From Friendzone with Love - Eliza Hart - E-Book

From Friendzone with Love E-Book

Eliza Hart

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sie hat ihm das Herz gebrochen – nun spielt er ihren festen Freund. Eine witzige und romantische Young Adult für Fans von Jenny Han und Beth Reekles »Plötzlich merkte ich, wie ihre kleine zierliche Hand zu meiner wanderte und sich darin versteckte. Ich sah erst auf unsere verschränkten Finger, dann zu Blair. Ich wünschte mir so sehr, dass diese Geste ernst gemeint wäre.« Verliebt in die Schwester des besten Kumpels? Keine gute Idee, das hat Damian am eigenen Leib erfahren. Dabei hat Blair ihm das Herz gebrochen, bevor ihr Bruder auch nur Wind davon bekommen konnte. Die Nur-Freunde-Masche ist für Damian nicht drin, umso schwieriger wird es, als Blair mit ihm in die gleiche Klasse auf der Berufsschule kommt und sie am selben Projekt arbeiten müssen. Als er dann auch noch im Affekt zustimmt, Blairs Freund zu spielen, um ihr einen Kerl vom Hals zu halten, ist das Chaos komplett. Die aufkeimende Nähe zwischen den beiden bringt dabei nicht nur Damians Gefühle wieder ziemlich durcheinander. Aber kann Damian Blairs Zurückweisung erneut riskieren? Und wird er seine Freundschaft zu ihrem Bruder aufs Spiel setzen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de

Bei »From Friendzone with Love« handelt es sich um eine überarbeitete Version des erstmals auf Wattpad.com von HeyGuys77 und Tyskerfie ab 2015 unter demselben Titel veröffentlichten Textes.

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »From Friendzone with Love« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© 2015 by Eliza Hart. The authors are represented by Wattpad WEBTOON Studios.

© Piper Verlag GmbH, München 2024

Redaktion: Michaela Retetzki

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich der Piper Verlag die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Epilog

Nachwort & Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für alle, die es heil aus der Friendzone geschafft haben – und die, die noch dort verharren.

Prolog

»Damian, du bist einfach mein bester Freund.«

Und da war sie. Die berühmt-berüchtigte Friendzone.

Obwohl sie mit Karacho auf mich zugerast kam, hatte ich sie nicht kommen sehen, und sie traf mich mit voller Breitseite.

Ich stand also hier, gerade eben noch mit wild pochendem Herzen und nun vollkommen am Boden zerstört. Zertrampelt. Zersplittert.

Unendlich lange starrte ich in Blairs wunderschönes Gesicht, ließ das helle Grün ihrer Augen auf mich wirken. Sah, wie sie von Sekunde zu Sekunde unsicherer wurde.

»Du verstehst das doch, oder?«, fragte sie jetzt zaghaft nach, nachdem ich bisher keinen Ton von mir gegeben hatte.

Verstand ich es? Nein.

»Ja, natürlich«, hörte ich mich stattdessen sagen.

Ein kleines Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Hoffnung. Ich wusste, es war Hoffnung. »Dann bleibt also alles wie bisher? Wir bleiben Freunde?«

Freunde? Wie konnte ich mit einem Mädchen, das mir die Welt bedeutete, nur befreundet sein?

»Ja.« Nein.

Meine Antwort ließ sie breit lächeln.

»Danke, Damian!«

Ich wusste, ich würde zerbrechen.

1

Damian

Gut gelaunt und vor mich hin pfeifend verließ ich den Verlag Desmond und steckte die Hände in die Jackentaschen, um sie vor der winterlichen Kälte zu schützen.

»Thank God it’s Friday«, murmelte ich, während ich zur Bushaltestelle schlenderte.

Freitagabend war mein absoluter Lieblingszeitpunkt der Woche. Man hatte gerade fünf Tage geschuftet, sich hemmungslos als Auszubildender ausnutzen lassen und sich die Seele aus dem Leib geackert, dafür stand jetzt das Wochenende vor der Tür. Es war noch ganz frisch, voller Verheißungen, voller Vorfreude. Und man konnte es mit gutem Gewissen genießen.

Mein Handy vibrierte, und ich holte es hervor, nur um zu sehen, dass mir mein bester Kumpel Sebastian für heute Abend zugesagt hatte. Zufrieden steckte ich mein Handy wieder weg und hielt Ausschau nach dem Bus. Ich wollte mir unbedingt bald ein Auto zulegen, doch dafür müsste ich erst einmal Geld scheißen. Als Auszubildender wurde man definitiv nicht reich.

Wenigstens war ich seit einigen Monaten in meinem zweiten Lehrjahr und verdiente ein wenig mehr. Und im Grunde machte es mir nicht so viel aus. Ich liebte meine Ausbildung, ich liebte die Marketingabteilung, in der ich arbeitete, ich liebte die Firma und ich liebte meine Kollegen.

Na ja, nicht alle, aber fast.

»Na, wartet der kleine Damian auf den Schulbus?«, rief mir eine wohlbekannte Stimme zu, und ich verdrehte genervt, doch schmunzelnd die Augen.

»Bin ich froh, dass ich deinen hässlichen Arsch die nächsten drei Wochen nicht sehen muss, Lucas!«, rief ich meinem Kollegen aus dem Lektorat und Kumpel über die Schulter zu.

Mit meinen neunzehn Jahren war ich der jüngste Angestellte in der Firma, und daran wurde ich nur zu oft erinnert. Besonders Lucas und Carl – aus der IT-Abteilung – ärgerten mich wegen meines Alters. Insgeheim liebten sie mich, davon war ich überzeugt. Alle liebten mich eigentlich.

»Stimmt, viel Spaß in der Berufsschule!« Lucas winkte mir zu und ging mit hochgeklapptem Mantelkragen zum Firmenparkplatz. Ich sah ihm kopfschüttelnd hinterher.

Berufsschule.

Montag ging der Zirkus wieder los.

Man nehme dreißig unreife, dämliche und spätpubertäre Teenager, einen inkompetenten, unsicheren Lehrer und ein heruntergekommenes Gebäude – und das Chaos war perfekt.

Das einzig Gute: Ich war ein kluges Köpfchen. Und solang ich nicht mit irgendwelchen Idioten irgendwelche bescheuerten Gruppenarbeiten machen musste, würde ich die Wochen schon überleben.

Es war mittlerweile recht dunkel, der Bus hielt an, ich stieg ein und setzte mich im hinteren Bereich ans Fenster, beobachtete den Verkehr und die vorbeilaufenden Passanten. Plötzlich sah ich eine Spiegelung in der Scheibe, und mein Herzschlag setzte kurz aus. Ich drehte den Kopf in die Richtung des Mädchens, das weiter vorn im Bus stand und mich ansah. Erleichtert atmete ich durch.

Das war nicht Blair.

Das war einfach ein anderes blondes hübsches Mädchen, das mich jetzt schüchtern anlächelte.

Ich gab das Lächeln knapp zurück und wandte mich wieder ab.

Blair.

Ich hatte lange versucht, nicht mehr an sie zu denken. Nicht gerade einfach, da sie die Schwester meines besten Freundes war. Und nach wie vor den Großteil meines Herzens beanspruchte.

Ein halbes Jahr hatte ich sie schon nicht mehr gesehen, obwohl ich ihren Bruder andauernd sah. Und auch wenn es wehtat, hatte ich damals den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Wieso? Nun ja, alle Kerle der Welt wussten, dass man aus der Friendzone nie heil rauskam. Dass ich überhaupt dort gelandet war, war mir bis dato immer noch ein ungelöstes Rätsel. Ich war kein nerdy Muttersöhnchen, ich war ein gut aussehender Charmeur. Zwei komplett verschiedene Dinge. Und gut aussehende Charmeure gehörten einfach nicht in die Friendzone.

Genervt schloss ich kurz die Augen.

Ich wollte gar nicht darüber nachdenken. Ich wollte es vergessen. Damit abschließen. Mein Ego wieder heilen. Mein Herz zusammenwachsen lassen. Es war an der Zeit, dass ich Blair vergaß und vielleicht einmal wieder anderen Mädchen mein Interesse zeigte. Sie waren mir gegenüber meist nicht abgeneigt, also würde sich bestimmt was ergeben.

Letztes Jahr hatte ich eine Monica in der Klasse gehabt, wir hatten uns ganz gut verstanden, und ich hatte auch das Gefühl gehabt, dass sie gern Zeit mit mir verbrachte. Vielleicht konnte man daraus ja etwas machen?

Jetzt musste ich mir am Montag erst einmal die neue Klassenzusammensetzung ansehen. Unsere Schule war nicht die einzige, die einen Umbau dringend nötig hatte. Die Nachbarschule wurde gerade komplett renoviert, und deswegen hatte man kurzerhand beschlossen, beide Schulen zusammenzulegen. Das hieß: neue Leute, neues Glück.

Vielleicht war ja in meiner neuen Klassenzusammensetzung ein nettes Mädel dabei.

Als ich auf den Stopp-Knopf im Bus drückte, schüttelte ich innerlich abermals den Kopf über mich selbst. Das klang fast so, als würde ich krampfhaft nach einer Freundin suchen. Das war eigentlich nicht der Fall, ich wollte einfach nur Blair vergessen.

Und schon wieder dachte ich an sie.

Der Bus hielt an, ich stieg aus und zog die Schultern hoch. Es war saukalt. Meine Füße trugen mich wie von allein zu unserem Zuhause; einem kleinen weißen Häuschen mit gepflegtem Vorgarten. Ich machte das niedrige Gartentor hinter mir wieder zu und ging auf den angelegten Steinen zur Haustür. Durch das Küchenfenster sah ich schon meine Mum am Herd rumwerkeln. Lächelnd beobachtete ich sie kurz, bevor ich in die Wärme ging.

Ich liebte meine Mum über alles. Das war kein Geheimnis, jeder, der mich kannte, wusste das. Und ich stand auch dazu. Nachdem sich mein Vater einfach aus dem Staub gemacht hatte, als ich zwei Jahre alt war, hatte sie mich allein großgezogen. Sie war mit neunzehn schon Mutter geworden, aktuell war sie somit gerade mal doppelt so alt wie ich.

Sie hatte gute Arbeit geleistet, ihr Sohn war schließlich zu einem Prachtexemplar auf zwei Beinen geworden, dachte ich grinsend.

Ich hängte meine Jacke auf und stellte meine Schuhe ordentlich hin. Ich war meiner Mum so dankbar, dass mir nie etwas gefehlt hatte. Immer stellte sie sich selbst an die zweite Stelle, immer hatte sie mich beschützt und behütet. Die letzten Jahre hatte ich jedoch mehr und mehr das Gefühl, dass ich sie beschützen sollte. Ich war mittlerweile alt genug, um allein auf mich aufzupassen. Jetzt war es an der Zeit, dass sie einen Gang runterschaltete und auch mal an sich dachte.

»Hey, Mum«, begrüßte ich sie, als ich in die Küche trat, und umarmte sie kurz.

»Hallo, Schatz.« Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange. Nur sie durfte das. Ich tat zwar immer einen auf cool, doch bei meiner Mutter konnte ich einfach völlig entspannt ich sein. Sie hatte mir die Windeln gewechselt, sie kannte mich besser als ich mich selbst – wieso sollte ich ihr irgendetwas vormachen?

»Na, wie war dein Tag?«, fragte ich sie, nahm einen Apfel aus der Obstschale und biss hinein. Ich hatte einen Mordshunger, und es dauerte wahrscheinlich noch ein wenig, bis es Essen gab. Bis dahin mussten einfach sämtliche Äpfel, diverse Chipstüten und vielleicht sogar der Schokoladenvorrat herhalten. Eigentlich war es egal, was ich mir in den Mund tat, Hauptsache essbar.

»Wie üblich«, beantwortete sie meine Frage. »Und deiner? Warst du heute fleißig?«

»Ja klar, bin ich immer.« Ich zuckte lächelnd mit den Schultern. »Bastian kommt heute«, erzählte ich ihr, und sie nickte zur Bestätigung.

»Hast du dein Zimmer aufgeräumt?«, fragte sie, und ich sah verblüfft zu ihr.

»Dein Ernst?« Sie hatte mich seit Jahren nicht mehr danach gefragt, ob ich mein Zimmer aufgeräumt hatte. Ich war schließlich keine zwölf mehr.

»Ich dachte nur, da du ab Montag wieder die Schulbank drückst …« Sie konnte ihr neckendes Grinsen nicht verbergen, und ich wusste nicht ganz, ob ich lachen oder nur spöttisch die Augenbraue heben sollte. Nicht mal zu Hause wurde ich mit meinem Azubi-Dasein in Ruhe gelassen.

»Ich bin dann mal weg«, murmelte ich nur, schnappte mir noch ein Bier aus dem Kühlschrank und schlurfte langsam davon. Jetzt konnte das Wochenende beginnen.

Blair

Ich hatte alle laufenden Projekte an meine Mitarbeiterin übergeben und packte jetzt meinen Krempel zusammen. Wenn ich nach drei Wochen aus der Berufsschule zurückkam, wollte ich, dass mein Arbeitsplatz ordentlich aussah.

Schon über ein Jahr war ich jetzt als Auszubildende bei Top!c, einer namhaften Werbeagentur, und durfte inzwischen schon eigene kleine Projekte betreuen. Natürlich hatte ich immer noch meine Ausbilderin, die einen letzten Blick darauf warf, aber es war ein tolles Gefühl, zu wissen, dass einem vertraut und der Einsatz, den man zeigte, geschätzt wurde. Und einen allzu schlechten Job schien ich auch nicht zu machen.

Dass ich jetzt drei Wochen in die Berufsschule musste, ging mir gewaltig gegen den Strich. Das war einfach immer absolute Zeitverschwendung. Der Stoff, den man auch in einer halben Stunde besprechen konnte, wurde von den Lehrern gern auf drei Stunden aufgeteilt, und in der Zwischenzeit musste man aufpassen, dass man sich nicht zu Tode langweilte.

Immerhin ließen mich die Lehrer meistens in Ruhe, und ich konnte, wenn ich mit den Aufgaben fertig war, mehr oder weniger machen, was ich wollte, ohne dass ich Ärger bekam. Ich hoffte, dass meine Lehrer blieben, wenn die Klassen neu zusammengesetzt wurden.

Da unsere Berufsschule wegen Umbauarbeiten geschlossen war, hatte man unsere Jahrgänge mit der anderen zusammengelegt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete.

Jetzt wollte ich erst einmal mein wohlverdientes Wochenende genießen, bevor am Montag die Hölle losging.

»Ciao!«, rief ich in die Runde, und meine Kollegen hoben verabschiedend die Hände. Vor mich hin summend begab ich mich nach draußen in die Kälte. Brrr, es war bitterkalt. Ich sehnte mich so sehr nach Wärme, Sonnenschein und am besten nach leckeren Drinks. Da wir jedoch gerade mal November hatten, würde das noch dauern …

Gut, die Drinks müssten nicht bis zum Frühling warten. Grinsend tippte ich eine Nachricht in den Gruppenchat meiner Freundinnen. Den Freitagabend musste man ja nicht zwingend zu Hause verbringen.

Etwa zwei Stunden später betrat ich die Bar, in der wir uns treffen wollten. Ich war ein bisschen zu früh dran, doch so konnte ich wenigstens für uns vier schon mal einen Platz ergattern.

Kaum hatte ich den Gedanken gedacht, ging hinter mir die Tür auf und Beatrice kam hereinstolziert. Ihre langen Beine sahen in ihrer schwarzen Röhrenjeans übertrieben dünn und lang aus, die blonden Haare hatte sie geglättet. Suchend blickte sie sich um.

»Hey, du bist ja schon da!«, rief sie, als sie mich sah.

»Gerade gekommen«, erwiderte ich, und wir umarmten uns. Sie war ein gutes Stück größer als ich, vor allem, wenn sie wie heute High Heels trug. Als ob sie nicht eh schon groß genug war.

Ich war so ziemlich die Kleinste in meiner Freundesgruppe, doch als sie sich neben mich setzte, während wir auf die anderen warteten, war der Unterschied nicht mehr ganz so groß. Wir steckten unsere Köpfe gerade zu zweit in eine Getränkekarte, als uns beiden von hinten die Augen zugehalten wurden.

»Ihr erratet nie, wer wir sind«, versuchte sich Cassandra an einer verstellten tiefen Stimme, die ihr fürchterlich misslang. Mary verriet sich sowieso gleich durch ihr Kichern. Das waren unsere Freundinnen, keine Frage.

»Stimmt, niemals«, kommentierte Bea auch schon trocken, während sich die anderen beiden zu uns setzten.

»Habt ihr schon bestellt?« Wenn einer viele Cocktails trinken konnte, dann Mary. Im Ernst, keiner trank so viele Cocktails wie sie und war danach noch ansprechbar. Sie war nur etwas größer als meine eineinhalb Meter, ich hatte also keine Ahnung, wo sie den Alkohol hinsteckte.

»Nein, wir sind gerade am Suchen«, antwortete ich und reichte den beiden die zweite Karte über den Tisch hinweg, die sie sofort aufschlugen und wie Bea und ich ihre Köpfe hineinsteckten.

Ich beschloss, heute wagemutig zu sein: Der Barkeeper sollte mir mixen, was immer er wollte.

Ich beobachtete meine Freundinnen, während sie total vertieft in die Karten starrten, und musste schmunzeln. In manchen Dingen waren wir so verschieden und in anderen wieder so ähnlich. Mich selbst würde ich eher als zurückhaltender und ruhiger einschätzen, auch wenn ich lustig sein konnte. Gerade Cassy und Bea waren wirklich extrovertiert. Sie fühlten sich in jeder neuen Gruppe sofort wohl, knüpften schnell neue Kontakte und waren nie fehl am Platz. Und trotzdem kehrten sie immer wieder zu ihrem engsten Freundeskreis zurück, nämlich zu uns vieren.

Wir kannten uns schon recht lange, Bea und Mary waren mit mir im Kindergarten gewesen, Cassy war kurz vor dem Abschluss zu unserer Gruppe dazugestoßen, und die drei waren für mich wie die Schwestern, die ich nie hatte.

Stattdessen hatte ich einen überfürsorglichen Zwillingsbruder an der Backe, den ich zwar liebte und zu dem ich auch eine besondere Bindung hatte, trotzdem konnte er manchmal ziemlich nerven. Reif wie er war, hielt er mir ständig unter die Nase, dass er der ältere von uns beiden war – mit immerhin etwa eineinhalb Minuten, da wir per Kaiserschnitt auf diese Welt geholt worden waren.

Und jetzt dachte er, dass er das Recht hatte, über mich zu bestimmen, dass er mir sagen konnte, was ich durfte und was nicht, dass er immer alles besser wusste und dass ich nie im Leben auf mich selbst aufpassen könnte.

Tz.

Heute war er zum Glück nicht zu Hause gewesen, als ich losgezogen war. Sonst hätte ich mir wieder einen ellenlangen Vortrag darüber anhören dürfen, wie groß das Risiko sei, dass ich überfallen, ausgeraubt oder von Aliens entführt wurde. Es freute mich natürlich, dass wir ein gutes Verhältnis zueinander hatten und dass er sich um mich sorgte, aber manchmal war es einfach zu viel des Guten. Vor allem, da wir beide jetzt neunzehn waren – erwachsen also.

Und welchen Gefahren man als Frau ausgesetzt war, brauchte er mir sowieso nicht zu erzählen.

»Ich spüre es, heute Abend wird genial!« Mary wedelte begeistert mit den Händen, während sie sich ihren Cocktail aussuchte. Mit ihr wurde es nie langweilig, sie hatte eine unbändige Energie und eine Lebensfreude, die unübertrefflich war. Sie studierte Skandinavistik, weil sie irgendwann einmal nach Island ziehen wollte. Dass sie nur dafür fünf Jahre lang gleich alle skandinavischen Sprachen lernen wollte, verstand ich nicht wirklich. Doch das Uni-Leben, das Lernen, das Lesen war einfach genau das Richtige für sie.

»Ich brauche definitiv was Starkes«, seufzte Cassy. »Ich hatte heute im Laden nur unfreundliche Kunden. Alle haben mich angeschnauzt, sich beschwert oder am Ende doch nichts gekauft. Und mein Rücken tut vom Stehen weh!«, klagte sie. Keiner von uns beneidete Cassys Arbeit im Schuhgeschäft. Na ja, abgesehen davon, dass sie ungelogen hundertdrei Paar Schuhe hatte, weil sie ja einen Mitarbeiterrabatt bekam. Und natürlich hatte sie viel größere Füße als ich, weshalb ich mir nie welche von ihr ausleihen konnte.

»Okay, haben wir’s? Dann gehe ich bestellen«, riss mich Bea aus meinen Gedanken und stand auf.

»Der Barkeeper soll mich überraschen«, meinte ich, was die anderen aufjaulen ließ.

»Uuuh, endlich kommst du mal aus dir raus!«, rief Mary neckend und sagte Bea, dass sie eine Piña colada wollte.

»Ich will einfach mal was Neues probieren.« Ich hob ganz unschuldig die Schultern.

»Einen Whiskey Sour für mich«, sagte Cassy zu Bea, die daraufhin verschwand, und grinste mich vergnügt an.

»Magst du nicht deinem Bruder schreiben und fragen, ob er auch kommt?«

Ich verdrehte genervt die Augen. »Definitiv nicht, endlich habe ich mal meine Ruhe von ihm!«

»Ach komm, bitte …« Cassy zog eine Schnute, und ich konnte ihrem bettelnden Blick fast nicht widerstehen. Sie hatte einen kleinen Crush auf meinen Bruder, und der Gedanke ekelte mich irgendwie an. Bastian stand mir einfach viel zu nahe, und die Vorstellung von ihm mit … mit irgendwem, war nicht auszuhalten.

Gut kannte Cassy ihn auch nicht wirklich, Bastian und ich waren in der Schule immer in den Parallelklassen gewesen. Sowohl der Direktor als auch unsere Eltern waren der Meinung gewesen, dass es meinem Bruder und mir schaden würde, in die gleiche Klasse zu gehen. Cassy hatte ein paarmal mit ihm gesprochen und ihn natürlich gesehen, wenn sie mich besucht hatte. Das war’s auch schon.

»Vergiss es. Er hat eh keine Zeit, er ist bei Damian«, erklärte ich und senkte den Blick auf die Tischplatte.

»Er kann doch einfach mitkommen?«, schlug Mary vor, doch da wiegelte ich bereits ab.

»Er will mich nicht sehen, schon vergessen?«

»Bei euch herrscht immer noch Funkstille?« Mary sah mich ungläubig an. »Wie lange habt ihr denn nicht mehr miteinander gesprochen, ein halbes Jahr?«

»Kommt hin.« Und ich vermisste Damian. Es war immer so locker und unbeschwert mit ihm gewesen. Ich war gern mit ihm zusammen. Aber mehr?

Abgesehen davon hätte Bastian das nie zugelassen.

Ich hatte Damian offen gesagt, woran er bei mir war. Und ich dachte, das sei okay für ihn. Er hatte doch gesagt, dass es okay für ihn sei.

Und dann sahen wir uns plötzlich kaum noch, schrieben nicht mehr, und wenn, dann nur kurz, liefen uns nicht mehr zufällig über den Weg, bis er plötzlich wie aus heiterem Himmel zu mir kam und mir eröffnete, dass er das nicht mehr konnte.

»Das wird schon wieder, er wird sich beruhigen«, riss mich Marys aufmunternde Stimme aus meinen Gedanken, die gerade drauf und dran waren, in düstere Gefilde abzudriften. Und da hatten sie heute Abend nichts verloren.

Ich versuchte, das schlechte Gewissen, das sich immer bei mir meldete, wenn ich an Damian dachte, abzustellen. Es war nicht fair von mir gewesen, noch mit ihm befreundet sein zu wollen, obwohl er Gefühle für mich hatte. Ich hätte mehr Rücksicht auf ihn nehmen sollen, hatte dabei nur an mich selbst gedacht. Das hatte ich mittlerweile eingesehen.

»Hier sind die Cocktaaaails«, rief Bea munter, als sie mit den ersten beiden Gläsern in der Hand ankam und danach noch mal schnell die anderen beiden von der Theke holte. »Und das hier ist dein Spezial-Cocktail, mit besten Grüßen von dem süßen Barkeeper.« Gut gelaunt stellte sie ein orangefarbenes Getränk vor mich.

Ich nahm einen Schluck davon und ließ den Geschmack auf der Zunge zergehen. Überwiegend sauer, mit einer leicht süßlichen Note. Alkohol, dezent, nicht zu aufdringlich. Perfekt.

Lächelnd hob ich mein Glas in Richtung Barkeeper und nickte anerkennend, was er mit einer angedeuteten salutierenden Bewegung quittierte.

»Blair, Blair, Blair, was ist denn heute Abend in dich gefahren?« Cassy sah mich mit einem überraschten Lächeln an.

»Gewöhnt euch besser nicht dran«, erwiderte ich zwinkernd. Heute fühlte ich mich danach – morgen würde ich schon wieder die ruhige, zurückhaltende Blair sein, die ich nun mal war. Und das war gut so.

2

Damian

Todmüde saß ich im Bus und lehnte mich mit geschlossenen Augen an die Fensterscheibe.

Montagmorgen. Auf dem Weg zur Berufsschule.

Es war gestern spät geworden. Zu spät. Aber wie könnte ich Nein sagen, wenn mich meine Kollegin Hayley zusammen mit den anderen aus der Firmen-Freundesgruppe zum Essen einlud? Und dann von unserem neuen Chef schwärmte. Im Büro war schon Frühling, nur bei mir herrschte tote Hose.

Ich gähnte und warf einen Blick aus dem Fenster. Gestern hatte ich noch kurz mit Noah geschrieben, ein recht lustiger Typ, mit dem ich schon das letzte Jahr Berufsschule verbracht hatte. Er hatte bestätigen können, dass wir in einer Klasse waren. Wenigstens gab es also mindestens eine normale Person, mit der ich die nächsten drei Wochen verbringen konnte.

Lustlos schlenderte ich kurze Zeit darauf zu dem grauen Betonklotz, der fast wie ein Gefängnis aussah. Um mich herum waren zahlreiche namenlose Schülerinnen und Schüler, deren Gesichter ich nicht in meinem Kopf abspeicherte. Wozu auch?

Bei der Eingangstür erkannte ich Noah, der mir zuwinkte und ein paar Schritte auf mich zukam. Wir begrüßten uns mit Handschlag, und ich war echt froh, ihn zu sehen.

»Na, alles klar bei dir?« Noah sah mich von der Seite an, während wir nach drinnen gingen.

»’türlich.« Ich grinste ihn an. Seine blonden Haare standen wirr nach oben, und er sah aus, als wäre er erst vor zehn Minuten aus dem Bett gefallen. Noah war ein Chaot, ein strukturierter Chaot.

»Also, wo müssen wir hin?« Wir schlenderten zum Infoscreen und warteten auf die Anzeigen für die aktuellen Klassen der Berufsschule. Viermal wurde ich in der Zeit angerempelt und war jetzt schon mehr genervt, als gut war.

»MK212«, murmelten wir gleichzeitig, als unsere Klasse endlich angezeigt wurde. Zusammen machten wir uns auf den Weg und schlängelten uns zwischen den Leuten durch. Es roch abgestanden und nach Linoleum, ich hasste den Geruch.

»Ich bin ja mal gespannt, ob es ein paar nette Chicks in unserer Klasse gibt«, kam es vergnügt von Noah, der sich aufgeregt die Hände rieb, während wir die Treppe in den zweiten Stock hochstiegen. Erst wollte ich ihm für den Gebrauch des Wortes »Chicks« eine runterhauen, doch dann fiel mir auf, dass er mich mit seiner Aussage an mein Vorhaben erinnerte, endlich mal Blair zu vergessen.

Ich betrachtete die Mädchen um mich herum genauer und setzte jetzt mein charmantestes Lächeln auf, anstatt irritiert die Augenbrauen zusammenzuziehen. Und schon lächelten mir die ersten Mädchen entgegen.

Funktionierte doch prima.

Die Tür zum Klassenzimmer war offen, und nur wenige Schüler hatten schon Platz genommen. Wir zwängten uns in die zweite Reihe und rutschten ganz bis zum Fenster durch. Dort konnte man sich meistens ganz gut vor den Blicken der Lehrer verstecken, weil es nicht so offensichtlich wirkte, als wenn man sich in die hintere Ecke verfrachtet hätte.

Wir versuchten es uns auf den unbequemen Holzstühlen gemütlich zu machen, und ich holte meinen Laptop raus, um die Dokumente für den Unterricht vorzubereiten. Das hatte ich eigentlich gestern machen wollen, doch das Essen mit den Kollegen war erfreulicherweise dazwischengekommen.

Ich sah konzentriert auf meinen Bildschirm, als Noah neben mir plötzlich leise einen Pfiff ausstieß.

»O Mann, das werden drei gute Wochen!«

Ich sah ihn fragend an, folgte schließlich seinem Blick zur Tür.

Und starb innerlich.

Umwerfend schön und breit lächelnd stand Blair im Türrahmen und unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen Mädchen. Die Welt stand für eine Sekunde still, und ich versuchte zu kapieren, was gerade passierte.

Dann spürte ich einen leichten Anflug von Wut und unterdrückte schon zum zweiten Mal an diesem Morgen das Bedürfnis, Noah eine zu scheuern. Als ich wieder zu ihm sah, war es mehr als deutlich, dass ihm gefiel, was er sah.

»Die ist echt nicht von schlechten Eltern«, flüsterte er mir zu, und ich schluckte ein Knurren hinunter, während sich mein ganzer Körper versteifte.

Wie lange hatte ich Blair schon nicht gesehen? Über ein halbes Jahr. Hundertsiebenundneunzig Tage, um genau zu sein.

Was machte sie hier?

Plötzlich hörte ich Bastians Stimme verschwommen in meinem Kopf. … ihre Schule wird umgebaut …

Verflucht, ich hatte ihm nicht zugehört, weil ich ihm nicht zuhören wollte. Ich hatte keine Lust gehabt, irgendetwas über Blair zu erfahren. Und jetzt war ich völlig unvorbereitet für die nächsten drei Wochen, in denen ich plötzlich wieder ihre Anwesenheit spüren und gegen ihre Art ankämpfen musste. Und anscheinend auch mit ansehen musste, wie mein Kumpel Pläne schmiedete, sich an sie ranzumachen.

Fast schon panisch sah ich wieder zu ihr, wie sie mit ihrer Freundin in den Raum schritt und durch die Reihen blickte. Gleich würde sie auf mich aufmerksam werden. Gleich.

Ich senkte den Blick auf meine Tastatur, wusste nicht, ob ich so tun sollte, als hätte ich sie nicht gesehen, oder ob ich aufstehen und auf sie zugehen sollte. Immerhin waren wir mal wirklich eng befreundet gewesen.

»Hey, sie starrt dich an, Bro«, murmelte Noah und, ohne zu überlegen, hob ich den Kopf. Das Hellgrün ihrer Augen war auf mich gerichtet und traf mich mit voller Wucht. Automatisch hielt ich die Luft an, als ich auf eine Reaktion von ihr wartete. Doch sie starrte mich nur erstaunt an.

»Kennt ihr euch?«, flüsterte Noah weiter, und ich räusperte mich. Auf Blairs Lippen bildete sich ein Lächeln, ihre Augen begannen zu strahlen und sie kam freudig auf mich zu.

»Damian!«

O Gott, ihre Stimme … Hart stieß ich die angehaltene Luft wieder aus, erhob mich und versuchte, so etwas wie ein Lächeln zustande zu bringen. Meine Gefühle für sie hatten im Lauf des letzten halben Jahres keinen Deut abgenommen, musste ich bitter feststellen. Damit hatte ich nicht gerechnet; es war wie ein Schlag ins Gesicht.

»Hey, Blair«, meinte ich ruhig, als sie sich über den Tisch gelehnt in meine Arme warf und ich zögernd ihre Umarmung erwiderte. Ihr süßlicher, frischer Duft schlug mir entgegen, ihr weiches Haar fühlte sich an meiner Wange wie Seide an, und ich betete, dass sie meinen heftigen Herzschlag nicht bemerkte. Die Selbstsicherheit, die ich sonst an den Tag legte, war bei ihr mittlerweile komplett verschwunden. In ihrer Nähe konnte ich nach ihrer Abweisung nicht mehr stark und überheblich sein. Dass Blair mich nicht wollte, hatte an meinem Ego genagt und mich an mir selbst zweifeln lassen.

»O mein Gott, wow!« Sie löste sich von mir und strahlte mich an. Wusste sie, was sie damit bei mir anstellte? »Wie geht es dir? Ich kann kaum glauben, dass wir uns hier über den Weg laufen!«

»Die Welt ist manchmal echt klein«, meinte ich und lachte falsch. Verflixt!

Ein Räuspern neben mir lenkte meine Aufmerksamkeit auf Noah. »Oh, ähm, das hier ist Noah«, stellte ich ihn vor. »Und das ist Blair.« Die beiden begrüßten sich mit Handschlag, als in dem Moment das dunkelhaarige Mädchen wieder neben Blair trat.

»Das ist meine Freundin Isobel, aber wir nennen sie Izzie.«

Izzie lächelte mir schüchtern zu und versuchte meinen Blick zu halten, ich grinste schief und sah sofort wieder weg.

Noah dagegen war sogar aufgestanden, um sich mit Blair und ihrer Freundin besser unterhalten zu können. Ich hörte gar nicht zu, sondern sah sie nur an. Wie ihre Augen funkelten, wie ihre Zähne beim Lächeln strahlten, wie sie ihre Hand in die hintere Hosentasche steckte und den Kopf leicht schief legte.

Diese drei Wochen würden mein Untergang werden. Alle noch nicht verheilten Wunden würden neu aufgerissen werden.

Ich schielte zu Noah, der schon Hals über Kopf verknallt war. Vielleicht sollte ich sie einfach ihm überlassen. Meine Chancen, über sie hinwegzukommen, wären womöglich so größer.

Plötzlich spürte ich eine Berührung auf meinen verschränkten Armen, die mich aus meinen Gedanken riss. Ich senkte den Blick zu dieser kleinen, zierlichen Hand, die ein Feuer in meinem Körper auslöste.

»Es ist echt schön, dich wiederzusehen.« Blairs sanfte Stimme ließ mich in ihre Augen blicken. »Wir können ja in der Pause ein wenig reden.« Sie lächelte unsicher und entfernte sich. Ohne ihre Berührung war mein Arm kalt wie Eis.

»So, einen schönen guten Morgen!«

Überrascht sah ich nach vorn, wo unser Lehrer Platz genommen hatte. Ich hatte ihn gar nicht bemerkt. Schnell setzte ich mich hin und warf einen flüchtigen Blick über meine Schulter, nur um zu sehen, dass sich Blair schräg hinter mir hinsetzte.

»Dude«, hauchte Noah neben mir gedehnt, und ich sah ihn fragend an. »Sag bloß, sie ist deine Ex-Freundin und ich darf mich nicht an ihr versuchen, wegen dem Bro-Code und so …«

»Noah, ich bin nicht Barney Stinson.« Verärgert schüttelte ich den Kopf und atmete tief ein. Ich sollte meine Verzweiflung nicht an Noah auslassen. Aber im Ernst, Bro-Code? Und verdammt … Noah war nicht ganz so schlecht aussehend, wenn ich das als Kerl beurteilen konnte. Blond und blauäugig, das gefiel doch den meisten Mädels, oder? Und lustig war er auch – vielleicht würde Blair ja irgendetwas in ihm sehen?

Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und wünschte mich in mein Büro zurück. Wie gern würde ich zu meiner Kollegin Hayley gehen und mich von ihr trösten lassen. Sie war für mich wie eine … junge Tante?

Ach, was dachte ich da überhaupt? Damian Mahone würde doch wohl nicht einfach wegrennen! Damian Mahone stellte sich den Herausforderungen!

Und ich würde schon dafür sorgen, dass er es auch dieses Mal tat.

Ich hatte das Gefühl, Blairs Blick die ganze Zeit in meinem Rücken zu spüren. Dabei war ich mir sicher, dass sie entweder Mr Hansson, unseren Lehrer, oder ihre Notizen ansah. Blair war eine gute und vor allem ehrgeizige Schülerin gewesen, und ich schätzte sie so ein, dass sie das auch in der Berufsschule durchziehen würde.

Obwohl man in der Berufsschule nicht wirklich aufpassen musste, um mitzukommen. Die meiste Zeit zumindest.

Nach drei ewig langen langweiligen Schulstunden hatten wir endlich die erste Pause. Zeit für eine Runde zum Kiosk. Ich stand auf und war schon auf dem Weg zur Tür, als ich Noahs Stimme hinter mir hörte.

»Möchtet ihr beiden auch was vom Kiosk?«

Ich schloss kurz die Augen und drehte mich um. Es war klar, dass er mit Blair und Izzie sprach und dass er eigentlich nur an Blair ranwollte. Konnte ich das durchziehen? Ihm freie Bahn lassen?

»Ich komme mit!« Blair schnappte sich ihren Geldbeutel aus ihrer Tasche und sprang energisch auf.

Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie Blair an meiner Seite war und neben mir die Treppen hinunterlief. Ich hörte die Schritte von Noah und Izzie hinter uns und war mir sicher, dass Noah sich gerade einen Plan zurechtlegte, wie er an Blair herankommen konnte.

»Das ist wirklich ein krasser Zufall, dass wir jetzt in der gleichen Klasse sind«, plapperte Blair in ihrer liebenswerten Art vor sich hin, die ich so lange vermisst hatte. Ihre Stimme klang ein wenig abgehetzt, als würde sie die Luft anhalten. Vielleicht fürchtete sie sich vor meiner Reaktion.

»Ja, es ist wirklich kaum zu glauben.« Ich versuchte nicht zu schroff zu wirken, doch der Schmerz saß einfach zu tief. Ich konnte sie nicht ansehen.

Am Kiosk standen ein paar Leute vor uns an, und wir stellten uns brav hinten in die Schlange. Noah redete ununterbrochen und versuchte mit diversen Geschichten aus seinem Betrieb bei Blair Punkte zu sammeln. Blair hörte ihm zu, lächelte, warf zwischendurch einen Satz ein, doch ihr Blick huschte immer wieder zu mir.

Wir hatten uns lange nicht gesehen. Vielleicht zu lange. Andererseits war der Zeitraum vielleicht auch noch nicht lang genug gewesen. Ich für meinen Teil jedenfalls fühlte mich überhaupt nicht bereit, die nächsten drei Wochen auf so engem Raum mit Blair zu verbringen.

»Weißt du schon, welche zusätzlichen Kurse du dieses Jahr wählst?« Blairs Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

»Mal sehen, ich versuche meine Zweitwahl von letztem Jahr zu bekommen.«

Die Kurswahl war jedes Mal ein kleines Chaos. Man konnte sich an verschiedenen Ständen informieren und musste zwischen Pest und Cholera unterscheiden. Von den etwa zwanzig angebotenen Kursen gab es ungefähr vier, bei denen man wenigstens nicht gleich bei der Vorstellung einschlief. Ich hatte es geschafft, letztes Jahr zwei von diesen zu belegen, also würde ich dieses Jahr mein Augenmerk auf die anderen beiden richten.

»Also ›Kreation von Werbetexten‹ und ›Werbepsychologie‹?«, warf da auch schon Noah ein, und ich hätte ihn beinahe erwürgt. Ich hatte vor Blair absichtlich nicht erwähnt, welche Kurse das waren.

»Den Kurs habe ich letztes Jahr schon belegt, ich fand ihn gar nicht mal so schlecht«, erzählte sie weiter, und ich wischte mir mental den Schweiß von der Stirn. »Für ›Werbepsychologie‹ wollte ich mich dieses Jahr auch bewerben.« Und jetzt mit dem Kopf gegen eine Steinwand hämmern. Warum?

Ich überlegte schnell, ob es nicht ein anderes Wahlfach für mich gab, das annähernd so interessant wie Werbepsychologie war.

Nein.

Also müsste ich mich entweder dafür entscheiden, freiwillig einen langsamen, qualvollen Tod der Langeweile zu sterben, weil ich irgendein anderes ödes Fach belegte, oder ich würde einen langsamen, qualvollen Tod des Liebeskummers sterben, da ich Blair noch mal zwei weitere Stunden pro Woche sehen und sie mich wahrscheinlich damit an den endgültigen Rand des Abgrunds treiben würde, indem sie sich dort auch noch neben mich setzte.

»Ja, ich habe auch schon daran gedacht!«, kam es plötzlich von Noah, der letztes Mal deutlich gesagt hatte, dass Werbepsychologie für ihn absolut nicht in die Tüte kam. Ich starrte ihn fast schon entgeistert an. In meinen Überlegungen musste ich also ernsthaft auch bedenken, dass Noah volle Pulle in die Offensive gehen würde.

Ich hasste mein Leben.

»Oh, wir sind dran!«, meinte Blair plötzlich und schubste mich zur Theke des Kiosks. Ihre Berührung ließ mich kurz zusammenzucken, was mir einen verwunderten Blick von ihr einbrachte. Ich ignorierte ihn und wandte mich an die Verkäuferin, die uns gelangweilt und abwartend ansah.

»Ähm, eine Cola und …« Ich sah kurz zu Blair. »Ein Twix bitte.«

»Woher …?«

»Oh, das wolltest du doch haben, oder?« Verwirrt sah ich sie an, sie kaufte sich immer ein Twix.

»Schon, aber …«

Und da realisierte ich es. Ich war einfach wieder automatisch in die Beste-Freund-Masche gerutscht. Ich kannte Blair immer noch so gut, dass ich wusste, was sie wollte. Und ich hatte ihr einfach wieder, ohne weiter darüber nachzudenken, genau das geben wollen.

Ich atmete einmal tief durch und wandte den Blick ab.

Dann spürte ich, wie sie ihre kleine Hand um mein Handgelenk legte. Erst sah ich darauf hinunter, daraufhin zu ihr. Sie wollte gerade etwas sagen, als die mürrische Verkäuferin eine krächzende Raucherstimme preisgab und mir mitteilte, wie viel meine Bestellung kostete.

Ein wenig benommen zahlte ich, nahm das Getränk und die Süßigkeit entgegen, reichte das Twix gleich an Blair weiter und ging ein paar Schritte weg. Noah begann sich gleich wieder mit Blair zu unterhalten, die mir immer wieder fragende Blicke zuwarf.

Ich musste mich unter Kontrolle halten, so wie ich es die letzten Monate geschafft hatte. Wir konnten nicht einfach wieder dort anknüpfen, wo wir vor diesem verhängnisvollen Gespräch aufgehört hatten.

Ich konnte nicht einfach wieder dort anknüpfen. Zumindest wollte und sollte ich das nicht, weil es mich nur wieder in den Blair-Strudel ziehen würde, aus dem ich mich so mühsam herausgekämpft hatte.

»Noah ist ganz schön anhänglich, was?«, hörte ich plötzlich Blair neben mir flüstern. Noah war die ganze Zeit kaum von ihrer Seite gewichen, während wir an den Ständen vorbeigeschlendert waren und uns ab und an mal ein paar Sätze über die Kurse angehört hatten.

Jetzt liefen wir endlich wieder die Treppen zu unserem Klassenzimmer hoch, nachdem wir uns ganze vierzig Minuten einfach gelangweilt hatten.

»Er ist eigentlich ein guter Kerl«, antwortete ich ihr ein wenig widerwillig, aber es war die Wahrheit. Noah war wirklich ein prima Kumpel. Obwohl er mich gerade nervte. Doch er machte das ja nicht mit Absicht und konnte nicht wissen, wie es mir ging.

Ich setzte mich an meinen Platz, und keine zwei Sekunden später saß Noah neben mir und drehte sich mit seinem Stuhl zu den Mädels um. Er hatte ein Formular und einen Stift in der Hand und machte sich auf dem Tisch der Mädchen breit.

Irgendwie hatte er die Gabe, dass Mädchen nie von ihm genervt waren, egal was er anstellte.

»So, was nehmen wir denn jetzt Schönes? ›Social Media‹ wird wahrscheinlich eine ziemlich gemütliche Angelegenheit«, sagte er und schrieb schon etwas auf seinen Zettel. Der Weg des geringsten Widerstandes. War ja klar. Das war so typisch Noah, dass ich schmunzeln musste.

»Pass auf, dass du dich nicht überanstrengst«, ärgerte ich ihn, entlockte ihm damit jedoch nur ein Grinsen.

Ich zückte meinen Bleistift, stützte den Kopf in eine Hand und versuchte in dem Zeitplan, der mir zur Verfügung stand, die vier Kurse unterzubringen, die in die engere Wahl kamen. Ich tendierte gerade dazu, Werbepsychologie doch als meine Zweitwahl einzutragen, als plötzlich Blair neben mir auftauchte und auf mein Blatt sah.

Jetzt konnte ich meinen Plan ja schlecht umsetzen, da Noah vorhin schon seine Klappe so weit aufgerissen hatte.

Also trug ich Werbepsychologie als erste Wahl ein, so wie ich es ursprünglich geplant hatte, und schon hatte ich meine Matrix fertig. Ich spürte Blair noch immer neben mir. Auf einmal legte sie ihr Blatt neben meines, das bereits mit Kuli fertig ausgefüllt war, sodass kein Zweifel blieb, dass sie keine Änderungen mehr vornehmen würde.

Bis auf einen Kurs stand exakt die gleiche Auswahl auf ihrem Blatt wie auf meinem.

»Wir scheinen noch immer ziemlich gleich zu denken«, meinte sie leise, bevor sie sich wieder an ihren Platz setzte. Ihr Duft blieb noch einige Sekunden in meiner Nase hängen, und gedankenverloren starrte ich auf das Blatt vor mir. Wieso war sie so? Es schien fast, als würde sie meine Nähe, den Kontakt zu mir suchen.

Wie konnte sie so locker sein nach unserem letzten Gespräch vor einem halben Jahr? Hatten wir nicht erst tausend Dinge zu bereden, bevor wir wieder ungezwungen miteinander umgehen konnten?

Mir ging es zumindest so.

Aber wollte ich darüber reden? Hieß das nicht nur, alte Wunden wieder aufzureißen, die gerade erst ein wenig anfingen zu heilen?

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren! Ich wusste selbst eigentlich nicht, was ich wollte. Zumindest nicht in der jetzigen Situation. Denn ich wollte Blair. Immer noch. Doch diese Option stand nicht zur Debatte, und alles andere war einfach ungenügend.

Seufzend ließ ich den Kopf hängen und hielt mich den Rest der Zeit aus den Gesprächen der anderen heraus. Ich sah stur auf meinen Laptop, surfte ein wenig im Internet, las ein wenig auf Wattpad – immerhin war der eine oder andere Krimi gar nicht mal so schlecht, wenn man schon die ganzen Schnulzen nicht lesen wollte – und langweilte mich, bis mich unser Lehrer aus meinen Gedanken riss und unsere Formulare einsammeln wollte. Als ich mein Blatt abgegeben hatte, war es beschlossene Sache.

Ich würde die nächsten drei Wochen durch die Hölle gehen.

3

 

Blair

Gedankenverloren saß ich auf unserer Couch und kraulte unsere plüschige Katze Maggie hinter den Ohren. Ihr dunkles Fell wärmte mich, während ich auf den Fernseher starrte, ohne zu realisieren, was eigentlich gerade lief.

Der erste Tag der Berufsschule war vorbei, und er war ganz anders gewesen, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Denn nie hatte ich gedacht, dass ich mit Damian in eine Klasse kommen würde.

Ich war so froh gewesen, ihn wiederzusehen, dass ich für einen kurzen Augenblick doch tatsächlich vergessen hatte, dass Damian mir ja eigentlich die Freundschaft gekündigt hatte. Seine braunen freundlichen Augen, seine dunklen Haare, sein witziger Charme, seine Nähe waren immer noch so vertraut, und ich hatte ihn vermisst.

Doch schnell hatte ich gemerkt, dass er meine Nähe anscheinend nicht als genauso erfrischend empfunden hatte. Er war nicht so locker und fröhlich, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Es schien so, als wäre die Energie aus ihm gewichen. Es hatte fast so gewirkt, als ob er sich nicht einmal gefreut hatte, mich zu sehen.

Ich wollte mich gern mit Damian aussprechen und hatte heute auch versucht, es zu tun. Aber dieser Noah war die ganze Zeit dazwischengekommen. Er wirkte eigentlich echt nett. Mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen war er auch ganz schnuckelig. Und seine Lache … Die war wirklich mehr als unterhaltsam und lustig.

»Na, du kleine Streberin!« Bastian schmiss sich neben mir in die Kissen des Sofas, was Maggie dazu brachte, ihre Krallen in mich zu stemmen, um von meinem Schoß runterzuspringen.

»Au, kannst du nicht ein bisschen vorsichtiger sein?«, fragte ich ihn genervt und rieb mir über die Beine.

»Ach, hab dich doch nicht so! Wie war’s? Erzähl schon!«

Ich stöhnte genervt, weil ich absolut nicht in Redelaune war – wie mein Bruder anscheinend. Maggie kam wieder angetrottet und ließ sich auf meine Füße plumpsen.

»Es war okay. Damian war auch da, wir sind in einer Klasse.«

»Damian und du seid jetzt in einer Klasse?« Bastian sah mich überrascht an, bevor er anfing zu grinsen. »Dann könnt ihr euch jetzt nicht mehr totschweigen.«

»Das machen wir doch gar nicht«, verteidigte ich mich. Ich hatte Bastian nichts davon erzählt, dass Damian keinen Kontakt mehr mit mir haben wollte, und anscheinend hatte auch Damian kein Wort über die Situation zwischen uns verloren. Aber es war Bastian natürlich aufgefallen, dass wir auf einmal nichts mehr miteinander unternommen hatten. »Wir sind einfach irgendwie unterschiedliche Wege gegangen, so etwas passiert«, versuchte ich mich herauszureden und dabei möglichst gleichgültig zu klingen.

Bastian zuckte nur mit den Schultern, schnappte sich die Fernbedienung und begann, durch die Programme zu zappen. Normalerweise hätte ich ihn für diese Frechheit zur Schnecke gemacht, doch gerade eben interessierte es mich eh nicht, was im Fernseher lief.

Ich starrte schon wieder vor mich hin und dachte an nichts und doch wieder alles. Hauptsächlich an Damian. Und dann auch wieder nicht.

Als Mum kurz darauf ins Wohnzimmer kam und fragte, ob ich ihr beim Kochen helfen wolle, stand ich gehorsam auf, nachdem ich Maggie vorsichtig von meinen Füßen geschubst hatte. Auch hier würde ich mich normalerweise beschweren, dass immer ich und nie Bastian gefragt wurde, aber ein wenig Ablenkung würde mir guttun.

Und nach dem Essen würde ich bestimmt nicht mehr über Damian grübeln. Zumindest hegte ich die Hoffnung, und diese starb ja bekanntlich zuletzt.

Damian

»Was ist los, Damian? Hast du keinen Appetit?«

Seit zehn Minuten stocherte ich wortlos in meinem Abendessen herum und grübelte. Da ich normalerweise tonnenweise am Futtern war und nonstop mit meiner Mutter redete, war ihr der Kontrast sofort aufgefallen.

»Keine Ahnung«, murmelte ich und versuchte einen Happen zu essen. Es war einfach nur tragisch, wie miserabel ich mich gerade fühlte, nur weil ich verliebt war. Sollte das nicht eigentlich etwas Positives sein? Einem mehr Energie geben? Mehr Lebensfreude?

»Erzähl deiner alten Mutter, was dir auf dem Herzen liegt«, schmeichelte sie.

»Blair ist in der gleichen Klasse wie ich«, sagte ich niedergeschlagen, nachdem ich einige Sekunden überlegt hatte, ob ich Mum in meine aktuellen Probleme einweihen sollte. Sie wusste von Blair und mir. Sie wusste eigentlich alles über mich, deswegen fiel es mir nicht schwer, mit ihr darüber zu reden.

»Oh.« Sie sah mich mit einem betroffenen Ausdruck an. »Hast du das gewusst?«

Ich schüttelte den Kopf und stopfte noch etwas Hähnchenbrust in meinen Mund. Das schmeckte echt lecker, wäre also schade, wenn ich es nicht essen würde, nur weil ich mal wieder Trübsal blies.

Mum sagte erst nichts, aß schweigend weiter, trank etwas von ihrem Wasser. Schließlich legte sie ihr Besteck zur Seite und sah mich an. »Ich verstehe, dass das hart für dich sein muss. Aber mein Damian setzt sich nicht einfach passiv hin und heult.«

»Hey, ich habe nicht geweint!«, fiel ich ihr sofort ins Wort. Sie hob nur eine Augenbraue.

Was …? Ich hatte nicht geweint! Ehrlich!

»Ich habe kein Weichei erzogen, sondern einen starken jungen Mann, der sich nicht geschlagen gibt und Herausforderungen annimmt. Ich sage nicht, dass du jemals Blairs Herz gewinnen wirst.« Autsch. »Nur lass dich davon nicht kaputtmachen.« Sie griff über den Tisch und legte ihre Hand an meine Wange.

Es war lange her, dass mir meine Mum so einen verbalen Arschtritt verpassen musste, ich hatte bis jetzt alles in meinem Leben ziemlich gut im Griff gehabt. Doch gerade war es einfach notwendig gewesen, und ich liebte sie dafür, immer hinter mir zu stehen. Ich griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz, bevor sie sie wieder zu sich zog.

»Du hast ja recht. Aber … Es ist schwer, die Kräfte dafür zu finden, sich aufzurappeln. Ich bin völlig ausgelaugt.« Nach gerade einmal einem Tag in Blairs Nähe. Wie würde es wohl nach den drei Wochen aussehen?

»Irgendwie wirst du die Kräfte schon auftreiben. Glaub mir.« Sie lächelte mich ein wenig wehmütig an. Damals, als mein Vater von einem Tag auf den anderen einfach abgehauen war und meine Mutter mit einem kleinen zweijährigen Rotzlöffel allein gelassen hatte, war sie am Boden zerstört gewesen. Auch sie hatte irgendwo die nötige Energie auftreiben können, um durchzuhalten.

Meine Situation war natürlich nicht wirklich vergleichbar, sie wusste trotzdem, wovon sie sprach. Sie wusste, dass man Liebeskummer und Herzschmerz überwinden konnte.

Ich nickte, aß weiter und dachte darüber nach, ob ich das wirklich durchziehen könnte. Eigentlich gab es keine Wahl. Ich musste das durchziehen.

Wir aßen zu Ende, ich half noch mit dem Abräumen und ging dann in mein Zimmer. Als ich mich auf mein Bett schmiss und meinen Laptop hervorholte, war ich schon am Überlegen, wie ich meinen Kampf gegen Blair gewinnen könnte. Traurig zu sein, würde mir rein gar nichts bringen. Einfach so zu tun, als wäre nichts passiert, war auch keine Option.

Ich konnte nur ich selbst sein und Blair wie alle anderen behandeln – die nötige Distanz wahren, mich aber nicht verstellen. Ich würde nicht versuchen, sie für mich zu gewinnen, denn das war eh unmöglich. Doch ich konnte ihr wenigstens zeigen, zu was sie Nein gesagt hatte.

Ich musste den Eindruck erwecken, dass ich über sie hinweg war. Dass ich keinerlei romantische Gefühle für sie hegte. Dass sie mir nicht mehr bedeutete als eine gute Freundin. Genau, ich müsste eigentlich sie friendzonen. Dann wäre ich womöglich sicher davor, total zu zerbrechen.

Relativ zufrieden mit meinem Plan rollte ich vom Bett runter, machte meine Playstation an und schrieb Bastian, ob er mit mir eine Runde FIFA zocken wollte. Ein wenig Spaß, ein paar Siege und ein wenig Ablenkung – genau das, was ich jetzt gebrauchen konnte.

 

Bastian kam etwa eine halbe Stunde später. Zu einem Abend vor der Playstation konnte er einfach nie Nein sagen.

»Ich hoffe, das Spiel ist schon startbereit?«, fragte er mich grinsend, während ich ihn direkt in mein Zimmer führte.

»Klar, alles fertig, um dich gnadenlos abzuzocken«, erwiderte ich und fing mir einen kleinen Schubser von ihm ein. Er hatte die meiste Zeit tatsächlich keine Chance gegen mich. Generell war ich in vielen Dingen unschlagbar.

Und eindeutig zu sehr von mir selbst überzeugt.

Ich reichte ihm ein Bier, und dann ließen wir uns in die Fatboys vor meinem Fernseher fallen. Die Controller lagen schon griffbereit, und wir suchten uns unsere jeweiligen Mannschaften aus. Natürlich die gleichen wie immer.

Ich wusste nicht, wie lange wir dort saßen und uns nichts schenkten. Ich verbannte alle Gedanken an Blair in den letzten Winkel meines Gehirns und konzentrierte mich voll und ganz darauf, Bastian auszutricksen und den Ball in seinem Tor zu versenken.

»Mann, doch nicht zu dem Spieler!«, regte sich Bastian auf, als ein Pass danebenging. Als er kurz darauf eine Gelbe Karte bekam, schmiss er den Controller zur Seite und warf aufgebend die Hände in die Luft. Ich grinste in mich hinein. Wenn er schon so sauer war, würde er bestimmt viele kleine Fehler machen.

»Das kann doch nicht sein, der Schiedsrichter ist ein Vollpfosten …«, murmelte er mürrisch, und kurz darauf schoss ich erneut ein Tor.

»Das ist viel zu einfach«, stichelte ich und erntete von meinem besten Kumpel einen giftigen Blick. Statt einer Antwort schnappte er sich blitzschnell wieder den Controller und hatte, bevor ich überhaupt blinzeln konnte, ein Tor geschossen.

Siegessicher sah er mich an. »Zu einfach also, hm?« Ich gab ein amüsiertes Schnauben von mir. Wenn er sich verarscht fühlte, dann zogen seine Fähigkeiten plötzlich an. Wenigstens hatte ich jetzt einen ordentlichen Gegenspieler.

»Das war ein Gnadentor, damit du nicht völlig verzweifelst. Es wird auch dein letztes in diesem Spiel bleiben«, prophezeite ich.

»Davon träumst du wohl.« Gut, so leicht würde sich Bastian also nicht mehr geschlagen geben.

Wenige Minuten später war das Spiel vorbei und ich hatte – natürlich – gewonnen. Ich lehnte mich zufrieden zurück und nahm einen Schluck von meinem Bier.

»Du wirst schon sehen. Irgendwann werde ich dich so dermaßen überraschen, wenn ich dich mal so richtig abzocke«, meinte Bastian, während er auch einen Schluck nahm. Das sagte er so ziemlich nach jeder Runde, die er verloren hatte.

Kurz war es still, bis auf die Hintergrundmusik, die noch vom Fernseher ausging, und ich genoss diesen Moment der einträchtigen Stille mit meinem besten Kumpel.

»Du und Blair drückt also gemeinsam wieder die Schulbank.« So viel zur Stille und dazu, dass ich Blair gern mal für eine Weile aus meinem Hirn verbannen wollte.

»Sieht ganz so aus, ja.« Ich versuchte es nebensächlich klingen zu lassen und hoffte, dass Bastian daraufhin nichts mehr sagen würde. Eigentlich wunderte es mich sowieso ein wenig, dass er bisher noch nie etwas gesagt hatte. Noch nie gefragt hatte, warum Blair und ich auf einmal nichts mehr unternahmen und wir uns sogar aus dem Weg gingen.

Ich war mir auch nicht sicher, wie er auf die Nachricht reagiert hätte, falls aus Blair und mir tatsächlich etwas geworden wäre. Nun ja, diese Frage stellte sich ja sowieso nicht mehr.

»Du kannst dir ja von ihr ein bisschen helfen lassen, vielleicht bestehst du das Jahr dann«, stichelte Bastian und grinste mich schief an.

»Wieso bin ich noch mal mit dir befreundet?«, fragte ich ihn ernst, konnte jedoch nicht verbergen, dass ich genau wegen solchen Aussagen mit ihm befreundet war.

»Hey, du passt auf sie auf, oder?« Bastian Stimme klang tiefer als sonst.

»Aufpassen?«

»Ja, dass sie nicht blöd angemacht wird oder so.« Er zuckte mit den Schultern. Kurz überlegte ich, ihm von Noah und seinem Interesse zu erzählen, doch ließ es bleiben. Stattdessen zog ich Bastian ein wenig auf.

»Meinst du nicht, dass es bald an der Zeit ist, Blair ein wenig Freiraum zu geben? Wir sind neunzehn, also keine Kinder mehr. Deine Schwester kann doch wohl auf sich selbst aufpassen.«

»Sie wird immer meine Schwester bleiben. Stell dir vor, Blair wäre deine.« O nein, das wollte ich mir ganz sicher nicht vorstellen. »Würdest du nicht auch aufpassen, dass die Typen die Finger von ihr lassen?« Erwartungsvoll sah Bastian mich an und ich seufzte.

»Ich werde ein Auge auf sie haben«, versprach ich schließlich und wusste, dass das ein Fehler war. Auf Blair aufzupassen war so ungefähr das Letzte, was ich wollte. Wenn ich mich auf die Freundesschiene konzentrieren würde, könnte ich die nächsten drei Wochen vielleicht möglichst unbeschadet überstehen. Alles andere würde in einer Katastrophe enden, da war ich mir sicher. »Aber ich werde ihr definitiv nicht sagen, mit wem sie sich abgeben soll oder nicht. Das steht mir nicht zu.« Das war meine felsenfeste Überzeugung. Ich würde still beobachten, doch ich würde ihr auf keinen Fall irgendwelche Regeln oder Verbote aussprechen.

Bastian seufzte. »Okay, schon gut. Gib einfach Bescheid, wenn dir was Sorgen bereiten sollte.«

»Hör mal, wir sind drei Wochen in der Berufsschule. Was kann da schon schieflaufen?« Was dachte er? Dass Blair nach den Wochen plötzlich ein Junkie war? In eine Rockerbande eingeschleust? Schwanger?

»Und jetzt mach dir keine Gedanken darüber, sondern eher, wie du mir zur Abwechslung mal ein wenig Gegenwehr leisten kannst!« Ich nahm wieder meinen Controller zur Hand und wartete darauf, dass Bastian es mir gleichtat.

 

Also. Cool bleiben, Humor und Charme volle Kanne hochdrehen und Gefühle ausschalten.

Das klang doch nach einem guten Plan, der einfach umzusetzen war!

Ich schulterte meine abgewetzte lederne Umhängetasche und ging in das Gebäude, lächelte entgegenkommende Leute an, zwinkerte ein paar Mädels zu, die kichernd an mir vorbeigingen, und begrüßte sogar höflich alle Lehrerinnen und Lehrer, die mir über den Weg liefen. Ich merkte, wie langsam, aber sicher mein gewohntes Selbstvertrauen ans Tageslicht kam. King Damian, back on track!

Voller Energie und Elan betrat ich das Klassenzimmer und sah schon den lustigen Blondschopf an seinem Platz sitzen. »Hey, Bro, was geht!« Sogar Noah konnte mich vom Lächeln nicht abhalten, obwohl er müde auf seinem Stuhl saß und wahrscheinlich am liebsten noch eine Runde pennen würde.

»Boah, wieso bist du schon so gut gelaunt?«, grummelte er und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, während ich mich neben ihm niederließ.

»Damian ist immer gut drauf«, zwitscherte Blair von hinten, und kurz gefror mir das Blut in den Adern. Ich drehte mich jedoch zu ihr und lächelte auch sie entwaffnend an. Kaum eine halbe Minute war ich im Klassenzimmer, da sprach sie mich schon an. Es schien wirklich, als würde sie meine Nähe und Aufmerksamkeit suchen. Oder so.

»Aber nicht immer so gut drauf«, meinte ich und grinste schief. »Ich habe gestern deinen Bruder bei FIFA so hart abgezockt, er hat sich bestimmt in den Schlaf geweint.«

Blair sah mich verschmitzt an. »Ach deswegen, ich habe mich schon gewundert, warum er gar nicht mehr aufgehört hat zu heulen«, ging sie auf mein Geplänkel ein.

»Du solltest ihn die nächsten Tage wahrscheinlich nicht aus den Augen lassen, nicht dass er aus Trauer irgendetwas Dummes anstellt.« Es fiel mir überraschend einfach, normal mit Blair zu spaßen. Grundgütiger, ich hatte das vermisst!

Ich zwinkerte ihr nur zu und drehte mich wieder nach vorn. Innerlich zitterte ich unkontrolliert, nach außen hin wirkte ich gelassen. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Und ich hatte unser kleines Gespräch als Erster abgebrochen. Ich war verdammt stolz auf mich.

Izzie kam in dem Moment ins Klassenzimmer, und Noah winkte ihr zu. Ich tat es ihm gleich, denn hey, wenn ich schon dabei war … Sie strahlte uns an und setzte sich neben Blair. Was ich nur aus dem Augenwinkel mitbekam, da ich Blair ganz sicher nicht die nächsten Stunden ansehen würde.

Mr Hansson betrat auch endlich das Klassenzimmer, und der Unterricht konnte beginnen.

»Ihre Wünsche zur Kurswahl liegen jetzt auf meinem Schreibtisch, und ich darf mich diese Woche noch dahinterklemmen, wie ich Sie in die Kurse bringe, die Sie bevorzugen.« Wäre das Lächeln dazu nicht gewesen, hätten die Worte fast ein wenig forsch klingen können. »Bevor wir jetzt mit dem Unterricht weitermachen, habe ich noch ein paar Infos für Sie.« Er hielt einen riesigen Stapel Ausdrucke in der Hand, den er vor dem Schüler in der ersten Reihe auf den Tisch fallen ließ. »Einmal durchgeben bitte, und jeder nimmt sich ein Heft.«

Großes Geraschel war zu hören, als die Blätter durchgegeben wurden. Das »Heft« hatte immerhin sechs Seiten.

»Sie haben letztes Jahr bereits in Gruppen eine fiktive Projekt- und Kommunikationsplanung für ein Restaurant ausgearbeitet. Dieses Jahr bekommen Sie einen echten Kunden.« Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch, und das Gemurmel, das durch die Klasse ging, zeigte mir, dass auch die anderen ein wenig überrascht waren. Jetzt wurde es ernst.

»Morgen wird die Gründerin von Majestic Art vorbeikommen, um Ihnen ihre Firma vorzustellen und zu erklären, welche Aufgaben sie von Ihnen erwartet. Aus diesem Grund bilden Sie bitte heute schon Gruppen mit je vier bis fünf Personen. Lesen Sie bitte das Skript durch, das ich gerade ausgeteilt habe und in dem auch schon die wichtigsten Eckdaten angegeben sind, und dann können Sie sich Fragen überlegen, die Sie morgen stellen können. Sie finden auch bereits die Aufgabenstellungen in dem Handout. Wenn Ihnen hier also noch irgendetwas unklar ist, fragen Sie bitte gleich nach. Das Konzept der besten Gruppe wird sogar verwendet, und die Gruppe erhält als Dank einen Schnupperkurs in Akrobatik.«

Na, das klang doch … spannend. Ich merkte, wie einige andere schon ein wenig unruhig auf ihren Plätzen hin und her rutschten. War das freudige Erwartung? Na ja, so ein Schnupperkurs wäre bestimmt ganz witzig. Gerade als ich mir Gedanken über eine Gruppe machen wollte, hatte sich Noah schon zu Blair und Izzie umgedreht.

»Mädels, wie sieht’s aus? Seid ihr bei uns dabei?« Er lächelte sie entwaffnend an, und sie konnten gar nicht anders, als Ja zu sagen. Anscheinend hatte ich meine Gruppe gefunden.

»Die nächsten drei Wochen werden Sie hauptsächlich mit der Ausarbeitung des Projekts verbringen. Sie werden also sehr viel selbstständig und allein in Gruppenräumen arbeiten.«

Die nächsten drei Wochen? Waren die verrückt? Ich konnte doch nicht die nächsten drei Wochen Seite an Seite mit Blair arbeiten. Da würde ich wohl noch mehr an meiner Selbstdisziplin arbeiten müssen. Meine Maske aufsetzen und durch.

»Wer ist in welcher Gruppe?«, fragte unser Lehrer in dem Moment und hielt bereits Zettel und Stift in der Hand, um sich unsere Wahl zu notieren. Noah meldete sich sofort und nannte unsere vier Namen. Der Lehrer notierte sie sich und wandte sich uns zu.

»Sie können sich schon einmal einen Gruppenraum suchen. In einer halben Stunde sind Sie bitte wieder hier.« Wir schnappten uns die zusammengehefteten Blätter, Textmarker und Kuli und machten uns auf die Suche nach einem freien Raum.

Es war, als würde ich mich auf den Weg zu meiner eigenen Hinrichtung begeben. Schnell verdrängte ich das Gefühl und atmete tief durch. Ich hatte schon die erste Viertelstunde überlebt, die nächsten drei Wochen würde ich da auch schon schaffen.

Wir fanden einen freien Raum und setzten uns hinein, Blair und Izzie gegenüber von Noah und mir. »Also erst mal durchlesen, oder?«, meinte mein blonder Kumpel auch schon. Stille senkte sich über das Zimmer, als wir uns alle auf die Unterlagen konzentrierten. Ab und zu war das charakteristische Kratzen von Markern auf Papier oder das Rascheln beim Umblättern zu hören.

Ich schrieb kleine Notizen und Bemerkungen an den Rand, kaute auf meinem Kugelschreiber und spürte plötzlich, wie Blair sich anders hinsetzte und dabei mit ihrem Bein auf meins traf. Ich ignorierte die Berührung, die kleine Stromschläge durch meinen Körper schickte, und versuchte mit aller Macht, ihr nicht in die Augen zu blicken.

Einfach so tun, als würde mir die Berührung nichts ausmachen.

»Sorry«, hörte ich sie im gleichen Moment murmeln, und ihre süße Stimme ließ mich doch zu ihr sehen. Sie lächelte mich zaghaft an, und im ersten Augenblick war mein Kopf wie leer gefegt. Dann riss ich mich zusammen.

»Das kriegst du irgendwann zurück«, witzelte ich und senkte wieder den Blick. Vorsichtig atmete ich wieder aus und schüttelte die Anspannung von mir ab. Ich hatte die Situation unter Kontrolle!

»Also, haben wir’s?« Noah hatte anscheinend die Führungsrolle übernommen. Fürs Erste. Denn ich war mir sicher, dass Blair ihm diese Position, sobald wir mit der Arbeit angefangen hatten, streitig machen würde. »Erste Gedanken?«, fragte er in die Runde, und es war erst einmal still. Selbst wenn man sich gut kannte, musste man in so einer Arbeitsgruppe seine eigene Rolle finden und sich daran anpassen, dass man zusammen hauptsächlich arbeitete und nicht nur Spaß hatte. Die ersten Minuten waren irgendwie immer ein wenig … peinlich.

Blair übernahm das Wort und kam gleich einmal mit einer haarscharfen Zusammenfassung und Analyse der Unterlagen. »Wir müssen morgen unbedingt fragen, welches Image Majestic Art haben möchte; wie wollen sie dastehen? Erst dann können wir uns konkrete Vorstellungen darüber machen, wie wir das Problem handhaben wollen.«

»Wir brauchen auch die wichtigsten Konkurrenten, damit wir uns von ihnen abheben«, fügte ich hinzu. Ich überflog noch einmal kurz die Stichpunkte, die ich mir notiert hatte. Eigentlich war das schon ein ziemlich gutes Dossier.