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Kannst du die große Liebe vergessen, wenn sie dir einmal begegnet ist?
Jedes Jahr im Dezember sendet Josie einen Brief an ihre geliebten Eltern, die sie vor vielen Jahren in einer Weihnachtsnacht auf tragische Weise verloren hat. Jedes Jahr erinnert sie das Fest der Liebe an ihren Verlust – und die Menschen, die sie so schmerzlich vermisst. Nur dieses Jahr soll alles anders werden. Denn kurz vor Weihnachten begegnet Josie einem Mann. Einem Mann, mit dem sie fünf wunderschöne Tage in London verbringt: In der Stadt, die im Dezember schöner strahlt als alle anderen. Und es scheint fast unmöglich, sich nicht zu verlieben. Doch gerade als Josie glaubt, dass es das beste Weihnachtsfest aller Zeiten werden könnte, verlässt Max sie, ohne sich von ihr zu verabschieden …
Ein Roman, so anrührend und humorvoll wie Notting Hill und Vier Hochzeiten und ein Todesfall.
Die ganz große Liebe und der ganz große Schmerz liegen oft nah beieinander. Ein hochemotionaler Liebesroman und Garant für eine Achterbahn der Gefühle.
»Ein herzergreifendes, lebensbejahendes Buch, das sich wie eine Umarmung anfühlt.« Josie Silver
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2022
Autorin
Emily Stone lebt und arbeitet in Chepstow, Wales. Für immer im Dezember ist in einem alten viktorianischen Herrenhaus entstanden, das auf eine beeindruckende literarische Geschichte zurückblicken kann. Ihr Debütroman wurde zum Teil durch den Tod ihrer Mutter inspiriert, die starb, als Emily Stone sieben Jahre alt war. Die Autorin wollte zeigen, wie sehr diese Trauer das Leben eines Menschen beeinträchtigen kann, selbst wenn das Ereignis Jahre zurückliegt.
Emily Stone
Für immer im Dezember
Roman
Aus dem Englischen von Babette Schröder
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Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Always, in December bei Headline Review, London.
Copyright © 2022 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Lisa Wolf
Covergestaltung: Favoritbuero
Coverabbildungen: AzmanL/Getty Images; Shutterstock.com:tomertu/vectorfusionart/Alexey Fedorenko/A-Star/AKaiser/Gile68/Daniel Lange
Illustrationen © Inka Hagen, www.inkahagen.de
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-29592-9V005
www.penguin-verlag.de
Um die Schönheit einer Schneeflocke zu erkennen, muss man in der Kälte stehen.
Aristoteles
Josie stand an ihrer Wohnungstür – unter dem Mistelzweig, den Bia unbedingt hatte aufhängen wollen (»man weiß ja nie«) – und starrte stumm auf den Karton, den Oliver umklammerte. Ihre Hand lag noch immer auf der Klinke, und einen Moment lang hätte sie fast dem Drang nachgegeben, ihm die Tür vor seinem verlogenen, betrügerischen und, wie sie jetzt feststellte, viel zu symmetrischen Gesicht zuzuschlagen.
Oliver räusperte sich. »Ich weiß, dass du deine Sachen zurückhaben willst, also dachte ich, ich …« Irgendetwas an ihrem Gesichtsausdruck ließ ihn verstummen, und er sah stattdessen auf den Karton mit den Sachen hinunter. Als er ihn ihr überreichen wollte, stieß er ungeschickt gegen den Türrahmen.
»Gut.« Sie gab nach und nahm ihm den Karton ab, wobei sie penibel darauf achtete, nicht seine Hand zu berühren. Das plötzliche Gewicht überraschte sie – der Karton war wesentlich schwerer, als er aussah. Das war allerdings nur logisch, schließlich befanden sich darin all die Sachen, die sie in den letzten zwei Jahren entweder in seiner Wohnung vergessen oder absichtlich dort gelassen hatte, weil es praktisch gewesen war. Bis vor ein paar Wochen war sie noch davon ausgegangen, dass sie sowieso bald bei ihm einziehen würde. Was war ihm wohl durch den Kopf gegangen, als er das alles zusammengepackt hatte? Anfangs hatte er sie angefleht, nicht Schluss zu machen, und jetzt stand er hier und setzte selbst einen deutlichen Schlussstrich unter ihre Beziehung.
Sie presste die Lippen fest aufeinander, damit sie aufhörten zu zittern, und drehte Oliver den Rücken zu. Ganz oben im Karton, als hätte er sie zum Schluss hineingeworfen, rollten auf einem ihrer Bücher die blinkenden Rentier-Ohrringe herum. Die hatte er ihr vor drei Wochen geschenkt, und zwar an dem Tag, an dem das Weihnachtsessen ihrer beider Firma stattgefunden hatte. Das Mittagessen, bei dem er, statt mit ihr nach dem Dessert zu gehen, geblieben war, um zu trinken und mit einer Kollegin zu flirten. Anschließend hatte er diese Kollegin nach Hause begleitet. Und dort mit ihr geschlafen.
Sie stellte den Karton auf dem Vinylboden vor Bias Zimmer ab. Dann waren die Ohrringe wohl sein Abschiedsgeschenk an sie gewesen, auch wenn sie das damals beide noch nicht gewusst hatten. Der Gedanke, der ihr seit dem Morgen danach, an dem er ihr noch im Bett seine Untreue gestanden hatte, immer wieder durch den Kopf schoss, meldete sich erneut, so sehr sie auch versuchte, ihn zu verdrängen. Der Gedanke, dass, wäre sie nach dem Mittagessen nicht so früh nach Hause gegangen, sie jetzt vielleicht nicht hier stehen müssten. Vielleicht würde sie sich stattdessen auf seinem winzigen roten Sofa an ihn kuscheln, mit ihm Wiederholungen von Line of Duty schauen, vor sich eine Flasche Weißwein, und beim Thailänder etwas zu essen bestellen. Vielleicht hätte er der Versuchung namens Cara nicht nachgegeben.
Oder es wäre einfach später passiert, wenn er das nächste Mal mit zu viel Prosecco und einem hautengen roten Kleid konfrontiert wurde.
Sie richtete sich auf, atmete tief durch die Nase ein und schwor sich, die Ohrringe bei der nächsten Gelegenheit in den Mülleimer zu werfen. Als sie sich wieder umdrehte, stand er immer noch da, und sie gab sich alle Mühe, eine teilnahmslose Miene aufzusetzen und den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuschlucken. Er steckte die Hände in die Taschen seiner zu engen Jeans, wippte auf den Absätzen und ließ den Blick über ihren Kopf hinweg durch die Wohnung streifen, als wäre er zum ersten Mal hier. Sie verschränkte die Arme und zog die Augenbrauen hoch. Auf keinen Fall wollte sie ihm die Sache leichter machen.
»Und, bist du … okay?«
Endlich sah er ihr in die Augen, schien allerdings vor dem, was ihm dort begegnete, zurückzuschrecken. Gut so. Den tödlichen Blick beherrschte sie also noch. Sie zog die Augenbrauen weiter hoch. Unter keinen Umständen würde sie sich in irgendeine Form von Small Talk verwickeln lassen.
»Ich meine, nach dem, was heute im Büro passiert ist, wollte ich mich nur vergewissern …« Er brach erneut ab. Offenbar hatte er die Fähigkeit verloren, in ganzen Sätzen zu sprechen.
Josie hielt die Arme fest verschränkt und hoffte verzweifelt, dass die Hitze, die unter ihren Wangen pulsierte, sich nicht auf ihrem Gesicht abzeichnete. Natürlich musste er das erwähnen. Und selbstverständlich hatte er längst herausgefunden, warum Janice mit ihr hatte reden wollen. Es war schon schwer genug, täglich seinem Ex über den Weg zu laufen, weil er im selben Büro arbeitete, aber noch schlimmer war es, dass man nicht einfach behaupten konnte, auf der Arbeit liefe alles bestens.
»Mir geht’s gut«, sagte Josie knapp, doch an dem mitfühlenden Ausdruck in seinen braunen Augen erkannte sie, dass er ihr das nicht abnahm.
Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und wünschte, sie hätte ihr schwarz-weiß gestreiftes Kleid nach der Arbeit ausgezogen, das sich jetzt zu eng und unpassend anfühlte; als wäre sie um zwei Uhr nach Hause gekommen und hätte vier Stunden einfach nur herumgesessen und nichts getan. Was, um ehrlich zu sein, genau der Fall gewesen war. Aber vielleicht bemerkte er es nicht – er hatte nie besonders viel Wert auf ihre Kleidung gelegt, was sie unglaublich charmant gefunden hatte. Wenn sie sich nun überlegte, mit wem er sie betrogen hatte, fragte sie sich allerdings, ob er ihr damit nur etwas vorgemacht hatte.
Oliver öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte. Offensichtlich hatte er es sich anders überlegt und verkniff sich, was auch immer er gerade hatte sagen wollen, welche Unterstützung er ihr auch immer von oben herab hatte anbieten wollen.
»In Ordnung«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. Er fuhr sich mit der Hand durch das dunkelbraune Haar, das flach am Kopf anlag, fast so, als wäre es festgeklebt, obwohl der Seitenscheitel, den er jeden Tag ordentlich zog, leicht zerzaust war. »Aber du weißt, dass du immer noch mit mir reden kannst, oder, Babe? Ich kann immer noch …«
Josie hob abwehrend eine Hand. »Nenn mich nicht Babe.« Sie seufzte. »Bitte, lass es einfach.«
Sie wollte das nicht hören. Das Angebot, sich an seiner Schulter auszuweinen und zu hören, dass er sie noch mochte. Denn wenn ihm so viel an ihr liegen würde, hätte er sicher nicht mit einer anderen geschlafen. Und schon gar nicht mit einer Frau, mit der sie beide zusammenarbeiteten, der sie im Büro begegnete, die in völlig unpraktischen Stöckelschuhen herumstolzierte und tat, als gehöre ihr der Laden.
»Klar.« Er rieb sich mit einer Hand über den Nacken, wandte den Blick von ihr ab und schaute sich in dem tristen Hausflur um.
Am anderen Ende flackerte eine Lampe und warf ihr Licht auf den hässlichen fleckigen Teppich. Oliver holte tief Luft und sah sie mit diesen braunen Bambi-Augen an, in die sie sich vor zweieinhalb Jahren verliebt hatte, als er zum ersten Mal im Büro aufgetaucht war, gerade selbstbewusst genug, dass es attraktiv und nicht nervig herüberkam.
»Jose, ich weiß, ich habe dir wehgetan, und ich weiß, du glaubst, dass du mir nie verzeihen kannst. Aber ich finde die Vorstellung schrecklich, dass du hier allein herumsitzt und versuchst, damit fertigzuwerden. Ich glaube, wenn wir reden könnten, würden wir …«
Josie schüttelte den Kopf. »Oliver, ich kann das jetzt nicht.«
Er ließ die Hand sinken und sah in diesem Moment so erbärmlich aus, wie er mit hochgezogenen Schultern in seiner schwarzen North-Face-Jacke dastand, dass sie fast nachgegeben und ihm eine Hand auf den Arm gelegt hätte. Fast. Bis sie sich daran erinnerte, dass in dieser Situation nicht er der Geschädigte war. Er hatte kein Recht, sich immer wieder in ihr Leben einzumischen und ihr das Gefühl zu geben, sie würde überreagieren.
»Und ich bin nicht allein«, sagte sie in knappem Ton. »Bia ist bei mir.«
»Richtig.«
Er nickte ein paarmal und sah dabei aus wie der Wackeldackel, den sie dieses Jahr als Wichtelgeschenk im Büro bekommen hatte. Seitdem hatte sie ihn auf ihrem Schreibtisch stehen, auch wenn es nervte, dass jeder, der vorbeikam, ihn anstupste. Sie konnte dann nicht anders, als aus den Augenwinkeln zu verfolgen, wie sein Nicken langsamer wurde, statt sich auf die Arbeit zu konzentrieren.
»In Ordnung.« Oliver räusperte sich. »Gut, dann sehen wir uns wohl am Dienstag auf der Party?« Er lächelte vorsichtig, sodass die schiefen Zähne zum Vorschein kamen, die er so sehr hasste.
»Sieht so aus«, sagte sie und zwang sich, nicht zu seufzen. Die Party, zu der sie alle gehen mussten, obwohl sie an Heiligabend stattfand.
Er stand noch einen Moment länger in der Tür. Wartete er darauf, dass sie nachgab und ihn umarmte oder hereinbat? Schließlich war im Laufe der Beziehung immer sie diejenige gewesen, die Kompromisse eingegangen war. Die lange aufgeblieben war, weil er ausgehen wollte, oder die einer anstrengenden Städtereise zugestimmt hatte, obwohl sie viel lieber in ein Spa gefahren wäre. Sie beide kannten ihre Rollen. Aber jetzt hatte sich etwas verändert. Oliver blickte auf, bemerkte den Mistelzweig, der traurig von der Decke baumelte, und wurde ein wenig rot. Josie schnitt eine Grimasse. Sie würde Bia umbringen.
»Also«, murmelte er, »bis dann.« Er schlurfte aus der Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. »Weißt du, es tut mir echt leid.« Seine Augen, die fast genau den gleichen Braunton wie ihre hatten, blinzelten nicht ein einziges Mal. »Ich weiß, das Timing ist beschissen, und ich …« Er schüttelte den Kopf. »Es tut mir einfach leid.«
Sie zögerte eine halbe Sekunde lang mit fest aufeinandergepressten Lippen und fragte sich, ob sie etwas sagen sollte, damit er begriff, dass eine Entschuldigung nicht genügte. Sollte sie ihn fragen, warum er es getan hatte? Und warum gerade jetzt, zu einer Zeit des Jahres, von der er wusste, dass sie schwer für sie war? Ob er mit Cara zusammenziehen würde, jetzt, wo Josie ihnen nicht mehr im Weg stand? Doch sie konnte sich nicht dazu durchringen; sie wusste nicht, ob sie die Antwort wirklich hören wollte. Stattdessen nickte sie, dann ließ sie die Tür ins Schloss fallen.
Einen Moment lehnte sie mit geschlossenen Augen dagegen. Die aufkommenden Tränen drängte sie jedoch zurück, atmete langsam ein und aus und rieb sich die Augen, um das Brennen zu vertreiben. Er ist es nicht wert, sagte sie sich. Und sie hatte schon Schlimmeres erlebt.
Sie stieß sich von der Tür ab und schleppte seufzend den Karton mit den Sachen in ihr Zimmer am anderen Ende des Flurs. Bia hatte darauf bestanden, dass sie das größere Zimmer nahm, obwohl sie sich die Miete zur Hälfte teilten. Beim Anblick des violetten Lamettas, das Bia um ihren Türrahmen drapiert hatte, verzog Josie das Gesicht. Fast hätte sie es abgerissen, beherrschte sich jedoch, weil sie Bia nicht verärgern wollte.
Gerade als sie den Karton auf ihr Bett geworfen hatte, hörte sie einen Schlüssel in der Wohnungstür. Da kam sie ja, die kleine Teufelin.
»Jose? Josie!«
Gegenstände polterten zu Boden. Bia fluchte, und Josie musste unwillkürlich lachen, als sie ihren Kopf aus dem Zimmer streckte und sah, dass sich der gesamte Inhalt von Bias bunter Handtasche im Flur verteilt hatte. Einer von Bias Armen steckte im Mantel fest, den sie gerade ausziehen wollte.
Bia fing ihren Blick auf und hielt mit der freien Hand eine Weinflasche hoch. »Das Wichtigste habe ich gerettet, und darauf kommt es an.« Sie stellte den Wein vorsichtig auf der Stufe ab, die zur Küche führte, wand sich dann aus ihrem Mantel und schleuderte ihn in ihr Zimmer. »Komm schon, du siehst aus, als könntest du ein Glas vertragen.«
Josie folgte Bia gehorsam in die offene Küche – was eigentlich nur das Wohnzimmer mit einer Küchenzeile war – und ließ sich auf das Secondhandsofa fallen, während Bia im Schrank nach Gläsern kramte. Das Wohnzimmer war festlich geschmückt – Lichterketten umrahmten den falschen Kamin und die Fenster, auf dem Couchtisch in der Mitte des Zimmers stand eine Schale mit Nüssen und in der Ecke ein kleiner Weihnachtsbaum. Er war derart wild mit blauen, silbernen, roten und goldenen Kugeln und Lametta bestückt, dass einem schwindelig wurde, wenn man ihn zu lange anstarrte. Alles Bias Werk, bis auf den kleinen hölzernen Schwan, den Bia Josie im ersten Jahr ihres WG-Lebens geschenkt hatte. Seitdem zwang Bia sie jedes Jahr aufs Neue, ihn an den Baum zu hängen.
Was für ein Glück für Josie, dass Bia zu den vier Mitbewohnerinnen gezählt hatte, mit denen sie sich nach ihrem Umzug nach London eine Wohnung geteilt hatte. Damals hatte Bias Charme sie mehr überzeugt als die damalige Wohnung, und jetzt, acht Jahre später, lebten sie immer noch zusammen, auch wenn sie mittlerweile umgezogen waren.
»Also«, sagte Bia und stellte Josie ein Glas Rotwein hin, bevor sie sich an den Tresen lehnte, der Wohnzimmer und Küche voneinander trennte, »ich bin dem kleinen Dreckskerl auf der Treppe begegnet.«
Mit ihren ein Meter fünfzig war Bia kaum in der Position, jemanden als klein zu bezeichnen, aber sie war immer davon überzeugt gewesen, dass Oliver einen Komplex hatte, weil er ein paar Zentimeter kleiner war als Josie. Vielleicht hatte sie recht, dachte Josie, denn Cara war durchaus zierlich und nicht so groß und schlaksig wie sie.
Josie sah Bia finster an. Ihre Mitbewohnerin wusste alles über die Trennung – auch, dass er ihr gleich morgens im Bett seine Untreue gestanden hatte.
»Willst du darüber reden?«, fragte Bia.
Josie zuckte mit den Schultern. »Es gibt nichts zu bereden. Er hat mir nur meine Sachen zurückgebracht.«
Bia schnaubte. »Wie nett von ihm.«
Sie trank einen Schluck Wein und schloss übertrieben genüsslich die Augen. »Gott sei Dank«, seufzte sie. »Ich schwöre bei Gott, Jose, wenn mir jemand noch ein einziges Glas Glühwein anbietet, kippe ich ihm heißes Wasser ins Gesicht.«
Josie hob die Augenbrauen. »Was ist mit der fröhlichen Weihnachts-Bia passiert?«
»Oh, die gibt es noch, aber sie will Champagner, keinen gekochten Alkohol.« Bia trank dankbar einen weiteren Schluck Wein, und Josie nippte an ihrem.
»Der ist gut.«
»Malbec«, Bia grinste. »Um mich auf meinen Flug morgen einzustimmen.«
Josie runzelte die Stirn. »Was?«
»Sag nicht, du hast es vergessen.«
Josie zögerte, sie fühlte sich ertappt.
»Argentinien!«, rief Bia und stieß dabei ihr Glas in die Luft, wobei der Wein fast über den Rand schwappte. »Erinnerst du dich nicht? Du warst diejenige, die mich dazu überredet hat. Ich fliege, genieße das Leben, verbringe Weihnachten am Strand und feiere dann in Buenos Aires Silvester. Das habe ich dir doch erzählt«, beharrte sie.
»Ja, aber ich dachte …«
Josie brachte den Satz nicht zu Ende. Sie hatte Bia dazu gedrängt zu verreisen, ja, aber damals war sie davon ausgegangen, dass sie wie geplant Weihnachten mit Oliver verbringen würde. Außerdem hatte sie nicht geglaubt, dass Bia die Reise tatsächlich buchen würde. Bia verkündete ständig große Pläne und setzte sie dann nicht um – im Sommer hatte sie ein einmonatiges Yoga-Retreat in Spanien abgebrochen, weil sie plötzlich feststellte, dass Yoga eigentlich doch nicht ihr Ding war. Ein anderes Mal hatte sie sich für einen Schauspielkurs in London angemeldet, um dann festzustellen, dass sie sich die Kursgebühren nicht leisten konnte. Oder sie dachte, es wäre eine hervorragende Idee, sich mit dem Verkauf von Schönheitsprodukten etwas dazuzuverdienen, bis ihr klar wurde, wie viel Aufwand das bedeutete.
»… und wenn ich zurückkomme, werde ich auf wundersame Weise herausgefunden haben, was ich mit meinem Leben anstellen will, und diese schreckliche Assistentenstelle kündigen.«
Josie nickte und gab sich Mühe, so zu tun, als hätte sie die ganze Zeit aufmerksam zugehört.
»So läuft das doch, oder? Lebensverändernde Auszeit, Erleuchtung?«
»Wie bitte? Ja, klar, genau so.«
Bia verzog die Lippen, offensichtlich unbeeindruckt von Josies mangelndem Enthusiasmus. »Es sei denn, du denkst, ich sollte den Rest meines Lebens Assistentin bleiben?«
»Nein, sei nicht albern«, sagte Josie.
Um ehrlich zu sein, war es relativ schwierig, immer auf dem neuesten Stand zu bleiben, was Bias berufliche Tätigkeiten anging – seit Josie sie kannte, hatte sie nie länger als acht Monate denselben Job gehabt. Wobei Bia sich selbst nie als sprunghaft bezeichnet hätte. Sie versuchte eben noch herauszufinden, was sie eigentlich vom Leben wollte. Josie würde ganz sicher einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie so leben würde, aber für Bia funktionierte es.
»Jose, ist alles okay?« Bia sah skeptisch zu ihr hinunter.
»Ja«, sagte Josie und nahm zur Ablenkung einen großen Schluck Wein. »Es ist nur wegen Oliver.«
Bia nickte verständnisvoll. In Wahrheit war Josie bis eben nicht klar gewesen, dass sie Weihnachten allein verbringen würde. Sie hatte nicht groß darüber nachgedacht und wie immer versucht, den Gedanken an den Tag zu verdrängen. Sie war einfach davon ausgegangen, dass Bia zumindest den größten Teil der Zeit da sein würde, da Bias Eltern auch in London lebten. Jetzt stand sie vor der ziemlich düsteren Aussicht, mehr als eine Woche allein in dieser Wohnung zu verbringen. Automatisch fiel ihr Blick auf den Couchtisch und auf die drei Briefumschläge, mit denen sie sich beschäftigt hatte, bevor sie von Oliver unterbrochen worden war. Der erste, ein offizielles Schreiben ihrer Firma, war noch ungeöffnet. Der zweite enthielt eine Weihnachtskarte ihrer Großmutter, die sie noch einmal daran erinnerte, dass sie über Weihnachten bei ihnen willkommen war. Und in dem dritten steckte der Brief, den sie unweigerlich jedes Jahr an ihre Eltern schrieb.
Bia folgte Josies Blick, fragte aber nicht nach, und dafür war Josie dankbar. Sie schaffte es noch nicht, Bia zu erzählen, was im Büro passiert war. Und warum sie sich nicht dazu durchringen konnte, Weihnachten mit ihren Großeltern zu verbringen, wusste Bia bereits. Aber sie wusste nichts von dem letzten Brief. Josie hatte noch nie jemandem davon erzählt – das war etwas Persönliches, etwas, das sie nur für sich selbst tat.
»Du könntest doch mitkommen«, sagte Bia leise. »Das Angebot steht noch, ich hätte dich gern dabei.«
Josie sah auf, und das Verständnis, das sie auf Bias Gesicht las, war ihr zutiefst unangenehm. Sie hatte Kopfschmerzen von der Anstrengung, einen erneuten Tränenausbruch zu unterdrücken. Heute war ein harter Tag gewesen, das war alles.
Josie zögerte, dann seufzte sie. »Ich kann nicht. Tut mir leid.«
Nachdem sich ihr Leben innerhalb weniger Wochen bereits so dramatisch verändert hatte, überforderte sie nun schon allein der Gedanke daran, ein Ticket für den morgigen Flug zu buchen. Sie hatte am eigenen Leib erfahren müssen, was für verheerende Folgen impulsive Entscheidungen haben konnten. Für Bia schien es so zu funktionieren, aber Josie hatte sich damit schon immer schwergetan. Allein bei dem Gedanken krampfte sich ihr Magen vor Angst zusammen.
»Nun, was ist mit Laura?«, fragte Bia. Laura war Josies Lieblingskollegin. »Also zu Weihnachten?«
»Sie fährt mit ihrem gut aussehenden schottischen Verlobten nach Schottland.«
Bia schüttelte den Kopf. »Typisch. Okay, hör zu, ich habe noch eine Flasche hiervon in meiner Handtasche versteckt …« Sie hielt ihr Weinglas hoch.
»Das war klar.«
»Also leeren wir diese und die nächste Flasche, bestellen uns was zu essen und schauen uns Tatsächlich … Liebe an, oder, weil du wählen darfst, Stolz und Vorurteil oder so.«
Josie rümpfte die Nase. »Ich bin nicht in der Stimmung, was Romantisches zu schauen.«
»Herr der Ringe?«
Josie lachte. Ihr Blick glitt von Bia, deren herzförmiges Gesicht derzeit von leuchtend roten Locken umrahmt war – sie hatte sich die Haare passend zur Weihnachtszeit gefärbt, was sich allerdings jederzeit wieder ändern konnte –, zu dem überladenen Weihnachtsbaum. Bei dem Gedanken, dass Bia schon morgen nicht mehr hier sein würde, zog sich ihre Brust schmerzhaft zusammen, und das Brennen hinter ihren Augen kehrte zurück. Gott, sie musste sich in den Griff bekommen. Wieder blickte sie auf die Umschläge auf dem Tisch und dachte daran, was sie bedeuteten.
»Merk dir, wo wir stehen geblieben waren. Ich muss nur noch schnell diesen Brief einwerfen, bin gleich zurück.«
»Jetzt?«, rief Bia ungläubig.
»Ich bin gleich wieder da«, wiederholte Josie, stemmte sich vom Sofa hoch, stellte das halb leere Weinglas auf dem Küchentresen neben Bia ab und schnappte sich die drei Briefe. Zwei davon ließ sie neben dem Karton mit ihren Sachen aufs Bett fallen, während sie ihr Telefon, ihr Fahrradschloss und die Bankkarte aus ihrem Zimmer holte.
Als sie durch den Flur zurück zur Eingangstür ging, stand Bia auf der Stufe zum Wohnzimmer und beobachtete sie über den Rand ihres Weinglases hinweg.
»Wenn du jetzt abhaust, weil du Rauch riechst und ich nicht, dann werde ich dich, nachdem ich bei lebendigem Leib verbrannt bin, als Geist heimsuchen.«
Josie rollte mit den Augen, während sie ihren Mantel überstreifte, in die Sneakers schlüpfte und den letzten Brief in die Tasche steckte.
»In Ordnung, aber beeil dich«, sagte Bia. »Wenn du nicht bald zurück bist, trinke ich den Wein alleine. Angefangen mit dem Rest aus deinem Glas. Und ich würde mich nicht mal schämen.«
Josie hob im Gehen eine Hand und winkte, ohne sich umzudrehen, während sie die Wohnung verließ.
Sobald sie auf der anderen Seite der Tür stand, schloss sie fest die Augen. In den letzten zwanzig Jahren hatte sie sich kein einziges Mal auf Weihnachten gefreut. Sie hatte schon lange vergessen, wie es als Kind gewesen war, verzweifelt und aufgeregt auf den Weihnachtsmann zu warten und auf die knarzenden Schritte der Eltern zu lauschen. Sie freute sich jedes Jahr über die freien Tage und genoss die zusätzliche Zeit mit Freunden. Doch vor Weihnachten an sich graute ihr, vor den Erinnerungen, die es wachrief. Die letzten Jahre in London war es ihr irgendwie immer gelungen, sich abzulenken. Ganz besonders dank guter Freunde wie Bia und Laura, aber auch der Job hatte dazu beigetragen – und in den letzten zwei Jahren eben auch Oliver. Doch jetzt waren ihr mindestens zwei dieser Dinge genommen worden. Josie ließ eine Hand in ihre Manteltasche gleiten und strich mit zwei Fingern über den glatten Umschlag. Wie es aussah, würde Weihnachten dieses Jahr ziemlich trist werden.
Die kalte, feuchte Luft peitschte Josie ins Gesicht, als sie mit dem Fahrrad den Streatham Common hinuntersauste, die behandschuhten Finger locker auf den Bremsen. Auf der anderen Seite quälten sich Läufer die Straße hinauf. Ihr Atem waberte als Nebel vor ihr, löste sich jedoch rasch in dem Meer aus Licht und Menschen um sie herum auf. Es war so anders als in dem kleinen Dorf, in dem sie aufgewachsen war, wo sie gelernt hatte, jedes Mal eine Taschenlampe mitzunehmen, wenn sie nachts nach draußen ging. Ihre Wangen waren bereits eiskalt, und es fühlte sich an, als würden kleine Wassertropfen an ihrer Haut haften, obwohl es nicht regnete. Im Büro und in den Nachrichten war in der letzten Zeit viel von Schnee die Rede gewesen. Wie jedes Jahr schien das ganze Land auf weiße Weihnachten zu hoffen. Josie wäre Regen viel lieber gewesen, aber sie wusste, dass sie mit dieser Meinung ziemlich alleine dastand und es besser war, sie für sich zu behalten. Doch für sie weckte der Schnee nur schmerzhafte Erinnerungen an den Weihnachtstag vor zwanzig Jahren, als sie durchs Fenster beobachtet hatte, wie weiche Schneeflocken auf die leere Auffahrt vor dem Haus ihrer Großeltern fielen. Neben ihr ein voller, noch ungeöffneter Strumpf, und im Nebenzimmer das unterdrückte Schluchzen ihrer Großmutter, die für Josie eine heiße Schokolade zubereitete.
Josie verzog das Gesicht gegen das Kribbeln in der Nase und atmete gierig ein, wobei sie statt frischer Luft vielmehr Autoabgase inhalierte und husten musste. Am Fuß des Hügels bog sie rechts ab und trat schneller in die Pedale. Sie fuhr am Bahnhof vorbei und am ersten Briefkasten, den sie sah. Sie war noch nicht bereit, den Brief einzuwerfen und umzukehren, sie wollte unbedingt den schrecklichen Tag vergessen, den sie hinter sich hatte.
An der nächsten Ampel musste sie halten und keuchte stärker, als sie sollte, wenn man bedachte, dass sie erst kurz auf dem Rad saß. Sie wartete, während das Männchen von Rot auf Grün umsprang und ein Pulk von Menschen mit eingezogenen Köpfen im Takt des Pieptons die Straße überquerte, begierig darauf, nach Hause ins Warme zu kommen. Doch drei Personen hetzten nicht wie die anderen, sondern ließen sich Zeit und lächelten, ohne das Pendlerchaos um sie herum wahrzunehmen. Eine Familie – Mutter, Vater und ein kleiner Junge von etwa fünf oder sechs Jahren, schätzte Josie. Der Junge lachte. Er hatte einen Rentier-Haarreif auf dem rotblonden Haar, dessen Schaufeln wippten, wenn er den Kopf bewegte. Seine Eltern hielten ihn an den Händen, und er schwang vor und zurück und benutzte ihre Arme als Hebel.
Es erinnerte Josie so sehr an ihre Eltern und an Abende wie diesen, nur ruhiger war es gewesen – ohne das Verkehrsrauschen, das wütende Hupen der Autos und das Schimpfen der Leute, wenn ihnen jemand im Weg war. Es mochte einfacher und sicherer gewesen sein, die Straßen ihres Dorfes hinunterzugehen, aber auch sie hatte sich an den Händen ihrer Eltern festgehalten und verlangt, dass sie sie auf drei hochfliegen ließen, bis sie zu groß dafür wurde. So waren sie, seit sie denken konnte, jedes Jahr in der Woche vor Weihnachten zum Briefkasten gegangen. Hand in Hand, sie in der Mitte, den Brief an den Weihnachtsmann in die Jackentasche gesteckt, bereit, ihn an den Nordpol zu schicken.
Das Jahr, in dem sie neun Jahre alt gewesen war, stach aus ihren Erinnerungen heraus. In jenem Jahr hatte es geschneit, und sie war herumgelaufen, hatte frische Fußspuren hinterlassen, wie man es nur auf dem Land kann, und verlangt, dass sie im Laden eine Karotte für die Nase des Schneemanns besorgten. Keine der Karotten, die sie zu Hause hatten, passte – sie musste perfekt sein, darauf hatte sie bestanden. Also hatten sie ihren Brief auf dem Weg zum Laden aufgegeben, und sie hatte erst aufgehört, an den Armen ihrer Eltern zu schaukeln, als ihre Mutter auf dem vereisten Rand des Bürgersteigs fast das Gleichgewicht verlor. Aus irgendeinem Grund hatte sich dieser Moment in Josies Gedächtnis eingeprägt: wie der flauschige braune Stiefel ihrer Mutter abrutschte, wie sie nach Josies Hand griff, um sich aufzufangen, und sie dabei fast umgerissen hätte. Wie ihre Mutter über sich selbst lachte, weil sie so dumm gewesen war, und wie sie und Josies Vater sich über Josies Kopf hinweg angrinsten. Das Ganze kam ihr im Nachhinein wie ein Zeichen vor. Dafür, was eine Woche später passieren sollte.
Was hatte an diesem Tag in ihrem Brief an den Weihnachtsmann gestanden? Sie erinnerte sich daran, wie der Schnee unter ihren Füßen geknirscht hatte und dass sich ihre Finger auf dem Weg zum Briefkasten trotz ihrer roten Handschuhe taub angefühlt hatten. Sie konnte noch die silbergraue Pudelmütze ihrer Mutter vor sich sehen, die sie über die langen hellbraunen Haare gezogen hatte. Und sie hörte noch die Stimme ihres Vaters, der alberne Dinge aufzählte, die sie auf die Liste hätte setzen können – eine linke Socke, eine Zwiebel, eine neue Spülmaschine. Aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie sich in diesem Jahr wirklich zu Weihnachten gewünscht hatte, nach was ihr neunjähriges Herz sich verzehrt hatte.
Tief in ihrem Herzen hatte sie damals noch gehofft, dass es so etwas wie den Weihnachtsmann wirklich gab. Erst im Jahr darauf, als er ihr den einzigen Wunsch, den sie hatte, nicht erfüllen konnte, gab sie es endgültig auf.
Dennoch behielt sie die Tradition bei. Jedes Jahr schrieb sie weiterhin zu Weihnachten einen Brief und brachte ihn zum Briefkasten. Sie hatte nie damit aufhören können, nur dass der Brief heute ganz anders aussah.
Liebe Mama, lieber Papa, ich vermisse euch. Frohe Weihnachten und alles Liebe, Josie
Das laute Hupen eines Autos riss Josie aus ihren Erinnerungen. Offensichtlich stand sie im Weg – die Ampel war umgesprungen, und sie hielt den Verkehr hinter sich auf, weil sie in der Mitte der Straße wartete, statt links, wie es sich gehörte. Sie zog eine Grimasse, tastete mit ihren Sneakers nach den Pedalen, stieß sich ab und fuhr schnell an den Straßenrand, wobei sie sich absichtlich nicht nach dem Auto hinter sich umsah, aus Angst, dem wütenden Blick des Fahrers zu begegnen. Sie strich eine Träne fort, die sich unbemerkt in ihr Auge gestohlen hatte, holte tief Luft, damit nicht noch weitere folgten, und trat wieder in die Pedale. Sie fuhr an einem weiteren Briefkasten vorbei, aber sie war noch nicht bereit, in die Wohnung zurückzukehren, war noch nicht bereit zu lächeln und zu trinken und darüber zu reden, was für eine wunderbare Zeit Bia haben würde. Sie musste erst einmal einen klaren Kopf bekommen. Denk an etwas anderes, sagte sie sich entschieden. Automatisch wanderten ihre Gedanken zu ihrem Job, was im Moment nicht sonderlich hilfreich war. Denn das beschwor nur das Bild ihrer Chefin herauf, die ihr glattes schwarzes Haar zurückstrich und sie zu einem »Gespräch« in eine der kleinen Glaskabinen gezogen hatte, die von allen Seiten einsehbar waren.
Josie, ich fürchte, wir müssen da über etwas sprechen.
Josie biss die Zähne zusammen, trat fester in die Pedale und überholte den Radfahrer vor ihr. Sie befand sich jetzt auf der Streatham High Road mit der Weihnachtsbeleuchtung, die zwar nicht annähernd so beeindruckend war wie die in der Oxford Street, aber immer noch die Lichterketten in den Schatten stellte, auf die ihr Dorf so stolz gewesen war. Ob sie heute noch dort hingen? Früher hatte es immer ein großes Spektakel gegeben, wenn die Beleuchtung angeschaltet wurde. Die Leute verteilten selbst gemachten Glühwein und Mince Pies und nutzten die Gelegenheit, um den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Josie war jedes Jahr mit ihren Eltern dort gewesen und hatte sich sofort mit ihrer besten Freundin aus der Schule auf die Jagd nach Schokolade gemacht, die immer irgendwo unbeaufsichtigt herumstand. Ihre Großeltern waren in jenem ersten Jahr, nachdem es passiert war, noch einmal mit ihr dorthin gegangen, aber sie hatte die ganze Zeit nicht aufgehört zu weinen. Danach hatten sie es nicht mehr erwähnt. Josie fragte sich, ob die beiden wieder damit angefangen hatten, nachdem sie zur Universität gegangen und in den Weihnachtsferien nicht mehr nach Hause gekommen war, oder ob es für sie auch zu schmerzhaft war. Sie hatte sich nie dazu durchringen können, sie zu fragen.
Sie schimpfte vor sich hin, als sie einem Fußgänger ausweichen musste, der ohne hinzusehen auf die Straße trat. An die Vergangenheit wollte sie nicht denken und an die Arbeit auch nicht, das war eindeutig keine Ablenkung. Also gut, wenn nicht an die Arbeit, dann an etwas anderes. Aber natürlich war »etwas anderes« unweigerlich Oliver. Oliver, der ihr sagte, er hätte etwas mit ihr zu besprechen, während sie neben ihm im Bett lag. Oliver, der sich am Abend zuvor über ihre Bemerkungen lustig machte, dass Cara ihn während des Weihnachtsessens ständig angestarrt hätte, und ihr sagte, dass er nur noch für einen Drink bleiben würde. Und Cara selbst, die dieses umwerfende rote Kleid trug, ihre weichen Locken zurückwarf und Oliver nicht einen Moment aus ihren strahlend blauen und mit goldenem Eyeliner umrandeten Augen ließ.
Ein rotes Kleid hatte ihre Mutter auch zu der Party an Heiligabend getragen. Zu der Party, zu der ihre Eltern eigentlich nicht hatten gehen wollen, zu der Josies Großmutter sie aber im letzten Moment doch noch überredet hatte. Passend zu dem Kleid waren die Lippen ihrer Mutter mit rotem Lippenstift geschminkt gewesen, den sie Josie hatte auftragen lassen.
Sei brav, ja, Josie? Sie hörte die Stimme ihres Vaters nur undeutlich, denn sie konnte sich nicht genau an ihren Klang erinnern. Er packte sie, hob sie hoch und schwang sie herum, sie quiekte vor Freude, und ihre Mutter verzog das Gesicht, weil sie dafür eigentlich schon zu alt war. Der Weihnachtsmann kann es sich immer noch anders überlegen, weißt du.
Diesmal erwischte Josie die Grünphase und kam gerade noch rechtzeitig über die Kreuzung, bevor die Ampel auf Gelb umsprang. Ihr Atem ging immer schneller, aber sie fuhr weiter.
Ihre Großmutter hatte die Hand ihrer Mutter getätschelt. Viel Spaß, Liebes, wir kommen hier schon zurecht, nicht wahr, Josie? Und Josie hatte genickt. Ihr Haar hatte sie an diesem Abendzu Zöpfen geflochten, damit es am Weihnachtstag gelockt war. Denn so gefiel es ihr am besten, und am Weihnachtstag wollte sie schließlich ganz besonders hübsch aussehen. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn ihre Eltern geblieben wären und mit ihr den Film angeschaut hätten, den sie so gerne sehen wollte. Doch sie hatten versprochen, dass sie am Morgen da sein würden und dass sie, sobald sie aufwachte, in ihr Schlafzimmer kommen durfte, um inihren Strumpf zu schauen.
Josies Sicht war jetzt verschwommen, die Scheinwerfer der Autos wirkten wie lodernde Flammen, die über die Straße tanzten und alles in orangefarbenes Licht tauchten.
Die Polizei hatte auf der Türschwelle mit ihrem Großvater gesprochen, der noch seinen karierten Morgenmantel trug. Josie war die Treppe hinuntergeschlichen und hatte sich gefragt, wieso alle anderen vor ihr aufgestanden waren und ob es noch genug von den Pancakes gab, die ihre Mutter jedes Jahr zum Weihnachtsfrühstück machte. Das Gesicht ihrer Großmutter war blass gewesen, die Augen gerötet, als sie sich zu ihr umgedreht hatte.
Lass uns kurz nach oben gehen, ja, Josie, Liebes?
Die Tränen flossen jetzt ungehindert, es war unmöglich, sie aufzuhalten. Sie hinterließen heiße Spuren auf ihren kalten Wangen, und sie schmeckte das Salz, als sie sich in ihren Mundwinkeln sammelten.
Als sie versuchte, einen klaren Blick zu bekommen, blitzten erneut Scheinwerfer auf. Eine Hupe hallte in ihrem Kopf wider. Die Gesichter ihrer Eltern, angestrahlt vom Scheinwerferlicht. Sie war nicht dabei gewesen, aber das hielt sie nicht davon ab, es sich immer wieder vorzustellen.
Wieder ertönte die Hupe, diesmal lauter. Sie keuchte, schwenkte zurück auf den Radweg und blickte nach unten, um zu schalten, als ihre Handschuhe auf dem Metall abrutschten.
Sie sah hoch und bemerkte ein schwarzes Taxi, das mit eingeschaltetem Warnblinklicht direkt vor ihr auf dem Radweg hielt. Sie tastete nach ihrer Bremse, aber die Tür des Taxis öffnete sich bereits auf der Gehsteigseite. Fluchend wich sie aus und sah nur flüchtig das Gesicht eines Mannes, der aus dem Taxi stieg, die Tür hinter sich zuschlug und dann den Kopf wendete und sie geradewegs auf sich zukommen sah.
Ihre Bremsen quietschten durchdringend, und sie versuchte, das Rad nach links zu ziehen, an ihm vorbei. Doch es war zu spät. Ihr Herz schlug alarmierend in der Brust, und für eine lähmende Sekunde begegnete sie dem verwirrten Blick des Mannes.
Dann wurde er nach hinten gestoßen, ihr Fahrrad schlitterte über den Boden. Sie streckte die Hände aus und spürte, wie ein heftiger Schmerz durch ihre Handgelenke schoss, als sie mit einem dumpfen Aufprall auf dem Asphalt landete.
Josie blieb ausgestreckt auf dem Boden liegen, ihr Herz pochte, in ihren Ohren klingelte es. Ihre Knie schmerzten, und sie spürte, wie die Feuchtigkeit der Straße durch ihre Strumpfhose drang. Als sie sich ungelenk auf die Knie hochschob, merkte sie, dass ihre Hände zitterten.
Um sie herum hatten sich einige Personen versammelt. Jemand schrie, bemerkte sie jetzt, als der Ton endlich durch das Summen in ihren Ohren drang. Sie konzentrierte sich auf eine Gestalt, die von der anderen Seite des Taxis heranmarschierte. Eine kleine, etwas mollige Frau. Warum brüllte sie so? Dann begriff sie – es handelte sich um die Taxifahrerin.
»Haben Sie mich hier nicht gesehen?«, schrie sie. Für ihre Größe hatte sie eine unverhältnismäßig tiefe Stimme. »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht, mit dieser Geschwindigkeit auf uns zuzurasen? Haben Sie keine Augen im Kopf? Denken Sie nicht, es wäre vernünftig gewesen, langsamer zu fahren?«
Josie rappelte sich hoch und verzog ein wenig das Gesicht. Sie war nicht ernsthaft verletzt, aber sie hatte sich den Arm bei dem Versuch, den Sturz abzufangen, schmerzhaft verdreht, und von dem Aufprall würde sie sicher einen blauen Fleck an der Hüfte bekommen. Außerdem war ihre Strumpfhose kaputt. Na toll. Tja, das hatte man vermutlich davon, wenn man in völlig ungeeigneten Klamotten aufs Rad stieg.
Einer der Passanten, die stehen geblieben waren, um zu sehen, was passiert war, fragte sie, ob es ihr gut ging, und Josie nickte stumm. Währenddessen beschimpfte die Taxifahrerin sie weiter und ließ den Blick an Josie vorbei auf einen Punkt hinter ihr gleiten. Josie erschrak und erinnerte sich viel zu spät an den Mann, den sie angefahren hatte. Sie drehte sich um, und ihr Herz begann erneut zu rasen.
Als sie ihn sah, entspannte sie sich etwas. Ein anderer Mann mit Halbglatze half ihm bereits hoch. Mit wackeligen Beinen ging sie zu ihm, ihre Nerven kribbelten, und ihr Mund war trocken.
»Bist du okay?«, platzte sie heraus, aber er schien sie durch das interessierte Geplapper der kleinen Gruppe um sie herum nicht zu hören. Der Mann mit dem schütteren Haar hielt ihm jetzt eine Brieftasche und ein paar Papiere hin, die er wohl fallen gelassen hatte. Sie stolperte einen weiteren Schritt vorwärts und erntete einen bösen Blick der Taxifahrerin. Gott, was, wenn er sich verletzt hatte? Er war zwar aufgestanden, schien aber noch etwas unsicher auf den Beinen zu sein. Hoffentlich hatte er sich nichts gebrochen.
»Es tut …«, versuchte sie es erneut, hielt aber inne und sog scharf die Luft ein, als er sie endlich ansah. Sie konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen, registrierte nur ein markantes Kinn und zerzaustes Haar. Sie machte einen weiteren schwankenden Schritt auf ihn zu und schlang ihre Arme um sich. »Es tut mir so leid«, flüsterte sie.
Er sagte nichts, wies sie nur mit einem Blick ab und wandte sich stattdessen an den Mann mit dem schütteren Haar, der ihm half, seine letzten Habseligkeiten aufzusammeln.
Josie merkte auf einmal, wie feucht ihre Handflächen waren. »Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll, ich kann mich gar nicht genug entschuldigen«, stammelte sie.
Sie wünschte, er würde ihr wenigstens in die Augen sehen, anstatt jetzt auf den Asphalt zu starren, als wäre sie es nicht wert, beachtet zu werden.
»Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich habe nicht aufgepasst, es ist ganz allein meine Schuld, und ich …«
Er hob eine Hand. Die Menge um sie herum begann bereits, das Interesse zu verlieren, nachdem klar war, dass nichts Schlimmeres passiert war. Er musterte sie von oben bis unten, als müsste er abwägen, wie aufrichtig ihre Worte waren. Er betrachtete ihre zerrissene Strumpfhose, das Kleid aus dem Büro – oder das, was unter dem blauen Wintermantel davon zu erkennen war – und die lila-weißen Turnschuhe, die definitiv nicht zum Rest ihrer Kleidung passten. Ihr Körper fühlte sich steif an, und als sein Blick zu ihrem Gesicht hinaufwanderte, spürte sie, wie ihre Wangen warm wurden. Sie sah zweifellos ziemlich schräg aus – wahrscheinlich dachte er, er sei von einer völlig Verrückten umgefahren worden.
»Schon in Ordnung«, sagte er schroff und so leise, dass es in dem Verkehrslärm kaum zu hören war.
Er wandte sich wieder von ihr ab, um sich bei dem Mann mit dem schütteren Haar zu bedanken. Dieser nickte, warf Josie einen neugierigen Blick zu und ging dann die Straße hinauf.
»Es ist absolut nicht in Ordnung«, murmelte die Taxifahrerin, hatte den beiden aber bereits den Rücken zugewandt. Offenbar wollte sie sich lieber aus der Sache heraushalten, nachdem nun klar war, dass niemand ernsthaft verletzt wurde.
Josie stand unbeholfen da. Ihr Knie pochte jetzt, aber sie wollte sich nicht bücken, um es sich anzusehen, damit es nicht so wirkte, als sei sie mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Fremden, den sie gerade umgefahren hatte. Jetzt, wo sie als Einzige noch übrig waren, sah er zu ihr herüber. Sein Blick flackerte kurz, als sei er überrascht, dass sie noch da war. Sie konnte die Farbe seiner Augen nicht genau erkennen und war sich nicht sicher, ob sie nur wegen seines Blicks dunkel wirkten. Er war ungefähr in ihrem Alter, stellte sie fest, und ein paar Zentimeter größer als sie.
»Es tut mir wirklich schrecklich leid«, sagte sie noch einmal. Ihr war klar, dass sie sich wie eine defekte Schallplatte anhörte, aber sie hatte keine Ahnung, was sie noch sagen konnte.
»Ich sagte doch, es ist in Ordnung«, erwiderte er mit einem müden Seufzer.
Nicht ganz so schroff wie zuvor, aber immer noch nicht so, wie sie es gerne hören wollte. Josie biss sich auf die Lippe, doch bevor sie noch etwas sagen konnte, ließ die Taxifahrerin das Fenster auf der Beifahrerseite herunter.
»Alles okay hier?«, fragte sie, wobei sie sich sichtlich bemühte, Josie nicht anzusehen. Anscheinend war sie der Meinung, sie zu ignorieren, sei eine bessere Form der Bestrafung.
Der Mann nickte. »Alles gut, danke.«
Na klar, der Taxifahrerin gegenüber war er freundlich. Andererseits hatte sie ihn vermutlich dorthin gebracht, wo er hinwollte, und ihn nicht angefahren, kaum dass er da war.
»Alles klar.« Und damit ließ sie das Fenster wieder hoch und fädelte sich hinter einem Bus in den Verkehr ein.
Als das Taxi wegfuhr, setzte der Mann erneut eine finstere Miene auf und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Straße. So entschieden, wie er sie ignorierte, hätte sie ihn wahrscheinlich einfach stehen lassen können, aber es fühlte sich falsch an, ihn im Stich zu lassen. Sie blickte ebenfalls auf die Straße und entdeckte vor ihm, wonach er suchte. Sie hob sein Telefon auf, das etwa einen Meter von ihm entfernt gelegen hatte, und erkannte, dass das Display gesprungen war.
»Mist«, murmelte sie und hielt es ihm mit entschuldigender Miene hin. »Es tut mir so …«
»Ja?« Er hob die Augenbrauen, als er es ihr abnahm, und sie spürte, wie sie errötete.
Seine Augen waren grün, wie sie jetzt aus der Nähe feststellte, allerdings wurde die Iris von einem noch helleren Farbton umrandet. Wenn er ihr nicht diesen finsteren Blick zugeworfen hätte, hätte sie die zweite Farbe vermutlich als Gold bezeichnet.
»Das ersetze ich natürlich«, sagte sie sofort.
Er antwortete nicht, steckte das Telefon einfach ein, schnappte sich ihr Fahrrad, das noch immer auf dem Radweg lag, und schob es auf den Gehweg. Das hätte eigentlich sie tun sollen. Das Fahrrad lag im Weg, und sie hatte gar nicht daran gedacht, es wegzuschieben.
Sie trat neben ihn. »Im Ernst, ich bezahle das. Vielleicht gibt es hier in der Nähe einen Telefonladen, der noch geöffnet hat, und wir können …«
»Ist schon gut«, sagte er entschieden. »Ich habe doch gesagt, es ist in Ordnung. Außerdem haben wir auf dem Radweg geparkt. Ganz unschuldig sind wir also auch nicht daran.« Er wackelte ein wenig mit ihrem Fahrrad, als wollte er es loswerden, und sie nahm es ihm unbeholfen ab.
»Ich wollte bloß …«
Er seufzte, holte sein Telefon aus der Tasche, schaltete es ein und hielt es ihr hin. Es leuchtete auf und zeigte den Startbildschirm, der unter dem gesprungenen Glas noch zu erkennen war.
»Siehst du?« Es klang ein wenig entnervt. »Funktioniert noch. Und außerdem«, fuhr er fort und setzte sich über ihren Protest hinweg, »läuft mein Vertrag sowieso bald aus. Wenn es mir also nichts ausmacht, für ein paar Wochen mit einem kaputten Display herumzulaufen, sollte dir das auch egal sein. Okay?« Es war mehr eine Forderung als eine Frage.
»Nun«, sagte sie langsam, »wenn du meinst.«
Sie biss sich auf die Lippe und überlegte, was sie jetzt tun sollte.
»Also, vielen Dank für deine Fürsorge, aber ich brauche jetzt erst mal ein Bier. Deswegen gehe ich jetzt einfach …« Er unterbrach sich kurz und sah sich um, dann schnaufte er und blickte sie wieder an. »Weißt du zufällig, wo der nächste Pub ist?«
»Ich zeige es dir!«
Josie wusste, dass sie viel zu enthusiastisch klang, aber sie wollte unbedingt, dass er nicht mehr sauer auf sie war. Er runzelte die Stirn, und sie nickte energisch.
»Ich kenne einen hier um die Ecke.«
Also »kennen« war vielleicht etwas übertrieben, aber sie war mit Bia schon ein paarmal freitagabends dort gewesen. Sie schob ihr Fahrrad, und er lief neben ihr her.
»Du musst mich nicht dorthin begleiten«, brummte er und schob die Hände in die Taschen seines Mantels, der an den von Benedict Cumberbatch in Sherlock erinnerte – lang, grau und sicher nicht billig. »Zeig mir doch einfach die Richtung.«
»Kein Problem«, sagte sie ein wenig zu piepsig, obwohl sie sich ziemlich sicher war, dass es ihm nicht darum ging, ihr keine Umstände zu machen, sondern dass er sie loswerden wollte. Nun, Pech. Sie würde ihm den Pub zeigen, ob er wollte oder nicht. Damit konnte sie wenigstens ihr schlechtes Karma ausgleichen.
Er machte absolut keine Anstalten, ein Gespräch zu beginnen, sondern schien sich vor allem auf den Bürgersteig vor ihnen zu konzentrieren. Sie versuchte, sich ihre Wut darüber nicht anmerken zu lassen. Klar, sie hatte ihn umgefahren, aber deswegen konnte er doch trotzdem etwas freundlicher zu ihr sein – wäre ihr das passiert, hätte sie demjenigen schnell verziehen, da war sie sich sicher. Es war ja schließlich keine Absicht gewesen.
Nachdem sie eine Minute geschwiegen hatten, bedauerte sie zutiefst, dass sie ihm nicht einfach den Weg erklärt hatte und auf ihr Fahrrad gestiegen war. Sie überlegte verzweifelt, was sie sagen konnte – aber über was redete man mit einem Fremden, den man gerade auf der Straße umgefahren hatte? Sie brauchte Bia. Wenn Bia das Gleiche passiert wäre, hätte sie diesen Mann sicher in zwei Minuten zum Lachen gebracht.
»Also, ähm, warst du auf dem Heimweg von der Arbeit?«, fragte sie.
»Nein«, sagte er langsam und warf ihr einen leicht ungläubigen Blick zu.
Sie schob ihr Fahrrad etwas schneller. Na ja, nein, okay – wenn er auf dem Heimweg von der Arbeit gewesen wäre, dann würde er wahrscheinlich die Gegend kennen und daher wissen, wo ein Pub war. Aber er könnte schließlich auch ein wichtiger Geschäftsmann oder Anwalt oder so etwas sein, der in einem großen Haus auf dem Land lebte und für Meetings nach London kam. Außerdem musste er nicht so unhöflich sein und könnte ihr stattdessen lieber mal ein wenig Wertschätzung dafür entgegen bringen, dass sie ihm den Weg zeigte. Sie warf ihm einen weiteren Blick zu, um ihn besser einschätzen zu können.
»Und du?«, fragte er nach einem Moment und wirkte eindeutig wie jemand, der sich zwang, das Gespräch fortzusetzen.
Sie zuckte vor Schreck zusammen, als er sie dabei ertappte, wie sie ihn heimlich beobachtete. »Was meinst du?«
»Warst du auf dem Rückweg von der Arbeit?«
»Ach so. Nein.« Gott, dieser Typ musste sie für eine totale Idiotin halten. Sie räusperte sich. »Nein, ich wollte nur etwas erledigen.«
Sie nahm den Lenker ihres Fahrrads in die eine Hand, tastete mit der anderen automatisch nach dem Brief und erschrak, als sie feststellte, dass er nicht da war. Sie hatte ihn irgendwo auf der Straße verloren, ohne es zu bemerken.
»Alles in Ordnung?«
»Ja. Sorry. Es ist nur … Ich wollte einen Brief einwerfen, aber anscheinend habe ich ihn verloren.« Das war okay, sagte sie sich. Sie würde morgen einen neuen schreiben und ihn dann abschicken.
»Einen Brief?« Diesmal klang er etwas weniger abweisend, stattdessen eher ungläubig. »Schreibt man so was heutzutage noch?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Nun ja, ich schätze schon. Memo – also meine Großmutter – schreibt immer Briefe, obwohl sie eigentlich gut mit dem Computer zurechtkommt.« Sie brauchte ihm nicht zu sagen, dass ihre Großmutter nicht diejenige war, der sie heute Abend geschrieben hatte.
Er wich einem Jogger aus und schwieg einen Moment lang. »Als ich ein Kind war«, sagte er langsam, »habe ich immer versucht, meine Schulfreunde dazu zu bringen, mir in den Sommerferien Briefe zu schreiben, aber ohne Erfolg.«
Er hatte es ganz ernst gesagt, aber Josie lächelte. »Wirklich?«
»Hm. Mein damaliger bester Freund James Winterbourne hat den Brief, den ich ihm geschrieben habe, aufgehoben und ihn dann nach den Ferien allen in der Schule gezeigt.«
Sie lachte. »Wie gemein! Was hast du ihm denn geschrieben?«
»Gott, das weiß ich nicht mehr. Es ging mir mehr ums Prinzip. Ich habe ihm das nie ganz verziehen.«
»Ich verstehe. Deswegen wurde James Winterbourne wohl nicht zur Hochzeit eingeladen.«
Er sah ihr in die Augen, erwiderte ihr Lächeln jedoch nicht.
»Allerdings.«
Verdammt, da war sie wohl in ein Fettnäpfchen getreten. Vielleicht war er verheiratet gewesen und hatte sich wieder scheiden lassen, oder er war am Altar sitzen gelassen worden, oder jemand anderes hatte ihm die Liebe seines Lebens vor der Nase weggeschnappt.
»Also, was machst du dann hier?«, fragte sie und klang bei dem Versuch, das Thema zu wechseln, peinlich fröhlich. »Wohnst du in London?«
»Nein.« Er klang etwas distanziert, und als er wieder sprach, tat er es mit etwas mehr Entschlossenheit. »Nein, ich komme aus Bristol. Na ja, wohl aus ein paar Orten, aber ich bin in Bristol aufgewachsen und lebe jetzt wieder dort.«
»Dann bist du also über Weihnachten hier?«
Er schnitt eine Grimasse. »Nein. Also, jedenfalls war das nicht der Plan.« Er fuhr sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar. »Ich sollte heute eigentlich nach New York fliegen, aber wegen eines Sturms wurde mein Flug gestrichen.«
Josie stutzte und sah zum Himmel hoch. Es war bewölkt, klar, und es nieselte noch immer leicht, aber es schien nicht gerade stürmisch zu sein. Sie schaute den Mann an und sah, wie er die Augenbrauen hochzog.
»Offensichtlich gibt es hier keinen Sturm«, sagte er, sodass sie erneut errötete. »Aber irgendwo über dem Atlantik. Ich stehe jetzt auf der Warteliste für einen neuen Flug, aber wie es aussieht, bin ich erst mal hier gestrandet.«
»Was für ein Mist«, sagte Josie und hoffte, dass sie ausreichend mitfühlend klang. »Fährst du dann jetzt zurück nach Bristol?«
»Nein, ich muss hierbleiben, falls es einen Flug gibt, also habe ich in ein Hotel eingecheckt.«
Sie blieben stehen, und sie nickte und deutete auf ein altes Gebäude zu ihrer Rechten. »Von außen macht es nicht viel her, aber das Bier ist gut, glaube ich, und hinten haben sie einen schönen Garten.«
»Ah ja, sehr praktisch zu dieser herrlich warmen Jahreszeit, die wir gerade haben.«
Es klang wie ein Scherz, doch er lächelte dabei nicht. »Wenn es dir nicht gefällt, kann ich …«
»Ich bin nicht wählerisch.« Er drehte sich zu ihr um. »Danke.« Er nahm eine Hand aus der Manteltasche und hielt sie ihr hin. Kein Ehering, also war die Theorie über die Liebe seines Lebens, die man ihm genommen hatte, vielleicht gar nicht so abwegig. »Ich bin übrigens Max.«
Sie nahm seine Hand. Sein Griff war fest und sicher, und obwohl sie nicht so klein war wie Bia, fühlte sich ihre Hand in seiner verloren an. »Josie.«
Er lächelte. Na endlich. Es war nur ein kurzes Zucken um seine Lippen, aber sein markantes Gesicht wirkte dadurch gleich etwas zugänglicher. »Also, es war nett, dich kennenzulernen, Josie, auch wenn die Umstände hätten besser sein können.«
Sie schnitt eine Grimasse, obwohl er gar nicht mehr so böse klang.
Er hatte ihre Hand schon losgelassen und sich von ihr abgewandt, als sie herausplatzte: »Ich könnte dich doch auf einen Drink einladen?«
Er schaute sie aus seinen gold-grünen Augen an und runzelte die Stirn. Sie rollte das Fahrrad auf dem Gehweg vor und zurück. Die Art und Weise, wie er sie musterte, trieb ein Kribbeln über ihre Haut.
»Ich meine, als Entschuldigung. Ein Drink im Austausch für ein Telefon.«
Und ja, das war einer der Gründe, aber da gab es noch einen weiteren. Er war hier gestrandet. An Weihnachten, allein. Und sie wollte nicht, dass er einsam war, zumindest nicht in diesem Moment, nicht wenn sie genau wusste, wie sich das anfühlte.
Er legte den Kopf schief, als würde er über ihr Angebot nachdenken. »Ein Drink im Austausch gegen ein Telefon …« Er zuckte mit den Schultern. »Okay.«
Begeistert klang er nicht gerade. »Okay?«
»Okay«, wiederholte er mit ausdrucksloser Miene.
Josie schloss ihr Fahrrad ab und bereute ihren Vorschlag insgeheim schon. Was, wenn sie sich nach so kurzer Zeit schon nichts mehr zu sagen hatten? Sie führte ihn in den Pub und musste sofort ihren Mantel ausziehen, als ihr die Hitze des Kaminfeuers entgegenschlug. Sie ging direkt zur Bar, die mit Tannenzweigen und Lichterketten in Gläsern dekoriert war, und wünschte sich in diesem Moment, sie hätte mit ihm in einen Pub gehen können, wo der Wirt ihren Namen kannte und sie mit dem Personal hätte plaudern können. So, wie sie sich jetzt fühlte, lief sie Gefahr, steif und unbeholfen zu wirken. Das, was dem Streatham am nächsten kam, war eine kleine Pizzeria in der Nähe ihrer Wohnung, in die sie und Bia oft gingen. Dort begrüßten die Kellner sie höflich, allerdings auch mit einem Hauch Misstrauen, als ob sie sich fragten, ob die beiden sich ausschließlich von Pizza ernährten.
Eine Frau hinter der Bar, die Zöpfe trug, obwohl sie schon Mitte zwanzig sein musste, schlenderte zu ihnen herüber und ließ ihren Blick von Josie zu Max gleiten. Sie strahlte von einem Ohr zum anderen, allerdings schien das mehr Max als Josie zu gelten, und Josie sah Max zum ersten Mal richtig an, seit sie hereingekommen waren. Nun ja, er war schon ziemlich attraktiv. Seinen Sherlock-Mantel hatte er mittlerweile ausgezogen. Darunter trug er einen petrolblauen Pullover, der sich um seinen Körper schmiegte und erkennen ließ, dass er einige Zeit im Fitnessstudio verbrachte. Die unterschiedlichen Farben in seinen Augen waren jetzt im Licht noch deutlicher zu erkennen, das dunkle Grün ging sanft in Bernstein über. Sein Haar war leicht zerzaust, wobei sie sich nicht sicher war, ob das so gewollt war oder von ihrem kleinen Unfall herrührte.
»Was darf ich euch bringen?«, fragte die Frau hinter dem Tresen.
»Hm, für mich ein Glas Rotwein«, sagte Josie und schaute Max fragend an, der mit den Schultern zuckte.
»Okay, für mich auch.«
Mit den Getränken in der Hand gelang es Josie, einen kleinen Ecktisch zu finden. Sie schlüpfte auf die Bank und überließ ihm den Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite. Max verzog das Gesicht, als er sich setzte.
»Was ist los?«, fragte Josie schnell. Hoffentlich hatte er keine Schmerzen von dem Unfall.
Max hob die Augenbrauen in einer Weise, die andeutete, dass sie vielleicht etwas zu besorgt klang, und deutete mit dem Kopf in Richtung Decke. Als sie stirnrunzelnd nach oben sah, schüttelte er den Kopf. »Nein, die Musik.«
Sie lauschte. »Gott, schrecklich«, sagte sie. »Unmöglich, dieser Weihnachtsdudelei zu entkommen. Man muss einfach die Zähne zusammenbeißen und sie ignorieren.«
Als er ihrem Blick begegnete, zuckten seine Lippen, doch er konnte sich offenbar nicht zu einem vollen Lächeln oder, Gott bewahre, der Andeutung eines Lachens durchringen.
»Darauf trinken wir«, sagte er nur, und sie stießen an.
Max lehnte sich entspannt zurück und taxierte sie auf eine Weise, die ihr unangenehm war.
»Also, Josie. Was machst du, wenn du nicht gerade Fremde auf der Straße umnietest?«
Sie nahm einen weiteren Schluck Wein. »Oh, das mache ich eigentlich hauptberuflich.«
»Aha. Darum hat es so professionell gewirkt. Verdient man damit gut?«
»Enorm gut.« Wieder zuckten seine Lippen. »Ich arbeite im Marketing«, gab sie zu.
»Im Marketing«, wiederholte er nachdenklich.
»Ja, ich arbeite für eine Agentur.« Sie hielt inne, dann fügte sie mit leicht aufgesetzter Stimme hinzu: »Peacock PR und Marketing.«
Er lachte kurz auf, was sie so sehr überraschte, dass sie ein wenig zusammenzuckte. »Peacock PR? Im Ernst?«
»Leider ja.«
»An was für Projekten arbeitest du?«
Sie machte eine unbestimmte Geste. »Alles Mögliche. Im Moment machen wir das Rebranding für eine Firma, die Luxus-Bademoden herstellt.« Bei dem Wort »Luxus« malte sie Anführungszeichen in die Luft, denn ihr war durchaus bewusst, dass sie sonst viel zu sehr wie Janice klang.
Er nickte verständnisvoll. »Dafür ist ja gerade die passende Saison.«
»Du wirst es nicht glauben, aber die wirklich reichen Leute machen um diese Zeit Strandurlaub, um ein bisschen Sonne zu tanken.«
»Oder es ist ein Weihnachtsgeschenk«, bemerkte er.
»Ganz genau.«
»Oder es ist für Leute, die statt einem Glitzerkleid an Weihnachten mal einen Bikini tragen wollen.«
»Vollkommen richtig«, sagte sie. »Vor ein paar Jahren haben wir etwas Marktforschung betrieben, und es hat sich herausgestellt, dass ein Großteil der britischen Bevölkerung tatsächlich die Weihnachtsgans im Bikini zu sich nimmt. Also dachte sich meine Firma: Da haben wir wohl eine Marktlücke entdeckt.«
Er nickte ernst und trank einen Schluck Wein. »Genial. Machen sie dann auch Weihnachtsbademode? Thematische Sachen mit dem Nikolaus oder Schneemännern oder so?«
Sie lachte. »Nein, aber ich werde dem Kunden die Idee gleich mal vorschlagen.«
Ihr Telefon surrte in ihrem Mantel auf der Bank, und sie zog es aus der Tasche. Gott sei Dank hatte ihr Telefondisplay, im Gegensatz zu Max’, den Sturz überlebt. Sie hatte definitiv kein Geld, um sich jetzt ein neues zu kaufen.
Wo bist du? Hast du dich verfahren?
Bia. Josie tippte schnell eine Antwort.
Ich besorge nur ein paar Sachen, bin bald zurück.
Denn irgendwie schien ihr die Erklärung, dass sie fast einen Mann überfahren hatte und jetzt mit ihm ein Glas Wein trank, nicht für WhatsApp geeignet zu sein. Auch wenn Bia die Tatsache, dass er heiß war, wahrscheinlich als Erklärung ausgereicht hätte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Max.
»Ja. Nur meine Mitbewohnerin.«
»Gibt es nur eine?«
»Ja, seit ein paar Jahren. Was ist mit dir – wohnst du mit jemandem zusammen?«
Er runzelte die Stirn, als wäre die Frage unnötig aufdringlich, obwohl er sie gerade genau das Gleiche gefragt hatte. »Nein«, sagte er langsam. »Im Moment wohne ich allein.«
Sie dachte wieder an ihre Theorie des sitzen gelassenen Liebhabers, doch bevor sie antworten konnte, vibrierte ihr Telefon erneut.
Was für Dinge?? Was auch immer es ist, lass das und komm nach Hause. Ich trinke den ganzen Wein allein, und das macht mich traurig.
Josie schnaubte.
Dann hör auf! Sonst hast du morgen auf dem Flug einen Kater.
Ganz genau. Du musst kommen und mich vor mir selbst retten.
Lächelnd steckte Josie das Telefon weg und sah auf, nur um festzustellen, dass Max sie auf eine Weise beobachtete, die ihr die Hitze in den Nacken trieb.
»Tut mir leid, ich muss gehen. Meine Mitbewohnerin fliegt morgen nach Argentinien, und ich möchte mich verabschieden …«
»Natürlich.« Er warf einen Blick zur Bar, die sich ziemlich stark gefüllt hatte, seit sie hier saßen. »Also, nur um alleine zu trinken, stelle ich mich nicht in die Schlange.«
Er stand auf und trank den letzten Schluck seines Weins, während sie ihren Mantel nahm. Gemeinsam arbeiteten sie sich zur Tür durch. Draußen atmete Josie die kalte Luft ein und genoss das Gefühl, dass die leichte Brise die Hitze aus ihrem Nacken vertrieb, auch wenn sie leicht zitterte.
Max drehte sich zu ihr um und schlüpfte in seinen Mantel. »Nun, danke für den Drink. Du hast es mehr als wiedergutgemacht, dass du mich überfahren hast.«
Sie zog die Nase kraus. »Es tut mir wirklich leid.«
»Wirklich? Das wusste ich noch gar nicht.«
Sie lachte ein wenig, dann ging sie über den Bürgersteig zu ihrem Fahrrad, das sie an einen Laternenpfahl angeschlossen hatte. »Warum wolltest du eigentlich nach New York fliegen?«
»Meine Eltern leben dort. Ich habe gesagt, dass ich dieses Jahr Weihnachten bei ihnen verbringe.«
»Sie leben dort? Ich dachte, du kommst aus Bristol?« Sie legte den Kopf schief. »Und du klingst auch gar nicht wie ein Amerikaner.«
Er lächelte. »Nein, meinen sexy britischen Akzent werde ich wohl nicht mehr los. Meine Mum ist Amerikanerin, aber sie ist hergezogen, als sie meinen Dad kennenlernte, und vor zwei Jahren hat sie ihn gezwungen, zum Ausgleich mit ihr nach New York zurückzugehen.«
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihr Fahrrad. »Klingt irgendwie fair. Was wirst du also tun, solange du in London festsitzt?«
Sie konzentrierte sich darauf, ihr Fahrrad aufzuschließen. Dummerweise hatte sie vorher ihre Handschuhe angezogen, was die ganze Sache etwas verkomplizierte.
