Für immer alles - Jeannette Hunziker - E-Book

Für immer alles E-Book

Jeannette Hunziker

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Beschreibung

"Ja, ich bin die Tochter. Vater ist tot." Die Erzählerin, die jahrelang keinen Kontakt zu ihm hatte, muss sich nun um die damit verbundenen Angelegenheiten kümmern, seine Wohnung räumen, die Beerdigung organisieren. Das Ordnen der Hinterlassenschaft wird zu einer Inventur ihres eigenen Lebens. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde ihr eröffnet, dass sie das Kind einer anonymen Samenspende ist. Vater und Mutter hatten sich damals auf diesem Weg ihren Kinderwunsch erfüllt und das Geheimnis anderen Familienmitgliedern nie verraten. Wie der Vater ist auch die Erzählerin süchtig, sie hungert sich beinahe zu Tode und wird für eine gewisse Zeit in einer psychiatrischen Klinik betreut. Während sie versucht, wieder Halt zu finden, gelingt ihr endlich eine klare Einordnung ihrer familiären Verhältnisse. Sie entdeckt, wer sie wirklich ist und wer sie sein möchte. Eine Geschichte von Aufbruch und Aufbegehren. Von Abhängigkeit, Suchterkrankung und der Suche nach dem eigenen Leben. Hellwach erzählt "Für immer alles" vom Verlieren und Finden, wenn wir lieben. "Tote erzählen eine Menge Geschichten, nicht immer die Wahrheit. Die Wahrheit scheint dort, wo sie sind, eine andere Rolle zu haben. Als ob die Wahrheit für die Lebenden sei, während die Toten sie nicht brauchen."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2024

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www.lenos.ch

Jeannette Hunziker

Für immer alles

Roman

Lenos Verlag

Jeannette Hunziker wurde 1985 in Bern geboren, wo sie lebt und arbeitet. Auf das Studium am Schweizerischen Literaturinstitut Biel folgten lange Reisen Richtung Osten. 2008 war sie Finalistin am 16. Open Mike Berlin. Neben ihrem Prosadebüt Für immer alles schrieb sie eine Sammlung von Gedichten. 2022 wurde sie mit einem Weiterschreiben-Stipendium der Stadt Bern ausgezeichnet.

Die Autorin dankt Kultur Stadt Bern sowie SWISSLOS / Kultur Kanton Bern für die Unterstützung der Arbeit an diesem Buch.

Der Verlag dankt Kultur Stadt Bern sowie SWISSLOS / Kultur Kanton Bern für die Unterstützung.

E-Book-Ausgabe 2024

Copyright © 2024 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Liliane Studer

Cover: Leo Matkovic

Foto: Julien Balmer

eISBN 978 3 03925 716 4

Für denjenigen, der seinen eigenen Stosszahn brach

und damit die ersten Verse schrieb.

Für Ruth.

A perfect falcon, for no reason, has landed on your shoulder,

and become yours.

Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 1

Ich glasiere die Kastanien, als es klingelt. Gleich würde ich die kleinen grünen Rosetten des Feldsalates aus dem Garten holen und den Teig für die Pizzoccheri von der Fensterbank nehmen.

Ich habe mir eine Flasche Wein geöffnet.

Ich stelle mich ans Küchenfenster, um zu schauen, wer geklingelt hat.

Vor dem Haus stehen zwei Beamte in Uniform. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie von mir wollen.

Ich lebe in einem alten Haus, wir haben keinen automatischen Türöffner. Ich muss die drei Treppenabsätze bis hinunter zur Haustür gegangen sein. Es ist der 2. November 2021.

Heute, mehr als ein Jahr später, denke ich an eine Landschaft bei Ebbe.

Ich wate durch dieses Land, als ich auf die Tür zugehe. Das Wasser hat sich weit an den Horizont zurückgezogen.

Ich laufe auf dem blossgelegten Grund, als liefe ich auf der Zeit selbst.

Ich erinnere mich, wie ich denke: So ist es im Film.

Und wie ich denke, weil ich diesen Filmgedanken habe, dass die Situation nicht echt sein kann. Mir nicht wirklich passiert, was gerade passiert. Das Klischee als Schutz, als Puffer.

Ich weiss, dass ich dabei bin, eine fatale Nachricht zu erhalten.

In meinem Kopf gehe ich sie alle durch. Angefangen mit dem Schlimmsten.

Ich öffne den Beamten die Tür. Ich möchte Halt sagen. Ich möchte sagen: Stopp, lassen Sie mich erst überlegen.

Wer wird sich um die rasende Wildheit der Ohnmächtigen in mir kümmern, wenn die Worte erst einmal draussen sind, sie sich nicht mehr zurück in den Mund schieben, der Mund sich nicht wieder um sie schliessen lassen würde.

Die Frage ist müssig, ich kenne die Antwort. Es ist immer dieselbe.

Ich denke kurz an Han.

Ich denke an seine Alleingänge in die Berge, in die Weiten des Nordens mit der Kamera.

Nie kann ich gewiss sein, wo er sich gerade befindet. Mobile Nachrichten bleiben manchmal wochenlang unbeantwortet.

Die Angst kümmert sich nicht um Unwahrscheinlichkeiten. Die Unwahrscheinlichkeit, dass zwei Polizisten mir den Tod meines Geliebten überbringen, ist der Angst schnurz. So wichtig nimmt sie sich.

Wir gehen nach oben. Einer der Beamten setzt sich mir gegenüber an den Küchentisch, der andere bleibt in der Tür zum Flur stehen. Ob er einen Fluchtversuch fürchtet.

Ich blicke auf seine polierten Stiefel auf dem petrolfarbenen Linoleumboden. Es riecht nach Karamell, es riecht nach verbranntem Fell. Ich stehe auf und mache die Herdplatte aus.

Ich erinnere mich, wie ich denke, wie aufwendig ihr Aufzug ist.

Ich bestätige die erste Frage des Beamten und bin sofort erleichtert.

Ja, ich bin die Tochter.

Vater ist tot.

Vater ist an ebendiesem Tag, diesem 2. November, gegen neun Uhr morgens von einem seiner Kumpel tot in seiner Wohnung gefunden worden. Er habe im Bett gelegen und die Atemmaske aufgehabt, die er wegen seiner Schlafapnoe tragen musste. Das Gerät lief noch. Ein Suizid oder Fremdeinwirkung konnten ausgeschlossen werden, versicherte mir der Beamte.

Dieser Freund, dessen Name mir nichts sagt, von dem ich noch nie gehört habe, hätte ihn zu einem Arzttermin fahren sollen. Stattdessen rief er erst den Notarzt und daraufhin die Polizei.

Ich versuche, vor dem Beamten zu verbergen, dass ich keine Ahnung habe, wer dieser Mann ist, der Vater gefunden hat. Dann kommt mir der Gedanke, dass die beiden vermutlich in Vaters Wohnung waren, bevor sie zu mir gefahren sind.

Dass es nicht viel Sinn macht, etwas verbergen zu wollen.

Mit Sicherheit waren die beiden vertraut mit dem Zustand solcher Wohnungen. Solcher Wohnungen wie Vaters Wohnung. Vertrauter als ich.

Vater und seine zweite Frau befanden sich zum Zeitpunkt seines Todes in einem schwierigen Scheidungsverfahren. Mit seinem noch lebenden Bruder hatte er sich zerstritten. Ich bin sein einziges offizielles Kind.

War.

Ich war sein einziges offizielles Kind.

Der Beamte notiert auf dem angefangenen Einkaufszettel mit den Dingen, von denen ich an ebendem Tag geglaubt habe, dass ich sie brauchen würde, unter Honig Datteln Kaffee Kalkreiniger eine Nummer. Falls ich Fragen hätte. Der zuständige Bestatter werde mich am nächsten Tag kontaktieren. Dann gehen sie.

Die Flut kommt angerollt in Zeitlupe, eine blauschwarze Wand. Die Welle von Hokusai.

Ich bin wieder allein mit mir.

Ich müsste Mutter und Vaters zweite Frau anrufen.

Ich nehme alle Öffnungen des Mantels auf einmal und verheddere mich, mache ein paar Schritte vor der Garderobe. Tanze wie ein Boxer.

Ich könnte über die Strasse gehen. In Murals Werkstatt brennt noch Licht. Ich könnte hinübergehen und ihn um einen Spaziergang bitten. Es würde ihm nicht ungewöhnlich vorkommen.

Ich könnte den ersten wirklich wichtigen Satz meines Lebens ausprobieren. Ein Satz wie ein Paar neue Schuhe, die nun für den Rest des Lebens passen müssen.

Vater ist tot.

Doch so nahe sind wir uns nicht, Mural und ich. Denke ich. Nicht nah genug für diesen Satz.

Wie nah sind wir dann.

Daraufhin im Kopf unzählige angefangene Sätze, die wie die Schlange Ouroboros im eigenen Schwanz verschwinden.

Ich hole den Salat aus dem Garten, lasse die blassen Teigstücke für die Pizzoccheri ins sprudelnde Wasser fallen. Rotkraut, Karamellkastanien.

Dazwischen trinke ich kleine versichernde Schlucke vom Wein.

Vater war ein guter Koch. Er war auch Überlebenskünstler, was ihn nicht vor dem lebenslangen Trinken bewahrt hat.

Wenn ich ihn als Kind in seiner Wohnung besuchte, die ganz in der Nähe unserer alten Wohnung lag, machte er eine Dose süsser Pfirsichhälften auf.

Er verteilte den Inhalt in zwei Schüsselchen. Aus dem offenen Gefrierfach entwich die Kälte in die Wohnung wie Rauch. Er nahm den in Silberfolie gewickelten Klumpen Vanilleeis und stach zwei exakt gleich grosse Scheiben ab. Er legte das Eis sorgfältig auf die Pfirsichhälften.

Dann setzten wir uns nebeneinander aufs Sofa, löffelten die klebrigen Pfirsiche und das Eis und schauten dabei den beiden Katzen zu, die sich gegen das Netz auf dem Balkon warfen, sich darin verkrallten, fauchten, absprangen, davonstoben.

Der Haustür direkt gegenüber stand an die Wand geschoben ein rundes Bistrotischchen mit einem gegossenen Fuss. An der Wand über dem Tischchen hing ein Bild, das den Eingang einer Metrostation zeigte. Das Bild war lila, türkis und von einem unheimlichen sandigen Blau.

Kein Mensch war auf dem Bild zu sehen. Ein altmodisches Damenrad lehnte am Treppenabgang. Das Schild mit dem Namen der Station war blank. Blank wie ein Traumgesicht. Ganz ohne bestimmte Merkmale. Und doch bestand kein Zweifel daran, wo es zu verorten war.

Auf dem Tischchen stand eine schlanke Keramikvase, darin steckte eine schwarze Rose.

Die Rose war ganz und gar schwarz. In der Vase war kein Wasser. Ich habe das einmal geprüft. Die Rose mit vorsichtigen Fingern aus dem langen dünnen Hals der Vase gezogen und die Vase umgedreht. Ich besah die Rose genau. Sie war mit nachtschwarzem Lack besprüht. Ich kannte den Lack von der Aussenkiste auf dem Dach unseres VW-Busses.

Neben der Rose lag ein dickes schwarzes Buch, das Vater mit Packschnur umwickelt hatte. Um die Schnur ein Schloss. Selbst als Kind wusste ich, dass das Buch die Hochzeitsbibel meiner Eltern und diese Geste von Vater pathetisch war.

Einmal, als Kind, habe ich in dieser Kiste auf dem Dach des VW-Busses geschlafen, freiwillig und mit aufgeklapptem Deckel.

Ich kletterte über die Leiter an der Rückseite des Wagens aufs Dach und öffnete die Kiste. Sie war mit einem Zahlenschloss gesichert. Unsere drei Jahrgänge ohne die Neunzehn hintereinander.

Ich nahm die Spaghetti, die Dosen mit der Tomatensauce, die Kekse und Geschirrspülmittelflaschen und stapelte alles auf dem Autodach. Die Packungen mit dem Instantkaffee verteilte ich auf dem Boden der Kiste. Dann holte ich meinen Schlafsack und putzte mir die Zähne.

Die luftgetrockneten Brösel des Instantkaffees machten knackende Geräusche, als ich mich in die Kiste legte. Von weitem hörte ich die Stimmen meiner Eltern, ihrer Freunde, die in der Strandbar bei einem Schlummertrunk sassen, wo sie Kaffeelikör mit eiskalten glattkantigen Würfeln tranken, der einem an den Zähnen zog, so süss war er.

Die Sterne standen überaus klar in ihren hell gerissenen Löchern. Schnell schlief ich unter einer schwer nachvollziehbaren Dunkelheit weg.

So frei wie eines dieser Löcher, versprach ich einem gleichgültigen Himmel, würde ich werden, wenn ich gross bin.

Neben dem Bistrotischchen mit dem gegossenen Fuss in Vaters Wohnung lag die Tür zum Badezimmer. Meine erste Periode habe ich während eines Vaterbesuches bekommen. Das kaum zu erwähnende Blut war bereits als eine rostige Spur in meiner Unterhose getrocknet.

Ich ging zu Mutters Wohnung, unserer Wohnung, ohne ihr etwas davon zu sagen. Schloss mit meinem eigenen Schlüssel die Tür auf, was mir in diesem Moment verkehrt vorkam.

Nicht wegen des Blutes, nicht wegen irgendeines diffusen Überganges, der innerhalb der Grenzen meines haltlosen Körpers stattfand.

Das Tageslicht, das durch die Fenster in die Wohnung einfiel, und die Staubpartikel, die in den hellen Kelchen tanzten, waren in Wahrheit dunkel. Zu dunkel, als dass es geholfen hätte, die Augen zu schliessen. Ich schloss sie trotzdem. Die Wohnung roch fremd. Meine Haut polterte gegen ihr Versteck.

Ich ging am Schlafzimmer von Mutter vorbei, erhaschte einen Blick auf ihr ungemachtes Bett, sie war nicht da, ging in ihr Badezimmer und klaubte drei Binden aus der Schachtel.

Ich ging in meinen eigenen Fusstritten zurück, so als ginge ich durch hohen Schnee. Ich verliess die Wohnung wie ein Dieb.

Ich habe den Beamten angelogen.

Ich bin nicht Vaters Tochter. Zumindest nicht die leibliche. Ich bin nicht sein biologisches Kind, aus dem einfachen Grund, dass Vater unfruchtbar war und keine eigenen Kinder zeugen konnte.

Das weiss eigentlich niemand. Selbst ich habe es um ein Haar wieder vergessen.

Ich bin zwölf, als sie es mir sagen. Es. Das Geheimnis. Als sei es selbst dieses andere, dieses eigentliche Kind, das ich immer vermutet habe, aber nirgendwo entdecken konnte. Dessen Abwesenheit ich mit meiner eigenen auf den Grund zu gehen versucht habe.

Als sie es mir sagen, bin ich bereits seit eineinhalb Jahren in einer Klinik hospitalisiert. Die Eltern sagen es mir auf Anraten der Ärzte dort.

Ich bin hauptsächlich damit beschäftigt, ihnen eine Aufgabe abzunehmen, und höre zu.

Ich versuche, aus den Worten herauszuhören, was von mir erwartet wird. Wie ich mich verhalten soll, damit ich nicht doch noch für immer hiergelassen würde.

Ich gehe zu Vater. Ich setze mich auf Vaters Schoss. Etwas, das ich seit Jahren nicht getan habe. Ich würde es nicht tun, hätten wir nicht die Situation, die herrscht. Ich höre mich sagen: Aber du bist mein Vater. Ich habe keinen anderen.

Bevor ich geboren wurde, fuhr Vater Mutter kreuz und quer über den Peloponnes.

Er zeigte ihr den ältesten Olivenbaum der Insel, die keine Insel war, sondern über den Kanal von Korinth mit dem Festland verbunden. Er fuhr sie in die entlegensten Dörfer. Dort kauften sie die kometenroten Granatäpfel direkt aus den Sacktaschen der Maultiere. Die Drachmen waren von zahlreichen Fingerkuppen weich und samtig geworden wie Mottenflügel. Abends brieten sie den Fisch, den er in der Dämmerung aus dem Wasser gezogen hatte. Mit einer rudimentären Rute aus Bambus, Fischerfaden und einem improvisierten Haken, auf den er in seinen Erzählungen besonders stolz war.

Den Haken hatte er aus einer Sicherheitsnadel gefertigt und altes Brot als Köder aufgesteckt.

Das Brot schwemmte auf im Wasser und schien tatsächlich wie weisses Fleisch. Grössere Fische waren von seinem Leuchten angezogen.

Waren sie der Enge des VW-Busses überdrüssig, lebten Vater und Mutter kurzzeitig in Fischerdörfern. In winzigen Hütten in den Farben von Senfblüten, Tanne, blauer Seidenunterwäsche, Trauben und Zuckerzeugs.

Die Bucht lag flach, und überall in der Luft hing der Geruch nach langnadeligen Kiefern, kleinen Feuern aus Harz und sonnengetrocknetem Geäst. Über den dünnen Sand taumelten Disteln.

Mutter hasste die Reisen, die sie mit Vater unternehmen musste, die wilden Abenteuer auf der Strasse. Sie hasste den alten VW-Bus mit dem klapperigen Auspuff, die muffigen Schlafsäcke, den Gaskocher, den aufgerührten Instantkaffee.

Er bereitete unsere Reisen wochenlang vor, verbrachte die Abende in der Werkstatt unten im Keller. Die Luft war silberblau vom Pfeifenrauch. Darin Metallspäne, die gefährlich nah am Auge glänzten. Deshalb trugen wir, Vater und ich, ausnahmslos immer unsere Schutzbrillen im Keller.

Am grossen Gefrierschrank in der Ecke hing ein Kinoplakat, bei dem sich die Ecken lösten. Das Klebeband war dreckig und gelb wie gekochter Mais. Das Radio spielte, Mick Jagger sang: Childhood living is easy to do, the things you wanted, I bought them for you.

Ich liebte den Song, ich verstand kein Wort. Wild, wild horses couldn’t drag me away.

Und verstand doch.

Im Sommer machten wir Joghurteis am Stiel. Vater malmte an einer Tüte Maltesers, und ich malträtierte zufrieden mit dem Lötkolben ein Stück Holz.

Meine Schutzbrille war auch die Brille, die ich im Sommer und Herbst fürs Schnorcheln verwendete. Vaters Schutzbrille war aus fleckigem Plexiglas und hatte Scheuklappen. Ein Ohrenbügel war mit demselben Klebeband wie das Kinoplakat an den Gefrierschrank am Brillengestell befestigt.

Kurz bevor es losging mit einer Reise, lief er geschäftig zwischen dem VW-Bus, den er vor dem Hauseingang abgestellt hatte, und unserer Wohnung hin und her, riss alles, was er zuvor eingeräumt hatte, wieder heraus, baute den Wagen komplett um. Mutter machte das wahnsinnig.

Abends dann stand Vater in der Küche und machte Abendessen, während Mutter mit angezogenen Beinen auf dem Sessel im Wohnzimmer sass und auf den Weidenbaum im Garten blickte. Zusah, wie der Baum seine Blätter von der einen auf die andere Seite drehte wie kleine Fische, die ihre Schwimmrichtung der Strömung anpassten. Manchmal war die Strömung ein Zeichen dafür, dass ein grösserer Raubfisch im Anzug war. Ein Unterschied in der Stimmung war an Mutter nicht zu erkennen.

Vater machte einen Mordslärm in der Küche, riss alle Schubladen auf. Er suchte nach einem geeigneten Messer. Er trank seinen Rotwein aus einem kleinen Senfglas.

Schliesslich entschied er sich für das Brotmesser mit den groben, gezackten Schneidezähnen und legte den Blauen Ungarn auf das Holzbrett. Er würde den Kürbis mitsamt der Schale in grosszügige Scheiben schneiden und ihn dann in klarer Butter mit Rosmarinstängeln braten. Vielleicht gäbe es eine Portion Reis und Chicorée dazu.

Vater hat meinen schlafenden Körper aus dem Bett geholt und zum VW-Bus getragen, wenn es endlich losging. Ich tat, als schliefe ich, und erwachte erst, wenn wir das erste Mal hielten. Nach der italienischen Grenze. Er holte sich und Mutter einen Tankstellenkaffee und für mich ein Cornetto con marmellata di albicocca.

Mutter hasste auch die kleinen gesalzenen Fische, die zwischen unseren Zähnen splitterten. Die wir assen, tellerweise. Die beweisen sollten, dass wir hier gewesen sind, in diesem Land, auf dieser Reise.

Morgens um neun Uhr ruft mich der Bestatter an und informiert mich, dass er Vaters Leichnam in dessen Wohnung abholen und ins Bestattungsinstitut bringen werde.

Er fragt, ob sie den Toten für eine Aufbahrung zurechtmachen sollen.

Ich verneine das, ohne mir vorzustellen, was mit dem Wort zurechtmachen gemeint war.