Funkenflieger - Rita Falk - E-Book + Hörbuch

Funkenflieger E-Book

Rita Falk

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7,99 €

Beschreibung

Jetzt im Taschenbuch Elvira war viel zu jung, um selbst Kinder zu haben – und ihre Söhne Kevin, Robin und Marvin haben es nicht gerade leicht mit ihr. Als eines Tages herauskommt, dass Kevin seine große Liebe Aicha geschwängert hat, noch bevor beide ihren Schulabschluss in der Tasche haben, kommt es beinahe zur Katastrophe. Denn Aichas Eltern setzen alles daran, dass das Kind nicht zur Welt kommt. Was tun? Marvin hat einen irrwitzigen Plan. Und für einige Wochen wird ihrer aller Leben kräftig durcheinandergewirbelt …

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Seitenzahl: 455

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Elvira war viel zu jung, als sie Mutter wurde. Ihre drei Söhne haben es nicht gerade leicht mit ihr. Und dann bringt ausgerechnet Kevin, der Älteste, das ohnehin fragile Familiensystem vollends ins Wanken. Durch einen dummen Zufall kommt heraus, dass er seine große Liebe Aicha geschwängert hat, noch bevor beide ihren Schulabschluss in der Tasche haben. Als Aichas Eltern davon erfahren, kommt es beinahe zur Katastrophe, denn sie wollen mit allen Mitteln die Geburt dieses Kindes verhindern. Was tun? Da hat Marvin, der Jüngste, von allen Locke genannt, einen irrwitzigen Plan. Und für einige Wochen wird ihrer aller Leben kräftig durcheinandergewirbelt …

Ein zauberhafter Roman über die Not zweier Liebender und darüber, wie Menschen in außergewöhnlichen Situationen über sich hinauswachsen können.

Rita Falk

Funkenflieger

Roman

Eins

Wenn es überhaupt Dinge gibt, die ich mag, dann sind das saubere Fingernägel und Marzipankartoffeln. Ich bin fünfzehn und mein Leben ist die Hölle. Zwei ältere Brüder und eine dauerflennende, stinkfaule Mutter sind einfach nervig ohne Ende.

Mein Name ist Marvin. Außer ein paar Lehrern hat mich aber noch nie jemand so genannt. Für alle anderen bin ich Locke. Seit meiner Geburt. Vermutlich kann man sich denken, warum das so ist. Aber zurück zu meinem Leben, denn das ist nicht nur die Hölle, sondern auch todlangweilig. So langweilig, dass ich am Wohnzimmerfenster hocke und Elvira wieder einmal dabei zuschaue, wie sie sich unten auf der Straße für den Novak zum Affen macht. Es ist jedes Mal dasselbe, und es ist erbärmlich. Immer wenn eine neue Öllieferung kommt, macht sie sich schön. Soweit das eben in ihren Möglichkeiten steht. Sie duscht dann ausgiebig, zieht tatsächlich mal was anderes an als ihre blöde Jogginghose und kämmt sich die Haare. Die wilden Locken wollen natürlich nicht so, wie sie sollen, und stehen in alle Richtungen ab. Das macht sie noch nervöser, als sie ohnehin schon ist. Wenn also der Öltank endlich voll ist, bezahlt Elvira mit zittrigen Händen und wartet auf ihre Quittung. Und da steht sie dann wie verloren vor diesem riesigen Laster, mit feuerrotem Kopf und krausen Haaren, und starrt dem Novak direkt ins Gesicht. Doch der, der würdigt sie keines Blickes. Steht bloß da in seinen grünen Gummistiefeln und mit den dreckigen Fingernägeln und zählt das Geld nach. Bis auf den letzten Cent. Wie gesagt, es ist ziemlich erbärmlich, echt. Aber wegschauen kann ich irgendwie auch nicht. Ich könnte mir ja das Ganze auch ersparen, weg vom Fenster und alles ist gut. Aber stattdessen schaue ich raus, beobachte das traurige Spektakel und schäme mich. Ob für mich selber oder für die beiden da unten, das kann ich nicht recht sagen. Aber ich bin froh, als der blöde Öllaster endlich wegfährt und in der Ferne verschwindet. Elvira bleibt wie angewurzelt stehen und blickt ihm nach wie ein Hund seinem Herrchen. Eine ganze Weile sogar. Bis irgendwann schließlich mein älterer Bruder Kevin über die Straße kommt und sie unterhakt. Er bringt sie nach oben, packt sie auf die Couch und kocht ihr einen Tee. Tee mag sie aber jetzt nicht. Zumindest nicht ohne Schnaps drin. Also kippt Kevin ein volles Schnapsglas in die heiße Tasse und stellt sie vor Elvira auf dem Tisch ab. Dann füllt er das Glas erneut und schüttet es in seine Kehle. Das ist total ungewöhnlich für Kev. Er hasst Alkohol eigentlich in jeglicher Form.

Elvira sitzt da, und abwechselnd nimmt sie einen Schluck und starrt wieder in ihre Tasse. Der heiße Dampf und wahrscheinlich auch der Alkohol färben ihre Wangen rosa und die Nase rot. Sie schnäuzt sich ausgiebig, schnieft noch ein paarmal, reibt sich die Augen, bis die ganze Wimperntusche verschmiert ist, und nickt schließlich ein. Vom Teedampf und der Feuchtigkeit draußen sind ihre Locken heute noch viel wilder gekräuselt als sonst. Ich kenne das, habe ja die gleichen. Aber ich binde sie mir meistens mit einem Gummi zusammen, weil alles andere eh keinen Sinn macht. Wahrscheinlich komme ich wohl sowieso ziemlich nach meiner Mutter. Elvira.

Während meine zwei Brüder sehr groß sind und schlank, bin ich eher klein. Jedenfalls im Vergleich zu den beiden. Zum Glück hab ich nicht auch noch Elviras Gewicht geerbt.

»Früher, in eurem Alter, da war ich auch nicht so dick«, sagt sie immer. »Aber bringt ihr doch erst mal drei Kinder zur Welt, dann geht ihr auch auseinander wie ein Hefeteig.«

Gut, dieses Risiko kann ich für mich persönlich wohl eher ausschließen.

»Ist irgendwas?«, frage ich Kevin aus meinem Sessel heraus, lege die Maus beiseite und höre kurz auf, virtuelle Soldaten zu töten.

Er schüttelt den Kopf.

»Nein, was soll sein.«

Weil ich ihn aber seit meiner Geburt kenne, weiß ich, dass er lügt. Das heißt, er lügt natürlich nicht. Kevin lügt nie. Er verschweigt höchstens etwas. So wie jetzt. Er hat ein Geheimnis, das merk ich genau. Ich vermute mal, dass es was mit seiner Tussi zu tun hat. Und das … das macht mich extrem neugierig.

Angefangen hat alles vor etwa einem halben Jahr. Da nämlich hat sich Kevin ausgerechnet in eine Türkin verliebt. Man verliebt sich nicht in eine Türkin! Das ist ein großer Fehler und bringt bloß Ärger. Kevin kann mittlerweile ein Lied davon singen. Dass gerade ihm so was passiert, gerade ihm, der niemals einen Fehler macht, hab ich anfangs noch echt lustig gefunden. Kevin, der Obermacker mit Schulnoten, die jeden Studienrat niederknien lassen. Der in seiner Freizeit unsere gammelige Wohnung putzt. Und der als Einziger ab und zu unsere Mutter in die Arme nimmt. Unsere Mutter, dieses jämmerliche, ungepflegte, dauerheulende Wesen.

Depressionen, sagt Kev.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass sie wirklich dumm ist. Leider. Na, jedenfalls nimmt er sie in die Arme und sagt: »Wein doch nicht, Elvira. Alles wird gut!«

Natürlich wird nichts gut, wie auch?

Wir haben Elvira noch nie Mutter genannt. Ich weiß nicht warum, vermute aber, es liegt an ihrem Alter. Als Kev kam, war sie erst sechzehn. Und mit sechzehn Mutter genannt zu werden, ist wohl nicht so der Brüller. Eineinhalb Jahre später kam dann auch schon Robin. Und mit knapp achtzehn fühlt man sich wahrscheinlich noch immer nicht sehr mütterlich. Kev und Rob sind übrigens farbig. Also nicht so richtig natürlich, weil Elvira ja auch nicht farbig ist. Aber eben ziemlich dunkel. Der Vater der beiden, der kommt aus Jamaika und war Elviras ganz große Liebe. Und für eine ganze Weile lief wohl alles ziemlich rund. Zumindest erzählt sie das immer wieder mal so, wenn sie ihren Moralischen hat. Doch eines schönen Tages hatte dieser Typ vermutlich die Nase gestrichen voll von happy family und Tralala.

»Du, Baby«, hat er damals zu ihr gesagt. »Gib mir doch einfach mal deine restlichen Kröten, und damit flieg ich kurz rüber nach Jamaika und bau uns dort eine ganz tolle Zukunft auf !«

Ja, wie gesagt, dumm ist sie eben auch. Und so war er weg mitsamt ihrer mickrigen Kohle.

Wer mein eigener Vater ist, weiß eigentlich niemand. Oder besser gesagt, es wird nicht drüber gesprochen. Ich selber bin mir schon relativ sicher, wer es sein muss. Allein schon wegen diesem Muttermal. Ein kleines, dreieckiges Muttermal knapp unter dem rechten Auge. Genau so eines hat der Novak nämlich auch. Die gleiche Form, die gleiche Größe und sogar die gleiche Farbe. Da kann man an Zufall wirklich kaum glauben. Auch wenn mich dieser Gedanke alles andere als stolz macht.

Wir wohnen übrigens im einzigen Mietshaus weit und breit, wo noch immer mit Ölkannen hantiert wird. Und jedes Jahr wieder, wenn’s draußen kalt wird, gibt’s bei uns daheim Streit, wer runter muss in den verdammten Keller, um diese Scheiß-Kanister hochzuschleppen. Robin macht das nie, allein schon, weil er eh kaum zuhause ist. Elvira nur unter Tränen, was noch viel nerviger ist als die blöde Schlepperei. Meistens können wir auf Kevin zählen. Wenn der aber schlechte Tage hat, und die häufen sich im Moment, dann muss ich eben ran. Ich hasse unseren Keller. Weil er schimmlig ist und muffig und von Ratten und Mäusen bewohnt. Obendrein gibt’s dort noch nicht mal Strom. Es gibt Tage, da würde ich fast lieber erfrieren, als dort hinunterzugehen. Aber natürlich bleibt mir gar keine Wahl. Und so mach ich es eben, auch wenn ich es noch so verabscheue. Die feinste Adresse ist es sowieso nicht, da, wo wir wohnen. Die Wohnungen sind alt und es wurde noch nie was erneuert. Im Höchstfall wird mal etwas repariert, und selbst da muss man echt lange drum kämpfen. Außerdem, oder vielleicht auch deswegen, wohnen jede Menge Spinner hier. Und nicht nur die von der harmlosen Sorte.

»Hör mal, Locke«, sagt Kev jetzt plötzlich und stößt mit dem Fuß gegen meinen Stuhl. »Ich muss gleich noch mal kurz weg. Du bleibst zuhause, kapiert, und passt auf Elvira auf. Kümmere dich ein bisschen um sie. Ihr geht’s heute nicht gut.«

»Hast du ’nen Vogel, oder was?«, frag ich, weil ich überhaupt keine Lust habe, hier den Babysitter abzugeben.

»Bitte! Es dauert auch nicht lang«, sagt er mit Nachdruck und schnappt sich dabei die Jacke vom Haken.

»Nur, wenn du mir sagst, was überhaupt los ist«, bohr ich nach.

»Verdammt, es ist nichts los. Was soll denn schon los sein?«

Will der mich verarschen?

»Gehst du zu Aicha?«

Er nickt. Aber auch das tut er anders als sonst.

»Also nicht weggehen, Locke, verstanden? Und Augen auf, wenn Robin kommt.«

Ich greife nach der Maus und spiele weiter. Sagen tu ich nichts mehr.

Als Augenblicke später die Wohnungstür ins Schloss fällt, schaue ich erst mal rüber zum Sofa. Elvira schläft tief und fest. Und sie schnarcht auch ein bisschen. Halb sitzend, halb liegend, und ihr Kopf baumelt schwer über der Brust. Ich geh hin, bring sie in die Horizontale und decke sie zu. Sie blinzelt.

»Ist was, Locke?«, brummt sie leise, schläft aber gleich wieder ein.

Manchmal, nur ganz selten, nennt Elvira mich »Marvi«. Damals zum Beispiel, als ich mir das Bein gebrochen hatte. Unten auf der Kellertreppe beim Ölkannenschleppen. Vorausgegangen war wieder eine dieser Endlosdiskussionen, bei der ich schließlich den Kürzeren gezogen hatte. Einfach, weil Robin mich irgendwann anbrüllte.

»Wenn du jetzt nicht sofort deinen faulen Arsch in Bewegung setzt!«, hat er geschrien. »Dann werde ich morgen der ganzen Schule erzählen, was für ein verdammtes Weichei du bist und dass du dich noch nicht mal in unseren popeligen Keller runtertraust!«

Da bin ich natürlich los. Bin die Treppen runtergestampft und hab dabei geheult. Vor Wut, vor Angst, vor Ekel? Keine Ahnung. Hab schließlich beide Kannen gefüllt. Randvoll, bis ich sie kaum noch schleppen konnte. Und so hab ich mich auf den Weg nach oben gemacht. Vielleicht habe ich was ausgeschüttet oder ich habe vor Tränen nichts mehr gesehen. Jedenfalls muss ich dann wohl ausgerutscht sein. Aber das weiß ich nicht mehr. Da hat mein Gedächtnis ein Loch. Peng – zack – alles weg! An das anschließende Geschrei allerdings kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das Geschrei wegen dem ganzen Öl, das verschüttet war. Elvira hat gebrüllt wie am Spieß, weil so viel Geld praktisch futsch war. Der Hausmeister hat gebrüllt, weil das gesamte Treppenhaus total versaut war. Die Nachbarn haben gebrüllt, weil’s urplötzlich so tierisch stank im ganzen Haus. Und die Nutte aus der Mansarde hat gebrüllt, wir sollten nun alle zusammen mal wieder schön das Maul halten. Ich war der Einzige, der nicht gebrüllt hat. Und das, obwohl die Schmerzen echt grauenvoll waren. Ich bin nur auf der Treppe gehockt, hab mein Bein gehalten und dabei gehofft, dass sich alle langsam wieder beruhigen.

»Ist alles in Ordnung, Locke?«, hat Kev mich plötzlich gefragt und mir dabei seine Hand auf die Schulter gelegt. Und ich habe genickt. Irgendwie irre, oder?

Erst drei Tage später habe ich von meinen Schmerzen erzählt, als das Bein so dermaßen tobte und es beim besten Willen einfach nicht mehr zum Aushalten war. Erst da hab ich mich getraut, überhaupt was davon zu erzählen. Kevin hat dann sofort einen Sanka gerufen. Und keine halbe Stunde danach war ich auch schon im Krankenhaus. Später, als Elvira dann zu Besuch kam, war ich schon längst operiert. Und sie hatte Marzipankartoffeln dabei und nannte mich »Marvi«.

Und jetzt … jetzt liegt sie drüben auf unserm durchgesessenen Sofa und schläft wie ein Murmeltier. Ich zieh mal mein Handy aus der Hosentasche. Mein Handy, das ist für mich sowieso das Wertvollste, das ich besitze. Um das überhaupt haben zu können, habe ich meine kompletten letzten Ferien geopfert. Zwei Wochen lang bei der Spargelernte schuften, anstatt völlig relaxed abzuchillen. Ein richtiger Knochenjob ist das gewesen! Am Ende aber hat sich’s natürlich gelohnt. Und so zieh ich es jetzt nicht ganz ohne Stolz aus meiner Jackentasche. Ich hauche kurz auf das pechschwarze Gehäuse und rubble es an meinem T-Shirt blank, bis es glänzt. Echt geiles Teil, wirklich. Dann hau ich in die Tasten.

Hi Friedl. Was geht? Hast du grad Zeit oder bist du busy?

Die Antwort kommt wie gewohnt fix.

Zeit wofür?

Kannste mal gucken, was Kev grad so treibt? Sitze hier fest.

Ich geh rüber zum Fenster und schieb die Gardinen zur Seite. Friedl macht es im Haus gegenüber ganz genauso. Wir winken uns kurz zu. Ich schau nach unten unsere Straße entlang. Dort, am Ende des Blocks, überquert Kev gerade im Nieselregen die Kreuzung. Er hat den Kragen hochgeschlagen, sein Käppi tief ins Gesicht gezogen und beide Hände in den Jackentaschen versenkt. Ich deute kurz in Kevins Richtung, und Friedl findet ihn gleich. Er nickt mir kurz zu, und anschließend zieht er die Gardinen wieder vors Fenster.

Friedl ist mein bester Freund. Im Grunde genommen ist er mein einziger. Und eigentlich heißt er ja Gottfried. Hundertmal schon hab ich mich gefragt, warum zum Teufel jemand sein Kind Gottfried nennt. Ist doch irgendwie voll pervers, oder? Und natürlich hasst Friedl seinen Namen. Wobei er »Friedl« jetzt auch nicht so prickelnd findet. Aber wie sollten wir ihn denn sonst bitte schön nennen? Gotti vielleicht?

Ich gehe zum Schreibtisch zurück und töte wieder mal die Einwohner unseres alten PCs. Manchmal spinnt die Maus, dann muss man sie ein paarmal gegen die Tischplatte klopfen. Das erfordert durchaus gewisse Erfahrungswerte. Klopft man nämlich zu leicht, dann passiert gar nichts. Klopft man zu fest, ist sie so gut wie im Arsch. Passiert manchmal, nervt ungemein, und dann muss man mit Sekundenkleber hantieren, was ich hasse, weil dieser Brei natürlich auch immer irgendwie an den Fingern kleben bleibt.

Gerade kommt Buddy aus Kevins Zimmer geschlichen. Er bleibt kurz im Flur sitzen und leckt sich das Fell. Danach streckt er sich ziemlich ausgiebig, schaut zu mir rüber und kommt schließlich langsam in meine Richtung. Schnurrend schmiegt er sich an meine Beine. Ihn hochzuheben kommt beinahe einem Kraftakt gleich. Er wiegt über fünf Kilo und hat nur drei Beine. Oder besser gesagt, er wiegt über fünf Kilo, seitdem er nur noch drei Beine hat. Früher, mit noch vieren, da war er wie ein Pfitschepfeil. Rauf auf den Sessel, rüber zum Regal, von dort auf den Schrank und wieder hinunter. Die Gardinen hoch und rein in die Yucca-Palme. Ständig hat Elvira mit ihm geschimpft, weil natürlich alles Mögliche dabei kaputtging. Ich glaube, jetzt, wo er nur noch drei Beine hat, da mag sie ihn viel lieber. Er bewegt sich ja kaum noch. Höchstens runter von der Couch, rüber zu Kevins Bett, zum Katzenklo oder zum Fressnapf und wieder zurück. Grade kommt eine SMS: Treffen wir uns gleich noch kurz im Casino? News! Kannste weg?

News? Ich muss weg!

Ich wecke Elvira.

»Was ist los?«, fragt sie ziemlich verschlafen und richtet sich auf.

»Du, Elvira, ich muss kurz noch mal weg. Kann ich dich hier alleine lassen?«

»Na klar, bin doch kein kleines Kind. Aber wo willst du denn hin?«, fragt sie, quält sich aus den Kissen und richtet sich auf.

»Muss mich nur schnell mal mit Friedl treffen.«

»Ja klar, mit Friedl. Was auch sonst?«, brummt sie mehr in sich hinein, erhebt sich schwerfällig und macht sich schließlich auf den Weg zur Küche. Auf Höhe des Kühlschranks tritt sie die Katzenschüssel mit Wasser um. Das macht sie ständig.

»Scheiße, Mann!«, sag ich, schnapp mir einen Lappen und wische die Pfütze vom Fußboden. Elvira guckt mir kurz dabei zu, fischt sich dann eine Kindermilchschnitte aus dem Kühlfach, öffnet die Verpackung und beißt hinein.

»Da drüben, da ist auch noch Wasser«, sagt sie, während sie kaut. Ich schau zu ihr hoch. Und sie schaut zurück. Doch eigentlich schaut sie mehr durch mich hindurch.

»Mist, ich muss jetzt echt los«, sag ich und werfe den Lappen zurück ins Spülbecken. »Ach ja, wenn Robin hier auftaucht, gib ihm bloß keine Kohle! Hast du mich verstanden?«

»Ja, ja«, sagt sie und schnappt sich eine weitere Kindermilchschnitte. Dann schlurft sie ins Wohnzimmer zurück, greift nach der Fernbedienung und versinkt erneut in der Couch. In der Glotze läuft gerade ›Richter Hold‹. Den liebt sie. Er erklärt gerade ein paar Asozialen, dass sie asozial sind. Ja, so was gefällt Elvira. Sie legt sich die Wolldecke über die Beine und packt die Milchschnitte aus. Das Rascheln der Verpackung bringt Buddy auf den Plan. Er springt auf Elviras Bauch und wird wie erwartet umgehend mit Milchcreme gefüttert.

In zwei Minuten unten, tipp ich in mein Handy.

In zehn Minuten im Casino. Bin schon dort, kommt es zurück. Ich schnapp mir Jacke und Schlüssel und bin weg.

Zwei

Das Casino liegt ein bisschen außerhalb im Industriegebiet bei uns am Stadtrand. Wenn man die kürzeste Strecke kennt, braucht man mit dem Skateboard gemütliche acht Minuten. Mit dem Fahrrad geht’s sogar noch etwas schneller. Weil das aber noch relativ gut ist und ziemlich teuer war, will ich’s lieber ein bisschen schonen. Drum nehm ich es meistens nur für den Schulweg. Das Casino ist ziemlich cool. Früher war es mal eine Kneipe. Dort hat man sein Feierabendbier getrunken oder einen Kaffee vor der Nachtschicht. Damals, als die Werkzeugfabrik noch existiert hat, bevor sie von heute auf morgen einfach weg war. Einfach weg und umgesiedelt nach Ungarn, wegen billiger Arbeitskräfte und Pipapo. Auch meine Mutter hatte dort lange gearbeitet und auch ziemlich gern. Ich weiß das so genau, weil ich ja selber dabei war. Fast täglich hab ich nämlich dort im Casino meine Hausaufgaben gemacht. Zumindest immer, wenn Robin und Kev beim Fußballtraining waren und ich’s daheim nicht ausgehalten habe, so ganz alleine. Dann bin ich einfach rüber ins Casino, hab mich dort unter all die Erwachsenen gehockt, jedes Mal brauchbare Hausaufgabentipps abgestaubt und die eine oder andere Fanta auch. Später, wenn Elviras Schicht dann zu Ende war, hat sie mit den Kollegen meistens noch ein Bier getrunken oder einen Kaffee. Todmüde waren sie eigentlich alle zusammen nach den anstrengenden Schichten, aber irgendwie auch immer ziemlich gut drauf. Zu der Zeit war ich manchmal sogar richtig stolz auf Elvira. Weil sie beliebt war und fleißig, und weil sie ihre Familie ganz allein durchbringen und zusammenhalten konnte. Von heute auf morgen aber kam dann die Kündigung für alle hundertachtzig Angestellten, und dieser ganze Scheiß konnte beginnen. Also nicht, dass wir zuvor im Paradies gelebt hätten, das nicht, aber im Grunde eben doch, im Vergleich zu heute jedenfalls. Und das liegt nicht allein an der Kohle, die plötzlich natürlich deutlich weniger ist. Nein, es liegt auch an Elvira. Stundenlange Familiendiskussionen waren auf einmal die Regel, und Kevin hat mit Engelszungen auf Elvira eingeredet, hat versucht, sie irgendwie wachzurütteln. Es hat kaum noch ein anderes Thema gegeben. Das war auch die Zeit, wo Robin anfing, fluchtartig unsere Wohnung zu verlassen. Im Grunde kann ich das sogar verstehen. Ich selber konnte den ganzen Mist irgendwann auch nicht mehr hören und hab mich dann meistens lieber in mein Zimmer verkrümelt. Aber Kevin, der hat nicht aufgehört, Elvira vollzutexten. Er war sich damals noch so sicher, dass es plötzlich klick machen und Elvira wieder funktionieren würde. Hat aber nicht geklappt. Sie hat einfach die Kurve nicht mehr gekriegt. Viele andere haben sich aufgerafft und sind schnell auf irgendwelche neue Jobs gestoßen. Andere sind weggezogen. Aber ein paar von ihnen suchen bis heute. Nur wenige haben aufgegeben – oder erst gar nicht mit der Suche angefangen, haben die Arbeit an den Nagel gehängt und das ganze Leben gleich dazu. So wie meine Mutter halt. Ja, damals ging es rasant bergab mit ihr. Und dann kommt noch dazu, dass sie jetzt sehr einsam ist. Wenn man berufstätig ist und mit drei Kindern alleine, hat man sowieso kaum Freunde, allein schon, weil die Freizeit echt recht knapp ist. Doch die wenigen, die da waren, die hat sie jetzt auch noch verloren. Niemand will mit jemandem befreundet sein, der sich in sein Schneckenhaus zurückzieht. Ja, wie soll man da denn auch reinkommen? Und: warum? Was aber noch viel schlimmer ist, sie hat ihre Würde verloren. Die Achtung vor sich selbst.

Heute ist da nichts mehr. Das heißt, wir sind da, der Friedl und ich. Wir haben uns das Casino praktisch unter den Nagel gerissen. Am Anfang, da sind wir eigentlich nur mal hin, um zu sehen, ob vielleicht etwas Brauchbares zurückgelassen wurde. Etwas, das niemand mehr will und das für uns trotzdem noch passt. Und plötzlich war das dann irgendwie total aufregend für uns. Wir sind dort durch diese riesigen, leeren Fabrikhallen gewandert, und weit und breit war kein einziger Mensch. Nur Friedl und ich. Wir haben unsere Namen gerufen und anderes Zeug, und von den Wänden hallte es zigmal zurück. Das war schon ziemlich cool. Dann aber haben wir das Casino wiederentdeckt, und das hat uns gleich total gefangengenommen. Im Laufe der Zeit sind wir immer öfter dorthin, und letztendlich sind wir da hängengeblieben. Mittlerweile haben wir fast alles, was man halt so braucht, das meiste ist vom Sperrmüll. Und mit dem ohnehin Vorhandenen ist es eigentlich richtig gemütlich geworden. Gut, bis auf die Wände vielleicht. Die sind ganz gelb vom Nikotin, und die abgenommenen Bilder haben hässliche Ränder hinterlassen. Aber sonst ist es echt gut hier. Ein altes Sofa ist da, das ein bisschen nach Hund stinkt. Und ein paar Wolldecken, die riechen nach Mottenkugeln. Auf dem Flohmarkt haben wir sogar ein altes, kaputtes Stromaggregat erworben, und Friedl hat nicht aufgehört, daran rumzubasteln, bis es endlich wieder funktionierte. Aus einem der Wasserhähne hinten im Klo kommt tatsächlich noch Wasser, weiß der Geier warum. Es ist natürlich eiskalt, aber mit dem Tauchsieder in null Komma nix erhitzt. So können wir uns da zum Beispiel Tütensuppen machen. Tütensuppen sind prima. Besonders gern mag ich Spargelcreme, Friedl steht mehr auf italienische Tomatensuppe.

Wenn es richtig kalt ist, können wir sogar heizen. Der alte Werkstattofen, der brennt wie der Teufel, und zwar mit Holz. Zuerst haben wir der Reihe nach alles eingeschürt, was am Gelände aus Holz zu finden war. Türen und so was in der Art halt. Weil das doch eh keiner mehr braucht. Das war total praktisch und hat auch ’ne ganze Weile lang gereicht. Jetzt ist leider alles weg, doch irgendwo finden wir immer etwas zum Einheizen. Unser ganz großer Stolz sind übrigens ein Billardtisch und seit kurzem auch ein Kickerkasten. Der Billardtisch war von Anfang an da, wurde einfach zurückgelassen, wie so vieles andere auch. Das Tuch ist zwar an zwei Stellen ein bisschen kaputt und es fehlt auch eine Kugel, aber für unsere Bedürfnisse reicht es locker. Ach ja, und den Kickerkasten haben wir vor ein paar Tagen einfach aus einer Garage in der Nähe geklaut. Der ist da jahrelang mit allem möglichen anderen Krempel nur drin rumgestanden und verstaubt. Bei uns hat er es deutlich besser.

Als ich jetzt im Casino ankomme, ist Friedl schon da und hockt verkehrt herum auf einem Stuhl. Sein Käppi trägt er ebenfalls verkehrt herum. Wie immer halt.

»Was geht?«, fragt er und schmeißt mir eine Dose Cola entgegen.

»Alles klar. Und bei dir? Komm, schieß los. Mach’s nicht so spannend. Was ist jetzt mit deinen News?«

Er grinst und beugt sich weit nach vorne. Verdreht die Augen und steht schließlich auf.

»Der Kev, der war mit Aicha zusammen«, sagt er schließlich, fingert eine Kippe aus seiner Jackentasche und zündet sie an. Nimmt einen tiefen Zug und bläst Ringe in die Luft. Das sieht einfach Hammer aus.

»Okay, das ist aber jetzt nicht so ganz new«, sag ich und nehm ihm die brennende Zigarette aus dem Mund. Ich mach auch einen tiefen Zug und muss mir dabei das Husten verkneifen. Friedl kann sich nämlich totlachen, wenn ich beim Rauchen huste.

»Das hab ich ja auch gar nicht behauptet«, sagt er und holt sich die Kippe zurück.

»Also was?«

»Also gut. Ich bin eben Kev ganz brav gefolgt, genauso wie du’s gesagt hast. Den ganzen Scheißweg bis rüber zur Sedanstraße. Und da … da ist er dann vor einem von diesen neuen Geschäftshäusern stehen geblieben, ist ’ne Zeit lang wie ein Irrer von einem Bein aufs andere getreten und hat dabei abwechselnd auf seine Uhr und zu den Fenstern hoch gesehen. Ungefähr zehntausendmal.«

»Das war alles?«

»Nein, natürlich nicht, Blödmann. Irgendwann ist dann endlich die Aicha gekommen«, sagt er und reicht mir die Kippe rüber. »Und sie hat geheult wie verrückt.«

»Sie hat geheult?«

»Ja, geheult und wild mit den Armen herumgefuchtelt und schließlich seinen Brustkorb mit ihren Fäusten bearbeitet. Das war irgendwie echt voll daneben, sag ich dir.«

»Und dann?«

»Dann hat er sie in den Arm genommen und auf sie eingeredet. Hat sie nach ’ner Weile dann auch irgendwie beruhigen können. Jedenfalls so lange, bis ihr Alter ums Eck kam, mit seinem blöden Fexer im Schlepptau. Wie heißt der noch mal?«

»Keine Ahnung, Mann. Ich glaub, Achmed, oder so. Erzähl weiter!«

»Genau, Achmed, dieser Arsch. Und dann, ja dann gab’s halt wieder mal einen von diesen Affentänzen, kennst du ja. Aicha ins Auto rein, Kev am Kragen gepackt und geschüttelt, das volle Programm, wie immer halt.«

Friedl nimmt einen letzten Zug, und danach tritt er die Kippe am Boden aus. Das kann ich nicht haben. Ich mag’s ordentlich hier. Also sammle ich die Kippe auf, werfe sie in den Eimer und wasche mir die Hände.

»Na, so viel News war das aber jetzt auch wieder nicht, Friedl«, sage ich ein bisschen enttäuscht und nehm einen Schluck Cola.

»Ich hab ja auch nicht behauptet, dass die Story hier schon aus ist, okay?«

Er hockt sich auf den Billardtisch und beginnt mit zwei Kugeln zu jonglieren. Ich setze mich daneben und lasse meine Beine baumeln. Hinten aus dem Klo raus hört man den Wasserhahn tropfen.

»Willst du nicht wissen, wo sie war, unsere kleine Aicha?«, fragt er, und eine der Kugeln knallt auf den Boden.

»Also, wo war sie?« Mittlerweile bin ich ein bisschen genervt.

»Gynäkologie Niedermeier & Meltzer, stand auf dem Türschild«

»Gynäkologie? Ja, und weiter?«

»Na, Mensch, überleg mal!«

»Null Peilung. Vielleicht hat sie sich die Pille verschreiben lassen oder sonst was in der Art.«

»Würde sie dann heulen und auf Kevin eindreschen?«

Jetzt muss ich tatsächlich scharf nachdenken.

»Du … du glaubst doch nicht etwa … also, du meinst, sie ist … schwanger?«, kratzt es dann aus meinem Hals.

»Was denn sonst?!«, ruft Friedl und springt vom Tisch.

Ich krieg gleich die Krise. Wenn das stimmt! Hammer! Das hätte uns echt noch gefehlt. Ich schau auf die Uhr.

»Verdammt, ich muss heim!« Ich schnappe meine Jacke. »Kommst du mit?«

»Nee, keine Lust. Mein Vater hat heute frei, weißt du. Ich bleibe lieber noch ein bisschen hier. Wir sehen uns morgen in der Schule«, sagt Friedl und widmet sich dann dem Kickerkasten.

Auf dem Heimweg platzt mir fast das Hirn. Als wenn die Sache mit Aicha nicht schon schwierig genug wäre. Was soll bloß werden, wenn sie tatsächlich schwanger ist? Achmed wird ausflippen! Und ihr Alter wird sie töten. Und Kevin wohl gleich mit dazu. Horror! Echt.

Vom Casino nach Hause brauche ich keine sieben Minuten, und trotzdem komme ich zu spät. Ganz offensichtlich ist Robin gekommen, kurz nachdem ich zur Tür raus war. Manchmal könnte ich schwören, der lauert hinter der Mauer und wartet, bis die Luft rein ist. Jedenfalls kommt er meistens nur, wenn wir alle schon schlafen oder eben wenn Elvira allein daheim ist. So wie heute. Kaum war er da, hat er sie prompt wieder angepumpt. Elvira kann sich dagegen nicht wehren. Generell eigentlich gegen gar nichts, doch gegen ihn am allerwenigsten. Obwohl er sie im Grunde wie Dreck behandelt, uns alle behandelt er so, falls er überhaupt mal zuhause ist. Doch anstatt dass sie ihm mal Gas gibt, gibt sie ihm Kohle. Und hinterher weint sie. Weil sie das bisschen Geld eigentlich doch dringend bräuchte.

Kevin steht schon im Flur, als ich zur Tür reinkomme. Das habe ich befürchtet.

»Ich glaub es nicht! Wie viel hast du ihm denn dieses Mal wieder gegeben?«, will er von Elvira wissen.

»Fünfzig«, sagt sie ganz kleinlaut und schnäuzt sich.

»Verdammt, Elvira! Fünfzig Euro, bist du bescheuert, oder was?«

Jetzt schluchzt sie und zittert und hat das ganze Gesicht voll roter Flecken. Er schnauft tief durch und nimmt sie dann in den Arm. Sein Blick schweift zur Decke. Die beiden stehen mitten in der Diele, und so ziehe ich möglichst leise die Wohnungstür hinter mir zu. Aber vergebens, er sieht mich sofort.

»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst deinen verdammten Arsch hier nicht wegbewegen, Kurzer?« So nennt er mich manchmal, wenn er den Hausherrn mimt. »Hab ich dir das nicht gesagt, verdammte Scheiße!«

»Jungs, Jungs …«, versucht Elvira zu schlichten. Doch Kevin hat mich bereits am Arm gepackt und zerrt mich ziemlich heftig in sein Zimmer. Knallt die Tür hinter uns zu und schubst mich aufs Bett.

»Sag mal, wie oft hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass wir sie nicht alleine lassen können, Locke? Also wie oft, Mann?«, raunzt er mich an. Ich hocke auf seinem Bett und zucke mit den Schultern. Schließlich hat er ja recht. Mist! Keine Ahnung, was ich jetzt sagen soll. Kev fährt sich mit der Hand durch die Haare und schaut mich missmutig an. »Mensch, Locke, wann wirst du denn endlich mal erwachsen und übernimmst ein bisschen Verantwortung? Mir wird das alles langsam echt zu viel, Mann.«

»Verantwortung! Tzzz, davon musst ausgerechnet du reden«, sage ich, und im selben Moment tut’s mir auch schon leid.

»Was willst du damit sagen, Locke?«

Ich zucke wieder mit den Schultern und starre in den Boden. Jetzt würde ich mich gerne in Luft auflösen. Für einen kurzen Moment kneift Kev seine Augen zusammen und mustert mich. Wahrscheinlich kann man es ziemlich gut merken, dass ich was weiß, das ich nicht wissen sollte. Jedenfalls packt er mich plötzlich an den Armen und schüttelt mich durch, als wär ich ein Apfelbaum, reif für die Ernte.

»Was ist los, Mann? Was meinst du mit Verantwortung? Jetzt red schon, Locke.«

»Was ist denn zum Beispiel los mit der Aicha, hä? Ist die vielleicht schwanger, oder so was? Das gibt Ärger, Kev. Das gibt richtig fett Ärger!«, schrei ich ihn schließlich an.

»Halt’s Maul, Mann! Bist du verrückt, oder was!«, zischt er und hält mir den Mund zu. Von einem Moment auf den anderen fällt alle Farbe aus seinem Gesicht und seine Augenlider beginnen zu flattern. Er wendet sich ab von mir und beginnt das Zimmer zu durchschreiten. Die zwei Meter fünfzig von Wand zu Wand. Immer und immer wieder.

»Woher weißt du davon, Marvin, verdammte Scheiße?«

Was soll ich bloß sagen? Mist! Mist!

»Locke! Pass auf, das hier ist kein Kinderspiel mehr. Du sagst mir jetzt sofort, was du weißt und auch woher!«

»Jungs, bitte, nicht zanken!«, tönt es durch die Zimmertüre.

»Alles okay, Elvira. Mach dir keine Sorgen!«, ruft Kev nach draußen und versucht einen lockeren Tonfall hinzukriegen.

Dann schnauft er tief durch und setzt sich zu mir aufs Bett. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen und macht wirklich einen total fertigen Eindruck. So sitzen wir eine Zeit lang Arschbacke an Arschbacke, und ich weiß nicht so recht, was ich machen soll. Irgendwann aber fange ich vorsichtig an, ihm die Geschichte vom Nachmittag zu erzählen. So wie es sich eben abgespielt hat. Mit Friedl und dem Frauenarzt und auch mit Aichas toller Verwandtschaft. Ich lasse nichts aus. Und am Ende verspreche ich ihm noch hoch und heilig, dass der Friedl der Einzige ist, der von der Sache sonst noch weiß. Kevin atmet ein paarmal tief durch. Er weiß ganz genau, dass er sich auf unsere Verschwiegenheit hundertprozentig verlassen kann. Dass wir dichthalten, egal was kommt. Ich natürlich sowieso, und bei Friedl ist es nicht anders.

»Also ist sie wirklich schwanger. Das ist jetzt echt mal ein dickes Ding«, sag ich abschließend, eigentlich mehr zu mir selbst. Und wenn ich Kevin so ansehe, dann möchte ich nicht mit ihm tauschen. Ein einziges Häufchen Elend, wie er da so hockt auf seiner Bettkante.

»Mensch, Locke«, sagt er, steht auf und geht rüber zum Fenster. Dort lässt er die Rollos herunter, und die zwei Lamellen, die schon ewig kaputt sind, biegen sich exakt in seine Richtung. Und sie wirken wie Zeigefinger, die auf ihn deuten. Irgendwie unheimlich.

»Ich bin völlig fertig, verstehst du. Die Aicha ist schwanger und ich, ich weiß ja noch nicht mal, wie das überhaupt passieren konnte.«

»Simsalabums?«

»Haha! Sehr witzig. Mensch, wir haben doch verhütet, du Klugscheißer.«

»Ja, Scheiße! Und, was hast du jetzt vor?«

»Keine Ahnung. Ich muss morgen in der Schule unbedingt noch mal mit Aicha reden. Heute ist uns ja ihr Vater dazwischengekommen.«

»Ihr Vater wird euch immer dazwischenkommen, Kev.«

Er nickt. »Ja, und wenn es ihr Vater nicht ist, dann sein verlängerter Arm, dieser Trottel von Achmed.«

»Ach hör doch auf, Kev! Wie alt ist Achmed? So alt wie ich? Höchstens! Du bist drei Jahre älter, Mensch. Und einen Kopf größer! Mit dem wirst du doch locker fertig. Und Aicha wohl auch.«

»Täusch dich bloß nicht, Locke. In der Familie, da ist das etwas ganz anderes. Da zählt selbst ein zehnjähriger Junge mehr als eine erwachsene Frau.«

»Aber in der Schule, da könnt ihr doch reden, du und Aicha.«

Er nickt und schaut ins Leere.

»Sag mal, hängst du mit Friedl eigentlich noch immer da draußen im alten Casino ab?«, will er jetzt noch wissen.

»Ja, klar. Warum?«

»Ach, nur so.«

Drei

Am nächsten Tag in der großen Pause gehen Friedl und ich wie immer rüber zu den Mülltonnen und rauchen eine Zigarette. Da hinten ist es echt genial. Wir hocken auf unseren Rädern und haben durch die Fahrradständer hindurch einen hammermäßigen Blick über den ganzen Pausenhof. Wir selber aber sind praktisch unsichtbar. Manchmal kann man hier auch Kippen finden, die nur halb aufgeraucht sind, und die schnappen wir uns dann. Heute ist aber leider Fehlanzeige. Friedl zerquetscht mit dem Stiefel die Hinterlassenschaften unserer Vorraucher, bis nur noch ein ekliger Brei zurückbleibt. Den starrt er dann an. Steht da wie angewurzelt in seinen Stiefeln und starrt auf den Boden. Eigentlich schaut Friedl immer ein bisschen aus wie ein Nazi, mit seinen blöden Kampfstiefeln und diesem Parka samt Deutschlandfahne drauf. Wenn er dazu noch die alberne Hose mit dem Tarnmuster trägt, wird es echt peinlich. Liegt aber natürlich nicht an seiner Gesinnung, sonst wär er ja wohl kaum mit mir befreundet, wenn man mal meine zwei Brüder betrachtet. Nein, es liegt einfach nur daran, dass er diese alten Bundeswehrfetzen von seinem Vater auftragen muss. Weil die doch noch gut sind. Und weil bei Friedl daheim halt auch immer Schmalhans Küchenmeister ist, wie Elvira es nennen würde.

Eine Gruppe von Mädchen drückt sich am Fahrradständer vorbei und kommt zu uns rüber.

»Hi, Locke. Haste mal Feuer?«, fragt eine von ihnen. Sie trägt einen Minirock und Stiefel mit Absatz. Ich ziehe mein Feuerzeug aus der Jackentasche und reiche es ihr rüber.

»So macht man das aber nicht«, sagt Friedl und nimmt es ihr wieder aus der Hand. Macht hier einen auf Gentleman und gibt ihr Feuer.

»Danke«, haucht sie und pustet die Flamme aus. »Von dem kannst du echt noch was lernen, Locke«, sagt sie noch, kichert und geht tuschelnd mit ihren Freundinnen dahin zurück, wo sie gerade hergekommen sind.

»Der absolute Wahnsinn, oder?! Diese Tussen«, sagt Friedl, starrt ihnen noch ’ne Weile hinterher und hockt sich wieder auf seinen Sattel. »Dieser Mini und dazu die irren Stiefel, hast du das gesehen. Einfach Hammer, oder? Und dann dieses rosa T-Shirt. Und sie hatte noch nicht mal ’nen BH drunter. Hast du das gesehen, Locke?«

»Ich mag weder Minis noch Stiefel, und Rosa mag ich am allerwenigsten«, sage ich.

»Das ist jetzt wieder mal voll ungerecht, Mann. Die Weiber, die fahren total auf dich ab, und dir geht das alles am Arsch vorbei. Und von mir, wo ich echt interessiert wär, da wissen sie noch nicht mal meinen Namen.« Er schüttelt den Kopf, und ich muss grinsen.

Ein bisschen später, als die Schulglocke läutet, schlendern wir zwei gerade relativ unmotiviert in den Hof zurück, als uns schon nach wenigen Schritten ausgerechnet Achmed entgegenkommt. Na, super. Wie immer trägt er diese Jeansjacke, doch heute hat er den Kragen weit hochgeschlagen. Das soll wohl irgendwie cool und gefährlich rüberkommen. Und wenn ich ganz ehrlich bin, verfehlt es seine Wirkung auch nicht ganz. Wir schauen uns kurz an, und Achmed kneift seine Augen zusammen, bis sie nur noch ein winziger Spalt sind.

»Sag deinem Bruder, dass er sich ficken soll«, ruft er zu uns rüber.

»Sag’s ihm doch selber, du Spast«, ruft Friedl zurück, noch ehe ich selber antworten kann. Achmed nimmt seine Hände aus den Hosentaschen, streckt seinen Rücken und macht einen auf bedrohlich. Am besten, wir gehen einfach weiter.

»Spast!«, sagt Friedl noch einmal, als wir außer Hörweite sind.

»Ja, der hat mir echt noch gefehlt«, ich muss an Kevin denken. Wie gesagt, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken.

Am Nachmittag, als es plötzlich an unserer Wohnungstür läutet, hocke ich gerade am PC und habe ein cooles Match am Laufen. Der Blick rüber auf die Couch sagt mir ganz deutlich, dass es keinen Sinn macht, auf Elvira zu hoffen, und ich selber öffnen muss. Elvira liegt völlig abwesend mit Buddy auf dem Bauch unter ihrer Wolldecke und ist komplett auf ›Richter Hold‹ fixiert.

»Ich mach schon auf«, sage ich deshalb, gehe zur Tür und öffne. Und im gleichen Moment hasse ich mich auch schon dafür. Diese verdammte Kette! Dass ich immer wieder diese verdammte Kette vergesse! Dafür ist sie doch da, Mann! Dass man sie vorlegt. Aber jedes Mal vergesse ich sie wieder. Wahrscheinlich, weil wir sie auch noch gar nicht so lange haben. Erst seit bei Hingels im zweiten Stock und Czerniks im vierten eingebrochen wurde, was immer da auch zu holen sein mag. Was aber jetzt auch schon egal ist, weil mich die Besucher mitsamt der Tür zur Seite schieben und ruckzuck in unserer Diele stehen.

»Ist Kevin zuhause?«, fragt Achmed sofort und schaut über meine Schulter hinweg den Gang entlang. Ich schüttle den Kopf. Mein Hals ist ganz trocken.

»Deine Mutter?«, fragt daraufhin sein Begleiter. Es ist der Vater von Achmed, und natürlich auch der von Aicha, aber deswegen auch keinen Deut angenehmer. Ich nicke kaum merklich und deute mit dem Kinn zum Wohnzimmer vor.

»Wir haben Besuch?«, will Elvira wissen, kaum dass wir bei ihr eintreffen, und faltet auch gleich die Wolldecke zusammen.

»Besuch ist relativ«, kratzt es aus meinem Hals heraus.

»Das ist schön. Ich hol uns was zum Trinken«, sagt Elvira, und schon eilt sie an uns vorbei in Richtung Küche.

»Machen Sie sich keine Umstände«, sagt der Alte mit rauer Stimme und seinem Akzent. Ich liebe Akzente. Friedl und ich, wir können das prima. Alle möglichen Akzente imitieren. Den türkischen wie den von gerade, oder den von unserem Zeichenlehrer, dem Conradow. Also praktisch russisch. Und natürlich auch den von unserem Mitschüler, dem Dennis aus Leipzig. Den können wir eigentlich am besten. Und freilich können wir uns dabei scheckig lachen, der Friedl und ich. Jetzt allerdings gibt’s nichts zu lachen. Jetzt stehe ich nämlich mit unseren ungebetenen Gästen Brust an Brust im Wohnzimmer, und die Stimmung ist irgendwie unentspannt. Achmed betrachtet den Raum, unsere Habseligkeiten, und ich könnte schwören, es ist etwas Abfälliges in seinem Gesicht. Sein Vater steht steif und starr wie ein Spazierstock vor mir und schaut in den Fernseher. Ich betrachte ihn kurz. Seine grauen Schläfen, die hohe Stirn und seine Hände, die voll behaart sind. Unter dem karierten Sakko lugt ein beiges Hemd hervor, eine ganze Hand breit, und die Hose ist ziemlich durchgebeult dort an den Knien. Trotzdem wirkt er irgendwie würdevoll. Jedenfalls im Vergleich zu seinem Fexer. Der gafft nämlich mit verschränkten Armen auf unsere Einrichtung und grinst dümmlich. Da ist von Würde gar nichts zu merken. Null Komma null.

»Wie ist dein Name, junger Mann?«, will sein Vater dann wissen und schaut mir dabei direkt ins Gesicht. Seine Augen sind braun und warm, und sie passen so gar nicht in dieses verhärmte Gesicht.

»Mar-Vin«, antwortet Achmed statt meiner.

»Exakt, Ach-Med!«, tönt es ganz von selbst aus meinem Mund, und im gleichen Moment macht mich das unglaublich stolz. Ein bisschen ungeschickt kommt Elvira mit einem Tablett zurück und stellt es auf dem Tisch ab. Dann plumpst sie aufs Sofa und beginnt Kaffee einzugießen. Achmed und sein Vater setzen sich ihr gegenüber in zwei Sessel, die keinen Deut besser sind als der zerschlissene Dreisitzer. Ich hock mich neben Elvira, ziemlich eng sogar, keine Ahnung warum.

»Milch?«, fragt sie und reicht einen Tetrapack über den Tisch, doch alle beide schütteln den Kopf.

Achmed raunt seinem Vater etwas auf Türkisch zu.

»Ja, du hast recht. Am besten komm ich gleich zum Punkt«, sagt der daraufhin und lehnt sich nach vorne. Stützt die Ellbogen auf seine Knie und schaut Elvira direkt ins Gesicht. Das macht sie nervös, ich merk es genau. Ganz fest umklammert sie ihre Kaffeetasse mit beiden Händen, dass ihre Fingerkuppen feuerrot werden und die Nägel ganz weiß.

Dann beginnt der Alte mit monotoner Stimme und diesem Dackelblick ziemlich ausschweifend von seinem Leben zu erzählen. Von seinem harten Leben, um genau zu sein. Von seiner harten Jugend in Anatolien, von der noch härteren Entscheidung, sein Heimatland zu verlassen, und der noch viel härteren Anpassung hier. Vom harten Weg, ein eigenes kleines Gemüsegeschäft zu eröffnen und dabei auch noch eine vierköpfige Familie versorgen zu müssen. Wie gesagt, er erzählt das alles sehr ausführlich und dramatisch, und ein Blick zu Elvira zeigt mir deutlich, dass sie völlig überfordert ist, was diesen ganzen Text betrifft. Und ich selber weiß nicht so recht, ob es die Müdigkeit ist, die mich gerade übermannt, oder die Übelkeit. Irgendwie schlägt mir dieses extrem harte Leben wohl auf den Magen. Dabei ist er noch lange nicht fertig. Nein, jetzt kommen auch noch seine Kinder ins Spiel, die so beispiellos großartig sind. Sowohl in der Schule als auch privat. Und ganz im Besonderen, was die Familie angeht. Zumindest war das so, bevor sich seine heißgeliebte Tochter Aicha ausgerechnet in unseren Kevin verguckt hat. Allah! Allah! Alles ist jetzt anders, sagt er. Aicha ist nicht mehr wiederzuerkennen. Völlig unmöglich ist sie jetzt. Und seine arme Frau, die ist schon ganz krank deswegen. Sie ist ja ohnehin nicht einfach, aber nun, wo die Tochter … Ach, es ist einfach entsetzlich. Er fährt sich mit der Hand über die Augen, und Achmed legt die Hand auf die Schulter des Vaters. Ich krieg gleich das Würgen hier. Elvira will ihre Tasse abstellen und knallt sie versehentlich gegen den Tisch. Das reduziert zumindest die Dramatik für den Moment.

»Was mein Vater sagen will, ist …«, versucht Achmed fortzufahren, wird aber gleich unterbrochen.

»Also meine Familie und ich, wir haben überhaupt nichts gegen Ihren Sohn Kevin. Ganz gewiss nicht, das können Sie mir glauben. Er ist ein kluger und fleißiger junger Mann. Und vielleicht wird er auch später einmal ein guter Ehemann, wer weiß. Aber er wird sicherlich nicht der Ehemann von unserer Tochter Aicha, verstehen Sie? Ihren Ehemann, den kann sich Aicha nämlich nicht alleine aussuchen.«

»Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter«, ruf ich jetzt ziemlich sauer dazwischen.

»Das tun wir auch nicht, mein Junge«, sagt er und schaut mir dabei tief in die Augen. »Aber die beiden passen einfach nicht zueinander, verstehst du?« Er streicht über seine Hosenbeine und blickt etwas hilflos zu Achmed.

»Was mein Vater sagen will«, mischt sich jetzt Achmed wieder ein und beugt sich in seinem Sessel nach vorne. Seine Ellbogen liegen auf den Knien, und plötzlich hat er nicht nur die gleiche Haltung wie sein Alter, nein, er hat auch noch so einen väterlichen Ton in seiner Stimme. Wenn die Lage nicht so angespannt wäre, könnte ich mich jetzt totlachen. »Was mein Vater sagen möchte, ist, dass unsere Anschauungen eben nicht die gleichen sind. Die Mentalität ist einfach komplett verschieden. Sowohl was den Glauben betrifft als auch die Kultur. Alles einfach. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.«

»Ach«, muss ich jetzt einwerfen. »Und das weißt ausgerechnet du, ja? Bist du ein Hellseher, oder was?«

»Kevins Vater, der ist Jamaikaner, nicht wahr?«, fragt jetzt der Alte fast tonlos. Ich nicke.

»Und wo ist er? Ich meine, lebt er bei euch?«

»Nein«, sag ich etwas kleinlaut und schau auf meine Hände runter.

»Aicha soll das nicht passieren, verstehst du. Sie soll nicht alleine dastehen mit einer Schar von Kindern. Ich möchte, dass sie glücklich wird. Sie selbst ist einfach noch viel zu jung, sie kann doch das alles noch gar nicht verstehen. Genauso wenig, wie Kevin das kann. Da fehlt den beiden einfach die Lebenserfahrung, nicht wahr. Ich will, dass meine Tochter glücklich wird. Das ist eigentlich alles«, sagt er und steht auf. Achmed bleibt noch einen Augenblick sitzen, schaut zu Elvira, die dasitzt wie ein Häufchen Elend, und schüttelt schließlich den Kopf.

»Kommst du«, sagt sein Vater, und der Sohnemann erhebt sich.

»Und wie soll das funktionieren? Ich meine, wenn die zwei sich lieben, wie wollt ihr das verhindern, hä?«, platzt es aus mir heraus.

»Mit der Liebe«, fängt der Alte dann noch mal an. »Mit der Liebe ist es wie mit dem Licht. Verliebtsein, das ist doch wie ein Feuerwerk. Sprühend und funkelnd und strahlend und hell. Wunderschön, aber eben leider auch sehr schnell vorbei. Eine kleine Kerze dagegen brennt schon viel länger. Am besten aber sind Energiesparlampen. Die brauchen zwar ein wenig Zeit, bis sie richtig leuchten, dafür verbrauchen sie wenig und geben viel Licht. Und genau so muss eine gute Ehe sein, verstehst du. Erst ganz langsam erstrahlen, dafür wenig verlangen und umso mehr geben. Ja, in der Liebe ist es wie mit dem Licht.«

Mich würgt es jetzt wieder.

»Aber von ’ner Ehe redet doch überhaupt keiner. Die zwei sind halt einfach ein Paar, wie Millionen anderer Jugendlicher auch, verdammt«, kratzt es aus mir raus. Die Augenpaare unserer Besucher verengen sich prompt zu Schlitzen. Achmed kommt auf mich zu und stellt sich dicht vor mich.

»Du kapierst das nicht, du Prolet, oder? Meine Schwester ist doch kein Vergnügungspark, wo man hingeht, seinen Spaß hat und dann wieder abhaut, Mann!«

Der Alte atmet jetzt tief durch und kratzt sich kurz an der Stirn.

»Kevin soll sich einfach fernhalten von Aicha, das ist alles«, sagt er, erhebt sich und verlässt grußlos den Raum. Achmed folgt ihm auf den Fersen und wirft mir böse Blicke zu.

»War’s das?«, frage ich an der Tür.

»Es ist alles gesagt. Und es ist für uns alle das Beste so«, sagt der Alte noch an der Wohnungstür und streicht mir über den Kopf. Und irgendwie verfängt er sich dabei mit seiner Armbanduhr in meinen Locken. Wir ziehen und zerren ein wenig herum, und nachdem wir endlich wieder getrennt sind, schiebe ich die beiden zur Türe hinaus.

»Hat denn mein Kaffee nicht geschmeckt, Locke?«, fragt Elvira, als ich zurück ins Wohnzimmer komme. »Die haben keinen einzigen Schluck davon getrunken.« Sie hockt noch immer wie angewurzelt auf ihrem Platz und schaut verwirrt auf den Wohnzimmertisch. Ob sie auch nur ansatzweise begriffen hat, was hier gerade abging?

»Doch, doch, alles prima, Elvira«, sage ich, während ich das Tablett wegräume. »Das sind Türken, die mögen wahrscheinlich gar keinen Filterkaffee. Oder die trinken mehr Tee, keine Ahnung.«

»Tee hätte ich doch auch gehabt. Es ist doch noch Zitronentee da. Schaust du mal Locke, da müsste noch einer sein in so ’nem durchsichtigen Gefäß.«

»Ja, ja«, sage ich, gehe in mein Zimmer und haue mich aufs Bett.

Kurz darauf hör ich, wie jemand die Wohnungstür aufsperrt.

»Kevin, bist du das?«, tönt es aus dem Wohnzimmer.

»Ja, ich bin’s.«

»Kevi, wir hatten grade Besuch. Hast du sie noch getroffen? Ein Mann war hier mit seinem Sohn. Ich glaube, das war der Vater von deiner Freundin.«

Ich geh da mal besser gleich rüber. Kevin versteht natürlich nur Bahnhof und schaut abwechselnd und etwas ratlos in unsere Gesichter.

»Wer war hier?«, fragt er schließlich.

»Na, der Vater von deiner Freundin«, sagt Elvira dann weiter.

Kevin sieht aus, als wär er gerade gegen einen Laster gelaufen. Ich packe ihn am Ärmel, ziehe ihn in mein Zimmer und schließe die Tür. Dann hocken wir uns im Schneidersitz aufs Bett, und ich versuche so gut wie möglich, den nachmittäglichen Belagerungszustand zu beschreiben.

»Mann, der hat ja vielleicht Nerven. Der hat sie doch nicht mehr alle, oder? Muss der jetzt auch noch hier einfallen? Verdammte Scheiße«, sagt Kev schließlich, steht auf und durchquert wieder mal das Zimmer von Wand zu Wand. Wie ein Tiger im Käfig, wirklich. Die Situation wird auch nicht entspannter, als Augenblicke später Robin hier auftaucht. Ich habe nämlich das außerordentliche Vergnügen, ein Zimmer mit ihm teilen zu dürfen. Jetzt kommt er also rein, hält sich den Schädel und schmeißt sich aufs Bett gegenüber.

»Was ist denn mit dir schon wieder los?«, fragt Kev, und langsam wirkt er richtig überfordert.

»Nichts. Hau ab!«

»Haben sie dir wieder mal eins übergebraten? Hattest wohl wieder keine Kohle mehr, um sie bei Laune zu halten, deine tollen Freunde. Komm, jetzt zeig schon mal her!«

»Nein, hau ab, sag ich!«

Doch Kevin ist hartnäckig, und nach einem kleinen Handgemenge gibt Robin schließlich auf, und wir können uns erst mal seinen Kopf ansehen. Er blutet aus der Nase und hat einen kleinen Cut knapp unter dem Haaransatz.

»Diese Wichser!«, knurrt Kevin und steht dann auf. Geht rüber ins Badezimmer und kommt mit einem feuchten Waschlappen und Verbandszeug zurück.

»Du solltest echt mal deinen Freundeskreis überdenken, Rob. Wenn die immer nur nett zu dir sind, wenn du Kohle anschleppst, ja, dann stimmt doch da was nicht. Ich jedenfalls würde mich so nicht zurichten lassen«, muss ich nun loswerden.

»Kümmere dich um deinen eigenen Dreck«, schnauzt er zu mir rüber – sein normaler Umgangston mir gegenüber. Ja, man kann sich seine Verwandtschaft nicht aussuchen. Ich zucke mit den Schultern und mache mich vom Acker.

Eigentlich hatte alles begonnen, als Robin in die erste Klasse ging. Damals schon haben sie ihn öfters mal abgepasst. Einfach nur so, um ihn zu verhauen. Oder um an sein Pausenbrot ranzukommen. Oder ans Busgeld. Im Idealfall sogar an beides. Wahrscheinlich gibt’s einfach Menschen, die solche Typen magisch anziehen. So wie Robin eben. Mich haben sie immer zufriedengelassen. Und Kevin auch. Nur an Robin hatten sie ihre diebische Freude, und zwar wirklich im wahrsten Sinne des Wortes. Nach einer Weile hat er das Zeug schließlich freiwillig abgegeben. So haben wenigstens die Prügel aufgehört. Doch genau das ist ihm dann zum Verhängnis geworden. Dadurch, dass sie ihn plötzlich nicht mehr schlugen, hatte er wohl das Gefühl, akzeptiert zu sein. Eine Zeit lang war er richtig stolz darauf, wenn er von »seinen Freuden« erzählte. Aber das ließ er bald wieder bleiben. Wahrscheinlich weiß er längst selber, dass er auf dem Irrweg ist. Aber rauskommen tut er irgendwie auch nicht mehr recht aus der Nummer. Und da sitzen sie jetzt, meine zwei farbigen Brüder, auf dem Bett mir gegenüber. Mit ihren schwarzen Haaren und der dunklen Haut. Mit Lappen, Verbänden und jeder Menge Probleme.

»Halt still«, sagt Kevin und streicht eine Haarsträhne aus Robins Gesicht. Ich geh ins Bad und schnappe mir die Nagelbürste. Und ich schrubbe meine Nägel, bis die Haut außenrum brennt.

Vier

Ein paar Tage später schlendern Friedl und ich von unserem Klassenzimmer rüber zum Kunstraum. Professor Conradow ist schon da und föhnt ein Aquarell. Steht da mit seiner Glatze und dem roten Vollbart, in seinem weißen Kittel mit den tausend Farbflecken drauf, und bläst mit dem Föhn eines der Bilder auf seinem Pult trocken. Das macht er meistens zwischen den Schulstunden. Ich glaube ja, er hat Spaß daran. Ich mag die Stunden bei ihm. Sie sind unglaublich praktisch. Wir haben ihn in Kunst und Musik. Übrigens trägt er auch in Musik diesen fleckigen Kittel. Eigentlich ist er überhaupt ein bisschen schräg, der Conradow. Und meistens ist er so dermaßen in seinem Element, dass er von der Außenwelt kaum etwas mitkriegt. Ja, er merkt noch nicht einmal, wenn irgendjemand fehlt. Und weil ich das weiß, nutze ich das auch ganz schamlos aus. Will heißen, am Anfang der Stunde, wenn durchgezählt wird, muss ich freilich anwesend sein. Aber dann, ein paar Minuten später, melde ich mich und sage, dass ich aufs Klo muss. Und jede Wette, da krieg ich noch nicht mal eine Antwort drauf. Er wedelt nur kurz mit der Hand und meint damit, dass ich mich verziehen soll. Und so marschier ich eben mit dem Schulheft unterm Pulli aufs Klo und kann dort in aller Ruhe meine Hausaufgaben machen. Weil Hausaufgaben zuhause machen, das geht nicht. Da hat man doch immer so viel andere Sachen um die Ohren, oder? Drum eben bei Conradow. In Musik ist das übrigens gar kein Problem. Da kommen wir höchstens einmal im Halbjahr mit Singen dran. Und wenn schriftliche Proben sind, sagt er das gleich zu Beginn der Unterrichtsstunde. In Kunst ist das schon was anderes. Da muss ich halt dann immer sehen, dass ich am Ende der Stunde, so auf etwa zehn Minuten, irgendwas hinzaubere, wozu eigentlich eine ganze Schulstunde Zeit gewesen wäre. Weil aber mein persönliches Kunstverständnis eher recht übersichtlich ist und ich auch mit der größten Anstrengung noch nie über ein Ausreichend hinausgekommen bin, fällt’s weiter nicht auf.

Grade wie ich heute vom Kunstraum auf dem Weg zum Klo bin, rennt Aicha plötzlich an mir vorbei. Sie hat die Hand vor dem Mund und stürzt direkt rein ins Mädchenklo. Durch die Tür kommen Geräusche, die darauf schließen lassen, dass sie sich tierisch übergeben muss. Irgendwie ist mir jetzt einfach danach, kurz auf sie zu warten. Als sie schließlich rauskommt, trocknet sie sich mit einem Papiertuch den Mund ab.

»Geht’s dir nicht gut?«, frage ich überflüssigerweise.

Sie schüttelt den Kopf.

»Kann ich irgendwas tun?«

»Nein, Locke, es geht schon wieder. Aber trotzdem danke«, sagt sie, wirft das Papiertuch in den Eimer und schaut mich kurz an. Sie hat Tränen in den Augen. Scheiße!