Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke - Christiane Franke - E-Book
BESTSELLER

Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke E-Book

Christiane Franke

0,0
9,99 €

Beschreibung

Martha Frisch ermittelt – und wie! Ostfriesland, 1958: Martha Frisch ist Witwe, eine patente Mittfünfzigerin und ihrer Zeit voraus. In ihrer Heißmangelstube in Leer kriegt sie allerhand Klatsch und Tratsch mit. Als eine treue Kundin, die junge Edelprostituierte Vera Malottke, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, zerreißt sich die ganze Stadt das Maul über das frivole Frauenzimmer. Die Polizei zeigt wenig Einsatz und legt sich schnell auf den Täter fest: einen alten Freund der Toten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Schließlich möchte man die Honoratioren der Stadt – allesamt Veras Kunden – nicht in die delikate Angelegenheit hineinziehen. Gemeinsam mit ihrem Großneffen, dem Wachtmeister Hans Frisch, und ihrer Enkelin Annemieke wehrt Martha sich gegen diese Doppelmoral und begibt sich auf die Suche nach dem wahren Täter.  «Martha ist eine Frau, die gelernt hat, sich nicht mit einfachen Antworten abzufinden.» Carmen Korn «Ein Fünfzigerjahre-Krimi mit viel Herz, Zeitkolorit und einer Heldin, die ihrer Zeit voraus ist. Großartig!» Gisa Pauly

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 383

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Christiane Franke • Cornelia Kuhnert

Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke

Kriminalroman

 

 

 

Über dieses Buch

Martha Frisch ermittelt – und wie!

 

Ostfriesland, 1958: Martha Frisch ist Witwe, eine patente Mittfünfzigerin und ihrer Zeit voraus. In ihrer Heißmangelstube in Leer kriegt sie allerhand Klatsch und Tratsch mit. Als eine treue Kundin, die junge Edelprostituierte Vera Malottke, tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, zerreißt sich die ganze Stadt das Maul über das frivole Frauenzimmer. Die Polizei zeigt wenig Einsatz und legt sich schnell auf den Täter fest: einen alten Freund der Toten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Schließlich möchte man die Honoratioren der Stadt – allesamt Veras Kunden – nicht in die delikate Angelegenheit hineinziehen.

Gemeinsam mit ihrem Großneffen, dem Wachtmeister Hans Frisch, und ihrer Enkelin Annemieke wehrt Martha sich gegen diese Doppelmoral und begibt sich auf die Suche nach dem wahren Täter.

 

«Martha ist eine Frau, die gelernt hat, sich nicht mit einfachen Antworten abzufinden.» Carmen Korn

Vita

Christiane Franke wurde an der Nordseeküste geboren und lebt immer noch gerne dort. Neben ihren gemeinsamen Projekten mit Cornelia Kuhnert schreibt sie eine Krimiserie um die Wilhelmshavener Kommissarinnen Oda Wagner und Christine Cordes.

 

Cornelia Kuhnert lebt in Hannover und hat dort als Lehrerin gearbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Kriminalromane veröffentlicht und Anthologien herausgegeben.

Gemeinsam veröffentlichen die Autorinnen bei rororo ihre erfolgreiche Ostfriesland-Krimireihe um Dorfpolizist Rudi, Postbote Henner und Lehrerin Rosa, die regelmäßig auf der Spiegel-Bestsellerliste steht.

 

Mehr unter www.kuestenkrimi.de

Prolog

Vera Malottke fühlt sich unsicher.

Dieses Gefühl kennt sie seit Jahren nicht mehr. Und kann es sich auch nicht erlauben. Mit äußerster Sorgfalt hat sie sich für den Abend zurechtgemacht. Sich besondere Mühe mit den Häppchen gegeben. Pumpernickel mit echtem Lachs. Nicht nur Seelachsschnitzel. Außerdem Käsespieße mit Gewürzgurken. Kaviarbrot und Griebenschmalz. Das Bier hat sie extra für ihn gekauft und zusammen mit dem Sekt, den sie so gerne trinkt, kalt gestellt. Salzbrezeln stehen auf dem Tisch. Und Zartbitterschokolade. Er liebt Zartbitterschokolade.

Anders als sonst hat sie heute drei Anläufe gebraucht, um die richtige Aufmachung zu finden. Nicht zu frivol, aber auch nicht zu bieder.

Im Hausflur hört sie die lütte Reuters singen. Sie kommt wohl gerade mit ihrer Mutter vom Spielplatz zurück. Vera mag Karin, sie ist ein aufgewecktes und fröhliches Kind.

Ihre Hand streicht über ihren Bauch.

Auch in ihr wächst ein Kind. Das war nicht geplant und ist eine Herausforderung für ihren Lebenswandel. Aber dieses Mal will sie alles richtig machen. Dieses Mal will sie für ihr Kind da sein.

Es klingelt an der Tür.

Sie atmet tief ein. Wirft einen prüfenden Blick in den Flurspiegel. Mit geübtem Handgriff richtet sie noch einmal die Haare am Hinterkopf. Dann öffnet sie die Tür.

Freitag

Martha

Die Glöckchen über der Ladentür von Frischs Heißmangelstube bimmeln fröhlich. Inhaberin Martha Frisch begrüßt die Bäckersfrau Ursula Wissmann und ihre Freundin Gesine. Jeden Freitagmorgen kommen sie in die Heißmangelstube und verbinden ihre Hausarbeit mit einem vergnüglichen Plauderstündchen. In der Bäckerei Wissmann, die Ursulas Mann in dritter Generation führt, fällt jede Menge Wäsche an, und Gesine muss freitags nicht ins Geschäft ihres Mannes.

Ja, die beiden haben Glück gehabt. Ihre Männer sind damals unverletzt aus dem Krieg heimgekehrt und konnten die Familienbetriebe weiterführen. Marthas Mann dagegen kam erblindet zurück und konnte den Polizeidienst nicht weiter versehen. Sie mussten sich ordentlich krummlegen, um nach der Währungsreform 1948 die Heißmangel anschaffen zu können. Es ging gerade wieder bergauf, als das große Unglück passierte.

Aber sie will nicht jammern, sie hat ihr Leben im Griff. Die Arbeit macht ihr Spaß, und sie ist ihr eigener Herr, was man von der Bäckersfrau und ihrer Freundin nicht behaupten kann. Ursula hat letztens erst gesagt, wie gern sie den Führerschein machen würde, aber ihr Mann ist dagegen. Er steht auf dem Standpunkt, Frauen sollten sich um Kindererziehung und Haushalt kümmern, technische Dinge seien Männersache. Hermann dagegen war stolz auf Martha, dass sie während des Kriegs den Führerschein gemacht hat, um beim Roten Kreuz Transporte zu übernehmen.

«Habt ihr euch gestern die Kochsendung von Clemens Wilmenrod angeschaut?» Martha blickt die beiden neugierig an. Was der Koch wohl wieder gezaubert hat? Sie selbst besitzt leider keinen Fernsehapparat.

«Schon, aber dieses Mal war es nicht so toll.» Ursula winkt ab. «Nur ein Zusammenwürfeln von Hackfleisch, Gewürzgurken, Äpfeln, Eiern, Meerrettich und anderem Kram. Arabisches Reiterfleisch nennt er das. Das koche ich auf keinen Fall nach. Der Toast Hawaii dagegen ist genial. Mit dem kann man prima Gäste beeindrucken», schwärmt Ursula.

Die Glöckchen bimmeln erneut, und Martha schaut überrascht auf, als Traudel, die nebenan die Änderungsschneiderei betreibt und obendrein im selben Mietshaus wie Martha wohnt, mit roten Wangen hereinkommt.

«Nanu, was treibt dich denn so früh hierher?» Normalerweise treffen sie sich erst um elf auf ein Teepäuschen, denn Traudel hat auch gut zu tun. Nicht nur mit dem Abändern von Kleidung, sondern auch mit dem Reparieren von Seidenstrümpfen. Wie geschickt sie die Laufmaschen aufnimmt! Aus der ganzen Stadt kommen die Damen, damit sie deren kostbare Strümpfe rettet.

«Ich muss jetzt unbedingt mit jemandem reden. Die ganze Nacht hab ich nicht schlafen können, und gerade ist es im Laden etwas ruhiger.» Sie atmet aufgeregt ein und aus.

«Dann erzähl mal, was hat dich um den Schlaf gebracht?» Martha schiebt eine quadratische Tischdecke zwischen die dampfenden Rollen, achtet sorgfältig darauf, dass dabei keine Falten entstehen, und streicht zwischendurch eine Strähne aus der Stirn, die sich unter dem keck gebundenen Kopftuch hervorgewagt hat.

Traudel holt tief Luft. Ihr beachtlicher Busen wogt, als sie zu erzählen beginnt: «Gestern Abend hab ich gehört, wie Vera Malottke mit einem Mann gestritten hat. Die haben so laut geschrien, dass ich das bei mir im Schlafzimmer verstehen konnte. Hast du das nicht auch gehört?»

«Nein, ich hab im Schrebergarten übernachtet. Ist spät geworden, ich hab so lange im Gemüsebeet geackert.»

«Da kannst du von Glück sagen, die waren vielleicht laut! Und wie der Mann gebrüllt hat! Ich hab fast Angst bekommen.»

«Worüber haben sie sich denn gestritten?», fragt Martha.

«Die Malottke ist schwanger.»

«Ach nee», entfährt es Ursula Wissmann. «Schwanger?» Ihre Augen funkeln vor Sensationslust, und auch ihrer Freundin Gesine bleibt vor Neugier der Mund offen stehen.

«Scheint so.» Traudel wirkt ganz aufgewühlt. «Und der Mann klang gar nicht begeistert, so wie der gebrüllt hat», ergänzt sie nach einem Moment des Innehaltens.

«Was hat er denn gebrüllt?», fragt Martha, während Ursula und Gesine akkurat die Tischdecke falten und auf den Stapel zu den anderen legen.

«Dass sie ihn reinlegen will, er sich aber nicht reinlegen lässt. Daraufhin hat Vera ihn angeschrien, dass er doch immer eigene Kinder haben wollte und nun sei es eben so. Und sie würde das Kind bekommen.»

«Ich glaub es nicht!», ruft Ursula Wissmann und klingt begeistert. «Und dann?»

«Dann ist irgendwas zu Boden gefallen, kurz darauf hat die Wohnungstür geknallt – und es war still.»

Still ist es jetzt auch in der Heißmangel. Martha weiß gar nicht, was sie sagen soll. Aus dem Radio flutet Conny Froboess’ glockenhelle Stimme den Raum: «Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein …»

«Meinst du, er hat ihr etwas angetan?», fragt Martha in das Schweigen hinein. Sie mag Vera Malottke, die direkt unter ihr im Mietshaus wohnt und jede Woche reichlich Mangelwäsche bringt. Dass sie als Kartenlegerin, wie es auf ihrem Klingelschild steht, kaum so viel Bettwäsche braucht, ist Martha natürlich klar, aber es geht sie nichts an, was andere Leute machen. Leben und leben lassen ist ihr Motto, und die junge Frau ist stets freundlich und gibt auch mal 50 Pfennig Trinkgeld.

Traudel schüttelt den Kopf. «Ich glaub nicht, dass ihr was passiert ist, ich hab später noch den Fernseher laufen gehört.»

«Weißt du denn, wer der Mann war?» Martha greift nach einem Betttuch in Ursulas Korb und führt es vorsichtig zwischen die heißen Walzen der Mangel. Wasserdampf steigt auf. Baden wäre jetzt was, denkt Martha, als Conny Froboess den Refrain wiederholt. Hier drinnen ist es bullenheiß. Und das liegt nicht nur an der Mangel. Draußen sind es schon 28 Grad, und es sollen über 30 Grad werden. Viel zu warm für Mitte Juni.

«Keine Ahnung. Ich hab durch den Briefschlitz meiner Wohnungstür gelinst, als es bei ihr drüben geklingelt hat. War ja noch nicht spät. Gegen sieben oder so. Schwarze Anzugbeine und Schuhe konnte ich sehen, mehr nicht.»

Das Betttuch ist mittlerweile durchgelaufen und in Wellen auf dem Tisch gelandet. Hektisch greifen Ursula und Gesine danach. «Selbst schuld», sagt Ursula beim Falten des Stoffs. «Ich gönn es ihr. Die tut immer, als wäre sie was Besseres.»

«Also, das kann man nun nicht behaupten», widerspricht Martha, aber Ursula lässt das nicht gelten.

«Na hör mal, wenn die zu uns in den Laden kommt, ist die zurechtgemacht wie die Kaiserin Soraya. Und wie die mit ihrem roten Flitzer durch die Stadt gondelt! Aber damit ist es wohl nun vorbei. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große nach neun Monaten.» Ursula kichert boshaft.

Martha schüttelt den Kopf. «Was bist du gehässig!»

«Nun tu mal nicht so, als ob du Mitleid mit der hast», fährt Ursula ungerührt fort und greift nach ihrem Wäschekorb. «Komm, Gesine, lass uns gehen, wir sind fertig. Mir ist es hier eh viel zu heiß, ich bekomme schon Schweißflecken unter den Achseln. Was bin ich schuldig?»

Kaum haben die beiden Frauen den Laden verlassen, stößt Martha einen tiefen Seufzer aus und blickt Traudel an. «Oje, da hättest du lieber den Mund halten sollen. Die beiden werden jetzt ordentlich über Fräulein Malottke herziehen. Hoffentlich bekommst du deswegen nicht noch Ärger mit ihr.»

Montag, drei Tage später

Martha

Schon seit einer Stunde knurrt Marthas Magen. Pünktlich zur Mittagspause schließt sie den Laden ab und macht sich auf den Weg nach Hause. Ihre Wohnung liegt nur wenige Gehminuten entfernt, aber bei den hochsommerlichen Temperaturen kommt sie schon nach ein paar Metern ins Schwitzen. Martha ist froh, als sie die Tür aufsperrt und ins kühle Treppenhaus schlüpft. Jetzt schnell den Rest vom Eintopf warm machen und dann kurz die Füße hochlegen. Seit fünf Jahren macht sich im linken Bein eine Krampfader bemerkbar. Ihre Mutter hatte auch darunter zu leiden, erinnert sie sich.

Im Hochparterre bleibt sie stehen. Irgendwie riecht es heute seltsam. Nicht nur nach Kohl und Bohnerwachs. Sie rümpft die Nase und steigt die Treppen in den ersten Stock hinauf. Gott sei Dank müffelt es hier nicht so penetrant.

Sie betritt die Wohnung und grüßt freundlich die beiden Herren, die im schmalen Flur auf Marthas Untermieter, Hugo von Mühlbach, warten. Von Mühlbach ist Anwalt. Aber keiner, dem es um große Fälle und den dicken Gewinn geht. Er hat sich auf die Fahne geschrieben, den kleinen Leuten zu helfen. Denen, die sich normalerweise keinen Anwalt leisten können. Von Mühlbach kommt aus dem Osten und war lange in russischer Kriegsgefangenschaft. Seine Frau und die Kinder sind aus Schlesien zu Verwandten nach Ostfriesland geflohen, doch sie sind beim letzten Bombenangriff auf Leer ums Leben gekommen. Das hat von Mühlbach aber erst erfahren, als er hier eintraf. Groß darüber geredet hat er nicht, als er bei Martha das Zimmer als Büro angemietet hat. Das kann sie verstehen. Immer noch versuchen viele das Leid dieser Jahre zu verdrängen.

In der Küche entzündet sie die Gasflamme und erwärmt den Eintopf auf kleiner Flamme, als es an der Küchentür klopft.

«Ja bitte!»

Traudel kommt herein.

Überrascht blickt Martha sie an. «Was ist denn los?» Noch nie ist es vorgekommen, dass Traudel, die im Erdgeschoss wohnt, einfach so in ihrer Wohnung steht.

«Du, da ist was ganz komisch. Ich wollte der Malottke die reparierten Seidenstrümpfe bringen, aber die macht nicht auf. Die muss aber da sein, ihr Wagen steht vor der Tür. Also hab ich noch mal geklingelt. Wieder nichts. Da hab ich durch den Briefschlitz geschaut. Nu guck nicht so, Martha. Was sollte ich denn sonst machen? Ich sag dir, da stimmt was nicht. In der Wohnung stinkt’s.»

«Ich hab auch schon gedacht, was riecht das da unten komisch. Fast wie vor ein paar Wochen im Keller. Als da die tote Ratte lag.»

Traudel guckt sie entsetzt an. «Du denkst doch nicht etwa …?»

Martha zuckt nur mit den Schultern.

«Also gut», sagt Traudel. «Lass uns nachgucken. Den Schüssel für ihre Wohnung hab ich ja.»

Martha zögert einen Moment. «Und wenn sie nur kurz zu Fuß weg ist?»

«Das glaub ich nicht. Die macht doch keinen Schritt ohne ihr Auto. Vielleicht geht es ihr nicht gut. Vielleicht war sie doch bei einer Engelmacherin. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was ihr alles passiert sein kann. Eine meiner Schulfreundinnen ist nach so einer … Behandlung verblutet.»

Martha nickt. «Du hast recht. Wir müssen nachschauen.» Geschwind dreht sie den Gasherd ab und eilt mit Traudel an den beiden wartenden Klienten vorbei nach unten. Nachdem Traudel den Ersatzschlüssel aus ihrer Wohnung geholt hat, klingeln sie sicherheitshalber noch mal, doch auch jetzt rührt sich nichts. Mit zitternden Fingern schließt Traudel auf. Schon im Flur wird der Gestank fast unerträglich. Schnell zieht Martha ein Taschentuch aus ihrem Rockbund und hält es sich vor den Mund, auch Traudel fischt ein Tuch aus ihrer Kittelschürze.

Zögerlich betreten sie das Wohnzimmer. Und zucken zusammen, als ein Schwarm Fliegen aufschreckt und ihnen als schwarze Wolke entgegenkommt.

Hans

Polizeiwachtmeister Hans Frisch ist froh, dass der Tag schon halb rum ist. Das Wochenende war ganz schön anstrengend. Tagsüber beim Hausbau der Eltern Steine zu schleppen und abends im Tanzschuppen zu hotten, ist vielleicht doch ein bisschen viel gewesen. Aber man ist nur einmal jung. Hans fährt sich durch seine dunklen Haare, die er nach hinten gegelt trägt, und lächelt, als er daran denkt, wie er Annemieke durch den Tanzsaal gewirbelt hat, als wäre er Elvis persönlich. Oder zumindest Peter Kraus. Seine Rockabilly-Frisur kann auf jeden Fall mit beiden mithalten. Annemiekes weiter Rock samt Petticoat hat sich in gefährliche Höhen geschraubt, da hätte ihre Mutter entsetzt aufgeschrien.

Er schwelgt in seinen Erinnerungen an Samstag und packt nebenbei seine Butterbrotdose aus Aluminium auf den Schreibtisch, als jemand an die Tür klopft.

«Herein», ruft er und schiebt den Dorn durchs mittlere Loch der Lederschnalle, um die Tasche zu verschließen. Im nächsten Moment stehen Tante Martha und ihre Nachbarin Traudel vor seinem Schreibtisch, beide schwer atmend und kalkweiß im Gesicht.

«Moin, ihr zwei, ihr seid ja völlig aus der Puste. Was ist denn passiert?»

«Hans, wir müssen was melden», ergreift Tante Martha das Wort, während Traudel am ganzen Körper zittert. «Unsere Nachbarin ist tot.»

«Eure Nachbarin?»

«Fräulein Vera Malottke. Sie wohnt gegenüber von Traudel.»

«Hätte ich bloß früher nach dem Rechten gesehen», fängt Tante Marthas Nachbarin an zu lamentieren, «die war das ganze Wochenende über so leise. Natürlich will ich mich nicht in ihr Privatleben einmischen, aber da war dieser Streit …»

«Nun mal der Reihe nach.» Hans greift zu Bleistift und Stenoblock. «Name, Adresse und dann noch mal von vorn.» Vielleicht bringt das Ordnung in die Sache.

Seine Tante schaut ihn verärgert an. «Was soll denn jetzt dieser Affenkram? Du weißt ganz genau, wer wir sind und wo wir wohnen.»

«Tante Martha! Ich mach hier meine Arbeit. Und dafür gibt es Regeln. Aber gut. Dann legt man los. Ich bin ganz Ohr», lenkt Hans ein.

«Also, es geht um meine Nachbarin Vera Malottke. Die habe ich seit Donnerstag nicht mehr gesehen. Und da hab ich sie eigentlich auch nur gehört. Heute Mittag hab ich an ihrer Tür geklingelt, weil ich ihr die Seidenstrümpfe bringen wollte, die ich für sie repariert habe. Aber sie hat nicht geöffnet. Da hab ich mir Sorgen gemacht.»

«Vielleicht ist sie verreist …»

«Nun lass Traudel doch mal ausreden», fährt ihm Tante Martha über den Mund, und ihre Nachbarin redet sofort weiter.

«Die ist nicht verreist, die ist tot! Das hab ich doch gerade schon gesagt. Hans, du bringst mich ganz durcheinander! Wo war ich stehengeblieben?»

«Dass sie nicht geöffnet hat.»

«Ach ja. Ich hatte plötzlich ein ganz komisches Gefühl. Es hat auch so merkwürdig gerochen im Treppenhaus.» Sie errötet. «Ich hab dann durch den Briefschlitz geguckt, und da wurde der Gestank stärker. Also bin ich nach oben zu deiner Tante und hab sie gebeten, mit mir zusammen nach dem Rechten zu schauen. Ich hab den Ersatzschlüssel aus meiner Wohnung geholt. Den hat mir das Fräulein Malottke gegeben, damit ich die Blumen gießen kann, wenn sie mal nicht da ist. Der hängt am Brett neben meiner Tür.» Traudel Maier hält inne und verschränkt ihre Finger ineinander. «Ich wollte einfach nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist.»

Einfach nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Das sagt sie jetzt so. Wenn Hans irgendwann eine eigene Wohnung hat, wird er nie und nimmer einer Nachbarin seinen Schlüssel geben. Höchstens seiner Mutter.

Als hätte Traudel seine Gedanken gelesen, sagt sie: «Das hab ich nicht aus Neugier gemacht, das musst du mir glauben. Sondern aus Pflichtbewusstsein.» Sie streckt ihren Rücken durch, als wolle sie dadurch verlorene Kraft zurückgewinnen. «Also haben Martha und ich die Wohnung geöffnet. Der Geruch war fürchterlich. Ich habe gerufen, aber sie hat nicht geantwortet. Und dann haben wir sie im Wohnzimmer gefunden. Auf dem Fußboden.» Entkräftet guckt sie seine Tante an. «Martha, erzähl du. Ich kann das nicht. Das ist alles zu viel für mich.»

Martha legt den Arm um Traudels Schulter. «Hast du mal einen Stuhl für sie, Hans?»

Er öffnet die Klappe, die den Besucherbereich vom dienstlichen Bereich trennt, und trägt einen leichten Holzstuhl nach vorn. Schnell lässt Traudel sich daraufplumpsen.

Interessiert blickt Hans seine Tante an. «Und dann?»

«Na, sie lag mitten im Raum. Nur im Mieder und einem schwarzen Petticoat! Der ist ganz verrutscht … Sie muss auf den Couchtisch aus Glas gefallen sein … Um ihren Kopf ist alles voller Scherben und Blut! Und überall schwirren Fliegen herum. Schrecklich!» Sie knetet unbewusst ihre Hände, als wolle sie aufsteigende Bilder zerknüllen. Doch schnell fängt sie sich wieder. «Da sind wir rausgerannt und hierhergelaufen.»

Hans lässt den Stift sinken. Blut, Scherben, dazu eine tote, halb nackte Frau. Am besten, er sagt gleich seinem Vorgesetzten Bescheid.

Keine fünf Minuten später schiebt Hans die beiden Frauen in das Büro von Kommissar Ludger Onnen, der hinter seinem Schreibtisch sitzt und mit seinem mächtigen Körper den Blick durchs Fenster versperrt. Ihm scheint die Hitze zu schaffen zu machen, die Krawatte ist gelockert, und das Jackett hängt auf einem Bügel am Garderobenständer, direkt unter seinem Hut.

«Chef, das müssen Sie sich anhören», sagt Hans und bittet seine Tante, alles noch einmal zu erzählen. Sie scheint ihm deutlich stabiler zu sein als Traudel. Kurz und knapp wiederholt Martha, was passiert ist.

Onnen fährt sich mit der Hand über die polierte Glatze und nickt bedächtig, als Tante Martha geendet hat. Dann hievt er seinen schweren Körper mit einem Ruck aus dem Stuhl und greift nach Hut und Jackett.

«Frisch, sagen Sie Wachtmeister Brettschneider Bescheid, er soll den Wagen vorfahren. Und informieren Sie Doktor Wollenweber.» Er dreht sich zu den beiden Frauen um. «Gehen Sie schon mal vor. Oder sollen wir Sie mitnehmen?»

«Nein, nein», erwidert Traudel Maier entrüstet. «Danke für das Angebot, aber wie sieht das denn aus, wenn ich von der Polizei nach Hause gebracht werde? Ich weiß doch, wie das ist: Die Nachbarn gucken zum Fenster raus und zerreißen sich gleich das Maul.»

Martha

Während Traudel zurück nach Hause läuft, macht Martha den Umweg über die Heißmangel. Sie will zumindest den Hinweis in die Tür hängen, dass vorübergehend geschlossen ist. Schließlich möchte sie keine Kunden vergrätzen.

Nachdenklich holt sie das Schild, das ihre Enkelin Annemieke in der vierten Klasse gebastelt hat, aus der Tischschublade, genau wie den Zweitschlüssel für die Änderungsschneiderei. Traudel und sie haben beieinander einen Ersatz deponiert, schließlich kann immer mal was sein. Bislang war zum Glück noch nie etwas Ernstes.

Und nun so ein Unglück. Fräulein Malottke ist tot. In Marthas Kopf wirbeln die Gedanken, Erinnerungen schwappen hoch. Auch Klatsch und Tratsch.

Sie geht die paar Schritte nach nebenan, sperrt Traudels Laden auf und hängt das Pappschild an den Haken, der mit einem Saugnapf mitten auf dem Türglas prangt.

Die arme Frau! Allerdings hatte die Malottke sehr häufig Herrenbesuch. Das ist in der Nachbarschaft nicht lange ein Geheimnis geblieben. Hinter vorgehaltener Hand gab es sogar Stimmen, die forderten, so eine dürfe in einem ordentlichen Mietshaus keine Wohnung beziehen. Allen voran Marthas Nachbarn aus der oberen Etage, Familie Weber. Solch eine Frau sollte besser in einer Baracke am Hafen arbeiten. Do, wat du wullt, de Lüü schnack doch!, hat Marthas Mutter oft gesagt. Nein, das Sprichwort passt in diesem Fall nicht ganz. Vera Malottke hat sich nicht um die Regeln geschert. Kein Wunder, dass sich alle gern das Maul über sie zerrissen haben.

Plötzlich sieht Martha das Bild der jungen Frau genau vor sich. Ihre klaren Gesichtszüge. Die neugierigen Augen. Oft hinter der Sonnenbrille mit Gläsern wie Schmetterlingsflügel versteckt. Ihr schön geschwungener Mund mit dem knallroten Lippenstift. Der selbstbewusste Gang in den hochhackigen Schuhen.

Martha schüttelt sich und schließt Traudels Ladentür ab. Etwas an Vera Malottke hat sie angerührt. Etwas, das unter dem Mantel ihres mondänen Auftretens verborgen war. Da war ein seltsamer Anflug von Verletzlichkeit, gemischt mit Entschlossenheit. Ist ihr diese Verletzlichkeit zum Verhängnis geworden?

Hans

Mit Blaulicht, aber ohne Martinshorn rast der grüne Polizeikäfer durch die Straßen. Kommissar Onnen sitzt auf dem Beifahrersitz, Wachtmeister Alfred Brettschneider am Steuer. Hans musste sich auf die Rückbank quetschen. Er besitzt zwar den Führerschein, hat aber noch nicht viel Fahrpraxis. Ein eigenes Auto wird wohl noch lange ein Traum bleiben. Obwohl er jeden Monat etwas von seinem Gehalt aufs Sparbuch packt.

Mit quietschenden Reifen bremst Brettschneider an der Adresse, die Hans ihm genannt hat. Es ist eines dieser neuen, geklinkerten Mehrfamilienhäuser, die in den letzten Jahren entstanden sind. Klinker prägt ohnehin das Gesicht der Stadt, doppelt gebrannte Ziegel sind robuster als Putzbauten. Und gerade hier im Norden müssen die Häuser dem Wind und der salzigen Luft standhalten.

Als die Männer aussteigen, kommt die Freundin seiner Tante völlig außer Atem angerannt. Sie verschnauft einen Moment, bevor sie den Haustürschlüssel aus der Handtasche zieht und die Tür öffnet.

«Kommen Sie.» Eilig betritt sie den Hausflur. Der Terrazzoboden glänzt. Es riecht tatsächlich unangenehm.

Im Hochparterre bleibt Traudel Maier stehen. «Hier ist es.» Sie deutet auf die Wohnungstür auf der rechten Seite. Das Holz ist weiß gestrichen, eine geraffte Gardine verdeckt von innen die große Milchglasscheibe gegen neugierige Blicke. Es gibt einen Briefschlitz, obwohl neben der Haustür auch Kästen hängen, wie Hans eben gesehen hat. Sich jede noch so winzige Kleinigkeit einprägen und sie mit anderen Fakten kombinieren, darum geht es. Das hat ihm schon sein Großonkel Hermann eingetrichtert, als Hans die Polizeiausbildung begonnen hat.

Traudel steckt den Schlüssel ins Schloss, als seine Tante die Treppe hochkommt. «Puh! Da hab ich es grad noch rechtzeitig geschafft.» Sie macht Anstalten, sie in die Wohnung der Malottke zu begleiten, doch der Chef fasst sie am Arm.

«Bleiben Sie zurück», sagt er mit seiner tiefen, immer ein wenig dröhnenden Stimme.

«Aber ich muss Ihnen doch zeigen, wo das Fräulein Malottke …» Tante Martha kommt nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.

Kommissar Onnen hat sie kommentarlos zur Seite geschoben und ist bereits eingetreten. «Wir werden die Frau schon nicht übersehen», sagt er sarkastisch. «Ein Palast ist das hier schließlich nicht.» Er dreht sich noch einmal zu Brettschneider und Hans um. «An die Arbeit, meine Herren.»

Hans rümpft beim Betreten der Wohnung die Nase. Das riecht wirklich alles andere als gut. Am liebsten würde er die Hand über Mund und Nase legen, aber das sähe schwächlich aus. Und Schwäche hasst Onnen wie die Pest. Also versucht er, flach durch den Mund zu atmen.

«Oh», hört er in diesem Augenblick seinen Vorgesetzten sagen. «So einen Anblick kriegt man nicht jeden Tag zu sehen.» Onnen ist in der Tür zum Wohnzimmer stehen geblieben. Hans und Brettschneider treten hinter ihn, Hans wirft einen Blick über Onnens Schulter.

«Mein lieber Herr Gesangsverein», entfährt es ihm. Mitten im Raum liegt das Fräulein Malottke auf dem Rücken. Um sie herum lauter Glasscherben. Schuhe trägt sie nicht, aber schwarze Perlonstrümpfe mit spitzenverzierten Haltern. Beine hat die! Hans wird ganz schwummerig. Und der Anblick des schwarzen Petticoats lässt ihn erröten. Ein Stück nackter Bauch folgt, darüber ein ebenfalls schwarzes Mieder. Hans schluckt beim Anblick des Busens. Dann wandert sein Blick weiter hoch. Zum Kopf, der in einer getrockneten Blutlache liegt. Umschwirrt von brummenden Fliegen, die sich im Zimmer verteilen, als Alfred Brettschneider näher herantritt. Sofort wird ihm übel. Jetzt hält er sich wirklich die Hand vor den Mund. Nicht auszudenken, wenn er sich hier übergeben muss.

«Machen Sie mal das Fenster auf!», ordnet der Chef an.

Dankbar eilt Hans in großem Bogen an der Toten vorbei, schiebt die Gardine beiseite, reißt das Fenster auf und atmet tief ein. Dann dreht er sich wieder um.

Tante Martha und Traudel haben sich den Anweisungen widersetzt und stehen in der Zimmertür, Kommissar Onnen neben der Kommode. Der ignoriert die Frauen, schaut sich aufmerksam um und schreitet schließlich den Raum ab. Hans hingegen bleibt am Fenster stehen und nimmt das Chaos in Augenschein. Versucht, sich alles genau einzuprägen. Neben der Toten befindet sich zwischen den Glasscherben auch das zerbrochene Porzellan einer Blumenvase. Und verwelkte Nelken. Ein Marmoraschenbecher hingegen ist heil geblieben, Filterzigarettenstummel liegen verstreut auf dem Boden.

«Was für ein Glück, dass keine Zigarette mehr gebrannt hat, als der Ascher auf den Teppich gefallen ist», hört er die erleichterte Stimme seiner Tante. «Das ganze Haus hätte abfackeln können.»

«Sind Sie immer noch da? Verschwinden Sie! Auf der Stelle!», spricht Onnen ein Machtwort.

Mit beleidigtem Gesichtsausdruck verlassen die beiden Frauen die Wohnung, und Hans konzentriert sich wieder auf den Tatort. Auch eine Obstschale muss auf dem Tisch gestanden haben. Fruchtfliegen kreisen um die vergammelten Kirschen auf den Teppichfliesen. Er gestattet sich einen weiteren Blick auf die Tote. Was für eine hübsche Frau! Und erst ihr Aufzug! Ganz kalt lässt ihn ihr Aussehen nicht, das gesteht er sich ein und schämt sich gleichzeitig dafür. Er wendet sich ab und blickt aus dem Fenster. Doktor Wollenweber kommt gerade auf seinem Rad angefahren, die Arzttasche klemmt auf dem Gepäckträger. Hinter sich hört Hans Traudel sagen: «Also, mir ist gerade noch was eingefallen, ich hab Freitag …»

«Verflucht noch eins, ich hab doch gesagt, Sie sollen verschwinden!», fährt ihr Onnen über den Mund. «Falls wir weitere Fragen haben, werden wir uns bei Ihnen melden. Aber nun lassen Sie uns in Ruhe unsere Arbeit machen.»

Martha

Herrschaftszeiten, das war vielleicht ein Tag! Da lag das Fräulein Malottke wohl schon übers Wochenende tot in ihrer Wohnung, und Martha hat das nicht gemerkt. Dabei wohnt sie genau darüber. Gut, wie hätte sie es auch merken sollen? Tote rufen nicht um Hilfe. Außerdem war sie nach Feierabend stets im Schrebergarten, da ist um diese Jahreszeit jede Menge zu tun. Unkraut jäten, Erbsen und vor allem Süßkirschen ernten. Durch die plötzliche Hitze sind die auf einen Schlag reif geworden. Richard, der Sohn ihrer Parzellennachbarin Gertrud, hat ihr geholfen, als er Freitagabend gesehen hat, dass sie die Leiter hochklettern wollte.

«Nix da», hat er gesagt, sich ihren Korb geschnappt und ist für sie in den Baum gestiegen. So viele Kirschen hat er gepflückt, dass sie auch die Nachbarn damit versorgen konnte. Fast so wie in den schlechten Zeiten, als alle sich gegenseitig geholfen haben.

Gestern Abend hat sie sich Zeit genommen, die Kirschen entkernt und damit einen Streuselkuchen gebacken. Den isst ihr Untermieter so gern. Ein feiner Mensch ist das, der Herr von Mühlbach. Zurückhaltend, aber sehr freundlich. Und so gebildet! Es ist ihr stets eine Freude, ihn ein wenig zu verwöhnen. Er hat es wahrlich nicht leicht gehabt. Der Krieg, die Vertreibung aus der Heimat, der Tod seiner Familienangehörigen, ach, es gibt so viele traurige Schicksale.

Aber, sie reckt ihr Kinn, man muss nach vorn blicken. Nicht zurück. Das bringt nichts. Man kann das Vergangene nicht ändern.

Umso mehr genießt Martha nun den Feierabend-Tee mit ihm und dazu ein ordentliches Stück Kirschkuchen. Sie preist sich glücklich, das Zimmer an ihn vermietet zu haben. Tagsüber, wenn sie in der Heißmangelstube ist, arbeitet er in der Wohnung, und abends geht er ins Ledigenwohnheim. So kann keiner über sie herziehen. Die Leute klatschen gern. Das kennt Martha zur Genüge. Nein, mit ihm hat sie einen echten Glücksgriff getan, und ihr guter Ruf bleibt unangetastet. Außerdem ist er sehr höflich und bescheiden und legt Wert auf sein Äußeres. Auch wenn er nur einen einzigen Anzug zu besitzen scheint, der an den Ellenbogen schon glänzt. Genau wie seine Schuhe, die sind immer auf Hochglanz poliert.

Wie jeden Montag hat er ihr die Miete für das Zimmer in bar überreicht. Und wie immer hat sie das bestickte Tischtuch über die Wachsdecke gelegt, damit es gemütlicher aussieht. In der Mitte des Tisches stehen die Flasche Eierlikör und zwei Schnapsgläser.

«Haben Sie mitbekommen, dass die Polizei heute im Haus war?», fragt Hugo von Mühlbach, als Martha ihm eine weitere Tasse Tee einschenkt. «Man soll Fräulein Malottke tot in ihrer Wohnung gefunden haben.»

«Das stimmt. Traudel und ich haben sie entdeckt.» Sie legt ein zweites Stück Kirschkuchen auf seinen Teller. In diesem Moment klingelt es an der Wohnungstür. Für den Bruchteil einer Sekunde fährt der Schreck in Marthas Glieder. Seit ihr Mann Hermann vor vier Jahren beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst wurde und kurz darauf gestorben ist, zuckt sie immer zusammen, wenn es am Abend ohne Voranmeldung an der Tür klingelt. Aber jetzt beruhigt sie sich schnell.

«Das wird Traudel sein», sagt Martha.

Hugo von Mühlbach erhebt sich. «Dann sollte ich wohl besser gehen.»

«Wieso denn, Sie haben Ihren Tee noch gar nicht ausgetrunken, und das Stück Kuchen liegt auch noch auf Ihrem Teller», widerspricht Martha, während sie zur Tür eilt. Wie vermutet, ist es ihre Nachbarin. Die legt sofort los.

«Ach Martha, ich bin noch ganz fertig und kann einfach nicht allein sein. Ich muss immer daran denken, wie die Malottke da halb nackt zwischen den Glasscherben lag! Zum Glück hat der Bestatter sie inzwischen abgeholt. Nicht auszudenken, wenn ihre Leiche dort noch immer liegen würde!»

Martha greift nach ihrer Hand und zieht sie in Richtung Küche. «Komm erst mal rein.»

In der Küchentür bleibt Traudel verlegen stehen. «Oh. Ich wusste nicht, dass du Herrenbesuch hast.» Sie greift sich unwillkürlich an den Hinterkopf. Martha schmunzelt. Sie weiß, dass Traudel ein wenig für Herrn von Mühlbach schwärmt. Er jedoch hat bislang nicht zu erkennen gegeben, ob er sich für Traudel interessiert. Dabei würden sie vom Alter her gut zueinanderpassen. Und beide stehen ganz allein da. Traudels Mann ist im zweiten Kriegsjahr in Holland gefallen, und ihr Sohn Fritjof wurde kurz vor Ende noch eingezogen und kam nicht wieder zurück.

«Da will ich nicht stören», sagt Traudel, bleibt aber wie angewurzelt stehen.

«Nun hör schon auf. Herr von Mühlbach hat mir gerade die Miete gebracht, da trinken wir immer zusammen eine Tasse Tee. Ich schenk dir auch eine ein. Setz dich.» Sie schiebt Traudel den Küchenstuhl hin.

Traudel nimmt Platz und zeigt auf die Flasche in der Mitte des Tisches. «Ein Eierlikör wär mir lieber, nach allem, was ich heute erlebt hab.»

Martha holt ein weiteres Schnapsglas aus dem verglasten Oberschrank des wuchtigen Küchenbüfetts, gießt den sattgelben Likör ein und reicht es ihr. «Prost.»

Traudel setzt das Glas an, trinkt es in einem Zug leer und leckt gekonnt den letzten Rest aus. «Noch einen, bitte. Das war so schrecklich, Herr von Mühlbach», sagt sie nun. «All die Scherben und das Blut. Wer weiß, ob das überhaupt ein Unfall gewesen ist.»

«Was wollen Sie denn damit andeuten?» Das Interesse des Anwalts ist geweckt.

«Da war doch am Donnerstag dieser Streit. Richtig laut zugegangen ist es da. Und bedroht wurde das Fräulein Malottke auch.» Traudel hält Martha das Glas hin. «Ich muss diesen Gestank erst wieder aus meiner Nase kriegen. Und die vielen Fliegen überall.» Martha schenkt nach, allerdings nicht mehr ganz so voll. Nicht dass Traudel bedüdelt ist. «Zum Glück hat dein Neffe gleich das Fenster aufgerissen. Prost.» Traudel trinkt auch den zweiten Eierlikör in einem Zug aus.

«Jetzt mal bitte der Reihe nach, Frau …»

«Traudel, nennen Sie mich Traudel.»

Überrascht sieht Martha ihre Nachbarin an. Was sind das denn für neue Moden? Bietet die ihm einfach das Du an!

Von Mühlbach nickt. «Also, Frau Traudel. Fassen wir zusammen: Fräulein Malottke lag tot in ihrer Wohnung, und es hat bereits nach Verwesung gerochen?» Hugo von Mühlbach mustert Traudel eindringlich und zündet sich seine Pfeife an. «Davon habe ich heute Morgen gar nichts bemerkt, als ich gekommen bin.»

«Haben Sie vielleicht nicht drauf geachtet. Sie laufen ja ständig mit Ihrer Pfeife durchs Treppenhaus», erwidert Traudel, und Martha muss ihr recht geben. Es hängt stets ein angenehmer Duft nach Vanille und Tabak im Hausflur, wenn sie morgens ihre Wohnung verlässt und Hugo von Mühlbach bereits in seinem Anwaltszimmer sitzt. Martha mag diesen Geruch, der hat so was Gemütliches.

«Der Kommissar hat gemeint, Fräulein Malottke lag bestimmt das ganze Wochenende über so da», sagt Traudel, an Hugo von Mühlbach gerichtet. «Genauso lange habe ich sie auch nicht mehr gesehen.» Sie hält das Glas erneut zum Nachschenken hin. Wortlos greift Martha zur Flasche.

«Die Polizisten haben die Fenster aufgerissen, ohne vorher die Temperatur der Toten und der Umgebung zu messen, obwohl die Todesumstände offenbar unklar sind?» Verwundert schüttelt der Anwalt den Kopf.

«Der Doktor war ja noch nicht da. Der kam ein büschen später. Wieso fragen Sie? Ist das etwa wichtig?» Traudel sieht ihn überrascht an.

Martha allerdings wundert sich nicht über die Fragen ihres Untermieters. Als Anwalt gehört das wohl zu seinem Beruf.

«Selbstverständlich. Das Temperaturmessen ist wichtig zum Eingrenzen des Todeszeitpunktes. Wenn die Verwesung schon eingesetzt hat, wird es allerdings schwierig. Dann bleiben nur die Spuren am Tatort. Sind die denn wenigstens ordentlich gesichert worden?»

«Auf jeden Fall», sagt Martha schnell, um Hans nicht in falschem Licht dastehen zu lassen. Er hat schließlich nur getan, was sein Vorgesetzter ihm aufgetragen hat. «Die sind mit drei Mann durch die Wohnung marschiert. Und hinterher kamen welche von der Spurensicherung. Und einer von der Presse.»

«Und der Kommissar hat sogar das gerahmte Porträtfoto mitgenommen, das auf der Kommode stand», ergänzt Traudel.

«Er hat ein Foto eingesteckt? Das hab ich gar nicht mitgekriegt. Wer war denn drauf?» Martha reicht Traudel das gefüllte Glas.

«Letztes Mal stand da eins von Generaldirektor Pickering. Heute Mittag hab ich nicht genau drauf geachtet, ich war viel zu geschockt vom Anblick der Malottke. Und der Kommissar hat uns außerdem so schnell fortgeschickt.»

«Ein Foto von Pickering bei Fräulein Malottke?» Das wundert Martha nun schon. «Da hast du mir gar nichts von erzählt. Der ist doch verheiratet und hat vier Kinder.»

«Na, es soll Männer geben, denen genügt die eigene Ehefrau nicht, und man will schließlich keine Gerüchte in die Welt setzen.» Traudel nestelt erneut mit den Fingerspitzen an ihrem Haaransatz herum und lächelt von Mühlbach an. «Aber zum Glück sind nicht alle Männer so.»

«Als ob ich tratschen würde», gibt Martha empört zurück und übergeht Traudels letzten Satz. «Aber wir hätten den Kommissar fragen sollen, warum er das Bild eingesteckt hat.»

Traudel schüttelt den Kopf. «Ach was! Das steht uns gar nicht zu! Außerdem hat er uns so brüsk weggeschickt. Vielleicht hat er es mitgenommen, damit das keinen falschen Eindruck erweckt. Schließlich hat Pickering einen Ruf zu verlieren. Deshalb hab ich das auch für mich behalten. Ich war doch mit der Ida als Kind befreundet, da wollte ich nicht, dass sie das erfährt.»

«Du traust mir also ernsthaft zu, dass ich rumtratsche», regt sich Martha immer noch auf.

«Nein. Natürlich nicht», versucht Traudel sie zu besänftigen. «Aber Reden ist Silber, und Schweigen ist Gold. Das ist meine Lebensdevise.»

Ganz so stimmt das nun nicht. Aber Martha will sich nicht vor ihrem Untermieter mit Traudel streiten. «Ich frage mich allerdings, warum das Foto für alle sichtbar dort stand. Er ist schließlich nicht der einzige Herr, der sie besucht hat …»

«Das ist nun egal», meint Traudel. «Onnen ist schließlich noch von altem Schrot und Korn, der hält es gerne mit den Oberen und will sich wohl gut mit ihnen stellen. Immerhin hat er ihnen seinen Persilschein nach dem Krieg zu verdanken. Obwohl es heißt, dass er früher einer von den ganz harten Hunden gewesen ist. Der soll so einige auf dem Gewissen haben.»

«Wissen Sie das sicher?», fragt von Mühlbach.

«Ach, geredet wird viel», wehrt Martha ab und fügt hinzu: «Es wird schon alles seine Richtigkeit haben. Die Briten haben ja alle überprüft, bevor sie wieder in den Polizeidienst durften.» Ihr Untermieter kann das nicht wissen, er kam erst vor wenigen Jahren nach Leer.

«Aber es sind jede Menge von denen wieder bei der Polizei oder am Gericht gelandet, Martha. War’n ja auf die Schnelle nicht so viele zu bekommen, die sich damit auskennen», rührt Traudel weiter in dem allseits bekannten Dilemma herum. «Sonst hätte dein Schwager seinen Posten im Amtsgericht auch nicht wiedergekriegt. Aber das soll nicht unser Problem sein. Jedenfalls habe ich mich sehr geärgert, dass der Kommissar uns weggeschickt hat. Dabei ist das bestimmt wichtig, was ich gesehen hab. Freitagvormittag hat nämlich ein Mann die Wohnung verlassen. Und danach hab ich von der Malottke keinen Mucks mehr gehört.»

«Freitagvormittag? Da warst du doch bei mir in der Mangel und hast mir von dem Krach am Tag zuvor erzählt.» Langsam blickt Martha nicht mehr durch. «Ich denke, du hast Fräulein Malottke am Donnerstag das letzte Mal gesehen!»

«Das stimmt, aber nachdem ich am Freitag bei dir in der Mangel war, fiel mir siedend heiß ein, dass ich nicht wusste, ob ich den Gasherd ausgeschaltet hatte. Darum bin ich kurz nach Hause geflitzt. Ich hatte nämlich morgens einen Bohneneintopf aufgesetzt», holt Traudel weit aus, «und beim Müllrausbringen die Frau Reuter getroffen. Wie das so ist, wir sind ins Klönen gekommen, dann bin ich schnell rein, hab meinen Mantel und meine Handtasche geschnappt und bin los. An die Suppe hab ich überhaupt nicht mehr gedacht. Erst als ich von dir weg bin, kam’s mir wieder in den Sinn. Also bin ich schnell nach Hause. War natürlich aus, der Herd.»

«Und was ist nun mit der Malottke?», unterbricht Martha ihre Freundin.

«Na, das wollte ich doch gerade erzählen. Als ich nämlich in der Küche stand, hörte ich die Tür von gegenüber mit lautem Knall ins Schloss fallen. Daraufhin hab ich aus dem Fenster geguckt.»

«Und was hast du gesehen?», will Martha wissen.

«Na, einen Mann. Also, von hinten.»

«Hast du erkannt, wer es war?»

«Ist schwer zu sagen. Er hat einen dunklen Anzug angehabt und einen Hut auf dem Kopf. Und dick ist er gewesen. Es könnte der Pickering gewesen sein. Aber wie gesagt, das hat den Kommissar gar nicht interessiert.»

«Hört sich für mich nicht sonderlich professionell an, wie die Polizei vorgeht», merkt Hugo von Mühlbach an, legt die Pfeife im gläsernen Aschenbecher ab und trinkt nun auch seinen Eierlikör aus.

«Das können Sie laut sagen. Die haben sich nicht mal vorher die Füße abgetreten. Übrigens: Kurz nachdem du weg warst, kam mir noch ein Reporter im Flur entgegen. Um seinen Hals baumelte ein riesiger Fotoapparat. Garantiert sind morgen Bilder in der Zeitung.»

Dienstag

Martha

Morgenstund’ hat Gold im Mund. Alles ist ruhig und friedlich, nur die Vögel zwitschern in den Buchen hinter dem Haus. Martha öffnet die Balkontür, tritt mit dem Kunststoffeimer hinaus und atmet die frische Morgenluft ein. Das tut gut nach der gestrigen Hitze! Vor allem, weil sie so schlecht geschlafen hat. Immer wieder musste sie an Vera Malottke denken. Die arme junge Frau. Wahrscheinlich ist es im Streit mit dem Mann zu Handgreiflichkeiten gekommen, und dabei ist sie unglücklich gestürzt. Vielleicht hätte man sie noch retten können, wenn er Hilfe geholt hätte. Was ist das nur für ein feiger Kerl! Hier ging es um ein Menschenleben und nicht darum, dass er ihre unsittlichen Dienste in Anspruch genommen hat.

Das Getratsche wird enorm sein, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Als ob die ach so sittsamen Frauen von Leer nicht eigene Türen hätten, vor denen sie kehren könnten. Aber nein, sie haben das Mädel schon lange misstrauisch beäugt, das hat Martha in der Heißmangel oft mitbekommen. Vor allem seit Vera mit einem roten Karmann Ghia durch die Stadt gebraust ist. Wer kann sich so ein Auto schon leisten?

Martha bückt sich und greift das hautfarbene Mieder aus dem Eimer. Die kleine Kochwäsche hat sie schon erledigt. Ist ja nicht viel für eine Person. Mit einer Holzklammer befestigt sie es an der Leine, die über den Balkon gespannt ist. Ihre Gedanken wandern zurück zu Vera Malottke, während sie den Rest der Wäsche aufhängt. Dass der Pickering einer ihrer Kunden gewesen sein soll … nein, nein, nein. Das hätte sie nie von dem gedacht. Da macht er mit der Witwe Ida Janssen eine richtig gute Partie und sucht doch woanders das gewisse Etwas. Verstehe einer die Männer.

Zurück in der Wohnung, schlüpft Martha in Hut, Mantel und Schuhe und macht sich auf den Weg zum Geschäft. Dort streift sie sich ihren weißen Kittel über, bindet sich das rot-weiß gepunktete Kopftuch geschickt von hinten nach vorne, verknotet es keck über der Stirn und greift nach dem Besen, um ein paar Sandkörner wegzufegen. Sie ist fast fertig, als die Glöckchen über der Ladentür bimmeln.

«Moin, Tante Martha», grüßt ihr Großneffe Hans.

«Moin. Richtig fesch siehst du wieder aus in deiner Polizeiuniform.» Martha wird ganz warm ums Herz, wenn sie ihn in dieser Aufmachung sieht. Dazu die Ähnlichkeit mit ihrem verstorbenen Mann! Und das, obwohl sein Vater nur Hermanns Cousin ist.

«Ach Tante Martha!» Hans grinst bubenhaft und reicht ihr die Ostfriesische Rundschau vom Vortag, die er ihr jeden Morgen bringt, damit sie sich das Geld dafür spart. Auch einen Tag später sind die Nachrichten noch frisch genug für Martha Frisch, hat sie irgendwann einmal im Scherz erwähnt, und seitdem spielt Hans auf dem Weg zur Arbeit ihren persönlichen Zeitungsboten. Manches Mal hat er auch Zeit für einen Klönschnack, das weiß Martha besonders zu schätzen. Raub, Diebstahl und andere Verbrechen interessieren sie nämlich brennend. Ist immer gut zu wissen, ob sich diebisches Gesindel in der Gegend herumtreibt.

«Sag mal, Hans», Martha lehnt den Besen an die Wand, «wegen der Malottke …»

«Ein anderes Mal, Tante Martha. Bin heute spät dran.»

«Warte kurz. Ich will doch nur wissen, ob ihr vielleicht noch zu helfen gewesen wäre, wenn man rechtzeitig den Arzt gerufen hätte. Mir geht das die ganze Zeit nicht aus dem Kopf.» Martha steckt ihre Hände in die Kitteltaschen.

Hans verzieht skeptisch den Mund. «Vielleicht kann Doktor Wollenweber heute mehr dazu sagen. Der wollte sich die Leiche genauer anschauen.»

Martha überlegt einen Moment. Dann obsiegt ihre Neugierde. «Weißt du eigentlich, wer der Mann auf dem Foto ist, das dein Vorgesetzter von der Kommode mitgenommen hat?»

«Der Kommissar hat ein Foto eingesteckt?» Hans wirft ihr einen verblüfften Blick zu.

Sie nickt. «Traudel hat das genau gesehen.»

«Eigenartig. Da weiß ich nichts von. Aber ich muss jetzt auch los. Sonst komme ich zu spät zum Dienst.»

«Warte, bitte. Eine letzte Sache noch.»

Hans

In der Polizeiinspektion herrscht schon ordentlich Betrieb, als Hans ankommt. Zwei Einsatzwagen rücken gerade mit Blaulicht aus. Es hat einen Autounfall am Bahnübergang gegeben, wie er im Vorbeigehen aufschnappt. Der uniformierte Wachtmeister an der Pforte grüßt ihn und tippt mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr. «Fünf nach acht. Kommissar Onnen hat schon nach dir gefragt. Du sollst direkt in sein Büro kommen.»

«Jawoll.» Sofort eilt Hans los, durchquert das leere Zimmer des Sekretariats und öffnet die Tür von Onnens Büro. «Guten Morgen», grüßt er beim Betreten, schlägt die Hacken zusammen und legt die Handkante kurz zum Gruß an den Schirm seiner Dienstmütze. Onnen mag das, und Hans tut ihm den Gefallen. Kostet ja nichts, und respektvolles Verhalten bringt ihn einer Beförderung vielleicht näher.

«Das nächste Mal sind Sie bitte pünktlich», rügt Onnen ihn. «Wir haben bereits angefangen.»

«Entschuldigung. Kommt nicht wieder vor.» Hans blickt zerknirscht in die Runde, zu der auch Wachtmeister Brettschneider und Doktor Wollenweber gehören.

Onnen drückt auf den Knopf des kleinen goldenen Globus in der Mitte des runden Tisches. Der Deckel springt hoch, und die im Inneren befindlichen Zigaretten falten sich wie eine Blüte auseinander. Onnen greift nach einer, zündet sie mit dem danebenstehenden Feuerzeug an und gibt auch Doktor Wollenweber Feuer, der sich ebenfalls bedient hat. Genüsslich inhaliert er und bläst den Rauch in den Raum.

«Also, meine Herren, wir haben es mit einem sehr delikaten Fall zu tun. Nicht nur wegen der aufreizenden Aufmachung der Toten. Schwarzer Petticoat und schwarzes Mieder, das Fräulein Malottke hatte wohl ordentlich was zu bieten, wie man so hört.» Ein bellendes Lachen folgt. «Zumindest für diejenigen, die sie sich leisten konnten.»

«Aber dafür, dass sie dieses unsittliche Gewerbe betrieben hat, hat sie nun die Quittung bekommen», sagt Brettschneider.

«Nun spielen Sie mal nicht den Moralapostel», weist Onnen ihn in seine Schranken. «Prostitution ist nicht verboten.» Er wendet sich seinem alten Schulfreund Doktor Wollenweber zu. Hans weiß, dass die beiden zusammen zur Volksschule gegangen sind, bis Wollenweber in der fünften Klasse auf die höhere Schule wechselte. «Also, Friedrich. Du hast heute früh schon die Obduktion durchgeführt?»

Hans schaut den Mediziner mit dem Schnauzbart, der dünnen Nickelbrille und dem Schmiss auf der rechten Wange gespannt an.

«Ich konnte mal wieder nicht schlafen. Der Sauerbraten und die Klöße von gestern Abend haben mir die ganze Nacht schwer im Magen gelegen. Da hat auch der Asbach Uralt hinterher nicht geholfen. Jedenfalls bin ich in aller Herrgottsfrühe ins Borromäus Hospital gefahren, habe die Dame aus der Kühlkammer geholt und sie mir angesehen.»

Mit einem Ruck klappt er seine Dokumentenmappe auf.

«Kurz und knapp: Fräulein Malottke ist verblutet. Eine Glasscherbe hat sich in die Halsschlagader gebohrt.» Er dreht mit den Kuppen von Zeigefinger und Daumen an seiner rechten Bartspitze herum. «Nun die längere Version: Durch den Sturz der Dame», Doktor Wollenweber zieht das letzte Wort in die Länge, «brach die Platte des Glastischs. Vermutlich ist sie mit dem Kopf auf den Tisch gefallen und hat sich dabei die Schädelfraktur zugezogen. Diese Verletzung war zwar nicht tödlich, aber dadurch verlor sie wahrscheinlich das Bewusstsein und ist verblutet.» Der Arzt sieht von seinem Blatt auf.

«Das hört sich sehr nach einem Unfall an.» Kommissar Onnen zieht erneut an seiner Zigarette, dabei flackern seine kleinen Augen zufrieden. «Dann können wir den Fall also zu den Akten legen.»