Fußball Blues - Günther Ortmann - E-Book

Fußball Blues E-Book

Günther Ortmann

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Beschreibung

Nicht erst seit Corona bekommen viele Fußball-Liebhaber angesichts der irrwitzigen Kommerzialisierung ihrer großen Leidenschaft den Blues. Für all jene, die dann gern an vermeintlich bessere Zeiten zurückdenken, ist dieses essayistische Sehnsuchtsbuch genau das Richtige. Günther Ortmann kredenzt uns eine charmante Stückesammlung aus zu Herzen gehenden Erinnerungssplittern, überraschenden Beobachtungen und wunderbaren Lektürefrüchten, die uns wehmütig in fußballerischen Erinnerungen schwelgen lässt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Ach, früher

Beiläufige Eleganz

Zum Sterben schön

Begehren

Regelwerk

„Halblinks Netzer – oder?“

Ökonomie

Fairness

„Ich weiß, aber dennoch …“ – Bedingte Komplizenschaft

Embedded journalism

In Bayern gehen die Uhren anders

Fußballspieler: Virtuosen des versäumten Augenblicks

Frauenfußball

Zwei, drei Fußball-Dinge

Und dann Corona

Blue notes

An jedem verdammten Sonntag

Domino: Eine Nachbemerkung, ein Dankeschön

Ach, früher

I’ve never scored a touchdown

On a ninety-nine yard run,

I‘ve never winged six Daltons

With my dying brother’s gun …

Or kissed Miss Jane, and rode my hoss

Into the setting sun.

Sometimes I get so depressed

‘Bout what I haven’t done.

Shel Silverstein: Never

„Das Leder.“ Früher sagten die Reporter, wenn sie den Ball meinten, ja gerne mal „das Leder“, und selbst heute noch nagelt so mancher Stürmer das Leder unter die Latte.

Güldenstern. Herbert Zimmermanns „Toni, du bist ein Fußballgott“? Ich wollte lieber wie Fritz Herkenrath sein, der 1953 zusammen mit Franz Islacker und Rot-Weiß Essen deutscher Pokalsieger und 1955 deutscher Meister wurde. Ich war Fritz Herkenrath, wenn ich nach dem Ball, wie wir damals sagten, hechtete – „sich schmeißen“ war auch in Gebrauch – und ihn aus der Ecke fischte, bevor er direkt neben dem Stamm des Vogelbeerbaums einschlug, der auf der Wiese vor unserem Haus neben den Tennisplätzen des Stader TC stand und als Torpfosten herhalten musste. Der Ball war damals wirklich aus Leder und roch nach Erdal-Lederfett. (Jahr für Jahr gab es einen zu Weihnachten.) Oben, am Ende unserer Straße, der Fritz-Reuter-Straße, auf der Köhnshöhe, lag der Platz vom TuS Güldenstern. Da wurde noch Faustball und Feldhandball gespielt. Herkenrath, Penny Islacker, „das Leder“, hechten, sich schmeißen, Vogelbeerbaum, Güldenstern: paradise lost.

Der Ernst des Lebens, das Glück der Menschen. Zwischen Lehmkuhle und Schwingeufer (offiziell Horstsee, aber die Leute sagen weiter Lehmkuhle): der VfL, Platz mit Stehtribüne an einer Seite, da ging es sonntags hin. Der Kassierer bekam 20 Pfennig und gab uns, meinem Bruder und mir, die Eintrittskarten „so“. Wenn der VfL nach 60, 70 Minuten hinten lag, pflegten wir uns hinter dem Tor des Gegners zu versammeln, in kaum von Besorgnis getrübter Gewissheit: das drehen die noch – wie schon so oft. So kam es auch – Elfmeter in letzter Minute durch Pfaff, Flachschuss, den ich, hinter dem Tor stehend, im linken Eck einschlagen sehen konnte, genau wie der Torwart ihn sah. Das nährte in uns die unerschütterliche Überzeugung: Wir haben es bewirkt. Dieses magische Denken – es kam so, weil wir es gewünscht hatten, notdürftig rationalisiert durch ein „Es lag an unserer Unterstützung“ – erlischt nicht mit der Kindheit. Es meldet sich wieder in dem mächtigen, unabweisbaren Glauben an „vom Publikum gedrehte Spiele“, von denen die Fans von FC St. Pauli, Borussia Dortmund oder FC Liverpool (und nicht nur die) beseelt sind.

Sehr wohl ist es denkbar, dass statistische Analysen à la Amos Tversky (s. das nächste Stück, „Die Sache mit den Strähnen“) das als Wunschdenken erweisen würden. Heute, da ich dieses Stück schreibe, findet sich in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 168 vom 24.7.2019) ein Nachruf von Thomas Steinfeld auf Brigitte Kronauer, die vorgestern gestorben ist. Darin rühmt Steinfeld ihren Sinn für „den persönlichen, immer über alles Erreichbare hinausschießenden Idealismus der Menschen“. Dazu im Gestus der Aufklärung „Illusionen“ zu sagen, gehe aber „am Charakter der in ihnen niedergelegten Hoffnungen und Wünsche … vorbei. Denn in ihnen wohnt, buchstäblich, der Ernst des Lebens, das Glück der Menschen, ihre Eigenart, ihre Mühe, und ja, auch das Vergebliche, das all diesen Anstrengungen zumindest einen Anflug von Größe verleiht.“ Vorbei am Charakter der Hoffnungen, Wünsche – und, näherhin, eines unbewussten Begehrens, das einen magischen Glauben speist, nicht zuletzt einen magischen Glauben an die Magie des Wunschdenkens, auch: des Glaubens an vom Publikum gedrehten Spiele.

„Ich bin ja auf der GG (Gegengerade) groß geworden“, sagt St.-Pauli-Ultra Jesper im Gespräch mit dem Hamburger Straßenmagazin Hinz und Kunzt, „habe die alte GG und ihre Stimmung noch erlebt und bin dafür total dankbar. Pokalsaison, Aufstieg in die 2. Liga, durchs Publikum gedrehte Spiele wie gegen 1860 oder Hoffenheim, das war als Kind unglaublich geil.“ (Sondermagazin Das Herz von St. Pauli 2019/2020) Als Kind, aber es hört nicht auf, wenn wir erwachsen werden.

Die Sache mit den Strähnen. Amos Tversky, berühmter Ko-Autor des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman, hat einmal über mehr als eine Saison hinweg jeden Korbwurf der Philadelphia 76er (Basketball) untersucht. Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit für einen zweiten Treffer nach einem gelungenen ersten wird nicht größer. Mehr noch: Die Zahl der Serien aus mehreren Treffern hintereinander – denken Sie für den Fußball an einen Hattrick – ist nicht höher als es die Wahrscheinlichkeitsgesetze erwarten lassen. Das bedeutet: Es gibt keine Strähnen nach dem Muster „Wenn’s läuft, dann läuft’s“ – etwa weil das Selbstvertrauen wächst, weil einer einen Lauf hat oder dergleichen; keine Selbstverstärkung à la success breeds success. Es ist reiner Zufall. Das ist für Basket- und Fußballer ziemlich kontraintuitiv. Dirk Nowitzki, Robert Lewandowski (die selbstverständlich öfter als andere Spieler Serien haben, aber nur, weil sie besser sind, nicht weil es nach einem Erfolg „nun mal flutscht“) nie im Flow? Ich selbst kann es kaum glauben – und rette mich vom Fußball zum Tennis: Dort jedenfalls, sage ich mir, kommt es vor, dass einer „wie im Rausch“ spielt, bei jedem Ballwechsel beflügelt durch den vorangegangenen. Oder umgekehrt: Misserfolg heckt Misserfolg, weil bei Alexander Zverev oder Angelique Kerber nach ein paar Fehlern „nichts mehr läuft“. Möglich indes, dass dort die Dinge anders liegen als beim Basket- und beim Fußball, weil es beim Tennis auf Mikro- und Nano-Feinheiten ankommt.

À propos Basketball. „Die Basketballer wachsen ja in den Himmel wie Kiefern. Am Ende hat keiner einen Vorteil davon, sie könnten sich auch darauf einigen, klein zu bleiben“, wie Jochen Schmidt in Ballverliebt schreibt (mehr von ihm später, doch nun zurück zum Fußball).

Südtribüne. Nicht nur die Leute auf St. Paulis Gegengeraden und der Südtribüne sind von jener Überzeugung beseelt, sondern auch die Spieler. Alle spüren – und hören! (Siehe unten, „Millwall Roar“, S. 20) –, dass die anderen es auch spüren und hören, dass sie es miteinander teilen. Wie schal wäre demgegenüber die Besserwisserei der Statistik, selbst wenn sie es besser wüsste! Unsere Antwort wäre ein „Ich weiß, aber dennoch…“, wobei es statt „dennoch“ hier vielleicht besser „trotzdem“ heißen müsste: Wir lassen uns die Magie unseres Glaubens und den Glauben an die Magie unserer lautstarken Beschwörungen nicht nehmen. Mehr dazu später.

Im Radio. Die 50er-Jahre, NWDR, sonntags, immer nach den 19-Uhr-Nachrichten: Sport. Fiebernde Erwartung: Hat der VfL bei Concordia Hamburg gewonnen? Auch das kam im Radio. Was es sonst noch gab: Chris Howlands Spielereien mit Schallplatten, und Rolf und Alexandra Beckers Dickie Dick Dickens, Hörspielserie. Dickie war „der gefährlichste Mann, den Chicagos Unterwelt jemals hervorgebracht hatte“. Bei Chris Howland hörten wir später (1965) zum allerersten Mal „Yesterday“ – und waren wie vom Donner gerührt. Bis dahin kannten wir von den Beatles nur Rockmusik, und nun dies. Und wie gut es hier passt – all my troubles seemed so far away, damals.

Ein Kinderspiel. Wie haben wir als ganz Kleine angefangen, Ball, und dann Fußball zu spielen? Vielleicht wie Tommy und Jack Caffrey, Zwillinge, kaum vier Jahre alt, in James Joyces Ulysses? „Sie wühlten im Sand mit ihren Schaufeln und Eimerchen, wie Kinder das gerne tun, oder spielten mit ihrem dicken, bunten Ball, glücklich den langen lieben Tag.“ Ein Ball ist ein Spielzeug.

Die Kinder lernen Schaukelpferde reiten, Burgen bauen, Bälle treten und, alsbald, Wörter sprechen. „Nun“, sagte die Mutter (Cissy Caffrey) zum Baby der Freundin (Edy Boardman), „sag mal ganz schön: Ich will einen Schluck Wasser.“ Das Baby sprach: „Illil alluck Lalla.“ Mit solcher Gewandtheit hat auch das Bälletreten begonnen. Am Anfang wollten wir nur spielen.

Fort/Da. Ganz früh spielen Kinder das große Spiel vom Verschwinden und Wiederkommen geliebter Objekte, das ihnen erlaubt, sich als Regisseure eines drohenden Verlusts in Szene zu setzen und sich aber im Wege fortdauernder Wiederholungen zu versichern: Es wird alles gut – wieder gut, und ich kann machen, dass es wieder gut wird. Sigmund Freud hatte dieses Fort/Da-Spiel bekanntlich an seinem anderthalbjährigen Enkel Ernst beobachtet, der „alle seine Spielsachen nur dazu benützte, ‚fortsein‘ zu spielen.“ (Jenseits des Lustprinzips) Im Lichte dieser Spekulation sticht ins Auge, dass Bälle, kugelrund, wie sie sind, rollen. Ein kleiner Kick genügt, um ihr Fortsein zu bewirken. In Ulysses geht die Ballspielszene weiter. Erst Fort: „Die Zwillinge spielten jetzt in gebührender brüderlicher Eintracht miteinander, bis schließlich Master Jacky … den Ball in voller Absicht so kräftig, wie er nur konnte, hinunter zu den mit Seetang bewachsenen Felsen schoss. Es bedarf keiner Erwähnung, dass der arme Tommy nicht lange zögerte, seiner Bestürzung lauthals Ausdruck zu geben …“ – was, bei aller brüderlichen Eintracht, Jackys Lust noch gesteigert haben mag. Dann Da: „…doch glücklicherweise kam der Herr in Schwarz, der dort einsam saß, galant zu Hilfe und fing den Ball auf.“ Was man daran sieht, sagt Iris, ist etwas, das in Freuds Szene nicht vorkommt: Kinder allein können eigentlich nur Fortsein spielen – für’s Wieder Da brauchen sie andere, vorzugsweise die Eltern. Merke: Fort/Da geht am besten miteinander.

Der Herr in Schwarz war niemand Geringerer als Leopold Bloom, der traurige Held des Romans. Der spielte sozusagen einen Fehlpass – einen Freud‘schen Fehlpass –, und der Ball landete schließlich, kleine erotische detour, im Gelände der Lust, unter dem Rock der liebreizenden Gerty MacDowell, die uns noch wiederbegegnen wird. Die wiederum „versetzte dem Ball einen ganz famosen Tritt, und er flog denn auch in hohem Bogen los, und die Zwillinge wetzten hinterher, hinunter zum Kieselstrand. Natürlich war es nichts anderes als Eifersucht, was sie trieb, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, weil der Herr gegenüber doch zusah“. Als hätte Freud Joyce gelesen oder Joyce Freud, der es so gesagt hat: „Dass all ihr Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, groß zu sein und so tun zu können wie die Großen.“

Ein Schelm, der jetzt an Uli Hoeneß, Oliver Kahn oder Lothar Matthäus denken muss.

So tun zu können wie die Großen: Damit haben wir alle den Anfang gemacht, und die Großen, das waren zuerst eben die Eltern. In meinem Falle allerdings nicht: der Vater. Der war im Krieg, 1945, wie man dazu sagte, gefallen. Zeit meines Lebens hat mir das, so ging meine stete Beteuerung, „nichts ausgemacht“. Ich kannte ihn ja gar nicht. Ich kannte „es“ ja nicht anders. Und die Väter meiner Schulfreunde waren meistens autoritäre Säcke oder Männer, denen mit Krieg und „Niederlage“ der Sinn des Lebens abhandengekommen war und die irgendwie verloren aus dem Fenster guckten, einfach in die Ferne. Also: So what? Jetzt allerdings, da ich mich mühsam zurückerinnere an die ganz frühen Jahre und daran, dass ich wie Peng, der Fußballheld sein wollte (s. unten, S. 72f), kommt mir ein Text unter, aus einem Thriller, oder eigentlich nicht einem Thriller, sondern einer als Thriller auftretenden Tochter-Vater-Geschichte, River of Violence von Tess Sharpe, die ich gerade lese, ein Text, der, zum ersten Mal in meinem Leben, macht, dass ich traurig bin, richtig traurig – darüber, dass ich dies hier nicht hatte:

Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Jung. So jung, dass alles verschwommen ist, der Klang seiner Stimme, das Lächeln in seinen Augen. Er jagt mich durch den Garten. Meine nackten Füße klatschen auf den Backsteinpfad, den er zwischen den Hochbeeten angelegt hat, und ich kichere, meine Beine bewegen sich schnell, als ich von ihm wegrenne. Da ist so ein aufgedrehtes Gefühl in meinem Bauch, renn, renn, renn, und ich quietsche vor Vergnügen, als er mich zu packen versucht und ich ihm entwische.

„Ich krieg dich!“

Ich renne und renne und renne, ich lache und bin froh.

Das hieß bei uns „Kriegen spielen“. Fort/Da mit uns selbst, nicht mit Spielsachen.

Irgendwann fängt er mich. Schwingt mich hoch auf seine Schultern. Ich bin höher, als irgendwer sonst je gewesen ist, hoch genug, um Wolken anzufassen, und ich rufe: „Höher, Daddy, höher.“

Ikarus. Angstlust – zu fliegen, zu fallen, fallengelassen zu werden.

Sie finden diesen Text vielleicht gar nicht so doll. Ich schon, aber das rührt von Tess Sharpes Erzählkunst, von dem Drama in der Beziehung zwischen Harley McKenna und ihrem Vater und auch daher, dass meine Abwehr via „So what?“ gerade ein bisschen aufgeweicht ist. Die Traurigkeit hat mich gestern Nacht erwischt, heute, bei Tage, ist sie schon wieder verblasst. Ich bin froh, dass sie mich erwischt hat, zum ersten Mal in meinem Leben.

Sehnsucht. Sehnsucht und ein sehnsüchtiges Gefühl – wie Peng zu sein, von Daddy aufgefangen und gehalten zu werden – heißt, von einer Phantasie erfüllt zu sein: Wie wäre es, wenn …? Wie hätte es sein können? Tess Sharpe hat es mit ihrem Tochter-Vater-Roman geschafft, diese Phantasie in mir zu wecken. Sie hat gemacht, dass ich, für eine Weile, voll von diesem schönen Gefühl war. Fülle, nicht Leere.

Die Ritzen zwischen den Bohlen der Brücke über den Stader Burggraben. Die Brücke führt zur „Insel“, die Bohlen waren und sind dick und bis heute solide, die Lücken dazwischen gerade einmal fingerbreit, aber wir hatten als Kinder Angst hindurchzufallen. Dass der Boden, auf dem wir zu stehen und zu gehen kommen, wirklich trägt, schien uns in Ansehung des durch die Ritzen sichtbaren Abgrunds durchaus zweifelhaft, ja, ganz unglaubwürdig. Man konnte, man würde, des waren wir gewiss, hindurchfallen und verschwinden – reales, nicht gespieltes „Fort“.

Es sind diese Bohlen und Lücken, die mir, ich weiß nicht, wie, in den Sinn kommen, wenn ich an unsere Kinderspiele denke. Etwa so: Mit dem Ball am Fuß, im Miteinander des Spiels, konnte ich tief nicht fallen.

Was als Tor(pfosten) herhalten musste: Ganz früher die Türen im Flur, die Türrahmen als Pfosten. Der Vogelbeerbaum, siehe oben, plus in die Wiese gesteckter Ast. Überhaupt Bäume aller Art. Klamottenhaufen. Ranzen. Die Wäschestangen hinten im Hof. Eine Teppichstange diente als Latte (auf die wir sonst verzichten mussten, immer wieder Anlass zu Streit: War er drin oder drüber?). Später das Garagentor in der Gartenstraße in Wuppertal.

Der Wäscheplatz auf dem Hof hatte den Vorzug, dass, wenn es dunkel wurde, Licht aus den Wohnzimmer- und Küchenfenstern darauf fiel – so konnten wir im Dunkeln noch weiterspielen. Besonders im Winter, wenn Schnee lag. Dann war es heller, und der Schnee glänzte im Licht aus der Küche.

Gemüseecke. Vier, fünf Jungs auf dem Bolzplatz, nicht genug, um auf zwei Tore zu spielen? Macht nix. Dann gibt es Elfmeterschießen-spezial. Einer schießt, alle anderen stehen im Tor. Und jeder hat da seine Gemüseecke, terminus technicus meines Verlegers Stefan Weikert aus dessen Jugend. Wer in seiner Ecke drei reingelassen hat, muss raus, wie bei der „Runde“ (auch: „Ringelpietz“, „Mäxle“ oder „Mühle“) im Tischtennis. So werden es immer weniger, die noch im Tor stehen. Am Ende bleiben zwei Spieler übrig, und wer dann gerade als Schütze dran ist, hat Glück …

A New York City Boyhood. Der Paläontologe und Baseballfan Stephen Jay Gould hat eine schöne Erinnerung an seine Kindheit dem Baseball gewidmet: „Almost all the neighbourhood boy chicks … lived and breathed baseball all the time.“ Hierzulande müssen wir, versteht sich, Fußball an die Stelle von Baseball setzen, und ich übrigens Tennis. Von den Spielen seiner Jugend sagte Gould: „They also kept us out of trouble and away from girls. And what more could a boy have desired in preadolescence?“ Das erinnert mich an die grässliche Zeit meiner Tanzstunde, von der ich abends so schnell wie möglich floh, um noch das Tennislicht für ein letztes Training zu nutzen – im Dauerlauf, und in einem kratzenden Flanellanzug, schweißtriefend. Das ersparte mir die Phase der Annäherungsversuche – „Kann ich dich nach Hause bringen?“ –, die nach der Stunde üblich waren, und all diese Peinlichkeiten mit dem anderen Geschlecht, die da dräuten. So – „keeping myself away from the girls“ – hatte ich einen gesichtswahrenden Abgang: Training ging vor.

Tanzstunde – eine einzige Pein. Erstens: Die Schöne, nach der alle schmachteten, war längst vergeben, an, Sie wissen schon, diesen coolen Typen, der … Zweitens: Die Sache lief so ab: Zwei Stuhlreihen, links die Jungs, rechts die Mädchen, dazwischen der Tanzsaal, den die Jungs, auf ein Zeichen des Tanzlehrers hin, rennend, schlitternd, rutschend zu durcheilen hatten, verzweifelt bemüht, wenigstens einigermaßen weit vorne zu sein und die jeweils noch Ergatterbare, auf einer erstaunlich einmütigen Attraktivitätsskala noch Akzeptabelste zu erwischen und zum nun folgenden Tanz aufzufordern, zu dem wir vom Tanzlehrer munter und im Walzertakt vorgetragene Anweisungen erhielten: „Rrran an die Damens, wieder ab von sie, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei!“ Rollendes R. Drittens: Mir, einem verklemmten Knaben von 15 Jahren, fehlte jede Traute, ein Mädchen auch nur anzusprechen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie derlei menschenmöglich sein sollte. Es ist im Lichte solcher Pein, dass mir Goulds Rede von den Spielen, die uns zum Glück von den Mädchen fernhielten, noch heute unmittelbar einleuchtet. Gould hatte das vielleicht etwas anders gemeint, aber ich bin noch heute dankbar dafür.

3.Februar 1962: HSV gegen Penarol Montevideo. Ich war 16, nie war ich in einem anderen Fußballstadion gewesen als dem von Güldenstern und dem von VfL Stade, und nun dies: Volksparkstadion, 65 000 Zuschauer, Flutlicht, es eröffnet sich dem verzauberten Blick ein Platz, schneebedeckt, strahlend weiß, alles in einen Glanz tauchend, der in meinen Augen auf den HSV fällt. Ich bin nicht allein mit diesem Erlebnis. Simon Critchley, Philosoph, beschreibt in seinem Buch „What we think about when we think about soccer“ die Szene, als er so ein Stadion, bei ihm war es Arsenals Emirates Stadion, betrat: „… dann gehst du die Stufen hinauf ins Tageslicht oder (besser noch) ins Flutlicht und suchst deinen Platz. Dann siehst du das Spielfeld und das ganze Stadion, schimmernd. Es ist real, aber zu real, hyperreal, fast zuviel. Es ist, als ob man einen Film sieht und in eine vollkommen eindringliche 360-Grad-Projektion eintaucht. Es ist real und irreal zugleich. Nicht wie ein Gefühl in unserem Kopf, sondern da draußen im Middle Kingdom.”

Doch zurück zu HSV gegen Penarol. In der 10. Minuten köpft Uwe Seeler, obwohl verletzt (Oberschenkelzerrung), das 1:0. 35. Minute 2:0, Harry Bähre.

Sie fragen vielleicht: Who the fuck is Penarol? Antwort des Sport MAGAZIN in seinem Spielbericht (Jahrgang 4, Nr. 3, vom 5.2.1962,): „Penarol Montevideo, Uruguays Fußballstolz, der 15-fache Landesmeister, als Profis Sieger der südamerikanischen Meisterschaft der beiden letzten Jahre und Gewinner des Weltpokals 1961.“ Für den HSV aber spielten, um nur diese zu nennen: Horst Schnoor, Uwe und Dieter Seeler, Jürgen Werner und Charly Dörfel. Crème de la Crème, Glanz und Gloria, und ich war – damals – dem HSV verfallen. Das ist noch immer nicht ganz vorbei, und es bereitet mir heute, da es gute Gründe gibt, mit St. Pauli zu sympathisieren und nicht mit dem HSV, seelische Nöte. (Mit St. Pauli, deren Fans am 7.5.2011, als die Mannschaft gegen den FC Bayern in der 78. Minute von 0:5 auf 1:5 verkürzte, den Schlachtgesang anstimmten: „Jetzt geht’s lo-os!“ Das Spiel endete 1:8, und St. Pauli stieg in die 2. Liga ab.)

Bei Ihrem Kaufmann. Nicht ohne Rührung lese ich heute, was in diesem Stadionheft, HSV-POST Nr. 3, Jahrgang 4 vom 3.2.1962 zur Leistungssteigerung angepriesen wurde: Kernige Köllnflocken („naturreines Hafervollkorn“) – „…können Sie bei Ihrem Kaufmann bekommen“ – und Dextroenergen.

Man schafft’s, Sie werden sehn,

mit DEXTRO-ENERGEN.

Wie ein Mann. 1966, bei einem London-Besuch, saß ich, inzwischen BWL-Student, im Stadion des FC Chelsea, damals ein Arbeiterverein. Dass wir dicht an dicht saßen, ist eine milde Umschreibung. Eingeklemmt trifft es besser. Jederzeit schubberte man sich am linken und am rechten Nebenmann. Und dann: Tor Chelsea! Ehe ich’s mich versah, wie man früher sagte, stand ich, obwohl ich nicht eigentlich aufgestanden war. Es hatte mich hochgerissen, genauer: Meine Nebenleute hatten das getan – mich Wildfremden augenblicklich untergehakt und jubelnd in die Höhe gebracht. Arbeiter, Schulter an Schulter, mitreißend.

1967. Ich war ins Studentendorf Schlachtensee gezogen, Haus 7, das linkeste Haus im Dorf, wie es hieß. Das kam gerade recht, denn meine vage Idee, via BWL-Studium viel Geld zu verdienen, hatte ich 1966 aufgegeben, als ich während eines Praktikums bei IBM Hamburg gesehen und gehört hatte, wie die „Vertriebsbeauftragten“, in blauen Blazern mit Goldknöpfen, am Telefon Computer zu verkaufen versuchten, IBM 360er, groß wie schulterhohe Kleiderschränke. Das erinnerte mich allzu sehr an Onkel Fritz, Löwen-Apotheke, der zwar Apotheker war, aber den lieben langen Tag lang in der, nun ja, Hökerstraße Sachen wie 8x4-Seife über die Ladentheke schob, jedes Mal mit dem launigen Satz: „8x4 ist 32.“ So wollte ich auch dann nicht enden, wenn 8x4 360 ergab.

Das Studentendorf war mit finanzieller Unterstützung des US State Department erbaut und mit einem Reeducation-Regelwerk ausgestattet worden, das als Unterweisung in Demokratie gedacht war: Jedes der knapp 30 Häuser sollte einen Dorfrat wählen, der in die Ratsversammlung entsandt wurde – die allerdings nichts von Relevanz zu entscheiden hatte (außer den Dorfbürgermeister zu wählen, der allerdings nichts von Relevanz zu entscheiden hatte). Unsere Lektion in Sachen Demokratie lautete unter diesen Umständen: „Der Dümmste wird Dorfrat.“ Bisschen zynisch, zugegeben, aber so geht es mit sinnfreien Regelwerken. Dafür lernten wir in Haus 7, dass jüdische und muslimische, katholische und evangelische, schwule und heterosexuelle Studenten – alles Männer, denn die Häuser waren strikt nach Geschlechtern getrennt – ziemlich gut miteinander auskommen und auch heikle Sachen heiß diskutieren können, den „Blitzkrieg“ Israels, wie die Springerpresse dazu sagte, den Vietnamkrieg, den Schahbesuch, solche Sachen. Und dass ein gewählter Regierender Bürgermeister, ausgerechnet der honorige Heinrich Albertz, als Benno Ohnsorg am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Schah-Besuch erschossen wurde, sich ohne zu zögern, noch in derselben Nacht, die Lügen der Springerpresse zu eigen machen konnte. („Die Polizei, durch Rowdies provoziert, war gezwungen, scharf vorzugehen“; Bild schrieb: „Ihnen genügte der Krach nicht mehr. Sie müssen Blut sehen.“) Albertz räumte später vor dem Berliner Abgeordnetenhaus ein: „Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war, in jener Nacht des 2. Juni, weil ich dort objektiv das Falsche tat.“ Ich begann, Kafka zu lesen, Freud, und, etwa später, Marx. Das war ein anderer Schnack als BWL. Fußball? Hatte Pause.

Millwall Roar. Noch ein Arbeiterverein, FC Millwall, Südost-London. Berühmt und berüchtigt wurde der ohrenbetäubende Millwall Roar. Bringt Zweifel an vom Publikum gedrehte Spiele zum Verstummen.

Bilderschrift für das Ohr. In den Kulturwissenschaften sind jetzt das Hörbare und das Hören als Gegenstand entdeckt worden: soundscape research. Hier ist eine unvollständige Liste dessen, was da in Frage kommt: „Es donnert, heult, brüllt, zischt, pfeift, braust, saust, summet, brummet, rumpelt, quäkt, ächzt, singt, rappelt, prasselt, knallt, rasselt, knistert, klappert, knurret, poltert, winselt, wimmert, rauscht, murmelt, kracht, gluckset, röchelt, klingelt, bläset, schnarcht, klatscht, lispeln, keuchen, es kocht, schreien, weinen, schluchzen, krächzen, stottern, lallen, girren, hauchen, klirren, blöken, wiehern, schnarren, scharren. Diese Wörter und noch andere“, notiert Georg Christoph Lichtenberg in den Sudelbüchern, „welche Töne ausdrücken, sind nicht bloße Zeichen, sondern eine Art von Bilderschrift für das Ohr.“ Wenn im Stadion auch nur die Hälfte davon gleichzeitig ertönt, ergibt das ein Summen und Brummen, eine Geräuschkulisse, ein Klangbild, das niemand intendiert hat.

Und nun erst das roaring in „The Den“ (der Bau, die Höhle), dem Millwall-Stadion. To roar wird oft, und manchmal zu Recht, mit „brüllen“ übersetzt, wie in „das Brüllen des Löwen“ (und die Spieler des FC Millwall heißen tatsächlich The Lions). An dieser Übersetzung stört dieses Mal, finde ich, dass eher Einzelne brüllen, nicht die ganze Nord- oder Südkurve, nicht „das ganze Stadion“. Dafür wären andere Übersetzungen treffender, bei denen mitklingt, dass das Ganze, selbst wenn es intendiert ist, mehr ist als die Summe seiner Teile – mehr als die bloße Addition der Rufe der einzelnen Zuschauer. Das Dröhnen aber, das Rauschen, das Gebraus, das Tosen einer Brandung, manchmal, bei verpassten Torchancen auch ein seufzendes Raunen der Massen, das sind Klangereignisse, die nicht als solches, als Ganzes, von den je Einzelnen intendiert werden können, sondern sich als emergentes Resultat des Brüllens, Raunens und Seufzens der Vielen einstellen, rekursive Selbstverstärkung der einen durch die anderen, etwa der Ost- durch die Westkurve, einbegriffen. Nicht intendiert, aber umso wirkungsvoller.

Kollektive Intention. Und doch ist da etwas intendiert. Garry Robson schrieb 2004 in No One Likes Us, We Don’t Care über die berüchtigten Millwall-Fans, die sich nicht selten rüde und rau benehmen: „Der Roar macht das Kollektiv und seine Welt lebendig und kann Teilnehmer wie Beobachter überwältigen.“ Der Buchtitel zitiert den Schlachtruf der Fans, gesungen nach der Melodie von Rod Stewarts Sailing:

No one likes us, no one likes us, no one likes us, we don’t care.

We are Millwall, super Millwall, we are Millwall from The Den.

Eben das kommt in der Lautmalerei des Millwall Roar, zwar unartikuliert, gleichwohl laut und deutlich, zum Ausdruck. Sehr-Lautmalerei.

Klingende Namen. À propos Klangereignis. Hie Shakuntala Banerjee und Pinar Atalay, da Klaus Kleber und Gundula Gause. Hie Deportivo La Coruña, Atalanta Bergamo, Galatasaray Istanbul, da Verein für Leibesübungen Wolfsburg und Rasenballsport Leipzig.

Andere Klänge. Schieberwichserschwuchtelnhurensöhnekinderschänderkanakenbimbosnegerjudenstechtsiealleab.

Bilder hören. An jedem verdammten Sonntag, so heißt ein schönes, kleines Buch von Christian Werner. Untertitel: Deutschlands Kreisliga-Helden. Ein Bilderbuch des Kreisligafußballs, fast nur Fotos. Wie Ron Ulrich in 11 Freunde vom September 2019 sehr richtig schreibt: „Werner schafft es, dass der Betrachter … hier Bilder hören kann. Zum Beispiel die Sprüche der Meckerrentner am Seitenrand, die eine Kiste Bier in einer Sackkarre neben sich geparkt haben. Das Klackern von Stollenschuhen auf Asphalt oder das Titschen eines nassen Balles auf Schnee. Das Quietschen der Schuhe beim Amateurkick in der Halle.“ Wohlgemerkt: Das alles steht nicht im Text des Buches, sondern Ulrich hat die Bilder gehört, aus denen das Buch besteht, und so schön beschrieben. Ein starker Text von Frank Goosen, „Spieltag“, steht auch drin. „In der Kabine ist die Hölle los. … Es stinkt, es dampft, es ist laut, auf dem Boden liegen die dreckigen Trikots, Hosen und Stutzen…“ Und draußen, die Eckfahne hinten rechts, bei der Weitsprunggrube, die fällt immer um, muss man mal was machen.

Bundesligakonferenz. Die 70er-Jahre, Berlin, Arbeit an meiner Dissertation. Samstagnachmittag, 15.30 Uhr: Arbeitspause. Badewasser einlassen, Kofferradio neben die Wanne, in den Badeschaum eintauchen, Mutterschoß, und dann, ab 16.08 Uhr Halbzeitkonferenz, ab 16.55 Uhr Schlusskonferenz: Kurt Brumme, Kurt Emmerich, Günther Koch, Eddie Körper, der große Manni Breuckmann & Co, – „Wir rufen Günther Koch aus München!“ – „Tor in Bremen!“ Manchmal auch DDR-Hörfunk: Heinz Florian Oertel.

Orange, the new Blue? Oder ins Auto, ins Olympiastadion, zur blau-weißen Hertha. Mein erstes Auto, gekauft im ersten Rausch übers erste Gehalt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU: NSU TT. Viel schneller, aber nicht teurer als der Käfer, 65 PS, 153 km/h Spitze, 5500 Mark, in Blech gegossenes Klein-aber-oho-Emblem der 60er-, 70er-Jahre, orange, eckig und auch sonst hässlich wie die Nacht (googeln Sie mal). Doppelscheinwerfer, und hinten rechts und links je drei kreisrunde, aus dem Blech rot hervorstechende Rückleuchten, von denen Eberhard von Kuenheim – Dehnungs-e –, Chef von BMW, sagte: „Die sehen ja aus wie Zitzen am Euter einer Kuh.“ Aber eben 153 Sachen, vielfacher Bergmeister.