Frühstück mit Seneca - David Fideler - E-Book

Frühstück mit Seneca E-Book

David Fideler

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Beschreibung

Der Stoizismus, die einflussreichste Philosophie des Römischen Reiches, bietet erfrischend moderne Wege, um unseren Charakter angesichts einer unberechenbaren Welt zu stärken. Lucius Annaeus Seneca, Philosoph, Staatsmann und Erzieher Neros, gilt als einer der wichtigsten Autoren des Stoizismus. Er lehrt uns in den Briefen an Lucilius, wie man mit Widrigkeiten umgeht, Trauer, Angst und Wut überwindet, Rückschläge in Wachstumschancen verwandelt und die wahre Natur der Freundschaft erkennt. Das Buch ist nicht nur eine leicht zugängliche Einführung in Senecas Werk und in die stoische Praxis und Philosophie im Allgemeinen, sondern zeigt: Obwohl Seneca vor zweitausend Jahren lebte, spricht er uns heute unmittelbar an und lädt uns ein, über die Herausforderungen des Lebens zu diskutieren.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2022

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DAVID FIDELER

FRÜHSTÜCK MIT SENECA

EIN PHILOSOPHISCHER LEITFADEN FÜR EIN GLÜCKLICHES LEBEN

FRÜHSTÜCK MIT SENECA

EIN PHILOSOPHISCHER LEITFADEN FÜR EIN GLÜCKLICHES LEBEN

DAVID FIDELER

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

1. Auflage 2022

© 2022 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Copyright der Originalausgabe © 2022 by David Fideler. All Rights Reserved.

Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Breakfast with Seneca. A Stoic Guide to the Art of Living bei W.W. Norton & Company, Inc., 500 Fifth Avenue, New York, NY 10110.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Silvia Kinkel

Redaktion: Silke Panten

Korrektorat: Silvia Kinkel

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Autorenfoto S. 292: © Cat Norman

Umschlagabbildung: Shutterstock.com/Oleksandr Briagin; istockphoto.com/Ksenija Purpisa

Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-602-3

ISBN E-Book (PDF) 978-3-98609-139-2

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-140-8

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für meinen Sohn Benjamin –ein bisschen Weisheit zum Hineinwachsen.

Ich arbeite im Interesse der Nachwelt. Für sie zeichne ich manches auf, was ihr zugutekommen kann.

Seneca Briefe an Lucilius 8.2

Inhalt

VORWORT

EINLEITUNGEin wahrhaft lebenswertes Leben

KAPITEL 1Die verlorene Kunst der Freundschaft

KAPITEL 2Die Zeit wertschätzen: Schieben Sie das Leben nicht auf

KAPITEL 3Besorgnis und Angst überwinden

KAPITEL 4Das Problem mit der Wut

KAPITEL 5Wohin du auch gehst, du bleibst du selbst: Du kannst dir nicht entfliehen

KAPITEL 6Wie man Widrigkeiten zähmt

KAPITEL 7Warum Sie sich nie beklagen sollten

KAPITEL 8Der Kampf mit dem Schicksal: Sich bei Armut und extremem Reichtum bewähren

KAPITEL 9Niederträchtige Menschenmengen und was sie zusammenhält

KAPITEL 10Authentisch bleiben und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten

KAPITEL 11Ungeachtet des Todes in vollen Zügen leben

KAPITEL 12Der Trauer Raum geben

KAPITEL 13Liebe und Dankbarkeit

KAPITEL 14Freiheit, Gelassenheit und dauerhafte Freude

DANKSAGUNG

PRAKTISCHE ÜBUNGEN DER STOIKER

BIBLIOGRAFIE

ÜBER DEN AUTOR

ANMERKUNGEN

VORWORT

Meine Beziehung zu Seneca und seinen Schriften änderte sich in jenem Moment, als mein Leben von einer Krise erschüttert wurde. Ich saß in meinem Büro und hatte gerade eine E-Mail von einer lieben Freundin erhalten. Gespannt öffnete ich sie, erwartete, etwas Erfreuliches vorzufinden. Aber der Text schrie mir förmlich entgegen. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte sie geschrieben: »Ich habe gerade eine halbe Packung Beruhigungsmittel geschluckt. Ich bedaure den Schmerz, den ich dir in deinem Leben verursacht habe.«

Das war die ganze Nachricht. Mich fröstelte und ungläubig las ich den Text ein zweites Mal. Dann, mit einem Gefühl unbeschreiblicher Trauer, eilte ich zu meinem Wagen, fuhr zu ihrer Adresse und brachte sie in die Notaufnahme. Sie blieb ein paar Tage im Krankenhaus, dann wurde sie in eine psychiatrische Klinik überstellt. Sobald sie dort war, flehte sie mich an, sie dort herauszuholen. Das war der Anfang ihres Martyriums und ich war praktisch die einzige Person, die ihr helfen konnte.

Natürlich war es auch für mich ein Martyrium. Wir hatten uns einst geliebt. Und es fühlte sich buchstäblich an, als wäre der Boden unter mir weggebrochen. Sie hätte sterben können. Zum Glück tat sie das nicht. Aber für mich waren die heftigen Gefühle und die Verzweiflung, die ich spürte, überwältigend. Es fühlte sich an, als würde auch mein Leben enden: nicht physisch, aber emotional.

Glücklicherweise hatte ich einen guten Freund, der mich einmal in der Woche besuchte. Eine Zeit lang ging ich zu einem Therapeuten. Aber am meisten half mir, dass ich anfing, täglich die Schriften und Briefe von Lucius Annaeus Seneca (ca. 4 v. Chr.–65 n. Chr.) zu lesen, um mein mentales und emotionales Gleichgewicht wiederzuerlangen. Vor dieser Krise hatte ich lediglich Interesse an den Schriften von Seneca, danach wurden seine Worte für mich zu Medizin.

Möglicherweise ist es kein Zufall, dass einige von Senecas berühmtesten Schriften lange Botschaften des Trostes sind, geschrieben an besondere Freunde, darüber, wie sie ihre Erfahrungen von Trauer überwinden können. Bei mir jedenfalls hat es funktioniert. Mit der Zeit half mir Senecas kluge und ruhige Stimme, das Gefühl zurückzuerlangen, ein normales menschliches Wesen zu sein. Das brachte mich auch in Kontakt mit einem tiefgründigen Denker, der eine sehr viel tiefere und befriedigendere Vorstellung vom menschlichen Leben besaß als die, zu der uns die heutige Gesellschaft ermutigt. Ich hatte einen klugen Mentor und Begleiter gefunden, der mir einen steten Strom verlässlichen und praktischen Rates spendete: über die menschliche Befindlichkeit, die Psychologie des Menschen und darüber, wie man ein glückliches, gedeihliches Leben führt.

Außerdem entdeckte ich in Senecas Schriften, dass sich im Laufe der letzten 2000 Jahre nichts Wesentliches an der menschlichen Natur verändert hat, wodurch alles, was er sagt, zeitgemäß ist. Eitelkeit, Gier, Ehrgeiz, Streben nach Luxus und ausufernder Konsum – Eigenschaften von Roms elitärer, dekadenter Gesellschaft, die Seneca detailliert beschreibt – sind uns auch heute noch zu eigen. Aber indem Seneca diesen negativen Eigenschaften entgegentritt, lehrt er den Leser, wie man Furcht und Angst überwindet, wie man unter jeglichen Bedingungen ein gutes Leben führt, wie man zielgerichtet lebt, Spitzenleistung erbringt und kultiviert, wie man einen Beitrag zur Gesellschaft leistet und wie man Trauer und alle Arten von Hindernissen überwindet, die den Weg kreuzen können (und das mit Sicherheit auch tun werden).

Nachdem ich Seneca zum ersten Mal gelesen hatte, kehrte ich wieder und wieder zu seinen Texten zurück. Es gibt immer etwas, an das man erinnert werden muss oder das noch eingehender zu verstehen ist. Und es gibt noch eine andere Dimension bei Senecas Texten: Er hat einen der besten literarischen Stile aller Zeiten, ummantelt seine Gedanken mit prägnanten, epigrammatischen Zeilen wie: »Nicht weil sie [die Ziele] schwierig sind, wagen wir uns nicht an sie heran, sondern weil wir uns nicht an sie heranwagen, sind sie schwierig.«1 Ralph Waldo Emerson liebte es ebenfalls, Seneca zu lesen und imitierte sogar dessen Stil.

Anfangs las ich Seneca morgens nach dem Aufstehen, zu meinem Morgenkaffee. Dann, vor mehr als zehn Jahren, zog ich in die wunderschöne Stadt Sarajevo im Herzen von Bosnien-Herzegowina, wo ich nun mit meiner Frau und meinem Sohn lebe. Natürlich nahm ich Seneca mit auf dieses Abenteuer, und sobald ich mich hier niedergelassen hatte, entwickelte ich eine neue Gewohnheit. Nachdem ich vormittags gearbeitet hatte, spazierte ich den Hügel hinunter und las Seneca während des Mittagessens, direkt neben ein paar antiken römischen Inschriften, die im örtlichen Museum zu sehen waren.

Mittlerweile gehe ich, wann immer es mir möglich ist, zu einem Frühstück mit Seneca – daher der Titel dieses Buches. Ein für mich perfekter Tagesbeginn verläuft daher folgendermaßen: Nachdem ich meinen Sohn zur Schule gebracht und im örtlichen Fitnesscenter trainiert habe, setze ich mich an einen Tisch im Hotel Central, einem wunderschönen Gebäude aus der Österreichisch-Ungarischen Epoche. Dort hole ich meinen E-Book-Reader mit Senecas sämtlichen Briefen und anderen Schriften hervor und bestelle einen Filterkaffee mit Milch und ein Omelett. Das ist mein Lieblingsmorgenritual. Niemand ahnt, was ich da lese, ganz davon zu schweigen, dass ich fast immer denselben Autor lese. In der Regel schaffe ich einen oder zwei Briefe, bevor ich wieder nach Hause gehe.

Seneca betont, wie Philosophie und Freundschaft zusammenhängen. Wie er schrieb: »Dies verspricht die Philosophie als Erstes: Gemeinschaftssinn, Menschenfreundlichkeit und geselliges Zusammenleben.«2 Weil Senecas Hauptwerke Briefe und Essays an verschiedene römische Freunde sind, geschrieben in einem persönlichen und unterhaltsamen Stil, durchzieht der Geist von Freundschaft seine Texte.

Seneca glaubte, dass die wahre Philosophie ein gemeinschaftliches Unterfangen sei – etwas, das wir nicht allein tun, sondern eine Reise, die wir gemeinsam mit anderen unternehmen. In erster Linie schrieb er deshalb Briefe. Aber seine Ideen gehen zurück bis zu Sokrates, für den Philosophie und Dialog eine gemeinsame Reise waren, eine Zusammenarbeit von Freunden.

Natürlich spreche ich nicht davon, was Philosophie in der heutigen akademischen Welt bedeutet, nämlich etwas völlig anderes. Aber die Philosophie in der Antike war eng verbunden mit Freundschaft (siehe Kapitel 1 »Die verlorene Kunst der Freundschaft«). Wenn es möglich wäre, diese Verbindung heutzutage wieder herzustellen, so wäre das eine erfreuliche Entwicklung.

Wegen der Details aus seinem Privatleben, die Seneca in einigen seiner Briefe mitteilt, fällt es dem Leser von heute leicht, Freundschaft für Seneca zu empfinden. Obwohl die in seinen letzten zwei oder drei Lebensjahren entstandenen Briefe der praktischen Philosophie gewidmet sind, hat Seneca seinem Freund Lucilius darin viele private Details anvertraut: wie es ist, alt zu sein, Details über seine Reisen und andere Ärgernisse, wie er beinahe bei einem Asthmaanfall gestorben wäre, und Erzählungen über das verrückte Verhalten der römischen Gesellschaft. (Seneca, der sich inmitten der wohlhabendsten und mächtigsten Menschen Roms bewegte, war einer der Hauptberater Neros, deshalb hatte er jede Art schlechten Verhaltens unmittelbar vor Augen, einschließlich politischer Attentate.)

Obwohl heutzutage starkes Interesse am Stoizismus vorherrscht, hat niemand ein Buch geschrieben, das Senecas Lehren für den Durchschnittsleser erklärt, dabei wird Seneca als »der fesselndste und eleganteste Autor des Stoizismus« bezeichnet.3 Ich hoffe, dieses Buch wird die Lücke füllen und aus der Vogelperspektive eine Betrachtung seines Denkens liefern. (Seneca ist in seinem Denken sehr konsequent, aber seine Gedanken zu konkreten Themen sind über Hunderte von Seiten verteilt.)

Dieses Buch stillt möglicherweise die Neugierde einiger Leser auf Seneca. Aber für diejenigen, die anschließend fortfahren möchten mit Senecas Schriften, oder um ihr eigenes Frühstück mit Seneca abzuhalten, möge dieser Ratgeber als hilfreicher Begleiter bei diesem Unterfangen dienen.

David Fideler

Einleitung

Ein wahrhaft lebenswertes Leben

Seneca (ca. 4 v. Chr.–65 n. Chr.) war einer der großartigsten und gelehrtesten Schriftsteller seiner Zeit. Als bedauernswerter Ratgeber des unseligen Imperators Nero wurde er auch einer der weltweit reichsten Männer. Aber dass sich heute so viele Menschen für Seneca interessieren, hat einen anderen Grund: Er schrieb über den Stoizismus, der in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erlangt hat.

Die Schule der Stoiker entstand zwar bereits etwa 300 Jahre vor Senecas Geburt in Athen, aber die Schriften der griechischen Stoiker gingen größtenteils verloren. Sie überlebten lediglich in kurzen Zitaten oder Fragmenten. Dadurch wurde Seneca zum ersten großen Schriftsteller des Stoizismus, dessen philosophische Arbeiten uns nahezu vollständig erhalten blieben. Er hatte einen der bestinformierten und neugierigsten Köpfe seiner Zeit und zeigte eine gewagte intellektuelle Freiheit und Offenheit in seinen Schriften. Genau durch diese Eigenschaften wirkt er so modern.

In diesem Buch erkläre ich so klar wie möglich Senecas zentrale Ideen und klugen Lehren. Es ist gleichzeitig eine Einführung in den Stoizismus im Allgemeinen, denn es ist unmöglich, Senecas Denken vollständig zu verstehen, ohne die Ideen des Stoizismus zu kennen, auf denen sein Denken basiert. Um Senecas Ideen näher zu erläutern und zu vertiefen, zitiere ich auch zwei spätere römische Stoiker: Epiktet (ca. 50–135 n. Chr.) und Mark Aurel (121–180 n. Chr.).

Philosophie als Lebenskunst: Stoizismus und seine anhaltende Attraktivität

Bedenke jetzt weiter, dass der Geist sich daran gewöhnt, sich eher angenehm zu unterhalten, als zu heilen.

Seneca, Briefe an Lucilius 117.33

Bevor wir anfangen, den Stoizismus zu erforschen, möchte ich ein verbreitetes Missverständnis aufklären. Stoizismus hat nichts damit zu tun, »sich unnahbar zu zeigen« oder »seine Gefühle in sich hineinzufressen«, was ungesund ist, wie jeder weiß. Seneca war zwar Stoiker, es ist jedoch wichtig, zu erkennen, dass sich die Bedeutung von stoisch im Laufe der Jahrhunderte grundlegend verändert hat: Das heutige Wort stoisch – mit kleinem s – ist losgelöst vom Stoizismus – mit großem S – der Antike. Während das moderne Wort stoisch bedeutet, »seine Gefühle zu unterdrücken«, haben die Stoiker der Antike nichts dergleichen befürwortet. Wie alle anderen hatten auch die Stoiker kein Problem mit alltäglichen, gesunden Gefühlen wie Liebe und Zuneigung. Wie der Philosoph Epiktet schrieb, sollten die Stoiker »nicht gefühllos wie eine Statue« sein. Vielmehr sollten die Stoiker eine »Therapie für die Leidenschaften« entwickeln, um extreme, heftige und negative Emotionen zu vermeiden, die die Persönlichkeit überwältigen können, so wie Wut, Furcht und Angst. Doch statt diese negativen Emotionen zu unterdrücken, war es vielmehr ihr Ziel, sie durch Verstehen zu verändern.

Einige wichtige Ideen des Stoizismus gehen zurück auf den griechischen Philosophen Sokrates (ca. 470–399 v. Chr.), von dem die berühmte Aussage stammt: »Das ungeprüfte Leben ist nicht lebenswert.« Anders ausgedrückt: »Kenne dich selbst«, denn Selbsterkenntnis ist wichtig für ein glückliches Leben. Sokrates wies zudem darauf hin, dass vergleichbar mit Leibesübungen, die gedacht sind, um unseren Körper gesund zu halten, es auch eine Methode geben muss, die dafür sorgt, dass unsere Seele gesund bleibt. Obwohl Sokrates dieser »Methode« nie einen Namen gab, steckt die unausgesprochene Folgerung darin, dass die Aufgabe der Philosophie und des Philosophen in der »Fürsorge für die Seele« besteht.4

Diese beiden Ideen – dass Wissen entscheidend ist, um glücklich zu sein und um ein gutes Leben zu führen, und dass die Philosophie eine Art Therapie für die Seele ist – waren wesentliche Grundlagen, auf denen der Stoizismus basierte. Als Schule entstand der Stoizismus etwa 300 v. Chr. in Athen, wo der Philosoph Zenon von Kition (ca. 334 – ca. 262 v. Chr.) in der bunten Säulenhalle, der Stoa Poikilẽ, unterrichtete – von daher der Name dieser philosophischen Schule.5

Wie auch andere Philosophen dieser Zeit beschäftigten sich die Stoiker intensiv mit der Frage: Was ist nötig, um ein bestmögliches Leben zu führen? Wenn die Menschen darauf eine Antwort fanden, davon waren die Stoiker überzeugt, dann könnten sie aufblühen und ein glückliches, besinnliches Leben führen, selbst wenn die Welt verrückt und außer Kontrolle zu sein scheint. Das machte den Stoizismus zu einer äußerst praktischen Philosophie und erklärt auch die heutige Begeisterung dafür, denn unsere heutige Zeit erscheint den Menschen auf so vielen Ebenen verrückt und außer Kontrolle: sei es gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich oder ökologisch.

Auch wenn die Welt außer Kontrolle schien, lehrten die Stoiker, dass wir ein sinnvolles, produktives und glückliches Leben führen können. Darüber hinaus kann unser Leben sogar in ungünstigen Situationen immer noch beschaulich und durch psychische Ausgeglichenheit geprägt bleiben. Es ist diese starke Betonung darauf, ein gutes, sinnvolles und beschauliches Leben zu führen, das den römischen Stoizismus als philosophische Schule so beliebt machte zu den Zeiten von Seneca, Epiktet und Mark Aurel, und es ist auch das, was den Stoizismus heutzutage so populär macht, in Zeiten, die nicht weniger stressig sind.

Diese Betonung darauf, ein gutes Leben zu führen, unterscheidet den Stoizismus auch von der modernen akademischen Philosophie, die aufgehört hat, sich mit praktischen menschlichen Belangen zu beschäftigen, zugunsten abstrakter, theoretischer Probleme, die für die Menschen außerhalb des philosophischen Elfenbeinturms bedeutungslos sind. Aber wie der antike Philosoph Epikur (340–270 v. Chr.) betonte:

Leer ist die Rede jenes Philosophen, durch die kein menschliches Leiden geheilt wird. Denn wie eine Heilkunst nichts taugt, wenn sie nicht die Krankheiten aus dem Körper vertreibt, so nützt auch eine Philosophie nichts, wenn sie nicht das Leiden der Seele austreibt.6

Ebenso sahen die Stoiker die Philosophie als einen Weg des Heilens von »Seelenleiden«. Sie sahen darin eine Ähnlichkeit zur »medizinischen Kunst« und bezeichneten den Philosophen sogar als »Arzt für die Seele«. Die Stoiker nannten die Philosophie auch »Lebenskunst«, und Seneca sagte über seine eigenen Lehren, sie seien wie »nützliche Heilmittel«. Er empfand diese Heilmittel als hilfreich beim Behandeln seiner eigenen Befindlichkeiten und wollte sie mit anderen teilen, einschließlich zukünftigen Generationen.7

Acht zentrale Lehren des römischen Stoizismus

Wie Sie vielleicht vermuten, hatten die Stoiker zu vielen Themen unterschiedliche Vorstellungen. Dennoch gibt es etliche Kernpunkte, bei denen sich alle römischen Stoiker einig waren. Das machte sie zu Stoikern statt zu Anhängern einer anderen philosophischen Schule. Diese grundlegenden Ideen des Stoizismus werden auch in den Arbeiten Senecas reflektiert, und die meisten davon gehen zurück auf die frühesten griechischen Stoiker.

Wir werden uns in den folgenden Kapiteln eingehender mit diesen acht Kernideen des Stoizismus beschäftigen, es lohnt jedoch, sie an dieser Stelle kurz anzusprechen, um einen kleinen Vorgeschmack auf das zu geben, was folgt. (Sollten Sie sich also lieber später damit beschäftigen wollen, können Sie den nächsten Abschnitt dieser Einleitung auch gern überspringen.)

1

»Lebe im Einklang mit der Natur«, um glücklich zu sein.

Wie viele Denker vor und nach ihnen, so glaubten auch die Stoiker, dass in der Natur Rationalität existiert. Beweise dafür sehen wir in den Mustern, Prozessen und Gesetzen der Natur, die es den Naturformen erlauben, auf hervorragende Art zu arbeiten. Weil die menschlichen Wesen Teil der Natur sind, besitzen auch wir die Fähigkeit, rational und herausragend zu sein. Laut Zenon von Kition, dem Gründer des Stoizismus, wird unser Leben »reibungslos fließen«, wenn wir »im Einklang mit der Natur leben«. (Natürlich kann man sich nur schwer vorstellen, wie man glücklich leben soll, wenn man ständig gegen die Natur kämpft.) Mit der Natur im Einklang zu leben hatte für die Stoiker verschiedene Bedeutungen, eine der zentralen, wichtigsten Bedeutungen bestand jedoch darin, dass wir als menschliche Wesen danach streben sollten, unsere menschliche Rationalität und Exzellenz zu entwickeln.

2

Tugend, oder Exzellenz des Charakters, ist das einzig wahre Gut.

Diese Aussage hat mehrere Dimensionen, ich möchte an dieser Stelle aber nur eine erwähnen: Wenn es Ihnen an Tugend fehlt, werden Sie auch nicht in der Lage sein, etwas anderes auf tugendhafte Weise zu nutzen, sei es zum eigenen Wohl oder dem anderer.

Zum Beispiel betrachteten die Stoiker Geld nicht als ein Gut an sich, da es zwar für Gutes, aber auch für Schlechtes genutzt werden kann. Wenn Sie über Weisheit und Bescheidenheit verfügen, was beides Tugenden sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie Geld auf gute Weise nutzen können. Aber wenn jemand, dem es an Weisheit und Bescheidenheit mangelt, an einem Wochenende ein ganzes Monatsgehalt für Drogen und andere Laster ausgibt, würden nur wenige das als gut oder gesund ansehen – oder auch als gute Weise, Geld zu nutzen. Wie Seneca schrieb, ist »sittliche Vollkommenheit« oder Vorzüglichkeit des Charakters »selbst das einzig wahre Gut, weil ohne sie nichts anderes Gutes existiert«.8

Was eine Tugend wie Gerechtigkeit oder Fairness wahrhaft gut macht, ist, dass sie immer und beständig gut ist. Im Gegensatz dazu können andere Dinge in gutem oder schlechtem Sinne verwendet werden.

3

Manche Dinge sind uns überlassen oder unterliegen gänzlich unserer Kontrolle, andere dagegen nicht.

Für die Stoiker sind die einzigen Dinge, die vollständig unserer Kontrolle unterliegen, unsere Urteilskraft, Meinung und Entscheidungsfähigkeit, unser Wille und wie wir die Dinge interpretieren, die wir erleben.

Um emotionales Leiden zu verringern, muss sich eine Person auf das konzentrieren, was ihrer Kontrolle unterliegt, und gleichzeitig weiterhin versuchen, für sich selbst und andere ein besseres Leben und eine bessere Welt zu erschaffen. (Damit werden wir in Kapitel 6 »Wie man Widrigkeiten zähmt« und Kapitel 8 »Der Kampf mit dem Schicksal: Sich bei Armut und extremem Reichtum bewähren« eingehend beschäftigen.)

4

Wir können zwar nicht kontrollieren, was uns draußen in der Welt widerfährt, aber wir können unsere Beurteilungen kontrollieren und wie wir auf die Ereignisse des Lebens reagieren.

Das ist höchst bedeutsam für die Stoiker, denn extreme, negative Emotionen entspringen Fehlbeurteilungen oder irrtümlichen Meinungen. Aber wenn wir die fehlerhaften Interpretationen verstehen und korrigieren, indem wir die Dinge anders betrachten, können wir auch die negativen Emotionen loswerden (siehe Kapitel 3 »Besorgnis und Angst überwinden« und Kapitel 4 »Das Problem mit der Wut«).

5

Wenn etwas Negatives passiert oder wenn wir vom Pech verfolgt sind, sollten wir uns darüber nicht wundern, sondern es als Chance ansehen, eine bessere Situation zu schaffen.

Für die Stoiker ist jede Herausforderung oder jede Widrigkeit, der wir begegnen, eine Gelegenheit, unseren inneren Charakter zu testen und weiterzuentwickeln. Zu glauben, dass uns niemals Unglücke ereilen, ist realitätsfern. Stattdessen sollten wir auf unserem Lebensweg aktiv mit gelegentlichen Unebenheiten rechnen, die manchmal auch größer ausfallen können (siehe Kapitel 6 »Wie man Widrigkeiten zähmt«).

6

Tugend oder einen ausgezeichneten Charakter zu besitzen, ist an sich schon eine Belohnung. Aber dies resultiert in eudaimonia oder »Glück«. Dies ist ein Zustand geistiger Gelassenheit und innerer Freude.

Eudaimonia wird unterschiedlich übersetzt mit »Glückseligkeit«, »menschliches Wohlbefinden«, »von einem guten Geist beseelt« und »die bestmögliche Einstellung haben«. Aber für die Stoiker ist vermutlich »ein wirklich lebenswertes Leben« die zutreffendste Übersetzung (siehe Kapitel 14 »Freiheit, Gelassenheit und dauerhafte Freude«).

In einem ihrer berühmten »Paradoxe« oder paradoxen Sprichwörter sagten die Stoiker, dass eine vollkommen weise Person, ein stoischer Weiser, sogar dann eudaimonia besitzen würde, wenn er auf der Folterbank gequält wird. Im modernden Verständnis des Wortes »glücklich« können wir einen Menschen wohl kaum so bezeichnen, wenn er gerade gefoltert wird, wir könnten uns aber vorstellen, dass er ein wirklich lebenswertes Leben lebt, vor allem, wenn er gefoltert wird, weil er sich gegen einen bösen Tyrannen auflehnt.9 Auf ähnliche Weise haben viele heldenhafte Menschen ihr Leben im Kampf für das Gute gelassen, um der Gesellschaft zu nutzen. Anders ausgedrückt kann das Leben des bestmöglichen Lebens mitunter Schmerz beinhalten.

7

Wahre Philosophie bedeutet »Fortschritte zu machen«.

Philosophie beinhaltet kritisches Denken, intellektuelle Analyse und den Versuch, die Welt wissenschaftlich zu verstehen. Aber für die Stoiker ist Ethik, die eine praktische Dimension aufweist, letztlich die wichtigste Dimension der Philosophie. Die römischen Stoiker sehen die wahre Philosophie als eine Art Weg, auf dem man Fortschritte in Richtung Tugend erzielt oder einen besseren Charakter entwickelt (siehe Kapitel 1 »Die verlorene Kunst der Freundschaft«).

8

Es ist unerlässlich, dass wir als Individuen zur Gesellschaft beitragen.

Die Stoiker waren die prosozialsten Philosophen der Antike. Sie lehrten, dass die Menschheit ein einziger Organismus ist und dass wir, als Teile dieses Organismus, zum Wohl der Gesellschaft als Ganzes beitragen müssen (siehe Kapitel 10 »Authentisch bleiben und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten«). Bezeichnenderweise waren die Stoiker nicht nur an der Verbesserung ihres eigenen Lebens interessiert. Sie interessierten sich für die Verbesserung des Lebens der gesamten Menschheit.10

Senecas Leben und die Umwandlung von Widrigkeiten

Dies ist ein Buch über Senecas Ideen und nicht über sein Leben. Natürlich hängt jedoch beides zusammen, deshalb sind ein paar Details angebracht. (Denjenigen, die mehr über Senecas Leben erfahren möchten, empfehle ich die ausgezeichnete Biografie von Emily Wilson.)11

Seneca wurde etwa 4 v. Chr. im heutigen Córdoba, Spanien, in eine wohlhabende, dem Stand der Equites, der römischen Ritter, angehörende Familie geboren. Sein Vater, Seneca der Ältere (54 v. Chr.–39 n. Chr.), war Lehrer für Rhetorik und Redekunst. Ein ausgezeichneter Redner zu sein, war schon im Römischen Reich für eine erfolgreiche Karriere eine unverzichtbare Fähigkeit, und Senecas Familie zeichnete sich darin aus.

Über Senecas Kindheit ist nur wenig bekannt. Aber als er fünf Jahre alt war oder nur wenig älter brachte sein Vater ihn nach Rom. Als Heranwachsender studierte Seneca dort bei verschiedenen Lehrern, einschließlich mehreren Philosophen. Leider litt er von Kindheit an unter einer chronischen Erkrankung, vermutlich eine Kombination aus Asthma und Tuberkulose. Als er etwa 25 Jahre alt war, reiste er zu seiner Tante nach Alexandria in Ägypten, in dem Versuch, die Krankheit zu bezwingen, die möglicherweise durch sein Leben in Rom schlimmer geworden war. Überraschenderweise blieb er zehn Jahre in Ägypten und kehrte erst mit etwa 35 Jahren wieder zurück nach Rom. Zu Senecas Glück verfügte die Tante über politische Beziehungen und dank ihres Einflusses konnte er dem römischen Senat beitreten, als Rom unter der Herrschaft von Caligula stand.

Im vorherigen Jahrhundert war Rom eine Republik gewesen. Aber mit dem Aufheben der Republik besaß der neu geschaffene römische Kaiser in jeder Hinsicht die absolute Macht. Das führte zu schrecklichem Missbrauch ebendieser. Die Regierungszeiten von Caligula (12–41 n. Chr.), Claudius (10 v. Chr.–54 n. Chr.) und Nero (37–68 n. Chr.), unter denen Seneca lebte, waren unvorstellbar korrupt und voller Beispiele für Mord, Vergiftungen, Attentate, sexuelle Untreue (einschließlich Berichten von Inzest), die Verbannung unschuldiger Menschen aus Rom, brutale Folter und andere schreckliche Taten, von denen viele aus einer Laune heraus geschahen. Es war wie eine Seifenoper fürs Fernsehen, die fürchterlich danebengegangen war, aber mit tödlichen Konsequenzen im echten Leben.

Als Senator unter Caligula begann Seneca, ein großes persönliches Vermögen anzuhäufen, was er bis zu seinem Lebensende fortsetzte. Diese finanziellen Belohnungen waren jedoch zweifelhafte Segen, denn als Seneca bis zur Spitze von gesellschaftlichem Status und Macht aufstieg, wurde sein Leben auch zunehmend gefährlicher.

Auf der Höhe seiner beruflichen Laufbahn, unter Kaiser Nero, schien es tatsächlich so, als würde Seneca das Römische Reich regieren – mit der Hilfe von Burrus, dem Prätorianerpräfekten. Nero war nicht mehr als ein Teenager, gerade mal 16 Jahre alt, als er Kaiser wurde. Es mangelte ihm an Erfahrung, um das weltgrößte Imperium zu regieren. Während der ersten fünf Jahre seiner Regentschaft leitete Seneca ihn an, und es lief gut für die beiden Männer und das gesamte Römische Reich. Seneca war gewählter Konsul, das höchste politische Amt, das man in Rom innehaben konnte. Aber nach diesen friedlichen fünf Jahren übernahm Nero die vollständige Kontrolle und legte eine ausgeprägte Mordlust an den Tag. Als Seneca als alter Mann seine Briefe schrieb, wusste er, dass sein Leben durch Nero in Gefahr war, der die Angewohnheit pflegte, Menschen zu töten, die er nicht mehr mochte. Aus diesem Grund versuchte Seneca zweimal – jedoch erfolglos –, sich von Nero zu lösen.

Als Seneca etwa 43 Jahre alt war, begannen seine Probleme bereits unter Caligula, der ihn einmal hinrichten lassen wollte aus reiner Eifersucht, weil Senecas Rede vor dem Senat seine eigene an Eloquenz überschattete. Zum Glück redete eine von Caligulas Mätressen ihm aus, Seneca töten zu lassen, weil Seneca krank war und sie dachte, er würde sowieso bald sterben.

Später, als Seneca 45 Jahre alt war, verbannte Kaiser Claudius ihn aufgrund fingierter Anschuldigungen für acht Jahre auf die Insel Korsika und beschlagnahmte die Hälfte von Senecas Vermögen. Das Exil, das auch die völlige Trennung von seiner Frau bedeutete, ereignete sich nur wenige Wochen, nachdem Senecas einziger Sohn noch im Kindesalter gestorben war.

Nachdem er acht Jahre auf Korsika verbracht hatte, wo er sehr viel geschrieben hat (weil es dort sonst nichts zu tun gab), wurde Seneca schließlich nach Rom zurückgerufen, aber nur unter der Bedingung, dass er zum Tutor des jungen Nero wurde, der damals gerade einmal elf Jahre alt war.

Trotz Senecas Bemühungen, Nero dabei zu helfen, einen guten Charakter zu entwickeln, scheiterte er mit diesem Projekt völlig. Nero hegte nicht das geringste Interesse für Philosophie oder Ethik. Er war eine Ausgeburt an Selbstsucht und gierte nach Macht auf Kosten anderer, was ihn zu einem monströsen Tyrannen machte. Am Ende hatte Nero viele aus seinem direkten Umfeld töten lassen, einschließlich seiner eigenen Mutter, seinem Bruder und seiner Frau (die er im Vergleich zu seiner Mätresse langweilig fand). Schließlich verurteilte er nach einer gescheiterten Verschwörung, ihn der Macht zu entheben, auch Seneca zum Tod, als dieser 69 Jahre alt war. In dieser Mordserie verloren viele weitere Menschen ihr Leben, einschließlich Senecas beider Brüder und seines Neffen.

Aber trotz der enormen Hürden, die heutzutage viele Menschen psychisch zerstören würden, half Senecas Philosophie ihm, die schweren Zeiten zu überstehen und die Widrigkeiten in etwas Positives zu verwandeln. Selbst als Nero Seneca zwang, als alter Mann Selbstmord zu begehen – was den verfügbaren Alternativen der Hinrichtung weitaus vorzuziehen war –, nutzte Seneca die Gelegenheit seines eigenen Todes, um für die anwesenden Freunde eine letzte Rede über die Philosophie zu halten, so wie Sokrates es tat, als man ihn zwang, den Schierlingsbecher zu leeren.

Als guter Stoiker hatte sich Seneca als Teil seiner philosophischen Ausbildung über viele Jahre auf den Tod vorbereitet und er zeigte nicht den geringsten Anflug von Furcht oder Beunruhigung, als er sein Leben aufgab. Er soll ganz sachlich gesagt haben: »Wem sei die Grausamkeit Neros nicht bekannt gewesen? Es sei Nero ja nach der Ermordung seiner Mutter und seines Bruders nichts anderes übriggeblieben, als auch seinen Erzieher und Lehrer umzubringen.«12 Und obwohl uns Senecas letzte Worte über die Philosophie nicht erhalten sind, so kann man sich vorstellen, dass er die Worte Sokrates’ über seinen Tod wiederholt: »Anytos und Meletos können mich zwar töten, schaden aber können sie mir nicht.«13 Oder, wie wir es auch formulieren könnten: »Du kannst zwar meinen Körper töten, aber nicht meinen Charakter zerstören.«

Senecas Welt ist unsere Welt

Zu den wohl überraschendsten Dingen in den Schriften Senecas gehört, wie präzise er unsere heutige Welt zu beschreiben scheint, obwohl seine Texte vor mehr als 2000 Jahren entstanden sind.

Die reichen Bürger Roms hatten Materialismus und Konsum zu einer hohen Kunst entwickelt und schwelgten in Luxus und Hedonismus. So wie wir heute in den Supermarkt gehen und mitten im Winter Orangen und Avocados kaufen können, die durch die halbe Welt zu uns transportiert wurden, hatten auch die Römer einen internationalen Handel aufgebaut, der sie mit seltenen Gütern, Lebensmitteln und Luxusartikeln aus fernen Ländern versorgte. Roms Oberschicht war besessen davon, ihren Reichtum als Zeichen des sozialen Status zur Schau zu tragen. Was wir heute unter materiellem Anpassungsdruck oder unter der Bezeichnung verstehen, »mit anderen mitzuhalten«, existierte bereits im antiken Rom. Seneca beschreibt es so:

Wie viele Dinge aber schaffen wir uns an, weil andere sie sich angeschafft haben, weil sie bei den meisten zu finden sind? Viele unserer Schwierigkeiten lassen sich dadurch erklären, dass wir nach den Beispielen anderer leben und, anstatt unser Leben nach der Vernunft zu gestalten, durch Konventionen in die Irre geführt werden. Was wir, täten es nur weniger, nicht nachahmen wollten, dem folgen wir, sobald viele begonnen haben, es zu tun, als ob es schicklicher sei, weil es häufiger geschieht.14

Denken wir an die luxuriösen Strandvillen, die aus exotischem importierten Marmor gebaut wurden, einen spektakulären Meerblick hatten und mit Swimmingpools, eleganten Bädern und jedem vorstellbaren Luxus ausgestattet waren. Manche Bewohner kühlten ihre Getränke und die Swimmingpools während der heißen Sommermonate mit Schnee und Eis, beides über lange Strecken transportiert. Andere richteten extravagante Feste und Abendessen aus, die oft astronomische Summen verschlangen. Sie boten die seltensten Delikatessen aus der ganzen Welt an, die sie nach dem Essen erbrachen, nur um Platz für mehr zu schaffen. Während die Römer in früheren Zeiten bescheiden gelebt hatten, war das jetzt nicht mehr der Fall. Und schließlich wies die ausgabefreudige römische Kultur zu Senecas Zeiten dieselbe Art von Exzessen auf, die wir heute mit Hollywood-Berühmtheiten verbinden, über die wir in Boulevardblättern oder auf Promi-Klatsch-Webseiten lesen. Dazu Seneca:

Überdies wollen die Vergnügungssüchtigen ihr Leben in aller Munde wissen, solange sie leben; denn wenn man über sie schweigt, ist ihrer Meinung nach all ihre Mühe vergeblich. Deshalb unternehmen sie nicht selten etwas, was Gerüchte in Umlauf bringt. Viele verprassen ihr Vermögen, viele halten sich eine Geliebte. Um sich in diesem Milieu einen Namen zu machen, genügt nicht nur eine luxuriöse Handlung, nein, sie muss auch aufsehenerregend sein; in einer so geschäftigen Stadt kommt man mit einer ganz gewöhnlichen Liederlichkeit nicht ins Gerede.15

Dass uns diese Dinge heutzutage so vertraut vorkommen, liegt daran, dass sich die menschliche Natur nicht verändert. Unsere heutige Kultur mag zwar technisch wesentlich weiter sein, aber in psychologischer Hinsicht sind wir genauso wie die Menschen zu Senecas Zeit. Wir sind komplexe Wesen, die unter Gier, Ehrgeiz, Angst, Furcht, Kummer, Wut, finanziellen Sorgen, sexuellem Verlangen und Süchten leiden – neben dem Wunsch, ein guter Mensch zu sein und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Stoizismus befürwortet zwar das einfache Leben, verbietet jedoch nicht das Anhäufen von Reichtum, solange dieser Reichtum klug genutzt werden kann. Aber als einer der reichsten Männer Roms, dessen Berufskollegen zur Spitze der gesellschaftlichen Elite zählten, hatte Seneca unmittelbare Erfahrungen mit den Konsequenzen, die das Streben nach übermäßigem Luxus mit sich brachte. Sehr wahrscheinlich war es diese Erfahrung aus erster Hand, die Seneca erkennen ließ, wie leer und hohl dieses gehobene Leben doch war, sodass er sich dagegen aussprach:

Wir bewundern Wände, die mit dünnen Marmorplatten verkleidet sind, obgleich wir die kleinen Makel kennen, die sich dahinter verbergen. Wir täuschen unsere Augen, und wenn wir Dächer vergolden lassen, was tun wir da anderes, als uns an einer Täuschung zu freuen? Wir wissen ja, dass unter jenem Gold unansehnliche Balken versteckt sind. Und nicht nur über Wände oder Decken breitet sich eine nur hautdünne Schicht der Verschönerung. Auch das Glück all der Berühmtheiten, die du erhobenen Hauptes daherkommen siehst, ist täuschender Glanz. Schau hin, und du wirst wissen, wie viel Erbärmlichkeit unter dieser dünnen Schutzschicht von Würde liegt.16

Was Seneca einzigartig macht in der Tradition der Stoiker, war sein tiefes psychologisches Verständnis. Er studierte die menschliche Verfassung, einschließlich menschlicher Ambitionen und Ängste. Er war der erste Mensch in der westlichen Welt, der die Psychologie des Konsumverhaltens eingehend erforschte. Zudem lieferte er bedeutende Beiträge zum Verständnis von Emotionen und Wut, die heute noch gültig sind. Kurz gesagt war Seneca kein akademischer Theoretiker, sondern jemand, der im echten Leben »alles gesehen« hatte: sowohl die besten als auch die schlechtesten Seiten der menschlichen Natur.17 Er hatte Erfahrungen aus erster Hand über das, worüber er schrieb. Zudem hatte er die einzigartige Fähigkeit, die inneren psychologischen Beweggründe anderer zu verstehen. Das macht Seneca zu einem so wertvollen Ratgeber für heutige Leser, 2000 Jahre später. Am Ende ist Senecas Zeit unsere Zeit. Er ist unser Zeitgenosse und wir teilen die gleichen Sorgen.

Kapitel 1

Die verlorene Kunst der Freundschaft

Mich wird nie irgendeine Sache erfreuen, und mag sie noch so hervorragend und nutzbringend sein, wenn ich das Wissen darüber für mich behalten soll … Kein Besitz eines Gutes macht Freude, wenn ich es nicht mit Freunden teilen kann.

Seneca Briefe an Lucilius 6.4

Als Seneca in den Sechzigern war, rang sein guter Freund Lucilius mit einem großen Problem. Lucilius war ein bisschen jünger als Seneca und von Nero als Statthalter der Provinz Sizilien eingesetzt worden. Wie Seneca arbeitete auch Lucilius hart und war ehrgeizig, talentiert und erfolgreich. Er hatte eine hochrangige Laufbahn eingeschlagen und war in der gesellschaftlichen Welt zu Ruhm gelangt. Aber an irgendeinem Punkt auf diesem Erfolgsweg hatte Lucilius sein inneres Wohlbefinden vernachlässigt. Modern ausgedrückt steckte er in einer Sinnkrise.

Auf der Suche nach Rat von einem treuen Freund wandte sich Lucilius hilfesuchend an Seneca. Lucilius wollte sich zur Ruhe setzen und sehnte sich nach einem bedächtigeren und erfüllenderen Leben, aber er hatte sich auch an seinen luxuriösen Lebensstil und die öffentliche Anerkennung gewöhnt, die ihm oft zuteilwurde. Und so wie es auch heutzutage viele Menschen tun, fragte sich Lucilius, ob er genügend finanzielle Rücklagen hatte, um sich zur Ruhe zu setzen und seinen Lebensstil aufrechtzuerhalten, oder ob er noch ein paar Jahre arbeiten sollte, um mehr Ersparnisse anzusammeln. Lucilius sehnte sich danach, frei zu sein, aber er fürchtete sich auch davor, welche Konsequenzen es haben würde, wenn er seine gut bezahlte Position aufgab.

Obwohl die Fachwelt das nie erwähnt, war dies der Anlass für Senecas Briefe an Lucilius. Lucilius’ Fragen, wie er seinen Lebensweg anpassen solle, lieferten Seneca einen Grund, seine wunderbaren Briefe an Lucilius zu schreiben, die nicht nur für Lucilius, sondern für einen größeren Kreis von Lesern geschaffen wurden. Gleichzeitig waren die Briefe ein klug gestalteter Einleitungskurs zu Senecas Auslegung des Stoizismus. Hinter dem ganzen Projekt stand der feste Glaube an die tiefe und transformierende Kraft von Freundschaft. In seinen Briefen diskutiert Seneca viele Aspekte von Freundschaft, aber die folgende Passage betont, warum Freundschaft so essenziell ist:

Freundschaft bewirkt unter uns eine Solidarität in allen Belangen. Weder ein Glücks- noch ein Unglücksfall betrifft uns einzeln: Wir leben in einer Gemeinschaft. Auch kann niemand ein glückliches Dasein führen, der nur auf sich schaut, der alles zum eigenen Vorteil wendet: Man soll für den anderen leben, wenn man für sich selbst leben will. Dieser Gemeinschaftssinn, sorgfältig und gewissenhaft gepflegt, vereint die Menschheit als Ganzes und besagt, dass wir alle bestimmte Rechte gemeinsam haben. Aber er trägt auch viel zur Pflege jener innigen Verbundenheit der Freundschaft bei, von der ich sprach. Jemand nämlich, der vieles mit einem anderen Menschen gemeinsam hat, wird auch alles mit einem Freund gemeinsam haben.18

In seinen Briefen an Lucilius und seiner Korrespondenz formulierte Seneca seine Lebensphilosophie. Seine frühen philosophischen Werke verfasste er für verschiedene Freunde, Verwandte und Menschen, die er persönlich kannte, um ihnen dabei zu helfen, seelisch zur Ruhe zu kommen, Kummer zu überwinden oder verschiedene Herausforderungen zu bewältigen. Wie wir sehen können, basierte für Seneca die Philosophie, genauso wie die Lebenskunst, nicht auf dem Erschaffen eines abstrakten Systems für andere Intellektuelle. Es bezog vielmehr persönliche Beziehungen ein, da seiner Meinung nach die Philosophie den Menschen in der realen Welt helfen sollte.

Seneca kritisierte wiederholt die akademischen Philosophen seiner Zeit, die die Philosophie auf wenig überzeugendes logisches Denken reduzierten. Deren Vorgehensweise war in seinen Augen irrelevant für die Auseinandersetzung mit menschlichen Bedürfnissen. Seneca unterschied klar zwischen »echter Philosophie« und ihrer Alternative, die er als Wortspiel ansah, als reine Gedankenspielereien. Viele Philosophen seiner Zeit, so sagte er, fokussierten sich auf das Analysieren von Silben und Haarspalterei, statt lebendige Ideen zu erforschen, die das Leben der Menschen verbessern konnten. Er bestand darauf, dass das wahre Lernen eines für das Leben ist, nicht für die Schule.19 Senecas philosophische Ideen waren sowohl systematisch als auch konsequent; als Autor verstand er zudem, wie wichtig es war, diese Ideen auf überzeugende und attraktive Weise zu vermitteln. Indem er die Philosophie mit literarischem Können und dramatischer Wirkung vermittelte, erweckte er sie zum Leben und machte sie unvergesslich.

Obwohl Lucilius Seneca als engen Freund ansah, war er für ihn auch philosophischer Mentor und Ratgeber, zu dem er aufschaute. Seneca nahm diese Rolle gern an. Manchmal kann ein Freund ein ausgezeichneter Ratgeber sein. Oftmals kann jemand, der einen gut kennt, eine ehrliche Rückmeldung geben, die sich unangebracht – oder gar feindselig – anfühlen würde, wenn sie von einem Fremden käme. Folglich gibt es in den Briefen sehr viele Stellen, an denen Seneca ziemlich heftig gegen die Art falscher Meinungen (aus Senecas Perspektive des Stoikers gesehen) angeht, die Lucilius unter Druck setzten und dazu führten, dass er dermaßen angespannt war.

Seneca kannte Lucilius gut und half ihm in der Not, genau auf jene Überzeugungen zu schauen, die seine Probleme verursachten. Dann ermutigte Seneca ihn, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und half ihm, die Situation neu zu gestalten. Einige von Senecas Briefen ähneln stark heutigen Therapiesitzungen, in denen der Therapeut den Patienten auffordert, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Seneca spielt in all seinen philosophischen Schriften die Rolle des Mentors, gibt vernünftige Ratschläge und liefert rationale Argumente, um auf reale Probleme einzugehen. Das tut er, indem er seinen Lesern hilft, ihre Überzeugungen zu überdenken. Für Seneca und die Stoiker ist es unmöglich, ein glücklicheres Leben zu führen, ohne die falschen Überzeugungen abzulegen oder zu zerlegen, die das mentale Leiden verursachen.20

Instrumente der Freundschaft

Wann immer mich deine Briefe erreichen, scheint es mir, als ob ich mit dir zusammen wäre, und ich werde in solch eine Stimmung versetzt, als ob ich dir nicht schriftlich, sondern mündlich antworten könnte.

Seneca, Briefe an Lucilius 67.2

Mit einem Freund zusammen zu sein, ist der beste Weg, die Gesellschaft des anderen zu genießen und sinnvolle Gespräche zu führen. Aber das ist nicht immer möglich. Früher war ein Brief ein Instrument, um Freundschaften aufzubauen, zu erhalten und zu stärken, den Raum der Trennung zu überbrücken. Wie Seneca an Lucilius schrieb: »Niemals nehme ich deinen Brief in Empfang, ohne dass wir sogleich beisammen sind.«21 Briefe behielten diese Funktion bei, bis sie größtenteils durch E-Mails ersetzt wurden, was noch gar nicht lange her ist.

Meiner Meinung nach haben wir leider durch die Erfindung der E-Mail etwas Wesentliches verloren. E-Mails sind zwar schnell und effizient, sie fühlen sich aber in der Regel körperlos und unbedeutend an. Im Vergleich dazu kann ein gut geschriebener handschriftlicher Brief eine deutlich andere Erfahrung bieten, eine, die tiefgründig die Persönlichkeit und inneren Gedankengänge eines Individuums vermittelt. Während wir E-Mails schnell vergessen, kann sich ein ansprechender Brief nahrhaft anfühlen und etwas sein, das Sie an einem besonderen Ort aufbewahren.

Die Tatsache, dass Briefeschreiben aus der Mode gekommen ist, trägt meiner Überzeugung nach zumindest teilweise zur »Epidemie der Einsamkeit« bei, über die wir heute so viel lesen können. Obwohl uns Social-Media-Plattformen mit Hunderten von Menschen verbinden, fühlen sich ironischerweise etliche Menschen einsamer denn je. Ich glaube zu verstehen, woran das liegt: das Kommunikationslevel, das auf Social Media stattfindet, ist im Vergleich zu realen Konversationen, die wir brauchen, um als menschliche Wesen glücklich zu sein und zu gedeihen, stark vermindert. Während Briefe laufende Konversationen verkörpern können, besteht Social Media vorrangig aus Kommentaren – und das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Natürlich ist es möglich, jemandem per E-Mail einen richtigen Brief zu schreiben. Und glücklicherweise kommt das manchmal vor. Aber da die meisten E-Mails nur kurze Nachrichten sind, ermutigt uns das Medium selbst, weniger als früher zu kommunizieren, als wir Briefe noch mit der Hand schrieben. Anders ausgedrückt kommunizieren wir mit E-Mails sehr viel schneller und häufiger, aber weniger tiefgehend.

In seinen Briefen an Lucilius liefert uns Seneca ein Modell, wie eine tiefe Freundschaft aussehen könnte. Aber in unserer schnelllebigen Gebrauchskultur, die auf das Erreichen rascher Resultate und unmittelbarer Belohnung ausgerichtet ist, scheinen wir oft zu vergessen, was eine tiefe und befriedigende Freundschaft erfordert.

Die drei Arten von Freundschaft

Aristoteles (384–322 v. Chr.) betonte die Bedeutung von Freundschaft schon vor mehr als 2000 Jahren, als er schrieb, dass es drei verschiedene Arten von Freundschaft gibt – und dass ein glückliches Leben ohne bedeutende Freundschaften nicht möglich ist. Während man heute wohl kaum in einem Philosophieseminar an der Uni das Thema Freundschaft studiert, war es für Aristoteles so zentral, dass er ein Fünftel seines Hauptwerkes zur Ethik, die Nikomachische Ethik, darauf verwendete, die Natur und die Bedeutung von Freundschaft zu erforschen.

Die grundlegendste Stufe der Freundschaft, so erklärt Aristoteles, basiert auf gegenseitigem Nutzen. Diese Art von Freundschaft um des Nutzens willen können wir mit Kontakten vergleichen, die wir zum Beispiel bei einem beruflichen Netzwerk-Event knüpfen. Dies sind die oberflächlichsten und kurzlebigsten Freundschaften. Weil sie oftmals ichbezogen sind, lösen sie sich auf, sobald der Nutzen, den jemand bietet, nicht mehr vorhanden ist. Ich persönlich würde diese Menschen nicht Freunde nennen, sondern Bekannte. Mit den Worten Senecas: »Echte Freundschaft wird ihrer Erhabenheit beraubt, wenn jemand sie nur schließt, um einen persönlichen Gewinn daraus zu ziehen.«22

Die nächste Art der Freundschaft beruht auf Freude über das Zusammensein. Diese Freundschaft um der Lust willen besteht aus Personen, die die Gesellschaft des anderen genießen. Dazu gehört jemand, mit dem man gern etwas trinken geht, jemand, mit dem man gern ins Kino geht, oder einfach jeder, mit dem man gern Zeit verbringt.

Die tiefste Art der Freundschaft basiert für Aristoteles jedoch auf gegenseitiger Bewunderung, bei der jeder etwas im Charakter der anderen Person sieht, das er oder sie bewundert. Diese Freundschaft um des Guten willen basiert auf etwas Gutem oder Tugendhaften, das Sie in dem anderen erkennen. Eine solche Freundschaft erfordert Vertrauen und die Investition von Zeit, und sie kann ein Leben lang halten. Aristoteles bezeichnete diese Art der Freundschaft als »perfekt« und sie beinhaltet, Ihre Gedanken und Gefühle mit einer anderen Person zu teilen. Wie alle Freundschaften gehört dazu auch, dem anderen ehrlich alles Gute zu wünschen. Und weil es Zeitaufwand erfordert, ist die Zahl wahrer Freunde, die man haben kann, begrenzt.