, Letten, Litauer, Esten, Ukrainer, Tschetschenen, Krimtataren, Koreaner, Juden. Stets im Namen einer großen Völkerfreundschaft, die sich quer durchs neu gegründete sowjetische Imperium tragen lässt. „Wer sich normal benimmt, dem geschieht nichts“, sagen die Eltern zu ihren Kindern, die Kinder zu ihren Kindern. So geben sie es weiter. So ist es bis heute. Wer hinterfragt, gilt nicht als „normal“.
Frieda besuchte die deutsche Schule, sie lernte Russisch, lernte Ukrainisch. Vier Jahrgangsstufen lang. Vor allem lernte sie zu arbeiten. Auf ihre breiten Hände war sie ihr Leben lang stolz. „Seht her, das sind richtige Arbeiterhände“, pflegte sie zu sagen, wenn sich bei ihren Enkeln Unlust regte, ihr zur Hand zu gehen. „Ihr Jammerlappen“, schimpfte sie. Sie schimpfte ihr Leben lang gut und gern. Manchmal tat sie das auf Deutsch, noch Jahrzehnte nachdem ihr der sowjetische Staat ihre Sprache auszutreiben versucht hatte. Als Kleinkind sprach sie nur Deutsch, die Sprache ihrer Mutter Wilhelmine, ihres Vaters Adolf, der starb, als sie zehn war (vielleicht sogar im Holodomor, aber darüber redete die Familie nie), die Sprache ihrer Geschwister, ihrer Nachbarn, ihres Dorfes in Wolhynien. Sie versuchte, sie zu behalten, im Kleinen, in Streitereien mit Richard, den sie erst in ihrer Verbannung heiratete, in geheimen Unterredungen mit ihrer Schwester Emilia, zu der sie fast den Kontakt verlor, weil der Zweite Weltkrieg, der „Große Vaterländische“, wie die Russen ihn bis heute nennen, sie fast auseinandergerissen hätte, selten auch mit ihren Kindern, den Erstgeborenen, an den Nachzüglern zog die Sprache vorbei. Der Staat versetzte sie so in Angst, dass sie verstummte. Dass sie schwieg, wie so viele schwiegen, weil reden stets Gefahr vonseiten des Staates bedeutete. Frieda wurde für die Russischsprachigen mit den Jahren fast unmerklich zu Fenja, ihre Kinder sollten als Sowjetbürger aufwachsen. Nicht aufmucken. Nicht gegen sie, die ihre Macht mit der Rute und dem Gürtel durchsetzte, nicht gegen den Staat, der ihr und den Kindern die Würde nahm. „Aber nein, unsere Mutter war so sanft. Aber nein, der Staat war immer gut zu uns“, sagen die Kinder bis heute. Ein Schutzmechanismus von Missbrauchten und Geschundenen. Von Opfern, die zu Tätern wurden. Oder auch zu Opfern.
Frieda stöhnt. Sie atmet schwer. Ihre Augen sind geschlossen. „Alfred, mein lieber Alfred, schnell. Bring die Hühner in den Stall. Die Soldaten kommen.“ Ihre Stimme ist brüchig. Sie schläft weiter.
Frieda war zu dem Zeitpunkt fast 75 und lebte in Deutschland. Sie war krank, schwer krank. Tag für Tag lag sie in ihrem medizinischen Bett bei uns zu Hause in Nordhessen, meine Eltern pflegten sie, sie konnte fast nichts mehr allein. Ihre Träume aber waren ihr geblieben. Auch die Albträume, die keiner verstand. Hühner? Soldaten? Was ging in ihrem Kopf vor? Was musste sie erleben, immer und immer wieder, während sie sich in den Sommertagen Ende der 1990er-Jahre bei geöffnetem Fenster in ihrem Zimmer ausruhte? Sie sagte nichts. Sie hat ihr Leben lang kaum von ihrem Leben erzählt. Hat die Vergangenheit in ihrem Kopf verschlossen, sie vielleicht auch loszuwerden versucht. Doch die Vergangenheit brach sich Bahn. „Schnell, Alfred. Die Hühner.“
Frieda war eine Frau, die zu überleben gelernt hatte. Wie auch nicht, wenn der Hunger sie von Geburt an begleitet hatte, wenn der Vater so früh starb, wenn sie den kleinen Bruder, nur zwei Jahre jünger als sie, und die kleine Schwester beaufsichtigen musste, während sie eigentlich ihre Sütterlin-Schönschrift für die Schule hätte üben sollen? Wenn sie sich über ein Stück Essbares freute, die Mutter es aber abgeben musste, weil es andere noch mehr bräuchten? „Es gibt hier keine Hungerprobleme“, wusste sich die Familie zu beruhigen. Die Mägen knurrten trotzdem.
In der Hungersnot der 1930er-Jahre kümmern sich deutsche Organisationen in der Sowjetunion um Hilfe aus Deutschland. Die Sowjetregierung weist Anklagen aus dem Ausland zurück, sie liefere ihre Bevölkerung dem Hungertod aus. Das Deutsche Rote Kreuz und die evangelische Kirche in Deutschland bitten um Spenden für ihre „Brüder“ in der Sowjetunion. Die Deutschen schicken ab 1933 Kleidung, Zucker, Seife und Geld, auch in die ukrainische Sowjetrepublik. Selbst als die sowjetische Regierung im August 1934 Hilfssendungen aus dem Ausland verbietet, verpacken die Deutschen aus Deutschland das Gut für die Deutschen in der Sowjetunion als Privatpakete. Dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei passen solche Aktionen gar nicht. Sie sehen darin „konterrevolutionäre faschistische Elemente“ und „antisowjetische Kräfte“ in den deutschen Kolonien am Werk. Wie bereits während des Ersten Weltkriegs wird den sowjetischen Deutschen ihre Loyalität zum Staat abgesprochen. Wer der Kollaboration mit Deutschland beschuldigt wird, wird erschossen. Im Bezirk Odessa macht der sowjetische Geheimdienst NKWD allein von Juni bis August 1937 rund 800 Mitglieder „faschistischer Organisationen“ aus deutschen Bezirken aus, im Gebiet Dnjepropetrowsk (heute Dnipro) nimmt er mehrere Tausend ukrainische Deutsche aus „aufständischen Gruppen“ fest. Deutsche Bildungseinrichtungen wie auch andere Einrichtungen quer durch die Sowjetunion werden „gesäubert“. Ab Herbst 1938 gilt Russisch oder Ukrainisch als Unterrichtssprache in den Schulen der deutschen Dörfer Wolhyniens. Frieda schuftete da längst auf den Feldern.
Von „Spionen“, „Volksfeinden“, „Schädlingen“ hörte sie nichts. Stalins „Großer Terror“ schien ihrem wolhynischen Dorf Lebid fernzubleiben. Ach, die Politik, sie sei für andere da, sie, die einfachen Leute, verstünden ja ohnehin nichts davon, sagten sich die Sonnenbergs wie auch ihre Nachbarn. Frieda ließ sich ihre dunklen Haare lang wachsen, lernte zu nähen. Nähen, das war ihr Weiterkommen im Leben, die breiten Hände störten sie nicht dabei. Sie nahm Stoffe, die vielmehr für Tischdecken geeignet gewesen wären, und nähte sich knielange Röcke. Kleidung zu kaufen, war ohnehin kaum möglich. Sie nähte für sich und für andere. Und wenn der Fotograf in ihr Dorf kam – er kam sehr selten –, so zeigte sie, was sie hatte. Stolz saß sie da vor der Kamera, die Lippen zusammengepresst, die Hände in den Schoß gelegt, die langen Zöpfe auf der Brust. Sie war jung, und sie war tatkräftig. Traurig wirken ihre Augen auf dem Bild, das der Fotograf zu der Zeit von ihr und ihren beiden Freundinnen machte.
Sie war 16, als sie einem älteren Mann auffiel, der ebenfalls in ihr wolhynisches Dorf kam. Ein Belarusse. Ein Offizier, der wohl im sowjetisch-finnischen Krieg gekämpft hatte, zumindest erzählte er es Frieda so. Es ist das Jahr 1940, die sowjetische Propaganda verschweigt den deutschen Überfall auf Polen wie auch die sowjetische Besetzung Polens nur zwei Wochen später; über den Hitler-Stalin-Pakt, mit dem beide Diktatoren einen Nichtangriffspakt geschlossen hatten, wird bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion offiziell nicht gesprochen, das geheime Zusatzprotokoll zu diesem Vertrag, in dem Deutschland und die Sowjetunion die Aufteilung Osteuropas in Einflusssphären Berlins und Moskaus vereinbaren, instrumentalisiert der Kreml auch heute noch für seine Politik. In den wolhynischen Dörfern der Deutschen schien der Krieg zunächst fern, die Sowjetunion wird er erst im Juni 1941 erreichen. Frieda ging mit ihren Freundinnen im Dorfklub tanzen. Am anhänglichen Militärmann war sie nicht sonderlich interessiert, er aber umgarnte sie, die Schroffe. Eines Tages sprach er bei ihrer Mutter vor. Er, Pjotr Safronow, wolle ihre Tochter zur Frau nehmen, er werde sich um sie kümmern und sie ehren, sie müsse sich keine Sorgen machen. Die Mutter sagte „in Ordnung“, Frieda fügte sich, wie sie sich bislang zu fügen gelernt hatte. Sie folgte dem Mann in sein belarussisches Dorf, sie nahm seinen Namen an, sie half im Haushalt seiner Eltern.
Frieda und ihre Freundinnen: Noch vor dem Krieg lässt sich die knapp 17-jährige Frieda (Mitte) in ihrem wolhynischen Geburtsdorf fotografieren.
(Familienarchiv Heinrich Hartwich)
Der Zweite Weltkrieg breitete sich aus. Frieda wurde schwanger, Pjotr wurde eingezogen. Pjotrs Eltern wussten sich nicht anders zu helfen, als Frieda wegzuschicken, zurück zur eigenen Familie. „Wie willst du sonst, Kindchen, dein Baby zur Welt bringen? Dort ist es besser als bei uns, sicherer, dort hast du Hilfe.“ Frieda fügte sich wieder, sie nahm den beschwerlichen Weg auf sich, um ihren Erstgeborenen an ihrem Geburtsort zur Welt zu bringen. Dem Sohn gab sie den Vornamen Alfred, deutsch, wie bei allen Kindern um sie herum. Alfred wird bis zu seinem Tod den Nachnamen seines Vaters tragen, diesen Vater aber in all den Jahren nie zu Gesicht bekommen.
Sicherer als im belarussischen Dorf ihrer Schwiegereltern ist es auch im ukrainischen Dorf ihrer Eltern nicht. Josef Stalin erlässt im August 1941 ein Dekret, die Deutschen in der Sowjetunion „vorbeugend“ umzusiedeln, wie es auch mit anderen Volksgruppen des riesigen Landes passiert, etwa Kalmücken, Italienern, Moldauern, Inguschen, Griechen. Das Regime sieht in ihnen „Tausende und Abertausende Diversanten und Spione“. Hunderttausende von ihnen – Frauen wie Männer – haben von nun an Zwangsarbeit in weit entfernten Regionen zu verrichten, in der kasachischen Steppe, im Altaigebirge, im Ural, in den zentralasiatischen Weiten, den sibirischen Wäldern. Sie werden zum Dienst in der Trudarmija, der Arbeitsarmee, verpflichtet und haben sich teils innerhalb von wenigen Stunden mit minimalem Gepäck an Sammelstellen einzufinden. Wie Vieh pferchen die Aufseher sie in Eisenbahnwaggons. Eine elendige Reise ins Nirgendwo beginnt.
In Friedas Region rücken derweil SS-Divisionen vor, ihr Auftrag: „Schutz und Betreuung volksdeutscher Siedlungen“. Auch in Wolhynien ordnen sich die Menschen den „rassehygienischen Maßnahmen“ der Nationalsozialisten unter. Nur die wenigsten verstehen dabei die ideologischen Kriegsziele Deutschlands, vielen der Ukrainedeutschen sei nicht einmal der Name des Führers bekannt, beklagen sich die Stoßtrupps der SS, ihr politisches Bewusstsein sei „unterentwickelt“, melden sie nach Berlin. Die Gestapo empfänden die „Deutschbewussten“ als „dem NKWD gleich“, heißt es in den Berichten. Verarmt und verängstigt, wie die Menschen auch in Friedas Dorf Lebid waren, taten sie das, was von ihnen verlangt wurde. Ebenso im Dorf Neposnanitschi 40 Kilometer südlich, in das Richard nach seiner Heirat mit Julianne gezogen war und in dem fast alle zwei Jahre seine Kinder auf die Welt kamen, außer dem Kleinsten, der auf der Flucht in einem anderen ukrainischen Dorf geboren wurde. Richards Brüder Emil, Ernst und Ewald, die in ihrem Geburtsdorf Alt-Huta geblieben waren, nur 18 Kilometer südöstlich von Neposnanitschi entfernt, waren da längst in die Arbeitsarmee nach Kasachstan verschleppt worden. Seine Schwester Adeline hatte einen Ukrainer geheiratet und war mit ihm ebenfalls nach Kasachstan deportiert worden. Die Familie verlor sich aus den Augen.
Die Deutschen in der Ukraine unterstützen die Behörden in den besetzten Gebieten, so gut sie nur können. Einige von ihnen – „verlässliche Männer“, die den sogenannten Volksdeutschen Selbstschutz bilden – beteiligen sich an der Judenvernichtung der Nationalsozialisten. Nach einer mehrmonatigen Ausbildung werden sie bei der „Umsiedlung“ der Juden eingesetzt, sie treiben sie durch die Dörfer zum Exekutionsplatz, verscharren ihre Leichen in den ausgehobenen Gruben am Rande der Ortschaften. Das „Beutegut“ der Erschossenen verteilen die SS-Einsatzgruppen an die „Volksdeutschen“. Den Wunsch nach Auflösung der sowjetischen Kolchosen erfüllen die Besatzungsbehörden diesen aber nicht.
Bereits 1941 überführen die Nationalsozialisten auf Anordnung Heinrich Himmlers, damals Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums, mehr als 100 000 „Volksdeutsche“, vorwiegend aus ukrainischen Städten, ins „Altreich“. Berlin schlachtet diese „Rückkehr ins deutsche Volk“ als heroische Aktion aus. Als die deutsche Sommeroffensive 1943 scheitert, ziehen sich die Nationalsozialisten aus der Ukraine zurück. Die Ukrainedeutschen nehmen sie in drei Etappen mit, eine Zwangsmaßnahme, die viele von ihnen nicht überleben werden. In gewaltigen Trecks ziehen die Bauern aus Wolhynien – sie sind die letzten aus der Ukraine, die den strapaziösen, von Panik begleiteten Irrweg auf sich nehmen müssen – in Richtung Westen.
Mit dem Vorrücken der sowjetischen Front musste auch Frieda weg. Der Winter brach langsam herein. Sie hatte sich derweil in der evangelischen Kirche zu Mariendorf, heute heißt der Ort Maly Jablunez, konfirmieren lassen, als Mutter bereits. Der Pfarrer gab ihr als Konfirmationsspruch folgende Verse aus dem Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 6, mit auf den Weg:
Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
Als sei dies eine Prophezeiung für ihr Leben, in dem Frieda beständig gegen die Mächtigen und Gewaltigen kämpfen wird. Und mit sich selbst.
Die Zwangsevakuierung beginnt. Auf Plakaten, die quer durch die Dörfer verteilt sind, steht: „Alle Volksdeutschen (auch Personen teilweise deutscher Abstammung) müssen das Kampfgebiet sofort verlassen. Ausnahmen hiervon können nicht gemacht werden. Wer nach dem 6. Dezember zurückbleibt, wird nicht mehr als Deutscher anerkannt. Kleidung, Wäsche, Bettzeug und Lebensmittel können mitgenommen werden. Möbelstücke jedoch nicht. Schytomyr. Der Generalkommissar.“ Widersetzung kann Erschießung zur Folge haben.
Frieda packte – nach Aussaat und Ernte – zusammen. Sie fragte nicht, warum, fragte nicht, wohin nun. Sie tat, wie ihr befohlen. Es war Dezember 1943. Sie nahm ihre deutsche Bibel mit, zog ihren Sohn hübsch an, sie hatte auch für ihn immer wieder etwas genäht. Ein ordentlicher Junge sollte er werden, der kleine Alfred, vor zwei Monaten erst zwei geworden. Er war ihr Ein und Alles und würde es ihr Leben lang bleiben. Bis in die Albträume kurz vor ihrem Tod hinein hatte sie ihn stets bei sich. „Alfred, komm schnell. Weg von den Soldaten, lauf.“
Über ihre Verschleppung hat Frieda kaum berichtet. Nur Stichworte an die später geborene Tochter weitergereicht, wenn diese, bereits als Erwachsene, sie nachts, als Frieda nicht schlafen konnte, danach fragte. „Leben in Wolhynien, Übersiedlung nach Deutschland, Arbeit in Deutschland“, war ihre Antwort. Knapp, unwillig, barsch. Frieda wollte nie ausführlicher über ihre Vergangenheit erzählen, „das braucht man nicht“, war das Einzige, was sie sagte. Es fragte dann auch niemand mehr.
Heute müssen Archivdokumente weiterhelfen, Papiere, die kaum mehr aufzufinden sind. Nur knapp steht da der Name (oft auf unterschiedliche Weise geschrieben), manchmal auch der Geburtstag, selten ein Ort. „Opfer politischen Terrors der UdSSR, geboren: 1923, Variante des Namens: Safronowa, Elfrieda, Vatersname: Adolf, Geschlecht: weiblich“, findet sich so zum Beispiel in den Listen der russischen Bürgerrechtsorganisation Memorial, der Organisation schlechthin, die es sich bereits gegen Ende der Sowjetunion zur Aufgabe gemacht hatte, über die Verbrechen im Stalinismus aufzuklären, diese Taten zu kartieren, sie ins Gedächtnis zurückzuholen. Zur Massenerinnerung sind diese Verbrechen nicht geworden. Der Schlächter Stalin wird heute in Russland als „effektiver Manager“ gepriesen, ihm zu Ehren lassen Regionalpolitiker Büsten aus Bronze errichten. Die sowjetische Vergangenheit ist eine Heldenerzählung. Den unerschrockenen Bewahrern der Erinnerung an den Stalinismus hat das heutige russische Regime mittlerweile die Hände gebunden.
Im Jahr 1987 – die Sowjetunion wird noch einige Jahre leben – tut sich eine Gruppe von Männern und Frauen zusammen, um ihrer Vergangenheit, so schrecklich und erschreckend sie sie finden, eine Stimme zu geben. Sie wollen sich für ein Denkmal für Opfer des Stalinismus einsetzen und geben sich den Namen Memorial
