Für eine Neue Ökonomik - Steve Keen - E-Book

Für eine Neue Ökonomik E-Book

Steve Keen

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Beschreibung

Die Wirtschaftswissenschaften leiden an einer unheilbaren Krankheit, meint der australische Ökonom Steve Keen. Denn sie orientieren sich vor allem an der "neoklassischen" Theorie. Dank falscher Grundannahmen und untauglicher Methodik sind sie nicht in der Lage, die wissenschaftliche Basis für dringend notwendige wirtschaftspolitische Maßnahmen zu liefern, die die Menschheit zur Bewältigung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen braucht. Die heute vorherrschende neoklassische Wirtschaftslehre gleicht eher einer Religion als einer Wissenschaft, meint Steve Keen. In den Naturwissenschaften wird eine Theorie, die die Realität nicht vollständig erklären kann, aufgegeben und durch ein neues Paradigma ersetzt. Um funktional und wissenschaftlich zu sein, braucht auch die Ökonomik dringend einen Paradigmenwechsel. Die Kernpunkte der Neuen Ökonomik, die der Autor in diesem Buch erläutert, handeln von der Berücksichtigung der zentralen Rolle des Geldes sowie der Modellierung des Kapitalismus als komplexes, dynamisches und chaotisches System. Keens Manifest richtet sich an junge Studierende der Volkswirtschaft ebenso wie an interessierte Laien. Seine "Neue Ökonomik" ist verständlich geschrieben und gibt über die ausführlichen Literaturhinweise Anregungen zum Weiterlernen.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Steve KeenFür eine Neue Ökonomik

Ein Manifest

  

Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Simon

© 2024 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

Originalausgabe : The New Economics, Copyright © Steve Keen 2022 This edition is published by arrangement with Polity Press Ltd., Cambridge

Covergestaltung: Stefan Fuhrer

ISBN: 978-3-85371-924-4(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-538-3)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Über den Autor

Steve Keen, geboren 1953 in Sydney, ist ein postkeynesianischer Wirtschaftswissenschaftler. Als einer der wenigen Ökonomen, die die globale Finanzkrise von 2008 vorhersahen, erhielt er den Revere Award der Zeitschrift Real World Economics Review. Keens Hauptforschungsinteressen sind der komplexe Systemansatz in der Makroökonomik und die Ökonomik des Klimawandels.

Editorische Notiz:

Alle Zitate sind Eigenübersetzungen, wenn nicht anders gekennzeichnet.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Warum dieses Manifest?
2. Geld ist wichtig
3. Unsere komplexe Welt
4. Ökonomik, Energie und Umwelt
5. Die neoklassische Krankheit
6. Fazit: Sei Teil der Veränderung
Literaturverzeichnis

Vorwort

Das vorliegende Buch schlägt vor, die Disziplin der Ökonomie grundlegend neu zu denken. Es appelliert an Forschende, Studierende und Laien, gängige Vorstellungen und dominante Bilder der Wirtschaftswissenschaften zu hinterfragen. Die – durchaus provokante – These des Autors: Das, was wir über Wirtschaft zu wissen glauben, führt theoretisch wie praktisch in die Irre.

Ein solcher Appell steht im Kontrast zur Vorstellung von Wissenschaft als eigentlich ruhige Angelegenheit. Wissenschaft besteht in der einfachsten Definition darin, unterschiedliche Thesen zum Funktionieren der Welt zu ersinnen und diese kritisch zu prüfen. In diesem Idealbild kommt Wissenschaft ohne Manifeste aus. Sie erschöpft sich vielmehr in einem rationalen und geduldigen Diskurs über das Für und Wider unterschiedlicher Erklärungsversuche und versucht uns so, Orientierung zu bieten.

Leider entspricht die ökonomische Wissenschaft diesem Idealbild an vielen Stellen nicht. Dem folgend speist sich die Legitimität des vorliegenden Manifests aus den blinden Flecken, problematischen Routinen und strukturellen Fehldiagnosen der etablierten Volkswirtschaftslehre. Die hier diagnostizierte Dysfunktionalität dominanter Ansätze der Ökonomie ist dabei kein rein intellektuelles Problem – sie hat aufgrund des starken politischen Einflusses ökonomischen Denkens zahllose praktische Auswirkungen. Die Wirtschaftswissenschaft erfüllt damit – so die zentrale Kritik des Autors – gerade in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten, die sich in Umweltzerstörung und Klimawandel, instabilen Finanzmärkten und schwacher Wirtschaftsentwicklung, sozialer Ungleichheit, Diskriminierung sowie geopolitischen Konflikten äußern, ihre zentrale Orientierungsfunktion nicht. Sie lässt uns vielmehr in entscheidenden Punkten rat- und hilflos zurück – und sollte gerade deshalb kritisiert, überholt und neu gedacht werden.

Das vorliegende Manifest leistet hierfür eine wertvolle Vorarbeit. Es weist auf die exponierte politische Rolle der ökonomischen Disziplin ebenso hin, wie auf ihre theoretische und konzeptionelle Einseitigkeit. Es rekonstruiert ihre Leerstellen und Widersprüche und zeigt, welche negativen Folgen die Anwendung einer solchen Ökonomik bei den gegenwärtigen Krisen und herannahenden Zukunftsherausforderungen zeitigt. Es verweist auf alternative wissenschaftliche Ansätze und Herangehensweisen, die geeignet wären, um ein realistischeres, wissenschaftlich adäquateres Bild der Wirtschaft zu zeichnen und so den sozio-ökonomischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts effektiver zu begegnen. Es verbindet damit eine grundlegende und fundierte Kritik des Status quo der ökonomischen Disziplin mit einer konstruktiven zukunftsorientierten Perspektive, die in Zeiten fortgesetzter ökonomischer Krisen neue Orientierung bieten kann.

Eine solche Orientierung zu bieten, bedeutet aber gerade im ökonomischen Kontext eine besondere Herausforderung – nicht nur aufgrund der Verfügbarkeit unterschiedlicher Erklärungsansätze, sondern auch aufgrund der Komplexität des Gegenstands »Wirtschaft«. Diese Komplexität speist sich teils aus dem Umstand, dass wirtschaftliche Phänomene typischerweise mehrere Ursachen haben und, zugleich, unterschiedliche Wirkungen zeitigen. Darüber hinaus sind Volkswirtschaften in sich facettenreich, also vielfältig, und dynamisch, also in steter Veränderung begriffen. Zuletzt ergeben sich die (gesamt)wirtschaftlichen Ergebnisse aus dem vielschichtigen Zusammenwirken unterschiedlicher Individuen, womit die Wirtschaft ein »komplexes System« im modernen Wortsinn der Naturwissenschaft darstellt.

Dieses komplexe System der Wirtschaft ist an zahllosen Stellen mit unserem Lebensalltag verwoben – mit unseren beruflichen Verpflichtungen, unseren privaten Zielen und unserem familiären Alltag. Vor diesem doppelten Hintergrund alltäglicher Relevanz und struktureller Komplexität, erwächst die Herausforderung wirtschaftliche Phänomene in jenen Punkten verständlich zu machen, die zu größerer Kompetenz in individuellen ökonomischen und politischen Entscheidungen und Einschätzungen verhelfen. Hierzu leistet das vorliegende Buch nicht nur aufgrund seiner klaren Sprache und didaktisch geprägten Herangehensweise einen hervorragenden Beitrag, sondern auch, weil es den Fokus auf jene krisenhaften Aspekte des Kapitalismus legt, die die gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Entwicklung prägen und prägen werden.

Ich wünsche diesem wichtigen und zeitgemäßen Buch daher viele Leserinnen und Leser und hoffe, dass uns die darin geforderte Neuorientierung in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gelingt.

Jakob Kapeller

1. Warum dieses Manifest?

Schon vor Beginn der COVID-19-Krise war die Weltwirtschaft in keiner guten Verfassung, und das Gleiche galt für die ökonomische Theorie. Die größte ökonomische Krise seit der Weltwirtschaftskrise begann in der zweiten Hälfte der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts.

Diese Krise wird in den meisten Ländern der Welt als »Globale Finanzkrise« bezeichnet, in den Vereinigten Staaten als »Große Rezession«. Sie führte zu einem explosionsartigen Anstieg der Arbeitslosigkeit; in den USA z. B. stieg die Quote von 4,6 Prozent Anfang 2007 auf 10 Prozent Ende 2009. Der S&P500-Aktienmarktindex, der von weniger als 800 Punkten im Jahr 2002 bis Mitte 2007 auf über 1500 Punkte angestiegen war, stürzte bis Anfang 2009 auf unter 750 Punkte ab. Die Inflation von 5,6 Prozent Mitte 2008 wandelte sich bis Mitte 2009 zu einer Deflation von 2 Prozent.

Die US-Wirtschaft erholte sich nur sehr langsam im Rahmen einer nie dagewesenen Abfolge von staatlichen Interventionen – von der Abwrackprämie, die die Verbraucher dazu anregte, alte Autos zu verschrotten und neue zu kaufen, bis hin zur »Quantitativen Lockerung«. Dabei kaufte die Federal Reserve dem Finanzsektor jedes Jahr Anleihen im Wert von einer Billion Dollar ab und versuchte auf diese Weise, die Wirtschaft dadurch anzukurbeln, dass sie die Reichen noch reicher machte.

Die Krise – gefolgt von der schleppenden Erholung – überraschte sowohl die Wirtschaftswissenschaftler, die die Regierungen in Fragen der Wirtschaftspolitik beraten, als auch die Akademiker, die die Theorien entwickeln und die Lehrbücher für die Ausbildung neuer Wirtschaftswissenschaftler schreiben. Sie hatten nicht nur mit einer Fortsetzung des Booms gerechnet, der der Krise vorausgegangen war, sondern glaubten tatsächlich, dass es keine Krisen mehr geben könne.

In seiner Rede als Präsident der American Economic Association im Januar 2003 erklärte der Nobelpreisträger Robert Lucas, Krisen nach dem Muster der Weltwirtschaftskrise könnten heutzutage nie wieder auftreten, weil »die Makroökonomik erfolgreich gewesen sei: Sie hat für alle praktischen Zwecke ihr zentrales Problem der Vermeidung von Rezessionen gelöst, und zwar schon seit vielen Jahrzehnten« (Lucas 2003, S. 1).

Nur zwei Monate vor Beginn der Krise erklärte der Chefökonom des weltweit wichtigsten wirtschaftspolitischen Organs – der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – »dass »die derzeitige Wirtschaftslage in vielerlei Hinsicht besser ist als seit Jahren«. Er prognostizierte für 2008 ein »nachhaltiges, durch eine substanzielle Zunahme von Arbeitsplätzen und einen Rückgang der Arbeitslosigkeit gestütztes Wachstum in den OECD-Volkswirtschaften« (Cotis 2007, S. 7, Hervorhebung Steve Keen).

Auf dem Höhepunkt der Krise vertrat der Wirtschaftsberater von George W. Bush, Edward Lazear, die Ansicht, dass der Aufschwung sehr stark ausfallen würde, weil der Abschwung so tief gewesen sei (Lazear und Marron 2009, Schaubild 1−9, S. 54). Das tatsächliche Ergebnis enttäuschte ihn bitter, denn es handelt sich um die langsamste Erholung von einer Wirtschaftskrise seit der Weltwirtschaftskrise.

Wie konnten sich die Ökonomen so sehr irren? Wenn die Krise vergleichbar zu COVID-19 gewesen wäre, als plötzlich ein neuer Krankheitserreger aus China auftauchte, könnte man ihnen verzeihen, dass sie die »Globale Finanzkrise« nicht kommen sahen. Bereits 1995 erklärte Laurie Garrett zwar, dass eine solche Seuche unvermeidlich sei (Garrett 1995), aber es war offensichtlich unmöglich vorherzusagen, wannder Erreger auftaucht, geschweige denn, welche Eigenschaften er haben würde. Das Epizentrum der »Großen Rezession« war jedoch das US-Finanzsystem selbst: Die Krise kam aus dem Innerender Wirtschaft und eben nicht von außen. Gab es keine Warnzeichen? Königin Elisabeth II. brachte es auf den Punkt, als sie 2008 an einer Lagebesprechung an derLondonSchoolofEconomics teilnahm: »Wenn diese Faktoren so schwerwiegend waren, warum haben sie dann alle übersehen?« (Greenhill 2008).

Das haben nicht alle Ökonomen getan: Es gab einige, die davor warnten, dass eine Krise nicht nur wahrscheinlich sei, sondern unmittelbar bevorstehe. Der niederländische Wirtschaftswissenschaftler Dirk Bezemer zählte ein Dutzend auf, zu dem auch ich gehörte (Bezemer 2009a, 2009b, 2010; Keen 1995, 2007). Obwohl diese Ökonomen aus unterschiedlichen Bereichen stammten, hatten sie, wie Bezemer feststellte, ein gemeinsames negatives Merkmal: »Keiner sagte die Krise auf der Grundlage eines neoklassischen Wirtschaftsverständnisses voraus.« (Bezemer 2010, S. 678)

Man hätte erwarten können, dass das Versagen der Ökonomen bei der Vorhersage des größten wirtschaftlichen Ereignisses der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer drastischen Veränderung der Wirtschaftswissenschaften geführt hätte. Das war aber nicht der Fall. Das, was Bezemer als »neoklassische Ökonomik« bezeichnete, war vor der »Globalen Finanzkrise« der vorherrschende Ansatz zur Modellierung der Wirtschaft, und ist es danach immer noch.1

Das Versagen der Ökonomik, sich nach einem solch tiefgreifenden empirischen Fehlschlag selbst zu reformieren, hat zu heftiger Kritik aus den eigenen Reihen geführt – sogar von Preisträgern des Nobelpreises für Wirtschaft. Robert Solow, der Nobelpreisträger von 1987, sagte im Jahre 2010 bei einer Anhörung des US-Kongresses zum Thema:

»Wir brauchen dringend Arbeitsplätze, und die an den Eliteuniversitäten des Landes und in vielen Zentralbanken und anderen einflussreichen politischen Kreisen vorherrschende makroökonomische Lehre hat anscheinend so gut wie nichts zu diesem Problem zu sagen.« (Solow 2010, S. 12)

Der Nobelpreisträger von 2018, Paul Romer, stellte 2016 fest, die Wirtschaftswissenschaften hätten ein so »unverbindliches Verhältnis zur Wahrheit«, dass sie das Etikett »postreal« verdienten (Romer 2016, S. 5).

Diese Vorbehalte prominenter neoklassischer Ökonomen an der neoklassischen Ökonomik spiegeln die Kritik wider, die Wirtschaftswissenschaftler anderer Denkschulen schon seit vielen Jahrzehnten üben. Jedoch unterscheiden sich die rivalisierenden Ansätze in der Ökonomik stark von den Spezialisierungen in den Naturwissenschaften, wie z. B. der Physik. Einige Physiker spezialisieren sich auf die Allgemeine Relativitätstheorie, andere auf die Quantenmechanik, die statistische Mechanik, die Newtonsche Physik und so weiter. Jeder dieser Ansätze hat eine andere Sicht auf die Funktionsweise des Universums, aber jeder funktioniert sehr gut innerhalb seines jeweiligen Bereichs: Die allgemeine Relativitätstheorie im Bereich des sehr Großen (dem Universum), die Quantenmechanik im Bereich des sehr Kleinen (dem Atom), während die Newtonschen Gleichungen im Dazwischen sehr gut funktionieren, etc.

Aber in der Ökonomik widersprechen sich die Vorstellungen der verschiedenen Denkschulen über die Funktionsweise der Wirtschaft grundlegend. Es gibt keine Möglichkeit, die Wirtschaft in Bereiche aufzuteilen, in denen die neoklassische Ökonomik gilt, und andere, in denen konkurrierende Denkschulen wie die postkeynesianische, die österreichische oder die biophysikalische Schule gelten. Zu ein und demselben Thema – z. B. der Rolle der privaten Verschuldung bei der Verursachung von Finanzkrisen – haben diese Ansätze oft Antworten, die der neoklassischen Ökonomik und häufig auch einander völlig widersprechen. Eine bedeutende Minderheit akademischer Wirtschaftswissenschaftler – bis zu 10 Prozent der Fachrichtung – vertritt solche, nicht dem Mainstream angehörenden, Denkschulen, die unter dem Begriff »heterodoxe Ökonomik« zusammengefasst werden. Dies ist die Erkenntnis aus einer Kampagne, die 2015 in Frankreich gestartet wurde, um eine eigene Klassifizierung einzuführen (Lavoie 2015b; Orléan 2015).2

Diejenigen Ökonomen, die vor der globalen Finanzkrise warnten, stammten fast ausschließlich aus diesen abweichenden Denkschulen.3 Obwohl sie sich in wesentlichen Punkten voneinander unterschieden, interessierten sie sich, wie Bezemer feststellte, »durchweg für finanzielle Vermögenswerte im Unterschied zu Vermögenswerten des realen Sektors, und die – beide Formen des Reichtums finanzierenden – Kreditströme sowie das mit dem Wachstum des finanziellen Reichtums einhergehende Schuldenwachstum und die buchhalterische Beziehung zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft.« (Bezemer 2010, S. 678)

Wenn Sie noch keine Wirtschaftswissenschaften studiert haben oder gerade in der Schule oder an der Universität damit beginnen, hoffe ich, dass Sie das Folgende zum Nachdenken bringt: Sollte sich die Mainstream-Ökonomik nicht auch mit Finanzen und Schulden befassen? Sind das nicht wesentliche Bestandteile der Wirtschaft? Au contraire, der Mainstream hat sich schon vor langer Zeit selbst davon überzeugt, dass sogar das Geld keinen wirklichen Einfluss auf die Wirtschaft hat, und daher werden monetäre Phänomene – einschließlich Geld, Banken und private Schulden – in den neoklassischen Modellen nicht berücksichtigt. Ein neoklassischer Ökonom drückte es auf Twitter so aus:

»Die meisten Makroökonomik-Lehrenden führen die Leute durch einfache Modelle ohne Geld, damit sie Austausch, Produktion und Handel, international und intertemporal, verstehen. Man kann sogar Banken ohne Geld unterrichten [ja!]. Und es ist besser, so anzufangen. Befasse dich dann später mit dem Geld, wie es alles überlagert, die Dinge verkompliziert und Inflation, Wechselkurse und Konjunkturzyklen bedingt.«

Diese Aussage wurde Ende 2020 gemacht – ein Dutzend Jahre nach dem Versagen der neoklassischen Modelle in Bezug auf die Vorhersage der Finanzkrise.

Warum änderten die Mainstream-Ökonomen nach ihrem Scheitern im Jahr 2007 ihre Überzeugungen über die volkswirtschaftliche Bedeutung des Geldes nicht?

In diesem Punkt unterscheiden sich die Wirtschaftswissenschaften paradoxerweise kaum von der Physik, denn ein bedeutender Wandel in der Physik findet im Allgemeinen nicht statt, weil die Anhänger einer alten Denkweise durch das Resultat eines Experiments, das ihrer Theorie widerspricht, zur deren Aufgabe bewegt werden. Stattdessen halten diese Anhänger weiterhin an ihrer Theorie fest, obwohl die Experimente beweisen, dass sie versagt hat. Es scheint, dass die Menschen mehr an ihren Vorstellungen von der Realität – ihren »Paradigmen«, um Thomas Kuhns berühmten Ausdruck zu verwenden (Kuhn 1970) – hängen als an der Realität selbst. Die Wissenschaft änderte sich, nicht weil diese Wissenschaftler ihre Meinung änderten, sondern weil sie durch neue Wissenschaftler ersetzt wurden, die die neue Denkweise akzeptierten. So drückte Max Planck es aus:

»Eine neue wissenschaftliche Wahrheit triumphiert nicht dadurch, dass sie ihre Gegner überzeugt und sie zur Einsicht bringt, sondern dadurch, dass ihre Gegner schließlich aussterben und eine neue Generation heranwächst, die mit ihr vertraut ist.« (Planck 1949, S. 33−34)

Diesbezüglich unterscheiden sich die Wirtschaftswissenschaften von den Naturwissenschaften vor allem dadurch, dass es sich bei wirtschaftswissenschaftlichen »Experimenten« um historische Ereignisse handelt, während naturwissenschaftliche Experimente gezielte Versuche zur Bestätigung einer Theorie sind – von denen einige scheitern. Mit dem »Michelson-Morley-Experiment« wurde z. B. versucht, die Geschwindigkeit der Erde im Verhältnis zum »Äther« zu messen, dem Medium, das es, den damaligen wissenschaftlichen Annahmen gemäß, dem Licht ermögliche, sich durch den Raum zu bewegen. Das Experiment konnte keine wahrnehmbare Relativbewegung nachweisen, was bedeutete, dass der »Äther« nicht existierte. Diese unerwartete Entdeckung führte zur Verwerfung der Äthertheorie und schließlich zur Akzeptanz der Relativitätstheorie. Das Experiment kann jederzeit wiederholt werden – und wurde es auch, mit immer ausgefeilteren Methoden – und das Ergebnis ist immer das gleiche. Es gibt keine Möglichkeit, davon abzukommen und zu den wissenschaftlichen Annahmen von vor der Relativitätstheorie zurückzukehren, und die Physiker wünschen sich das auch nicht.

In den Wirtschaftswissenschaften ist es jedoch möglich, das Versagen einer Theorie im Realitätstest zu ignorieren. Die »Globale Finanzkrise« war ein einmaliges historisches Ereignis, welches nicht reproduziert werden kann, um alte und neue Theorien daran zu testen. Im Laufe der Zeit verschwindet ein solches Ereignis aus dem Gedächtnis. Die Beschäftigung mit der Geschichte kann dazu beitragen, die Erinnerung daran aufrechtzuerhalten, aber Wirtschaftsgeschichte wird nur an sehr wenigen Universitäten gelehrt. Wirtschaftswissenschaftler lernen nicht aus der Geschichte, weil man sie ihnen gar nicht erst beibringt.

Der Bereich der Wirtschaft stellt also ein bewegliches Ziel dar, während die Physik, relativ gesehen, eher ein ruhendes Ziel ist. Wenn in der Physik ein Konflikt zwischen theoretischen Vorhersagen und empirischen Ergebnissen auftritt, bleibt das Unbehagen bestehen, bis sich eine theoretische Lösung findet. In den Wirtschaftswissenschaften hingegen kann eine Krise wie die Globale Finanzkrise zwar, während sie im Gange ist, zu einer großen Selbstanalyse führen, aber im Laufe der Zeit verändern sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten, und der Fokus der Aufmerksamkeit verschiebt sich.

Und schließlich wollen die Ökonomen im Gegensatz zu den Physikern zu den Wirtschaftstheorien von vor der Krise zurückkehren. Denn Ereignisse wie die Globale Finanzkrise stellen das für die neoklassische Wirtschaftswissenschaft charakteristische »Totem«, das »Angebot und Nachfrage«-Diagramm (Leijonhufvud 1973),4 infrage. Darin bestimmen die sich kreuzenden Linien sowohl den Gleichgewichtspreis als auch die Gleichgewichtsmenge. Zwangsläufig verschlimmert dann jede staatliche Intervention die Lage, indem sie den Markt von diesem Gleichgewichtspunkt wegbewegt. Dieses Bild eines sich selbst regulierenden und stabilisierenden Marktsystems ist ein starker intellektueller und sogar emotionaler Anker für die Mainstream-Ökonomen.

All diese Faktoren wirken zusammen und machen die Wirtschaftswissenschaften extrem resistent gegen grundlegende Veränderungen. In der Physik bleiben Anomalien wie der Widerspruch zwischen den Ergebnissen des »Michelson-Morley-Experiments« und den Vorhersagen der Prä-Relativitätsphysik so lange bestehen, bis die Theorie geändert wird, weil das experimentelle Ergebnis ewig gilt. Die Anomalie verschwindet nicht, aber die Theorie, der sie widersprach, stirbt mit den vor der Anomalie aktiven Wissenschaftlern. So sehr sie sich auch bemühen, sie können unter den neuen Studenten keine Anhänger der alten Theorie rekrutieren, denn sie sind sich der Anomalie bewusst und werden keine Theorie akzeptieren, die diese nicht löst.

In den Wirtschaftswissenschaften werden Anomalien allmählich vergessen, und neue Studierende können dafür gewonnen werden, die alten Überzeugungen zu bewahren, zu erweitern und anomale Phänomene zu überspielen. Die Wirtschaftskurse an Schulen und Universitäten werden so eher zur Stärkung des neoklassischen Paradigmas als zu Quellen, aus denen neue Theorien als Reaktion auf das Scheitern des vorherrschenden Paradigmas hervorgehen.

In der Physik sind die intellektuellen Krisen zwar intensiv, aber relativ gesehen nur von kurzer Dauer. Die Krise dauert so lange an, bis ein neuer theoretischer Durchbruch sie klärt. Dies geschieht unabhängig davon, ob dieser Durchbruch die etablierten Physiker überzeugt (was in der Regel nicht der Fall ist). Die »Anomalie«, die empirische Tatsache, die dem vorherrschenden Paradigma grundlegend widerspricht, ist wie das Sandkorn in einer Auster, aus dem schließlich eine Perle entsteht: Die Irritation lässt sich nicht übergehen, also muss man sich mit ihr auseinandersetzen (Woit 2006).5 Die Anhänger des bestehenden Paradigmas wissen, dass sie das Problem nicht lösen können – auch wenn es einige Zeit dauern kann, bis diese Erkenntnis sich durchsetzt, denn zuvor werden verschiedene Variationen des bestehenden Paradigmas entwickelt, von denen sich jede als teilweise valide, aber grundsätzlich fehlerhaft erweist. Es ist aber auch das Problem, dessen sich junge Wissenschaftler am deutlichsten bewusst sind, und das ihren Ehrgeiz weckt. Während ihre am überkommenen Paradigma festhaltenden Dozenten altern, übernehmen die Studenten die alten Ideen, aber sie suchen gleichzeitig aktiv nach deren Fehlern und nach Wegen zur Auflösung der beobachteten Widersprüche.

Sobald eine Lösung auftaucht, sind alle Proteste der natürlicherweise älteren, alternden, manchmal pensionierten und oft verstorbenen Verfechter des bisherigen Paradigmas bedeutungslos. Letztendlich werden alle wichtigen Positionen in einer Universitätsabteilung mit Wissenschaftlern besetzt, die dem neuen Paradigma verpflichtet sind. Wenn sich das neue Paradigma dann entwickelt, erlebt es zunächst eine Phase der raschen Ausbreitung, wird aber schließlich mit seiner eigenen kritischen Anomalie konfrontiert, und die Wissenschaft gerät erneut in eine Krise, wie der Wissenschaftsphilosoph Thomas Kuhn (Kuhn 1970) erklärt.6

Es handelt sich um einen Entwicklungspfad, der immer wieder unterbrochen wird. Er beginnt mit der Entwicklung eines ersten Paradigmas durch einen großen Denker, um den sich eine Gemeinschaft von Anhängern schart. Sie erweitern die Kernerkenntnisse und bilden so ein neues Paradigma in der jeweiligen Wissenschaft. Zunächst erleben sie eine glorreiche Zeit des Hin- und Her-Tanzens zwischen Beobachtung und Theorie, in der Beobachtungen das Paradigma bestätigen und erweitern. Doch schließlich wird eine Vorhersage der Theorie durch eine Beobachtung widerlegt. Nach einer Zeit des Leugnens und der Bestürzung kehrt in der Wissenschaft ein fragwürdiger Frieden ein: Man lehrt das Paradigma, aber mit weniger Enthusiasmus, man nimmt die Anomalie zur Kenntnis und diskutiert die verschiedenen Versuche, sie innerhalb des Paradigmas zu lösen. Dann kommt von irgendwoher, sei es von einem Professor (Planck) oder einem Patentamtsangestellten (Einstein), eine Lösung. Dieser Ablauf wiederholt sich wieder und wieder.

Solche Unterbrechungen treten in der Ökonomik niemals auf, und deswegen gibt es in dieser Disziplin auch nicht den von Kuhn für die Physik und Astronomie so anschaulich beschriebenen revolutionären Wandel. Die Wirtschaftswissenschaften sind daher keine Wissenschaft. Wie Kuhn brillant erklärt, durchläuft eine echte Naturwissenschaft einen Prozess des Paradigmenwechsels durch den Übergang von dem, was er »normale Wissenschaft« nennt, zu einer durch eine fundamentale Anomalie verursachten und durch ein neues Paradigma gelösten wissenschaftlichen Revolution, woraufhin die normale Wissenschaft sich mit dem neuen Paradigma fortsetzt. Die Wirtschaftswissenschaften haben seit der Dominanz der neoklassischen Schule in den 1870er-Jahren viele theoretische und empirische Krisen erlebt, aber keine hat zu einer mit dem Wechsel von der ptolemäischen zur kopernikanischen Astronomie vergleichbaren Revolution bzw. zu einem neuen Paradigma geführt.

Wenn eine Wirtschaftskrise eintritt, stört sie den Mainstream. Dessen Lehrbuch-Ratschläge werden – sofern die Krise eher empirisch als theoretisch zu spüren ist – von den politischen Entscheidungsträgern über Bord geworfen, solange sie andauert. Darauf reagieren die Mainstream-Ökonomen defensiv – was sich nicht wesentlich von dem unterscheidet, was in den Naturwissenschaften passiert. Ökonomen können die ergriffenen außergewöhnlichen politischen Maßnahmen mit der unerwarteten Natur der Krise rechtfertigen, behandeln so jedoch die Krisenphänomene, die ihrer Theorie widersprechen, als Abweichungen, die durch den Einbau einiger Änderungen peripherer Aspekte in die Kerntheorie bewältigt werden können. Ein Beispiel dafür ist das Konzept der »begrenzten Rationalität« von Joe Stiglitz (Stiglitz 2011, 2018). Dieses Konzept wird herangezogen, um zu sagen, dass das Problem nicht aufgetreten wäre, wenn alle Menschen strikt rational wären; aufgrund der »begrenzten Rationalität« gilt jedoch der allgemeine Grundsatz nicht, und in diesem Fall ist eine Abweichung von der im rein theoretischen Kanon empfohlenen Politik gerechtfertigt. Am neoklassischen Paradigma werden geringfügige Änderungen vorgenommen, aber dessen grundlegende Aussagen bleiben unantastbar. Auch dies ist vergleichbar mit den Reaktionen von Anhängern eines bestehenden naturwissenschaftlichen Paradigmas auf eine Anomalie.

Im Laufe der Zeit geht die Krise vorüber – unabhängig davon, ob deren Verlauf durch die Ratschläge der Ökonomen begünstigt oder behindert wurde. Eine Handvoll Ökonomen bricht aufgrund der Anomalie mit der Mehrheit, und das ist die Geburtsstunde heterodoxer Wirtschaftswissenschaftler. Aber die Mehrheit der Studierenden ist von der grundlegend utopischen neoklassischen Vision des Kapitalismus als einem System ohne Macht ebenso fasziniert wie ihre Lehrer: In diesem System erhält jeder seine gerechte Belohnung, Regulierung und Bestrafung sind unnötig, weil der Markt alles regelt. Die neuen Schüler ersetzen ihre alten Lehrmeister und verbreiten weiterhin das neoklassische Paradigma.

Das ist die erste Hürde, an der die Ökonomik als Wissenschaft scheitert. Der von Planck beschriebene Prozess des Aussterbens der Anhänger des alten (neoklassischen) Paradigmas, der dazu führt, dass sie durch eine »neue Generation« ersetzt werden, die mit der »neuen wissenschaftlichen Wahrheit« vertraut ist, findet nicht statt.

Die zweite Hürde ist die politische Rolle der Wirtschaftstheorie. Die letzte echte wissenschaftliche Revolution in der Ökonomik fand in den 1870er-Jahren statt, als die Neoklassik die klassische Denkschule ablöste – den von Adam Smith (Smith 1776) entwickelten, von David Ricardo (Ricardo 1817) erweiterten und von Marx (Marx 1867) übernommenen Ansatz. Neoklassische Ökonomen bilden sich ein, dass ihre Theorien auf Smith zurückgehen (Samuelson und Nordhaus 2010a, S. 5), doch tatsächlich verwendeten Smith, Ricardo und Marx eine »objektive« Werttheorie, die im völligen Widerspruch zur neoklassischen Theorie steht. Ricardo lehnte die nutzenorientierte, auf Knappheit basierende proto-neoklassische Ökonomie seines Zeitgenossen Jean-Baptiste Say ausdrücklich ab und erklärte mit Nachdruck:

»Es gibt einige Waren, deren Wert allein durch ihre Knappheit bestimmt wird […]. Diese Waren bilden jedoch einen sehr kleinen Teil der Masse der Waren, die täglich auf dem Markt ausgetauscht werden […], sagt Adam Smith.

[…] Es ist natürlich, dass das, was normalerweise das Ergebnis von zwei Tagen oder zwei Stunden Arbeit ist, doppelt so viel wert ist wie das, was gewöhnlich das Ergebnis von einem Tag oder einer Stunde Arbeit ist. […].

Dass dies wirklich die Grundlage des austauschbaren Wertes aller Dinge ist, mit Ausnahme derer, die durchmenschlichen Fleiß nicht vermehrt werden können, ist in der politischen Ökonomie eine Lehre von größter Wichtigkeit; denn von keiner Quelle gehen so viele Irrtümer und so viele Meinungsverschiedenheiten in dieser Wissenschaft aus, wie von den vagen Vorstellungen, die mit dem Wort Wert verbunden sind.« (Ricardo 1817, Kapitel 1, Hervorhebung Steve Keen)

Die klassische Denkschule hatte ihre eigenen logischen Probleme (Keen 1993a, 1993b; Steedman 1977), aber ein Schlüsselfaktor für ihren Niedergang und den Aufstieg der neoklassischen Schule war, dass Marx den klassischen Ansatz zu einer Kritik des Kapitalismus selbst machte (De Vroey 1975). Seitdem spielt die Tatsache, dass sie mit ihrer Theorie der leistungsabhängigen Einkommensverteilung die Interessen der Wohlhabenden unterstützt, eine wichtige Rolle bei der Festigung der beherrschenden Stellung der neoklassischen Ökonomik. Gut finanzierte »Thinktanks« fördern diese Art der Kapitalismusanalyse, sodass ihre Sicht auf die Wirtschaft den öffentlichen und politischen Diskurs dominiert. Eben das ist die ideologische Funktion der neoklassischen Ökonomik, die zu ihrer nachdrücklichen Verteidigung führt, auch wenn die Realität beweist, dass sie in Bezug auf die Natur des Kapitalismus selbst völlig falsch liegt.

Die beschriebenen Faktoren führen zudem auch zur Isolation jener Ökonomen, die sich weigern, die empirischen und theoretischen Mängel der neoklassischen Ökonomik zu ignorieren und stattdessen konkurrierende Paradigmen, wie die postkeynesianische, marxistische, österreichische und biophysikalische Ökonomik, aufbauen. Diese Wissenschaftler überleben als marginalisierte Bilderstürmer in den wirtschaftswissenschaftlichen Abteilungen führender Universitäten (wie z. B. Ha Joon Chang und Tony Lawson an der Universität Cambridge), als führende Wissenschaftler in Abteilungen für Wirtschaft oder Management anstatt für Wirtschaftswissenschaften (wie z. B. Mariana Mazzucato an der UCL-Fakultät für Städtebau) oder als Dozenten für Wirtschaftswissenschaften an Universitäten mit niedrigem Rang, an denen prominente Neoklassiker nicht arbeiten wollen (wie z. B. die University of Western Sydney in Australien und die Kingston University im Vereinigten Königreich, wo ich zunächst Professor und später Fakultätsdirektor war).

Es gibt eine Dominanz des neoklassischen Paradigmas, trotz zahlreicher empirischer und logischer Probleme (Keen 2011) und trotz der Ko-Existenz inkompatibler konkurrierender Paradigmen. Die neoklassische Wirtschaftswissenschaft befindet sich in einem Zustand ständiger, unterbewerteter und ungelöster Krisen. Zwar entwickelt sich die Disziplin im Laufe der Zeit in einer Weise weiter, die ihre Anhänger für wissenschaftliche Revolutionen halten, aber sie wird nie auf die gleiche Art abgelöst wie veraltete Paradigmen in den Naturwissenschaften. Auch konkurrierende Paradigmen entwickeln sich, führen aber nie zur Verdrängung des diskreditierten neoklassischen Paradigmas.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: »Aber was ist mit der keynesianischen Revolution?« Sicherlich sah Keynes seine Arbeit als klaren Bruch mit der neoklassischen Orthodoxie – die er als »klassische Ökonomik« bezeichnete:

»Ich werfe der klassischen Wirtschaftstheorie vor, dass sie selbst eine dieser netten und artigen Techniken ist, die versucht, mit der Gegenwart umzugehen, indem sie von der Tatsache abstrahiert, dass wir sehr wenig über die Zukunft wissen.« (Keynes 1937, S. 215)

Die revolutionären Ideen von Keynes wurden jedoch von John Hicks zunichte gemacht. Dieser gab vor, in einem Aufsatz unter dem Titel Mr. Keynes und die Klassiker (Hicks 1937) eine Versöhnung zwischen den beiden Gruppen herbeiführen zu wollen. Dafür entwickelte er das sogenannte IS-LM-Modell.7

Hicks interpretierte Keynes Theorien als keineswegs revolutionär, sondern betrachtete sie unter dem Begriff »Ökonomie der Depression« lediglich als eine Ergänzung des bestehenden neoklassischen Werkzeugkastens:

»Mit dieser Überarbeitung macht Keynes einen großen Schritt zurück zur Marshallischen Orthodoxie, und seine Theorie lässt sich nur schwer von den überarbeiteten und qualifizierten Marshallischen Theorien unterscheiden, die, wie wir gesehen haben, nicht neu sind. Gibt es wirklich einen Unterschied zwischen ihnen, oder ist das Ganze ein Scheingefecht? Greifen wir auf ein Diagramm zurück.« (Hicks 1937, S. 153)

Obwohl er sein Modell als »bequem handhabbare Zusammenfassung der keynesianischen Theorie« darstellte und es als solche von der Mehrheit der Ökonomen akzeptiert wurde, gab Hicks später zu, dass es sich dabei um ein neoklassisches »allgemeines Gleichgewichtsmodell« handelte, das er bereits skizziert habe, »bevor ich auch nur die erste meiner Abhandlungen über Keynes schrieb« (Hicks 1981, S. 140).

Die Kluft zwischen dem, was dieses Modell als keynesianische Ökonomik ausgab, und Keynes’ tatsächlicher Theorie war enorm. Beim Vergleich von Hicks’ »Interpretationsvorschlag« von Keynes und Keynes’ eigener, zwei Monate vor Hicks’ Papier veröffentlichter, 24-seitiger Zusammenfassung seiner Erkenntnisse in The General Theory of Employment (Keynes 1937), ist das unschwer zu erkennen. Die wichtigste Passage dort, die sich auf den bereits erwähnten, von ihm erhobenen Vorwurf gegen die »klassische Wirtschaftstheorie« bezieht,­ lautet wie folgt:

»Zusammenfassend ist zu sagen, dass […] die Produktions- und Beschäftigungsniveaus insgesamt von den Investitionen abhängen […]. Allgemeiner gesagt, hängt die Gesamtproduktion von der Neigung zum Horten ab, von der Politik der Währungsbehörde, von […]. Aber von diesen verschiedenen Faktoren sind diejenigen, die die Investitionsrate bestimmen, die unzuverlässigsten, da sie von unseren Erwartungen für die Zukunft beeinflusst werden, über die wir so wenig wissen. Das, was ich hier vorschlage, ist also eine Theorie, die erklärt, warum Produktion und Beschäftigung so anfällig für Schwankungen sind.« (Keynes 1937, S. 221, Hervorhebung Steve Keen).

Entsprechend Keynes’ Zusammenfassung seiner Theorie hängt die Höhe der Investitionen also in erster Linie von den Zukunftserwartungen der Investoren ab, die unsicher und »unzuverlässig« sind. Hicks ignorierte die Erwartungen völlig – ganz zu schweigen von der Ungewissheit – und modellierte stattdessen die Investitionen in Abhängigkeit von der Geldmenge und dem Zinssatz:

»Damit kommen wir zu dem, was viele für das Wichtigste in Herrn Keynes’ Buch halten. Es ist nicht nur möglich zu zeigen, dass ein gegebenes Geldangebot eine bestimmte Beziehung zwischen Einkommen und Zinsen bestimmt […], es ist auch möglich, etwas über die Form der entsprechenden Kurve zu sagen. Sie wird wahrscheinlich dazu neigen, auf der linken Seite fast horizontal und auf der rechten Seite fast vertikal zu verlaufen […]. Damit bekommt […] die spezielle Form der Theorie von Herrn Keynes Gültigkeit. Ein Anstieg der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals erhöht lediglich die Beschäftigung und überhaupt nicht den Zinssatz. Somit hat man die Beziehung zur klassischen Welt völlig verloren.« (Hicks 1937, S. 154; siehe auch Hicks 1935; 1981)8

Die Kluft zwischen Hicks’ angeblichem Keynes-Modell und Keynes’ eigenen Ansichten war so groß, dass sich daraus die wichtigste heterodoxe Denkschule, die »postkeynesianische Ökonomik«, entwickelte. Die Postkeynesianer erarbeiteten selbst eigene revolutionäre ökonomische Ansätze (Eiteman 1947; Godley 1999; Goodwin 1967; Graziani 1989; Keen 2020b; Minsky 1977; Moore 1979; Sraffa 1926, 1960), aber was nicht stattfand, war die »keynesianische Revolution« im ökonomischen Mainstream-Denken, vergleichbar mit der Widerlegung von Ptolemäus’ erdzentrischer Vision des Sonnensystems und ihre Ablösung durch die sonnenzentrische Vision von Kopernikus.

Aus all dem ergeben sich somit düstere Aussichten für die Ablösung der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften durch ein grundlegend anderes und weitaus realitätsbezogeneres Paradigma. Im Laufe der Zeit gab es jedoch Veränderungen, die dies heute eher möglich machen als zu Keynes’ Zeiten.

An erster Stelle ist hier die Entwicklung von Computern und von Computersoftware zu nennen, womit man dynamische und sogar evolutionäre Prozesse in großem Maßstab problemlos bearbeiten kann (Gooding 2014). Diese Entwicklungen fanden außerhalb der Wirtschaftswissenschaften statt, insbesondere in den Ingenieurwissenschaften, der Physik und Meteorologie. Die Anwendbarkeit dieser Techniken auf die Wirtschaftswissenschaften hat Grenzen, vor allem weil es in der Ökonomik um menschliches Verhalten und nicht um die Interaktion unbewusster Objekte geht. Diese Grenzen verzerren die Realität jedoch weit weniger als die neoklassische Fantasievorstellung, dass wirtschaftliche Prozesse in einem Gleichgewicht oder nahe dran verlaufen.9

Von entscheidender Bedeutung ist auch die Entwicklung der postkeynesianischen Denkschule nach der Weltwirtschaftskrise. Vor dieser hatte es zwar schon scharfe Kritiker des neoklassischen Mainstreams gegeben, wie z. B. Joseph Schumpeter und Thorstein Veblen (Schumpeter 1928; Veblen 1898, 1908, 1909), aber keine wirklich revolutionäre Schule des ökonomischen Denkens.10 Die Entwicklung dieser heterodoxen Schule in den acht Jahrzehnten zwischen der Weltwirtschaftskrise (der Großen Depression) und der Globalen Finanzkrise (der Großen Rezession) hatte zwei Folgen: Nach dem Einbruch der letztgenannten Krise entstanden kohärente Erklärungen und es hatte dazu sogar weitblickende Warnungen gegeben (Godley 2001; Godley und Izurieta 2002; Godley und Wray 2000; Keen 1995, 2006, 2007). All dies existierte noch nicht, als Keynes seine Revolution versuchte.

Die»ModernMonetaryTheory« (MMT), entstanden aus der Zusammenarbeit des Unternehmers Warren Mosler (Mosler 1998, 2010) und einer Gruppe postkeynesianischer Ökonomen – vor allem Randy Wray (Wray 1994, 1997, 1998), Stephanie Kelton (Bell 2000, 2001), Scott Fullwiler (Fullwiler 2003, 2005) und Bill Mitchell (Mitchell 1987, 1994; Mitchell und Mosler 2002; Mitchell und Watts 2002) –, erreichte ebenfalls etwas, was seit Keynes nicht mehr gelungen war: Die breite Öffentlichkeit wurde auf einen eindeutig nicht-neoklassischen Ansatz in der Ökonomik aufmerksam. Ein nicht-neoklassisches Wirtschaftsbuch, Stephanie KeltonsTheDeficitMyth (Kelton 2020), wurde auf Anhieb zu einem Bestseller und rangierte nach seinem Erscheinen unter den Top 300 bei Amazon. MMT stellt den Würgegriff infrage, in dem die neoklassische Schule die öffentliche Meinung gefangen hält. Dabei sind die unzähligen Angriffe der Neoklassiker auf die MMT ein Zeichen dafür, dass sie sich ausnahmsweise Sorgen um den Verlust ihrer Vorherrschaft machen.

In ähnlicher Weise haben nicht-neoklassische WissenschaftlerInnen wie Mariana Mazzucato (Mazzucato 2015, 2019), Bill Janeway (Janeway 2012) und Kate Raworth (Raworth 2017) den Einfluss des neoklassischen Dogmas von »Angebot und Nachfrage« auf das Wirtschaftsdenken der Öffentlichkeit zwar nicht gebrochen, aber doch zumindest erschüttert. Sie zeigten zum einen, dass es alternative und empirisch fundierte Vorstellungen zur Rolle des öffentlichen und privaten Sektors bei Innovationen gibt; zum anderen, dass diese Vorstellungen auch hinsichtlich der Abhängigkeit der Wirtschaft von Umweltfaktoren existieren.

Statistisch orientierte Forscher wie Schularick, Jordà, Taylor und Bezemer analysieren von neoklassischen Ökonometrikern ignorierte Themen, wie z. B. die Rolle von Krediten in der Makroökonomik (Bezemer und Grydaki 2014; Jordà et al. 2011, 2019; Schularick und Taylor 2012; Zhang und Bezemer 2014). Einige Mathematiker erkannten grundlegende Irrtümer der Wirtschaftslehre, wie etwa den Aufbau der neoklassischen Finanztheorie auf zeitlosen, »ergodischen« Grundlagen (Peters 2019; Peters und Gell-Mann 2016), und arbeiten daher aktiv an alternativen Ansätzen (Costa Lima et al. 2014; Grasselli und Costa Lima 2012; Grasselli und Nguyen-Huu 2018).

Schließlich ermöglichten die sozialen Mediendie Entwicklung, das Gedeihen und Fortbestehen von Studentenbewegungen, die der neoklassischen Wirtschaftslehre kritisch gegenüberstehen; derartiges wäre vor dem Internet unmöglich gewesen. Im Jahr 1973 war ich an der Universität Sydney federführend an der ersten Studentenrevolte gegen die neoklassische Wirtschaftslehre beteiligt (Butler et al. 2009).11 Diese Revolte war insofern erfolgreich, als die Universität schließlich eine Fakultät für Politische Ökonomie aufbaute, um die Abweichler einzubinden; aber der Protest und sein Erfolg beschränkten sich auf eine einzige Universität im fernen Australien. Französische Studenten gründeten im Jahr 2000 den Protest Against Autistic Economics, der zwar etwas mehr Zulauf hatte, aber keine inhaltlichen Änderungen in der Vermittlung der Wirtschaftslehre nach sich zog: Das wichtigste Vermächtnis war die Online-Zeitschrift Real World Economics Review.

Der eigentliche Durchbruch gelang im Jahr 2012 mit einem Protest von WirtschaftsstudentInnen an der Universität Manchester12 im Vereinigten Königreich. Sie reagierten damit auf das Versäumnis ihrer Lehrkräfte, sich in ihren Makroökonomikkursen ernsthaft mit der Globalen Finanzkrise zu beschäftigten. Die Studierenden formulierten ihr Anliegen folgendermaßen: »Die ökonomischen Theorien, die wir lernten, schienen völlig losgelöst zu sein von der wirtschaftlichen Realität, mit der die Welt konfrontiert war. Sie hatten nichts mit der Krise zu tun, die bei vielen von uns überhaupt erst das Interesse für die Wirtschaftswissenschaften geweckt hatte.« Aus ihrer Post-Crash-Economics-Bewegung entstand die internationale Rethinking-Economics-