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Es verspricht, ein heißer Sommer zu werden. Ein Sommer, der einen Wendepunkt im Leben der drei Protagonist*innen Pina, Tom und Alex markieren wird. Inmitten der Hitze lauern die Verletzungen der drei Freund*innen gefährlich unter der Oberfläche, bereit hervorzubrechen. Pina schrammt am Burnout vorbei, Tom stellt sich verdrängten Erlebnissen aus seiner Vergangenheit, während Alex sich nach seiner Mastektomie im Leben zurechtfindet. Die überheißen Monate bieten allen drei die ersehnte Gelegenheit, innezuhalten und im trägen Stillstand schwüler Nachmittage zu reflektieren. Im Gespräch mit Familie und Freund*innen lernen sie so neue Ziele an das Leben zu formulieren. Pina, Tom und Alex befinden sich auf der Suche nach Liebe, Geborgenheit und bedingungsloser Zugehörigkeit. Trotz all der Konfrontation – dieser Roman erzählt einen sanften Sommer.
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Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Arbeit an diesem Roman wurde durch das Recherchestipendium Literatur 2021 des Berliner Senats (Senatsverwaltung für Kultur und Europa) unterstützt.
Alle Charaktere und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen mögen daher vorkommen, sind aber unbeabsichtigt.
© Querverlag GmbH, Berlin 2023
Erste Auflage: März 2023
Kapitel-Insignien: © Tomer Rosenthal
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von LukaszDesign | Adobe Stock.
ISBN 978-3-89656-688-1
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Querverlag GmbH
Akazienstraße 25, 10823 Berlin
www.querverlag.de
Sommer
bricht, kaum ist es Nacht,
der Tag schon an –
wo in den Wolken denn
bezieht der Mond jetzt Unterkunft?
Kiyohara no Fukayabu, aus dem Kokinwakashû
Der dampfende Melissen-Tee war bereits eingeschenkt und stand auf einem kleinen Beistelltisch neben Tom. Auch im Sommer war der Tee hier warm; nur die Tassen kamen ihm neu vor. Doppelwandiges Glas mit einem großen Abstand zwischen der inneren und der äußeren Wand hatte die von einem Metallhalter gestützten Tassen ersetzt, aus denen Tom sonst immer trank. Die Bilder in der Praxis hatten sich auch verändert, waren aber noch immer abstrakte Malerei, die sich wahrscheinlich gut von der Steuer absetzen ließen, die Farben der geometrischen Formen jetzt versöhnlicher. Seit Jahren saß er jede Woche auf diesem Sessel, trug Stiefel, Sandalen, hatte nasse Haare, war mal ausgeschlafen, mal durch. Seine Therapeutin hatte die Brillengestelle gewechselt, ihr Pony war herausgewachsen und heute hatte sie zum ersten Mal Strähnchen in den Haaren, die Tom wenig vorteilhaft fand.
„Wie erging es Ihnen seit unserem letzten Termin?“, fragte ihn die Therapeutin. Er rang um Atem, wie er immer um Atem rang, wenn er in dem bequemen Ledersessel saß. Den Kopf in den Nacken gelegt, die Halsmuskulatur angespannt, die Augen aus dem Fenster gerichtet. Immerhin waren die Sessel noch dieselben. Zu bequem für die Tatsache, dass hier jeden Tag Menschen saßen, die sich irgendwann in ihrem Leben die Arme aufgeritzt hatten, die oft an den Tod dachten, nicht davon ablassen konnten, sich vorzustellen, wie sie sich aus dem Leben verabschieden, die nicht wussten, wohin mit sich und ihren alles andere überlagernden Gefühlen, Menschen, die von Impulsen getrieben durch das Leben mäanderten und an Orten wieder aufwachten, die aufzusuchen sie sich nicht erinnern konnten. Tom hatte andere Menschen getroffen, denen es genauso ging. In einer Gruppentherapie lernten sie Woche für Woche, wie Gefühle aufgebaut waren, damit sie sie zähmen konnten, als wäre die Gruppe keine Therapie, sondern eine Ausbildung. Aber hier auf dem Sessel kam er sich vor wie die einzige Person auf der Welt, die so stark fühlte, dass selbst Schmerz ein adäquates Mittel schien, um sich zu regulieren. Dann tröstete ihn der Gedanke, dass die Therapie nur für ihn existierte, und weil das so lächerlich klang, wusste er, es konnte nicht stimmen.
„Jetzt haben wir uns über einen Monat nicht gesehen“, fügte sie hinzu. Sie hätte auch sagen können: Und? Kommen Sie klar? Aber so was machten Therapeut*innen nicht. Sie schaute mit ihrem neutralen Blick durch die Gläser ihrer Brille und hielt ihr Klemmbrett fest. Tom hatte schon lange aufgegeben, seine Therapeutin lesen zu wollen, hatte gelernt hinzunehmen, dass er nicht wusste, was sie da aufschrieb, glaubte nicht mehr, dass sie ihn in ihren Notizen verriss wie ein schlechtes Buch.
„Gut“, sagte er, das „U“ verschluckend. „Gut“, setzte er noch einmal an, übereifrig, nicht wieder zu nuscheln. Tom wollte auch in der Verhaltenstherapie glänzen, Musterschüler sein, denn nur Leistung machte ihn gut genug. Bald war er „austherapiert“, ein Begriff, der ihm wie ein Bergamotte-Bonbon zwischen den Zähnen kleben blieb. Die Therapie ging in den dritten Sommer und sie war zur Routine geworden, wenn er sich in kleinteiliger Arbeit nach einem Date durch seine Zweifel wühlte, weil er gerade jemanden kennengelernt hatte, der eine Sitzung später schon wieder vergessen war. Er hatte sich daran gewöhnt, dass seine Therapeutin sich genau dann gerührt zeigte, wenn er es am wenigsten erwartete. Sie spiegelte ihm dann, dass seine Erfahrungen so voller Gewalt waren, dass sie sich in ihrem Ledersessel nicht neutral geben konnte. Das Gespräch plätscherte heute vor sich hin, Tom vermisste die Diskussionen und Analysen. Er erzählte, dass er endlich den Vertrag mit einem Verlag unterschrieben hatte, das Manuskript schon im Lektorat war.
„Ende des Sommers soll ich die überarbeiteten Gedichte abgeben. Das fühlt sich noch so weit weg an.“ Und dann fiel Tom auf, dass dann auch die Therapie zu Ende sein würde, dass er sich sein Leben noch nicht vorstellen konnte, ohne diesen Ledersessel und den Melissen-Tee.
„Sie sind weit gekommen. Das dürfen Sie sich ruhig öfter eingestehen.“
Sie schaute ihn mit Nachdruck an, als wüsste sie, dass er Zuspruch nur schwer annahm. Er nickte nur, konnte nichts dazu sagen.
„Dann sehen wir uns wieder im September“, sagte die Therapeutin und beendete damit die Sitzung. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer und viel Erfolg mit Ihrem Manuskript“, setzte sie hinzu, als sie sich zum Abschied die Hand gaben.
„Ihnen auch“, sagte er und schaute ihr kurz in die Augen, hielt den Blick jedoch nicht lange. Tom schloss die Tür hinter sich und hastete die knarzende Treppe des Kreuzberger Altbaus hinunter. Er nahm mehrere Stufen auf einmal, atmete die muffige Luft ein. Tom konnte seine Therapeutin nicht greifen und deswegen liebte er sie, so sehr man einen Menschen lieben konnte, den man siezte.
Den Rest des Tages nahm er sich frei. Er konnte sich nicht vorstellen, in die Agentur zu gehen und in irgendwelchen Kunden-Calls zu sitzen, in denen er mit Vanessa vom Marketingteam über einen Kampagnen-Claim redete, zum Glück ohne Video, denn so konnte er die Augen dramatisch verdrehen und die Projektmanagerin zum Lachen bringen. „Mental health day“ nannten er und die anderen aus der Agentur das, wenn sie sich einen Tag freinahmen, der nicht durch ein gebrochenes Bein oder eine verschnupfte Nase gerechtfertigt war. Im Team war es ein offenes Geheimnis, gut gehütet, nur angetrunken auf Weihnachtsfeiern geteilt. Dann gaben auch die anderen zu, dass sie an manchen Tagen einfach nicht aus dem Bett kamen, dass die kreative Arbeit in einer Agentur trotz Bällebad und Stehtisch auslaugend und menschenfeindlich war, dass niemand sich noch eine Kampagne für ein sinnfreies Produkt ausdenken wollte und dass eigentlich doch alle was „mit Impact“ anstrebten. Die freien Tage genossen sie wie kleine Reparationsmomente, dem Arbeitsleben abgetrotzt, nie ganze ohne schlechtes Gewissen durchgezogen.
Die nächste Sitzung mit seiner Therapeutin war im September. Seit Beginn der Therapie hatten sie sich noch nie in so großem Abstand nicht gesehen. Bald gar keine Therapie mehr, ein Manuskript einreichen – beides war so neu, Tom konnte es geistig nicht fassen, blieb lieber in der Gegenwart, die nichts von ihm wollte, als dass er den Geruch von Sommerblüten einatmete und dabei nicht in die Hundescheiße trat, die im warmen Wetter vor sich hin trocknete.
Gut, wiederholte er in seinem Kopf. Mir geht es gut.
Den Weg nach Hause machte er zu Fuß, blieb auf Augenhöhe mit der Stadt, wollte nicht in die U-Bahn, in der er die Jahreszeiten nur an der Kleidung der Leute ablesen konnte, abgeschirmt vom Licht. Sein Gesicht trug die ersten Sommersprossen und die Jacke konnte er sich über die Schulter hängen. Er mochte, wie die Natur schon sattgrün war, noch frisch, noch saftig, ohne zu überfordern, wie mehr Gerüche durch die Luft flirrten, seine Füße beim Auftreten die Sohlen der Schuhe spürten und wie das erste Eis schmeckte: noch ein bisschen zu kalt, aber süß.
Auf dem Weg blieb sein Blick an einem Typen hängen: dunkler Bart, dunkle Haare, aber da waren Sprenkel anderer Haarfarben. Die hellgrünen Augen blieben Tom im Gedächtnis. Er ärgerte sich über seine Schüchternheit, wollte winken oder „Hallo“ sagen, aber das schien ihm unmöglich.
Tom nahm das Handy aus der Tasche und schickte seiner Mitbewohnerin Pina eine Sprachnachricht, das Handy schräg am Kinn, so dass er ins Mikrofon sprach, gerade so laut, dass es gut verständlich war.
Hey, Herz, ich bin gerade aus der Therapie raus. Vorletzte Sitzung, richtig verrückt, „ausschleichen“ hat sie das heute wieder genannt. Als wäre die Therapie ein Medikament und ich bin abhängig. Ganz unrecht hat sie damit nicht. Im Februar hat sie noch gesagt, und da hatte sie mir vorher eine SMS zum Geburtstag geschickt, in der sie mich gesiezt hatte, jedenfalls meinte sie, dass wir die Therapie ausschleichen oder einen neuen Antrag stellen. Und jetzt haben wir nur noch eine Sitzung im September vor uns. Ich kann’s gar nicht glauben, dass ich jetzt so lange schon in Therapie bin. Bin jedenfalls gut durch und aufgedreht und nehme mir den Rest des Tages frei. Mental health day. Tag der mentalen Gesundheit, viel besseres Wort, klingt wie ein Feiertag, oder? Egal, die Sonne scheint. Vielleicht kann ich ein bisschen Textarbeit machen, aber ich will mir jetzt auch nicht zu viel aufhalsen. Wo bist du? Was machst du? Genießt du endlich dein Arbeitslosenleben? Sehen wir uns später? Bevor das hier ein ungefragter Podcast wird, mach ich mal Schluss.
Er schickte die Sprachnachricht ab, blieb am Bildschirm kleben und wischte sich durch seine Apps. Eigentlich hatte er sich Dating-Apps unter der Woche verboten, aber er war im verfrühten Wochenende. Warum sollte er nicht zumindest reinschauen? Es war wie ein Videospiel, das als digitale Schicht über der Stadt lag, da, wo am Kanal die Bäume ausschlugen, ihr frisches Laub zur Schau stellten, konnte überall ein wilder Typ auftauchen wie ein notgeiles Pokémon. Als er die App öffnete, hatte er ein paar Nachrichten vergessener Flirts, die er nachts abgewürgt hatte, weil er sich dann doch lieber einen runterholte, als noch im Halbschlaf und halb hart aus dem Haus zu gehen. So schnell war seine Geilheit versorgt. Aber eine Nachricht war neu, das Profilbild zeigte nur eine Nahaufnahme von einem Auge, Lachfältchen schmiegten sich an den Rand eines Augenlids. Tom lachte, es sah aus wie der Typ von eben mit den grünen Augen, aber das war zu einfach. So was passierte nur in irgendwelchen schlecht geskripteten Streaming-Serien.
Hey
Hey
Na
Selber na
Tom atmete tief aus. Den Rest des Gesprächs konnte er sich schon denken. Was suchst du? Was machst du? Manchmal kamen danach Schwanzbilder, schlecht beleuchtete Rosetten oder Selfies vor Spiegeln, bei denen Tom sich mehr mit dem Hintergrund und der Inneneinrichtung beschäftigte als mit den Körpern, die er da zu sehen bekam, egal, wie sehr in Körpernormen hineintrainiert die Männer aussahen. Dann fragte er sich, ob er schwul genug war, wenn er auf den Apps herumhing, weil er das so schnell satthatte, das Vergleichen und Sich-Zeigen, weil er das schon als Teenager in dubiosen Chatrooms gemacht hatte, weil er sich nach einer Zeit vor der Aids-Krise sehnte, als Sex auf der Straße lag, überall pralle Ärsche in Bluejeans, aber dann erwischte er sich dabei, wie er eine Zeit romantisierte, die er nicht erlebt hatte, und dann hatte er endlich einen harten Schwanz in der Hand und sein Handeln schlug ihm die Frage aus dem Mund, noch bevor er sie stellen konnte.
Sind wir uns eben über den Weg gelaufen?
Hehe Vielleicht …
Ich find dich süß.
Ich dich auch, tbh.
Was machen wir jetzt damit?
Willst du zu mir kommen?
Du bist ja nicht weit weg. Ich glaube, du läufst in meine Richtung.
Stimmt.
Schick mal deinen Standort.
„Bingo!“, sagte Tom laut, überraschte sich dabei selbst und dann war es ihm egal, ob ihn jemand hörte. Er warf alle verkopften Zweifel über Bord und war froh, dass er sich für die Therapie immer extra frische Klamotten anzog.
Pina saß bei ihrer Mutter am Küchentisch und drehte die Kaffeetasse exakt einmal im Kreis. Die Tür zur Terrasse war angelehnt; ein warmer Wind kam ihr entgegen. Draußen stand Lavendel in großen Kübeln, groß und buschig, sie wollte hingehen und die Blüten zwischen ihren Händen verreiben, in ihren Kaffee rieseln. Der Gedanke besänftigte ihre aufgeriebenen Gedanken.
Die Tassen hatten sie zusammen auf dem Flohmarkt des Keramikmuseums gekauft. Wilmersdorfer Witwen in akkurater Kleidung durchstöberten die vielen Schätze, die die Verkaufenden im Hof des kleinen Museums auf Klapptischen ausgebreitet hatten. Es roch nach schweren Parfums, gesenkte Stimmen wisperten einander zu und es wurde freundlich gegrüßt. Der kieselige Boden knirschte unter den Schuhen mit niedrigen Absätzen und Pina kam sich zugleich zu Hause und fehl am Platz vor. Oft war sie schon mit ihrer Mutter dort gewesen, jedes Jahr im Frühsommer verbrachten sie im Keramikmuseum einen Nachmittag. Pina ermunterte ihre Mutter damals, eine Tasse zu kaufen, die ihr von Weitem aufgefallen war. Sie waren nicht teuer für das, was sie sein konnten: vielleicht wirklich aus Japan, weit gereist, nicht durch Jahrhunderte, aber durch Jahrzehnte. Die Glasur der Becher erinnerte Pina an einen Waldboden, war unregelmäßig und organisch. Ihre Mutter verstand Pinas Kommentar als Aufforderung, ihrer Tochter die Tassen zu kaufen, doch Pina wehrte sich dagegen.
„So war das nicht gemeint. Ich fand sie einfach nur passend für dich.“
„Aber es sind doch vier davon da. Das macht zwei Tassen für uns und zwei für dich und Tom. So sind unsere Haushalte verbunden“, sinnierte ihre Mutter damals und wollte Pina mit dem Geschenk einen Gefallen tun. Rituale, nannte sie das dann, aber alles, was Pina sah, war ein Instrumentarium der Kontrolle.
Zwei der Tassen standen von da an in Pinas WG. Damit, wenn „die Mama“ mal vorbeikommt – denn so nannte sie sich gerne, „die Mama“, das war ihre Rolle, die musste genannt werden, wie in einem Theaterstück –, wenn die Mama mal vorbeikam, sie beide aus den Tassen trinken konnten. Dass Pina und Tom die Tassen sonst nie anrührten, weil es schließlich die Tassen ihrer Mutter waren, wie anderer Leute gutes Geschirr, das erwähnte Pina nie. Aber weil es eine Geschichte war, die, wie so viele Geschichten, trösten sollte, erlaubte Pina ihrer Mutter diesen Widerspruch.
„Wie geht’s Papa?“, fragte Pina, aber sie wusste bereits die Antwort. Es war mehr ein Lückenfüller, den sie zwischen zwei Schluck Kaffee auf den Tisch warf.
„Der ist im Westen, Workshop für die Arbeit. Aber das wusstest du doch, oder?“
Pina wusste es. Ihr Vater hatte ihr ein verunglücktes Selfie vom Hotel geschickt, in dem er übernachtete. Sie wollte sich nicht darüber lustig machen, schickte es dennoch Tom, der mit einem Tränen lachenden Emoji reagierte.
Ey, dein Papa ist einfach zu cute, ich will immer noch adoptiert werden.
Du bist eh schon im Clan. Bald fügt meine Mutter dich im Familienchat hinzu.
Wenn sie ihre Familie so durch Toms Augen sah, dann wurde ihr klar, wie gut sie es hatte, wie nah ihre Eltern ihr waren, wie emotional ansprechbar und kommunikativ. Tom wurde ein Teil der Familie, weil er Teil von Pinas Leben war. Sie hatte so viele Erinnerungen an Abendessen, die ihr Vater und Tom zusammen in dieser Küche gekocht hatten, während sie und ihre Mutter ein Glas Wein tranken. Er kochte mit ihnen am Sederabend, er zündete mit ihnen die Kerzen zu Chanukka an, er war wie ein Bruder für sie. Pina drehte die Tasse weiter im Kreis
„Zanne hat sich bei mir gemeldet“, sagte Pina und schaute zu ihrer Mutter, die selbst einen der Becher in der Hand hielt. Ihr dunkelroter Nagellack harmonierte mit dem Waldboden der Tasse, die Nägel kurz, weil das praktischer war, aber das Haar noch immer lang, weil nicht alles praktisch sein musste. Pina sagte nichts, denn ihre Mutter mochte Kommentare zu ihrem Äußeren nicht.
„Frauen müssen einander nicht immer versichern, dass wir gut genug aussehen“, sagte sie dann. Pina war ein praktischer Feminismus auf den Weg mitgegeben worden, gegen den es sich schwer rebellieren ließ, auch wenn sie es so gerne wollte.
„So, weswegen denn?“, entgegnete ihre Mutter und nippte an ihrem Kaffee. Sie hatte eine genaue Karte von Pinas Beziehungen im Kopf.
„Sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr bei einem Projekt in der Schweiz helfen kann. Es ist irgendwas wie eine Residency, bei einem privaten Sammlerpärchen. Zanne bringt Skulpturen in einen Garten oder so. Es klang noch ein bisschen vage, aber ein paar Wochen Schweiz im September, das klingt nach einer guten Idee, oder?“
„Und was ist mit der Galerie?“
„Ja, das ist die Sache. Das hat nichts mit der Galerie zu tun, meinte Zanne. Aber wie kann das nichts mit der Galerie zu tun haben? Dansdorn weiß davon, das geht doch gar nicht anders.“
Pina hatte erst vor Kurzem aufgehört, in einer Galerie zu arbeiten, der sie nach ihrem Kunstgeschichtsstudium ihre späten Zwanziger geschenkt hatte. Jetzt, mit fast dreißig, hatte sie den Job verlassen, auf den sie so lange hingearbeitet hatte. Das Verhältnis zu ihrer Galeristin Almut Dansdorn blieb dabei fast zu freundlich, wie Pina fand. Sie hätte sich mehr Widerstand gewünscht, aber vielleicht überschätzte sie damit auch ihre eigene Rolle für die Galerie. Es würde eine neue Pina geben, neue Galeriemenschen, die sich noch nicht an der Kunstwelt aufgerieben hatten. Dafür saß sie jetzt an einem Wochentag gestrandet am Küchentisch ihrer Mutter.
„Ich mag Zannes Arbeit, sie ist eine meiner Lieblingskünstlerinnen, aber ich weiß nicht so genau, warum sie mich dabeihaben will. Sie meinte: ‚Komm einfach mit, als moralische Unterstützung und dann ergeben sich schon Aufgaben für dich.‘ Aber ich weiß nicht, ob das jetzt Urlaub mit Arbeit wird oder ob ich da dann durchgehend eingebunden bin.“
„Sie mag deine Präsenz vielleicht einfach.“
„Aber Präsenz ist keine Aufgabe.“
„Du musst nicht immer was zu tun haben, damit du dabei sein darfst.“
„Und sie würde mich auch bezahlen, Anfahrt, Übernachtung, alles egal.“
„Wo ist der Haken?“
„Ich weiß noch nicht, wo ich gerade stehe, ich will nichts entscheiden müssen.“
„Musst du dich jetzt entscheiden?“, fragte ihre Mutter und Pina hörte die Journalistin heraus, die zu sehr daran gewohnt war, Fragen zu stellen. Pina sagte noch nichts zur Grenzverletzung, wollte abwarten, was da noch kam.
„Und im September hat Tom Abgabe für sein Manuskript. Da will ich ihn nicht allein lassen. Ich weiß, wie wichtig das für ihn ist.“
„Aber es ist Toms Abgabe, es ist Zannes Schweiz-Trip.“
„Ich weiß, ich weiß. Das sind andere Menschen. Ich will mich ja um mich kümmern, aber soll ich jetzt nach Indien fliegen und dort eine Yoga-Ausbildung machen? Mir fallen nur Klischees ein. Dabei bin ich einfach nur müde und will mich in ein Lavendelfeld legen.“
Belustigt nippte ihre Mutter an ihrem Kaffee. Sie schlürfte nicht mehr, trank jetzt leise, die Augen weiter auf ihre Tochter gerichtet, um keine Information zu verpassen.
„Ich bin mir mit nichts mehr sicher. Wenn die Galerie davon Wind bekommt, dann wird es unangenehm. Ich kann nicht gehen und sagen: ‚Ja, ich brauche eine Pause‘ und dann wieder auftauchen, oder? Ich weiß es nicht. Und Tom braucht mich wirklich, das mit dem Manuskript ist so wichtig für ihn.“
„Für ihn. Jetzt ist erst mal Sommer und du musst dich nicht entscheiden, oder?“
„Nein, das stimmt. Es ist gerade mal Juni.“
„Wie lange bist du jetzt aus dem Job raus? Ein paar Wochen?“
„Seit Ende März. Ich hatte mehr als zwei Monate frei, aber mein Kopf schwirrt noch. Ich wache nachts auf und habe Angst, dass ich eine Mail vergessen habe oder einen Text redigieren muss.“
„Gib dir Zeit, das dauert, du warst echt ausgelaugt. Hast du Strategien, damit umzugehen?“
„Spiel bitte nicht Interview mit mir! Darüber haben wir gesprochen, Mama.“ Pina atmete tief aus und richtete den Blick auf die Stelle zwischen den Augenbrauen, damit es so wirkte, als schaute sie ihrer Mutter in die Augen. Den Trick hatte sie von ihr gelernt, weil sie das selbst bei Interviews manchmal machte, wenn sie sich unsicher war.
Ihre Mutter hob die Hand.
„Ich pfeif mich ja schon selbst zurück. Ich leg dir aber eins ans Herz: Lass dein soziales Gefüge intakt, jetzt, wo dein Leben sich neu sortiert. Du und Tom, ihr habt so eine schöne Freundschaft. Das musst du nicht mit falsch verstandener Verantwortung belasten.“
„Ich glaube, mir war einfach noch nie so langweilig im Leben, und es macht mir Angst.“
„Du brauchst einfach was zu tun, was dich aus deinen Gedanken holt. Vielleicht fährst du mal zu Sara nach Brandenburg“, sagte ihre Mutter.
Pina schaute sie an und trommelte mit den Fingern nervös auf der Tasse, weil der Kommentar ihrer Mutter etwas in ihr anstieß.
„Sara bekommt bald einen neuen Pflegehund und sie freut sich bestimmt über Besuch. Ist nur eine Idee, aber du warst schon lange nicht mehr bei ihr.“
Ihre Mutter hatte recht. Pina war schon lange nicht mehr bei ihrer Tante gewesen, dabei war der Weg zu ihr auch mit dem Regionalexpress nicht weit und sie kannte die Wälder um das Dorf, mochte die Spaziergänge mit ihr, nur die Pflegehunde, die ihre Tante immer wieder für eine Weile aufnahm, konnten entweder anstrengend oder sehr süß sein. Ihre Jagdhündin Dea glich den Stress dann aus, legte immer ihren kleinen braun-weiß gescheckten Kopf auf Pinas Beinen ab, weil sie gestreichelt werden wollte.
„Gute Idee, ich muss mich wirklich mal wieder bei Sara melden“, sagte sie „Das liegt eigentlich so nah. Vielleicht muss ich einfach ein paar Tage aus der Stadt.“
Pina hatte ihren Kaffee fast ganz ausgetrunken und sah jetzt den Grund des Bechers. Die dunkelgrüne Glasur schimmerte ins Blaue und überlagerte sich selbst in Schichten, unsauber aufgetragen, die Farbe war hier weder grün noch blau, konnte beides. Pina leerte die Tasse, nahm einen letzten Schluck, der mehr Geste als Kaffee war.
Auf dem Weg nach draußen holte sie ihr Handy aus der Hosentasche, scrollte sich durch nichtssagende Benachrichtigungen, noch immer die in ihren Körper eingeschriebene Angst in den Fingern, sie könnte eine Mail von ihrer ehemaligen Galeristin bekommen. Da war aber nur eine Sprachnachricht von ihrem Mitbewohner Tom, dessen warme Stimme von den Handylautsprechern leise verzerrt:
Hey, Herz, ich bin gerade aus der Therapie raus. Vorletzte Sitzung, richtig verrückt, „ausschleichen“ hat sie das heute wieder genannt. Als wäre die Therapie ein Medikament …
Pina unterbrach die Sprachnachricht, wollte sie später abhören. Vielleicht war jetzt ein guter Zeitpunkt, kurz bei ihrer Tante Sara anzurufen und sich bei ihr nach dem neuen Hund zu erkundigen.
Saras Hündin Dea winselte leise, das Klappern nervöser Pfoten untermalte das Gewinsel in unregelmäßigen Rhythmen. Dea rannte durch das Haus, auf der Suche nach etwas, das sie nicht finden konnte. Sie schnüffelte am neuen Hundebett, trug einen Kauknochen umher, zu abgelenkt, um ihn anzuknabbern, legte ihn mitten im Raum ab. Dea kam immer wieder vor Sara zum Stehen, mit großen Augen, die nach links und rechts schauten und das menschelnde Weiß an den Rändern preisgaben.
„Merkst du was?“, fragte Sara und tätschelte ihr den Kopf. „Du merkst was“, wie um sich selbst zu bestätigen. Die Hündin murrte, fast ein Kommentar, und legte sich auf einen Stuhl, mit einer Decke behängt, schon voller Hundehaare, den Kopf über die Sitzfläche hängend und den wachsamen Blick auf die Tür gerichtet. Die bernsteinfarbenen Augen fielen ihr immer wieder zu, befellte Lider senkten sich, sie öffnete sie bald wieder – Schlafen war jetzt nicht.
„Kann ja nicht mehr lange dauern“, sagte Sara leise zu sich selbst und nahm das Handy vom Küchentisch. In einer Nachricht hatte der Tiertransport ihr den Live-Standort geschickt: Jetzt konnte sie sehen, wie ein kleiner blauer Punkt durch die Deutschlandkarte fuhr. Sie mussten schon fast in Brandenburg sein. Die Reise hatte in Spanien angefangen und in über zwanzig Stunden, fast ohne Pause, hatte sich der Transport bis in den Norden Deutschlands durchgeschlagen. Der Wagen machte nur Halt, um Hunde abzusetzen, dokumentierte die Übergabe in Bildern, irgendwo auf Raststätten bei Karlsruhe oder mitten in Hessen, streifte größere Orte immer nur, fuhr nie ins Zentrum. Irritierte und verlorene Hunde in Sicherheitsgeschirren, die sie vor dem Ausbüxen beschützen sollten, schauten auf verwackelten Handyfotos in die Gegend. Die Beine von neuen Besitzenden und anderen Pflegestellen auf den Bildern, alles kommentiert und tapeziert mit vielen Emojis und überschwänglicher Freude.
Die Leute erfreuten sich an den neuen Tieren, feierten sich gegenseitig dafür, einen Hund gerettet zu haben. Sara scrollte sich durch die Bilder, versuchte nicht darüber nachzudenken, wie viele Hundeschicksale das waren, wer wirklich bei der neuen Familie blieb, wie die einzelnen Pflegestellen mit den Hunden umgingen, wie ihr Hundeleben vorher ausgesehen hatte. Sie musste sich abgrenzen, wollte sich nur auf das konzentrieren, was sie tun konnte, nicht die ganze Verantwortung für alle Hundewelpen dieser Welt auf sich nehmen.
Der neue Pflegehund würde die Routinen in ihrem Haus wieder verändern; vielleicht blieb er den ganzen Sommer über. Sie hatte jedenfalls nichts gegen die neue Gesellschaft. Auf den Bildern sah er aufgeweckt aus, sei laut Tierschutz nicht problematisch, aber noch jung, das war ein Faktor. Daran musste sie sich immer wieder erinnern, so sehr an ihre Jaghündin Dea gewohnt, die mit ihr auf den gleichen Wellen schwamm, intuitiv und symbiotisch, ihre Bewegungen und Abläufe im Einklang. Hunde waren nicht nur eine gute Begleitung, sie waren zugleich eine gute Ablenkung von sich und den eigenen Schmerzen. Zumindest unterstellte sie das heimlich den Menschen, die ihr am Telefon von ihren Hunden erzählten, als wären die Hunde ein mit kleinen Welpen bedrucktes Trostpflaster.
Das Haus am Wald in dem kleinen Brandenburger Dorf war lange bloß ein Sommerhaus, Rückzugsort vor dem Leben in der Stadt, die sie zwar nicht satthatten, aber die sie beide genug nährte, dass sie sich auch auf dem Land aufhalten konnten. Sara hatte es gemeinsam mit Amber gekauft, von Erbe und Erspartem, denn beide wollten ihren irgendwo am Horizont langsam dämmernden Lebensabend gemeinsam hier verbringen; sie scherzten über ihr Glück, wollten nichts anderes vom Leben als das, was sie hatten. Nicht alle Häuser waren Zweitwohnsitze, aber genug, um die Struktur des kleinen Dorfs zu prägen. Sara und Amber gehörte genug Wald, um sich nie für das Leben hier rechtfertigen zu müssen, aber immer mehr von ihrem Leben fand hier statt und immer mehr von ihrer Arbeit passierte auf dem Land. Sara entschied sich dafür, noch einmal an die Uni zu gehen und Forstwirtschaft zu studieren, sich ganz dem Wald zu widmen, der ihr und Amber nun gehörte. Sara wollte nicht von jemand anderem abhängig sein, zugleich brauchte sie damals eine neue Aufgabe. Nur für ein Eigenjagdrevier war ihr Besitz zu klein, also wurden sie automatisch Teil der Jagdgenossenschaft, eingeordnet und verpachtet.
Auch wenn Sara den Wald so gut kannte wie sonst kein Mensch, die Stelle würde sie heute nicht mehr wiedererkennen. Moosig war es, weich gebettet, weit genug vom Weg entfernt, um von den ohnehin wenigen Spazierenden, die sich hierher verirrten, überrascht zu werden. Die beliebten Pfade waren andernorts, nicht hier. Sie hatten sich nicht viel gedacht, grüßten den immer größer werdenden Ameisenhaufen wie eine alte Freundin. Ihre Aufmerksamkeit war sanft verstreut und in den Blick der anderen verwoben, ihr Verliebtsein pulsierte. Sara erinnerte sich aber an Finger in ihrem Mund und forsches Küssen. Ein Küssen, das sich seinen Weg suchte, als wäre es zu schnell für den eigenen Körper, sich verlieren wollte. Bald schon lag sie auf dem Boden, benetzte Finger im Mund, die sich in ihr versenkten.
„Das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht“, sagte sie, um zu rahmen, dass sie gerade auf dem Waldboden lag, die Arbeitshose geöffnet und die Haare voller Laub. Es roch nach Wald, der Boden war muffig, mehr aus einer oder wenigen Zellen bestehende Lebewesen in einem Löffel voller Erde, als es jemals Menschen auf der Welt gegeben hatte.
„Sei still“, hatte Amber bestimmt, aber zärtlich gesagt. Es war, als grüßte das Moos die beiden, indem es sich aufplusterte und weicher wurde. Ihr Körper wurde immer größer, sie bewegte ihre Hüften rhythmisch, alle Voreingenommenheit floss wie Honig aus ihr heraus. Sie wollte nackt sein, sich dem Moos hingeben, reiche Erde sprechen, sich darin versenken, in den Boden einsinken und wie ein Myzelium die Wurzeln der Bäume abtasten, die sich in ihren Wald vergruben. Sie war ein Pilz, wollte, dass ihre Hyphen sich durch die Erde bewegten und chemisch codierte Nachrichten mit den Bäumen austauschten. Sie wollte den Mikroben lauschen und von ihrer Liebe erzählen, sie wollte mit der Frau verschmelzen, die sich in ihr vergrub, wollte Ewigkeiten aus Momenten locken, die so schnell vorbei waren, dass sie nur noch Erinnerung blieben, schon verdaut.
Aus dem Sommerhaus wurde ihr neues Zuhause, das letzte Haus, das sie gemeinsam bewohnten, bevor sie sich langsam voneinander verabschieden mussten.
Sara wollte nicht mehr an ihrem Handy hängen und legte es zur Seite, die Benachrichtigungen auf laut gestellt, damit sie mitbekam, wenn es ein Update gab. Die Zeit bis zur Ankunft des neuen Mitbewohners nutzte sie, um noch einmal durch alles Wichtige zu gehen: Das frisch ausgewaschene Set aus Wasser- und Futternapf, das sie immer für ihre Pflegehunde nutzte, eine ruhige Ecke mit einer frischen Decke, ein wenig Spielzeug, frisch gekochtes Futter stand im Kühlschrank. Das Wild in der Mischung aus Reis, Gemüse und Fleisch hatte ein Freund von ihr selbst geschossen. Es war aus seinem Wald, unweit von ihrem.
Sara und ihre Jagdhündin Dea dienten schon oft als die sanfte Anlaufstelle nach einem Leben auf der Straße oder einem Leben als austauschbarer Gebrauchshund für die Jagd, der einmal nicht mehr gebraucht, weggeworfen oder vor dem Tod gerettet wurde. Die Geschichten vom Tierschutz von zerschlagenen Schädeln und erhängten Hunden, die um ihr Leben japsten, konnte sie nie bis zu Ende anhören. Die Hunde waren voller Flöhe und Zecken, wenn sie zu ihr kamen, meistens traumatisiert, alle ängstlich nach der langen Reise im Käfig.
Der neue Hund würde es gut bei ihr haben, sagte sie sich immer wieder, erwischte sich dabei, wie sie nervös wurde. Ihre Hündin konnte sie nicht vorwarnen, nicht mit ihr darüber sprechen. Es war nicht der erste Pflegehund, den sie gemeinsam aufnahmen. Im Laufe der Jahre waren immer wieder Hunde aus Spanien und Griechenland zu ihr gekommen, von verschiedenen Tierrettungsvereinen vermittelt, denen sie sich als Interims-Pflegestelle anbot. Ihr Haus lag günstig, kurz vor Berlin, wo die meisten ihrer Pflegehunde dann später landeten, aber so weit draußen, dass die Tiere von hier in Ruhe in ein neues Leben übergehen durften. Die Vorgeschichte war oft nicht klar, aber alle Hunde sollten es jetzt besser haben. Sara bot ihnen einen ersten Anlauf mit einem umzäunten Grundstück, dem die Hunde nicht entlaufen konnten.
„Versprich mir, dass du nicht einsam wirst, hier im Wald“, hatte Amber zu ihr gesagt, als sie zurück zum Haus liefen. „Und wenn du dir nur eine Hündin holst, aber bitte werd mir hier nicht einsam.“
Die trockenen Sommer hatten dem Holz zugesetzt; die Baumkronen wirkten licht. Es gab nicht genug Wasser, um einen Baum einfach zu gießen, wie sie es in der Stadt beobachtete, wenn ein Schild an Stadtbäumen hing, mit einer zaghaften Bitte: Gieß mich. Es gab keine Möglichkeit, dem Wald beim Überleben zu helfen, sie konnte nicht mit einer Gießkanne durch den Wald laufen und den fehlenden Niederschlag ausgleichen.
„Lass das meine Sorge sein“, erwiderte sie und sofort schmerzte es in der Lunge, war nicht nur ihre Sorge, war ihre gemeinsame Sorge. „Du hast recht“, setzte sie hinterher. „Ich versprech’s dir. Ich werde nicht vereinsamen.“
Sie liefen noch oft durch den Wald, gemeinsam, die Hände ineinander gefaltet, so lange, bis Amber nicht mehr laufen konnte, irgendwann nur im Bett lag, selbst den Garten nur aus dem Fenster betrachten konnte. Dea kam als Welpe in ihr Leben, wie zum Versprechen, Abschied und Beginn miteinander verwoben.
Sara kümmerte sich liebevoll und routiniert um die Pflegehunde, legte ihnen zuallererst ein Anti-Flohband um den Hals. Sie bot ihnen Ruhe, wenn sie sie brauchten, und ihre Hündin war eine gute Mitpflegerin, geduldig und offen zeigte sie an, was die Hunde von ihrem zwischenzeitlichen Zuhause erwarten durften. Sie war niemals futterneidisch, gut eingespielt und zeigte den Neuen, wie Gehorsam sich auszahlte – oft mit einem kleinen faserigen Stück gekochtem Wild aus Saras Jackentasche. Wenn die Hunde bereit waren, durften sie mit in den Wald, der hier alles umgab, und durften lernen, dass die Welt in Ordnung war, ein Ort zur Erkundung, durften die Nase in die Erde stecken und an Bäume pinkeln, wo das Wild ihnen Spuren legte, die sie aber für den Anfang nur an der Leine verfolgen durften. Nicht alle Hunde waren traumatisiert, vor allem die jungen Hunde kamen oft in besserer psychischer Verfassung als die älteren, die mehr Zeit hatten, geschlagen und angeschrien zu werden. Die Namen der Hunde, die bei ihr ankamen, bald vergessen. Sie hörten schon bald auf neue Namen, von ihren neuen Familien umgetauft, wie zur Markierung des neuen Lebensabschnitts. Der Trennungsschmerz äußerte sich in einem leisen Fiepsen, der Aufregung und der neuen Menschen geschuldet, aber er tat Sara gut, denn die Abschiede erinnerten sie daran, dass das Leben nur geliehen war.
Seit Monaten verging keine Woche, in der Tom sich nicht mit Mo traf. Sie saßen heute an der Theke der Kneipe, einander zugewandt, die Füße auf dem Hocker des anderen verschränkt wie Organismen in einer Flechte. Der Bierschaum schmeckte bitter, doch Tom wollte den Geschmack auf der Zunge behalten. Die Kneipe lag in der Mitte zwischen den beiden, war nach der Straßenecke benannt, an der sie lag, und hätten sie einen Cocktail bestellt, wäre er so stark gewesen, sie hätten nach der Hälfte schon gelallt. Für heute blieben sie beim Bier.
„Hast du ihm danach noch mal geschrieben?“, fragte Mo.
„Nein, nee, der Tag war danach … war einfach nicht der richtige Tag für so was. Ich kannte ja nicht mal seinen Namen, danach haben wir uns gar nicht gefragt“, sagte Tom und nippte an seinem Bier.
„Und wie geht’s dir damit?“, fragte ihn Mo zärtlich bohrend mit seiner angenehmen Stimme, die in Toms Brust nachvibrierte.
„Momo“, dudelte Tom vor sich hin und versuchte ihn und sich von der unangenehmen Frage abzulenken. Tom wollte lieber trinken und schnacken, auf einem Barhocker hin und her wippen, bitteren Schaum schmecken.
„Deine Arme sehen gut aus.“ Mo ging mit einem Kompliment auf Ablenkung. Tom rollte sich in das Kompliment ein, machte es sich da bequem wie eine Katze, die sich mit der aufgehenden Sonne auf ein Kopfkissen legt.
„Danke, ich gehe jetzt wieder schwimmen“, sagte Tom mit Verunsicherung in der Stimme, nicht kaschiert, aber auch nicht ausgestellt. Mo schwieg einladend, machte Platz für Tom, ließ dem Stressballon die Luft heraus. Das konnte er gut, auch darin war er sehr zärtlich.
„Jedenfalls war ich heute schwimmen. Manchmal sitze ich abends am Schreibtisch und denke, ich müsste was produzieren, dabei ist es die Zeit, in der ich in Bewegung bin, in der so viel in meinem Kopf passiert, dass ich es beim Schreiben nur noch tippen muss.“
„Cool“, sagte Mo und bewegte den Kopf vor und zurück. „Kenne ich zu gut. Das Pflücken von Ideen und Sich-ablenken-Müssen. Manchmal ist es die beste Praxis, sich nicht in die Praxis zu werfen. Ist zumindest mit Musik bei mir so.“
Tom schaute Mo ins Gesicht: Er war so lässig wie sein Spitzname. Mo, der eigentlich Mosuke hießt, mit einem stummen „U“, mit den Spießereltern aus Karlsruhe, der Mo, der so gerne über sich sagte, er sei nur „eine halbe Kartoffel“. Tom wusste nicht, wie jemand so lässig sein konnte. Mo machte verfrickelte, elektronische Musik, mit der er seit seinem ersten Album auf einem kleinen Label mehr und mehr Erfolg hatte. Er konnte auch richtig tanzbar auflegen, aber das war nicht seine Arbeit, wie er sagte, eher ein Nebenschauplatz für seinen immer nach neuer Musik suchenden Geist.
Tom beobachtete die Person hinter dem Tresen bei der Arbeit. Gläser mit Seife auswaschen, Seife in klarem Wasser spülen, abstellen. Hoch, runter, rein, raus, abstellen. Glas auf Metall. Erst dreckig von altem Bier, anderen Fingern, fremden Lippen – dann gereinigt, wie neu, bereit für neues Bier, neue Finger, neue Lippen, die aus dem Glas trinken, bis der Kreislauf von vorne begann. Waren Gläser hier jemals wirklich sauber? Tom ekelte sich vor seinem eigenen Bier.
„Ich fand ihn echt schön, die Augen, wie er sich bewegte, sein Bart, das ist mir auf der Straße sofort aufgefallen. Er hatte so was Leichtes in seinem Gang, so verspielt, aber gleichzeitig geerdet. Du kannst so viel über einen Mann lernen, wenn du dir anschaust, wie er sich durch die Welt bewegt. Ich hätte mir im Vorbeilaufen nicht träumen lassen, dass wir uns auf einer App schreiben und im Bett landen. Das ist doch, wie es sein soll, oder? Das hätte ein Werbespot für ein Datingportal sein können. Hatte fast was Utopisches, einfach so jemanden auf der Straße sehen und ihm danach schreiben. Und wir fluchen die ganze Zeit über Apps, weil sie uns entmenschlichen, und wir beschweren uns darüber, dass alle nur wichsend auf der Couch liegen und sich durchscrollen, bis jemand Geiles auftaucht. Aber so spontan … mir passiert das jedenfalls nicht oft.“
Mo konnte nur nicken, während Tom beim Sprechen nach Luft rang.
„Ich fand seine Wohnung schön, es war angenehm aufgeräumt und roch nach frischer Wäsche. Er hatte schöne Pflanzen bei sich stehen, hatte sogar einen Balkon. Da hat er mir eine Walderdbeere in den Mund gesteckt, die auf seinem Balkon wuchs. Wie süß, oder?“
Mo nickte wieder. Wie süß.
„Aber als wir uns näherkamen, roch er irgendwie … das klingt jetzt komisch, aber er roch einfach nicht kompatibel. Irgendwas in mir hat gestreikt, hat gesagt: Nee, du, lieber nicht. Er hat mir über die Nippel geleckt und ich habe seine Nippel gesehen, die waren so groß und so hart, das hat mir Angst gemacht, richtig Angst, plötzlich wollte ich diese Nippel nicht in meinem Leben haben. Ich fand die Struktur seiner Nippel furchtbar, die Konsistenz, ihre ganze Attitüde, ich wollte die nicht anfassen. Er hatte wunderschöne Achseln, weißt du, was ich meine, schöne Haare, und dieser Bogen, den der Pectoralis major, ist er da?, den er da spannt, sich an dem Arm andockt. Aber als ich dann seine Achseln riechen konnte, rochen die wie Warnung, wie Gefahr und ich hab versucht, das alles zu überspielen, aber ging nicht. Ich konnte einfach nicht mehr ansehen, wie diese aggressiven Nippel, die nichts dafür konnten, aber die mich einfach wütend machten, ich wollte den Typ echt schlagen, von mir runterschmeißen, ihn nie wieder sehen, aber gleichzeitig fand ich ihn so schön und fand ihn echt attraktiv, er hatte ein schönes Profil und sein Schwanz, der hatte die richtige Härte und eine sympathische Wärme und ich wollte, dass er mich fickt, wollte das wirklich und das geht mir mit neuen Menschen selten so, vielleicht wollte ich das ein bisschen zu sehr, war das alles eher in meinem Kopf. Ich wusste nicht, wohin mit mir.“
Mo murrte und legte den Kopf schief wie ein Hund, der ein neues Geräusch hörte. Die Bar kam bei Tom an, als wäre er selbst in Seifenwasser eingetaucht, der Schall abgedämpft. Tom schaute Mo nicht in die Augen, schaute irgendwo auf die Bluejeans, machte eine Stelle im Stoff fest, die er fixierte, rückte mit dem Hocker näher, als wollte er Mo in ein Geheimnis einweihen, das nur die beiden hören durften, hier unter Wasser, beschützt vom Schaum.
„Also habe ich mich auf den Bauch gedreht, damit er mich rimmt, ich wollte einfach seine Zunge in meinem Arsch haben, er küsste so gut, also musste er auch gut lecken, dachte ich mir, das würde mich bestimmt auf bessere Gedanken bringen und ich würde seine Nippel, seine Achseln vergessen, ich wollte doch einfach nur spontanen Sex haben. War das denn zu viel verlangt vom Leben? Und seine Zunge war zuerst warm und feucht und es war schön, wenn dir jemand klarmacht, dass du einen Arsch hast und dass dein Arsch schön ist, weil der so viel fühlen kann, das kann dir echt nur eine andere Person mit ihrer Zunge geben, ich fand es wirklich fast schon spirituell, da waren so viel Nervenenden in mir, so viele Reize, dass ich dachte: ‚Ey, ich bin durch mit der Trauma-Nummer, ich kann jetzt einfach wieder Sex haben.‘ Weißt du, die Lippen und der Anus, die bestehen aus dem gleichen Gewebe, also ist ein Kuss auf den Arsch quasi wie ein Kuss auf die Lippen, und alles, was in dir hohl ist, der ganze Weg von deinem Mund bis zu deinem Arsch, der war immer schon leer. Die Zellen haben sich darum gebildet, die haben diesen Bereich immer freigelassen, die arrangieren sich beim Körper-Werden um diese innere Leere.“
„Das wusste ich nicht“, sagte Mo, hob die Augenbrauen, vom kleinen Exkurs in die Entwicklungsbiologie irritiert.
„Aber dann ging das auch nicht. Meine Stimmung ist komplett gekippt, als ob das nicht sein dürfte, auch wenn ich dachte, ich werde gerade von schwulen Gottheiten auf der Astralebene gerimmt, auch wenn es richtig hot war, hat sich was dazwischengeschoben, was ich da nicht haben wollte. Dann hatte ich das Gefühl, seine Spucke brennt in mir, vielleicht hatte er einfach vorher was Scharfes gegessen oder so, aber ich habe mich so geekelt vor seiner Zunge. Ich fand es richtig schlimm und eklig, die Gottheiten waren weg, das war jetzt nicht mehr Rimmen bis zur Ekstase. Es war einfach nass und feucht und sollte so nicht sein. Ich hab versucht, mir das vorzustellen, wie das aussieht, wie man nur seine Konturen sieht, der Bart, wie seine Zunge aufblitzt. Ich hab mir richtig Kopfporno gemacht, aber ich konnte es nicht überspielen. Als ob seine Körperchemie mit meiner einfach nicht zusammenging, ich war so durch. Ich stand richtig neben mir, komplett dissoziiert. Dann hab ich irgendwann gesagt: ‚Du, ich glaube, das passt für mich nicht.‘“
„Gut so“, sagte Mo bestimmt.
„Und damit ging’s mir eben nicht gut, ich wollte das, weil er echt schön war, die Haut auf seinem Rippenbogen, wenn ich so rede, will ich das gleich als Notiz in mein Handy schreiben, daraus könnte ein Gedicht werden, weißt du? Ich war so präsent, jede Zelle in meinem Körper atmete mit mir. Aber ich wusste auch, dass ich da wegmusste, damit es mir gutgeht. Ich musste weg. Also hab ich mich angezogen, bin sofort nach Hause gegangen, voll im Stechschritt. Daheim musste ich mich sofort duschen. Richtig lange. Ich hätte mir fast einen Einlauf gemacht, aber einfach gut den Arsch waschen hat schon geholfen.“
„O Mann, das klingt nach viel.“
„Weißt du, ich weiß, was das ist, das Getriggert-Sein, ich weiß, was dahintersteht, aber ich will es nicht, ich will das einfach nicht mehr spüren müssen, weil ich weiß, wie es geht und wie ich es überwinde, aber da ist der Schmerz und der türmt sich auf wie ein Tsunami und ich muss da durch, aber will es nicht, will das einfach nicht spüren, dabei sollte ich es doch besser wissen.“
„Hast du darüber in der Therapie gesprochen?“
„Die Therapie war kurz davor. Ich seh sie nicht mehr bis Ende des Sommers. Aber wir haben in der Vergangenheit darüber gesprochen. Sie würde das gut finden, dass ich mich abgrenze. Sie würde sagen: ‚Machen Sie, was gut für Sie ist. Reduzieren Sie den Input.‘“
„Das ist doch gut“, sagte Mo, langsam überfordert.
