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Heinz Klippert

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Beschreibung

Pazifistisches Denken gilt als veraltet, wenn nicht gar als naiv und unmoralisch, wie die jüngst bemühte, skandalöse Vokabel des "Lumpenpazifismus" bezeugt. Populär ist dagegen eine neue politische Entschlossenheit, die den Krieg als Mittel der Friedenssicherung verklärt. Heinz Klippert beleuchtet die Hintergründe menschlicher Destruktivität, kommentiert die Aufrüstungs-, Entspannungs- und Friedenspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg und plädiert für einen reflektierten Pazifismus, der Waffeneinsätze zwar nicht ausschließt, wohl aber dem sensiblen Hinterfragen, Verstehen und Deeskalieren internationaler Konflikte die absolute Priorität zuweist. Das Buch richtet sich an alle, die der Alternativlosigkeit politischer und militärischer Konfrontation widersprechen und pazifistische Denkweisen retten möchten. Denn Schwarz-Weiß-Malerei bringt keinen Frieden! "In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten." (Egon Bahr)

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ebook Edition

Heinz Klippert

Frieden? Sichern!

Anleitung zur Belebung pazifistischen Denkens

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

978-3-98791-043-2

1. Auflage 2024

© Westend Verlag GmbH, Neu-Isenburg 2024

Umschlaggestaltung: © Buchgut, Berlin

Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt

Druck und Bindung: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

Printed in Germany

Inhalt

Titel

Vorwort

Einleitung

1. Der steinige Weg der Friedenssicherung

1.1 Kriege als historischer Normalzustand

1.2 Der Zweite Weltkrieg als Kulminationspunkt

1.3 Entspannungspolitik als neue Perspektive

1.4 Ausbreitung des pazifistischen Denkens

1.5 Mauerfall und das Ende der Geschichte?

1.6 Die Renaissance der Kriegstreiberei

1.7 Zur Ambivalenz des Ukraine-Kriegs

2. Wodurch Hass und Feindbilder entstehen

2.1 Das Phänomen der Kriegsbegeisterung

2.2 Verhaltensbiologische Erklärungen

2.3 Individualpsychologische Erklärungen

2.4 Behavioristische Erklärungsversuche

2.5 Sozialisationswandel in den Familien

2.6 Ab- und Ausgrenzung im Schulalltag

2.7 Der Verlust religiöser Werthaltungen

2.8 Vereinzelungstrends im Arbeitsleben

2.9 Häme und Hetze in (sozialen) Medien

2.10 Zum Einfluss moderner Bilderwelten

2.11 Fragwürdige Vorbilder in der Politik

2.12 Feinde und politischer Machterhalt

3. Kriegsprävention beginnt in den Köpfen

3.1 Wider das verbreitete Gut-Böse-Denken

3.2 Warum das Hinterfragen wichtig ist

3.3 Diskurse und Kontroversen müssen sein

3.4 Perspektivenwechsel als Erkenntnishilfe

3.5 Plädoyer für differenzierte Faktenchecks

3.6 Lob der Friedens- und Konfliktforschung

3.7 Auch Sozialkompetenzen sind wichtig

3.8 Pazifistisches Denken bleibt zeitgemäß!

4. Gemeinsames Lernen als Friedensquell

4.1 Die Crux des gegliederten Schulwesens

4.2 Warum gemeinsames Lernen hilfreich ist

4.3 Tipps zum Ausbau der Schülerkooperation

4.4 Kommunikationstraining als Basisstrategie

4.5 Integrationsförderung im Fachunterricht

4.6 Zum Wert gezielter Reflexionsphasen

4.7 Transferprobleme und Transferchancen

5. Reflexionsanstöße für Friedensuchende

5.1 Grundsätzliches zum Materialangebot

5.2 Produktives Arbeiten als Klärungshilfe

5.3 Den eigenen Kriegsbildern auf der Spur

5.4 Die Wurzeln der Gewalt entschlüsseln

Vertiefende Sachinformationen

Biologische Aggressionsquellen

Psychologische Aggressionsquellen

Zur Bedeutung der »Vorbilder

Erziehungsdefizite in Familien

Ausgrenzung in den Schulen

Hass und Hetze im Internet

5.5 Einige Großkriege zur Abschreckung

Vertiefende Sachinformationen

Erster Weltkrieg

Zweiter Weltkrieg

Vietnam-Krieg

Syrien-Krieg

Afghanistan-Krieg

Bürgerkrieg in Somalia

Ergänzende Hinweise zur Kriegshäufigkeit

5.6 Das kleine Einmaleins des Pazifismus

Vertiefende Sachinformationen

Grundsätzliches zum Pazifismus

Mahatma Gandhi – ein berühmter Pazifist

Die deutsche Friedensbewegung

Die Sicht der christlichen Kirchen

Das Konzept der Sozialen Verteidigung

Ist Pazifismus noch zeitgemäß?

5.7 Wie man Konflikte wirksam schlichtet

Vertiefende Sachinformationen

Das kleine Einmalseins der Streitschlichtung

5.8 Über die Kunst des Perspektivwechsels

5.9 Wider die Hetzkampagnen im Internet

Vertiefende Sachinformationen

Hass, Hetze und Kleinkriege im Internet

5.10 Anti-Kriegsgedichte als Klärungshilfe

Beispiele für Gedichte aus dem Internet

Kriegsmacht

Friedensbemühungen

Kämpfe

Frieden wird kommen

5.11 Warum Aufrüstung einen Irrweg bildet

Vertiefende Sachinformationen

Der Teufelskreis der Aufrüstung (M1)

Einige Hinweise zur Gestaltung eines Protest-Flyers (M2)

5.12 Zur »Scheinheiligkeit« des Irak-Kriegs

Vertiefende Sachinformationen

Zur Vorgeschichte des Irak-Krieges

Scheinheilige Kriegsbegründung

Der Blitzkrieg und seine Folgen

5.13 Zur Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs

Vertiefende Sachinformationen

Grundinformationen zur Entwicklung des Ukraine-Konflikts

Die russische Sichtweise

Die Sichtweise des Westens

5.14 Grundsätze und Chancen der Diplomatie

Vertiefende Sachinformationen

Das kleine Einmaleins der Diplomatie

5.15 Ein verstörender Kleinkrieg am Telefon

Protokoll eines fragwürdigen Telefonats

5.16 Einsatz und Elend von Kindersoldaten

Vertiefende Sachinformationen

Über das Elend von Kindersoldat*innen

Einige Zahlen

5.17 EU-Interessen versus USA-Interessen

Vertiefende Sachinformationen

Interessenkonflikte zwischen Europa und den USA

5.18 Zu den Geheimnissen der Geopolitik

Vertiefende Sachinformationen

Der ewige Kampf um die Weltherrschaft

Vom Wandel der geopolitischen Sichtweisen

Wer die Meere beherrscht

Wer die Lufthoheit hat

Wer »Eurasien« beherrscht

5.19 Massenmedien als Stimmungsmacher

Vertiefende Sachinformationen

Zur Glaubwürdigkeitskrise der Massenmedien

Zum Meinungsmanagement der Leitmedien

Zum fatalen Einfluss der sozialen Medien

5.20 Fragwürdige Wirtschaftssanktionen

Vertiefende Sachinformationen

Das zweischneidige Schwert der Wirtschaftssanktionen

5.21 Ziele, Aufbau und Chancen der UNO

Vertiefende Sachinformationen

Grundinformationen zur UNO

5.22 Umstrittene Kriegsdienstverweigerung

Vertiefende Sachinformationen

Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung

5.23 Thesen zum »Kriegssinn« reflektieren

Arbeitsblatt zur Vertiefung

5.24 Ein zorniger Blick auf die Kriegsfolgen

Arbeitsblatt zur Vertiefung

5.25 Das kleine 1x1 der Friedensforschung

Vertiefende Sachinformationen

Grundinformationen zur Friedens- und Konfliktforschung

5.26 Pro und kontra Waffenexporte

Vertiefende Sachinformationen

Zum Ausmaß der Waffenexporte

Deutsche Waffenlieferungen

Rechtslage und politische Grundsätze

Ethische Einwände und Vorbehalte

6. Abschließende Tipps zur Bildungsarbeit

6.1. Selbstbildung auf Grundlage des Buches

6.2 Prädestinierte Lernfelder im Schulbereich

6.3 Bildungsforen in der Erwachsenenbildung

6.4 Warum weitere Recherchen Sinn machen

6.5 Fazit: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Literaturverzeichnis

Orientierungsmarken

Titel

Inhaltsverzeichnis

»Ich dachte immer,

jeder Mensch sei gegen den Krieg,

bis ich herausfand,

dass es welche gibt,

die dafür sind.

Besonders die, die nicht

hingehen müssen.«

Erich Maria Remarque

Für Doris

Für meine Töchter und Enkelkinder

Wer das Hinterfragen von Konflikten und Kriegsursachen verlernt, öffnet den Demagogen und Kriegstreibern Tür und Tor und verspielt damit die Chance auf nachhaltige Friedenssicherung.

Wer sich dagegen einen kritischen Geist bewahrt und andere Menschen/Völker angemessen zu verstehen, zu respektieren und für friedliche und gesichtswahrende Konfliktlösungen zu gewinnen versucht, wird für den Weltfrieden mehr tun können als all die Hardliner, Panikmacher und Bellizisten, die mit ihrer geballten Forschheit, Hybris und Konfrontationslust Gefahr laufen, unseren Planeten Erde leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Vorwort

Die Idee zu diesem Buch entstand vor dem Hintergrund der alarmierenden Kriegsgeschehnisse in der Ukraine, die nicht nur Erwachsene, sondern auch viele Jugendliche durcheinandergebracht und zutiefst erschreckt haben. Wer hätte das inmitten des zivilisierten Europas für möglich gehalten? Ich auf jeden Fall nicht! Aufgewachsen nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, war ich angesichts des beeindruckenden Vormarschs der Diplomatie und der internationalen Vernetzung auf der Ebene der Europäischen Union (EU) und der Vereinten Nationen (UNO) fest davon überzeugt, dass der Frieden in Europa sicher ist. Schließlich hatten ja alle mitbekommen, welche immensen Verwüstungen und Opferzahlen der Zweite Weltkrieg mit sich gebracht hatte. Daher war ich zuversichtlich, dass nun endlich das Zeitalter der politischen Vernunft angebrochen ist. Allein die neue Harmonie zwischen den beiden Erzrivalen Deutschland und Frankreich stärkte meine Überzeugung, dass es in Europa nie wieder Krieg geben werde.

Leider hat dieser Optimismus spätestens seit den aktuellen Kriegsexzessen in der Ukraine kräftige Risse bekommen. Die dortigen Zerstörungen und Opferzahlen sind enorm und werden von Woche zu Woche schlimmer. Gleichzeitig verhärten sich die politischen, ökonomischen und ideologischen Fronten zwischen Russland und den NATO-Ländern immer weiter und machen einmal mehr deutlich, wie fragil der Weltfrieden ist und wie schnell sich auch in unserem »aufgeklärten Zeitalter« eine alarmierende Kriegsstimmung ausbreiten kann. Das gilt für die russische wie für die ukrainische Seite. Das gilt aber auch für Deutschland und Europa, wo sich innerhalb weniger Wochen eine erstaunliche Kehrtwende vom langjährigen Entspannungsoptimismus hin zur militärischen, ideologischen und emotionalen Blockbildung gegenüber Russland vollzogen hat. Die alten Feindbilder des Kalten Krieges sind plötzlich wieder da und geben dem bellizistischen Denken Auftrieb.

Dabei wird sträflich übersehen, dass Frieden noch selten auf dem Schlachtfeld, sondern in aller Regel nur durch konstruktive Verhandlungen und kompromissorientierte Diplomatie gesichert wurde. Je früher damit begonnen wird, desto besser. Das betrifft nicht nur den Ukraine-Krieg und ähnliche internationale Kriegsereignisse, sondern auch zahllose kleinere Konflikte auf dieser Welt, die sich ebenfalls rasch zu handfesten Kriegen auswachsen können. Deshalb: Kriege müssen mit allen Mitteln verhindert werden, bevor sie tatsächlich um sich greifen und hasserfüllte Fronten entstehen! Das ist im Fall der Ukraine zu wenig geschehen, da nicht nur Russland Kriegsvorbereitungen betrieb, sondern auch der Westen ziemlich versagte, als er sich nach 1990 als Sieger des Kalten Krieges aufspielte und Russlands Sicherheitsinteressen sträflich ignorierte. Von daher müssen auch die NATO-Staaten einiges aufarbeiten, wenn sie zukünftige Kriegsgefahren früher abfangen wollen.

Nötig ist also ein Mehr an sensibler und flexibler Kriegsprävention. Das gilt für Europa, aber auch für andere Kontinente und Konfliktzonen. Denn Kriege sind leider weltweit an der Tagesordnung: Bürgerkriege, Eroberungskriege, Religionskriege, Stammeskriege, Stellvertreterkriege, Familienkriege, Ehekriege et cetera. Egal, wo man hinschaut: Rivalitäten, Misstrauen, Intoleranz, Hass und tiefgreifendes Schwarz-Weiß-Denken führen Menschen immer wieder dazu, dass Konflikte eskalieren und in ruinöse Kriegshandlungen einmünden. Interessant dabei ist, dass die Bösen und Schuldigen stets die Anderen sind, während die eigenen Provokationen, Aggressionen und »Waffengänge« meist als moralisch geboten, politisch alternativlos und/oder ethisch gerechtfertigt hingestellt beziehungsweise verklärt werden. Perspektivenwechsel, Toleranz, Verhandlungen, Kompromisssuche und andere Formen der Entspannungsbemühungen kommen unter diesen Vorzeichen oft zu kurz oder werden vorschnell als falsch beziehungsweise aussichtslos bewertet. Stattdessen neigen viele Akteurinnen und Akteure dazu, den jeweiligen Gegner bedenkenlos zu verteufeln und moralisch zum Abschuss freizugeben. Diese Denk- und Handlungslogik findet sich sowohl in kleineren Gemeinschaften (Schule, Parteien et cetera) als auch auf der großen Bühne der Weltpolitik.

Das Fatale an diesem Schwarz-Weiß-Denken ist, dass damit einer differenzierten Sondierung des Konfliktmanagements von vorneherein der Boden entzogen wird. Das gilt nicht zuletzt in der aktuellen Debatte über den Ukraine-Krieg. Nach westlicher Lesart ist Russland ohne Wenn und Aber der hinterhältige Verbrecherstaat, der Westen dagegen der Anwalt des Völkerrechts und der Menschenrechte. Von daher verbieten sich kritische Nachfragen zur Vorgeschichte des Krieges für viele deutsche Politiker:innen, Medienschaffende und Bürger von selbst. Diese rigide Abwehr differenzierten Nachdenkens findet sich selbst im engsten Freundeskreis, wo schnell mal Killerbegriffe wie »Verschwörungstheorie« oder »Antiamerikanismus« bemüht werden, um einen kritischen Diskurs über Kriegsursachen, Geopolitik, Kriegsfolgen und Verhandlungsperspektiven zu unterbinden. Dieser neue Dogmatismus ist ein bizarres Phänomen unserer Tage.

Bizarr deshalb, weil er eine geistige Engführung fördert, die mit den Grundprinzipien einer lebendigen Demokratie schwerlich in Einklang zu bringen ist. Wenn beispielsweise UN-Generalsekretär Antonio Guterres Ende Oktober 2023 heftige Kritik erntete, weil er in einer Stellungnahme zum Gaza-Krieg nicht nur die Hamas verurteilte, sondern auch darauf verwies, dass das palästinensische Volk 56 Jahre lang unter einer »erdrückenden Besetzung« durch Israel gelitten habe (vgl. Frankfurter Rundschau vom 26.10.2023), dann ist das bezeichnend und alarmierend zugleich. Ähnliches wiederfuhr im gleichen Monat dem renommierten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek, als er in seinem Eröffnungsvortrag anlässlich der Frankfurter Buchmesse die Frage nach den Ursachen des »tödlichen Hasses« der Hamas stellte und deswegen gleich der Terror-Rechtfertigung und Israelfeindlichkeit bezichtigt wurde (vgl. Frankfurter Rundschau vom 19.10.2023, S. 28). Derartige Denk- und Analyse-Verbote sind der Tod einer wirksamen Konfliktlösung.

Diese wenigen Anmerkungen zeigen, dass das (selbst-)kritische Hinterfragen und Verstehen-Wollen internationaler Konfliktherde in jüngster Zeit schwieriger geworden ist. Wer derzeit ernsthaft versucht, die Denk- und Handlungsweisen erklärter »Schurkenstaaten« wie Russland, Iran oder China zu verstehen und mögliche Entspannungsstrategien zu eruieren, hat eher schlechte Karten. Die Vorurteile scheinen in Stein gemeißelt. Dabei steht fest, dass sich ohne das Verstehen der spezifischen Interessen, Erfahrungen, Sichtweisen, Befürchtungen und Handlungskalküle aller Konfliktparteien weder ein erfolgversprechendes Friedensszenario noch ein tragfähiger Frieden erreichen lässt. Das gilt grundsätzlich für alle Konflikte. Deshalb: Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten und vor allem eines tun: die Beweggründe und Prägungen der jeweiligen Gegenseite vorurteilsfrei analysieren und mögliche Kompromisse suchen. Andernfalls drohen immer neue Missverständnisse, Vertrauensverluste und Waffengänge.

Eine zeitgemäße Meinungsbildung in Sachen »Krieg und Frieden« muss diese letztgenannten Optionen spiegeln und ebenso sensible wie konstruktive Hintergrundanalysen und Konfliktlösungsüberlegungen anstreben. Verstehen und Verständigungsbereitschaft sind nun einmal wichtige Quellen nachhaltiger Friedenssicherung beziehungsweise Kriegsprävention. Das ist zumindest der Grundgedanke in diesem Buch. Mit diesem Gedanken verbindet sich gleichzeitig die Zuversicht, dass sich die allermeisten zwischenstaatlichen und zwischenmenschlichen Konflikte in friedlicher Weise beilegen lassen, sofern nur rechtzeitig, sensibel und flexibel genug auf Interessenausgleich, Deeskalation und wechselseitige Vertrauensbildung gesetzt wird. In den nachfolgenden Kapiteln finden sich vielfältige Begründungen, Texte, Fakten und Denkanstöße, die helfen sollen, einer reflektierten Kriegsskepsis den Boden zu bereiten und entsprechende Nachdenklichkeit, Kritikfähigkeit und Analysekompetenz aufzubauen.

Mit diesem Ansinnen richtet sich das Buch an alle, die pazifistisches Denken unverändert wertschätzen und der Entspannungspolitik der 1970er- und 1980er-Jahre nicht einfach den Rücken kehren und der vermeintlichen Alternativlosigkeit von Aufrüstung, Waffenlieferungen und militärischer Konfrontation das Wort reden wollen. Dieser neue Bellizismus übersieht völlig, dass Kriege noch selten stabilen Frieden gebracht haben. Wer Frieden will, muss vor allem eines tun: Kriegsgefahren frühzeitig erkennen, Interessengegensätze ausloten, Perspektivenwechsel wagen, Kompromisse suchen und glaubwürdige Entspannungs- beziehungsweise Deeskalationsschritte unternehmen. Die entsprechende Meinungsbildungs- und Reflexionsarbeit ist der Kern eines »reflektierten Pazifismus«, wie er hier verstanden wird. Näheres dazu findet sich in der nachfolgenden Einleitung. Die weiteren Kapitel des Buches bieten wichtige Grundinformationen und Denkanstöße zur Entfaltung dieses pazifistischen Denkens, aber auch zahlreiche Materialien und Anregungen zur korrespondierenden Reflexionsarbeit. Dass diese dringend vonnöten ist, zeigt unter anderem die aktuelle Kriegsrhetorik in Politik, Medien und Zivilgesellschaft.

Landau, im Herbst 2023

Heinz Klippert

Einleitung

Wo immer in der Welt man hinschaut, existieren Rivalitäten, In­trigen, Anfeindungen und Kriegsgefahren in den verschiedensten Schattierungen. Sie sind in aller Regel das Resultat fataler politisch-ökonomischer Machtkämpfe, geostrategischer Ambitionen, ideologischer Differenzen, politischer Rachegelüste, ethnischer Rivalitäten, missionarischer Antriebe, kultureller Überlegenheitsfantasien oder sonstiger aggressionsfördernder Machenschaften. Doch nicht nur das. Die verbreitete Affinität von Menschen zu Kriegen und Gewalt hat auch damit zu tun, dass die meisten von ihnen von Kindesbeinen an Rivalität, Mobbing, Geringschätzung, Ausgrenzung und andere Formen des sozialen Gegeneinanders erleben oder auch selbst praktizieren. Das begünstigt Gewaltbereitschaft und fördert ein Denken in Kategorien von Gut und Böse, Freund und Feind, Sieg und Niederlage. Diese soziokulturellen Einflüsse und Prägungen werden im Buch ebenso beleuchtet wie korrespondierende Eckpunkte und Zielsetzungen einer zeitgemäßen friedensethischen Bewusstseinsbildung.

Fest steht: Friedenssicherung beginnt im Kleinen – in den Familien, Schulen, Parteien und sonstigen Gruppierungen, in denen Rücksichtnahme, Empathie, Perspektivenwechsel, Konfliktmanagement und sonstige Formen des friedlichen Miteinanders geübt oder eben nicht geübt werden. Leider deuten die aktuellen Stimmungsbilder weltweit darauf hin, dass es um die Kriegsresistenz der Menschen und Völker nicht gerade zum Besten bestellt ist. Das gilt keinesfalls nur für autokratisch regierte Staaten, sondern auch für viele demokratisch geprägte Länder wie Deutschland, die USA oder andere westliche Nationen. Anders nämlich lässt sich die demoskopisch belegte Empfänglichkeit vieler Bundesbürger für verstärkte Aufrüstungsmaßnahmen, Waffenlieferungen und Militäreinsätze nur schwer erklären. Auch spricht die rüde Tonlage, mit der hierzulande die zurückliegende Entspannungs- und Abrüstungspolitik abgeurteilt wird, unmissverständlich dafür, dass es um den ins Auge gefassten »reflektierten Pazifismus« derzeit eher schlecht bestellt ist.

Reflektierter Pazifismus meint hierbei eine Haltung und Denkweise, die der Kriegsprävention absolute Priorität beimisst und für eine ebenso kritische wie differenzierte Meinungsbildung in Sachen Krieg und Frieden eintritt. Dahinter steht unter anderem der Grundgedanke, dass Kriege selten nur einen Verursacher haben und es daher unbedingt angezeigt ist, frühzeitig auf Perspektivwechsel, Verhandlungen und Kompromisse zu setzen, anstatt ruinöse Waffengänge zu starten. Das heißt zwar nicht, dass Waffen generell geächtet werden, wohl aber, dass Kriege mit allen Mitteln zu verhindern sind! Leider hapert es an diesem Kalkül bis heute ganz erheblich. Das zeigt nicht zuletzt die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs, der bei rechtzeitiger Vertrauensbildung, sicherheitspolitischer Rücksichtnahme und politischer Deeskalation wohl zu vermeiden gewesen wäre. Versagt haben letztlich alle Seiten – auch die westliche! Das wird hierzulande häufig geleugnet, obwohl es für die Erklärung und Beendigung der Kriegsdynamik immens wichtig wäre, die zurückliegenden Versäumnisse einzugestehen.

Grundsätzlich sollte es das Bestreben der Regierenden sein, einen Konflikt erst gar nicht eskalieren zu lassen, sondern möglichst früh und konsequent nach einem tragfähigen Interessenausgleich zu suchen und entsprechend hart zu verhandeln. Denn wenn ein Krieg erst mal begonnen hat, ist es in der Regel zu spät. Dann sind Gräueltaten gleichsam programmiert. Gehört es doch zum Wesen von Kriegen, dass Massaker, Bombardierungen, Vergewaltigungen und Zerstörungen passieren. Von daher muss es das oberste Ziel der betreffenden Konfliktparteien sein, derartige Zerstörungsorgien erst gar nicht zu riskieren. Je besser das gelingt, desto humaner. Das aber verlangt von Politiker:innen, Militärs, Geheimdienstlern und Medienschaffenden, aufkeimende Konflikte möglichst frühzeitig zu erfassen, Interessengegensätze zu analysieren, Fremdperspektiven zu beleuchten, Provokationen zu sondieren, kalkulierte Zugeständnisse zu überlegen und friedensstiftende Kompromisse anzusteuern.

Diese Option ist Grundlage und Kern des vorliegenden Buches. Der intendierte »reflektierte Pazifismus« zielt genau auf diese kritische und selbstkritische Analyse von Konfliktursachen, Konfliktverläufen und Konfliktlösungsmöglichkeiten. Wenn nämlich jede Seite beizeiten den Größenwahn des Siegen-Wollens ablegt und einem zivilisierten »Miteinander-Leben-Lernen« den Vorrang gibt, dann kann das für die Zukunft der Menschheit nur gut sein. Denn Kriegshandlungen im Gefühl der höheren Moral oder der eigenen militärischen, ideologischen und/oder ökonomischen Überlegenheit haben in aller Regel allen geschadet – auch den vermeintlichen »Siegern«. Daher muss eine recht verstandene Friedenssicherung dieses Risikobewusstsein entwickeln helfen und die Menschen befähigen, zu einer möglichst reflektierten und vorurteilsfreien Urteilsfindung in Sachen Krieg und Frieden zu gelangen. Das begünstigt die Deeskalations-Fantasien aller Beteiligten. Das gilt für die internationale Politik wie für Konfliktlösungen in kleineren sozialen Systemen.

In diesem Sinne zielt die hier intendierte friedensethische Reflexionsarbeit auf eine Grundhaltung und Meinungsbildung, die einer vorschnellen Konflikt-Eskalation mit viel Skepsis begegnet und ganz bewusst auf einen vorausschauenden Konfliktabbau mit dem Ziel friedlicher Koexistenz setzt. Das erfordert unter anderem ein kritisches Hinterfragen von Kriegsanlässen, Kriegsbegründungen, Kriegsfolgen, Kriegsberichten, Kriegspropaganda, Verhandlungsoptionen und Waffenstillstandszenarien. Dieses Hinterfragen und kritische Analysieren und Diskutieren von Konfliktsituationen, Eskalationsüberlegungen und möglichen Friedensszenarien gehört zu den zentralen Aufgaben einer zeitgemäßen Meinungsbildung in Sachen »Krieg und Frieden«. Dementsprechend muss möglichst konsequent und fundiert darauf hingearbeitet werden, die häufig behauptete Alternativlosigkeit von Kriegshandlungen zu widerlegen – ganz gleich, ob es sich dabei nun um Verteidigungs- oder Angriffskriege handelt.

Der Übergang vom Verteidigungs- zum Angriffskrieg ist ohnehin fließend. Wenn beispielsweise der türkische Präsident Erdogan einen Krieg gegen die Kurden in Nord-Syrien ankündigt, weil er damit einer kurdischen Offensive zuvorkommen will, dann wähnt er sich damit in der Verteidigerrolle, agiert tatsächlich aber als Angreifer. Diese Logik findet sich aktuell auch beim russischen Präsidenten Putin, der die nicht abgestimmte NATO-Osterweiterung erklärtermaßen als Bedrohung durch den Westen deutet und deshalb meint, in der Ukraine die territoriale Integrität Russlands verteidigen zu müssen. So gesehen ist das, was für die eine Seite ein Angriffskrieg ist, für die andere Seite womöglich ein Verteidigungskrieg. Diese Beispiele zeigen, dass eine objektive Beurteilung internationaler Konflikte/Kriege oft sehr schwierig ist und sich die friedensethische Reflexionsarbeit deshalb vorrangig darauf konzentrieren muss, die unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Entscheidend ist also, dass bei aufkeimenden Konflikten nicht vorschnell geurteilt/verurteilt, sondern zunächst einmal darangegangen wird, die unterschiedlichen Wahrnehmungen, Beweggründe, Interessen und Deutungsmuster der einzelnen Konfliktparteien sorgfältig zu sondieren, bevor womöglich über militärische und/oder ökonomische Sanktionen nachgedacht wird. Dieser Perspektivenwechsel gehört zum Kern seriöser Friedenssicherung. Sind doch die verantwortlichen Akteure in Politik und Gesellschaft letztlich nur dann in der Lage, schwelende Konflikte angemessen zu beurteilen und mögliche Lösungsszenarien zu entwickeln, wenn sie sich im besten Sinne des Wortes hermeneutischer Verfahren bedienen. Diese Kompetenz des verständnisfördernden Perspektivenwechsels liegt derzeit zwar ziemlich im Argen, bleibt aber wichtig. Warum? Weil es politisch leider üblich geworden ist, den eigenen Standpunkt, den eigenen Blickwinkel, das eigene Ego und Interesse rücksichtslos zu verabsolutieren und der Gegenseite nur Schlechtes zu unterstellen.

Die damit einhergehenden Eskalationsgefahren sind enorm. Dies auch deshalb, weil Kriege für viele nach 1970 geborene Bundesbürger offenbar an Schrecken verloren haben. Das zeigt sich aktuell zum Beispiel darin, dass umfängliche Aufrüstungsprogramme bei der deutschen Bevölkerung derart hoffähig geworden sind, dass sich viele Friedensforscher irritiert die Augen reiben. Von Entspannungspolitik, Abrüstung, Interessenausgleich und friedlicher Koexistenz ist kaum noch die Rede. Auch gegenüber China, dem Iran oder anderen sogenannten »Schurkenstaaten« werden Töne angeschlagen, die höchst gefährlich sind. Das Bedenkliche an dieser neuen Radikalität ist, dass sie in alarmierender Weise zeigt, wie schnell die Stimmung in der Bevölkerung umschlagen und eine neue Konfrontations- und Aufrüstungsmentalität Platz greifen kann.

Ernüchternd an diesem aktuellen Stimmungsbild in Deutschland und Europa ist, dass die Irrationalität des militärischen Denkens offenbar unverändert virulent ist. Das zeigt sich nicht nur im Kontext des Ukraine-Kriegs, sondern auch in Verbindung mit zahlreichen anderen Kriegsschauplätzen auf dieser Welt, die unzählige Opfer kosten und bei uns nur deshalb eher wenig mediale Beachtung finden, weil sie sich fernab von Europa abspielen. Das gilt unter anderem für den langjährigen Irak-Krieg, für den horrende 1,8 Millionen Tote bilanziert werden. In Afghanistan und Pakistan gab es rund 800 000 Tote; und der seit 9/11 von den USA entfachte »Krieg gegen den Terror« kostete direkt oder indirekt mindestens 3,1 Millionen Menschen das Leben (vgl. Guilliard 2021; vgl. ferner: www.bundeswehr-journal.de/2015). Diese und andere kriegerische Exzesse zeigen, dass die weltweite Kriegstreiberei anhält und in allen Fällen »verheerende« Opferzahlen und Sachschäden bewirkt.

Woher rührt diese chronische Kriegsbereitschaft und wie kann ihr entgegengewirkt werden? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Buches. Dabei geht es keinesfalls nur um die Analyse und Erörterung zwischenstaatlicher oder innerstaatlicher Kriegshandlungen, sondern um sehr viel mehr. Eine wichtige Rolle spielt dabei unter anderem die sehr grundsätzliche Frage nach den Wurzeln der latenten Gewalt- beziehungsweise Kriegsbereitschaft von Menschen sowie die Chance, trotz ungünstiger äußerer Einflüsse und Prägungen eine friedensethische Grundhaltung zu entwickeln, die eine tragfähige Gewaltresistenz bedingt. Dieser auf Gewaltprävention und Kriegsvermeidung gerichtete Anspruch bildet erklärtermaßen das Zentrum des Buches. Hinter dem darin zum Ausdruck kommenden Friedensoptimismus steht die grundlegende Überzeugung, dass Menschen prinzipiell in der Lage sind, ihre latente Gewaltbereitschaft einzuhegen und friedenstiftendes Denken und Handeln zu erlernen.

Bei der betreffenden Reflexions- und Klärungsarbeit geht es einerseits um die Erweiterung des Sachwissens, andererseits aber auch und besonders um den Aufbau von Kritikfähigkeit und Urteilsfähigkeit, von Mitmenschlichkeit und Vertrauen, von Empathie und Offenheit, von Analyse- und Argumentationskompetenz, von interkulturellem Denken und einer gewissen Toleranz gegenüber anderen Menschen, Kulturen, Mentalitäten, Traditionen, politischen Systemen und Modernisierungsvorstellungen. Das Entwickeln derartiger Kompetenzen und Einstellungen ist Anspruch und Verpflichtung einer auf »mündige Staatsbürger« zielenden Demokratie. Gerade in Krisen- und Kriegszeiten ist es wichtig, dass der alltäglich drohenden Verunsicherung und Überforderung vieler Menschen entgegengewirkt und der leichtfertigen Legitimierung von Kriegen ein Riegel vorgeschoben wird.

Diesbezüglich stehen Politiker:innen, Medien, Bildungsträger und jede:r Einzelne in der Pflicht, möglichst früh und konsequent Vertrauen und Kriegsskepsis zu bilden und entsprechende Verhaltensweisen und Einstellungen anzubahnen. Das beginnt bei der Sensibilisierung für den Wert von Verhandlungen und Diplomatie und reicht über den erwähnten Aufbau von Respekt, Toleranz und Empathie gegenüber Fremden und Fremdem bis hin zur kritisch-konstruktiven Auseinandersetzung mit den kriegstreibenden Statements von Politiker:innen, Militärs, Journalist:innen und anderen Expertinnen und Experten. Dieser kritische Geist ist dringend vonnöten, wenn einem platten Schwarz-Weiß-Denken in unserer Gesellschaft entgegengewirkt und den Bürgern nachhaltig dazu verholfen werden soll, den Teufelskreis der medial und politisch geschürten Vorurteile, Klischees und Hetzkampagnen zu durchbrechen und zu einer möglichst differenzierten Urteilsbildung in Sachen Friedenssicherung zu gelangen.

Diese Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung ist insofern »pazifistisch«, als sie der Vision verpflichtet ist, dass sich Frieden und Völkerverständigung mit gewaltfreien Mitteln sichern lassen. Zwar mögen manche »Hardliner« dagegen einwenden, dass das völlig utopisch sei. Gleichwohl ist diese Option im besten Sinne des Wortes erstrebenswert. Denn was bringt es schon, wenn der gängige Reflex des militärischen Draufhauens, Rachenehmens und/oder Siegen-Wollens die Oberhand behält? In der Regel bringt das nämlich weder einen humanitären noch einen zivilisatorischen Nutzen. Vielmehr provozieren Kriegshandlungen dieser Art im Regelfall nur weitere Konflikte, Rachefantasien, Angriffe, Zerstörungen und sonstige menschliche Verrohungsprozesse. Deshalb: Wer den Teufelskreis von Gewalt, Zerstörung und Rache durchbrechen will, muss zwingend auf frühzeitige Verhandlungen und Vertrauensbildung, auf wechselseitigen Respekt und gesichtswahrenden Interessenausgleich, auf Zuhören, Verstehen und wohlüberlegte Zugeständnisse an die betreffenden Rivalen setzen. Diese friedenspolitische Perspektive wird im Buch grundgelegt.

Dringlich ist sie deshalb, weil bedauerlicherweise die alten Feindbilder des Kalten Krieges wieder zurück sind, obwohl es nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Anschein hatte, als sei der alte Ost-West-Konflikt für alle Zeiten erledigt. Der US-amerikanische Politikberater Francis Fukuyama widmete dieser optimistischen Sicht seinerzeit sogar ein ganzes Buch mit dem Titel: »Das Ende der Geschichte« (Fukuyama 1992). Darin prognostizierte er den weltweiten Durchbruch des US-amerikanischen Modernisierungsmodells mit seinen Grundpfeilern Liberalismus, Demokratie, Rechtsstaat, Wohlstand und Kapitalismus. Der Liberalismus amerikanischer Prägung schien endgültig über den russischen und chinesischen Autoritarismus gesiegt zu haben. Für Fukuyama war deshalb die Harmonisierung der Weltgemeinschaft nach US-Muster nur noch eine Frage der Zeit. Doch dieser Friedens-Optimismus ist spätestens mit dem Aufstieg Chinas und dem Wiedererstarken Russlands in den 2000er-Jahren zunehmend verflogen.

Vorherrschend ist heute die Vorstellung einer multipolaren Welt, in der das westliche Lebens-, Wirtschafts-, Demokratie- und Modernisierungsmodell trotz aller Ambitionen nur begrenzten Zuspruch erfährt (vgl. Reckwitz 2022a, S. 47). Das zeigt sich zum Beispiel in Afrika und Süd- und Mittelamerika, aber auch im arabischen Raum und in Teilen Asiens. Kein Wunder also, dass sich neue Spannungen und Konflikte zeigen, die durchaus kriegsauslösend sein können. Das gilt umso mehr, als nicht nur Russland und China an Ambitionen und Aggressivität zugelegt haben, sondern auch die politischen Eliten der USA recht subtile geopolitische Schachzüge pflegen, die schnell explosiv werden können. Dazu gehört unter anderem die selbstherrliche »America-First-Politik«, die seit Donald Trump das amerikanische Regierungshandeln bestimmt und die Wirtschaftspartner der USA vor große Herausforderungen und Belastungen stellt. Das beginnt beim schwelenden »Wirtschaftskrieg« mit China und reicht bis hin zum aktuellen »Inflation-Reduction-Act«, der Europas Konzerne gehörig unter Druck setzt.

Störend ist aber nicht nur das selbstgefällige Dominanzgebaren der USA, das auf Europas Interessen wenig Rücksicht nimmt. Fragwürdig ist auch das spezifische neoliberale Wertesystem der USA, das sich deutlich von den sozial- und gesellschaftspolitischen Traditionen und Werten Europas – insbesondere Deutschlands – abhebt (Stichwort »soziale Marktwirtschaft«). Von daher haben Klaus von Dohnanyi und Michael Lüders recht, wenn sie eine stärkere Unabhängigkeit Europas von den USA anmahnen (vgl. Dohnanyi 2022; Lüders 2021). Liegt doch die Konfliktträchtigkeit der besagten »America-First-Politik« auf der Hand. Das gilt nicht nur für Europa, sondern weltweit. Die Zahl der US-kritischen Staaten ist einfach zu groß, um ohne diese Länder die dramatischen ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen unserer Tage wirkungsvoll bekämpfen zu können. Konfrontation ist also keine gute Antwort. Stattdessen müssen alle Nationen lernen, miteinander leben zu wollen und friedliche Koexistenz zu praktizieren (vgl. Alt 2023).

In diesem Sinne soll und muss die hier ins Auge gefasste friedensethische Reflexionsarbeit dafür sorgen, dass die Menschen möglichst seriöse Einblicke in die Schwierigkeiten, Chancen und Perspektiven nachhaltiger Kriegsvermeidung/Völkerverständigung gewinnen. Zwar stehen die Vorzeichen für eine friedliche Koexistenz in Europa derzeit eher schlecht. Gleichwohl macht es wenig Sinn, deshalb gleich in Fatalismus zu verfallen und die alten archaischen Freund-Feind-Reflexe leichtfertig wiederzubeleben. Frieden ist und bleibt möglich! Allerdings muss er jeden Tag neu erarbeitet werden! Das gilt für die nationale und internationale Politik wie für die alltägliche Lebensgestaltung der Menschen. Daher müssen Fragen der Friedenssicherung unbedingt ganz oben auf der gesellschafts- und bildungspolitischen Agenda bleiben, damit sich die Menschen möglichst intensive Einblicke in die Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Grenzen wirksamer Friedenssicherung verschaffen können. Das gilt für die Schuljugend ebenso wie für die Erwachsenen aller Altersgruppen.

Zum Aufbau des Buches im Einzelnen: Im ersten Kapitel geht es einleitend darum, das Spannungsfeld von Krieg und Frieden überblickshaft zu beleuchten und dabei die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg besonders unter die Lupe zu nehmen. Wie sich zeigen wird, war das Erreichen nachhaltiger Völkerverständigung und Konfliktregelung alles andere als leicht. Kalter Krieg und unaufhaltsame Aufrüstung prägten die ersten Nachkriegsjahrzehnte und sorgten für wachsende Spannungen im Ost-West-Verhältnis. Obwohl sich die Menschen infolge ihrer zunehmenden internationalen Reiseaktivitäten immer näherkamen, blieb die Friedenssicherung lange Zeit doch eine ziemliche Leerformel. Das änderte sich im europäischen Nahbereich erst dann, als in den 1970er-Jahren Willi Brandts Entspannungspolitik und die damit einhergehende Intensivierung der politischen und ökonomischen Zusammenarbeit zwischen Ost und West einsetzten und für beachtliche Abrüstungs- und Wohlstandseffekte sorgten. Leider ist dieses Tauwetter spätestens seit Russlands Krim-Annexion wieder passé. Dieser »steinige Weg der Friedenssicherung« wird in Kapitel eins skizziert.

Das zweite Kapitel widmet sich in Anknüpfung an Erich Fromms »Anatomie der menschlichen Destruktivität« (vgl. Fromm 2022) der Frage, woher denn die offenkundige Neigung vieler Menschen und Völker rührt, sich immer wieder Feinde zu machen, Gewalt auszuüben, Misstrauen zu säen, Konflikte zu schüren, andere Menschen zu demütigen und immer raffiniertere Waffen zu entwickeln und einzusetzen. Wie erklärt es sich, dass diese archaischen Kampf- und Kriegsreflexe nach wie vor so virulent sind, obwohl wir doch eigentlich in einem Zeitalter der Aufklärung, der Vernunft und der Rationalität leben? Fakt ist, dass der moderne Mensch trotz all seiner Bildung und Informiertheit unverändert dazu neigt, Hass, Häme, Gewalt, Diffamierung, Polemik, Demagogie und andere Formen der mutwilligen Konflikttreiberei an den Tag zu legen. Das gilt keinesfalls nur für autoritär regierte Systeme mit ihren legendären Propagandaapparaten, sondern auch für moderne Demokratien wie Deutschland. Woran das liegen mag und welche Einflüsse und Prägungen psychologischer, schulischer und gesellschaftlicher Art dazu beitragen, wird in Kapitel zwei beleuchtet.

Im dritten Kapitel wird diese Hintergrundanalyse konstruktiv gewendet, indem der Frage nach der Überwindung dieser latenten Gewaltbereitschaft von Menschen nachgegangen wird. Wie können Kriegsskepsis und Kriegsprävention gefördert werden? Welche Verhaltensmaximen und Denkweisen bieten sich diesbezüglich an, die sicherstellen, dass die Menschen zu einem Mehr an Friedfertigkeit, Toleranz, Respekt und Konfliktlösungskompetenz gelangen? Wie lässt sich das verbreitete Schwarz-Weiß-Denken in unserer Gesellschaft abbauen und ein Mehr an Offenheit, Differenzierungsfähigkeit, Selbstkritikbereitschaft und Sozialkompetenz erreichen? Die Beantwortung dieser und anderer Fragen zielt auf den erwähnten »reflektierten Pazifismus«, der Waffeneinsätze zwar nicht generell ausschließt, wohl aber dem Primat der Kriegsvermeidung mittels Diplomatie, Perspektivenwechsel, internationaler Kooperation und kontrollierter Abrüstung verpflichtet bleibt. Zwar mögen manche Leser:innen bei dieser strategischen Option eine gewisse Skepsis empfinden; wichtig und wegweisend bleibt sie aber dennoch.

Im vierten Kapitel wird dann die Bildungsarbeit direkt in den Blick genommen – und zwar zunächst mit dem Schwerpunkt »soziales Lernen«. Dahinter steht die Überlegung, dass reflektierter Pazifismus in erheblichem Umfang davon lebt, dass Menschen beizeiten lernen und erfahren, wie konstruktives Miteinander und friedliche Konfliktregelungsprozesse aussehen und gesichert werden können. Das stärkt üblicherweise ihre Zuversicht, dass gewaltfreier Spannungsabbau auch auf der großen politischen Bühne möglich ist und wegen seiner humanitären Chancen auch unbedingt angestrebt werden sollte. So gesehen schafft das soziale Lernen im Schulbereich den sozioemotionalen Unterbau für pazifistisches Denken und Handeln. Mit anderen Worten: Jugendliche, die in der Schule konstruktives Sozialverhalten gelernt haben, sind in aller Regel vergleichsweise gut in der Lage, im Falle internationaler Konflikte richtungsweisende Präventions- beziehungsweise Deeskalationsideen zu entwickeln. Zu dieser Sozialkompetenzerweiterung gibt es in Kapitel vier bewährte Anregungen.

Im fünften Kapitel wird dieses schulische Bedingungsfeld von Friedfertigkeit dahingehend erweitert, dass nunmehr die intellektuelle Auseinandersetzung mit ausgewählten Kriegs- und Friedensfragen in den Fokus gerückt wird. Dazu wird eine breite Palette an Materialien und Denkanstößen dokumentiert, die einer ebenso kritischen wie differenzierten friedensethischen Meinungsbildung den Weg ebnen sollen. Dieser kritische Blick hinter das öffentlichkeitswirksame Meinungsmanagement von Politik und Medien ist in einer lebendigen Demokratie unverzichtbar. Hinterfragen, Analysieren, Problematisieren, Recherchieren, Reflektieren, Diskutieren und andere Formen der hermeneutischen Selbstvergewisserung – das sind wichtige Facetten seriöser Urteilungsbildung und Diskursführung. Diese erkenntnisleitenden Klärungsprozesse werden angestoßen.

Abgeschlossen wird das Ganze mit einigen knappen Überlegungen, wo und wie denn die letztgenannte intellektuelle Auseinandersetzung und Meinungsbildung stattfinden kann. Der einfachste Weg ist natürlich der, das vorliegende Buch zu lesen, die dokumentierten Materialien zu durchdenken, persönliche Erkenntnisse und Argumentationslinien zu notieren und auf diese Weise sukzessive zu einer differenzierten Vorstellung von den Schwierigkeiten und Möglichkeiten wirksamer Kriegsprävention und Friedenssicherung zu gelangen. Diese autozentrierte Klärungsarbeit hat allerdings den Nachteil, dass kritische Korrektive und Anstöße von außen fehlen. Daher gibt es abschließend einige gezielte Hinweise zur organisierten friedensethischen Reflexionsarbeit in Schulen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen, deren kooperativer Zuschnitt vertiefende Gärungs- und Klärungsprozesse begünstigt. Hier kann und sollte das Problemfeld »Krieg und Frieden« verstärkt Beachtung finden.

1.Der steinige Weg der Friedenssicherung

Ein Blick auf die Menschheitsgeschichte zeigt, dass längerfristiger Frieden die große Ausnahme ist. Wo immer Menschen in Familien, Stämmen, Religionsgemeinschaften oder sonstigen sozialen beziehungsweise ethnischen Einheiten zusammenleben, scheint es beinahe unvermeidbar zu sein, dass sich immer wieder Rivalitäten und Kriegsgelüste einstellen. Vor allem die je herrschenden Eliten aus Politik, Religion und Militär tendieren dazu, immer neue Feindbilder zu kreieren, Feldzüge zu starten und die eigene Macht und Reputation durch das Erobern fremder Gebiete beziehungsweise das Unterwerfen missliebiger Konkurrenten möglichst heldenhaft zu mehren. Das gilt für die Vergangenheit. Das gilt im Kern aber auch für die Neuzeit. In den nachfolgenden Abschnitten wird diese Ambivalenz von Krieg und Frieden skizziert, und zwar unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die hoffnungsvollen Kooperations-, Entspannungs- und Abrüstungsschritte der 1960er- bis 1990er-Jahre gerichtet, die schließlich im Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gipfelten. Das war eine ebenso ungewöhnliche wie vielversprechende Epoche. Doch leider ist sie inzwischen durch neue Kriegsreflexe abgelöst worden.

1.1 Kriege als historischer Normalzustand

Ein Freund meinte kürzlich: »Frieden ist das kurzzeitige Ausbleiben von Kriegen.« Mit dieser pessimistischen Einschätzung lag er wohl ziemlich richtig. Schlachten, Feldzüge und Kriege ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte wie ein roter Faden – nicht nur in Europa, sondern auch in den anderen Regionen dieser Welt. Das gilt für die Urmenschen wie für den Homo sapiens der letzten Jahrtausende (vgl. Diamond 2020; Glaubrecht 2021). Die »apokalyptischen Reiter« im sechsten Kapitel der Offenbarung des Johannes stehen sinnbildlich für diese destruktive Neigung des Menschen. Nur eines von vielen Beispielen für die daraus resultierenden Katastrophen ist der Dreißigjährige Krieg. »Er begann im Mai 1618 mit dem berühmten Prager Fenstersturz, forderte während dreier Jahrzehnte Millionen Menschenleben und verwüstete weite Teile Mitteleuropas« (Glaubrecht 2021, S. 25).

So gesehen sind kriegerische Auseinandersetzungen seit Beginn der Geschichtsschreibung an der Tagesordnung. Mal seltener, mal häufiger, mal ruinöser, mal weniger einschneidend – auf jeden Fall aber immer wieder. Die Leidtragenden dieser chronischen Kriegstreiberei des Homo sapiens waren und sind bekanntlich nur selten die kriegsauslösenden Herrscher mit ihrem oft krankhaften Macht-, Geltungs-, Vernichtungs- und/oder Rachebedürfnis, sondern in erster Linie die als Kanonenfutter dienenden Soldaten und Zivilisten, von denen viele nicht nur ihr mühsam erarbeitetes Hab und Gut, sondern häufig auch ihr Leben verloren. Das gilt für neuzeitliche Kriege wie in der Ukraine, in Syrien, Israel, Jemen, Libyen, Afghanistan, Vietnam, Tschetschenien oder auf dem Balkan. Das gilt aber auch für die unzähligen Eroberungs-, Rache- und Missionsfeldzüge in früheren Abschnitten der Weltgeschichte.

Kriege sind also normal, in ihrer inflationären Häufung aber auch erschreckend. Wie Erich Fromm unter Berufung auf den US-amerikanischen Kriegsforscher Q. Wright berichtet, gab es allein in Europa im 16. und 17 Jahrhundert 326 Schlachten, im 18. und 19. Jahrhundert 1 432 dieser Kriegsereignisse und zwischen 1900 und 1940 nochmals 892 Waffengänge (vgl. Wright 1965, zitiert nach Fromm 2022, S. 242). Egal, wie Wright diese Zahlen ermittelt hat: Sie zeigen auf jeden Fall sehr deutlich, dass die als relativ zivilisiert geltenden europäischen Mächte alles andere als friedliebend waren und immer wieder Gründe fanden, um gegen andere missliebige Volksgruppen oder Nationen zu Felde zu ziehen – und zwar mit wachsender Häufigkeit. Dabei bildet diese europäische Kriegsgeschichte der letzten Jahrhunderte nur die Spitze des Eisbergs. Die Flut der weltweit geführten Stammeskriege, Bürgerkriege und zwischenstaatlichen Kriege und Schlachten geht sehr viel weiter und bestätigt in geradezu alarmierender Weise die chronische Kriegsbesessenheit vieler Führungskader und Völker.

Für dieses verbreitete »Kriegs-Gen« der Menschheit steht sowohl das Abschlachten der Ureinwohner kolonialisierter Länder beziehungsweise Weltregionen als auch eine Vielzahl ruinöser Feldzüge im Namen des Kreuzes. Die Kriegsmotive waren und sind eigentlich immer die Gleichen: Religiöser Hass, Neid, ethnische Ab- und Ausgrenzungsbestrebungen, Geltungsbedürfnis, Narzissmus, ideologische Rivalitäten, politische Legitimationsprobleme, moralische Hybris, Rachegelüste oder ökonomische beziehungsweise geostrategische Ambitionen – das alles treibt Angreifer und Verteidiger seit Jahrtausenden in erstaunlichem Gleichklang in Kriege hinein, über deren Folgen die wenigsten von ihnen ernsthaft nachdenken. Kriegsreflexe eben! Das gilt vor allem für die religiös oder pseudo-religiös motivierten Kriege, wie sie oben bereits angesprochen wurden. Dazu zählen sowohl die mittelalterlichen Kreuzzüge zur Rettung beziehungsweise Stärkung der christlichen Gemeinden im Mittleren und Nahen Osten als auch die neuzeitlichen Religionskriege im Irak, in Afghanistan, Syrien, Libyen und anderen Teilen Nordafrikas.

Zur Geltung kommt dieser Missionsgeist allerdings nicht nur im Verhältnis des Islam zum Christentum, sondern auch in zahllosen blutigen Eroberungskriegen, wie sie im Zuge der Kolonialisierung außereuropäischer Gebiete durch die Seefahrernationen Spanien, England, Holland, Portugal und Frankreich entzündet wurden. Legitimiert wurden diese »Missionskriege« unter anderem mit dem Hinweis auf die zivilisatorische Rückständigkeit der in den eroberten Gebieten lebenden Menschen sowie darauf, dass diesen Menschen unter den neuen Vorzeichen zu einem besseren Leben und modernisierten Denken und Handeln verholfen werde. Das war zwar Rassismus pur, wurde seinerzeit aber als gottgewollt verklärt. Dementsprechend versuchten die missionsgeleiteten Eroberer die vermeintlich primitiven »Natives« mit kriegerischen Mitteln zur Räson zu bringen, um ihnen dann das eigene Weltbild beziehungsweise Glaubensbekenntnis überzustülpen und damit eine Art »humanitäre Aktion« zu vollenden. Diese missionsgenährte Kriegstreiberei kann rückblickend nur als zynisch, anmaßend und scheinheilig bezeichnet werden – auch wenn das bis heute oft anders verkauft wird.

Dieser Etikettenschwindel findet sich indes nicht nur bei den Initiatoren der Kreuzzüge und den Protagonisten der späteren Kolonialepoche. Genutzt wurde der Missionsgedanke auch von den tonangebenden Päpsten und päpstlich legitimierten Polit-Eliten des Mittelalters, die sich als Vorreiter der Zivilisation wähnten und verheerende militärische Feldzüge zur Unterwerfung anderer Völker in Skandinavien, im Baltikum und anderswo starteten. Tatsächlich ging es dabei weniger um humanitäre Motive, sondern ganz vorrangig darum, die eigenen wirtschaftlichen, politischen und/oder geostrategischen Interessen und Geltungsbedürfnisse durchzusetzen. Das wurde zwar selten zugegeben, ist aber ein historisches Faktum. Fakt ist auch, dass sowohl die römisch-katholischen als auch die späteren lutherisch-protestantischen Würdenträger diesen imperialistischen Kurs massiv unterstützten. Trotzdem werden diese missionsgeleiteten Eroberungskriege bis heute moralisch bemäntelt.

Apropos Moral: Die moralische Rechtfertigung von Kriegen und Aufrüstungsmaßnahmen war historisch schon immer ein beliebtes Spiel. Egal, welches Kriegsgeschehen man auch immer anschaut: Stets geht es um den vermeintlichen Kampf von Gut gegen Böse, von Menschenrechtsverteidigern gegen Menschenrechtsverächter. Dieses Legitimationsschema durchzieht die Kriegsgeschichte der letzten Jahrtausende, obwohl es de facto meist ganz profan darum ging, andere Völker zu unterwerfen und zu demütigen. Erinnert sei nur an die jahrhundertelange Dauerfehde zwischen Frankreich und Deutschland, die für beide Nationen gigantische Zerstörungen, Opferzahlen und ökonomische Rückschläge mit sich brachte. Das betrifft die napoleonischen Feldzüge im frühen 19. Jahrhundert ebenso wie die späteren Revanche-Aktionen des Deutschen Kaiserreichs in den Jahren 1870/71 beziehungsweise 1914 bis 1918. Dieser Irrsinn hat den beteiligten Ländern weder Frieden noch humanitäre Fortschritte gebracht.

Ähnliche Dramen gab es selbstverständlich auch in anderen Weltregionen – nur mit anderen Beteiligten und Vorgeschichten. Das gilt unter anderem für die neuzeitlichen Stammes- und Bürgerkriege im Gefolge kolonialer Interventionen und Beutezüge. Kriegsauslösend waren aber auch – wie im deutsch-französischen Verhältnis – immer wieder chronische Rivalitäten zwischen einzelnen Ländern beziehungsweise Herrscher-Clans, die sich über Jahrhunderte hinweg entwickelten und in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zum Anlass für kriegerische Auseinandersetzungen genommen wurden. Treiber dieser wiederkehrenden »Revierkämpfe« waren aber nicht nur singuläre Herrscher:innen beziehungsweise Herrscherfamilien oder sonstige von Hybris getriebene Despoten, sondern auch die kriegsbejahenden Stimmungsbilder in der Bevölkerung, die das Entstehen von Gewalt, Hass, Hetze, Misstrauen, Vorurteilen, Verteufelung, Propagandahörigkeit und Kriegsbereitschaft überhaupt erst möglich machten.

Diese kriegsbejahenden Stimmungsbilder gibt es bis heute (siehe Abschnitt 2.1). Sie werden von Kriegstreibern der verschiedensten Couleur immer wieder genutzt, um größere Teile der Bevölkerung so zu emotionalisieren, dass intendierte Kriege »hoffähig« werden. Die entsprechende Kriegspropaganda durchzieht die Menschheitsgeschichte seit Urzeiten. Besonders gefährlich sind diese Manipulationstendenzen heute deshalb, weil die modernen Informations- und Kommunikationsmedien nahezu unbegrenzte Möglichkeiten eröffnen, in der Öffentlichkeit gewünschte Stimmungen zu erzeugen und Kriege im schlimmsten Sinne des Wortes herbeizureden beziehungsweise herbeizuschreiben. Nicht wenige Medienkonzerne und Internet-Stars (Influencer) verdienen mit diesen populistischen Hetzkampagnen sogar richtig viel Geld (vgl. Abschnitt 2.8). Das alles erklärt, warum die Wahrscheinlichkeit von Kriegen und internationalen Verwerfungen im modernen Medienzeitalter eher zunimmt.

1.2 Der Zweite Weltkrieg als Kulminationspunkt

Die exorbitanten Zerstörungen und Opferzahlen im Zweiten Weltkrieg sorgten dafür, dass die Menschheit erstmals richtig geschockt war und unter dem Eindruck des angerichteten Infernos nach gangbaren internationalen Übereinkünften und Strategien zur Kriegsvermeidung zu suchen begann. Das Entsetzen war groß. Die nach 1945 ermittelten Opfer- und Schadensbilanzen zeigten in atemberaubender Weise, wie sehr die Kriegsmaschinerie in Europa, Asien und Afrika gewütet und in zahlreichen Ländern unermessliches Leid und Elend angerichtet hatte. Dieser menschenverachtende Horror sowie die zusätzlich aufgedeckten abgründigen Exzesse in den Gaskammern und Arbeitslagern Nazi-Deutschlands ließen endlich den Gedanken reifen, dass es nie wieder einen derartigen Krieg geben dürfe – eine Option, die in den Köpfen und Herzen vieler Menschen sehr schnell Anklang fand.

Die Notwendigkeit einer verlässlichen Kriegsvermeidung lag in Europa auch deshalb auf der Hand, weil der Kontinent durch die jahrelangen Kriegsexzesse ökonomisch, militärisch, ethisch und sozial derart ausgezehrt war, dass nur noch ein friedlicher Wiederaufbau weiterhelfen konnte. Das galt insbesondere für Deutschland, wo unter Hitler alle Dämme gebrochen und die Schrecken der Zerstörung und Demoralisierung besonders verheerend zutage getreten waren. Russland, England und Frankreich waren zwar die Kriegs-Gewinner, hatten aber ebenfalls derart gigantische Schäden und Opferzahlen zu beklagen, dass auch dort der Schock sehr tief saß und das Interesse an einer wirksamen Kriegsprävention rasch anwuchs. Allein die Zahl der Kriegstoten zwischen 1939 und 1945 war apokalyptisch.

Weltweit wurden in diesen Jahren rund 70 Millionen tote Soldaten und Zivilisten gezählt – ohne die ermordeten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen sowie Zwangsarbeiter:innen in den damaligen Konzentrations- und sonstigen Arbeitslagern des Nazi-Reichs (vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1055110). Allein in der Sowjetunion gab es kriegsbedingt rund 24 Millionen tote Soldaten und Zivilistinnen und Zivilisten. In Deutschland belief sich deren Anzahl auf rund 7,7 Millionen, in Polen auf knapp 6 Millionen, in Jugoslawien auf eine Million und in Ungarn auf ca. 600 000 Menschen (vgl. ebenda). Diese Horror-Zahlen betrafen allerdings nicht nur Europa, sondern in ganz ähnlichem Umfang auch das ferngelegene Asien, wo der Zweite Weltkrieg ebenfalls ganz heftig tobte, und zwar unter besonderer Beteiligung Japans.

Japan war damals Alliierter des Deutschen Reichs und versuchte nach Kriegsbeginn die Gunst der Stunde für eigene Expansionsbestrebungen im asiatischen Raum zu nutzen. Die Folge dieser asiatischen Kriegsgeschehnisse war, dass zum Beispiel in China zwischen 1939 und 1945 rund 20 Millionen Soldaten und Zivilisten getötet wurden. Japan seinerseits beklagte knapp 3 Millionen Kriegstote, Indien rund 2 Millionen und die Philippinen ca. 750 000 Tote (vgl. ebenda). So gesehen kann der Zweite Weltkrieg mit Fug und Recht als weltweites Inferno und absoluter Höhepunkt des militärischen und kriegerischen Wahnsinns bezeichnet werden. Eines Wahnsinns, der durch die bestehenden Bündnisverpflichtungen zwischen Deutschland, Japan und einigen anderen Ländern kräftig befeuert wurde.

Die dadurch ausgelösten Kriegszerstörungen waren gigantisch und betrafen nicht nur Menschenleben, sondern auch öffentliche und private Sachwerte in unvorstellbarem Ausmaß (vgl. Bode 1995). Angefangen bei der Beschädigung beziehungsweise Zerstörung öffentlicher und privater Gebäude wie Bahnhöfe, Wohnhäuser, Kirchen, Schulen, Verwaltungsgebäude, Theater, Museen und Krankenhäuser bis hin zum planmäßigen Zerbomben ökonomischer und technischer Infrastruktureinrichtungen wie Bahnlinien, Straßen, Brücken, Strom- und Wasserleitungen, Schifffahrtswege, Fabriken et cetera. Allein in Deutschland wurden durch die ab 1942 laufenden Flächenbombardements der englischen Luftwaffe zahlreiche Städte im wahrsten Sinne des Wortes in Schutt und Asche gelegt. So warf die Royal Air Force zum Beispiel über Köln in einer einzigen Nacht (30./31. Mai 1942) rund 1 500 Tonnen Bomben ab und entfachte mittels der eingesetzten Brandbomben über 2 000 Großfeuer (vgl. ebenda, S. 14).

Besonders ausgeprägte Schäden und Trümmermengen gab es in Großstädten wie Köln, Berlin, Hamburg, Dresden, Dortmund, Essen, Frankfurt und Nürnberg, wo viele Häuser und sonstige Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes platt gemacht wurden. Aber auch in mittelgroßen Städte mit Einwohnerzahlen zwischen 25 000 und 100 000 zeigte sich nach Kriegsende, dass der dortige Wohnungsbestand im Schnitt einen Totalzerstörungsgrad von 20 Prozent aufwies, das heißt ein Fünftel aller Wohngebäude war dem Erdboden gleichgemacht worden (vgl. ebenda, S. 18 f.). Die betreffenden Flächenbombardements betrafen insbesondere das Rhein-Ruhr-Gebiet, die Gebiete Rhein-Main und Rhein-Neckar, mehrere westdeutsche Hafenstädte, den Raum Magdeburg-Dessau sowie das sächsische Städteband Plauen-Chemnitz-Dresden. Obwohl nach 1945 vieles wiederaufgebaut wurde, blieben doch bis heute gravierende Wunden. Das gilt vor allem für die historisch gewachsenen Innenstädte.

Diese wenigen Anmerkungen mögen genügen, um das Drama und die ruinösen Folgen des Zweiten Weltkriegs ausschnitthaft vor Augen zu führen. Europa lag im schlimmsten Sinne des Wortes in Trümmern und brauchte anschließend Jahrzehnte, bis die entstandenen Schäden und Traumata einigermaßen wieder verheilt waren. Dieses Faktum und das damit verbundene Elend sollten heute allen zu denken geben, die in leichtfertiger Weise neuen Aufrüstungsanstrengungen und Kriegstreibereien das Wort reden. Kriege kennen eigentlich nur Verlierer! Das dämmerte 1945 selbst vielen militärischen Hardlinern, sodass die Frage der Kriegsprävention zunehmend in den Fokus der politischen Parteien und Debatten geriet. So gesehen war der Zweite Weltkrieg ein echter Kulminations- und Wendepunkt im jahrtausendelangen Hauen und Stechen der Völker. Der Schock saß bei den meisten so tief, dass mit ungewohnter Aufgeschlossenheit nach neuen Wegen zur Völkerverständigung gesucht wurde.

Unterstützt wurde diese friedenspolitische Neuorientierung von massiven Wiederaufbauhilfen der USA im Rahmen des sogenannten Marshall-Plans, die den darniederliegenden europäischen Ländern nach 1948 relativ schnell wieder auf die Füße halfen – Westdeutschland eingeschlossen. Am 3. März 1948 wurde dieser Marshall-Plan im US-Kongress beschlossen und mit einem Gesamtbudget von rund 14 Milliarden US-Dollar ausgestattet, die in Form von Krediten, Sachlieferungen sowie nicht rückzahlbaren Finanzhilfen vergeben wurden, und zwar über einen Zeitraum von vier Jahren. 24,75 Prozent davon bekam Großbritannien, gefolgt von Frankreich (20,18 Prozent), Italien (10,89 Prozent) und Deutschland (10,16 Prozent). Mit diesen Starthilfen wollten die USA sowohl dem Vordringen des sowjetrussischen Kommunismus nach Westeuropa entgegenwirken als auch die begünstigten Länder wirtschaftlich und sozial so ertüchtigen, dass sie als zukünftige Bündnis- und Handelspartner infrage kamen.