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Das Lebenswerk eines revolutionären Denkers, interdisziplinär betrachtet Seit der Industriellen Revolution vor 200 Jahren gelten Technik, Arbeit und Kapital als entscheidende Bestimmungsgrößen des ökonomischen und sozialen Fortschritts von Gesellschaften. Der Autodidakt Friedrich Engels setzte sich gemeinsam mit Karl Marx kritisch mit den Auswirkungen der Industrialisierung für die Arbeiterschaft auseinander. Dank seiner gewandten Feder und seiner Fremdsprachenkenntnisse wurde Engels zu einem international beachteten Journalisten. Doch seine facettenreichen Beiträge werden bis heute oft vom langen Schatten des Karl Marx verdeckt. 12 Experten analysieren kenntnisreich die Biografie und die Schriften Friedrich Engels und laden zu einer Neubewertung des Verhältnisses zwischen Marx und Engels ein: - Würdigung des Lebenswerks eines der letzten universalistisch denkenden Theoretiker im 19. Jahrhundert - Posthume Veröffentlichung und fehlende Autorisierung: Historisch-kritische Bewertung der Schriften von Engels und Marx - Klassenkampf, soziale Frage und das Ende des Kapitalismus: Friedrich Engels als kommunistische Gallionsfigur Marx und Engels - eine Neubewertung ihres »Compagniegeschäfts« Welche Rolle spielte die Zusammenarbeit von Marx und Engels bei der Entstehung von Abhandlungen wie »Zur Kritik der politischen Ökonomie« und »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«? Wie stark bearbeitete Engels Band 2 und 3 von »Das Kapital« nach, bevor er sie veröffentlichte? Seine Rolle als zweite Geige hinter dem großen kommunistischen Denker Karl Marx wird zunehmend hinterfragt. Die Beiträge im vorliegenden Buch tragen entscheidend dazu bei und lassen die verschiedenen Aspekte, Ursachen, aber auch Grenzen dieses graduellen Umwertungsprozesses erkennen.
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Seitenzahl: 804
Veröffentlichungsjahr: 2020
FRIEDRICH
Das rot-schwarze Chamäleon
Eberhard Illner, Hans Frambach und Norbert Koubek (Hrsg.)
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© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
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Gestaltung und Satz: Melanie Jungels, TYPOREICH – Layout- und
Satzwerkstatt, Nierstein
Lektorat: Hans Frambach und Eberhard Illner
Bildredaktion: Eberhard Illner
Umschlagabbildung vorn: Friedrich Engels, um 1864, AKG 362524;hinten: „Beim nächsten Mal wird alles besser“, Marx / Engels Denkmalauf der Lustwiese Berlin, 1989/90, © Günter Bersch / bpk.
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-534-27274-7
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978-3-534-27298-3
eBook (epub): ISBN 978-3-534-27299-0
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zu den Herausgebern
Impressum
VORWORT
EINLEITUNG
Jürgen Herres
„MEINE UNSTERBLICHEN WERKE“
FRIEDRICH ENGELS ALS JOURNALIST UND PUBLIZIST EIN ÜBERBLICK
Wilfried Nippel
ENGELS ÜBER MARX
BIOGRAPHIE ALS GESCHICHTSPOLITIK
Günther Chaloupek
FRIEDRICH ENGELS, VICTOR ADLER UND DER AUSTROMARXISMUS
Eberhard Illner
MENSCH UND MASCHINE
TECHNIKVORSTELLUNGEN BEI FRIEDRICH ENGELS, KARL MARX UND ERNST KAPP
Kurt Möser
„THE GENERAL“ ALS ADMIRAL
FRIEDRICH ENGELS UND DIE DEBATTEN UM SEEKRIEG UND SEETAKTIK
James M. Brophy
DAS „GELOBTE LAND“?
FRIEDRICH ENGELS, DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ZUKUNFT DES KAPITALISMUS
Werner Plumpe
DIE VERWANDLUNG DER WELT
FRIEDRICH ENGELS UND DIE ENTWICKLUNG DER PRODUKTIV KRÄFTE IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERTS
Margrit Schulte Beerbühl
DIE REVOLUTIONIERUNG DER ARBEIT
FRIEDRICH ENGELS UND DER WANDEL DER ARBEITS VERHÄLTNISSE IN MANCHESTER UND LONDON
Hans Frambach
DAS ÖKONOMISCHE DENKEN SEINER ZEIT
FRIEDRICH ENGELS UND DAS SPANNUNGSFELD ZWISCHEN SCHÖPFUNG UND ZERSTÖRUNG
Heinz D. Kurz
„DER FRIEDRICH, DER FRIEDRICH, ...“
ENGELS, MARX UND DIE KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE
Regina Roth
REPARATURFALL KAPITAL?
FRIEDRICH ENGELS UND DIE HERAUSGABE DER BÄNDE 2 UND 3 DES KAPITAL VON KARL MARX
Norbert Koubek
ARBEIT UND UNTERNEHMEN
HISTORISCHE UND AKTUELLE TENDENZEN
Jürgen Kocka
FAZIT
ENGELS IN SEINER ZEIT
ANHANG
ZUR GESCHICHTE DER EDITIONEN DER SCHRIFTEN VON KARL MARX UND FRIEDRICH ENGELS
LITERATUR
Forschungsliteratur
Historische Texte
ANMERKUNGEN
BILDNACHWEIS
Francois Bonhommé, Coulée de fonte au Creusot, 1864.
„Die Arbeit ist die Quelle alles Reichthums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies – neben der Natur, die ihr den Stoff liefert, den sie in Reichthum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem Sinn sagen müssen: sie hat den Menschen selbst geschaffen.“1
Friedrich Engels notierte diesen kurzen Gedanken 1876, als er sich über mehrere Jahre hinweg – er lebte damals in London – mit Fragen der Naturwissenschaften befasste. Diese drei Sätze geben einen Einblick in die Vorstellungswelt eines der letzten universalistisch denkenden Theoretikers im 19. Jahrhundert, als die Spezialisierung der Wissenschaften mit ihrer jeweils eigenen Logik längst Tatsache geworden war. Sie zeigen, welchen bedeutenden Stellenwert Engels der Kategorie der Arbeit für die Wirtschaft, Gesellschaft und das Leben selbst beimaß, auf deren Grundlage Engels und Karl Marx ihre Theorien bildeten. Das Erfordernis einer interdisziplinären Betrachtungsweise für eine historisch-kritische Bewertung der Schriften von Friedrich Engels, der sich früh aus lokaler Enge befreien konnte und sich am Ende seines Lebens als Weltbürger verstanden hat, folgt unmittelbar.
Generell muss bei der historisch-kritischen Analyse der Schriften dieser beiden großen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts der allzu oft vernachlässigte Umstand berücksichtigt werden, dass viele davon durchaus nicht zu ihren Lebzeiten veröffentlicht und somit nicht von ihnen selbst autorisiert waren. Zu denken ist etwa an jene Sammlung disparater Fragmente, Notizen und Manuskripte aus dem Jahr 1845 unter dem späteren Titel Die deutsche Ideologie oder jene Schriftstücke von Engels in unterschiedlicher Entstehungsstufe, die als Dialektik der Natur neu formiert und ediert wurden. Die „Vereindeutigung“ der Engels’ und Marx’schen Schriften im 20. Jahrhundert, etwa durch Heranziehung solcher unveröffentlichten Schriften unter Außerachtlassung ihres historischen Kontextes und deren ideologische Aufladung, musste deshalb zwangsläufig zu schiefen Urteilen über ein angeblich kohärentes und abgeschlossenes „Werk“ führen. Umso verwickelter stellt sich die Rezeptionsgeschichte ihrer Vorstellungen und Theoreme dar.
Die Instrumentalisierung der nur scheinbar in sich konsistenten „Werke“ von Marx und Engels für politische Zwecke kennzeichnet die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in hohem Maße. Deshalb erstaunt es, dreißig Jahre nach dem Ende der politischen Blockbildung und der einsetzenden Entideologisierung tatsächlich noch „Hans Guck-in-die-Luft-Spaziergänge“ in der Literatur anzutreffen, die die Schriften von Marx und Engels, unkritisch ihrer Rezeptionsgeschichte gegenüber, als universelle Wahrheiten losgelöst von Zeit und Raum betrachten. Andererseits mehren sich inzwischen auch Beiträge quellenvalider und den historischen Kontext berücksichtigender Forschung, die nicht nur die werkimmanente Erkenntnis sucht, sondern auch themenorientiert und längsschnittartig die Schriften des philosophischen Theoretikers Karl Marx und des an Empirie interessierten Unternehmers und Publizisten Friedrich Engels befragt und analysiert. Es geht weniger um das Hinzufügen weiterer Textauslegungen, als vielmehr um die Aufbereitung kontextualisierten Wissens mit dem Ziel eines historisch reflektierten Gegenwartstransfers.
Die Überlegungen für ein solches „Längsschnittprojekt“ reichen längere Zeit zurück. Ein erster Denkimpuls entstand in Manchester, Friedrich Engels’ langjähriger Arbeits- und Wirkungsstätte. Als Kaufmann und Unternehmer hatte er den engen Zusammenhang der Industriellen Revolution mit ihren technologischen Voraussetzungen und sozialen Folgen wahrgenommen, eine Perspektive, die sowohl im Museum of Science and Industry in Manchester als auch in Quarry Bank Mill in der englischen Ortschaft Styal in wegweisender Form erlebbar ist. Doch es war auch klar, dass über die Sozial- und Technikgeschichte hinaus ebenso die Geschichte des ökonomischen Denkens einzubeziehen war. So lag es auf der Hand, die Bedeutung von Engels’ Frühschrift Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie von 1844 herauszustellen und deren Folgewirkung auf Marx nicht unberücksichtigt zu lassen.
Wer sich aber einmal auf die doppelte Fragestellung von Textkontextualisierung und Rezeptionsgeschichte eingelassen hat, den lassen die von Engels angestoßenen Fragestellungen so schnell nicht wieder los. Der Stein war ins Rollen gekommen. Er wäre aber ohne jene Kolleginnen und Kollegen, die zusätzlich zu ihrer Tätigkeit ex officio dem Projekt ihre Energie und auch ihre Empathie geliehen haben, nicht über die erste Anhöhe hinausgekommen. Die Schumpeter School Stiftung bot den für die Einbeziehung einer größeren Zahl von Experten adäquaten Rahmen, um den beabsichtigten interdisziplinären Dialog zu realisieren. Den Autorinnen und Autoren gilt unser herzlicher Dank für ihre Bereitschaft, an diesem Projekt mitzuwirken und ihre hilfreiche Unterstützung zu gewähren.
Dank gilt dem Vorstand, dem Beirat und den fördernden Mitgliedern der Stiftung, vor allem Herrn Dr. Dr. h.c. Jörg Mittelsten Scheid, der mit einer großzügigen Förderung die ursprünglich geplante Tagung, die bedauerlicherweise aufgrund der Restriktionen im Zusammenhang mit Covid-19 ausgesetzt werden musste, sowie die Drucklegung der Beiträge unterstützt hat. Sein inhaltliches Interesse an neuen Fragestellungen zu Friedrich Engels, mit dem ihn auch eine Verwandtschaftsbeziehung verbindet, wirkte ungemein ermutigend für die Arbeit an diesem Vorhaben. Ohne ihn wäre es ein Schubladenprojekt geblieben.
Danken möchten wir auch der Bergischen Universität Wuppertal und insbesondere der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft – Schumpeter School of Business and Economics, die organisatorische Unterstützung für unsere Forschungen gegeben haben. Zahlreiche weitere Institutionen und Personen haben zum Gelingen des Projekts beigetragen – auch ihnen allen gilt unser herzlicher Dank: den Archiven, Museen und Privatsammlern, die Zugang zu ihren Beständen und die Nutzung ihrer Gemälde, Grafiken und Fotografien einräumten, um dem Experten Atmosphäre und dem interessierten Laien das Quellenerlebnis bieten zu können.
Viele Fragen bleiben nach wie vor ungeklärt. Beharrliche Forschung wird auch in Zukunft notwendig sein, um Antworten auf die zahlreich aufgeworfenen Problemstellungen zu geben. Das ist das Los der Wissenschaft. Es gibt keine endgültige Wahrheit, sie muss jeden Tag neu erarbeitet werden. So sind denn auch die Beiträge dieses Buches nicht als endgültiges Ergebnis zu betrachten, sondern vielmehr als eine Facette in einem weitverzweigten und komplexen Forschungsfeld.
Wuppertal und Düsseldorf, im April 2020
Eberhard IllnerHans FrambachNorbert Koubek
Paul Friedrich Meyerheim, Lokomotiv-Montagehalle Borsig, 1873.
Seit der Industriellen Revolution vor 200 Jahren gelten Technik, Arbeit und Kapital als entscheidende Bestimmungsgrößen des ökonomischen und sozialen Fortschritts von Gesellschaften. Zwar hat es schon immer in der Weltgeschichte der Zivilisation Technik gegeben, spätestens seitdem der Mensch Werkzeuge entwickelt hat und Feuer entzünden konnte. Auch ist Arbeit immer schon das konstitutive Element des Menschen gewesen, um in der Auseinandersetzung mit der Natur überleben zu können. Und verschiedenste Formen von Kapital kamen in unterschiedlichsten Hortungs- und Austauschzusammenhängen zu allen Zeiten vor, in denen Menschen miteinander in Beziehungen traten. Am Ende dieser Entwicklungen, die sich mit Attributen wie evolvierend, dynamisch und irreversibel beschreiben lassen, steht unter anderem das, was wir heute im allgemeinen Sinne als „Kapitalismus“ bezeichnen, verstanden als ein ökonomisches und soziales Universalsystem des Ausnutzens von Gewinnchancen durch produktiven und spekulativen Kapitaleinsatz zu Zwecken der Reinvestition und Konsumption. In dieser Interpretation hat der „Kapitalismus“ so gut wie alle Gesellschaften der Welt in den vergangenen 200 Jahren stärker geprägt als sämtliche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen zuvor. Von der Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus hängt es ab, ob und inwieweit er gegenwärtige und künftige Herausforderungen wird bewältigen können. Karl Marx und Friedrich Engels gaben dieser Produktionsform bereits 1848 noch während seiner Entwicklungsphase keine Zukunft und suchten dies theoretisch zu begründen. Offen ist, ob sie an der Vorstellung eines notwendigen Zusammenbruchs des Kapitalismus wirklich bis zum Schluss festhielten.
Mittels historisch-kritischer Aufbereitung bisheriger Verlaufswege und theoretischer Erklärungsmuster der im kapitalistischen System aufgetretenen Entwicklungen sowie Aufnahme der nicht geringen Erkenntnisse von Zeitgenossen – durchaus mit Engels und Marx kontrastierend –, soll mit dem vorliegenden Band zu einem besseren Verständnis auch gegenwärtiger Problemlagen beigetragen werden. Aufgerufen werden Fragen, wie sich Technik, Arbeit und Kapital in der Geschichte des ökonomischen Denkens und insbesondere an der Schwelle zum „Kapitalismus“ europäischer Prägung, also im „langen 19. Jahrhundert“ zwischen etwa 1780 und 1914, als zentrale Kategorien entwickelt haben, wie sich deren Verhältnis zu- und untereinander real dargestellt hat und wie es von aufmerksamen Beobachtern in jener Zeit aufgefasst und verstanden worden ist. Die damals neu auftauchenden Probleme zeitversetzter Entwicklungen und massiver konjunktureller Schwankungen während der Aufbruchsphase in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert stellten die Zeitgenossen vor immense Herausforderungen. Im Versuch, Antworten zu finden, griffen viele – wie es den Usancen der Zeit entsprach – auf Theorien zurück, die der Kameralistik, den Staatswissenschaften oder der Philosophie David Humes wie auch Georg Wilhelm Friedrich Hegels entlehnt waren.
Der Journalist und spätere Textilkaufmann Friedrich Engels (1820-1895) setzte sich bereits in jungen Jahren prägnant und meinungsstark mit jenen Kernfragen globaler Entwicklung auseinander. Der Mann aus der Praxis hatte sein Wissen autodidaktisch erarbeitet. Er war zwar kein guter Redner, aber dank seiner gewandten Feder und seiner Fremdsprachenkompetenz wurde er zu einem international beachteten Journalisten. Seine eigenständigen und facettenreichen Beiträge, die bis heute vom langen Schatten von Karl Marx verdeckt werden, reichen in geradezu enzyklopädischer Breite von literarischen zu historischen, von militärwissenschaftlichen zu technischen, von anthropologischen zu naturwissenschaftlichen und nicht zuletzt von politischen hin zu ökonomischen Schriften.
Im Mittelpunkt des Überblickbeitrags von Jürgen Herres steht ein unscheinbares Blatt Papier, dem der 70-jährige Friedrich Engels den ironischen Titel Meine unsterblichen Werke gab und auf dem er seine zahlreichen Publikationen über vielfältige Themen auflistete. Schon als Kaufmannslehrling hatte er begonnen, Gedichte und Berichte zu veröffentlichen. Sein Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England 1845 befeuerte die Diskussion um die soziale Frage und ihre ökonomischen Ursachen. Er war ein halbes Jahrhundert ungemein produktiv und rangiert in dem von der UNESCO herausgegebenen „Index Translationum“ (Liste übersetzter Literatur) unter den ersten fünfzig Bestseller-Autoren der Welt. Seine Schriften sowie jene zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Manuskripte, wie z. B. die später zur Dialektik der Natur zusammengefassten Entwürfe, sollten nicht zu kohärenten „Werken“ vereindeutigt werden.
Seit vielen Jahrzehnten bewegt die Forschung das sogenannte „Marx/Engels Problem“ und damit die Frage, in welchem Maße Friedrich Engels als Sachwalter und Vertrauter von Karl Marx durch seine popularisierenden Schriften wie etwa Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft und insbesondere nach dessen Tod am 14. März 1883 mit der Herausgabe der Bände 2 und 3 des Kapitals dafür gesorgt hat, dass sich eine zugespitzt modifizierte und damit nicht mehr autorisierte Fassung der von Marx unbestimmt hinterlassenen Theorieelemente in der Rezeption der Werke von Marx hat verbreiten können. Engels war – vor dem Hintergrund, dass einige uns heute bekannte Schriften zu Ende des 19. Jahrhunderts noch gar nicht veröffentlicht oder dem Publikum als solche bekannt waren – der Dreh- und Angelpunkt für die Marx-Rezeption durch die erste Generation marxistischer Theoretiker und Politiker. Wilfried Nippel wird zu dieser zentralen Frage heutigen Verständnisses der Werke von Marx und Engels aus quellenkritischer Sicht Einsichten eröffnen, die für nicht wenige „Marxologen“ unserer Tage überraschende Tatsachen bieten.
Der ab Ende 1849 in England lebende Friedrich Engels hat immer wieder aus dem Exil heraus versucht, auf die sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien auf dem Kontinent Einfluss zu nehmen, mit mehr oder minder großem Erfolg. In den 1880/1890er Jahren begleitete Engels den in Österreich von Victor Adler beschrittenen Weg der sozialdemokratischen Bewegung. Günther Chaloupek verdeutlicht die Argumente und Positionen von Engels, um der 1889 gegründeten sozialdemokratischen Arbeiterpartei einen pragmatischen und programmatischen Weg zu einem sozialistischen Österreich zu eröffnen.
Carl Eduard Biermann, Borsig’s Maschinenbau-Anstalt zu Berlin, 1847.
Nach herrschendem Denkmuster stellte sich die Industrialisierung als eine durch technische Erfindungen ausgelöste „Revolution“ dar, obwohl es sich hier genauer betrachtet um die Realisierung bereits vorhandener Inventionen in Form von Innovationen handelte. Dieser mannigfache Wandel in Bereichen wie der Energieversorgung, der Rogstoffgewinnung, der Materialbearbeitung und Herstellungstechnik, der Mobilität und des Transportwesens, der Kommunikation, der Chemie oder Pharmazie wurde als „Siegeszug der Technik“ überwiegend positiv aufgenommen und führte zu einer Neujustierung des Verhältnisses von Mensch und Maschine. Es konstituierte sich Ingenieurtechnik als Grundlagenwissenschaft mit der Folge, dass in England bereits früh Konzepte einer Theorie der Technik entwickelt wurden. Mit Anleihen bei den damals aktuellen Wissenschaftstheorien, dem Empirismus und dem Positivismus, skizzierte Engels Ansätze einer Technikanthropologie, die sich durchaus vom Maschinenverständnis des Hegelianers Karl Marx unterschied, der nach eigenem Bekunden nur geringe technische Sachkunde aufzuweisen hatte, nichts desto trotz im Kapital zur Explikation der Entwicklung der Produktivkräfte ein neues theoretisches Mensch-Maschine Verhältnis zu definieren hatte, das die technische Modernisierung reflektierte. Eberhard Illner vergleicht die Technikvorstellungen bei Friedrich Engels, Karl Marx und Ernst Kapp, dem weder Marx noch Engels bekannten Zeitgenossen und Begründer der Technikphilosophie in Deutschland.
Ein heute fast vergessenes, aber dennoch – und gerade in Engels’ Selbstsicht – wichtiges Feld publizistischer Betätigung waren die militärtechnischen und militärwissenschaftlichen Artikel von Engels. Er betrachtete Krieg in seinen verschiedensten Formen und Werkzeugen nie als isoliertes Phänomen in der Geschichte, sondern stets im politischen, ökonomischen und technischen Kontext. Die Formen der Kriegführung eröffneten Engels nicht nur Einsichten in die Gesellschaftsstruktur der Parteien, sondern auch in die enge Verzahnung von Rüstungstechnik und Wehrverfassung, so dass nicht wenige detaillierte und scharfsinnige Analysen entstanden, die den Autodidakten zu einem anerkannten Fachmann machten. Kurt Möser ordnet vor dem Hintergrund des tiefgreifenden Wandels der Flottenkonzeptionen der großen Seemächte zwischen 1860 und 1890 an einem prägnanten Beispiel, der Bewaffnung amerikanischer Kriegsschiffe während des Sezessionskrieges, die Befähigung des „Generals“ zur Seekriegsführung ein.
Jean Béraud, Le jour d’emprunt, ca. 1890.
Nicht nur durch die Rüstungsindustrie, sondern vor allem mit der massenweisen Herstel-lung von Investitionsgütern und in der Erschließung des weiten Landes mit Hilfe rationeller Formen der landwirtschaftliche Produktion in großem Maßstab stiegen die Vereinigten Staaten seit den 1870er Jahren zu einem der führenden Industrieländer auf. Engels wie auch Marx hatten das Potential dieses „erwachenden Riesens“ bereits früh erkannt und dessen ökonomischen Pulsschlag sowie seine Auswirkungen auf Europa akribisch verfolgt. Engels ließ es sich nicht nehmen, einen unmittelbaren Eindruck vom Land selbst zu erhalten. Seine Analysen der Ökonomie und auch der gegenüber Deutschland und Frankreich so differierenden Orientierung der amerikanischen Arbeiter thematisiert James Brophy.
Im Gegensatz zu zeitgenössischen Beobachtern, die vor allem von der Warenfülle und den sich verändernden bürgerlichen Konsumgewohnheiten der Zeit fasziniert waren, sah Engels einen eigentümlichen Gegensatz zwischen den zunehmenden Konsumchancen und dem „Elend“ der arbeitenden Klasse, deren Arbeit diese Überfülle materieller Güter erst ermöglichte. Werner Plumpe geht der Analyse der Antworten von Engels auf diese soziale Frage nach. Sein zusammen mit Marx ausgearbeitetes historisches Erklärungsmodel konstruierte eine Entwicklungsdynamik, die im Antagonismus von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen im Kapitalismus lag und notwendig zu dessen Zusammenbruch führen werde. Was Engels dabei weitgehend verkannte, waren die Möglichkeiten, die noch unter den gegebenen Verhältnissen existierten. Zwar kam es wiederholt zu zyklischen Krisen, doch waren sie kein Untergangszeichen des Kapitalismus, sondern Schwankungen um einen ansteigenden Trend, der vor allem von relativ kontinuierlich wachsenden Produktivitätsfortschritten getragen wurde. Weder waren die Konzentrationserscheinungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wie Engels vermutete, Zeichen einer zwangsläufigen Monopolisierung und Vertrustung; die Masse der Großkonzerne jener Zeit sind im Laufe der Zeit im Zuge tiefgreifender technologischer Brüche untergegangen. Noch führten temporäre technologische Engpässe zum finalen Schicksal des Kapitalismus. Engels’ Konzeption der Produktivkräfte blieb daher so naiv wie rigide: naiv, weil er eine Art gesetzmäßigen Automatismus ihrer Entfaltung unterstellte, rigide, weil er die Fesseln der Produktionsverhältnisse, wie sie sich für ihn seit den 1840er Jahren gezeigt hatten, für unveränderlich hielt.
Zur Einordnung der in Die Lage der arbeitenden Klasse in England von Engels monierten „Ausbeutungsverhältnisse“ gibt Margrit Schulte Beerbühl eine quellennahe Übersicht der Arbeitsverhältnisse in Großbritannien mit Schwerpunkt Manchester und London. Die Mechanisierung vieler Produktionsprozesse sowie der Übergang zur Fabrikarbeit und zu modernen Betriebsformen lösten traditionelle Arbeitsverhältnisse auf, doch dies vollzog sich ungleichmäßig und ungleichzeitig. Auf der Verliererseite standen die heim- und handarbeitenden Weber, Spinner, und Frauen. Viele wurden in den Niedriglohnsektor der ungelernten Tagelöhner gedrängt und konkurrierten mit irischen Einwanderern. Die Nachfragestruktur der Hauptstadt unterschied sich signifikant von den übrigen Städten im Vereinigten Königreich: zum einen wuchs der Bedarf an hochwertigen Luxusartikeln, die noch nicht industriell herstellt werden konnten, zum anderen stieg auch der Bedarf an preisgünstigen Massenwaren für die rasant wachsende Bevölkerung Londons. Obwohl sich die Hauptstadt nicht zum Vorreiter der Fabrikindustrie entwickelte, weil hier die Grundstückskosten, Löhne und Energiekosten zu hoch waren, waren die Entwicklungen nicht weniger dramatisch. Es entwickelten sich „economies of scale“, die nicht auf Maschinen, sondern auf manueller Fließbandarbeit wie etwa der Schneider, Näherinnen oder Schuhmacher beruhten. Ein großer Teil der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt lebte in solchen Kümmerexistenzen.
Engels’ bekannte frühe ökonomische Werke der Jahre 1844/45, die Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie und Die Lage der arbeitenden Klasse in England, haben Marx zur Politischen Ökonomie geführt und markierten bereits zentrale Elemente des späteren sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus. Engels ging mit der ökonomischen Theorie seiner Zeit hart ins Gericht und trug selbstbewusst eigene Positionen vor. Aus der Sicht der Geschichte des ökonomischen Denkens hinterfragt Hans Frambach, inwieweit Engels’ ökonomischer Beitrag zum damaligen Stand wissenschaftlich fundiert war, vorhandene Ansätze und Denkweisen überhaupt aufnahm, das zur Kenntnis Genommene selektiv erfasste und interessengesteuert verwendete, bei der Auswahl des konkreten Untersuchungsgegenstandes mit Vorurteilen vorging, sich auf Quellen stützend, die seiner Meinung, aber nicht immer dem Erkenntnisstand der Wissenschaft entsprachen. Fragen wie die nach der generellen Bedeutung der von Engels so verachteten Politischen Ökonomik für das Leben in den aufstrebenden Industrienationen werden berührt, aber auch auf die Vielzahl zeitgenössischer kritischer Positionen gegenüber der Politischen Ökonomik eingegangen, die teilweise von den „Klassikern“ selbst und Vertretern anderer Theorielager geübt wurden. Es werden u. a. Hintergründe aufgezeigt, wie Engels zu manchen seiner Überzeugungen gelangte – z. B. die vehemente Ablehnung der Malthus’schen Bevölkerungstheorie – und eine Begründung gegeben, warum die Schriften Lorenz Steins, die zur Bekanntmachung des Sozialismus in Deutschland nicht unwesentlich beigetragen haben, von Engels kaum wahrgenommen wurden. Darüber hinaus wird gezeigt, dass die in der ökonomischen Theorie vor allem durch Joseph Schumpeter im 20. Jahrhundert verbreitete, aber im 19. Jahrhundert bereits durchaus bekannte Metapher der schöpferischen Zerstörung im Denken und Handeln von Friedrich Engels vorhanden war.
Adolph Menzel, Eisenwalzwerk 1872/1875.
Heinz D. Kurz unterzieht anhand der Umrisse einer Kritik der Nationalökonomie Engels’ Wahrnehmung der Politischen Ökonomie einer systematischen Analyse. Mit kühnem Strich geißelte der junge Kaufmann 1845 die herrschenden Verhältnisse, attackierte die Nationalökonomie, die diese angeblich rechtfertigt, und entwarf die Umrisse einer zukünftigen Gesellschaft, in der alles besser werden soll. Wie kaum ein anderer Zeitgenosse verfolgte er mit seinen Betrachtungen über Wissenschaft, Technik und Arbeit den Puls der Zeit. Sein Essay hallt wider vom Dröhnen des ersten Maschinenzeitalters, vom Stampfen der mechanischen Hämmer, vom Lärm in den Fabriken. Das Neue versklave die Menschen in der privateigentümlichen Sozialordnung mittels des Fa briksystems auf noch nie dagewesene Weise, doch die gewaltige Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft biete bei entsprechender Verteilung eine bessere Zukunft in sittlichen Verhältnissen. Engels’ Angriff auf „die“ Ökonomen landete den einen oder anderen Treffer, aber nicht alles, worauf er zielte, existierte. Die klassische Politische Ökonomie von Adam Smith bis David Ricardo missverstand er wiederholt oder schrieb ihr Auffassungen zu, die sie nie vertreten hat. Seine Ausführungen über die zukünftige Gesellschaft blieben blass. Das Informationsproblem sprach er zwar an, aber er unterschätzte dessen Tragweite für die Organisation einer Gesellschaft ohne Markt. Die Vorstellung, die sittliche Gesellschaft könne ohne gewisse von Menschen gemachte Institutionen auskommen, wirkt wunderlich. Die Nationalökonomie war für ihn lediglich eine mit allen Mitteln zu bekämpfende Irrlehre.
Während die Umrisse als frühe Schrift am Anfang von Engels’ Beschäftigung mit der Politischen Ökonomie stand, wurde er nach dem Tod von Marx durch die Herausgabe von Band 2 und 3 des Kapitals zu dessen ersten Interpreten. Durch eine detaillierte Analyse der Entstehungsstufen der Manuskripte und der dabei zutage tretenden, sehr weitgehenden redaktionellen Arbeit von Engels belegt Regina Roth seinen Anspruch auf Deutungshoheit über die ökonomische Theorie von Marx, die grundsätzliche Ausrichtung der sozialistischen Bewegung sowie über tagespolitische Fragen. Andererseits hinterließ Engels eine deutungsoffene Formel: „Our theory is not a dogma but the exposition of a process of evolution“. Chamäleonhaft schlüpfte Engels auf diese Weise in die Rolle der Pythia von Delphi und eröffnet damit eine bis heute andauernde, weltweite Diskussion um den richtigen Weg aus dem Kapitalismus.
Doch wie entwickelte sich dieser Kapitalismus „nach Engels“? In einem kurzen Überblick über wesentliche Veränderungen seit Engels konstatiert Norbert Koubek, dass sich mit der technischen Entwicklung, den gewandelten Bedürfnisprofilen der Beschäftigten und den Änderungen der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen die Rahmenbedingungen für das Handeln stark verändert haben. In den prägnanten Stichworten von Taylorismus, Fordismus, Lean Management, Mitbestimmung, Globalisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit kommen diese strukturellen Veränderungen zum Ausdruck, die stark auf die Thematik von Arbeit und Unternehmen bezogen sind.
Dabei weisen in der gegenwärtigen vernetzten und globalisierten Welt die verschiedenen Regionen abweichende Niveaus der Entwicklung auf, für die unterschiedliche Modelle zur Anwendung kommen. In den auch weiterhin am höchsten entwickelten westlichen Ländern mit parlamentarisch-demokratischen Strukturen, in denen die Industrialisierung begann und sich weltweit ausbreitete, sind Änderungsprozesse nachweisbar und wirksam, während in den wirtschaftlich in der Erstentwicklung stehenden Ländern teilweise die von Engels beschriebenen Verhältnisse vorliegen. Zwischen beiden Modellregionen liegen die sogenannten Schwellenländer mit Beeinflussungen von und Optionen nach beiden Richtungen. Nach wie vor bestehen bleiben – wie zu Zeiten von Engels – die Fragen der Bevölkerungsentwicklung, der Vermögensverteilung sowie der technologisch und gesellschaftlich herbeigeführten Änderungen von Arbeitsprozessen.
In seinem Fazit konstatiert Jürgen Kocka, dass in den letzten Jahren eine deutliche Aufwertung von Engels relativ zu Marx stattgefunden hat. Dies sei auch Ergebnis einer Historisierung seiner Person. Zum einen wird immer wieder deutlich, wie entscheidend Engels’ Vorstellungen vom Kapitalismus und seinen Krisen von eigenen Erfahrungen in der westdeutschen und der englischen Textil-, speziell der Baumwollindustrie geprägt waren. Zum anderen könne Engels als besonderes Exemplar europäischer Bürgerlichkeit gedeutet werden. Trotz vieler bohèmehafter und anderer unbürgerlicher Elemente in seiner Lebensführung und trotz der schneidenden Bürgertumskritik im Zentrum seiner Auffassungen und Schriften sollte man Friedrich Engels als Produkt westeuropäischer Bürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts sehen. Engels werde im vorliegenden Band ganz entschieden als eine Figur des 19. Jahrhunderts betrachtet. Aber für die Engels-Rezeption in der Gegenwart sei diese historische Distanz durchaus angebracht.
Friedrich Engels: Meine unsterblichen Werke. Handschriftlicher Entwurf eines Verzeichnisses seiner Publikationen, niedergeschrieben im April 1891. Engels’ Titel findet sich auf dem unteren (hier nicht wiedergegebenen) Teil der zweiten Seite. 1892 erschien eine Druckfassung der Liste mit einer biographischen Skizze über Engels im ‚Handwörterbuch der Staatswissenschaften‘. (Friedrich Engels, Artikel, in: MEGA2. I/32, S. 517 f. und 1421–1425.)
JÜRGEN HERRES
Im handschriftlichen Nachlass von Friedrich Engels befindet sich ein unscheinbares Blatt Papier aus dem Jahre 1891. Auf ihm führt Engels seine zahlreichen Publikationen auf. Obwohl er die Liste ernst meinte, drückte er doch in der ihm eigenen Art Distanz aus und gab ihr den ironischen Titel Meine unsterblichen Werke.
Der 70-Jährige war von dem deutschen Nationalökonomen Ludwig Elster, einem der Herausgeber des kurz zuvor ins Leben gerufenen Handwörterbuch der Staatswissenschaften, um ein Schriftenverzeichnis und „unbedingt zuverlässige“ autobiographische Angaben gebeten worden.1 Beides hat Engels offensichtlich umgehend an Elster gesandt. Der Antwortbrief und die nach Deutschland übermittelten Materialien sind nicht überliefert, aber immerhin das erwähnte Blatt Papier. Ein Jahr später erschien ein kurzer biographischer Lexikonbeitrag über ihn – mit einem ausführlicheren Schriftenverzeichnis. Das Handwörterbuch, das im Gustav Fischer Verlag in Jena erschien, erlangte als Enzyklopädie der Sozialwissenschaften rasch Ansehen und Verbreitung; es erlebte mehrere Auflagen und wurde in den 1950er Jahren als Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, dann als Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften fortgeführt.2 Engels hatte also die Gelegenheit genutzt, sich dem deutschsprachigen Wissenschaftspublikum vorzustellen. Ein Jahr später tat er dies auch für den 1883 verstorbenen Karl Marx.3
Blatt und Liste sind auf den ersten Blick unspektakulär. Engels listet Tätigkeiten für Zeitungen genauso auf wie selbständige Publikationen und auf Zeitschriftenartikel zurückgehende Broschüren und Bücher. Aber auch wenn die Liste mehr als dreißig Titel ausweist, fehlen – nicht nur aus heutiger Sicht – wichtige Texte und Projekte. So enthält sie – vermutlich dem Anlass entsprechend – fast nur deutschsprachige Publikationen, seine zahlreichen englischen und französischen Veröff entlichungen fehlen, seine sich über ein Jahrzehnt erstreckende Korrespondententätigkeit für die US-amerikanische Zeitung New York Tribune genauso wie seine Kommentierung des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 in der Londoner Abendzeitung Pall Mall Gazette. Aus heutiger Sicht fehlt jeder Hinweis auf seine Mitwirkung an den Manuskripten zur Deutschen Ideologie sowie auf seine eigenen Manuskripte zur Geschichte Irlands und zur Dialektik der Natur.
Friedrich Engels,1888.
Sprach Engels immerhin mit feiner Ironie von seinen „Werken“, so wurden im 20. Jahrhundert seine – und Marx’ – Schriften und Theorien in einem Maße und mit einem Ernst ideologisiert, die heute kaum noch nachvollziehbar sind. Ihre Schriften und zu Lebzeiten unveröff entlichten Manuskripte wurden aus den intellektuellen Konstellationen und zeitgenössischen Diskussionen herausgelöst und damit einhergehend viele der von ihnen verwendeten und geprägten Begriff e umgedeutet. Genauso wichtig war aber vor allem die Vereindeutigung ihrer Manuskripte und Schriften zu kohärenten „Werken“. Bewusst greife ich den jüngst von dem Islam-wissenschaftler Thomas Bauer prominent gemachten Begriff der Vereindeutigung auf.4
Engels und Marx waren keineswegs Begründer einer in sich geschlossenen Theorie, einer Art politischer Weltanschauung, die letztlich eine Sprache der Macht und des Protestes bereithielt. Ihr Œuvre hat vielmehr fragmentarischen Charakter. Weder als Revolutionäre noch als Analytiker des Kapitalismus haben sie ein abgeschlossenes oder ein zumindest in sich geschlossenes Werk hinterlassen. So sind Marx’ Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 18445 eine Mischung von wörtlichen Buchexzerpten und eigenen Notizen, aber nicht der erste Entwurf eines geplanten Buches. Marx’ und Engels’ Manuskripte der Deutschen Ideologievon 1845/466 waren zwar tatsächlich Entwürfe, aber nicht für ein Buch, sondern für die Beiträge einer geplanten Zeitschrift. Ein solches Buch hatten sie nie geplant. Und der erste Band des Kapital, der einzige, der zu Marx’ Lebezeiten erschien, stellt nur ein Bruchstück der Marx’schen ökonomischen Manuskripte dar. Die heute als Band 2 und 3 des Kapital bekannten Bücher stellte Engels bekanntlich erst nach Marx’ Tod mit großer Mühe aus den unfertigen Manuskripten zusammen.7 Marx’ Originalmanuskripte, die heute entziffert und veröffentlicht vorliegen, zeigen, dass von einem abgeschlossenen Werk oder einer abgeschlossenen Theorie nicht gesprochen werden kann.
Karl Marx’s Urenkel bei der Textexegese: Frederick, Karl, Paul and Robert Longuet im Karl Marx und Friedrich Engels Museum im Institut für Marxismus-Leninismus des Zentralkomitees der KPdSU Moskau, 1968.
In Bezug auf Marx ist dies inzwischen weitgehend Konsens, für Engels nicht, obwohl es in gewisser Weise auch für ihn gilt. So sind Engels’ Manuskripte zur Dialektik der Natur, die er von 1873 bis 1882 niederschrieb,8 ein nur wenig homogenes Textmaterial, bei dem es sich teilweise um Gedächtnisstützen und Stichworte für eine spätere Ausarbeitung handelt, teilweise um Rohentwürfe; nur wenig war druckfertig. Selbst sein Anti-Dühring,9 sein Versuch einer enzyklopädischen Zusammenfassung seiner und Marx’ Theorien und Überlegungen, war nicht zuletzt eine – polemisch überzogene – Streitschrift. Engels’ Briefe in seinem letzten Lebensjahrzehnt, die sogenannten Altersbriefe, können wir auch als Versuch lesen, die Geister einzufangen, die er gerufen hatte.
Engels war zeit seines Lebens als Journalist und Publizist tätig. Schon als Kaufmannslehrling in einer Bremer Zigarren- und Kaffee-Großhandlung begann der 18-Jährige Gedichte und Berichte zu veröffentlichen, zunächst im von Karl Gutzkow redigierten Telegraphen für Deutschland und dann in von der Verlegerfamilie Cotta herausgegebenen Zeitungen. In seiner ersten größeren Artikelserie Briefe aus dem Wuppertal, die zu den frühesten Beschreibungen eines deutschen Industriegebiets zählen, kritisierte er das „schreckliche Elend unter … den Fabrikarbeitern“ seiner Heimatstadt.10 Der Schriftsteller Gutzkow will allerdings Engels’ Anfängertexte regelmäßig umgearbeitet haben: „Wenn jeder Anfänger so sein kritisches Erbrechen von sich gibt, wer soll das grüngelbe Zeug in einem honetten Blatt abdrucken?“11 Als Korrespondent der Augsburger Allgemeinen Zeitung berichtete Engels über die Anfänge der „Schraubendampfschifffahrt“12 und beschrieb reportageartig seine Fahrt nach Bremerhaven, wo er ein Auswandererschiff besichtigte.13 In Manchester schrieb er 1842/44 und in Paris 1847 für deutsche, englische und französische Zeitungen über die europäischen Sozialbewegungen. Nur ein einziges Mal, in der Revolution von 1848/49, war er als Redakteur angestellt, ansonsten agierte er bis zu seinem Tod als Kor-respondent (an der Seite von Marx von 1851 bis 1862 für die amerikanische New-York Tribune) sowie als freier Journalist und politischer Aktivist für zahlreiche sozialistische und sozialdemokratische Zeitschriften und Zeitungen. Immer wieder kündigte er an, „der journalistischen Tätigkeit die allerengsten Grenzen ziehn“ zu wollen, um nicht weiter die „milchende Kuh“ – heute würde man sagen: die eierlegende Wollmilchsau – der sozialdemokratischen Partei und Presse zu sein.14 Die Bandbreite der Themen, die er während seines Lebens bearbeitete, war bemerkenswert breit; sie reichte von politischen, ökonomischen und zeitgeschichtlichen Themen bis hin zu sprachgeschichtlichen, philosophischen und naturgeschichtlichen. Dabei war Europa für ihn Ereignis-, Wahrnehmungs- und Denk-Raum.
Wenn wir einen genaueren Blick auf Engels’ Liste werfen, so sehen wir einen westeuropäischen Gesellschaftskritiker, der sich intensiv mit den dramatischen Umbrüchen seiner Zeit auseinandersetzte. Als junger Republikaner und Kommunist, der Industrialisierung aus eigener Anschauung kannte, wollte er die im Wandel begriffene Welt neu sehen und erklären. Den Begriff „Revolution“ verwendet er als Beschreibungskategorie für die erlebbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, aber zugleich drückte sich in ihm sein politisches Konzept der Beschleunigung sowie die Perspektivierung der Zukunft aus. Die Revolution von 1848/49 war die einzige wirklich europäische Revolution, die Engels miterlebte und deren Scheitern ihn wie seine Zeitgenossen tief prägte. Der geflüchtete Achtundvierziger, der in den 1850er und 1860er Jahren als Angestellter und dann als Teilhaber eines Textilunternehmens in Manchester tätig war, konnte nur in seiner knappen Freizeit publizistisch tätig sein. Mit seinem Rückzug aus dem Berufsleben im Jahre 1869 begann sein zweiter Frühling als Publizist und Privatgelehrter. Nach Marx’ Tod 1883 wurde er zudem zum Spin-Doctor der europäischen Sozialdemokratie. Es gelang ihm, die Erwartung am Leben zu halten, Marx (und er) habe die DNA der modernen Gesellschaft entschlüsselt. Wir sehen einen Sozial- und Gesellschaftskritiker, der vielschichtiger war, als er im 20. Jahrhundert dargestellt wurde, aber auch widersprüchlicher.
Carl Wilhelm Hübner, Die schlesischen Weber, 1846.
Friedrich Engels schrieb über das 1844 in Berlin, Köln und Halberstadt ausgestellte Gemälde von Hübner:
„Lassen Sie mich bei dieser Gelegenheit ein Bild von Hübner, einem der besten deutschen Maler, erwähnen, das wirksamer für den Sozialismus agitiert hat als 100 Flugschriften. Es zeigt einige schlesische Weber, die einem Fabrikanten gewebtes Leinen bringen, und stellt sehr eindrucksvoll dem kaltherzigen Reichtum auf der einen Seite die verzweifelte Armut auf der anderen gegenüber. Der gut genährte Fabrikant wird mit einem Gesicht, rot und gefühllos wie Erz, dargestellt, wie er ein Stück Leinen, das der Frau gehört, zurückweist; die Frau, die keine Möglichkeit sieht, den Stoff zu verkaufen, sinkt in sich zusammen und wird ohnmächtig, umgeben von ihren zwei kleinen Kindern und kaum aufrecht gehalten von einem alten Mann; ein Angestellter prüft ein Stück, auf das sein Eigentümer in schmerzlicher Besorgnis auf das Ergebnis wartet; ein junger Mann zeigt seiner verzagten Mutter den kärglichen Lohn, den er für seine Arbeit bekommen hat; ein alter Mann, ein Mädchen und ein Knabe sitzen auf einer Steinbank und warten, daß sie an die Reihe kommen; und zwei Männer, jeder mit einem Packen zurückgewiesenen Stoffes auf dem Rücken, verlassen gerade den Raum, einer von ihnen ballt voll Wut die Faust, während der andre die Hand auf des Nachbarn Arm legt und zum Himmel zeigt, als ob er sagt: Sei ruhig, es gibt einen Richter, der ihn strafen wird. Die ganze Szene spielt sich in einem kalt und ungemütlich aussehenden Vorsaal mit Steinfußboden ab; nur der Fabrikant steht auf einem Stück Teppich, während sich auf der anderen Seite des Gemäldes, hinter einer Barriere ein Ausblick in ein luxuriös eingerichtetes Kontor mit herrlichen Gardinen und Spiegeln öffnet, wo einige Angestellte schreiben, unberührt von dem was hinter ihnen vorgeht, und wo der Sohn des Fabrikanten, ein junger Geck, sich auf die Barriere lehnt, eine Reitgerte in der Hand, eine Zigarre raucht und die unglücklichen Weber kühl betrachtet. Dieses Gemälde ist in mehreren Städten Deutschlands ausgestellt worden und hat verständlicherweise so manches Gemüt für soziale Ideen empfänglich gemacht.“ Friedrich Engels, ‚Rascher Fortschritt des Kommunismus in Deutschland‘, ursprünglich in The New Moral World vom 13. Dezember 1844, deutsche Übersetzung nach MEW Bd. 2, S. 510f.
Friedrich Engels und Karl Marx, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, gegen Bruno Bauer & Consorten, Frankfurt am Main, Literarische Anstalt, Februar 1845.
Engels, ältester Sohn eines tatkräftigen gleichnamigen Barmer Textilindustriellen im Wuppertal, dem „deutschen Manchester“, kannte die industrielle Revolution und ihre Folgen aus eigener Anschauung. Im britischen Manchester, einem der ersten Industriezentren der Welt, in dem Dampfk raft und Maschinerie längst die Produktion revolutionierten, vollendete er von 1842 bis 1844 seine kaufmännische Ausbildung und radikalisierte sich vom demokratischen Republikaner zum Kommunisten. Mit seinem Aufsatz Umrisse zu einer Kritik der Nationaloekonomie, der 1844 in den von Arnold Ruge und Marx in Paris redigierten Deutsch-französischen Jahrbüchern15 erschien und Marx stark beeindruckte, wurde er zum ersten Repräsentanten der deutschen philosophischen Linken, der die Diskussion auf das Feld der politischen Ökonomie brachte und der auf die durch das Privateigentum hervorgerufenen Widersprüche aufmerksam machte.16
Ausgerechnet dieser Aufsatz fehlt in Engels’ Liste. Sie setzt vielmehr mit dem Buch Die heilige Familie ein, der ersten Schrift, die er 1845 gemeinsam mit Marx veröff entlichte, an der er selbst jedoch nur geringen Anteil hatte. Das im Handwörterbuch gedruckte Schriftenverzeichnis, das gegenüber der handschriftlichen Liste einige Ergänzungen enthält, verwies allerdings auf den kurz zuvor – anlässlich des 70. Geburtstags von Engels – erfolgten Wiederabdrucks in der sozialdemokratischen Zeitschrift Die Neue Zeit.17
Engels in Manchester und Marx in Paris hatten eine ähnliche intellektuelle Wandlung vollzogen. Als sie 1844 zunächst briefl ich in Kontakt traten und sich dann zehn Sommertage lang in Paris trafen, sahen beide im Sozialismus und Kommunismus ihre gesellschaftsverändernde Perspektive. In den Mittelpunkt ihres Denkens begann „die moderne bürgerliche Gesellschaft“ zu rücken, „die Gesellschaft der Industrie, der allgemeinen Concurrenz, der frei ihre Zwecke verfolgenden Privatinteressen, der Anarchie, der sich selbst entfremdeten natürlichen und geistigen Individualität“, wie Marx in der Heiligen Familie schrieb. Die Französische Revolution von 1789 sei keineswegs ein dem 18. Jahrhundert angehörendes Experiment, wie Marx als gemeinsame Quintessenz formulierte, vielmehr betrachteten sie die aus ihr hervorgegangene „kommunistische Idee“ als „die Idee des neuen Weltzustandes“.18
V. Poljakov, Karl Marx und Friedrich Engels bei der Arbeit am Kommunistischen Manifest, 1961.
Die zweite Publikation, die Engels auflistet, ist sein Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England, das er nach seiner Rückkehr im heimatlichen Wuppertal von Herbst 1844 bis März 1845 niederschrieb und das im Mai 1845 erschien. Es machte ihn im deutschen Sprachraum bekannt.19 Für die englische Übersetzung, zu der es erst viel später, 1885/87, kam, verfasste er eine Vorrede und ein Appendix, die er ebenfalls in seinem Schriftenverzeichnis aufführt.20 Am Beispiel der Baumwollverarbeitung in England zeichnet er die Entwicklung der großen Industrie sowie die Herausbildung eines verelendeten Industrie- und Ackerbauproletariats nach. Er untersucht die Wohn-, Gesundheits-, Ernährungs- und Bildungssituation in den gettoisierten Elendsvierteln der großen Städte, in denen ein brutaler sozialer Krieg herrsche. Sein Buch ist eine soziologische Monografi e, aber zugleich auch eine moralische Anklageschrift. Noch 2007 führte Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe Salvi Engels als Kronzeugen für die „grauenvollen Lebensbedingungen“ der Industriearbeiter an, die er „in einer erschütternden Weise“ geschildert habe.21
Entwurf zum Manifest der Kommunistischen Partei, Handschrift Marx, die oberen beiden Zeilen von seiner Frau Jenny Marx; heute UNESCO-Weltdokumentenerbe.
An dritter Stelle der handschriftlichen Liste fi guriert das Manifest der kommunistischen Partei, das, im Winter 1847/48 in Brüssel geschrieben, im März 1848 in London ausgeliefert wurde.22 Marx hat zeit seines Lebens Engels immer als gleichberechtigten Mitverfasser bezeichnet, obwohl er zumindest die Abschnitte eins und zwei des Textes aller Wahrscheinlichkeit nach in einem Zug allein niederschrieb. Darauf weist die einzige Manuskriptseite hin, die überliefert ist und heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe zählt.23 Die unfertigen und off ensichtlich in noch größerer Eile niedergeschriebenen Abschnitte drei und vier, in denen gegen die zeitgenössische sozialistische und kommunistische Literatur polemisiert wird und die nächsten Aufgaben der Kommunisten in den verschiedenen Ländern skizziert werden, wurden möglicherweise unter direkter Mitwirkung von Engels fertiggestellt, der, aus Paris ausgewiesen, Ende Januar 1848 wieder nach Brüssel zurück gekommen war.24 Den Auftrag dazu hatten sie im Dezember 1847 in London auf dem Gründungskongress des Bundes der Kommunisten erhalten, eines Geheimbundes von emigrierten Intellektuellen und Handwerkeraktivisten.25
Im Manifest fassten Marx und Engels ihre materialistischen Auff assungen von Geschichte und Gesellschaft zusammen, die sie seit 1844 entwickelt hatten. Politische Bewegungen, Institutionen und Ideen werden als historisch und klassenmäßig basiert beschrieben, letztlich bedingt durch makrogesellschaftliche Basis -prozesse wie die Entfesselung der Produktivkräfte, die mit der industriellen Revolution zuerst in Großbritannien und dann im beginnenden 19. Jahrhundert auch im westlichen Kontinentaleuropa eingesetzt hatte. Dem Wirtschaftsbürgertum, der „Bourgeoisie“, wird eine „höchst revolutionäre Rolle“ attestiert, die sich in beeindruckenden „Umwälzungen der Produktions- und Verkehrsweise“ manifestiere, aber ebenso auch in einem „entsprechenden politischen Fortschritt“.26 In einer Art Fortschrittsdialektik wird an die immanente Widersprüchlichkeit des Kapitalismus die Möglichkeit kollektiver Befreiung geknüpft, deren Subjekt das revolutionäre „Proletariat“ sein soll.
Im Frühjahr 1848 vermutlich in ein- bis zweitausend Exemplaren auf dem europäischen Kontinent verbreitet,27 entfaltete das Manifest in der Revolution von 1848/49 kaum Wirkung. Seine eigentliche Wirkungsgeschichte begann erst 1872 und vor allem im 20. Jahrhundert, in dem es in erster Linie als kommunistisches Parteiprogramm gelesen wurde.28 1998, an seinem 150. Geburtstag, wurde es dann als hellsichtige Darstellung der kapitalistischen Globalisierung entdeckt. Der britische Historiker Eric Hobsbawm zeigte sich „verblüff t … über die Schärfe der Vision eines – damals noch weit in der Zukunft liegenden – wahrhaft globalen Kapitalismus“.29
Mit den erwähnten vier Publikationen werden diese für Engels und Marx prägenden Jahre in Manchester, Brüssel und Paris nur unzureichend erfasst. Von Manchester aus schilderte Engels in zahlreichen Korrespondentenberichten deutschen Oppositionszeitungen die britischen Politik- und Sozialverhältnisse und englischen Blättern die kontinentaleuropäischen. In der von Robert Owen herausgegebenen britischen Zeitung The New Moral World behauptete er, England, Frankreich und Deutschland, die drei großen und zivilisierten Länder Europas, hätten erkannt, dass eine durchgreifende Revolution der sozialen Verhältnisse auf der Grundlage des Gemeineigentums jetzt zu einer dringenden und unvermeidlichen Notwendigkeit geworden sei.30
Manifest der Kommunistischen Partei, 1848.
In einer Artikelserie, die Engels noch vor seinem Buch Die Lage der arbeitenden Klasse inEngland veröffentlichte, beschrieb er 1844 die „Revolutionirung der englischen Industrie“ als eigendynamischen Prozess, der durch nichts aufzuhalten und „die Basis aller modernen englischen Verhältnisse“ sei.31 Die „Schöpfung des Proletariats durch die industrielle Revolution“ sah er „für England“ als das „wichtigste Resultat des achtzehnten Jahrhunderts“.32 Der Begriff „Proletariat“ hatte sich erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts zu verbreiten begonnen. Als Marx Ende 1843 das „Proletariat“ als revolutionäres Subjekt politisch deutete, dachte er noch nicht an die Industriearbeiter. Für ihn war es vielmehr ein Auflösungs- und Verfallsprodukt, eine „Menschenmasse“, die „vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstandes“ hervorgehe.33
„Capital and Labour“, 1843.
1845/46 fanden sich Engels und Marx mit anderen Kommunisten in Brüssel in einer „kleine[n] deutsche[n] Kolonie“ (Jenny Marx)34 zusammen. Haus an Haus lebend, verfassten sie die als Deutsche Ideologie bekannt gewordenen Manuskripte.35 In ihnen lässt sich nachvollziehen, wie Engels und Marx, von der Religions- und Philosophiekritik kommend und die französischen und englischen Sozialwissenschaften und Sozialisten diskutierend, begannen, ihre „materialistische Geschichtsauffassung“ zu entwickeln. Ab 1890 sprach Engels auch vom „historischen Materialismus“.36 Ihr Ziel war, die Welt anders zu sehen, Zusammenhänge und Entwicklungen zu erkennen, aber auch die Grundlagen der Erkenntnisweisen zu erneuern. Als „praktische Materialisten, d. h. Kommunisten“ wollten sie den „voraussetzungslosen Deutschen“ zunächst Basiswissen vermitteln, damit diese die sie umgebende sinnliche Welt als „Produkt der Industrie“ begreifen könnten. Die damaligen Wissenssysteme waren aus ihrer Sicht nicht auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse vorbereitet, die durch Spannungen und Konflikte zwischen den Produktionsverhältnissen (Eigentums-, Klassen- und Distributionsstrukturen) und Produktivkräften vorangetrieben wurden. Unter die Produktivkräfte, für sie treibender Motor des sozialen Wandels, subsumierten sie die wachsenden Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen genauso wie technische Erfindungen und die Erschließung neuer Werkstoffe. Aus ihrer Sicht hatten sich „die Produktivkräfte & die Verkehrsformen“ bereits „soweit entwickelt …, daß sie unter der Herrschaft des Privateigenthums zu Destruktivkräften geworden“ seien.37 Eine Sicht, die der 74-jährige Engels 1895 in seinem letzten größeren Text selbstkritisch korrigieren sollte.38 Die skizzierten grundlegenden Überlegungen formulierten Marx und Engels damals gemeinsam. So ermächtigte Engels im Januar 1847 Marx ausdrücklich, die gemeinsamen Ergebnisse für seinen Anti-Proudhon, also seine Kritik des französischen Sozialisten Pierre Joseph Proudhon, verwenden zu dürfen.39
In der belgischen Hauptstadt vollzogen Engels und Marx auch den Schritt in die aktive Politik. 1847 wurden sie Mitbegründer des Bundes der Kommunisten, in dessen Auftrag sie das Manifest der kommunistischen Partei verfassten. Im Vorfeld war Engels im Juni 1847 zunächst an der Formulierung des Entwurfs eines kommunistischen Glaubensbekenntnisses beteiligt40 und schrieb im Oktober/November die Grundsätze des Kommunismus. Die zukünftige „Gütergemeinschaft“, heißt es in dem Entwurf, sei „auf die durch die Entwicklung der Industrie, des Ackerbaus, des Handels und der Kolonisation erzeugte Masse von Produktionskräften und Lebensmitteln, und die in der Maschinerie, den chemischen u. andern Hülfsmitteln liegende Möglichkeit ihrer Vermehrung ins Unendliche“ begründet.41 „Das Proletariat ist entstanden durch die industrielle Revolution“, diese wiederum „durch die Erfindung der Dampfmaschine, der verschiedenen Spinnmaschinen, des mechanischen Webstuhls und einer ganzen Reihe anderer mechanischer Vorrichtungen“, erklärte Engels in den Grundsätzen.Über die proletarische Revolution heißt darin, dass sie „vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen“ werde. Aber die „Demokratie“ werde „dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt“ wird.42
2019 tauchte im Auktionshandel für die wahnwitzige Summe von 450 000 Euro das bisher völlig unbekannte Rundschreiben Der Congress an den Bund auf, das Engels als Schriftführer des Gründungskongresses des Kommunistenbundes im November/Dezember 1847 mitverfasste. Angesichts der „in allen Ländern Europa’s“ zu beobachtenden „bedeutende[n] Bewegungen“, heißt es in dem auf den 15. Dezember 1847 datierten Dokument, stehe auch in Deutschland „endlich … der entscheidende Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem absoluten Königthum mit seinen Anhängseln von Adligen, Beamten, Soldaten und Pfaffen unmittelbar bevor“.43 Zuvor hatte Engels in der Londoner Bildungs-Gesellschaft am 30. November 1847 deutschen Arbeitern die weltgeschichtliche Entwicklung seit der Entdeckung Amerikas skizziert. Seit dem „Emporkommen der Maschinen“ werde „der barbarische Zustand“ aller Länder fortwährend ruiniert. Die „ganze menschliche Gesellschaft, die früher aus 4–6 verschiedenen Klassen bestand, teilte sich in zwei einander feindlich gegenüberstehende Klassen“. „Die Arbeiter der ganzen Welt haben überall gleiche Interessen, überall verschwinden die verschiedenen Klassen und die verschiedenen Interessen fallen zusammen.“44
E. Chapiro, Karl Marx und Friedrich Engels in der Redaktion der Neuen Rheinischen Zeitung, Köln 1848, 1961.
Am 24. Februar 1848 wurde nach kurzen, heftigen Barrikadenkämpfen in Paris der Thron des französischen Königs Louis Philippe öffentlich verbrannt und die Republik proklamiert. Engels, Ende Januar aus Paris ausgewiesen, erlebte in der Nacht vom 25./26. Februar am Brüsseler Bahnhof mit, wie die Nachricht vom erfolgreichen Aufstand eintraf.45 „Wir gestehen, daß wir diesen glänzenden Erfolg des Pariser Proletariats nicht gehofft haben“, schrieb Engels in der Deutschen-Brüsseler-Zeitung. „Drei Mitglieder der provisorischen Regierung gehören der entschiedenen demokratischen Partei an … Der vierte ist ein Arbeiter46 – zum Erstenmal in irgend einem Lande der Welt“. Er sah „die Zeit der Demokratie“ anbrechen.47
Gemeinsam mit Marx eilte er über Paris nach Köln, wo es Marx gelang, mit Unterstützung rheinischer Demokraten die Neue Rheinische Zeitung aus der Taufe zu heben. Die Tageszeitung erschien ein knappes Jahr lang, vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849, als „Organ der Demokratie“. In dem kurzen Moment, in dem in Deutschland Pressefreiheit bestand, erreichte das Blatt, finanziert durch eine Kommanditaktiengesellschaft nach französischem Recht, eine Auflage von 5000 bis 6000 Exemplaren. Im Konzert der deutschsprachigen Zeitungen war es eine eigene, am französischen Beispiel orientierte republikanische Stimme.
Zum ersten und einzigen Mal war Engels Redakteur einer Tageszeitung, der Kommentare und Leitartikel schrieb und tägliche Nachrichtenberichterstattung machte. Um einer – möglicherweise längeren – Untersuchungshaft wegen republikanischer Reden zu entgehen, floh er Ende September 1848 aus Köln und hielt sich von Oktober 1848 bis Januar 1849 in der Schweiz auf. Aus Bern berichtete er als Auslandskorrespondent über die Bundesstaatswerdung der Schweiz. In seiner Publikationsliste hält er seine Redakteursfunktion ausdrücklich fest und betont, Marx als Chefredakteur vertreten zu haben, wenn dieser auf Reisen war, was im August/September 1848 und im April/Mai 1849 der Fall war.
Am Beispiel Englands und Frankreichs hatten Engels und Marx 1846/47 die Vorstellung eines mehrstufigen politischen Revolutionsprozesses entwickelt, der in einer sozialen Umgestaltung münden sollte. In dem Manuskript Der Status quo in Deutschland von 184748 hatte Engels die politischen Konsequenzen formuliert, die sich aus der wirtschaftlichen und politischen Zurückgebliebenheit Deutschlands ergaben. In Preußen und anderen deutschen Einzelstaaten sah er die spätabsolutistische Herrschaft bürokratisch überformt. Eine Klasse von Regierungs- und Verwaltungsbeamten konzentriere alle Macht in ihren Händen. Während 1848 die Pariser Februarrevolution in Frankreich die Republik proklamierte, machten die deutschen Märzrevolutionen vor den Thronen Halt. Engels und Marx hofften, dass auch in Deutschland die liberale National- und Verfassungsrevolution die demokratische Republik durchsetze. Aus der „halben“ deutschen Revolution sollte möglichst rasch eine ganze republikanische werden. Zeit ihres Lebens waren sie der Überzeugung, dass den revolutionären Umwälzungen eine bürgerliche Rechts- und Verfassungs-revolution vorausgehen müsse. 1848 sollte die anzustrebende Republik erste soziale Eingriffe in das Privatrecht und Privateigentum ermöglichen, wie es in Paris zunächst auch zu geschehen schien. Unklar blieb jedoch, wie dies unter den komplexen und heterogenen mitteleuropäischen Verhältnissen hätte realisiert werden können, nicht zuletzt da 1848/49 mit einer Republik allzu weitgehende gesellschaftspolitische Zielvorstellungen verknüpft wurden.49
In der Neuen Rheinischen Zeitung bearbeitete Engels ein beeindruckend breites Themenspektrum. Es reichte von dem deutsch-dänischen Krieg, den Revolutions- und Kriegsereignissen in Italien und Ungarn bis hin zu Debatten in der deutschen Nationalversammlung in Frankfurt am Main und in der preußischen in Berlin. Arbeitsteilig mit Marx sezierte er wichtige Gesetzesvorhaben. Als die Berliner Regierung in einem Pressegesetzentwurf die Strafen für die „Verläumdung“ von Staatsbeamten verschärfte, sah Engels die Gefahr, dass die Presse, „die einzig wirksame Kontrolle“, „nicht mehr berichten“ könne, sondern „nur noch allgemeine Phrasen machen“ dürfe.50
Die komplexen nationalen, sozialen und agrarischen Problemlagen Mittel, Ost- und Südeuropas analysierte und bewertete er aus der Perspektive und den Erfahrungen eines rheinischen Radikalen, für den die Aufhebung feudaler Rechte und Privilegien in Frankreich in der Nacht vom 4./5. August 1789 als vorbildhaft galt. Für die Neue Rheinische Zeitung nahm er in Anspruch, „vom ersten Augenblick an in Posen für die Polen, in Italien für die Italiäner, in Böhmen für die Czechen Partei ergriffen“ zu haben.51 Den – aus seiner Sicht – nicht-revolutionären Völkern, damit der Mehrheit der slawischen Nationalitäten, billigte er das Recht auf einen eigenen, unabhängigen Staat nicht zu, auch nicht den Tschechen.
Als Engels Ende Januar 1849 von Bern nach Köln zurückkehrte, sah er die Revolutionsentwicklung zwar noch im Fluss, aber seine und Marx’ Hoff nungen auf einen neuerlichen Anstoß richteten sich auf Entwicklungen in Frankreich, Ungarn und Italien, nicht auf diejenigen in Deutschland. „Die Niederlage der Piemontesen ist wichtiger als alle deutschen Kaiserpossen zusammen“, kommentierte Engels Ende März 1849 das erneute Scheitern der Italiener, Österreich aus Norditalien zurückdrängen. „Aber wenn nicht alle Zeichen trügen, so wird gerade diese Niederlage der italienischen Revolution das Signal sein zum Losbruch der europäischen Revolution. … Paris ist reif zu einer neuen Revolution.“52 Nach Anfangserfolgen der habsburgischen Truppen begannen die Ungarn Anfang 1849 allmählich vorzurücken. Sobald der Grenzfl uss zwischen Ungarn und Deutsch-Österreich, überschritten sei, werde es in Wien zur „fünften Revolution“ kommen, „eine Revolution, die nicht blos eine österreichische, sondern zugleich eine europäische“ sein werde, prognostizierte Engels.53 Als in der letzten Aprilwoche 1849 in Deutschland eine neue, eine dritte Aufstandsbewegung losbrach, die die Verwirklichung der Reichsverfassung zum Ziel hatte, wurde Engels, der Marx gerade als Chefredakteur vertrat, völlig überrascht. Am 19. Mai 1849 erschien die letzte Ausgabe, ganz in Rot.
Neue Rheinische Zeitung, 19. Mai 1849.
Nachdem Engels in Süddeutschland gegen preußische Truppen für die Durchsetzung der von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen deutschen Reichsverfassung gekämpft und sich in die Schweiz hatte retten können, kam er am 12. November 1849 mit einem englischen Segelschiff in London an. Großbritannien war eines der wenigen europäischen Länder, die politischen Flüchtlingen Schutz boten. Zunächst versuchte er seinen Lebensunterhalt als politischer Publizist zu bestreiten. Im Oktober 1850 trat er dann in das väterliche Textilunternehmen in Manchester ein. Dort war er zwei Jahrzehnte lang zunächst als Angestellter, dann als Teilhaber für die Firma Ermen & Engels tätig, die Nähzwirn und Strickgarn herstellte. Er führte die vielsprachige Korrespondenz des Unternehmens, das über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügte. Und seit 1854 war er an der Börse von Manchester zugelassen, die den britischen Baumwollmarkt bestimmte. Seiner politischen Schriftstellerei konnte er nur abends und sonntags nachgehen. „Morgens allerspätestens um 10 Uhr“ sei er „auf dem Comptoir“, wie er Marx im März 1857 schrieb, wo er dann „bis 8 Uhr … schanzen“ müsse.54
In seiner handschriftlichen Liste führte Engels seine „Mitredaktion“ an der Zeitschrift Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue auf, die er gemeinsam mit Marx 1850 von London aus in immerhin sechs Heften herausgab. Von seinen dort veröffentlichten umfangreichen Aufsätzen listete er nur die Schilderung des gescheiterten deutschen Bauernaufstands von 1525 Der deutsche Bauernkrieg55 auf, wahrscheinlich weil sie 1870 als eigenständige Broschüre nachgedruckt wurde und bis 1875 drei Auflagen erlebte,56 nicht jedoch seine zeitgeschichtlichen Erinnerungen Die deutsche Reichsverfassungskampagne57 und auch nicht die gemeinsam mit Marx verfassten, „Revue[n]“ genannten Übersichten über die politische und ökonomische Entwicklung in Europa. In der Revue. Mai bis Oktober 1850, die im letzten Heft erschien, kamen Engels und Marx zur Einsicht, dass „die revolutionäre Partei … überall vom Schauplatz zurückgedrängt“ sei und dass angesichts einer allgemeinen wirtschaftlichen Prosperität „von einer wirklichen Revolution keine Rede“ mehr sein könne. „Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die bürgerlichen Produktionsformen, mit einander in Widerspruch gerathen“. „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis.“58 Unerwähnt ließ Engels ebenfalls seine Mitarbeit an verschiedenen Blättern der britischen Chartisten, für die er „unechte“, fiktive Korrespondentenberichte Letter from Germany und Letter from France schrieb.
Darüber hinaus erwähnte Engels in seinem handschriftlichen Publikationsverzeichnis noch drei tagesaktuelle Broschüren. In Po und Rhein59 (1859) und Savoyen, Nizza und der Rhein60 (1860), die beide anonym in Berlin erschienen, diskutierte er die militärstrategischen und nationalpolitischen Fragen, die der Zweite Italienische Unabhängigkeitskrieg von 1859 für die politischen Bewegungen in Deutschland aufwarf. Im preußischen Heeres- und Verfassungskonflikt bezog er mit seiner Schrift Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei61 1865 Stellung. Die Arbeiterbewegung forderte er auf, „die von den Bürgern verratene Agitation für bürgerliche Freiheit, Pressfreiheit, Versammlungs- und Vereinsrecht“ fortzuführen. „Ohne diese Freiheiten kann sie [die Arbeiterpartei] selbst sich nicht frei bewegen“.62
Engels unterließ jeden Hinweis auf die von 1851 bis 1862 dauernde Korrespondententätigkeit für die New York Tribune. Die 1841 gegründete US-amerikanische Zeitung war Sprachrohr einer Sammlungsbewegung gegen die Ausdehnung der Sklaverei, aus der 1854 die Republikanische Partei hervorging. Sie umfasste eine Tagesausgabe, eine halbwöchentliche und eine wöchentliche Ausgabe und war mit einer Gesamtauflage von knapp 150 000 (1854) bzw. 287 000 Exemplaren (1861) die auflagenstärkste Zeitung der damaligen Welt. Offiziell war Marx Korrespondent der Zeitung, tatsächlich war Engels Autor und Mitautor vieler Berichte und Analysen, für die Marx honoriert wurde. Engels’ Mitwirkung blieb lange Zeit – nicht nur gegenüber der New Yorker Redaktion – ein sorgsam gehütetes Geheimnis. Engels lüftete es erst 1892. In der erwähnten biografi schen Skizze über Marx für das Handwörterbuch schrieb er, dass die „militärischen“ Tribune-Korrespondenzen, unter anderen „über den Krimkrieg, die indische Rebellion etc.“, von ihm stammten.63 Der tatsächliche Umfang der Mitarbeit von Engels wurde erstmals durch die Herausgabe des Marx-Engels-Briefwechsels 1913 deutlich. Von den insgesamt mehr als fünfh undert Artikeln und Artikelfolgen, die die New-York Tribune von beiden veröff entlichte, hatte Engels mindestens einhundertundsiebzig verfasst. Zeitweise schrieb er – ebenfalls gemeinsam mit Marx – auch Beiträge für das 16-bändige amerikanische Lexikon New American Cyclopaedia.64 Im Gegensatz zu Marx empfand Engels die Lexikonarbeit als „sehr nützlich[en]“ „encyclopädische[n] Cursus“, durch den er vor allem seine militärhistorischen Kenntnisse erweiterte.65
The New American Cyclopædia. Dieses von Georg Ripey und Charles Anderson Dana herausgegebene 16-bändige Werk erschien zwischen 1858 und 1863 in New York. Unter dem Namen von Karl Marx veröffentlichte Friedrich Engels zahlreiche Artikel zu militärischen Stichworten.
Engels’ Artikelserie Revolution and Counter-Revolution in Germany, mit der er in gewisser Weise seinen 1850 veröff entlichten Text Die deutsche Reichsverfassungskampagne fortsetzte, erschien 1851/52 als erster Marx’scher Text in der Tribune. In der Folgezeit schrieb Engels über die militärischen Auseinandersetzungen in Europa und in den Kolonien sowie über die mit Russland zusammenhängenden Fragen. „Ich habe seit ich hier in Manchester bin, angefangen Militaria zu ochsen“, berichtete Engels im Juni 1851 einem befreundeten ehemaligen Artillerieleutnant.66 Im Eigenstudium erschloss er sich das Rüstzeug, um militärische Kriegs- und Kampfh andlungen systematischer analysieren zu können. Darüber hinaus erlernte er weitere Sprachen, unter anderen auch Russisch, was es ihm möglich machte, die unterschiedlichsten Zeitungs- und Informationsquellen heranzuziehen. Den Krimkrieg, der sich von einem türkisch-russischen zu einem europäischen Krieg ausweitete und in den bis auf Preußen alle europäischen Großstaaten eingriff en, kommentierte Engels gestützt auf britische Zeitungsmeldungen und vor ihm liegende Landkarten. Ebenso besprach er den indischen Aufstand von 1857/58 und den italienischen Unabhängigkeitskrieg von 1859. Über den Amerikanischen Bürgerkrieg schrieb er 1861/62 in der Wiener Tageszeitung Die Presse. Gleichzeitig beabsichtigte er, eine Geschichte der Revolutionskriege von 1848/49 in Italien und Ungarn zu verfassen.
1869 zog sich Engels mit noch nicht 49 Jahren aus dem Berufsleben zurück und lebte fortan von den Erträgen aus seinen Aktiengeschäften. Weder über den Unternehmer noch über den als eigener Fondsmanager agierenden Engels ist viel bekannt. Als Firmenteilhaber und durch Kommissionsgeschäfte, die er nebenher getätigt hatte, war es ihm gelungen, ein stattliches Vermögen zu erwirtschaften, das er zu einem Großteil in Aktien anlegte, „meist Gas Actien, dann Waterworks- & Eisenbahn Actien, alles englische Gesellschaften“, wie er 1869 seinem Bruder Hermann schrieb.67 Er war sogar in der Lage, Marx und dessen Familie eine Jahresrente zu finanzieren. Überlieferte Kontoauszüge zeigen, dass er auch später fortwährend Aktien- und Kommissionsgeschäfte tätigte.68 Im September 1870 siedelte er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Lizzie Burns und deren Nichte Mary Ellen Burns von Manchester in ein Reihenhaus in der Londoner Regent’s Park Road um, wo er bis zu Marx’ Tod 1883 nur zehn Minuten Fußweg entfernt von Marx und dessen Familie lebte. „Täglich […] kam Engels zu meinem Vater, häufig gingen sie miteinander spazieren“, schrieb Marx’ jüngste Tochter Eleanor 1890, „und ebenso oft blieben sie daheim und gingen in meines Vaters Zimmer auf und ab“.69
Engels entfaltete nun ein facettenreiches politisches, publizistisches und auch wissenschaftliches Wirken. Seine handschriftliche Publikationsliste gibt auch darüber nur zum Teil Auskunft, obwohl die Mehrzahl der von ihm aufgeführten Schriften in dieser Lebensphase entstand.
Für deutsche, aber auch französische, englische und italienische sozialistische Zeitungen und Zeitschriften schrieb er zahlreiche Artikel. In seinem Publikationsverzeichnis führt er jedoch nur die Texte auf, die in sozialdemokratischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen und als selbständige Broschüren – teilweise in mehreren Auflagen – nachgedruckt wurden. Mit langem Atem und große Linien ziehend, diskutierte er zeitgeschichtliche Entwicklungen und sozialistische Handlungsoptionen, wobei seine Texte durch scharfe und oft verletzende Polemik oder allzu nassforsche Behauptungen immer wieder auf Ablehnung stießen.
In seiner polemischen Artikelserie Zur Wohnungsfrage von 1872 kritisierte er in der Leipziger Zeitung Der Volksstaat die Maßnahmen der „Bourgeoisie“ zur Lösung der Wohnungsnot, die er für unzureichend hielt. „[S]o lange die kapitalistische Produktionsweise besteht“, resümierte er seine Kritik, „so lange ist es Thorheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andre, das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneignung aller Lebens- und Arbeitsmittel durch die Arbeiterklasse selbst.“70 1876 behauptete er in der gleichen Zeitung in seiner Artikelfolge Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag, Preußen sei zum Untergang verurteilt, wenn die großagrarische Kartoffelbranntweinindustrie durch die russische Konkurrenz ihre Vorherrschaft auf dem Weltmarkt verliere: „Mit dem Sturz der Branntweinbrennerei stürzt der preußische Militarismus, und ohne ihn ist Preußen nichts.“ Da helfe „kein Klagen und kein Jammern“, die „Gesetze der kapitalistischen Produktion“ würden unerbittlich auch für „Junker“ und Großgrundbesitzer gelten.71
Noch zu Marx’ Lebzeiten verhalf Engels durch eine beinahe enzyklopädisch angelegte Zusammenfassung seiner und Marx’ Arbeiten ihren Theorien zu großer Verbreitung und Anerkennung. Zu Beginn der 1870er Jahre konnte der Berliner Privatdozent Eugen Dühring beträchtlichen Einfluss auf die sich formierende deutsche Sozialdemokratie gewinnen. Dühring erhob den Anspruch, die Lehren von der Gesellschaft und der Revolution zu erneuern. Der Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht, Redakteur des Volksstaats, und Marx drängten Engels, eine umfassende Kritik der Schriften Dührings zu verfassen, die als Anti-Dühring bekannt wurde und 1877/78 zunächst als Artikelserie und dann als Buch erschien. Aus Engels’ Sicht war „der Sozialismus eine Wissenschaft“ geworden. Aufgrund ihres oberlehrerhaften Tones stießen seine Artikel zunächst auf vehemente Kritik. Führende Sozialdemokraten forderten sogar, ihren Abdruck einzustellen. Die Einleitung und die vom Sozialismus handelnden Schlusskapitel publizierte Engels in einer revidierten Veröffentlichung unter dem Titel Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch und auch auf Englisch.72 Die Schrift wurde zu einem der einflussreichsten Texte des „Marxismus“.
Nach Marx’ Ableben 1883 fand Engels in dessen Nachlass umfangreiche kommentierende Auszüge, die Marx im Sommer 1880 aus dem Buch des amerikanischen Anthropologen Lewis Henry Morgan Ancient Society (1877) notiert hatte. „Über die Urzustände der Gesellschaft existirt ein entscheidendes Buch, so entscheidend wie Darwin für die Biologie“, berichtete Engels im Februar 1884 dem Sozialdemokraten Karl Kautsky, Redakteur der Theorie-Zeitschrift Neue Zeit, „Morgan hat die Marx’sche materialistische Geschichtsanschauung in den durch seinen Gegenstand gebotenen Grenzen selbstständig neu entdeckt und schließt für die heutige Gesellschaft mit direkt kommunistischen Postulaten ab.“ Der Sozialdemokrat Eduard Bernstein, Redakteur der Wochenzeitung Der Sozialdemokrat, der sich im Februar/März 1884 in London aufhielt, erinnerte sich später (1918), dass ihm Engels „Abend für Abend bis in die tiefe Nacht“ aus Marx’ Manuskripten und „dem Entwurf eines Buches, dem er Marx’ Auszüge aus des Amerikaners Lewis Morgan ‚Ancient Society‘ zugrunde legte“, vorgelesen habe.73 Trotz Zeitmangel verfasste Engels im April/Mai 1884 die Schrift Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats.74 Seine erste größere Publikation nach Marx’ Ableben wurde „die Vollführung eines Vermächtnisses“. Die zukünftige, nicht mehr nach Reichtum jagende Gesellschaft werde „eine Wiederbelebung – aber in höherer Form – der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Gentes“ sein, zitiert Engels zum Schluss Morgan.75
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchsen in den sich formierenden europäischen Arbeiterbewegungen die Bildungs, Orientie-rungs- und Legitimationsbedürfnisse. Über Marx’ literarischen Nachlass verfügend, erhöhte sich der Druck auf Engels, eigene Beiträge zu liefern und zugleich zu ermöglichen, dass frühere Texte von ihm und von Marx übersetzt und nachgedruckt wurden.
In dem um die Jahreswende 1889/90 entstandenen Text Die auswärtige Politik des russischen Zarentums
