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Ein unvergessliches Memoir über die Freundschaft zwischen einer einzelgängerischen Biologin und einem wilden Fuchs, die uns die Welt mit anderen Augen sehen lässt. Als sich Catherine Raven in der rauen, unberührten Landschaft Montanas eine kleine Hütte mit einem blauen Dach baut, ist ihre Isolation komplett. Ihre Gesellschaft ist die Natur, die verblüffend lebendige Tier- und Pflanzenwelt, mit der sie ihr Land teilt: eine Schwarze Witwe in der Garage, rebellische Wühlmäuse, eine matriarchalische Elster und einem Wacholder namens Tonic. Eines Tages bemerkt sie einen wilden Fuchs, der jeden Nachmittag um 16.15 Uhr auf ihrem Grundstück erscheint. Entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten beginnt sie, ihm aus »Der kleine Prinz« vorzulesen. Durch das Prisma dieser außergewöhnlichen Freundschaft stellt Raven sich den großen Fragen: Wo ist unser Platz in der Welt? Können wir im Gleichgewicht mit der Natur leben? Was unterscheidet Wildnis und Zivilisation? Was Isolation und Einsamkeit? Der einzigartige »New York Times«-Bestseller über den Zauber der Natur und die heilsame Kraft der Freundschaft. »Ein weises, intimes Buch über eine Einzelgängerin, eine studierte Biologin, die Freundschaft mit einem Fuchs schließt. Darüber hinaus ist es die Geschichte eines Menschen, dessen auf Logik getrimmter Geist der Natur begegnet, von ihr berührt wird und so zu größeren Wahrheiten vordringt. Hätte Thoreau ›Der kleine Prinz‹ gelesen, hätte er ›Fuchs und ich‹ geschrieben.« Yann Martel, Autor von »Schiffbruch mit Tiger« »›Fuchs und ich‹ ist ein faszinierendes, wunderschön geschriebenes und völlig unsentimentales Buch über die Verbindung zwischen allen Dingen […]. Ich habe aus diesem Buch so viel über die Bedeutung von Freundschaft gelernt wie aus keinem anderen Sachbuch, das ich je gelesen habe.« Will Schwalbe, Autor von »An diesem Tage lasen wir nicht weiter« »Diese intime und poetische Schilderung der Freundschaft zwischen einer Biologin und einem Fuchs widerlegt die Annahme, dass es eine Welt gibt, die vom Menschen beherrscht und kontrolliert werden kann. […] ›Fuchs und ich‹ ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der an der Katastrophe, die der Mensch der Umwelt zufügt, der er und alle anderen Lebewesen entstammen, Anstoß nimmt.« Stephen Batchelor, Autor von »Die Kunst, mit sich allein zu sein«
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2021
Catherine Raven
Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft
In den unberührten Hochebenen Montanas schließt eine Biologin Freundschaft mit einem wilden FuchsCatherine Raven ist überzeugte Einzelkämpferin. Als sie sich mitten im Nirgendwo eine kleine Hütte mit einem blauen Dach baut, ist ihre Isolation komplett. Ihre Gesellschaft ist die Natur, die verblüffend lebendige Tier- und Pflanzenwelt, mit der sie ihr Land teilt. Eines Tages bemerkt sie einen wilden Fuchs, der jeden Nachmittag um 16.15 Uhr auf ihrem Grundstück erscheint. Entgegen allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten beginnt sie, ihm aus »Der kleine Prinz« vorzulesen.Ein einzigartiges Buch über den Zauber der Natur und die heilsame Kraft der Freundschaft.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Catherine Raven widmet sich als Autorin und Wissenschaftlerin der Natur. Sie war Rangerin u.a. in den Nationalparks Glacier, Mount Rainier und Voyagers und promovierte anschließend an der Montana State University in Biologie. Später bezog sie eine kleine Hütte in der wilden, abgeschiedenen Landschaft Montanas und leitete Expeditionen z.B. durch den Yellowstone Nationalpark. Sie hat u.a. im »American Scientist« naturgeschichtliche Essays veröffentlicht und ein Buch über Forstwirtschaft geschrieben. Derzeit unterrichtet Raven an der South University in Savannah, Georgia. Eine frühe Version von »Fuchs und ich« wurde beim Montana Festival of the Book mit dem ersten Platz ausgezeichnet.
Eva Regul, geboren 1974 in Kiel, studierte Literaturwissenschaft in Berlin und lebte anschließend in London. Nach ersten Übersetzungen während des Studiums arbeitete sie mehrere Jahre als Untertitlerin. 2019 kehrte sie in die Welt der Bücher zurück und überträgt seither Literatur aus dem britischen und amerikanischen Englisch ins Deutsche.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Deutsche Erstausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2021 im Verlag Spiegel & Grau, New York
unter dem Titel »Fox & I. An Uncommon Friendship«
© Catherine Raven, 2021
Für die deutsche Ausgabe:© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D - 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg nach einer Idee von Strick & Williams
Coverabbildung: June Glasson
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491437-4
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[Vorbemerkung]
[Widmung]
Ein doppelter Regenbogen war [...]
Saint-Ex’ Boa
Kleine Braune Fledermäuse
Der Wühlmauswald
Zwei schwarze Hunde
Regenfuchs
Tanzende Fliege
Tanzender Fuchs
Das Hirschkalb vom Panther Creek
Der letzte Tag in den River Cabins
Reptile Dysfunktion
Dr. und Mr. Frankenstein
Unendlicher Unfug
Wiesenstärling
Gefleckte Füchse
Wapitis und Dachse
Elefanten
Wale und Eisbären
Elstern
Fleckenkäuze
Sanddollars
Wiesen in Ocker und Fahlbraun
Dank
Zitate
Die Geschichten in diesem Buch sind aus der Erinnerung verfasst. Einige Namen, Orte und Eigenschaften von Personen wurden zum Schutz der Privatsphäre verändert. Manche Dialoge sind aus dem Gedächtnis rekonstruiert worden.
Für Fuchs
Ein doppelter Regenbogen war der Wendepunkt in meiner Beziehung zum Fuchs. Auf einer Joggingrunde wurde mir plötzlich klar, dass er in dieser rauen Umgebung nur wenige Jahre alt werden würde. Damals hielt ich es für vergebliche Liebesmüh, sich emotional an ein so kurzlebiges Geschöpf zu binden. Noch ehe ich wieder zu Hause war, erschien vor mir am Himmel ein Regenbogen. Ein Ende ragte aus einer Insel großer, toter Pappeln, deren zersplitterte, ineinandergreifende Kronen im grauen Himmel ertranken. Ich blieb stehen. Über den Pappeln wölbte sich ein zweiter Regenbogen. Wie viele Regenbogen hatte ich in diesem Tal schon gesehen? Hundert ganz locker, aber ich hielt jedes Mal inne und betrachtete sie. Und in diesem Moment begriff ich, dass ein Fuchs, genau wie ein Regenbogen oder irgendein anderes Geschenk der Natur, vollkommen unabhängig von seiner Lebensdauer einen Wert hatte. Wann immer ich mich von nun an fragte, warum ich einem Tier, das kaum länger zu leben hatte als einen Wimpernschlag, so viel Zeit widmete, dachte ich an die Regenbogen.
Zwölf Tage in Folge war der Fuchs nun schon an meinem Cottage aufgetaucht. Kaum berührte die Sonne die Hügelkuppe im Westen, legte er sich zwischen ein paar staubigen Grasbüscheln auf die Erde. Er steckte die Schwanzspitze unters Kinn, kniff die Augen zu und tat, als würde er schlafen. Ich saß auf einem Campingsessel, durch dessen Canvasstoff die harten Halme der Horstgräser piksten, schlug ein Buch auf und tat, als würde ich lesen. Wir waren nur zwei Meter voneinander entfernt, zwischen uns nichts als ein dürres Vergissmeinnicht. Ich weiß nicht, ob uns jemand sah – eine Spitzmaus, eine Wühlmaus, eine Gummiboa –, aber es fühlte sich an, als hätten wir die Welt für uns allein.
Am dreizehnten Tag zog ich mich wärmer als nötig an und setzte mich – gegen halb vier, auf jeden Fall vor vier – nach draußen, schob die wie im Gebet zusammengepressten Hände zwischen die Knie und tappte nervös mit den Füßen auf den Boden. Ich wartete auf den Fuchs und hoffte, dass er nicht kommen würde.
Mein Cottage lag am Ende einer zwei Meilen langen unbefestigten Straße in einem entlegenen Gebirgstal, sechzig Meilen von der nächsten größeren Stadt entfernt. Nicht gerade eine angemessene Wohnlage für eine allein lebende junge Frau. Die Straße war namenlos, deshalb hatte ich auch keine Adresse. Hier im Nirgendwo gab es für mich keine Möglichkeit, einer regulären Arbeit nachzugehen. Ich befand mich viele Meilen außerhalb der Reichweite von Mobilfunkmasten, und wäre ich von einer Klapperschlange gebissen worden oder beim Klettern auf den Felsen hinter dem Cottage unglücklich gestürzt, hätte niemand meine Hilfeschreie gehört. Aber so musste ich mich wenigstens gar nicht erst bemühen zu schreien.
Ich hatte dieses Stück Land drei Jahre zuvor gekauft. Früher hatte ich weiter oben im Tal gewohnt, in einer gemieteten Hütte, die der Besitzer »winterfest« gemacht hatte, was hieß, dass ich mit einem Daunenparka über dem Schlafanzug und Mukluks an den Füßen die Nächte ohne Erfrierungen überstand. Mehr konnte ich mir von dem Geld, das ich als Backcountry-Guide und Teilzeitdozentin von Exkursionsseminaren verdient hatte, nicht leisten. Dann wurde mir eine auf ein Jahr befristete Forschungsstelle an einer Uni angeboten, und man hätte denken sollen, dass ich die Gelegenheit, aus dieser Bude rauszukommen, beim Schopfe gepackt hätte. Nicht nur, weil ich mich beim Betreten der Dusche ducken musste, um nicht an die Eiszapfen zu stoßen, sondern auch, weil eine Postdoc-Stelle für mich als Biologin der nächste logische Schritt gewesen wäre. Aber ich packte den Schopf nicht sofort. Ich ließ die Universität warten, bis ich dieses Stück Land gekauft hatte. Dann erst nahm ich die Stelle an und mietete im Wohnheim der Uni, die hundertdreißig Meilen entfernt war, ein winziges Zimmer. Jedes Wochenende fuhr ich hierhin zurück, durch Schneestürme und über eisglatte Straßen, und schlug an einem kleinen Felsvorsprung mein Zelt auf. Wenn abends der Gaskocher zischte und die Heuschrecken mit einem leisen »Ping« gegen die straff gespannte Zeltwand hüpften, hatte ich das Gefühl, zu meinem Land zu gehören. Ich hatte noch nie das Gefühl gehabt, zu irgendwas zu gehören. Als die Stelle an der Uni auslief, zog ich mit Sack und Pack in mein Zelt und beauftragte ein Bauunternehmen, das Land zu erschließen und das Cottage zu bauen.
Von meinem Platz vor dem Cottage, wo ich auf den Fuchs wartete, hatte ich einen herrlichen freien Blick über mein Tal. Oft konnte man komplette Regenbogen sehen. Die hügeligen Wiesen unterhalb des Cottages waren zwar nie so grün, dass die Kobolde sich am Ende des Regenbogens hätten verstecken können, aber der Blick war ein fairer Ausgleich für ein Leben mit Klapperschlangen. Trotzdem war ich hin- und hergerissen. Selbst ein doppelter Regenbogen konnte nicht ersetzen, was die Stadt zu bieten hatte: die Möglichkeit, Menschen zu begegnen, Kultur zu erleben und einen echten, vernünftigen Job anzunehmen, der mich beschäftigt halten würde, so dass ich keine Zeit mehr hätte, einem Fuchs hinterherzujagen. Für meine Promotion hatte ich einiges auf mich genommen. Ich hatte in leer stehenden Gebäuden gehaust und in der Uni Fußböden gewischt. Im Gegenzug hatte ich lernen dürfen, dass nur wissenschaftliche Fakten zählen und wilde Füchse keine Persönlichkeit haben.
Als Fuchs auf mich zutrottete, erklang eine leise, bezaubernde Melodie wie aus meinem Lieblingsmärchen vom Rattenfänger. Sie wissen schon: Ein bunt gekleideter Fremdling erscheint in der Stadt und lockt die Kinder mit seiner Musik in ein Land voller schneebedeckter Berge und glitzernder Seen. Als der Fuchs sich neben mir zusammenrollte und die Augen zukniff, schlug ich mein Buch auf. Die Musik spielte weiter. Es war gar nicht der Rattenfänger. Es war nur ein Vogel – eine Drossel, die in der Ferne sang.
Seit dem Vormittag hatte der Fuchs im Schatten seines Lieblingsfelsens geschlafen. Jetzt weckten ihn die warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Er reckte das Hinterteil in den Himmel und die Nase in den Wind. Seine gestreckten Vorderläufe waren nackt wie eine neugeborene Maus. Das Fell war genau genommen nicht weg, es zeigte nur in die falsche Richtung. Er drehte den Kopf und stellte fest, dass der Wind seine Haare nach hinten wehte, wodurch die Haut an den Läufen freilag und gewärmt wurde.
Über die steinige Erde scharrten die schweren, zögerlichen Schritte eines trächtigen Mäuseweibchens. Als die Maus fast in Reichweite war, knackste ein Windstoß ein paar trockene Grashalme um, und das Geräusch war verschwunden. Wieselpipi! Und sein Tag hatte gerade erst angefangen. Unten auf der Alfalfa-Ebene war es windstill. Im Schatten der Sträucher wuselten die Mäuse dort in Scharen herum, und in den Hecken tummelten sich die Rebhühner. Aber nicht für ihn. Die Ebene gehörte seiner Mutter, und außer ihrem Gefährten und ihren gerade entwöhnten Welpen gestattete sie niemandem den Zutritt. Der Fuchs ließ sich von ihrem Verbot allerdings kaum beeindrucken. Er war jetzt ein Jährling und geschickt genug, um ihre Wachsamkeit zu testen. Deshalb standen Streifzüge ins verbotene Gebiet oft sogar ganz oben auf seiner Agenda.
Nun aber zog es ihn nicht ins Territorium seiner Mutter, sondern zum Haus mit dem leuchtend blauen Dach. Es lag am Hang oberhalb des Baus seiner Mutter und unterhalb seines eigenen. An die Nord- und Südseite drängten sich Wüstenbeifuß und Wacholder, und das Dach schien direkt auf dem Boden zu liegen. Es hatte eigentlich sogar Ähnlichkeit mit seinem eigenen Bau. Beide Behausungen schmiegten sich in dieselbe Bergflanke, den Strahlen der auf- und untergehenden Sonne ergeben. Beide blickten auf die Windungen des glitzernden Flusses und duckten sich vor dem kalten Nordwind.
Auf der Suche nach einem günstigen Weg zum Haus spähte er über den Abhang. Die Rinne war zwar laut, aber er war jetzt nicht in geheimer Mission unterwegs, und alles in allem war es die unkomplizierteste Strecke. Um dorthin zu gelangen, musste er über einen zugigen Grat. Der Wind schob eine gigantische Wolke auf den Rundhügel zu. Der Fuchs quetschte sich zwischen ein paar kinnhohen Kaktusblättern hindurch und hielt kurz die Luft an, damit die Dornen ihn nicht in die Brust piksten. Fairer Preis für eine gute Wolkenshow. Die Wolke prallte auf den Hügel und zerbarst. Genau nach Plan!
In der Rinne rasselten dicke Büschel mehrjähriger Gräser, die Halme bogen sich unter der Last der reifen Ähren. Die Grassamen, lang und dünn wie Fischgräten, blieben in seinem Fell hängen und stachen ihn in die Haut. Er machte an einem kleinen Rosenstrauch halt, um sich das Fell an den Dornen auszustreichen. Erleichtert trabte er den Hang hinunter und neigte sich dabei nach rechts und links wie ein mäusejagender Habicht im Gleitflug.
Kakteen, Windstöße, Grätensamen: Die Wohngegend war nicht optimal. Auf der Alfalfa-Ebene dösten die Faulpelzfüchse wahrscheinlich mit offenen Mäulern auf ihrer grünen Wiese und warteten nur darauf, dass irgendwelche Mäuse, die planlos über das kurze, weiche Gras irrten, sich blindlings in ihre spitzen Eckzähne stürzten. Das war eine optimale Wohngegend. Na ja, optimal für Füchse, die keine weiteren Ambitionen hegten, als Herrscher über ein Jagdgebiet voller geistesschwacher Mäuse zu sein.
Ich stopfte meine Therm-a-rest-Luftmatratze in eine Canvashülle, um sie als Campingsessel zu benutzen. Auf dieser Matratze hatte ich Hunderte von Nächten in der Wildnis verbracht, und wie ein Rennpferd, das sich am Ende seiner Karriere an den Reitsattel gewöhnen soll, bockte sie bei jedem Domestizierungsversuch. Egal, wo ich sie hinwarf, sie landete immer an einer ungünstigen Stelle. Fuchs trottete in den Schatten des Cottages und rollte sich flach wie ein Teppich auf dem Boden zusammen, nur zwei Meter von mir entfernt, zwischen uns nichts als dieses eine Vergissmeinnicht. Regungslos wartete er auf seinem bequemen Platz, während ich unsicher und schwankend auf dem weichen, wabbeligen Sessel herumzappelte. »Der kleine Prinz«, sagte ich und schlug ein Taschenbuch mit beschichtetem Einband auf, »von Antoine de Saint-Exupéry.«
Mein Leben hatte lange Zeit wie ein Stinktierschwanz ausgesehen: ein einziges Fragezeichen. Jetzt hatte ich mich entschieden, von hier wegzugehen, und die Frage war nicht mehr, was ich als Nächstes tun würde, sondern warum ich es nicht tat. Die Antwort, muss ich gestehen, hatte mit dem Fuchs zu tun.
Nach monatelangem Hin und Her hatten wir – der Fuchs und ich – inzwischen einen Status quo erreicht, mit dem wir uns beide wohlfühlten. Ich hatte mir keine Marschroute für die Zukunft überlegt, aber am Horizont zeichnete sich die Möglichkeit eines näheren Kennenlernens ab, und in wildem, offenem Gelände hat man den Horizont immer vor Augen.
»Der kleine Prinz bittet Saint-Ex, ihm ein Schaf zu zeichnen. Saint-Ex tut ihm den Gefallen, weil … na ja, Fuchs, ich glaube, es geht einfach um Höflichkeit.« Ich hatte mir angewöhnt, Fuchs etwas vorzulesen und mit ihm zu reden, und zwischendurch sah ich ihn immer fünfzehn Sekunden lang schweigend an. Diese Pause stellte seine Antwortzeit dar.
»Aber keines der Schafe gefällt dem Prinzen, also malt Saint-Ex ihm eine Kiste und sagt, dass das Schaf dadrin ist.« Ich zuckte die Achseln. »Es funktioniert. Ein unsichtbares Schaf in einer Kiste. Einfach so, Fuchs, es bleibt die ganze Zeit in der Kiste.« Dann war wieder fünfzehn Sekunden lang er dran.
Die Menschen kaufen sich alle möglichen Tiere, melden sie an, legen sie an die Leine und sperren sie in Käfige. Die Tiere leben in Kisten wie das Schaf des Prinzen. Und die Besitzer der Kisten können in den gefangenen Tieren sehen, was sie sehen wollen. Sie können ihre Kistentiere ganz nach Belieben vermenschlichen oder entmenschlichen.
Ich riss mit der bloßen Hand ein Büschel vertrocknetes Weizengras aus. Die Halme splitterten auf und bohrten sich in meine Handfläche. Fuchs starrte mich mit großen Augen an, während ich die verletzte Hand ausschüttelte. Wir hatten seine durchschnittliche Verweildauer von achtzehn Minuten schon fast erreicht. Er legte den Kopf in den Nacken und streckte mir mit einem herzhaften Gähnen seine radiergummiartige rosa Zunge entgegen.
Würden Sie achtzehn Minuten lang einer quakenden Ente zuhören? Einer muhenden Kuh? Einem bellenden Hund? Das gilt andersherum genauso. Wir Tiere erkennen und verstehen die Lautäußerungen unserer eigenen Art, die Äußerungen anderer Arten nehmen wir nur als Hintergrundgeräusch wahr. Wo wir »quak, quak, quak« hören, hören die meisten anderen nur »bla, bla, bla«.
Die meisten. Schon bevor ich den Fuchs kennenlernte, hatte ich die Vermutung, dass Rotfüchse eine Ausnahme sein könnten. Der russische Naturforscher Dr. Dmitri Beljajew hat fünfzig Jahre lang Rotfüchse gezähmt und sie dazu gebracht, auf menschliche Kommandos zu hören. Seine Experimente legen nahe, dass Füchse, ähnlich wie Hunde, verschiedene Äußerungen unterscheiden können. Sie sind also in der Lage, Laute wie sss, mmm, sch und so weiter auseinanderzuhalten. Wenn Beljajew recht hatte, konnte Fuchs meine Worte als solche wahrnehmen, aber nicht verstehen. So wie ich in der Oper.
Der Fuchs, der in keiner Kiste steckte, hörte immer noch der Geschichte zu, als plötzlich das Telefon klingelte. Ich versuchte, es zu ignorieren, aber ich besaß keinen Anrufbeantworter, und offensichtlich hatte hier jemand grenzenlose Geduld. Als es ungefähr ein Dutzend Mal geklingelt hatte, ging ich rein und nahm im Erdgeschoss den Hörer ab. Die Tür ließ ich offen, damit ich Fuchs im Auge behalten konnte. Es war Jenna, die Leiterin des Erwachsenenbildungsprogramms am örtlichen College. Das College war dreißig Meilen entfernt, und ich arbeitete dort etwa zehn Wochen im Jahr. Jenna wollte mit mir die Details meines geplanten Wildbiologiekurses besprechen. Aber was sollte ich jetzt mit dem Fuchs machen? Ich hatte ihn noch nie sitzengelassen. Immer war er derjenige gewesen, der unsere gemeinsame Zeit für beendet erklärt hatte. Er ging als Erster, das war unsere Regel. Und doch lag er noch da, sieben Meter entfernt, zu weit für Blickkontakt und in keiner Kultur der Welt nah genug für ein Gespräch, zog mit einer Pfote das blaue Vergissmeinnicht zu sich heran und rieb die Nase am gefangenen Stängel hin und her.
Um ihm zu zeigen, dass ich ihn nicht allein gelassen hatte, ging ich näher an die Tür, drückte den Hörer an die Schulter, damit Jenna nichts mitbekam, und sagte Fuchs, dass es nicht lange dauern würde und dass er warten solle. Als ich das Telefon wieder am Ohr hatte, wollte Jenna wissen, mit wem ich geredet hatte.
»Mit niemandem. Ich bin allein. Wie viele Leute habe ich im Kurs?« Fuchs ließ die gerupfte Blume los und suchte auf dem Boden nach einem Insekt, dem er Angst einjagen konnte.
»Habe ich dir das nicht gerade gesagt? Zweiunddreißig. Du hast also ein Haustier.«
»Habe ich nicht. Ich bin wirklich allein. Du weißt doch, dass ich manchmal Selbstgespräche führe und vor mich hin murmele.« Fuchs wandte den Kopf nach hinten, um zu sehen, ob vielleicht an seinem Schwanzende etwas Spannendes los war.
»Nein, bei deinen Selbstgesprächen murmelst du nicht.«
Als ich aufgelegt hatte, war Fuchs schon wieder mit Mausen beschäftigt, das hieß, er war auf der Jagd nach Mäusen und Wühlmäusen, zwei unterschiedlichen Arten, die allerdings aus halbwegs angenehmer Entfernung nicht auseinanderzuhalten sind. Fuchs war ein sehr guter Jäger und fing mehr, als er fressen konnte. Er verteilte seine Beute überall und war so zuvorkommend, auch den Bereich um meinen Campingsessel herum zu bedenken. Nachdem er mich eine Woche lang regelmäßig besucht hatte, errichtete ich um meinen Platz herum eine kleine Mauer aus Pflastersteinen zur Abgrenzung einer mausfreien Zone (MFZ). In der MFZ sollten keine verstümmelten, toten, stinkenden Mäuse vergraben und (zumindest in meinem Beisein) erst recht nicht wieder ausgegraben werden.
Fuchs sah das anders. Als er den ersten Kadaver in der MFZ begrub, deutete ich auf meine liliputanische Steinmauer und erklärte ihm, dass ich mumifizierte Nager nicht unbedingt bombig fand. Dann erklärte ich ihm die Bedeutung von bombig. Aber er merkte sofort, dass es jetzt langweilig wurde, und übersetzte meinen Sermon als »bla, bla, bla«. Obwohl das Mäuerchen also leider keinerlei Auswirkung auf Fuchs’ Verhalten hatte, erwies es sich eines Tages doch als ganz nützlich, weil es die Peinlichkeit der Tatsache, dass ein Fuchs bei mir ein und aus ging, ein wenig milderte.
»Da vorne auf Ihrem Weg gammelt eine halb verweste Maus vor sich hin.« Mit diesen Worten reichte der UPS-Fahrer mir meinen Monatsvorrat an Büromaterial.
»Schon wieder? Meine Güte. Dieses Tier …« Ich schüttelte den Kopf und betrachtete meine nackten Zehen. »Das geht schon eine ganze Weile so.« Ich sah den Fahrer an.
»Vielleicht … äh … ein Stinktier?«
»Ach nein, das ist Fuchs. Nur ein Fuchs.«
Wie alle Leute auf dem Land wusste ich mir zu helfen. Hier draußen holte niemand den Müll ab oder räumte den Schnee. Der Sheriff lebte dreißig Meilen entfernt. Jeder kümmerte sich selbst um sein Haus, seinen Garten und seine Straße. Nur die Post konnten wir uns leider nicht selbst zustellen. Die US-Postbehörde allerdings auch nicht. In dieser Einsamkeit war das anscheinend zu kompliziert. Der UPS-Fahrer scharrte mit dem Fuß, und eine dicke Staubwolke legte sich auf seine teuren Lederschuhe. »Die Viecher stinken und machen alles kaputt. Einen Fuchs würde ich niemals ans Haus lassen.«
Er schüttelte missbilligend den Kopf, und sofort zeigte ich auf die Steinmauer. »Ich lasse Fuchs auch nicht … also den Fuchs … den lasse ich auch nicht ans Haus. Auf keinen Fall.«
Als ich am nächsten Tag auf Fuchs’ Erscheinen um 16.15 Uhr wartete, musste ich an unser bevorstehendes Jubiläum denken. Fünfzehn Tage in Folge hatte ich ihm jetzt vorgelesen – auf ein Menschenleben umgerechnet entsprach das sechs Monaten. Auch vor ihm waren schon öfter mal Füchse hier aufgekreuzt, manche waren nur eine Minute von meiner Haustür entfernt zur Welt gekommen. Aber sie waren alle auf Distanz geblieben. Fuchs und ich dagegen hatten entgegen aller Wahrscheinlichkeit im Laufe vieler Monate und verschiedener, oft zufälliger Begegnungen eine Beziehung aufgebaut. Wir hatten etwas erreicht, und das musste gefeiert werden. Aber wie sollten wir es feiern?
Ich beschloss, ihm den Laufpass zu geben.
Mit Kaffeepulver aus einer roten Dose und kochendem Wasser goss ich eine Kanne Cowboykaffee auf, und während er zog, überlegte ich, wie ich den Fuchs loswerden konnte. Vielleicht würde er von ganz allein nicht mehr wiederkommen. Ich öffnete die Kühlschranktür. »Habe ich etwas als Zuneigung interpretiert, was in Wirklichkeit bloß Zufall war?«
Der Kühlschrank hatte weder eine Antwort noch viel Essbares zu bieten. Aber das brachte mich auf eine Idee. Ich schrieb eine lange Liste mit Einkäufen und Besorgungen, die mich bis weit nach 16.15 Uhr beschäftigt halten würden, und fuhr los. Der Supermarkt befand sich in einer Kleinstadt dreißig Meilen talabwärts, und ich musste meinen südlichen, blauen Himmel auf der Fahrt hinter mir lassen. Vor mir jagte ein Pulk weißer Wolken mit schwarzer Unterseite auf die Berge im Osten zu. Unten am Hang sorgten Angusrinder, lammende Schafe und struppige Pferde in den wandernden Schatten dafür, dass jede Meile, die ich zurücklegte, aussah wie die vorherige. Normalerweise las ich meine Position an den Biegungen des Flusses ab, die Zeit an den ziehenden Wolken und mein Glück an der Zahl der Steinadler, die ich entdeckte. (Sieben war der Rekord, vier oder mehr verdienten einen Tagebucheintrag.) Heute nicht.
Nun, da ich um 16.15 Uhr sein konnte, wo ich wollte, kehrte meine altbekannte Unruhe zurück. Ich fuhr viel zu schnell, um noch Adler zählen zu können. Eine breite, gerade Straße ohne Schlaglöcher und keine einzige andere Karre in Sicht. Ich ging in den fünften Gang, zog über die Mittellinie, um die leichte Schräge auszugleichen, und beschleunigte noch einmal. Diese innere Unruhe beherrschte mich: Ich war Quecksilber, Hg, Hydrargyrum, Zinnobererz, unmöglich zusammenzuhalten und nicht in der Lage, eine feste Form anzunehmen. Das Lenkrad vibrierte zustimmend.
Das Glück, mit einem Fuchs zu leben, kostete mich mehr, als ich ohnehin schon bezahlt hatte. Eine Woche zuvor hatte ich nach dem Einkaufen in der Stadt spontan im Fitnessstudio vorbeigeguckt. Der Einzige, der gerade Krafttraining machte, war Bill, ein Wissenschaftler, mit dem ich beim National Park Service zusammengearbeitet hatte. Ich erwähnte ganz nebenbei, dass mich »möglicherweise« ein Fuchs besuchte. »Solange du ihn nicht anthropomorphisierst«, erwiderte er. Es waren nur fünf Wörter und ein Zwinkern, aber ich schämte mich sofort in Grund und Boden und verkrümelte mich schnell wieder. Anthropomorphismus bezeichnet die völlig inakzeptable Manier, Tieren menschliche Eigenschaften anzudichten und beispielsweise Füchse in seine sozialen Kreise aufzunehmen. Klar, Tiere, die einem gehören, darf man vermenschlichen – ein Pferd, einen Habicht, sogar einen Skunk, den man an der Leine herumführt. Aber wilde Tiere zu anthropomorphisieren war für jemanden wie mich, die Naturkunde lehrte, peinlich und sehr uncool.
Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass wir zwischen uns Menschen und den wilden, in keine Kiste gesperrten Tieren einen riesigen Graben gezogen haben, so breit und tief, dass es töricht wäre, ihn zu durchqueren. Wer wilde Tiere vermenschlicht, macht sich zum Außenseiter und könnte genauso gut eine Univorlesung in Christopher-Robin-Shorts und weißen Rüschensöckchen halten. In beiden Fällen würde höchstens Winnie Puuh mit einem zu tun haben wollen.
Warum sollte man sich einer solchen Schmach aussetzen? Besser, man blieb auf der vorgesehenen Seite des Grabens. Ich war inzwischen so oft rein- und auf der anderen Seite wieder rausgeklettert, dass ich schon fix und fertig war. Manchmal war es weniger ein Hineinklettern als vielmehr ein Fallen. Bildete ich mir nur ein, dass Fuchs einen eigenen Charakter hatte? Meine Vorstellung von Anthropomorphismus veränderte sich, je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte. Damals, am Anfang unserer Beziehung, war ich eigentlich nur voller Neugier.
Ich hielt ein paar feste weiße Champignons in der einen Hand und angelte mir mit der anderen eines dieser dünnen Plastiktütchen. Dabei fiel mein Blick auf die Timex-Uhr innen an meinem Handgelenk. In einer Dreiviertelstunde war es 16.15 Uhr. Der Fuchs! Das Treffen mit einem Fuchs, den ich eigentlich loswerden wollte, erschien mir plötzlich sehr viel wichtiger als eine Handvoll Pilze, für die ich sechzig Meilen mit dem Auto hin- und herfuhr. Ich schüttelte die Tüte ein paarmal, aber sie ließ sich nicht öffnen, und so stopfte ich die Pilze irgendwo zwischen die Orangen zurück ins Regal und schob meinen vollen Einkaufswagen zur Kasse. Ich überschlug gerade, wie viel Zeit ich für eine Spießrutenfahrt durch ein Rudel Weißwedelhirsche auf einer zweispurigen Straße brauchen würde, als ich merkte, dass ich irgendwie an der leeren Expresskasse gelandet war. Hinter mir kam ein Cowboy angerollt. Die Kassiererin warf einen Blick in meinen Wagen, zog die Augenbrauen hoch, lächelte und schwieg. Eigentlich hätte sie mich fragen müssen, ob ich alles gefunden hatte, was ich brauchte; aber viel lieber hätte sie mich wohl gefragt, ob ich bis acht zählen konnte.
»Ja danke«, beantwortete ich die nicht gestellte Frage, »aber leider musste ich in letzter Sekunde ein paar Pilze über Bord werfen.«
Sie runzelte die Stirn und verdrehte die Augen.
Ich zog mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. »Schade um die Pilze«, sagte ich, während ich nach dem Geld kramte. Dann drehte ich mich zum Cowboy um und stellte fest, dass er ungefähr hundertzehn war.
»Ach herrje. Nur ein paar kleine Bananen.« Ich beugte mich über seinen Einkaufswagen. Nichts. Wirklich nur Bananen. »Dafür hätten Sie doch gar keinen Einkaufswagen gebraucht.«
»An irgendwas muss ich mich ja festhalten«, erwiderte er, »während ich hier warte.«
Einen Moment lang überlegte ich, ob seine Bemerkung wohl eine versteckte Botschaft enthielt. Ich erkannte sie schließlich in seinem versteinerten Blick. Der Cowboy erwartete eine Entschuldigung. Erst als ich schon wieder halb zu Hause war, ging mir auf, dass er sauer war, weil ich mich an der falschen Kasse angestellt hatte. Ich hasste es, wenn ich soziale Hinweise nicht kapierte. Bei jedem Hinweis, den ich zu spät mitbekam, sorgte ich mich, dass ich gleich mehrere andere komplett verpasst hatte.
Aber ich sorgte mich noch mehr, nicht zu Hause zu sein, wenn der Fuchs vorbeikam. Er war ein ungeladener Gast, deshalb durfte ich ihn nicht warten lassen. Das ist anders als bei geladenen Gästen, die – so vermute ich – im Wissen, willkommen zu sein, über eine kleine Unpünktlichkeit des Gastgebers problemlos hinwegsehen. Geladene Gäste rufen fröhlich »Hallöchen, Popöchen!« und treten einfach ein, ohne abzuwarten, ob »Popöchen« überhaupt zu Hause ist. Dann schlendern sie zum Kühlschrank und holen sich einen Drink. Ungeladene Gäste dagegen sind heikel, und man muss sie unbedingt pünktlich begrüßen, damit sie sich in ihrem ambivalenten Status nicht unbehaglich fühlen. Am schwierigsten ist ein ungeladener Gast, der sehr wohl weiß, dass er erwartet wird.
In vierzig Minuten würde ein Rotfuchs in begründeter Erwartung meiner Gastfreundschaft an meinem Cottage erscheinen. Wenn ich nicht da war, würde er mit der Pfote über die Erde kratzen, Witterung aufnehmen und beschäftigt tun, bis sein sehr geringes Maß an Geduld und Selbstbeschränkung voll wäre. Dann würde er tief beleidigt wieder abziehen. Aber das war einem hundertzehnjährigen Cowboy, der sich auf einen Einkaufswagen mit fünf Bananen stützte, natürlich nicht klarzumachen.
Als ich in die Einfahrt bog, ließ ich den Blick über den breiten Hügel hinter der Querrinne am Hang schweifen. Auf seiner Kuppe thronte ein abgeflachter, keck nach Norden geneigter Felsen mit vertikaler Wand, der aussah wie ein eleganter Pillboxhut. Auf einem schattigen Felsvorsprung in der Wand hob ein Steinadler von seinem Horst ab. Ich rannte ins Obergeschoss, stützte mich auf die Fensterbank und suchte den Fuchs. Als ich seine Schwanzspitze im Weizengras entdeckte, hielt ich das Fernglas auf ihn gerichtet, als wäre er ein Raufußhuhn vor meiner 20er Flinte. Jeder Jäger lernt das Vorhalten, eine Technik, mit der man Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit des Tieres abschätzt und den Lauf, das Visier oder das Fernrohr minimal vor das bewegliche Ziel richtet. Fuchs im Blick zu behalten war nicht schwer. Sein Schwanz tanzte unverfroren die Falllinie hinunter. In meinem Collegelehrbuch stand geschrieben, dass wilde Tiere ihren natürlichen Feinden instinktiv aus dem Weg gehen. Für einen Durchschnittsfuchs mochte das vielleicht gelten, dieser spezielle Fuchs jedoch ging dem Steinadler ganz und gar nicht aus dem Weg – im Gegenteil, er sprang quasi zu den Klängen der Wilhelm-Tell-Ouvertüre den Hügel herab.
Als der Steinadler sich in die Luft schwang, spazierte dreißig Meter unter ihm ein winziger Fuchs die Querrinne hinunter. Kurz bevor er das Haus mit dem blauen Dach erreichte, schloss sich rumpelnd das Garagentor, und er bog schnell auf die einzige offene Route zum Fluss ab, einen mit Pappeln gesäumten Feldweg neben einem kleinen Bach. Auf einer Seite des Baches erstreckte sich ein Alfalfa-Feld, blank und grün wie ein Fasanenhals. Auf der anderen Seite lagen trockene Hügel, staubig und fleckig wie ein Fasanenschwanz.
Jenseits des Flusses gingen die Felder in sanfte Anhöhen über, die Anhöhen wuchsen zu Wäldern, die Wälder schmiegten sich an steile Felsen, die Felsen duckten sich unter schneebedeckten Gipfeln. Dahinter dehnten sich endlose Bergketten. Wo die Berge endeten oder ob sie überhaupt ein Ende hatten, konnte der Adler nicht wissen. Er sah den Fuchs zwischen den dicken, blattlosen Weiden am Ufer verschwinden und flog flussaufwärts zu den Wiesen, auf denen neugeborene Lämmer als weiße Pünktchen herumhüpften.
Der Fuchs kroch durch die Büsche, bis er mit den Vorderpfoten im Wasser stand. Mitten im Fluss glänzte eine neu entstandene Sandinsel in der Sonne. Der Fuchs konnte schwimmen, aber er tat es nicht sonderlich gern. Außerdem führte der Fluss gerade viel Wasser, und wenn er so trübe und breit dahinrauschte, riss er die schmalen Rinnen, kleinen Landzungen und steinigen Untiefen des letzten Herbstes mit sich. So würden selbst die Elche ihn nicht durchqueren. Und heute? Heute wartete vielleicht jemand auf ihn.
Später sah der Adler vor dem Haus mit dem blauen Dach zwei Tiere: einen Fuchs, der nach Westen zu den Beifußhügeln lief, und eine junge Frau, die sich in Richtung Osten auf den Fluss zubewegte. Als er tiefer flog, erkannte er, dass sie nicht in unterschiedliche Richtungen gingen – die beiden Tiere gingen aufeinander zu.
Ich ließ den Kleinen Prinzen und meinen Eistee neben dem Campingsessel stehen und machte mich auf die Suche nach Fuchs. Ich entdeckte ihn unterhalb des Cottages, auf dem Pfad, der vom Fluss heraufführt. Von dort konnte er entweder weiterlaufen und mir aus dem Weg gehen oder den Pfad verlassen, um mich hügelaufwärts an unserem Stammplatz zu treffen. Ich marschierte direkt auf ihn zu, stolperte über Erdhaufen und in Kuhlen, die die Stinktiere gegraben hatten, stieß mir die Zehen an melonengroßen, dreckverkrusteten Steinen und kämpfte mich durch hüfthohe Erbsensträucher. Kletten und Kleeranken verfingen sich in meinen Schnürsenkeln. Als er noch etwa neun Meter von mir entfernt war, blieb er stehen und beobachtete mich. Wäre ich den Hindernissen ausgewichen, statt direkt auf ihn zuzugehen, hätte ich einen zwitschernden Wiesenstärling betrachtet oder mich gebückt, um ein Unkraut auszureißen, dann hätte er nicht verstanden, dass ich ihm entgegenkam. Am Rand der Wiese hockte ich mich hin wie ein Frosch, die Arme um den Oberkörper geschlungen, die Brust zwischen den Knien. Er sah, dass ich wartete, und begab sich zu seinem üblichen Platz neben dem Vergissmeinnicht. Ich folgte ihm.
Ich las da weiter, wo wir am Tag zuvor aufgehört hatten. Nach zwei Absätzen hielt ich ihm das Buch hin und zeigte ihm einen Prinzen mit blonden Stachelhaaren. Dann fasste ich für ihn zusammen: »Der kleine Prinz lebt auf einem Asteroiden, das ist ein Miniplanet. Auf diesem Planeten wächst eine einzige Blume – eine Rose. Sie ist eitel. Ihre Blütenblätter …« – ich schob eine flache Hand nach vorn wie eine 737 beim Start (nur um die Sache zu verdeutlichen) – »… sind ganz glatt. Wie geliftet. Keine einzige Falte. Ja, Fuchs, ich weiß.« Ich nickte. »Aber der Prinz liebt die Rose.« Im heißen, trockenen Wind zog sich meine Kehle zusammen, bestimmt bekam ich mal wieder eine Halsentzündung.
Wie alle Kulturrosen war die Rose des Prinzen sehr anspruchsvoll. »Sie ist schon total vollgesogen« – ich hielt einen imaginären Wasserball in die Höhe – »und möchte trotzdem … und verlangt trotzdem noch mehr Wasser vom kleinen Prinzen.« Ich warf den Wasserball über Fuchs hinweg und griff nach dem schwitzenden Glas Eistee neben mir. Fuchs folgte dem Glas mit den Augen. Als er erschreckt zusammenzuckte, stellte ich das Glas zurück, ohne zu trinken. »Er poliert ihr den einzigen Dorn, nur damit die eitle Blume glücklich ist.«
Fuchs starrte mich an und blinzelte ab und zu. Ich räusperte mich, ließ ihn nicht aus den Augen, zählte im Kopf fünfzehn Sekunden ab, nicht zu schnell, und räusperte mich noch einmal. »Ich weiß, was du denkst, Fuchs. Die Rose liebt den Prinzen nicht. Er verschwendet seine Zeit.«
Fuchs setzte sich auf und legte in hundetypischer Neugierhaltung den Kopf schief. Das ermutigte mich, mit meiner Zusammenfassung weiterzumachen. Ich deutete auf die einzelne Blüte des Vergissmeinnichts und erklärte, dass eine Rose genau wie das Vergissmeinnicht eine Pflanze ist: ein kleiner, ortsgebundener, autotropher Organismus mit kurzer Lebensdauer und beschränkten emotionalen Kompetenzen.
»Damit erübrigt sich die Frage, ob die Rose wirklich verliebt ist, Fuchs.«
Ich schwieg und zählte. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er meine letzte Bemerkung zu flapsig fand, also ging es weiter mit meinem Resümee. »Der Prinz verlässt seinen Planeten, reist durch das Universum und landet schließlich auf der Erde. Dort wandert er durch die Sahara.« Ich erzählte Fuchs, wie der Prinz auf Saint-Exupéry trifft, der im Wahn durch die Wüste irrt und sowohl sein kaputtes Flugzeug als auch die Beziehung zu einer Frau, von der er sich getrennt hat, kitten will. »Diese Frau ist verwöhnt und eitel, genau wie die Rose.«
Als ich Fuchs aus dem Kleinen Prinzen vorlas, waren fünfzig Millionen Exemplare des Buches im Umlauf. Man konnte es in hundertsechzig Sprachen lesen. Der Autor, Flugpionier Antoine de Saint-Exupéry, hatte davor schon den Roman Nachtflug veröffentlicht, einen internationalen Bestseller, für den er den Prix Femina erhielt, sowie Wind, Sand und Sterne, einen Erlebnisbericht, den die National Geographic Society zum drittbesten Abenteuerbuch aller Zeiten kürte. Zu Saint-Ex’ Glanzzeit in den 1930ern und 40ern rollten ihm der Geldadel und die kulturelle Elite auf der ganzen Welt den roten Teppich aus.
Er aber hielt sich lieber an unwirtlichen Orten auf. In der Sahara zum Beispiel. Saint-Ex konnte gut und gerne auf die Zivilisation verzichten und hatte zeit seines Lebens ein zwiespältiges Verhältnis zu ihr. Obwohl er äußerst kultivierte Menschen aus vielen Ländern kannte, unterhielt er sich lieber mit Affenbrotbäumen, Rosen, Füchsen oder Gott.
Soll das heißen, er hat Selbstgespräche geführt?
Nein. Es soll heißen, er hat sich mit Affenbrotbäumen, Rosen, Füchsen und Gott unterhalten. Wahrscheinlich hat er auch Selbstgespräche geführt. Die Menschen, Pflanzen und wilden Tiere, mit denen er sich beschäftigte, waren allesamt Sonderlinge, aber falls ihnen das überhaupt bewusst war, scherte es sie nicht im Geringsten. Sie hatten schiefe Frisuren, welke Blätter, zerknitterte Hosen oder Mäuseschwanzreste an den Lefzen. Gesellschaftliche Fassaden waren Saint-Ex egal. Er war gerne mit Menschen zusammen, die offen für den Zauber der Phantasie waren – wie Kinder. Deshalb prüft er in seinem Buch potenzielle Freunde, indem er ihnen eine Kinderzeichnung von einem wilden Tier zeigt und sie fragt, was sie sehen. Alle antworten, ohne zu zögern: Das wilde Tier ist ein Hut.
In Wirklichkeit aber ist der Hut eine Boa constrictor, die gerade einen Elefanten verdaut. Einzig der kleine Prinz erkennt das, obwohl er ein Außerirdischer ist. Anders ausgedrückt, Saint-Ex – der französische Kriegsheld und furchtlose Forschungsreisende in der Sahara – hatte imaginäre Freunde.
1935 stürzte Saint-Ex mit seinem einmotorigen Flugzeug über der Sahara ab. Er konnte sich aus dem Cockpit retten und war in der Lage zu laufen, hatte aber keine Nahrungsmittel, kein Wasser und keine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Er war, wie er es selbst nannte, ein »Gefangener des Sandes«. Im Angesicht des Todes begann er, die Überlebensstrategien von Tieren zu beobachten. An den Fährten der Füchse las er ihr Verhalten ab – wann sie jagten, wann sie fraßen, wann sie sich paarten. Irgendwann fand er ihren Bau. Er hätte sich retten können, indem er einen Fuchs tötete und sein Blut trank. Aber das tat er nicht. Stattdessen dankte er den Füchsen in seiner Todesstunde für ihre Freundschaft.
Schließlich wurde er von Nomaden gerettet. Saint-Ex überlebte die Wüste, nicht aber den Zweiten Weltkrieg; 1944 stürzte er mit seinem Aufklärungsflugzeug, einer Lockheed P-38 Lightning, über dem Mittelmeer ab.
Nach der Jagd lag der Fuchs lang ausgestreckt auf dem Schotter der Einfahrt, Bauch nach unten, Schultern und Vorderläufe nach hinten gestreckt, Pfotenballen nach oben. Der Wind blies sein graues Fellkreuz – den Rücken hinunter und quer über die Schultern – gegen den Strich, so dass er dreifarbig aussah. Als er sein Sonnenbad beendet hatte, wanderten wir zu seinem Bau. Dabei vermied er den ausgetretenen Pfad, um nicht gegen die Sonne laufen zu müssen. Als ich mich verabschiedete, war er schon in seinem Fuchsbau verschwunden. Ich erklärte ihm noch, dass ich im Yellowstone einen Wildbiologiekurs geben musste, aber in einer Woche spornstreichs wieder zurückkommen würde.
Als ich am nächsten Tag vor die Kursteilnehmer trat, war ich heiser. »Hab meinem Besuch einen Keks ans Knie gelabert«, erklärte ich ihnen. Zum Glück fragte niemand, ob mein Besuch zurückgelabert hatte, denn Fuchs, der Kleinste und Schwächste aus seinem Wurf, war stumm. Wenn er das Maul aufmachte, kam nur ein dünner Laut heraus – quah –, wie der letzte Seufzer einer sterbenden Ente.
Der Kurs fand im Ferienresort River Cabins statt. Wir waren in glänzend lackierten Blockhütten untergebracht, die als Doppelhäuser in einem Halbkreis standen, jeweils umgeben von einer frisch gemähten Rasenfläche. Eine Lodge mit hoher Decke und Fenstern ringsum diente als Hörsaal und Speiseraum. Über die Rasenflächen gelangte man zum steinigen Flussufer, wo Sandbankweiden mit rotbraunen Stämmen im kleinsten Windhauch erzitterten. Vor den Hütten: breite Holzterrassen. Drinnen: rustikale Kiefernholzmöbel, Sitzpolster mit Fellmuster, Fernseher und zweiunddreißig Erwachsene, die ihr naturkundliches Wissen erweitern wollten.
Nach dem Abendessen zeigte ich Folien von Wildtieren und erzählte von den drei Arten, die man direkt von den Hütten aus beobachten konnte: Gabelböcke, Rocky-Mountain-Wapitis und Bisons. Ich begann mit einer Geschichte von einem Gabelbockharem. Die Weibchen stehen dicht aneinandergedrängt und grasen friedlich, da rennt plötzlich eines wie der Blitz davon in die Freiheit. Das Männchen jagt ihr hinterher und treibt sie zu seinem Harem zurück. Sofort büxt ein zweites Weibchen aus. Der Bock holt auch sie zurück. Während die zweite Ausreißerin wieder anfängt zu grasen, flieht ein drittes Weibchen. Ich zeigte das Bild eines Gabelbocks, der keuchend in die Kamera blickt. Seinen Gesichtsausdruck beschrieb ich als »völlig genervt«, was unterdrücktes Gelächter hervorrief. Schnell ging ich zu den Wapitis über.
Eine Gruppe von Wapitikühen liegt im Kreis, die Hinterteile in der Mitte, die Köpfe erhoben. Von oben aufgenommen sehen sie aus wie die Speichen eines Wagenrads. Auf einem anderen Bild liegen zwei Wapitibullen Hinterteil an Hinterteil im Schnee und halten 360-Grad-Wache in einem Gebiet, in dem es von Wölfen wimmelt. Auf dem nächsten Bild sieht man Wolfsspuren rund um den blutigen Kadaver eines Wapitibullen. »Männchen werden öfter von Wölfen gerissen als Weibchen. Und selbst wenn es keine Wölfe gibt, leben die Bullen nicht so lange wie die Kühe. Warum?« Ein paar Kursteilnehmer rührten sich. Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Mit dem Witz braucht ihr gar nicht erst zu kommen. Den habe ich schon so oft gehört: Warum sterben Männer vor ihren Frauen?« Ich machte eine Kunstpause vor der abgedroschenen Pointe: »Weil sie es wollen.« Ich erklärte ihnen, dass die Kühe älter werden als die Bullen, weil es Säugetiere sind. Bei Säugetieren hat das Geschlecht, das sich um die Aufzucht der Jungen kümmert, eine längere Lebenserwartung. Ich kehrte zu den beiden Bullen zurück. Auf dem nächsten Bild sah man, wie einer von ihnen seine Pflicht vernachlässigt. Statt nach Wölfen Ausschau zu halten, hat er den Kopf in den Schnee gelegt und ist eingeschlafen. »Männchen zeigen Verhaltensweisen«, erklärte ich, »die evolutionär nicht stabil sind.« Sie lachten über meine Interpretation, weil sie dachten, ich redete über Menschen. Am nächsten Tag sahen wir auf einer Straße an einer hundert Meter tiefen Felsschlucht einen Motorradfahrer ohne Helm, der mit seiner Kawasaki in einer unübersichtlichen Kurve über eine doppelt durchgezogene Linie raste, um ein Wohnmobil zu überholen. Nach einer kollektiven Schrecksekunde ertönte ein Chor von Stimmen: »Evolutionär nicht stabil.«
Die letzte Geschichte handelte von einer kleinen Bisonherde, die durch ein Gebiet mit dünn zugefrorenen Tümpeln wandert. Eine ausgewachsene Bisonkuh bricht auf dem Eis ein und versinkt im kalten Wasser. Sie taucht wieder auf, paddelt zurück an den Rand, kämpft sich mit den Vorderbeinen aufs schneebedeckte Ufer und windet das Hinterteil wie eine schwarze Python, um sich wieder an Land zu ziehen. Sie hat es fast geschafft, aber dann rutscht sie mit einem lauten Schnaufen wieder zurück. Eine andere Kuh steht drei Stunden lang am eisglatten Ufer und hält Wache, bis die eingebrochene Kuh schließlich ertrinkt. Ich fragte den Kurs, ob die Kuh, die Wache hält, loyal ist oder einfach nur dumm.
Ich dozierte, während die Kursteilnehmer sich raschelnd Notizen machten; ich zeigte Folien, während sie die Köpfe zusammensteckten und tuschelten; ich machte eine Pause, wenn sie husteten oder niesten. Nach jeder Frage, die ich stellte, zählte ich bis fünfzehn. Außer bei diesen gelegentlichen Vorträgen hatte ich mein Leben lang fast nur mit mir selbst oder überhaupt nicht geredet.
In Gesprächssituationen – und erst recht in Gruppengesprächen – habe ich mich schon immer unwohl gefühlt. Deshalb versuchte ich, die Nebengeräusche im Vortragssaal auszublenden und mich nur auf meinen eigenen Rhythmus zu konzentrieren: auf die Geschichten, die ich erzählte, langsam und ruhig, auf die Pausen für Fragen und die hastigen, abgehackten Antworten. Die Frage nach der Wache haltenden Bisonkuh wollte niemand beantworten, aber ich war trotzdem zufrieden mit meinem Vortrag, weil ich immerhin daran gedacht hatte, keine Ausdrücke wie »spornstreichs« zu benutzen.
»Ich bin eine A-cappella-Sängerin«, erklärte ich Fuchs, als ich wieder zu Hause war, »die in einer Jazzband gelandet ist.«
Nach dem Vortrag begleitete eine Kursteilnehmerin mich zu meiner Hütte und fragte mich nach meinen Haustieren.
Aufgewachsen war ich ohne Haustiere. Nach dem College hatte ich ein unstetes Leben geführt und lauter Jobs wie diesen gehabt, so dass ich immer viel unterwegs gewesen war. Und jetzt, da ich Zeit mit Fuchs verbrachte, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, jemals ein Tier besitzen zu wollen.
»Nein, keine Haustiere«, sagte ich und schüttelte den Kopf. Dann ging mir auf, dass sie das wahrscheinlich unnormal finden und nachfragen würde. »Zumindest im Moment nicht«, fügte ich hinzu, als wir vor meiner Hütte standen.
»Das ist komisch, dass du kein Haustier hast.«
Ich fummelte mit dem Schlüssel im Schloss herum, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. »Echt? Wieso komisch?«
»Ein paar von den Bildern …«, sagte sie. »Ich dachte schon, gleich nennst du den kleinen Kerl Foxie.« Dann drehte sie sich um und ging im Dunkeln zu ihrer eigenen Hütte.
Foxie? Als wäre er ein Schoßhund. Als wäre ein Fuchs vor der Haustür dasselbe wie ein Terrier in einer Schottenkarojacke oder ein Papagei, der nach Crackern fragt.
Bei meinem Vortrag hatte ich über den Fuchs gesprochen wie über jedes andere wild lebende Tier, das mir zufällig irgendwo vor die Kamera lief. Ich hatte keinerlei Hinweis gegeben, dass ich eine besondere Beziehung zu ihm hatte. Wie hatte sie es bloß gemerkt? Wie konnte sie in einem zweistündigen Vortrag mit unzähligen Tierfotografien das eine Tier erkennen, das anders war als die anderen? Es waren überhaupt nur zwei Bilder von Fuchs dabei gewesen, und sie hatten sich in Perspektive und Entfernung nicht von denen der anderen Tiere unterschieden. Aber im Gegensatz zu den anderen posierte Fuchs, er war der Star auf dem Bild, während ich über die Wechselbeziehung zwischen Wölfen, Füchsen und Kojoten referierte. Fuchs blickte geheimnisvoll in die Kamera, ein bisschen wie die Frau auf dem berühmten Gemälde von Leonardo da Vinci. Ich hatte gehofft, dass die Kursteilnehmer ein ernstes, wildes Tier sahen, wo ich ein drolliges sah. Genau wie das berühmte Modell saß auch Fuchs im Dreiviertelprofil vor einer Landschaft mit Bergen, Hügeln und einem Fluss. Aber anscheinend waren meine Bilder von ihm überhaupt nicht mysteriös. Er war überführt worden – nicht als wildes Tier oder als Mona Lisa, sondern als Haustier.
Bestimmt lag es einfach nur daran, dass ich nicht Leonardo war.
Beim Frühstück tauschten Jenna und ich Neuigkeiten aus und besprachen die Logistik: Wie lang waren die Wanderstrecken, wann fuhren die Busse, würde es regnen, und wie viel Zeit verwendeten normale Menschen darauf, mit Füchsen zu reden? Von meinem Fuchs erzählte ich ihr aber nichts. Als der Bus kam, der uns in den Yellowstone-Park bringen sollte, hatten wir nicht mal unsere Cornflakes geschafft.
»Mit Füchsen reden?«, fragte Jenna, während sie die Sandwichtüten in der Kühlbox mit Namen beschriftete. »Das machen normale Leute eigentlich eher selten.« Ich war gar nicht darauf aus, mich normal zu verhalten; ich wusste nur ganz gerne Bescheid, wie normale Leute so drauf waren.
Auf der Busfahrt erzählte ich ihr ein bisschen was vom Fuchs, von den Fotos und von der »Foxie«-Bemerkung. Sie schlug mir vor, dem Kurs mein Verhältnis zu Fuchs zu erklären. Bloß nicht. »Vielleicht ist sie die Einzige, die es bemerkt hat«, sagte ich. »Vielleicht hat diese Frau einen sechsten Sinn.«
»Hat sie nicht.«
Meine soziale Intelligenz war zwar nicht wahnsinnig ausgeprägt, aber mir war schon klar, dass es unter erwachsenen Menschen und insbesondere unter Wissenschaftlern nicht gerade üblich war, wilden Füchsen eine individuelle Persönlichkeit zuzusprechen. Ich erinnerte Jenna an den Erzähler aus dem Kleinen Prinzen, an seine Zeichnung der Boa constrictor und an seine Erkenntnis, dass die Leute manche Dinge einfach nie verstehen werden. Dinge wie meine Beziehung zu einem wilden Fuchs.
»Aber das ist doch dein Job. Mit Leuten reden. Sachen erklären.«
»Saint-Exupéry schreibt, dass es ermüdend ist, Leuten Dinge zu erklären, die sie sowieso nicht verstehen. Deshalb hat er andere Menschen einfach ignoriert.«
»Meinst du nicht, dass das ein einsames Leben ist?«
»Er war aber gar nicht einsam. Er hatte ja den kleinen …«
»Ich weiß schon, was du meinst«, unterbrach sie mich. »Aber was ist mit dir? Hast du nicht schon genug imaginäre Freunde?«
Als ich an diesem Abend wieder in meiner Blockhütte war, drehte ich den großen Lehnsessel vom Fernseher zu den Glasschiebetüren. Mir war klargeworden, dass ich meine Beziehung zu Fuchs nicht geheim halten konnte. Ein Mensch, der allein sein möchte, kann sich keine Geheimnisse leisten. Wenn die Leute merken, dass man etwas vor ihnen verbirgt, lassen sie einen nicht in Ruhe. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich die Sache mit Fuchs erklären sollte.
Ich schnappte mir mein Notizbuch und meinen dicken Sieben-Dollar-Kuli, ließ die Beine über die Armlehne des Sessels baumeln und überlegte, wie ich es anstellen konnte. Fang vorne an. Ich versuchte, mich zu erinnern, seit wann Fuchs und ich mehr waren als zwei herumstreunende Tiere, die sich zufällig über den Weg liefen. Ich schrieb »April«, aber dann ging mir auf, dass es in unserer Beziehung gar kein »Aha!«-Erlebnis gegeben hatte. Ausrufezeichen? Fehlanzeige. Vielleicht war die Beziehung so selbstverständlich gewachsen, dass es sich einfach ganz normal angefühlt hatte, oder so schnell, dass ich vor Verwirrung nicht richtig hatte denken können. Ich strich »April« durch und schrieb »März«. Dann schloss ich die Augen und lauschte auf die Geräusche des Flusses, hörte aber nur den Fernseher und die Stimmen des Ehepaars aus der Nachbarhütte. Und strich »März« wieder durch. Ich hatte in meinem ganzen Leben weder einen Fernseher noch einen Ehepartner besessen, und ich hatte keine Ahnung, wie ich meinen Fuchs so verständlich darstellen sollte, dass niemand ihn für einen Hut halten würde.
Auf der Exkursion am nächsten Tag blies uns der Wind heiß wie ein Föhn ins Gesicht. Abends stieg drückende Feuchtigkeit vom breiten Fluss herauf und lockte mich auf die Terrasse, aber wegen Myotis lucifugus – der Kleinen Braunen Fledermaus – blieb ich in der Nähe der Schiebetür. Niemand kriegt gerne eine Ohrfeige von einer Fledermaus.
Lucifugus bedeutet lichtscheu, wie bei Luzifer, El Diablo. Die kleinen Teufel leben in Höhlen, aber sie fliegen auch gerne heimlich in hohe, dunkle Lodges und flattern wie Flipperkugeln zwischen den Deckenbalken hin und her. Wenn sie in unseren Hörsaal eindrangen, teilte ich mit Frotteehandtüchern wilde Peitschenhiebe aus. Aber aus dem Kopf verscheucht man Fledermäuse nicht so leicht. Sie sind unheimlich. Garantiert lebten in diesen Terrassenfledermäusen die Geister irgendwelcher Höhlenwesen. Ich hatte zwar noch nie einen Geist gesehen und war seit Jahren in keiner Höhle mehr gewesen, aber das war egal. Geister sind nun mal nicht rational.
Ich ging wieder nach drinnen, setzte mich seitwärts in den Sessel mit dem Cowboymotiv und trommelte mit dem hinteren Ende des Sieben-Dollar-Kugelschreibers auf mein Notizbuch. Man bekam überall Kugelschreiber geschenkt, die gar nicht schlecht waren, und selbst für etwas bessere musste man nicht viel Geld hinlegen. Ich besaß ein Haus und hätte haufenweise billige, geschenkte Kulis horten können. Aber ich brauchte die Gewissheit, dass mein gesamter Besitz in mein Auto passte. Deshalb hatte ich nur einen einzigen, guten Pilot-Kugelschreiber. Das Notizbuch war bis auf ein paar durchgestrichene Wörter leer, aber ich sah sowieso nicht auf die Seiten. Der Fluss führte Hochwasser und rauschte durch die Weiden hinter meiner Terrasse.
Es war Zeit, darüber nachzudenken, wie meine Beziehung zum Fuchs angefangen hatte und warum wir uns jeden Tag um 16.15 Uhr trafen. Denn eigentlich war das für uns beide unangenehm und ziemlich ungewöhnlich. Füchse vermeiden normalerweise den Kontakt zu Menschen, Freigeister vermeiden normalerweise feste Verabredungen, und jeder, der nicht unterbelichtet ist, vermeidet es normalerweise, wilde Tiere zu vermenschlichen.
Ich wollte daran glauben, dass der Weg, der Fuchs und mich zu unseren täglichen Treffen geführt hatte, logisch und unvermeidlich gewesen war. Ich beschloss, dass ich diesen Weg aufzeichnen konnte und malte mit ein paar Strichen zwei kleine Figuren in mein Buch: links unten eine mit Baseballkappe und rechts unten eine mit spitzen Ohren. Von beiden zog ich eine Linie zur Mitte der Seite. Dort trafen sie sich und führten als gemeinsame Linie weiter nach oben. Rechts und links flankierte ich die Linien mit einander überlappenden gleichschenkligen Dreiecken als Symbol für unüberwindbare Berge, die nur einen schmalen Korridor für den Weg freiließen, so dass Fuchs und ich gar keine andere Wahl hatten, als uns zu treffen. Hier und da malte ich Sterne auf die Linie, die für Schlüsselereignisse standen. Auf allen Reisen gibt es Schlüsselereignisse. Ich musste nur herausfinden, welche das waren, und sie beschriften.
Dann konnte ich dem Kurs die Zeichnung zeigen und beweisen, dass meine Beziehung zu Fuchs einfach dem natürlichen Lauf der Dinge gefolgt war und dass nichts, was zwischen uns passierte, den unumstößlichen Gesetzen der Wissenschaft widersprach. »So ist es abgelaufen«, würde ich sagen. »Eins führte zum anderen.« Ich würde mit dem Finger den Strich mit den Sternen zwischen den Bergen entlangfahren, und alle würden sagen: »Ja klar. Wenn das so ist …«, und dann würden sie achselzuckend zustimmen, dass sie sich an meiner Stelle auch mit einem Fuchs angefreundet hätten.
Bevor ich in Biologie promovierte, hatte ich als Park Rangerin gearbeitet. Schon während des Bachelorstudiums hatte ich mir den Stetson aufgesetzt und den berühmten Gürtel mit den Kiefernzapfen umgeschnallt. Nach meinem ersten Abschluss in Botanik und Zoologie patrouillierte ich im Hinterland des Mount-Rainier-Nationalparks in Washington; zu meiner Runde gehörte damals auch das Gebiet der Three Lakes, wo ich in einer winzigen, nach Holz und Wachs duftenden Hütte des National Park Service übernachtete. Sie war ein ganzes Stück niedriger als das Cottage mit dem blauen Dach und befand sich mitsamt Klohäuschen auf einem flachen Hügel oberhalb des First Lake, des größten der drei Seen. Der See lag fast komplett im Schatten von riesigen immergrünen Bäumen mit abblätternder Rinde. Ich nannte ihn allerdings nie First Lake. Für mich waren die drei Seen ein einziges Gewässer, das kurzzeitig von ein paar vergänglichen Wiesenstücken geteilt wurde, und ich nannte alles zusammen einfach Three Lakes, an welchem Ufer ich auch stand.
Nur wenige Wanderer stiefelten die sechs Meilen von der Straße hoch zu den Three Lakes. Und noch weniger kamen über den Pacific Crest Trail, einen langen Wanderweg, auf dem man Übernachtungen einlegen muss. Jeden Morgen stand ich von meiner Pritsche, die gleich unter dem Fenster stand, auf und zog mir die piksende Uniform an – ein Abzeichen am Hemd und eines an der Jacke. Ich steckte die .357er Magnum ins Schulterholster und wanderte mit einer Thermoskanne Kaffee in der einen und einem Logbuch der Bundesbehörde in der anderen Hand runter zum See. Quer über den grünen Stoffeinband des Logbuchs hatte ich in dicker schwarzer Schreibschrift ein Zitat von Ismael, dem Erzähler aus Herman Melvilles Moby-Dick, geschrieben: »Auf ewig vereint sind Wasser und Tiefsinn.«
Für Ismael, einen mittellosen Seemann, der sich in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts in der »Inselstadt der Manhattos« von einem Job zum nächsten hangelt, bedeutete Tiefsinn genau dasselbe wie für mich im 20. Jahrhundert an den Three Lakes: nachdenken. Wenn es noch eine andere Bedeutung hatte – philosophisch oder religiös –, dann war mir das genauso wenig bewusst wie Ismael. Unser Schicksal unterschied sich ohnehin nicht sehr. Wir hatten beide einen Weg gefunden, in der Nähe von wilden Tieren und wilden Gewässern zu leben. Melville hätte Ismael auf dem Shriner Peak Trail absetzen und ihn mit mir auf die acht Meilen lange Wanderung über den Kamm bis hoch zum Feuerwachturm schicken können. Dort hätten wir Wildtiere beobachtet, PVC-Rohre in den Schnee gehämmert und Schmelzwasserkanister zum Turm geschleppt. Abends hätten wir am Geländer der umlaufenden Aussichtsplattform gestanden und den unvergleichlichen Blick auf den Mount Rainier genossen, und trotz der tausend Meilen und der hundertfünfzig Jahre, die uns trennten, hätten wir denselben Gedanken gehabt: eine Wanderung von acht Meilen – es gab keine andere so herrliche Aussicht im Nordwesten, für die man so wenig leisten musste.
Nach einer Nacht im Turm wären wir dem Laughingwater Creek durch den Altwald gefolgt und hätten mit unseren Leatherman-Werkzeugen und Wundschutzmitteln die dünne graue Rinde der Purpurtannen repariert, in die irgendwelche Flegel Buchstaben und Zeichen geschnitzt hatten. Der Laughingwater Creek fließt in der Nähe der Three Lakes an der Grenze des Nationalparks entlang, deshalb hätten wir die Grenzschilder kontrolliert. Hier und da wären wir an einem der weißen Metallschilder mit der grünen Aufschrift stehen geblieben, und einer von uns hätte mit einem Zimmermannshammer einen Doppelkopfnagel gerade so weit herausgezogen, dass das Schild sich nicht in die Rinde des Grenzbaums fressen konnte. Die viele Arbeit hätte uns nichts ausgemacht; wir wären in der Natur, weit weg von der Zivilisation und befreit von unseren Ängsten. Einen mittellosen Seemann, der um das Jahr 1800 in »Manhatto« lebte, konnten Angstzustände dazu bringen, »mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen«. Für eine Park Rangerin im 20. Jahrhundert bedeuteten Angstzustände das Gefühl, sich in Quecksilber zu verwandeln, ein Metall, das bei Raumtemperatur verdampft, geruchlos und unsichtbar wird, einfach verschwindet. In den Wäldern konnte ich den Fragen, die bei mir Angstzustände auslösten, entkommen: Wo sind deine Eltern? Warum bist du ganz allein? Gibt es niemanden, der sich für dich interessiert?
Als Ismael den Drang nach frischer Luft und körperlicher Arbeit verspürt, gibt er den ehrbaren Beruf des Schulmeisters auf und heuert auf einem Walfangschiff an. Der Job ist ideal, abgesehen von der Tatsache, dass Wale getötet werden. Aber wenn es darum geht, die Wale zu orten, nimmt Ismael seine Pflicht nicht »wirklich ernst«. Statt im Masttopp Ausschau zu halten, hängt er tiefsinnigen und philosophischen Gedanken nach. Auf keiner einzigen seiner Wachen meldet er einen Wal. Würde ich auch nicht tun. Wenn ich Matrose auf einem Walfänger wäre, würde ich mich mit verspiegelter Sonnenbrille und einem »Rettet die Wale«-T-Shirt in den Ausguck stellen und die Augen zumachen. Genau wie Sie. Oder jemand, den Sie kennen. Oder jemand, den Sie mal gekannt haben.
Oder jemand, der Sie mal waren.
»Der Walfang«, schreibt Ismael, »bietet nämlich … gar manchem romantischen, melancholischen jungen Träumer … [der] tief in [seiner] Seele wohl gar keine Wale sichten [will], eine Zuflucht … [Ein] Bursche mit eingefallenen Wangen und hohläugigem Blicke …, welcher zur Unzeit in tiefes Sinnieren versinket …, [ein] hohläugige[r] junge[r] Platoniker … Dieser verträumte Jüngling wird durch die … mit seinen Gedanken verschwimmenden Wellen in solch eine opiatische Trägheit gelullt, ist in einem so leeren, allem entrückten Tagtraum versunken, dass er zuletzt sein
