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Geistlich leiten mit Herz und Verstand Leiten ist ein Geschenk und zugleich eine Herausforderung. Viele Leitende geraten unter Druck – hohe Erwartungen, Dauerstress, ständige Präsenz. Dabei droht das Wesentliche verloren zu gehen: geistlich gesunde, dienende Führung aus innerer Ruhe heraus. Thomas Härry lädt dazu ein, Leitung nicht als kräftezehrenden Einsatz, sondern als geistlich gereiften Prozess zu denken. Mit viel Erfahrung und klarem Blick für die Praxis zeigt er, wie Übermut und Kleinmut, Tatendrang und Geduld ein gutes Maß finden können. Seine Impulse geben Tiefe, Orientierung und Ermutigung – für einen Leitungsstil, der nicht ausbrennen, sondern aufblühen lässt: sich selbst und andere.
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Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2026
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THOMAS HÄRRY, (Jg. 1965) wohnt mit seiner Frau nahe dem schweizerischen Aarau. Er ist Vater von drei erwachsenen Töchtern und arbeitet als Dozent für das Neue Testament und als Referent für Theologie, Gemeindeentwicklung und Führung am TDS Aarau (Höhere Fachschule für Theologie, Diakonie und Soziales) sowie als Autor und Berater von Führungskräften.
Leiten mit Herz und Verstand
Führen.
Man kann blind drauflosgehen, zaghaft zurückbleiben – oder mutig und maßvoll gestalten.
Man kann Veränderungen durchboxen – oder Menschen mit Geduld und Fingerspitzengefühl mit auf den Weg nehmen.
Man kann als Mensch und Führungskraft an der Oberfläche bleiben – oder aber sich tief in den Kräften des Glaubens verwurzeln.
Thomas Härry zeigt, was es braucht, damit Führung gelingen kann: Sorgfältiges Abwägen, mutiges Gestalten, ein Ja zu Begrenzungen und persönliches Wachstum. Seine wegweisenden Gedanken schenken Orientierung, Tiefe und Klarheit für einen Leitungsstil, der nicht ausbrennen, sondern aufblühen lässt: einen selbst und andere.
Dieses Buch ist eine Einladung an alle, die sich als Mensch und Führungskraft nach Tiefgang sehnen!
Stimmen zum Buch
»Führungsweise hat in meinem Innersten etwas in Gang gesetzt und auf ganzer Linie überzeugt. Mit großer Klarheit rückt es die persönlichen Themen in den Mittelpunkt, die Führung im Kern ausmachen, aber in vielen Führungsratgebern fehlen. Wer es liest, spürt sofort: Eigene Entwicklung und Persönlichkeit sind der Schlüssel zu neuen Aufbrüchen.«
FLAVIA HÜBERLISozialdiakonin und Geschäftsleiterin »Open Place« Kreuzlingen sowie Leiterin der Fallstelle »Start-up Kirche« der Evangelischen Kirche Thurgau
»Allen, die sich mit den wesentlichen Fragen eines weisen Führungsverhaltens auseinandersetzen möchten, empfehle ich dieses Buch. Es widmet sich bedeutenden Themen umsichtig, ausgewogen, Ehrlich und tiefgründig. Dabei richtet Thomas Härry den Fokus einerseits auf die Menschen, andererseits schlägt er eine überzeugende Brücke zwischen Identität und Weisheit. Ein wertvolles Buch für alle, die bereits in einer Führungsrolle sind oder sich auf eine vorbereiten.«
ILSE-DORE HUMBURGERLeitende Referentin der Arbeitsstelle für Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg
»Wer sich als Leitungsperson nicht vor einigen herausfordernden Wahrheiten fürchtet, sollte dieses Buch lesen. Wer sich doch fürchtet, erst recht.Weil Leitung einen großen Einfluss auf das Leben von Menschen und Organisationen hat, braucht sie ehrliche Einsichten als Spiegel und Ermutigung aus den richtigen Quellen. Genau das bietet Thomas Härry an: authentische Leitungsweisheit in jedem Kapitel!«
HENRIK OTTOPräses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG) in Deutschland
»Das eigene Führungsverhalten ehrlich zu reflektieren sowie wirksam, menschlich und zugleich demütig zu führen – dazu lädt dieses Buch von Thomas Härry ein und bietet mir wertvolle Denkanstöße für meine eigene Praxis. Besonders in einer Welt, die so oft von Leistung und Perfektion geprägt ist, zeigen die Texte, dass gute Führung nicht primär von Methoden lebt, sondern von Haltung, Reife und innerem Gleichgewicht.«
ELISE NORRISWOODGeschäftsführerin des Dachverbands JEMK Schweiz
Dieses Buch ist keine Werkzeugkiste, sondern eine Schatztruhe! Der Autor ist spürbar in Gott verwurzelt und zugleich weit und breit belesen. Er spricht Themen an, die unter der Oberfläche liegen und in der Führungsliteratur nur selten vorkommen, in der Realität der Gemeindearbeit aber umso wichtiger sind. Eine enorm hilfreiche Lektüre für alle, die Leitungsverantwortung tragen!
Steffen Tiemann, Pfarrer der Auferstehungskirche in Bonn und Autor
Thomas Härry ermutigt, mit Maß, Ziel und innerer Verwurzelung zu leiten – statt sich grenzenlos zu verlieren oder resigniert zurückzuziehen. Tief, klug und anschaulich zeigt er, wie gesunde Führung entsteht, die Menschen und Organisationen weiterbringt. Ein echter Härry: tief, horizonterweiternd, praxistauglich und ehrlich. Dieses Buch wird auf meinem Schreibtisch liegen – als Erinnerung und Ermutigung.
Daniela Mailänder, Referentin für missionale Gemeindeentwicklung mit Schwerpunkt Kirche Kunterbunt und MUT der ELKB
Wir sind Zeitzeugen davon, welch gewaltige Veränderungen es zu managen gilt. Es braucht verwurzelte Menschen, für die gute Führung nicht nur exzellentes Handwerk bedeutet, sondern ein Geschenk Gottes ist. Mich begeistert Thomas Härrys Führungsweise: ein Weisheits- und Lebensbuch für alle, die auf dem Weg zu einem gezähmten Ego und echter Demut Verantwortung wahrnehmen wollen.
Daniel Zindel, Pfarrer, Führungscoach und Autor
In seinem neuesten Werk entfaltet Thomas Härry ausgewogen, umsichtig und tiefschürfend eine »Führungsweise« zwischen Vermessenheit und Kleinmut, zwischen Veränderungsdrang und Bestandswahrung. Nebenbei erinnert er uns an das Wesentliche: Wir brauchen Führungspersonen, die durch das Evangelium fortwährend erneuert und zu gefestigten Menschen werden. Das Buch weckt die Sehnsucht, selbst eine solche Persönlichkeit zu werden. Deshalb werde ich dieses »Konzentrat von Führungsweisheit« mit Nachdruck empfehlen.
Philipp Bartholomä, Professor für Praktische Theologie und Prorektor an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen
Dieses Buch ist eine Wohltat. Thomas Härry verbindet ein weites Feld an Fachkompetenz mit geistlichem Tiefgang. In einer Zeit, in der Leitende Menschen vernachlässigen oder verunsichern, eröffnet es Perspektiven zu einem maßvollen, verwurzelten und weisen Leiten. Besonders hilfreich sind die persönlichen Beispiele und die konkreten Tools zur Umsetzung. Hier wird deutlich, dass der Autor die Themenfelder selbst durchlebt und durchlitten hat. Das Buch macht Lust auf gesundes Leiten.
Georgia und Holger Mix, Leitende Tagungen und Seminare im WDL Dünenhof, Cuxhaven
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-417-27145-4 (E-Book)
ISBN 978-3-417-01042-8 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2025 R. Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH
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Sofern nicht anders angegeben sind die Bibelverse der Zürcher Übersetzung entnommen. Die Zürcher Bibel (Ausgabe 2007) verwenden wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich, bei dem auch das Copyright für diese Bibelübersetzung liegt. (ZÜ)
Die Rechtschreibung der Zürcher Übersetzung wurde nicht an die deutsche Rechtschreibung angepasst.
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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Lektorat: Silke Gabrisch, Stuttgart
Umschlaggestaltung und Titelbild: Stephan Schulze, Holzgerlingen
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Über den Autor
Über das Buch
Stimmen zum Buch
Vorwort von Michael Herbst
Zu hoch gepokert – Was braucht es, damit Leitung gelingen kann?
Teil 1 Maßvoll leiten
1 Das verlorene Maß: Vermessenheit
2 Das verlorene Maß: Kleinmut
3 Das wiedergewonnene Maß: Gestaltungsmut und Begrenzung im Gleichgewicht
Teil 2 Weise verändern
4 Verlust – die unterschätzte Dynamik in Veränderungsprozessen
5 Veränderung weise leiten und begleiten
6 Mit Widerstand und Verhinderungsmanövern umgehen
Teil 3 Verwurzelt leben
7 Auf der Suche nach Halt und innerer Festigkeit
8 Gravitas: Stärke, die von innen kommt
9 Standhalten im Sturm
10 Auf dem Weg zur Gravitas
11 Dietrich Bonhoeffers Ruf
Abschließende Hinweise und Dank
Anmerkungen
Von guten Führungskräften heißt es, dass sie neugierig und lernbereit bleiben. Der US-Präsident Harry S. Truman (1884–1972) hat es auf den Punkt gebracht: »Leaders are readers«. Nicht jeder, der liest, wird zur Führungskraft. Aber wer Führungsverantwortung trägt, braucht Information und Inspiration – immer wieder. Die Lektüre kann gar nicht breit genug gestreut sein: Biografien, Historisches, Romane, Sachbücher und vieles mehr.
Diese Leidenschaft teile ich seit Langem. Bücher über gutes Führen und Leiten gehören dabei zu meiner regelmäßigen Lektüre. Und besonders gerne lese ich, was Thomas Härry über gute Führung zu sagen hat. »Es lohnt sich«, denke ich jedes Mal. Darum gratuliere ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Sie sind sowieso auf einer guten Spur, wenn Sie sich Zeit zum Lesen nehmen.
Sie werden bei der Lektüre auf ein schönes Kapitel stoßen, das sich mit dem Lesen selbst beschäftigt (Kapitel 10). Da erzählt uns der Autor, was er liest, mehr noch, wie er liest. Beim »Was« würde ich ein bisschen streiten. Sagt er doch ernsthaft, für das persönliche Wachsen spielten Krimis nur »eine untergeordnete Rolle«. Nein, so was! Dabei kann man aus Krimis so viel lernen über menschliche Abgründe, schwere Schicksale und schlimme Schuld, die Führung von Teams und die geduldige Suche nach Lösungen. Aber gut, denn dann schreibt Thomas Härry über das »Wie«, besser noch über die verschiedenen Arten und Weisen des Lesens, über die schnelle Erkundung von Wissen und das nachdenkliche, den Text verkostende Studieren. So viel kann ich schon einmal sagen: Die Lektüre, die Sie erwartet, verdient das langsame und geduldige Lesen. Vielleicht immer nur einen Abschnitt. Und dann festhalten: Wo trifft das Gesagte in meinem Leben auf einen »Wachstumsbereich«?
Der Büchermarkt ist voll von Büchern, aus denen man das Handwerk kompetenter Führung lernen kann. Führungsweise bietet auch hier viel Sinnvolles. Freuen Sie sich schon mal auf das Kapitel über »Widerstände bei Veränderungen«. Donnerwetter, das hätte ich gerne bei einigen gemeindlichen Reformversuchen zur Hand gehabt. Thomas Härry navigiert uns durch die Vielfalt an möglichen Widerständen. Widerstand ist nicht gleich Widerstand. Wie können wir auf Kurs und zugleich den Menschen zugewandt bleiben, ohne uns zurückzuziehen (oder aber über die schwierigen Zeitgenossen herzufallen)? Spannend wie ein Krimi! Führungsweise eben.
Aber das allein ist es nicht, was dieses Buch auszeichnet. Es ist eher die Suche nach den Wegen, auf denen Führungskräfte persönlich wachsen und gerade so ihren Dienst besser tun können. Wer sich nicht zu führen weiß, sollte es nicht bei anderen versuchen. Dieser Gedanke nimmt bei Thomas Härry noch einmal eine besondere Wendung. Er zeigt grundlegend, wie wir erst in der tiefen Verbundenheit mit Gott zu den Führungskräften werden, die wir werden sollen. Wie wir »Gravitas« bekommen, also Gewicht, natürliche Autorität, Charakter und Belastbarkeit. Sehr persönlich bezeugt, ja, bekennt er, welchen Unterschied es ausmacht, wenn wir wissen, dass wir von Gott geliebt, begabt und umsorgt sind. Wie wir dann unser Sein und Gewordensein bejahen und nötige Veränderungen in Angriff nehmen können.
Nun sind Sie aber dran. Lassen Sie sich Zeit mit der Lektüre. Überlegen Sie, wohin Sie die Gedanken leiten. Und genießen Sie das Lesen selbst. Es ist ja so: »Leaders are readers!«
Michael Herbst, BambergIm September 2025
Bin ich tot oder lebe ich noch? Ich kann es gerade nicht sagen. Vorsichtig bewege ich meine Finger, meine Hand. Das geht. Dann öffne ich die Augen. Kälte, Nässe und grelles Licht vernebeln mir den Blick. Ich versuche, mich aufzurichten und aus meiner Verrenkung zu befreien. Es geht nur mühsam, aber immerhin. Von Weitem dringen dumpfe, langsam näher kommende Stimmen an mein Ohr. Es müssen die anderen aus meiner Gruppe sein. Sie klingen besorgt, einige erschrocken: »Thomas, ist alles okay?« – »Kannst du alleine aufstehen?« – »Bist du sicher, dass nichts gebrochen ist?«
Ich versuche mich zu orientieren. Zu verstehen, wo ich bin und was passiert ist. Langsam tauchen lose Fetzen der Erinnerung auf. Setzen sich zusammen und ergeben ein Bild. Bruchstückhaft zuerst, dann klarer. Ich liege im Tiefschnee abseits der Skipiste. Ich muss gestürzt sein. Stimmt, gerade bin ich mit überhöhtem Tempo eine steile Piste hinuntergebrettert. Versuchte zu bremsen. Verlor die Kontrolle über meine Beine und meine Skier. Was danach passierte, ging zu schnell, als dass ich es rekonstruieren kann. Meine Kameradinnen und Kameraden umringen mich und blicken sorgenvoll auf mich herunter. Der Leiter unserer Gruppe tritt zu mir und hilft mir langsam auf die Beine. Jemand bringt mir meine Skier, die weiter unten zum Stillstand gekommen sind. Ich schüttle mir den Schnee aus den Kleidern, aus dem Gesicht und aus den Ärmeln. Der Leiter schaut mich vielsagend an, schweigt einen Moment und meint dann: »Thomas, wir haben ein Problem!«
Zum Zeitpunkt meines Sturzes bin ich 13 Jahre alt und befinde mich im Skilager unserer Schule. Am ersten Tag auf den Skiern werden Gruppen gebildet. Gruppe 1: die Geübten, die auf allen Pisten fahren dürfen, auch den gefährlichen. Gruppe 6: die Anfänger, die noch nie auf Skiern standen. Alle anderen, je nach Können in den vier Gruppen dazwischen. Wir dürfen uns selbst einschätzen und einteilen. Für mich ist klar: Ich gehöre in die erste Gruppe. Schließlich fahre ich seit Jahren Ski. Am Hang hinter dem Haus rauf und runter, Winter für Winter. Nach Lehrbuch gelernt habe ich es nicht. Ich habe es mir selbst beigebracht und bin überzeugt, es zu können. Und überhaupt: Ich will zu den Guten gehören. Zu den Schnellsten, den Unerschrockenen, die ganz vorne mitspielen. Nun liege ich hier im Tiefschnee und taste meine Knochen ab.
Vor einer halben Stunde begannen wir mit der Abfahrt auf der steilsten Piste im Gebiet. Meine Gruppe und ich, wir sind ja die Geübten. Ich merke allerdings schnell, dass ich solche Steilhänge wie hier nicht gewohnt bin. »Nur nichts anmerken lassen«, denke ich. Ich muss mich hier beweisen. Also keine Zurückhaltung an den Tag legen, sondern volles Tempo gehen. Genau das tue ich. Gerade runter, auf volles Risiko. Es geht! Bis zum Moment, an dem ich vor einer Pistenkurve abbremsen will …
Nun liege ich hier und höre meinen Skilehrer sagen: »Thomas, wir haben ein Problem!« Und an die Gruppe gewandt: »Der Härry fährt über seine Verhältnisse.« Ich rechne es meinem Lehrer bis heute hoch an, dass er mich damals in Gruppe 1 beließ, obwohl manches dagegensprach. Er stellte mir allerdings zwei Bedingungen: nicht mehr vorausfahren, sondern fürs Erste nur noch hinter ihm. Und sollte sich ein solches Ereignis wiederholen, würde ich um zwei Gruppen zurückversetzt. Irgendwie habe ich es geschafft, in Gruppe 1 zu bleiben. Holte unter geduldiger Anleitung langsam nach, was ich zu lernen hatte. Dazu gehörte vor allem, Tempo und Technik ins richtige Verhältnis zu bringen.
Bis heute denke ich immer einmal wieder an diesen Sturz zurück. Ich tue es vor allem dann, wenn ich mich in eine Aufgabe hineinbegebe, die mich in jeder Hinsicht herausfordert. Dann frage ich mich, ob ich mich richtig eingeschätzt habe, als ich dafür zusagte. Wäre es vielleicht nötig, dass erneut jemand den Mut hat und mir sagt: »Thomas, wir haben ein Problem!«? Solche Momente gab es. Nur dass dort keiner war, der diese Worte zu mir sprach. Und so kam es zu manch weiteren Stürzen in meinem Leben und ich musste mich der Aufgabe stellen, daraus Lehren zu ziehen. Zum rechten Maß zurückzufinden.
Dieses Thema betrifft uns als Menschen und als Leitende immer wieder. Ich kenne einige Führungskräfte, die wie ich damals auf der Piste gleich von Anfang an zur ersten Gruppe gehören wollten: ganz vorne dabei. Sich im Kreis derer bewegen, die es richtig gut können. Wie ich damals überspringen sie einige wichtige Zwischenschritte: die unverzichtbare Zeit gründlichen Lernens und des Fehlermachens, das zu jeder Vorbereitung auf etwas Großes dazugehört. Und landen dann wie ich neben der Piste. Gott sei Dank nicht alle so, dass sie dort liegen bleiben und ihre Leitungsaufgabe abgeben müssen. Manche aber doch so, dass sie sich selbst und denen, die sie leiten, unnötige Schmerzen zufügen. Denn eine Leitungsperson, die hart zu Boden geht, trägt nicht nur selbst ein paar Schrammen davon. Manchmal reißt sie einige derer mit, die sich ihrer Führung anvertraut haben. Ihr Sturz verwundet auch sie.
Glückwunsch deshalb allen Leiterinnen und Leitern, die ihr eigenes Vermögen realistisch einzuschätzen vermögen. Die sich nicht für fähiger halten, als sie sind – aber auch nicht für unfähiger. Die in Bezug auf sich selbst und ihre Aufgaben das rechte Augenmaß nehmen können. Einen klugen, realistischen Blick dafür haben. Denn das ist ein wesentlicher Aspekt guter Führung: dass man das rechte Maß findet. Eine möglichst gute Übereinstimmung zwischen Aufgabe und Person. Das ist eine gute Führungsweise. Das ist, neben vielen weiteren Kriterien, Ausdruck weiser Führung.
Führungsweise – der Titel dieses Buches ist doppelsinnig. Er bezieht sich einerseits auf die Art und Weise, wie jemand führt, eben auf seine Führungsweise. Gleichzeitig bezieht er sich auf die Frage, was es heißt, weise zu führen. In diesem Buch gehe ich auf drei große Themen ein, die aus meiner Sicht dazugehören: maßvoll leiten, weise verändern, verwurzelt leben. Dabei beschränke ich mich auf zentrale Aspekte, aus denen sich manch Weiteres ergibt. Es geht mir um hilfreiche Gedankenanstöße für alle, die leiten oder leiten möchten.
Die hier besprochenen Themen liegen mir deshalb auf dem Herzen, weil wir in einer Zeit leben, in denen viel an guter Leitung hängt. An vielen Stellen der Gesellschaft und der Kirche brauchen wir dringend fähige Leiterinnen und Leiter. Der Bedarf ist riesig und er wächst weiter. Das war nicht immer so und erklärt, weshalb das Thema Leitung eines bleibt, an dem wir dranbleiben sollten. Egal, ob wir erst zu leiten beginnen oder schon jahrelange Erfahrung darin haben.
Während ich dieses Buch schreibe, blicke ich auf knapp sechzig Lebensjahre zurück. Im Alter von etwa 17 Jahren begann meine Glaubensreise mit Gott. Zaghaft zuerst, dann immer bewusster und gewollter. Seither beschäftigen mich vier Themenbereiche, die mich auch beruflich bis in die Gegenwart begleiten: Theologie, christliche Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung und Leitung.
In allen vier Bereichen hat sich in den letzten vierzig Jahren viel bewegt und verändert. Neue Themen, Trends und Methoden traten in Erscheinung und verschwanden wieder. Totgeglaubtes aus der Vergangenheit wurde wiederentdeckt und belebte den aktuellen Diskurs. Besonders beim Thema Leitung fällt mir das auf. Als ich mit knapp 18 Jahren erste eigene Führungserfahrungen machte, war dieses Thema im Kontext der Kirche gerade populär geworden. Weltweit verstanden Christen, dass Leitung nicht länger ein Thema sein konnte, dass nur die obersten Führungshierarchien von Kirchen und christlichen Organisationen betraf (Päpste, Bischöfe, Denominationsleiter und andere nationale und internationale Leitfiguren). Es gab eine Rückbesinnung auf ein zutiefst christliches Anliegen: dass es auf jeder Ebene einer Organisation Menschen gibt und geben soll, die von Gott zum Leiten begabt und gerufen sind. In nicht-kirchlichen Organisationen ereignete sich Ähnliches. Man verstand, dass Frauen und Männer, die kleine und mittelgroße Teams leiten, gezielter gefördert und ausgebildet werden müssen. Man begann, verstärkt nach Nachwuchsführungskräften zu suchen und sie auszubilden. Es wurden neue Führungsakademien mit anerkannten Abschlüssen ins Leben gerufen. Jugendverbände schulten ihre Leiter bewusster und intensiver. Leitungskurse aller Art wurden angeboten. Es war der Beginn einer Zeit, in der ein neues Bewusstsein für die Relevanz guter Führung auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Kirche erwachte.
Innerkirchlich wurden diese Trends durch die Gründer neuer Bewegungen verstärkt. In den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts entstanden große, international tätige christliche Organisationen wie Operation Mobilisation, Campus für Christus, Jugend mit einer Mission und viele weitere. Globalisierung, neue Medien und eine erhöhte Mobilität sorgten dafür, dass diese und andere Bewegungen weit über ihren ursprünglichen Kontext hinaus bekannt wurden. In den USA machten Großkirchen, sogenannte Megachurches, von sich reden. Damit verbundene Namen wie Peter Wagner, John Wimber, Robert Schuller, Bill Hybels und Rick Warren wurden in Europa zunächst in Freikirchen populär. Neben anderen Anliegen betonten diese Menschen immer wieder die Notwendigkeit guter Leitung. Als Sprecher auf überkonfessionellen Konferenzen fanden ihre Ideen auch in etablierten Volkskirchen zunehmend Gehör, aber auch Widerspruch. Es gab berechtigte kritische Rückfragen und von Arroganz und selbstgenügsamer Besserwisserei begleitete Ablehnung. Schon bald gab es weitere, bemerkenswerte Entwicklungen: Aus England gelangte der Alpha-Glaubenskurs des anglikanischen Pfarrers Nicky Gumbel zuerst aufs europäische Festland, bald aber weit darüber hinaus. Der Alphakurs wird heute in römisch-katholischen Kirchen genauso wie in theologisch konservativen Freikirchen durchgeführt. Ebenfalls aus England erreichten uns neue Formen von Kirche, sogenannte fresh expressions of church. Erneut spielte dabei die anglikanische Kirche eine Pionierrolle. Auch diese neuen Vorgehensweisen der Mission und Kirchengründung fanden breite Resonanz und gehören heute zum Innovationsrepertoire praktisch aller in Europa beheimateten Denominationen.
Im Kontext dieser hier in aller Kürze und in vielerlei Hinsicht unvollständig dargestellten Entwicklungen bekam das Thema Leitung weitere Schubkraft. Überall dort, wo Innovation geschah, wo neue Formen von Kirchen entstanden, wo verändert und erneuert wurde, wurde von der Notwendigkeit guter Führung gesprochen. Und so brach sich ein neues Bewusstsein Bahn: Ohne sie gelingt kein nachhaltiger Aufbruch. Die Welt, und eben auch die Kirche, brauchen sehr viel mehr neue Führungskräfte als bisher! Das war ein wünschenswerter Dammbruch, der ein uraltes Grundanliegen der Bibel neu ins Sichtfeld rückte: das Bewusstsein, dass Führung nicht bloß in den Kontext von Konzernen, Armeen, säkularen Institutionen und die obersten Etagen von Kirchen gehört, sondern ins Zentrum und an die Basis der christlichen Gemeinde. Das war eine gute Nachricht, die über eine viel zu lange Zeit vernachlässigt worden war: dass nämlich ganz normale Frauen und Männer des Glaubens befähigt und beauftragt sind, andere Menschen zu führen. Gott will und kann sein Reich auf dieser Welt gerade durch sie bauen. Wie alle anderen Gaben des Heiligen Geistes (1. Korinther 12,11) teilt Gott auch die in 1. Korinther 12,28 erwähnte Gabe der Leitung großzügig und nach freiem Ermessen aus.
Ich blicke mit Dankbarkeit auf diese Entwicklung zurück und durfte in vielerlei Hinsicht davon profitieren. Das neue Denken zum Thema Leitung zeigte allerdings bald seine Schattenseiten. Es sorgte nicht nur dafür, dass vielen Männern und Frauen endlich erlaubt war, aus dem Schatten von Organisationen zu treten, in denen bislang vorwiegend Einzelne (besonders Männer) das Sagen hatten. Der neue Leitungsboom weckte auch ein paar schlafende Hunde. Ich denke zum Beispiel an das überbordende Geltungsbedürfnis, das in manchen erwachte, die zu leiten begannen. Ich habe Dutzende mir bekannte junge Männer und Frauen vor Augen, die sich voller Enthusiasmus ins Abenteuer des Leitens stürzten, darin aber grandios scheiterten. Auch auf internationaler Ebene ließen bekannte und unbekannte Namen ihre einmal mit Überzeugung angetretenen Aufgaben ernüchtert, verletzt und verbittert zurück. Sie wandten sich Wirkungsfeldern zu, die kaum noch einen Bezug zu dem hatten, was sie einmal als Gottes Ruf für sich verstanden hatten. Manchmal war das folgerichtig. Manch abrupter Kurswechsel war aber auch einfach nur traurig.
All das führt mir bis heute vor Augen, wie gefährdet die Sache mit der Leitung ist. Die Aufgabe kann beides in uns wecken: Kräfte, die von Gott kommen und uns befähigen, weit mehr bewirken zu können, als wir es aus uns selbst könnten. Sie kann aber auch ganz andere Dynamiken in Gang bringen; solche, die unerkannt in den Dunkelkammern unserer unreifen Seele schlummern. Sobald wir in einer Leitungsaufgabe an Einfluss und Macht gewinnen, vermengen sie sich leise und unbemerkt mit guten Absichten und göttlichen Gedanken. Wenn wir uns dessen nicht rechtzeitig bewusst werden und nicht gezielt dagegenhalten, sabotieren uns diese zweifelhaften Kräfte und sorgen dafür, dass unser Leiten mehr Schaden anrichtet, als Gutes bewirkt.
All dies macht deutlich: Ja, wir brauchen immer wieder neue Ideen, Initiativen und Aufbrüche in unseren Organisationen und Kirchen! Wir brauchen Erneuerung. Dringend. Gleichzeitig aber bleibt sie nur dort nachhaltig, wo die darin agierenden Leiterinnen und Leiter auch selbst erneuert werden. Dass sich in ihrem persönlichen Leben eine von Gott gewirkte Erneuerung vollzieht, bildet geradezu die Voraussetzung für jede institutionelle Erneuerung. Anders gesagt: Wir brauchen Leitungspersonen, an denen sich nicht weniger Erneuerung vollzieht als in der Organisation, um deren Erneuerung es geht.
Das Anliegen dieses Buches ist: Leitenden zu helfen, maßvoll zu führen, weise zu verändern und verwurzelt zu leben. Es geht mir um erneuerte Organisationen durch sich erneuernde Führungskräfte. Ich möchte zeigen, worauf Leiterinnen und Leiter achten sollten, wenn sie in ihrer Organisation auf Veränderung hinarbeiten. Man kann dazu weit mehr sagen, als ich es hier tue. Persönliche und organisationale Erneuerung sind endlos weite Themenfelder. Kein Buch kann ihnen gerecht werden. Ich beschränke mich deshalb auf einige Themen, die mir besonders auf dem Herzen liegen. Sie stehen exemplarisch für Bereiche, in denen Leitungspersonen früher oder später scheitern, wenn sie nur ihre Organisation, nicht aber sich selbst erneuert sehen möchten.
Ein Thema, bei dem dies besonders deutlich wird, ist das Thema Ambitionen, um das es im ersten Teil dieses Buches geht. Erneuerer und Gestalter sind praktisch ausnahmslos ambitionierte Menschen. Das ist gut so. Es geht nicht ohne. Speist sich ihre Ambition aber aus allzu trüben Quellen in ihrem Inneren, führt dies zu Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung oder einem unguten Streben nach Macht, Größe und Überlegenheit. Erneuerte Menschen hingegen suchen und finden das gute Maß jenseits von Vermessenheit und Kleinmut. Wie das möglich ist, davon handeln die ersten drei Kapitel dieses Buches.
Im zweiten Teil wenden wir uns dem Thema Veränderung zu. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen maßvollem Führen und sorgfältig gestalteter Veränderung. Die Art und Weise, wie wir als Führungskräfte Veränderungsprozesse gestalten, sagt deshalb oft mehr über uns selbst aus als über die zu verändernde Sache an sich. Maßvoll lebende und handelnde Leitende zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie Veränderungsprozesse mit Weisheit und Sorgfalt angehen. Was es dabei zu beachten gilt, davon handelt dieser Teil des Buches. Ich lege meinen Schwerpunkt dabei nicht auf besondere Methoden und Vorgehensweisen, auf die es bei einer organisationalen Veränderung ankommt. Zwar werden einige damit verbundene praktische Möglichkeiten zur Sprache kommen. Mein Hauptanliegen aber konzentriert sich auf die Sorgfalt, die Besonnenheit und die Weisheit, die es braucht, wenn eine Führungsperson Veränderungen initiieren und implementieren will. Es geht um den klugen Umgang mit Verlustgefühlen. Diese wiederum führen fast immer zu verschiedenen Formen des Widerstands, die sich gegen die Führungskraft richten. Wie weises Führungsverhalten in dieser Situation aussehen kann, darum geht es in den Kapiteln 4 bis 6.
Im dritten und letzten Teil (Kapitel 7 bis 11) wenden wir uns der Führungsperson als solcher zu. Am Ende wurzelt maßvolles Leiten und weises Verändern nicht in der perfekten Methodik (so wichtig diese sein kann), sondern in der Frage, wer wir als Menschen sind. Aus diesem Grund gebe ich der Frage, was Leitenden innere Stärke verleiht, in diesem Teil des Buches noch einmal viel Raum. Sie lernen darin meine persönliche Überzeugung zur Frage kennen, wie Gott aus Leitenden innerlich gefestigte, standhafte, mit Gravitas (= innerem Gewicht) versehene Persönlichkeiten formt. Ohne ein gutes Maß an innerer Standhaftigkeit und daraus resultierender spiritueller Autorität ist wirkungsvolle Führung kaum möglich. Unser Verwurzeltsein in von Gott geschenkten Ressourcen gibt uns den Halt und die Kraft, ohne die wir den Herausforderungen des Leitens kaum gewachsen sind.
Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt in christlichen Kirchen und Organisationen. Ich glaube aber, dass viele der hier geäußerten Gedanken sich auf säkulare Körperschaften anwenden lassen. Dort arbeitende Führungskräfte sind im Alltag mit vielen ähnlichen Herausforderungen konfrontiert. Ob jemand in einer Kirche oder einem Kurhotel arbeitet, ist in vielerlei Hinsicht zweitrangig. Natürlich erfordert jeder Führungskontext branchenspezifische Kenntnisse und Fertigkeiten. Wer in einer Möbelfabrik ein Team von Tischlern führt, kann nicht einfach so mal in die Kaderposition eines Autoherstellers wechseln. Wer mit Erfolg eine Kirche leitet, ist nicht automatisch fähig, ein börsendotiertes Techunternehmen zu führen. Dennoch gibt es in beiden Kontexten führungsbezogene Themen und Fragen, die vergleichbar sind. An beiden Orten geht es …
• darum, Mitarbeitende zu fördern und zu fordern.
• um Konflikte, die gelöst werden müssen.
• um Ziele, die zu erreichen sind.
• um sinnvolle Rahmenbedingungen.
• um ein gutes Arbeitsklima.
• darum, das gute Maß zu finden; etwas zu wollen, sich aber nicht zu verrennen.
• darum, Begrenzung zu bejahen, aber nicht zögerlich abzuwarten, wo man handeln sollte.
• um nachhaltige Veränderung.
• usw.
Im säkularen wie im christlichen Kontext basiert gute Führung auf spezifischen Haltungen, Werten und Überzeugungen. Jegliches Handeln, jede angewandte Methodik, jede Wahl eines Führungsinstruments ergibt sich letztlich aus dem, wer wir sind und was wir glauben. Dieses Buch beschäftigt sich in erster Linie mit dieser entscheidenden Innenseite der Führung. Es ist kein Führungsbuch, das Ihnen die neusten Führungstrends und Methoden vorstellt. Sie finden auf dem Buchmarkt eine ausreichende Fülle von Titeln, die dies abdecken. Es geht mir um etwas anderes: um Sie persönlich. Es geht mir vor allem anderen um Sie als Mensch. Um Sie als Führungsperson. Sie werden natürlich auch manche Hinweise und Folgerungen für die Praxis finden, diese stehen aber immer im Zusammenhang mit dem Fokus auf Sie als Person. Wenn ich dieses Buch also aus einer christlichen Perspektive schreibe und Beispiele aus diesem Kontext einfließen lasse, dann hoffe ich, dass sie genauso davon profitieren, wenn Sie in einem ganz anderen Berufskontext führen.
Nicht nur das: Ich bin zuversichtlich, dass Sie von diesem Buch auch dann profitieren werden, wenn Sie (noch) gar keine Führungsaufgabe wahrnehmen. Denn in vielerlei Hinsicht geht es mir auf den folgenden Seiten nicht bloß um das, was wir unter klassischer Führung verstehen. Es geht um die Art und Weise, wie wir unser Leben führen. Denn das ist die allerwichtigste Form der Führung.
Bevor wir loslegen, will ich das Hauptanliegen dieses Buches zusammenfassen: Unsere Organisationen, unsere Kirchen brauchen eine Neubelebung. Dazu braucht es fähige Leiterinnen und Leiter, die etwas wollen. Menschen, die an Erneuerung glauben und sich für eine gute Zukunft einsetzen. In den damit verbundenen Prozessen und darin agierenden Menschen sollten daher gute, gesunde Kräfte wirken. Mit »gesund« meine ich: von Gottes heilsamer Kraft geprägt, wo nötig aber auch von seiner Korrektur. Aus christlicher Sicht setzt gesunde Leitung voraus, dass wir als Führungspersonen in Gott verwurzelt leben. Dass wir uns in unserem Fühlen, Denken, Wollen und Handeln von ihm prägen lassen. Gesunder Aufbruch geschieht durch gesunde Führung. Gesunde Führung geschieht durch gesunde Menschen. Gesunde Menschen zeichnen sich durch ein bestimmtes Maß an Reife aus. Wege zu zeigen, die dahin führen können, darum geht es mir.
Solche Leitungspersonen sind nicht perfekt. Sie sind nicht ohne Grenzen, Mängel und Fehler. Im Gegenteil, sie wissen um ihre eigene Bedürftigkeit. Gleichzeitig stellen sie sich Gott auf eine Art und Weise zur Verfügung, dass ihnen diese nicht zur Falle werden. In aller Unvollkommenheit sind sie gesegnete Menschen, durch die aber auch Segen fließt: hin zu ihren Mitmenschen und in die von ihnen geführten Organisationen.
Ein solcher Mensch möchte ich sein.
Sie auch?
Dann lassen Sie uns gemeinsam die vor uns liegende Reise antreten!
Teil 1, Maßvoll leiten
Kind sein ist nicht immer einfach. Ich erinnere mich an zwei Herausforderungen, die viel Geduld bei mir erforderten: Fahrrad fahren und schwimmen lernen.
Meine zwei älteren Brüder konnten es schon lange. Sie hatten ihre eigenen Velos und kurvten damit herum. Ich selbst schaffte es noch nicht, die Balance zu halten. Zwei Umstände erschwerten das Ganze: Wir hatten kein Fahrrad für Kinder. Ich musste also mit einem Erwachsenenrad lernen, einem Männerfahrrad. Ja, genau, das sind die mit einer Verbindungsstange zwischen Lenker und Sitz – ziemlich genau auf Kopfhöhe des kleinen Thomas. Ich musste mich also unter die Metallstange beugen, mich dann mit meinem Oberkörper daran vorbeizwängen und versuchen, Lenker und Bremsen in den Griff zu bekommen. Die zweite Erschwernis (die den Gebrauch der Bremsen besonders bedeutsam machte) war die Tatsache, dass wir an einem Hang wohnten. Bei uns waren nur wenige Straßen eben. Es ging entweder hoch oder runter.
Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, wie es aussah, als ich als Sechsjähriger versuchte, unter diesen Umständen die Kunst des Fahrradfahrens zu erlernen. Ich schlang mich ins Gestänge des zu großen Fahrrads und fuhr in gekrümmter Haltung die abschüssige Straße hinunter. Dann vor mir eine scharfe Rechtskurve. Geradeaus eine Hecke: Haselsträucher, Kleingehölz und Brombeerstauden … Sie können sich ausmalen, wo meine erste Testfahrt ihr Ende fand … Es folgten weitere solcher Irrfahrten. Der Versuch, ein Velo zu beherrschen, führte zu regelmäßigen Stürzen, aufgeschürften Knien oder Ellbogen und verbogenen Vorderreifen (was wiederum den Zorn meiner großen Brüder nach sich zog, mit deren Rädern ich übte).
Eines Tages war es dann so weit: Ich schaffte es trotz schmerzhafter Verrenkung, das Gleichgewicht zu halten, fast 100 Meter den Berg hinunterzufahren, an den Brombeersträuchern vorbei und rechts um die Kurve. Ich schaffte es sogar, an geeigneter Stelle zu bremsen und unversehrt abzusteigen. Ein Triumph! Ein paar Monate später gelang es dann auch das erste Mal, die Mittelstange nicht länger neben mir, sondern unter mir zu haben. Noch ein Triumph!
Dann das Schwimmen. Ich bin am Hallwilersee aufgewachsen. Es lag also nahe, dass man früh schwimmen lernte. Ich gehörte nicht zu den Ersten, denn wir wohnten etwas weiter oben im Dorf. Während der Schulzeit sollten dann auch die Letzten »seetüchtig« werden und so brachten uns unsere Lehrer im Sommer regelmäßig ans Wasser. Ich sah den anderen aus meiner Schulklasse verwundert zu, wie sie kunstvoll ins Wasser hechteten und dann scheinbar mühelos hindurchglitten. Meine ersten Schwimmversuche scheiterten kläglich. Trotz wildem Zappeln zog mich das Wasser tiefer und tiefer nach unten. Zuletzt hielt ich mit Mühe noch die Nase an der Oberfläche, dann verschwand auch diese und füllte sich mit Wasser. Ein Schwimmgurt aus Kork brachte die Rettung. Endlich konnte ich mich im Wasser ausstrecken und wurde getragen. Konnte langsam lernen, wie das mit den Schwimmbewegungen funktionierte. Fand Balance und konnte sie halten. Irgendwann auch ohne die Hilfe des Schwimmgurts und ohne Aufsicht eines Erwachsenen. Ein erneuter Triumph!
Ob Fahrrad fahren oder schwimmen lernen: Bei beidem ist die Frage nach dem Gleichgewicht entscheidend. Doch nicht nur hier. Es beginnt mit den ersten Schritten, wenn unser kleiner Körper sich müht, sein Gewicht beim Gehen so auszubalancieren, dass wir den Halt auf unseren tapsigen Füßchen nicht verlieren.
Unser Leben ist ein Ringen ums Gleichgewicht. Es betrifft Erwachsene nicht weniger als Kinder. Das Thema Gleichgewicht ist eng verbunden mit einem weiteren: der Suche nach dem rechten Maß. Jede Form der Maßlosigkeit (beim Essen, Trinken, Arbeiten, Sport, Konsum, Umgang mit Medien) ist immer auch ein Verlust des Gleichgewichts. Es ist ein Ausdruck davon, dass in unserem Leben eine Sache so viel Raum bekommt, dass dabei etwas aus dem Ruder läuft. Dass unser körperliches und seelisches Wohlbefinden gefährdet wird.
Der deutsche Lyriker Eugen Roth (1895–1976) schrieb ein Gedicht mit dem Titel Der Maßlose. Darin heißt es treffend1:
Ein Mensch, der manches liebe Jahr zufrieden mit dem Dasein war, kriegt eines Tages einen Koller und möchte alles wirkungsvoller. Auf einmal ist kein Mann ihm klug und keine Frau ihm schön genug. Die Träume sollten kühner sein, die Bäume sollten grüner sein, schal dünkt ihn jede Liebeswonne, fahl scheint ihm schließlich selbst die Sonne. Jedoch die Welt sich ihm verweigert, je mehr er seine Wünsche steigert …
In seiner Maßlosigkeit möchte der Mensch irgendetwas unbedingt haben. In vielen Fällen stellt sich aber nachträglich heraus, dass ihn sein Streben nicht beschenkt, sondern beraubt hat. Maßlosigkeit führt immer zu Verlust. Irgendetwas leidet und geht verloren: die Gesundheit, wertvolle Beziehungen, die Arbeit, die Achtung vor sich selbst.
In seinem Buch Das Viergespann setzt sich der deutsche Philosoph und Christ Josef Pieper (1904–1997) ausführlich mit der Tugend des Maßhaltens auseinander.2 Ein Mensch, so Pieper, ist nur dann fähig, sich in seinem Denken, Fühlen und Handeln zu mäßigen, wenn sein Inneres zur Ruhe kommt. Wenn sich die Regungen so ordnen, dass sie in Frieden beieinander ruhen – in gutem Gleichgewicht. Anders gesagt: Wenn wir in einem Bereich unseres Lebens das gute Maß verlieren, ist dies ein Ausdruck davon, dass unser Inneres durcheinandergeraten ist. Wir empfinden Unruhe und versuchen ihr dadurch Herr zu werden, dass wir hastig nach einem geeignet erscheinenden Strohhalm greifen. Wir wollen den gefühlten Mangel kompensieren und verlieren dabei erst recht den Halt und das gute Maß. Es ist vorbei mit Ruhe, Frieden und Ordnung in uns drin …
Pieper bedauert, dass viele Menschen mit dem Gedanken der Mäßigung Negatives verbinden. Ja, sie hat mit Verzicht zu tun und das fällt uns in vielen Fällen schwer. In Wirklichkeit aber geht es beim rechten Maß darum, etwas zu gewinnen. Maßvoll bleiben schützt und bewahrt uns vor einer Bedrohung. Es sorgt dafür, dass etwas so gedeihen kann, wie es das ohne diesen Schutz nicht kann. Nach Pieper braucht der Mensch das gute Maß deshalb, weil er dazu neigt, in selbstzerstörerischer Weise Grenzen zu missachten – seine eigenen und diejenigen anderer Menschen. Wer sich also begrenzt, wer das gute Maß behält, der schützt und bewahrt damit sich selbst und andere.
Wie Pieper verwendet auch Dietrich Bonhoeffer in diesem Zusammenhang das altmodische Wort »Zucht«. Es beschreibt die bewusste Selbstbeherrschung angesichts der Möglichkeit, eine bestimmte Grenze, ein bestimmtes Maß zu überschreiten. Ein Mensch, der Zucht übt, begrenzt sich selbst. Er tut es, um etwas zu bewahren, das ihm lieb und wertvoll ist. Otto Duzdus, ein Freund und Gefährte Bonhoeffers, erklärt dessen Betonung von Zucht, Ordnung und Disziplin so:
Er (Bonhoeffer) versteht darunter das Fragen und Suchen nach Gesetzen, unter denen das Leben sich erst entfalten und gedeihen kann, das Geheimnis, an dem Gelingen oder Verlust von Leben sich entscheidet … Bonhoeffer hatte vor nichts anderem so viel Angst wie vor dem inneren Chaos. Er wusste, dass ein Verfall hier in tiefem Zusammenhang steht mit dem Verfall an das Chaos im Großen. … Und er wusste vor allem, dass die wirksamste Hilfe gegen inneres wie äußeres Chaos im geduldigen, treuen Hören auf das Wort Gottes und im Tun seines Willens besteht. Insofern ist Nachfolge Christi bei Bonhoeffer nur ein anderes Wort für Zucht.3
Bonhoeffer selbst hat das, was er unter Zucht verstand, in seinem Gedicht Stationen auf dem Weg zur Freiheit beschrieben. Der Text entstand im August 1944 während seiner Haftzeit im Gefängnis Berlin-Tegel:
Zucht. Ziehst du aus, um die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen, keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen, und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.4
Vielleicht empfinden Sie diesen über 80 Jahre alten Text als schwer zugänglich. Möglicherweise hilft es Ihnen, wenn Sie das Wort »Zucht« mit dem Begriff »Selbstbeherrschung« ersetzen. Wir könnten auch von »Selbstbewahrung« sprechen. Aus dieser Perspektive lässt sich das Anliegen Bonhoeffers auch so wiedergeben:
»Wenn du dich in bestimmten Situationen selbst beherrschen kannst; wenn du also nicht dem sich dir jetzt gerade aufdrängenden Impuls und Wunsch folgst, dann bewahrst du damit dich selbst und das, was dir wichtig ist. Du bleibst frei, weil du nicht dem Erstbesten nachrennst, sondern bei dem bleibst, was dein Leben schön und wertvoll macht.«
Das ist es, worum es beim Maßhalten geht: mich an das Richtige halten. Mich beherrschen. Eine Sache in dem Maße tun oder sein lassen, wie es mir zum Guten dient.
