Fromme Wölfe - Kevin Junk - E-Book

Fromme Wölfe E-Book

Kevin Junk

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Beschreibung

Eine Nacht, die alles verändert. Eine Nacht, nach der alles anders ist, alles im Rausch verschwimmt. Samstagabend in Berlin: fünf junge Menschen streifen allein oder mit Freunden durch die Stadt auf der Suche nach Musik, Rausch und Gemeinschaft. Eine schicksalshafte Nacht, in der Pakte geschlossen, Herzen gebrochen, Geschlechtergrenzen sich auflösen und neue Wege beschritten werden. Neben den Protagonist*innen wird die Stadt in diesem Episodenroman zu einer der Hauptfiguren. Ein Berlin-Roman, der uns rasant durch das Nachtleben führt, als wären wir dabei im bass-schweren Club.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Alle Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen mögen daher vorkommen, sind aber unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2021

Erste Auflage: März 2021

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale.

ISBN 978-3-89656-673-7

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

1

„Our erotic knowledge empowers us, becomes a lens

through which we scrutinize all aspects of our existence,

forcing us to evaluate those aspects honestly

in terms of their relative meaning within our lives.“

Audre Lorde, Uses of the Erotic

TOM

Tom lag auf der Couch in seiner Neuköllner Wohnung, starrte die hohen Decken des Altbaus an, der Stuck zu oft übermalt und kaum noch erkennbar. Der Fernseher schallte durch das Wohnzimmer wie aus einem anderen Jahrzehnt. Er hatte einen festen Freund, lebte in einer schönen Wohnung, er hatte alles, was eine Beziehung in der Welt akzeptabel machte. Sie teilten das Bett, gingen zusammen zu Ausstellungen, aßen gemeinsam gesund zu Abend und tanzten durch das Berliner Nachtleben. Tom fehlte etwas, das Andreas nicht zu vermissen schien. In der westdeutschen kleinen Großstadt, wo sie sich kennengelernt hatten, war die Verbundenheit stärker gewesen. Man hatte sich gefunden, inmitten der austauschbaren Provinz-Schwuchteln, der anderen Schwulen, die sie gemeinsam verachteten, beide aus ihren ganz eigenen Gründen, keine davon nobel. Tom fühlte sich nie schwul genug, denn für die Schwulis war er zu seltsam, zu nerdy, zu unangepasst. Blieb ihm nur: cool sein. Von Andreas fühlte er sich gesehen, von ihm verstanden, bei ihm geborgen. Andreas war gebildet, kannte Kunstschaffende in New York, hatte eine beste Freundin in Berlin, war belesen und intelligent. Bildung war für Tom der Ausweg aus dem Gefängnis der Provinz. Noch eine Gemeinsamkeit. Gut sein in der Schule, auch wenn alle ihn mobbten. Gut sein an der Uni, auch wenn die Schule scheiße war. Und das Gutsein, das hatte ihn jetzt nach Berlin gebracht. Immer noch gut, zu gut, zu brav.

Alles, was Andreas missfiel, übergoss er mit ätzender Häme. Verachtung, gespeist aus nagendem Unverständnis, und Tom scheute sich davor zu widersprechen. Für den Mann, der ihn aus der Provinz geholt hatte, wollte er sich nicht unattraktiv machen, denn er war dankbar dafür, dass ihn jemand mit in die Großstadt genommen hatte. Alleine hätte er den Ausgang nie gefunden, er hatte ja nicht mal einen Führerschein. Die Arbeit bei einem Start-up machte Andreas’ Umgang mit der Welt nur noch hämischer und bürgerlicher. Den ganzen Tag von gut designten Möbeln und gut gekleideten Menschen umgeben, in einem Büro, das allen Komfort bot, aber schlecht bezahlte, wähnte Andreas sich als Teil einer Vorhut, die die Zukunft gestaltete. „Disruption“ nannte Andreas das dann, wenn er über seine Projekte dozierte. Andreas kam sich dabei cool vor, und Tom wusste nicht mal, was das war, dieses „cool“, aber er war sich sicher: Andreas war es nicht. Oder vielleicht schon, aber eine Art von cool, die Tom nicht wollte. Zu viel Verachtung und Habitus lagen in dieser Coolness, sie schirmte Andreas ab, schmeckte metallen, wie ein Löffel, wenn der Joghurt schon lange leer ist.

Für Andreas waren alle, die Drogen nahmen, „Ziehmäuse“. Obwohl Tom ihn in einem Club kennengelernt hatte, umgeben von Ziehmäusen, von denen Tom nie wusste, ob Andreas sie wirklich mochte oder verachtete. So war An­dreas ein Schritt in die richtige Richtung und Hindernis zugleich. Auf dem Geburtstag einer dieser Ziehmäuse ging es weiter in die Richtung, aus der Tom die Sirenengesänge der süßen Gegenwart hörte. Die Ziehmaus, alle nannten sie Chris­si, denn ein Spitzname genügte hier, war aus dem Teil von Andreas’ Freundeskreis, der bereits nach Berlin gezogen war. Sie war ihnen einen Schritt voraus, hatte schon Freunde und Connections in der Hauptstadt. Andreas verachtete sie für ihren Drogenkonsum, Tom schwamm hier nur in Andreas’ Fahrwasser. Doch so viel sie sich über sie lustig machten, süß war sie dennoch. Und nette Freunde hatte sie. Sehr nette sogar. Ein Freund war sogar so nett, eine fette Dosis MDMA in die Geburtstagsbowle zu mischen. Es gingen Shots herum, die Tom neugierig beäugte, als wäre er endlich in den inneren Kreis eines Kultes vorgedrungen. Als dürfte er endlich von etwas kosten, das ihm zuvor versagt gewesen war. Er wollte endlich high sein. Hier war seine Chance, in den Zaubertrank zu fallen.

„Nein, du aber nicht, oder?“

Der mütterliche Blick der Gastgeberin traf Tom schwer.

„Musste selber wissen“, sagte Andreas mit väterlichem Murren.

„Ich will aber“, war Toms kindliche, rollenkonforme Antwort.

Der Wohltäter mit dem MDMA war in Andreas’ Alter, aber im Gegensatz zu Andreas ein durchtrainierter Muskeltyp, viel zu glatt rasiert, aber ein feistes Lächeln auf dem Gesicht, das ihn sympathisch machte. Tom spielte den Jüngling, unterhielt sich nett und war dabei so flirty, als wäre es sein eigener mit MDMA überwürzter Geburtstag. Er roch Freiheit, denn es sollte danach noch in den Club gehen. Da, wo er so oft tanzte, aber noch nie so richtig – wie sagten alle immer? – hart gefeiert hatte.

Natürlich wurde sein Mann eifersüchtig. Das war nicht geplant, aber Tom beschwichtigte weder Andreas noch den Muskeltypen. Die Situation berauschte ihn, denn die beide älteren Männer feilschten um ihn wie um ein Stück Fleisch. Tom war das bald wieder egal, denn ihm sagte jemand, der Typ, der allen hier die Haare schnitt, sei da. Alle waren so nett, ein paar schien es schlecht zu gehen. Zu viel Bowle. Er hörte, wie jemand sagte, die Leute sollten aufpassen. Wenn sie nicht wüssten, was sie machten, sollten sie halt auch nicht so viel davon nehmen. Wieso? Ist doch nur Schnaps, das sollten wir alle gelernt haben. Oh, da war noch was … dieses MD. EM-DE. EMM-DEE.

Natürlich wusste er, was MDMA war. So richtig aber dann doch nicht. Eine Droge. Ihm wurde klar, dass Drogen nicht nur schlichtweg Drogen waren, sondern dass man auch differenzieren musste. Kiffen und Saufen machte auch einen erheblichen Unterschied. Als er sich von einem Laberflash losreißen konnte, bei dem er versuchte, Leute zu beeindrucken, die nicht zu beeindrucken waren, von denen er gesehen werden wollte, die aber an ihm vorbeistarrten, stahl Tom sich aufs Klo. Schnell googeln, was MDMA macht. Das Internet war wie immer voller Weisheit und Wissen. Tom hatte Probleme, den Blick scharf zu stellen, aber was er lesen konnte, klang gut: Euphorie, Liebe, gesteigertes Sozialverhalten, allgemeine Empathie. Ecstasy-Tote waren laut Wikipedia nur eine Seltenheit. Viel trinken war wichtig, das hämmerte Tom sich sofort ein. Viel trinken. Also noch ein Shot?

Der Abend zog selbst die Handbremse. Andreas war komisch, Tom machte sich Sorgen. Andreas wurde zickig, wirkte betrunken, so kannte ihn Tom gar nicht, komplett außer Kontrolle, richtig dicht. Eifersucht – oder war da mehr? Tom dachte, Andreas ließe ihn gewähren, ohne selbst high zu werden. Andreas wollte gehen, war total durch, also musste Tom sich auch die Jacke überziehen, wusste dabei selbst nicht, wo oben und unten war. Andreas kotzte draußen, weinte, war total zerstört, wurde anhänglich. Was hatten sie ihm in den Drink gemacht? Wenn er ehrlich war, interessierte es Tom nicht wirklich, was die Party-Junkies mit Andreas getrieben hatten. Er wollte wissen, was sie mit ihm getrieben hätten, hätte er nicht das Spaßland verlassen müssen. In ein Taxi gequetscht, Andreas’ Rücken durch seinen hässlichen, übergroßen Parka streichelnd. Beruhigen brachte kaum was. Zwanzig Euro später, die Tom von seinem BAföG abzwackte, waren sie daheim. Tom brachte Andreas ins Bett. Der wollte verzweifelt Sex mit Tom, wimmerte: „Fick mich. Schlaf mit mir. Bitte fick mich.“

Er wusste nicht, was er mit Andreas machen sollte. Wer sagt: „Schlaf mit mir“? Das klang nach Vorabendserie, dennoch versuchte er, Andreas zu ficken, was nicht richtig funktionierte. Tom war nicht in Stimmung für Sex, und seine Durchblutung ging auch nicht in die richtige Richtung. Andreas weinte und winselte sich in den Schlaf, wie ein Hundewelpe, irgendwann so erschöpft, dass er einfach einschlief. Tom aber hatte Bock, wollte tanzen. Seine Gedanken drehten sich um die anderen, die jetzt bestimmt schon im Club waren. Er schrieb dem Geburtstagskind Chrissi eine Nachricht, und die blauen Widerhaken verkeilten sich in Toms Selbstbewusstsein, die Nachricht blieb kurz auf „gelesen“, dann tippte Chrissi. Sie antwortete, es sei gut, er solle sich Zeit lassen. Er hatte sich aber schon sein ganzes Leben Zeit gelassen. Tom lag dösend neben Andreas, der laut schnarchte. Druff wie ein Schnitzel, ohne es genießen zu können, lag er neben seinem Freund. Andreas sah süß aus, mit den kurzen Haaren, ein wenig licht schon, aber fein und zart, wenn man sie streichelte. Er wäre so gerne bei den anderen coolen Partykids dabei. Er sah sie euphorisch tanzen, sich verschwörerisch anlächeln, zusammen auf Toiletten gehen. Seine Gedanken tanzten im Kreis, so weit wie noch nie. Am nächsten Morgen ging es Andreas scheiße, aber er erinnerte sich an nichts.

„Mann, muss ich gestern viel gesoffen haben.“

Genau, viel gesoffen, sonst war da nichts. Doch Tom hatte Freiheit gerochen. Spürte, dass die Häme nur ein Vorwand war, dass Andreas Angst hatte. Aber Tom verharrte weiter im goldenen Käfig, hing in der homobourgeoisen Idylle.

Sie verabschiedeten sich an der U7 direkt am Rathaus Neukölln, mitten im Geschehen, mitten unter Menschen, die sich nicht um sie scherten. Tom nutzte die Menge als willkommene Ausrede, Andreas nicht zu nahe zu kommen. Die Umarmung spürte Tom noch immer auf seinem Körper. Tom nahm Andreas’ ehrliche Wehmut und das Versprechen, ihm etwas von der Reise mitzubringen, nur zögernd an – wie die Rosen eines Kavaliers, den man innerlich schon abgesägt hat. Die Erinnerung an die erste MDMA-Erfahrung ließ seinen Körper kribbeln. Flackerte auf. Elektrisierte ihn. Da war etwas Dunkles, Schönes und Verrufenes, das er wieder kosten wollte. Die Aura des Drogenkonsums, die wie okkultes Geheimwissen glänzte, zog Tom in ihren Bann. Er war angefixt, hatte Blut geleckt und wollte mehr.

Es war nicht immer alles langweilig gewesen. Eine Zeit lang hatten sie zusammen Sex in Darkrooms. Da waren sie, da waren andere, da waren mehrere Zungen an seinem Schwanz und seine Hand auf einem Arsch, so prall und weich, dass Tom sich dafür beglückwünschte, schwul zu sein. So hatte Tom sich damals in der Provinz in Andreas verliebt, dieses irgendwie nicht zu greifende Perverse. Andreas hatte ihn in eine Welt geführt, die voller radikaler Erotik war. Andreas hatte Tattoos, wenn Tom nur einen schüchternen Seemannsstern auf dem Bein hatte und einen Anker auf dem Oberarm. Andreas war auf After-Hours in New York mit queeren Fotografen, als Tom noch Klaus-Mann-Romane las und schwule Freunde nur aus dem Internet kannte. In der Großstadt war Andreas, bis auf die gelegentlichen Dark­rooms, nur noch anständig. In der Großstadt hatte er ausgedient, war niemand mehr, der das unmittelbare Leben zu Tom brachte. Das musste er jetzt selbst ranschaffen.

Es war auf dem Heimweg von einer dieser artsy-queeren Vernissagen, einer dieser Veranstaltungen, wo sich immer alle zu kennen schienen. Er kannte nur Andreas, und der lag jeden Abend neben ihm im Bett und wachte meistens auch neben ihm auf. Den musste Tom nicht überschwänglich begrüßen, nur anspringen und bekuscheln wie ein ausgehungerter Hund, wenn der Hausherr nach Hause kam. Sie sprachen über Drogenkonsum.

„Irgendwann will ich das austesten“, sagte Tom, dem der Alkohol es leichter machte, ehrlich zu sein. Seine tiefe Stimme kollabierte zwischen Übermut und Scham, und er musste sich räuspern.

„Ich weiß nicht …“, sagte Andreas, und Tom kannte den Ton.

Sein Blick, irgendwo auf eine Kachel an den Wänden des U-Bahnhofs gerichtet, die Tom nicht ausmachen konnte, war voller Ablehnung. Tom ließ sich diesmal nicht abschrecken.

„Ernsthaft, wenn ich Zeit habe. In den Semesterferien oder zwischen Bachelor und Master. Ich will einfach wissen, wie das ist … hart feiern.“

„Wenn du denkst, du müsstest da durch.“

„Die anderen machen das doch auch.“

„Die anderen sind mir egal. Wenn du das machst, dann bist du nicht besser als die ganzen Druffis.“

Nicht besser. Nicht gut genug. Tom hatte es satt, nach Andreas’ Regeln zu spielen.

In Internetforen las er Unkonkretes darüber, wie Drogen zu beschaffen sein könnten. Eine andere Lösung hatte er ohne Druffi-Freunde nicht: das Netz absuchen. Und sein eigenes Halbwissen, das zwei Möglichkeiten ergab: die Hasenheide um die Ecke und das Koks-Taxi. Koks schien ihm jedoch zu teuer. Er hatte noch nicht vom Leichtsinn gekostet, den Drogenkonsum im Umgang mit Geld entfachte. Die Nummer für den Koks-Dealer, der Drogen lieferte wie andere Pizza, hatte er von einem Bekannten bekommen. Sie kannten sich von der Uni. Er hatte ihn fast väterlich behandelt, ihn eingeladen, mit zu Ausstellungen zu kommen, zu irgendwelchen Events, die Tom nicht einordnen konnte. Es war wie ein Initiationsritus. Tom wurde abgecheckt, einsortiert und ausgetestet. Da war ein Abend im Watergate vor Weihnachten im letzten Jahr. Ein wenig gekokst hatte er in dieser Nacht. Andreas durfte niemals davon erfahren, doch Tom dachte oft an diesen Abend. Als sie auf dem Heimweg waren und der schöne Chris mit den Fingertattoos und seine Freundin, diese Juli, die aussah wie ein unnahbarer Gothic-Teenager, nur mit besserem Make-up, ihn fragten, warum er schon aussteige, hatte er erwidert: „Ich muss ins Bett.“

Doch schlafen konnte er nicht. Danach hatte er nie wieder etwas vom schönen Chris gehört. Er hätte mit ihm mitgehen sollen, mit ihnen weitersaufen, weiterrauchen, weiterkoksen, weitermachen, weiter wach sein. Eine ausgeschlagene After-Hour hatte ihn den Eintritt in die Welt der Partykids gekostet.

Zeit für einen neuen Anlauf. Die Hasenheide schien ihm gefährlich, er hatte keine Lust darauf, abgezogen zu werden. Aber für das Taxi musste er ohnehin zur Bank, und die war nicht weit weg vom Park. Er beschloss, auf Risiko zu gehen, zu verlieren hatte er nichts. Nur den Respekt vor sich selbst. Nur seine Freiheit. Da war was, er wusste es. Endlich aus der Langeweile ausbrechen und in die Erotik der Realität vorstoßen, wegen der er nach Neukölln gezogen war, in dieses Berlin, von dem alle schwärmten, ohne zu wissen, warum. Er war hungrig. Er wollte teilhaben an der chemisch induzierten Elite; seine Grenzen kennenlernen und mit leuchtenden Augen davon erzählen, wie es war, wenn er mal wieder einen Höhenflug am Wochenende gehabt hatte. Dabei ging es ihm nicht um den Abfuck, sondern um den Zeitgeist, den diese Leute ausstrahlten, die ihn beeindruckten, wenn sie behände von ihren Wochenenden erzählten, die Tom sich nicht erklären konnte, von denen er in keinem Buch gelesen hatte. Die waren in einer unmittelbaren Gegenwart, in der etwas passierte, das jede Erzählung nur verklärte. Tom wollte in diese Wochenenden, von denen er immer hörte, als wären sie ein Ort, aus Zeit und aus Raum gefallen, wie ein Schiff auf einem anderen Level der Realität. Er wollte dabei sein, denn ausgeschlossen fühlte er sich schon lange genug.

KALA

Aus Gewohnheit kaufte Kala im Späti um die Ecke eine Packung Gummibärchen. Mit ihnen wollte sie die Welt ihren Erwartungen unterwerfen. Wenn sie die Schritte wie eine Choreografie genau vollführte, dann würde nichts schiefgehen. Sie musste das Ritual exakt ausführen. Es war ein OCD-Tauschgeschäft: Einmal, als sie keine Gummibärchen holte, verließ sie Alex’ Wohnung mit leeren Händen. Seitdem glaubte sie fest daran, dass sie ihm ein Gelatineopfer bringen musste, um an ihre Wünsche zu kommen. Die Angst, nicht zu bekommen, wonach sie sich sehnte, war zu groß. Die Angst davor, ihre Freunde zu enttäuschen, keine Option; sie machte ihr ganzes Selbstwertgefühl von diesem Botengang abhängig. Beinahe jede Woche, erst Gummibärchen, dann Ticker. Sie war diesen Weg so gewohnt, dass sie sich im Traum wähnte, wenn sie ihn ging.

Der Späti lag genau auf der Hermannstraße, sie blieb im Ring, ging in eine Seitenstraße, nur eine Häuserwand. Neben ihr ein Abgrund aus Gleisen. Die S-Bahn fuhr neben ihr, schneller, als sie lief, und wirkte doch behäbiger als die Leute auf den Gleisen, die geschäftig aus der Bahn ausstiegen, um in die Nacht zu ziehen. Sie stand vor der Tür, atmete tief ein und aus. Sie war eine Minute zu früh, wie immer. Sie schaute auf ihr Handy, wartete, bis die digitale Uhr auf Punkt umsprang, und klingelte.

Als sie die Wohnung betrat, lag der süßliche, schwere Duft von Gras in der Luft.

„Ich hab dir wieder Gummibärchen mitgebracht.“

„Geil, Kala! Danke! Komm rein, setz dich.“

Auf dem Tisch ruhte ein schwarzes Buch, auf dessen Rückseite ein zu einem Röhrchen gerolltes Stück Papier und ein Häufchen kleiner Kristalle lagen. Die Wohnung selbst war nicht die typische Dealerwohnung: Dafür war sie nicht unordentlich genug. Sauber war es, aufgeräumt, die Möbel zu chic. Was Alex neben dem Ticken machte, wusste Kala nicht. Für sie war er ein Drogendealer, und das reichte aus. Mehr musste sie nicht über seine Biografie wissen, wollte seinen Lebenslauf nicht sehen. Sie war sich sicher, dass er einen anderen Job hatte. Er warf das Wort Freelancer manchmal in den Raum, doch auf sie wirkte er wie ein netter Nerd. Wie jemand, der schon mit vierzehn Playstation-Spiele illegal auf CD gebrannt hatte. Immer wenn sie in der Wohnung war, hing hier ein leicht chemischer und schwerer Geruch im Raum. Vor den Fenstern gab es dicke Rollos, die Alex noch nie oben hatte, wenn Kala bei ihm zum Einkaufen vorbeischaute. Er war vorsichtig, hatte Ängste, die nur jemand hatte, der etwas Illegales in seiner Wohnung veranstaltete.

Alex ließ sich auf sein Sofa fallen und holte einen Joint aus dem Aschenbecher, den er mit einem Streichholz anzündete. Seit Neuestem konnte man bei ihm mit Bitcoin zahlen, aber Kala hatte weder Ahnung, wo sie die herbekommen sollte, noch wie sie die zu Alex bringen konnte. „Mach dir einfach eine Wallet“, hatte Alex mal zu ihr gesagt. Sie war zwar ein Millennial, aber manchmal hatte sie keinen Bock auf Technologie. Sie befand ihre Seele dafür als zu alt.

„Schmeckt einfach viel besser, wenn man mit Holz anzündet“, sagte er und lächelte sie breit an. „Wie kann ich dir heute helfen? Nimm erst mal einen Zug.“

„Warum nicht, danke“, sagte sie und war dabei so theatralisch höflich, dass es ihr selbst unangenehm auffiel.

Kala legte die Gummibärchen elegant auf den unaufgeräumten Tisch und zog am Joint. Alex nahm die Tüte mit Süßigkeiten an sich und öffnete sie wie ein gieriges Kind. Seine Augen strahlten, als er genüsslich auf den süßen Gelatinetierchen herumkaute. Sie blieben ihm an den Zähnen kleben, woraufhin er nervös versuchte, die Reste aus den Löchern zu pulen. Kala lächelte ihn an, Mitleid kaschierend. Es war nicht so, als wären sie Freunde, aber sie mochten einander als das, was sie füreinander waren: Dealer und Kundin. Er ließ nicht mehr jeden zu sich, das freute Kala, gab ihr das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Und er hatte mit Abstand die besten Drogen.

„Ich hab richtig geiles Ketamin, selbst gekocht. Willst du ’ne Line testen?“, fragte er sie mit von Gelatine belegter Stimme.

Er zeigte auf die Kristalle, die auf dem Buch thronten. Sie funkelten verführerisch, doch Kala wollte der Versuchung widerstehen. Sie konnte die Reise noch nicht so früh starten. So nannte sie die Abenteuer auf Ketamin in ihrem Kopf: Reisen. Ihr ganzes Bewusstsein reckte und streckte sich bereits, es dehnte sich, es bereitete die Pirouetten und Drehungen vor, die es vollführen musste, wenn sich Körper und Geist in die chemisch induzierten, wachen Drogenträume lehnten. Wie ein Panther schritt sie bereits das vergrößerte Territorium ab, das ihr gehörte, wenn sie erst mal high war. Aber jetzt war noch nicht die Zeit. Drogen nur dann, wenn sie angemessen waren und die Erfahrung intensivierten. Das war die Regel, die sie sich für ihren eigenen Rausch auferlegte. Den Weg von Alex nach Hause wollte sie nicht high verschwenden. Die U-Bahn war kein Ort, an dem sie gerne high war. Zu viele Menschen, Gedanken, Gefühle … der Rausch war heilig. Die U-Bahn alles andere als ein Tempel.

„Ich glaube, da muss ich passen, tut mir leid. Kochen ist aber ein gutes Stichwort.“

Sie räusperte sich. Die Frage lag ihr bereits auf der Zunge, seitdem sie Alex’ Wohnung betreten hatte.

„Hast du flüssiges Ketamin da? Wir wollen selbst kochen.“

„Okay, also, ehrlich gesagt, eigentlich wollte ich die Ampullen nicht verkaufen. Aber bei dir mach ich eine Ausnahme, kommst auch billiger bei weg. Das ist dafür, dass du mir den Weg zum Späti heute Abend erspart hast.“

Als Kala durch das Treppenhaus nach unten lief, rumpelten die kleinen Ketamin-Ampullen verräterisch in ihrer Handtasche. Jeder von Kalas Schritten brachte sie zum Klappern. Sie kramte ihr Handy hervor, um den anderen Bescheid zu sagen. Die Jagd war erfolgreich. Sie schrieb in den Gruppenchat, konnte nicht abwarten: Backmischung ist gekauft.

Ihre Gedanken rasten: Heute Abend würde sich ihr Bewusstsein in der Soundscape der Bässe des Clubs auflösen, und das gemeinsame Ziehen würde sie zum Wir werden lassen. Ihre Seelen würden sich einander öffnen und gemeinsam in astrale Tiefen segeln. Sie wusste, die Nacht wollte Transformation bringen. Sie schaute in den Himmel, sah den vollen Mond, schloss die Augen und sah den Mond noch immer vor ihrem inneren Auge. Heute Nacht wollte sie mit ihrem Rudel luzid träumen. Sie war verliebt in die Wahrscheinlichkeiten eines Abends, der gerade erst begonnen hatte.

VIKTOR

Er spürte etwas an seinem Hals, erst fünf Druckstellen, dann eine ganze Hand. Ein Pochen an seinem Daumen, wie warme Trommelschläge auf seiner Haut. Der Druck verstärkte sich immer mehr, mit ihm das Pochen. Keuchend versuchte er zu atmen, atmete gegen den Widerstand an. Jeder Atemzug presste sich durch einen immer kleiner werdenden Spalt. Seine Lunge konnte sich immer weniger füllen, bekam zu wenig Luft. Ekstase und Panik mischten sich in seinem Körper, der immer weniger Sauerstoff aufnahm. Je fester die Hand zudrückte, desto weniger konnte er atmen. Rhythmisch bewegte sich etwas in ihm. Jeder neue Stoß kickte sein Bewusstsein mehr in die Geilheit. Die Hand übte weiter ihren sanften, aber bestimmten Druck aus. Pochen und Stoßen fanden einen Rhythmus. Synchron übernahmen sie seinen Körper. Stoßen, Pochen, Keuchen.

Sein Atmen wurde zu einem Stöhnen. Die Panik wich dem Verlangen. Er spürte keinen Widerstand mehr. Leistete keinen Widerstand mehr.

Atemzug um Atemzug wurde er geiler. Die Stöße wurden immer härter. Jedes Mal, wenn er etwas tief in sich spürte, gab es eine kleine Klimax, die er wieder und wieder herbeisehnte – woher kam sie? Jeder Rückzug kündigte das nächste Vorstoßen an. Den nächsten Höhepunkt, das nächste Kitzeln.Der Druck erhöhte sich. Das Pochen wurde immer eindringlicher, die Stöße wurden immer heftiger. Kurz bevor er das Gefühl hatte, ohnmächtig zu werden, spürte er etwas auf seinen Lippen. Warmes, feuchtes Fleisch berührte ihn. Neugierde neckte Vertrautheit. Er hatte das Gefühl zu zerbersten. Etwas in ihm brach sich Bahn. Erleichterung und Schrecken fielen zusammen auf einen einzigen Moment, der so intensiv war, dass er das Bewusstsein verlor – und aufwachte.

Viktor schreckte hoch. Seine Augen hatten noch Mühe, sich dem Licht anzupassen. Sein Schlafzimmer erschien ihm weniger greifbar als der Traum, in dem er noch bis vor wenigen Sekunden gekeucht hatte. Er zwang seinen müden Körper aus dem Bett und ging in die Küche, stellte den Espresso-Kocher auf den Gasherd und zündete sich eine Zigarette an der blauen Flamme an. Der Geruch von verbranntem Haar stieg ihm in die Nase; an den Vollbart hatte er sich noch nicht gewöhnt. Als er im Bad den Bund seiner Unterhose nach unten zog, schwamm sein Schwanz in einem milchigen See. Der Geruch von Sperma stieg ihm in die Nase. Er rollte die Vorhaut ab und schaute zu, wie der gelbe Morgenstrahl sich den Weg durch das bahnte, was der Traum aus ihm herausgespült hatte. Bevor er sich die Hände wusch, leckte er sich kurz über die Finger. Der Geschmack des eigenen Spermas war ihm nicht neu, trotzdem schmeckte es anders. Seine Wahrnehmung hatte sich verändert. Sein Bezug zu Sperma hatte sich verändert. Aus der Küche hörte Viktor das Röcheln des Espresso-Kochers. Der starke Kaffee kickte ihn in den Tag, in einen neuen Tag in einem neuen Leben, das er noch nicht ganz verstand. Salziger war es, intensiver.

Einige Wochen waren vergangen, seit er wieder in Berlin angekommen war. Er hatte eigentlich mehr Urlaub gewollt, doch dann kam die Vorbereitung für einen neuen Dreh. Der Regisseur war ein Bekannter, der sich mit queeren Kunst-Pornos einen Namen gemacht hatte. Die Produktion hatte kein hohes Budget. Die Gage spielte aber keine Rolle; um seine Karriere musste er sich nicht mehr sorgen. Er hatte gerade erst einen großen Fernsehdreh abgeschlossen. Dass er nun in einem schwulen Art-house-Film mitspielte, auch wenn der Film es niemals über ein Screening in einer Galerie hin­ausschaffte, das war er sich und seinem Stolz als Künstler schuldig. Es war nicht seine erste schwule Rolle. Für die Öffentlichkeit war er der sexuell ambigue, erfolgreiche Schauspieler. Zum Glück interessierte sich der Klatsch nicht für ihn, dafür war er zu rau. Im Tatort hatte er mitgespielt, damit war diese Station in seiner Vita abgehakt. Er war auch in Hollywood-Produktionen dabei, hatte genug erreicht, um sich auszuruhen, auf die nächste Rolle vertrauend. Seine Karriere vereinnahmte ihn. So sexuell viele seiner Rollen waren, so beiläufig war der Sex in seinem Privatleben. Die Zeit war ohnehin knapp.

Manchmal verschwamm sein Privatleben mit den Rollen. Er vergaß, sich abzugrenzen, schwebte im Zwischenraum der Persönlichkeiten, manche ihm angetragen, andere aus ihm sprechend. Jemand anderen zu spielen war schlicht spannender, als Viktor zu sein. Er spielte an diesem zum Mittag gewordenen Morgen die Rolle eines schüchternen jungen Mannes, der nach einem feuchten Traum, den er nicht zu deuten wusste, alleine mit einem Kaffee in der Küche saß und bei einer Zigarette darüber sinnierte, was mit diesem Tag anzustellen sei. Die Rolle einer Figur, die ihre Emotionen intellektualisierte, fiel ihm dabei leicht. So viele Figuren, er wusste manchmal nicht mehr, in welchem Skript er gerade hing. Traum, Film, Realität – keine dieser Dimensionen konnte sein Geist fest greifen, sie entglitten ihm. Er war sie alle und doch keine von ihnen. Seine Persönlichkeit war im Nebel verschwunden, versteckte sich hinter Rauch und hinter dem Geschmack seines eigenen Spermas, wollte nicht in den Vordergrund und wartete doch darauf, dass sie sich austanzen und austoben durfte. Er hatte sie eingesperrt, ohne zu wissen, warum.

Therapie hätte bestimmt geholfen, aber auch dafür war gerade keine Zeit. Er hatte sich intensiv vorbereiten wollen. Stolz war er darauf, dass es bei einer schwulen Rolle nicht auf Klischees ankam, um zu überzeugen, sondern darauf, Emotionen zu transportieren. Dass es um mehr als nur um Sex, dass es um einen Menschen ging, um dessen Sehnsüchte und Wünsche. Es war ihm beim Spielen nie schwergefallen, Leidenschaft auf einen Mann zu übertragen. Als er vor Jahren neben der Schauspielschule noch in Improvisationstheatergruppen gespielt hatte, gab es immer wieder Szenen, in denen er mit Männern in Kontakt kam. Synergien ergaben sich zwischen den Figuren. Es wurde gefummelt, geküsst. Doch warum es dazu kam, hatte er nie hinterfragt. Die Freiheit der Kunst ließ er für sich unangetastet, das war seine Therapie und sollte nichts über ihn als Person aussagen. Das war wiederum Teil seines Handwerks, seines Talents, seiner Fähigkeit, sich in andere zu begeben und auf Momente einzulassen. Im echten Leben mit einer Frau zu schlafen, das war ebenfalls kein großes Kunststück für ihn. Dass er dabei die Grenzen zwischen Schauspiel und Realität verkehrte, wurde ihm erst bewusst, als er zum ersten Mal einen Schwanz im Mund hatte. Die Realität schmeckte ein wenig nach Pisse, war salzig – machte ihn hungrig auf mehr.

Viktor hatte sich eingeredet, nur der Rolle wegen ins Ficken 3000 zu gehen. Die Bar mit Darkroom im Keller, die vor der Jahrtausendwende noch Ficken 2000 geheißen hatte, schien ihm der ideale Ort, um das Flirten zu üben. Er wohnte nicht weit weg vom Ficken, es war in Laufweite gelegen, direkt auf der Urbanstraße. Er musste nur aus dem Haus stolpern, an den schönen Cafés und Bars vorbei, die es noch nicht vor dem neuen Millennium gegeben hatte, und konnte in eine Welt eintauchen, die sich weiter tapfer gegen die Logik von Dating-Apps aufbäumte: eine echte Schwulenbar. Charakter- und Milieustudie sollte das werden. Bewusst hatte er darauf verzichtet, mit Freunden loszuziehen. Er wollte sich seiner Rolle aussetzen, sich intensiv auf das vorbereiten, was er vor der Kamera zu leisten hatte. Er malte sich seine Figur aus: selbstsicherer Typ Ende zwanzig, ein wenig zu cool für die Umgebung, eingemauert und auf der Suche nach mehr, verunsichert von der Situation, in die er sich begab. Ein Cis-Macho, der mit Balzgehabe versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen.

Im Ficken 3000 wusste niemand, wer er war; niemand wusste, dass er sich die Bar zur Bühne für ein kleines Stück zurechtmachte. Mit Menschen um ihn herum, die ihn kannten, hätte er sich nicht lösen können. Mit einem ihm unbekannten Publikum, das nichts von der Vorführung wusste, hatte er dagegen alle Freiheiten. Die Freiheit lockte die Angst an.

Verschüchtert hatte er sein Bier bestellt. Pausenlos starrte er auf die Bildschirme in den Ecken der Bar, auf denen Pornos in Endlosschleife liefen, vermied so Blickkontakt mit anderen Gästen. Das Stöhnen mischte sich mit der Musik, mischte sich mit dem Geruch von abgestandenem Bier, mischte sich mit seinem Angstschweiß, mischte sich mit Zigarettenrauch. Mit dem Bier in der Hand setzte er sich an die Bar und schaute sich um. Es war nicht voll, hin und wieder kam jemand aus dem Darkroom nach oben und bestellte sich etwas, um dann die Treppe am Ende der Bar, hinten bei den Toiletten, hinabzusteigen wie in die Unterwelt. Ob dort ein dreiköpfiger Hund in einem Körbchen lag? Generationen prallten hier aufeinander: älteres Stammpublikum, hippe Neuköllner und das Futter zwischen den Extremen. Allen war die Abenteuerlust gemeinsam, aber die Lust aufeinander kam nicht immer zustande. Sie trugen Kleidung aus den gleichen Jahrzehnten. Die einen, weil sie die Jahre erlebt hatten, die anderen, weil sie ihre Klamotten auf Flohmärkten kauften. Der symbolische Wert war ungleich verteilt. Während die Jungen glaubten, sie wären der Ironie mächtig, konnten die Älteren nur müde lachen. Sie waren schon weiter. Der Zynismus hatte sie eingeholt – oder die Weisheit, das lag hier an der Theke nah beieinander. Viktor kannte den Darkroom nur aus Erzählungen.

„Der Darkroom im Ficken 3000 hat einen ganz besonderen Geruch. So eine Mischung aus Moder und altem Sperma. Die Luft, die du da unten einatmest, ist wahrscheinlich verseuchter als jeder Schwanz, den du da lutschen kannst“, hatte ihm sein Freund Jannis lapidar erzählt. Viktor kannte sich in der schwulen Subkultur Berlins aus: Ohne dass er sie jemals selbst besuchen musste, hatte er an ihr teilgenommen. Es gab genug Freunde und Bekannte in seinem Umfeld, die ihm immer gerne Anekdoten aus ihrem streunerhaften Liebesleben auftischten. Weder sie noch Viktor hinterfragten sein Interesse an den Geschichten. Viktor hatte das Gefühl, sich etwas beweisen zu müssen – als Schauspieler und damit als Künstler. Um Liebe war es in den Anekdoten selten gegangen. Meistens hörte er von sexuellen Abenteuern in Berliner Kellern, Parks, Wohnungen, Clubs, Toiletten … Das schüchterte ihn ein, denn auch wenn er schon lange keine Beziehung gehabt hatte, war er alleine einsam. Er wollte wissen, dass es das gab: Romantik zwischen zwei Männern, aber wahrscheinlich war das einfach keine gute Story. Höflich und schüchtern sei der Umgang in den dunklen Räumen. Niemand falle über jemanden her wie ein wildes Tier. Natürlich gebe es komische Begegnungen, aber die seien leicht abzuschütteln. Überraschend zärtlich gehe es dort zu.

„Warum gehst du nicht selbst in einen Darkroom?“, hatte jemand in einer Bar ihn halb im Scherz gefragt. Die Frage blieb lange unbeantwortet.

Viktor redete sich ein, keine Angst davor zu haben, in den Darkroom hinunterzusteigen. Er hatte erwartet, ein Dark­room müsse dunkel sein. Pechschwarz ohne Licht, ein Ort des Versteckens und Vortastens. Stattdessen fand er sich in einem Labyrinth wieder, das hier und da ausgeleuchtet war. In der einen Hand das halb ausgetrunkene Bier, mit der anderen sich an den Sperrholzwänden entlangtastend, suchte er sich seinen Weg im Kellergewölbe. Es roch wirklich modrig hier. Ein Geruch, der bei jedem Einatmen in der Nase vom Süßlichen ins Brennende kippte. Als hätte der Darkroom sein ganz eigenes Mikrobiom, verwoben und gespeist aus einer Geschichte der Körperflüssigkeiten. Sein Herz schlug schneller, als er einen Schatten sah, der sich an der nächsten Abbiegung des Labyrinths bewegte. Sollte er eine Runde drehen und wieder hinausgehen? Er konnte nicht einschätzen, wie groß das dunkle Areal im Keller der Bar war. So groß wie die Bar? Größer? Gab es noch eine Ebene? Die Geschichten, die er gehört hatte, waren architektonisch wenig korrekt. Sie konnten ihm vor allem eine Frage nicht beantworten: Wer lauerte hinter der nächsten Ecke? Sein Herz raste, das Blut schoss in seinen Kopf. Seine Lunge wehrte sich dagegen, die modrige Luft einzuatmen. Viktor begann, den Ekel, den er vor diesem Ort empfand, zu genießen. Das Unheimliche an der Situation versetzte ihn in einen Rausch. Sein Körper pumpte Adrenalin durch alle seine Fasern. Fight or flight? Das unbekannte Territorium warf ihn auf sich zurück. Die Rolle, die er so gekonnt zu spielen glaubte, wurde immer mehr eins mit ihm.

Das Bier leerte er in einem Zug und stellte es auf dem Boden ab, beugte sich und richtete sich elegant wieder. Was danach geschah, brannte sich in sein Gedächtnis, an eine Stelle, die bisher noch unbefleckt gewesen war. Eine fremde Hand griff ihm in den Schritt, und er begriff, dass er die ganze Zeit über eine Erektion gehabt hatte; als er dem Typen die Hose aufriss und ihm den Schwanz lutschte, als hätte er das schon oft getan, war seine Rolle so anders und doch vertraut, dass er aus seiner anerzogenen Männlichkeit ausbrach und sich freispielte.

Nach dem Abend im Ficken3000 war er zum ersten Mal aus dem feuchten Traum erwacht, der ihn von da an jeden Morgen aus dem Schlaf riss.

Das Drehbuch hatte er lange nicht angefasst. E-Mails blieben unbeantwortet. Meetings verschob er, waren nicht dringend. Viktor hatte keine Lust mehr auf Fiktion, auf Schauspiel, auf Eskapismus. Er wollte selbstbestimmte Realität leben, nicht einen Film drehen. Er rasierte sich die schwarzen Haare ab. Bis auf wenige Millimeter trimmte er sie sich immer wieder herunter, sobald sie zu lang wurden. Den dunklen Bart ließ er unbeachtet wachsen. Seit er das erste Mal einen Schwanz im Mund gehabt hatte, wollte er seine Gesichtsbehaarung buschig tragen. Er trug den Bart mit Stolz. Damit ihn niemand erkannte. Damit sie ihn in einer neuen Form erinnerten: Der Bart war sein viriles Versteck. Viktor betrachtete seinen Körper im Spiegel. Mit der Hand fuhr er sich über den Kopf. Gleichzeitig liebevoll und abgestoßen von sich selbst, betastete er die sehnigen Muskeln an seinen Armen. Streichelte seine blasse Haut, die trotz des Spätsommers schon lange keine richtige Sonne mehr gesehen hatte.

Fanden ihn andere Männer attraktiv?

Fand er sich attraktiv?

Fragen, die er sich bei sexuellen Begegnungen mit Frauen nie gestellt hatte. Vielleicht, weil es keinen Vergleichspunkt gab. Oder weil es ihn einfach nicht interessierte. Die Liebe zwischen Männern, dachte er, ist immer eine Gratwanderung zwischen Narzissmus und Bewunderung. Begehren wir jene, die wir sein wollen? Über Jungs dagegen dachte er jetzt dauernd nach, war selbst Objekt geworden. Obsessiv, wie man seinem Sternzeichen nachsagte. Er war ein echter Skorpion, aber mit Schütze im Aszendenten machte er sich schnell über Jungs her. Nur sein Fischemond, der hätte sich ein wenig mehr Romantik gewünscht.

Unter dem Bett hatte er eine kleine Kiste verstaut, die in den letzten Wochen immer voller wurde. Sie enthielt Polaroids, aufgenommen in seiner Wohnung, gehütet wie ein Schatz, von dem noch keiner wusste. War vielleicht auch eher was fürs Testament und den Nachlass. Es war ein Projekt, das er schon lange im Kopf hatte. Ihm war klar, dass manche mit ihm schliefen, weil sie ihn aus Filmen kannten. Je bekannter er wurde, desto mehr Sex hatte er haben können. Zumindest dachte er das. Jedes Mal fühlte er sich alleingelassen, wenn sie gegangen waren. Er versuchte, die Regeln des Spiels zu verändern, indem er sich aus der Position des Objekts herausbewegte und zum Beobachtenden wurde. Nur eine einzige Frau war unter den Bildern in der Kiste, der Rest waren Männer. Die Begegnung mit ihr war in einer Bar in Kreuzberg passiert, beinahe beiläufig. Sie war eine Passantin in seinem Leben, er nicht viel mehr für sie. Eigentlich wollte er ihre Begleitung ficken, doch die war schon mit einem anderen Typen beschäftigt. Aus Trotz – und um sich zu beweisen, dass er vielleicht doch nur eine Phase durchlief – schlief er mit der Freundin des Typen, den er eigentlich hatte durchnehmen wollen. Der Sex war grauenvoll, auch sie schien unbeteiligt, keiner wollte kommen, und sie empfanden mehr Intimität im einvernehmlichen Abbruch als im Einander-Aufreißen. Nachdem er sie um ein Bild gebeten hatte, was die Bedingung dafür war, dass sie zu ihm sind, schien sie irritiert. Wenn er ehrlich mit sich war: zu Recht. Das Polaroid-Bild zeigte eine trunkene Schönheit, vielleicht gerade einmal zwanzig, die mehr wusste, wo sie stand, als Viktor hinter seiner Kamera. Sie nahm einen Abzug von ihm mit nach Hause, das war ihre Bedingung für das Bild. Ein Austausch. Er sah das entwickelte Bild nie, fragte sich, wie er wohl wirkte.

Die anderen Bilder fingen die Gesichter von Männern ein. Einige der Aufnahmen entstanden direkt nach dem Sex. Eine zeigte eine halbe Erektion und einen flachen Bauch voller Sperma, das auf dem Sofortbild die Textur getrockneter Farbkleckse auf einer dick bemalten Leinwand imitierte. Eine andere Aufnahme zeigte einen Typen mit vollem Bart und abrasierten Seiten von hinten, nackt an seinem Küchenfenster mit einer Zigarette in der Hand. Eine andere hatte er im Halbschlaf gemacht. Jeden Sexpartner, den er hatte, musste er dokumentieren. Es war wie eine Sucht, die er befriedigen musste. Sex nur mit Bild. Der pralle Arsch mit den blonden Härchen, der gerade dabei war, hastig in Boxershorts zu verschwinden – im flachen Fokus im Hintergrund die zunehmend verdreckte Wohnung. Es war das letzte Bild der Serie.

Sein Leben hatte sich komplett verschoben, er war wie im manischen Wahn. Sein Rhythmus: spät aufwachen, heimgesucht vom immer gleichen Traum, verkatert in der Wohnung umherlaufen, gelegentlich zum Sport gehen und danach wie ein notgeiler Zombie ein neues Abenteuer suchen. Er war in beinahe jedem Sexclub der Stadt gewesen, hatte sich verkokst in Clubs amüsiert, sich bei keinem seiner Freunde gemeldet, und mit jedem Zentimeter, den sein Bart länger wurde, verlor er ein wenig an Gewicht. Wenn er gerade niemanden nach Hause brachte, verschanzte er sich in seiner Wohnung und schaute Pornos. Er war versessen auf Vintage-Pornos: mochte ihre Ästhetik und die Schnäuzer, die Shorts, konnte sich nicht verkneifen, dass er Bock auf Bareback hatte, auch wenn der Respekt vor Safer-Sex groß genug war, keine Dummheiten einzugehen. Scrollte sich durch Grindr, als gäbe es kein Morgen, nur ein Jetzt, nur den nächsten Boy. Die Filme des Regisseurs, mit dem er zusammenarbeitete, wurden in seiner Wahrnehmung von Kunst zu reiner Pornografie. Es war wie eine neue Adoleszenz, die er durchmachte. Mit fast dreißig wurde er wieder zum Teenager. Gewissheiten gab es kaum noch, nur ein ständiges erstes Mal, das langsam von der Gewöhnung eingeholt und von der Erwartung beschwert wurde.

Alles, was er sah, egal, wo er war, waren Männer. Berlin schien ihm wie ein Ort, der nur dazu da war, schöne Männer anzuziehen, die er ausziehen wollte. Es war eine ewige Hatz nach Befriedigung, die ihm entglitt, wenn er sie mit seinen Gedanken begreifen wollte. Er konnte nur mehr und mehr Wunden schlagen, mehr und mehr fühlen, Trophäe um Trophäe reicher war seine Leidenschaft noch immer nicht gestillt. Der Jäger hatte sein eigenes Blut geleckt. Der Hunger auf Sex beherrschte all seine Gedanken. Er reflektierte sein Verhalten nicht, handelte nur noch, war nur noch Trieb.

Den immer gleichen Traum verdrängte er direkt nach dem Aufwachen, wollte ihn nicht deuten, denn er hätte es gar nicht gekonnt, selbst wenn er hätte ehrlich zu sich sein wollen.

In den letzten Wochen hatte er viele Ärsche geleckt und gefickt. Mit einigen hatte er sich unterhalten, mit anderen kaum ein Wort gewechselt. Ihre Namen hatte er schnell wieder vergessen, die einzigen Erinnerungen, die an sie blieben, waren die Polaroids in der Kiste. Fotografie gab er als seine Profession aus. Die Aussicht, vielleicht in einer Ausstellung zu landen, befriedigte den Narzissmus der meisten Männer, mit denen er schlief. Streichelte ihr Ego. Anderen musste er versprechen, das Bild privat zu halten. Die neue Frisur und der Bart verdeckten seine ohnehin nicht allzu große Bekanntheit. Wer interessierte sich in Berlin schon für deutsche Schauspieler, wenn die Stadt ein Theaterstück voller Hauptrollen war?

Viktor achtete zu sehr auf sich selbst, als dass er sich vollkommen der Zerstörung hätte hingeben können, ohne sie zumindest auf dem Weg zu genießen. Das Harz in den Rissen seiner neuen Identität war dabei auszuhärten. Wie ein Muskel hatte er sich verletzen müssen, um zu wachsen. Es war an der Zeit, aus der Unterwelt aufzutauchen. Er sehnte sich nach einem bekannten Gesicht und ehrlichen Gesprächen.

Schwänze und Ärsche gab es in Berlin genug.

Freunde dagegen nur wenige.

Für den sanften Einstieg zurück in ein geregeltes Sozialleben loggte er sich auf Facebook ein. Er klickte sich durch die Veranstaltungen, zu denen er eingeladen wurde. Darunter war die Vernissage eines hippen Fotografen, dem er versprochen hatte zu kommen. Sie waren zusammen in einer Bar abgestürzt, irgendwo in Schöneberg, beide aufgeschmissen in einer Welt, die sie nicht verstanden. Paul hieß er, er war nicht sein Typ, aber Viktor wollte an diesem Abend auch nicht alleine sein, sie wurden Saufkumpanen, sie küssten sich nicht mal. Etwas Bemühtes lag in Pauls Verhalten, das Viktor ihm gerne verzieh. Das Nervige an Paul war seine Unsicherheit, die er mit viel zu viel Ego überspielte. Einfach nur unsicher wäre er sympathischer gewesen, aber wahrscheinlich hätte ihn Viktor dann auch nicht aufgelesen. Gelangweilt klickte er sich durch die Gästeliste der Veranstaltung, die aussah wie eine Collage aus hippen Menschen mit überbelichteten Analogfotografien als Profilbild.

Viktor hatte versprochen, sich auch von Paul ablichten zu lassen. Das Versprechen hielt er nie ein, sah keinen Grund dazu, gesehen zu werden. Ein Profil in der Gästeliste ließ ihn innehalten. Er klickte auf den Namen und schaute sich die anderen Profilbilder an. Er nahm sein Handy in die Hand und tippte den Namen ein, in der Hoffnung, mehr über den Boy zu erfahren. Er fand ihn sofort. Verglich die Bilder. Gleiche Person. Scrollte sich durch Story-Highlights und den Instagram-Feed. Schaute sich markierte Bilder an, und sein Gehirn feuerte neue Bahnen zwischen Neuronen. Viktor war aufgeregt. Es war nicht die adrenalingeile Aufregung, die er von einem Hookup kannte. Antrainierte Arme, die man erst auf den zweiten Blick sah, denn das schöne Gesicht lenkte ab. Kein klassisch schönes Gesicht, eher ein Gesicht, das um seine Vorzüge nicht bemüht war. Ein Bart, der ein wenig zu lang und ausgefranst war, um nicht wilde Absicht zu sein. Auf den neueren Bildern: nur noch ein kurzer Bart, dann ein etwas längerer Schnäuzer. Mal trug er eine Brille mit goldenem Rahmen, mal trug er keine. Auf allen Bildern: dunkle Augen, deren Farbe Viktor nicht erkennen konnte, egal wie stark er mit seinen Fingern reinzuzoomen versuchte. Tätowierungen, die aussahen, als wären sie von Geburt an da gewesen. Überhaupt ein Körper, der aussah, als ob er schon immer so gewesen wäre: Sattheit, die zu viril war, um vergänglich zu sein. Männlichkeit, die zu verspielt war, um existieren zu dürfen. Viktor hatte einen digitalen Crush.

Er klickte noch mal auf die gemeinsamen Freunde. Er hatte das Gefühl, diesen Lars zu kennen. Da war was. Ein von Drogen und Stroboskop verzerrtes Gesicht. Die Körpersprache eines tanzenden jungen Gottes. Faserige Muskeln, die die Haut prall ausfüllten. Ein Ernst, wie ihn nur jemand paradierte, der glaubte, alles gesehen zu haben. Jemand, der sich auch in jungen Jahren bereits für eine alte Seele hielt. Jemand, von dem er sich verstanden fühlte, ohne dass sie einander kannten. Jemand, ihm in Tiefe ebenbürtig. Viktor hatte Lars im Club gesehen. Es war Paul, der Fotograf, der sie auf der Tanzfläche einander vorgestellt hatte. Viktor erinnerte sich an einen Handschlag, ein joviales Lächeln. Ein stumpfes Ritual, die laute Musik vereinnahmte alle Schallwellen.

„Fuck“, sagte Viktor laut.

Die Erinnerung wurde fassbarer. Seine vom Alkohol und Koks aufgestaute Arroganz hatte ihn damals davon abgehalten, weiter auf Lars einzugehen. Die Anziehung zu Lars hatte er wie eine lästige Fliege weggewischt. Immer besoffener und verkokster war er an diesem Morgen geworden, bis er irgendwann nachmittags den Club verließ. Alleine. Ausgelaugt. Zu stolz, um traurig zu sein.

Nachmittag kippte in den frühen Abend. Viktor schob alle Pläne auf und begann aufzuräumen. Die letzten Wochen hatten Spuren in der Wohnung hinterlassen. Um sein Bett herum lagen Teller mit Essensresten, hier und da Flaschen, ein Aschenbecher in seinem Wohnzimmer war umgekippt und hatte die kalte Asche schon lange aufgerauchter Zigaretten auf den Boden gekotzt.

In der sauberen Wohnung fühlte Viktor sich dreckig. Auf nackten, schmutzigen Fußsohlen ging er ins Bad. Im Spiegel schaute er sich seinen zotteligen Bart an und sah, dass auch die Haare auf seinem Kopf wieder zu lang waren. Es kam ihm manieristisch vor, so abgefuckt auszusehen. Wie ein Klischee mit dem Busch im Gesicht, trauriger Künstler, zu wenig Wasser im Körper und zu viel Kaffee im Blut. Zeit, sich zu trimmen. Mit dem Aufsatz für lange Haare fuhr er sich langsam über den Hals hoch ins Gesicht. Mit der linken Hand hielt er den Rasierer, mit der rechten spannte er die Haut so an, dass die Maschine die Harre leichter aufnahm und elektrisch abtrennte. Seine Finger betasteten seinen Hals. Er spürte seinen Herzschlag. Das Vibrieren des Rasierers ließ seine Hand kribbeln. Nach und nach legte er die Konturen seines Gesichts wieder frei. Die Haare über der Oberlippe stutzte er behutsam. Auf den Vintage-Pornoschnäuzer verzichtete er. Die Lippen wieder sichtbar und mit einer Kontur im Gesicht fühlte Viktor sich frischer. Mit den abrasierten, struppigen Haaren, die in das Waschbecken rieselten, fiel auch das Gefühl von Unordnung von ihm ab. Das Gefühl von Rastlosigkeit wich einem beständigen Pochen. Wie Bass schallte es durch ihn, machte Wellen in seinem Bewusstsein. Die Erinnerung an die Nacht im Club wurde immer aufdringlicher. Viktor konnte nicht aufhören, an die Szene mit Lars zu denken. Er hoffte, je stärker er daran dachte, ein umso klareres Bild der Begegnung zeichnen zu können. Der Rausch durfte nicht zulassen, dass er die kurze Berührung vergaß, die er mit Lars ausgetauscht hatte. Der Handschlag hatte einen Abdruck in ihm hinterlassen, der zu einer Fährte wurde, die zu seiner Leidenschaft führte.

Während er sich duschte, sah er den Bartstoppeln dabei zu, wie sie im Abfluss verschwanden. Er seifte sich ein, dachte an die vielen fremden Hände, die seinen Körper in den letzten Wochen berührt hatten. Die vielen fremden Körperflüssigkeiten, die sich auf ihn ergossen hatten. Die vielen Körper, die er angefasst hatte, in die er eingedrungen war. Zynisches lag in Momenten vollkommener Intimität, in denen, um nicht unmännlich zu wirken, Zärtlichkeit nur selten aufkam oder in denen Zärtlichkeit so verzweifelt war, dass Viktor sie als unmännlich empfand. Es war eine schwierige Balance zwischen Anbiedern und Anfassen, zwischen Einander-Verletzen und Einander-Zerfleischen. Zwischen Lust und Sehnsucht. War er verliebt? Er konnte es nicht sagen. Das Gefühl in ihm war neu. Es war so viel eindringlicher als alles, was er vorher für jemanden empfunden hatte. Er musste nicht darüber nachdenken, was in ihm vorging. Fernab vom Verstand hatte er kleine Schmetterlinge im Bauch. Da war sie wieder, die Erinnerung an den jungen tanzenden Gott. Er wollte Lars wiedersehen. Die Fährte war aufgenommen.

ERIK

Eriks Augen wehrten sich, er konnte sie kaum öffnen, und das Aufwachen fiel ihm schwer. Der Schlaf konnte nicht tief gewesen sein, denn sein ganzer Körper fühlte sich brennend ausgelaugt und unendlich unerholt an. Simon lag neben ihm, dicke Ringe unter den Augen, aber ein süßes Lächeln auf dem Gesicht.

„Hast du Lust auf Frühstück?“, fragte er Erik.

„Erst mal nicht. Mann, fühl ich mich dreckig.“

„Ich auch. Passt schon. Ist gut, dass wir so lange geschlafen haben. Passiert mir selten, wenn ich druff einschlafe. Normalerweise wache ich nach ein paar Stunden wieder auf.“

Erik suchte zwischen den Zeilen nach einem Kompliment und verbuchte den für Simon wohl tiefen Schlaf für sich.

Es war die erste Nacht, die sie gemeinsam verbrachten. Seit Wochen waren sie sich immer wieder auf Partys begegnet, hatten geflirtet und geknutscht, aber waren selten lange wirklich beieinander. Simon war beim Feiern nie entspannt. Immer kam jemand auf ihn zu, der Drogen kaufen wollte. Wenn nicht, hing er auf der Toilette rum und unterhielt sich mit den anderen Dealern, bis jemand ihn ansprach. Erik flirtete mit niemand anderem mehr, knutschte nicht mit anderen, vernachlässigte seine Freunde. Alles nur, um auf den Partys bei Simon sein zu können. Es war schwer, den Dealer abzulenken, denn die dauernden Geschäfte hielten ihn fokussiert. Erst wenn alles vertickt war, wurde Simon entspannt und schoss sich und Erik mit fetten Lines ins Aus. Letzte Nacht hatte Simon Erik zu sich eingeladen.

„Endlich“, hatte Erik zu Simon gesagt.

„Na, ich hab uns weit nach oben geschossen, dann können wir auch zusammen runterkommen.“

So high, wie man nur mit einem Dealer werden kann, hatten sie die Party zusammen verlassen und waren zu Simon in den Wedding gefahren. Er wohnte alleine in einer großen Einzimmerwohnung. Erik war neidisch, er konnte sich gerade mal eine WG leisten. So könnten sie wenigstens laut Sex haben, ging ihm durch den Kopf. Endlich wurde aus dem Rummachen mehr. Die Versprechungen, die er sich vom Sex mit Simon gemacht hatte, wurden erfüllt. Ob es am MDMA lag oder einfach an Simon: Jede ihrer Berührungen war so intensiv, egal ob das Gefühl drogeninduziert war oder nicht. Vereinigung, wieder und wieder und wieder, doch ein Orgasmus blieb ihnen versagt, ihre Körper waren zu ausgelaugt.

Simons Wohnung war hell, hätte schön sein können, aber er hatte seit Langem nicht mehr aufgeräumt. Überall auf dem Boden lagen Flyer mit Drogenresten, waren Karten mit weißen Rändern und aufgerollte Ziehröhrchen. Simon dealte noch nicht lange, hatte er Erik erzählt. Es habe sich ergeben und sei gerade die einfachste Art, an Geld zu kommen. Solange es ihm Spaß machte, wollte er weitermachen. Eine Erklärung, nach der Erik nicht gefragt hatte. Ihm war das fürs Erste alles egal. Ihn interessierte, dass er endlich Zeit mit Simon verbringen konnte. Lebensläufe konnten sie später austauschen, wenn sie Händchen haltend durch den Görli liefen.

Erik kam aus dem Bad und rieb sich den Schwanz.

„Tut dir was weh?“

„Ja, die Harnröhre.“

„Kommt bestimmt von dem ganzen MDMA. Trink Wasser. Das tut erst mal weiter weh, weil du mehr pinkeln musst, aber es spült dich auch aus.“

Erik griff zu einer großen Flasche und öffnete sie.

„Stopp!“, rief Simon laut.

Bevor Erik reagieren konnte, hatte er schon einen beißenden, orangeatartigen Geruch in der Nase.

„Das ist GHB, verdammte Scheiße! Trink das nicht!“