Jedes Jahr im Winter - Emily Stone - E-Book
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Jedes Jahr im Winter E-Book

Emily Stone

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Beschreibung

Sie kann ihm nicht verzeihen. Doch kann sie ihn vergessen?

Jedes Jahr zum Fest der Liebe begegnet Cassie dem Mann, mit dem sie bereits ihre Kindheit verbracht hat. Dem Mann, den sie schon immer heimlich liebte und der stets unerreichbar schien. Doch ein einziger Kuss an einem verschneiten Wintertag könnte alles zwischen ihnen verändern. Plötzlich scheint mehr als nur Freundschaft möglich. Wäre da nicht das Leben, das sie immer und immer wieder auseinandertreibt. Doch dann geschieht das Unvorstellbare: Ein furchtbarer Schicksalsschlag führt die beiden wieder zueinander und droht ihre Liebe für immer zu brechen …

Eine hochemotionale Lektüre über die große Liebe und die schmerzhaften Folgen eines einzigen Fehlers.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Emily Stone lebt und arbeitet in Chepstow, Wales. Ihr gefühlvoller Debütroman Für immer im Dezember eroberte nicht nur die Herzen ihrer Leser*innen, sondern ebenfalls die SPIEGEL-Bestsellerliste. Auch ihr zweites Buch Jedes Jahr im Winter garantiert eine Achterbahn der Gefühle.

Außerdem von Emily Stone lieferbar:

Für immer im Dezember. Roman.

Emily Stone

Jedes Jahr im Winter

Roman

Aus dem Englischen von Babette Schröder

Die Originalausgabe erschien 2022

unter dem Titel One Last Gift

bei Headline Review, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2022 der Originalausgabe by Emily Stone

Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Hanne Hammer

Covergestaltung: Favoritbüro

Covermotive: AKaiser, Kichigin, Songquan Deng, beerlogoff, Here, Serhii Yevdokymov, paisalphoto / Shutterstock.com

Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-30339-6V001

www.penguin-verlag.de

Es führt ein Weg von mir zu dir, nach dem ich stets suche.

Rumi

PROLOG

Als Cassie aufwachte, war es noch dunkel, sie hatte sich die Bettdecke halb über den Kopf gezogen, um sich vor der Kälte zu schützen. Einen Moment lang starrte sie schlaftrunken und verwirrt in die Dunkelheit. Was hatte sie geweckt? Dann ertönte ein lautes Schnarchen aus dem Nachbarbett, und sie warf der unförmigen Gestalt, die neben ihr schlief, einen bösen Blick zu. Dass ihr Bruder immer schnarchen musste, war so nervig. Schon eine Million Mal hatte sie ihm gesagt, er solle auf der Seite schlafen. Die Mutter ihrer besten Freundin war Ärztin und meinte, das würde helfen. Cassie seufzte in ihr Kissen. Wenn er weiter so schnarchte, würde sie vielleicht den Mut aufbringen, nachts allein zu schlafen. Er könnte in sein Zimmer auf der anderen Seite des Flurs zurückkehren und unter den leuchtenden Sternen schnarchen, die er an die Decke geklebt hatte. Doch seit dem Tod von Mum und Dad vor fast zwei Jahren hatte sie sich nicht dazu überwinden können.

Erneut gab Tom einen Schnarcher von sich, der Cassie zusammenzucken ließ. Erst da fiel es ihr wieder ein, und ihr Herz machte einen Satz. Sie schlug die Bettdecke zurück und richtete sich auf. Es war Weihnachten! Wie hatte sie das auch nur einen Moment lang vergessen können?

Cassie ignorierte die eiskalte Luft, stieg vorsichtig aus dem Bett, um Tom nicht zu wecken, und tappte zum Fenster. Tante Claire sagte zwar, dass es an Weihnachten eigentlich nie richtig schneite, aber vielleicht lag ja doch etwas Schnee. Sie schob die Vorhänge zur Seite und spähte in den kleinen Garten ihrer Tante hinunter. Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen, die Welt draußen schlief noch.

Sie drehte sich wieder zu den Betten um, allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Am Fußende des Betts hingen keine Weihnachtsstrümpfe, denn Tante Claire hielt nichts von Weihnachtsstrümpfen. Tom hatte schon vor Jahren herausgefunden, dass es keinen Weihnachtsmann gab, und deshalb fand Claire, man sollte die »Scharade« nicht fortsetzen (Cassie wusste nicht genau, was eine »Scharade« war, aber Tom hatte ihr erklärt, das sei Schauspielerei). Dabei hatten ihre Eltern es jedes Jahr getan. Cassies Vorfreude trübte sich ein wenig, als sie an ihre Mutter und ihren Vater dachte, die nicht hier sein würden, um mit ihnen Geschenke auszupacken oder Marshmallows auf Toast zum Frühstück zu machen – eine Weihnachtstradition, die Tante Claire abgeschafft hatte. Sollte sie Tom wecken? Das wäre bestimmt in seinem Sinne, sie könnten sich nach unten schleichen und nach Schokolade suchen, bevor Claire aufstand. Irgendwo gab es bestimmt Süßigkeiten, schön in Folie gewickelt. Eine Nachbarin hatte sie vorbeigebracht – Cassie konnte sich nicht mehr an ihren Namen erinnern, aber sie war richtig alt und roch ein bisschen nach Kakao und Lavendel, und sie hatte gesagt, die Schokolade müsse an den Baum gehängt werden. Es gab sogar einen Baum, obwohl Claire dieses Jahr eigentlich keinen hatte besorgen wollen, aber weil Cassie deshalb geweint hatte und selbst Tom traurig geworden war, hatte sie nachgegeben.

Doch noch während sie überlegte, Tom zu wecken und auf Schokoladenjagd zu gehen, fiel ihr etwas Besseres ein. Sie unterdrückte den Juchzer, der aus ihr herausplatzen wollte, schnappte sich grinsend ihre flauschigen Socken mit den Hasenohren und knotete den rosa Morgenmantel zu, den die Eltern ihr zu Weihnachten geschenkt hatten, bevor sie gestorben waren. Inzwischen war sie aus ihm herausgewachsen, aber ein neuer kam für sie nicht infrage.

So leise wie möglich, schlich Cassie die Treppe hinunter und tastete sich in der Dunkelheit am Geländer entlang. Mit jedem Schritt schlug ihr Herz ein bisschen schneller. Auch wenn sie keine Strümpfe aufhängten oder Mince Pies für den Weihnachtsmann backten wie die anderen in ihrer Klasse, gab es doch eine Sache, die den Weihnachtsmorgen zum schönsten Morgen überhaupt machte. Sie tappte ins Wohnzimmer, ließ sich von den gelb, rot und grün leuchtenden Lichterketten am Baum leiten.

Seit sie denken konnte, hatte Tom das jedes Jahr für sie gemacht. Na ja, eigentlich schon vorher, denn an das erste Mal konnte sie sich nicht mehr erinnern. Ihre Mum und ihr Dad hatten ihr jedoch erzählt, es sei seine Idee gewesen, obwohl sie noch ganz klein gewesen waren, und Cassie glaubte ihnen, denn Tom war sehr schlau.

Den ersten Hinweis fand sie unter dem Weihnachtsbaum. Gestern Abend war er noch nicht da gewesen – sie hatte nachgesehen, bevor sie ins Bett gegangen war, also musste er sich in der Nacht hinuntergeschlichen haben, um ihn dort zu deponieren. Sie presste eine Hand auf den Mund, um ein aufgeregtes Kichern zu unterdrücken. Wäre es nicht schön, wenn sie es dieses Jahr ganz alleine schaffte … den Hinweisen zu folgen und am Ende der Schatzsuche ihr Geschenk zu finden, noch bevor Tom aufwachte? Das würde ihn sehr beeindrucken, das wusste sie.

Allein in der Dunkelheit, unter den funkelnden Lichtern des Baumes riss sie den Umschlag auf und begann zu lesen.

KAPITEL EINS

Cassie duckte sich unter dem niedrigen Holzbalken der Tür hindurch und betrat den warmen Pub mit einem Tablett voller Mince Pies. Im Kamin in der Ecke knackten Holzscheite, und es roch nach einer Mischung aus Glühwein, Sherry, Kiefernholz und Käse. Sie steuerte den urigen Tresen an, nickte im Vorbeigehen ein paar Bekannten zu und ließ das Stimmengewirr an sich vorbeirauschen. Sie lächelte – es war Heiligabend, und fast das ganze Dorf war zu dem Event gekommen, das sie mit organisiert hatte. Augenscheinlich ging es allen prächtig.

Sie entdeckte Tom, der an einer Wand lehnte und lachend den Kopf zurückwarf, sein blondes Haar hatte fast genau die gleiche Farbe wie ihres. Er hatte sie noch nicht bemerkt und unterhielt sich mit jemandem, der mit dem Rücken zu ihr stand und ein Bier in der Hand hielt. Jemandem mit zotteligem dunkelbraunem Haar, lässiger Körperhaltung und einer schwarzen Jacke, die seine beeindruckenden Schultern zur Geltung brachte. Cassies Lächeln wuchs, und sie versuchte, die Schmetterlinge in ihrem Bauch und das plötzliche Kribbeln auf ihrer Haut zu ignorieren.

Es ist nur Sam, sagte sie sich. Sam, den sie schon ewig kannte. Sam, der beste Freund ihres Bruders. Sie sah noch einmal zu ihm hinüber. Dabei wäre sie fast gestolpert und schaffte es gerade noch, das Tablett mit den Mince Pies auf den alten Eichentresen zu knallen.

»Pass auf, Cassie, Liebes – wir wollen doch nicht, dass deine ganze harte Arbeit auf dem Boden landet!« Linda, die Wirtin des Red House, kam durch die Flügeltür aus der Küche und stellte sich hinter den Tresen. Sie zog ein rot-weißes Geschirrtuch durch die Gürtelschlaufe ihrer Jeans, nahm Cassie die Mince Pies ab und platzierte sie neben der Kaffeemaschine.

»Tut mir leid, Linda«, sagte Cassie schnell und schlüpfte aus ihrer Jacke, »ich weiß, ich bin etwas spät dran, und ich …«

Linda wischte ihre Entschuldigung mit einer lässigen Handbewegung beiseite. Dabei glänzten ihre vielen Ringe im Licht der Kerzen, die Cassie nachmittags aufgestellt hatte. »Sei nicht albern. Du bist ein Schatz, dass du sie überhaupt gemacht hast. Und wie gut die aussehen, da muss ich mir glatt eine stibitzen, bevor die Meute sich darüber hermacht.« Kaum hatte sie das gesagt, nahm sie sich auch schon ein Gebäckstück, biss hinein und stöhnte übertrieben genüsslich, wie Cassie fand. Ein Krümel klebte an Lindas rotem Lipgloss, und Cassie überlegte, ob sie es ihr sagen sollte. »Hast du die wirklich über Nacht gebacken? Was für Talente doch in dir schlummern, Mädchen – ich muss schon sagen!«

Cassie zuckte bescheiden mit den Schultern und behielt für sich, dass drei Teigportionen im Müll gelandet waren und ihre Tante Claire beim Anblick der schlimm zugerichteten Küche ziemlich schmallippig geworden war. Aber mal ehrlich, was war die Alternative? Linda hatte vorgeschlagen, für die alljährliche Weihnachtsfeier Mince Pies von Sainsbury’s zu kaufen, aber Cassie fand, dass die selbst gebackenen einfach besser schmeckten.

Wieder ging die Tür zum Pub auf, und ein kühler Luftzug wehte herein, der bis zum Tresen vordrang. Cassie sah Hazel, seit der Grundschule ihre beste Freundin, in Begleitung ihrer Mutter hereinkommen. Als Hazel Cassie entdeckte, leuchteten ihre grünen Augen. Mit wenigen langen, eleganten Schritten war sie bei ihr. Cassie warf einen Blick auf Hazels hohe Absätze und versuchte, nicht die Nase zu rümpfen. Wenn sie solche Schuhe trug, sahen sie durch den Größenunterschied immer lächerlich nebeneinander aus – Hazel war so groß, dass sie ein professionelles Model hätte sein können, und Cassie mit ihren eins fünfzig so klein, dass ihr manchmal sogar Kinderkleidung passte. Cassie hatte Hazel gesagt, dass sie wie Pat und Patachon aussahen und versuchen sollten, den Größenunterschied auszugleichen, statt ihn noch zu betonen, doch das interessierte Hazel nicht. Sie stand zu ihrer Größe und war überzeugt, sie würde sich eines Tages als nützlich erweisen – und sei es auch nur, um niemanden heiraten zu müssen, der an das oberste Regal kam.

»Frohe Weihnachten!« Hazel umarmte Cassie – wozu sie sich zu ihr hinunterbeugen musste –, dann trat sie einen Schritt zurück, schürzte die Lippen und betrachtete sie. Cassie zwirbelte eine Haarsträhne und steckte sie hinter ihr Ohr. Hazel nickte anerkennend. »Gutes Kleid«, sagte sie enthusiastisch. Cassie durchströmte Erleichterung, und sie bemühte sich sehr, nicht auf den Kopf mit dem zotteligen braunen Haar hinter ihr zu blicken. Obwohl sie sich immer wieder sagte, dass es nur Sam war, wusste sie, dass sie das Kleid – schwarz, eng anliegend, mit silbernen Schneeflocken – extra für heute Abend gekauft hatte. Denn, na gut, auch wenn er nur der beste Freund ihres Bruders war, hatte sich etwas verändert, seit er dieses Jahr zum Studieren weggezogen war. Er hatte ihr gefehlt. Mehr als gedacht. Natürlich hatte ihr auch Tom gefehlt, obwohl sie ständig mit ihm telefonierte. Aber dass sie Sam, seine Scherze und seine unkomplizierte Gesellschaft so schnell vermissen würde, hatte sie nicht erwartet. Oder dass ihr Herz bei seinem Anblick höherschlagen würde, wenn er in den Weihnachtsferien nach Hause kam.

Hazel grinste zu Cassie hinunter und warf ihr glattes schwarzes Haar zurück – sie hatte es gefärbt, damit es noch schwärzer aussah, obwohl Cassie ehrlich gesagt keinen Unterschied feststellen konnte. »Komm schon, gehen wir zu den Jungs.«

Linda zwinkerte Cassie zu, die daraufhin leicht errötete. Es war, als wüsste Linda genau, für wen Cassie das Kleid und die Absatzschuhe angezogen hatte. Für wen sie den Eyeliner aufgetragen hatte, der ihre braunen Augen warm statt trüb und langweilig aussehen ließ. Dabei hatte ihr Cassie nichts gesagt, aber Linda erriet solche Dinge. Sie mochte zwar ihre Chefin sein, doch sie war mehr als das. Sie war die Person, auf die Cassie sich hundertprozentig verlassen konnte. In ihrer Jugend hatte sie nach der Schule oft mit Tom im Pub abgehangen und heimlich Chips mit Salz und Essig stibitzt. Als Cassie sechzehn wurde, hatte Linda ihr einen Job gegeben, obwohl Cassie wusste, dass Linda eigentlich keine Hilfe brauchte. Und vorher hatte sie es bei Tom genauso gemacht.

Hazel ging zu Tom und Sam hinüber, und Cassie trippelte auf ihren hohen Absätzen hinter ihr her und bemühte sich, anmutig auszusehen und zugleich mit Hazels langen Schritten mitzuhalten. Tom zog Cassie an sich und legte einen Arm um ihre Schultern. »Hier ist ja mein Mädchen mit ihrer ständigen Begleitung.« Cassie lächelte, und Hazel winkte in die Runde.

»Ich bin niemandes Begleitung, Rivers.« Ehrlich gesagt fühlte sich Cassie viel öfter wie Hazels ständige Begleitung als umgekehrt. Tom grinste, löste den Arm von Cassie und umarmte Hazel kurz und fest. Cassie bemühte sich unterdessen, nicht zu lange in Sams wunderschöne blaue Augen zu sehen. Sie spürte, wie er sie mit seinem Blick abcheckte, während er wie immer lässig dastand, die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans geschoben. Gott, seit wann war sie in seiner Gegenwart so verlegen?

»Wie läuft’s an der Uni?«, fragte Hazel.

Tom rümpfte die Nase. »Nervig. Viel zu viel Arbeit dieses Jahr.« Cassie hatte sich schon Toms Gejammer darüber anhören müssen, dass sie im zweiten Studienjahr mehr arbeiten mussten als im ersten. »Für einige von uns jedenfalls«, fügte er hinzu. »Sam scheint das nichts auszumachen.« Sam zuckte mit den Schultern, und Cassie drehte sich zu ihm um, weil sie nun endlich einen Grund hatte, ihn anzusehen. Sie lächelte, und er nickte ihr zu.

»Gut siehst du aus, Cass.« Cassie spürte, wie ihre Wangen warm wurden, und quittierte das Kompliment mit einem angedeuteten Schulterzucken.

Tom verdrehte die Augen. »Das muss sie auch, wenn man bedenkt, wie viel Zeit sie mit diesen verdammten Lockenwicklern verbracht hat.« Cassie errötete noch mehr und hoffte inständig, dass es nicht so sichtbar war, wie es sich anfühlte. Sie warf Tom einen finsteren Blick zu, den dieser jedoch ignorierte.

Hazel kam Cassie zu Hilfe und boxte Tom freundschaftlich gegen den Arm. »Es ist Heiligabend, du Idiot, da macht man sich schick und sieht hübsch aus.«

»Das ist dir gelungen«, sagte Sam und blickte zu Cassie. »Hübsch auszusehen, meine ich.« Dann sah er zu Hazel und fügte schnell hinzu: »Euch beiden.«

Hazel warf Cassie einen kurzen, wissenden Blick zu, den Cassie nicht zu erwidern wagte, obwohl ihr kurz ganz heiß wurde. »Also, Rivers«, sagte Hazel, »ich finde, es wird Zeit, dass du mir einen Begrüßungsdrink spendierst, oder?«

Tom zog die Augenbrauen hoch. »Eigentlich musst du mir doch einen Begrüßungsdrink spendieren, weil ich derjenige bin, der nach Hause kommt, Niagara.« Niagara. Den Spitznamen hatten sich Tom und Sam ausgedacht und waren sich dabei unheimlich geistreich vorgekommen – weil die Niagarafälle so hoch waren. Anstatt sich darüber aufzuregen, hatte Hazel den Namen angenommen, und er war irgendwie an ihr hängen geblieben.

Hazel schnaubte. »Nebensache.« Sie stolzierte auf ihren langen Beinen davon, und Tom folgte ihr, sah sich kurz etwas hilflos nach Cassie um und ließ sie dann mit Sam allein. Hätte sie sich doch nur schon beim Hereinkommen etwas zu trinken geholt, dann wüsste sie jetzt, was sie mit ihren Händen anfangen sollte. So hingen sie nutzlos und unbeholfen an ihren Seiten herunter. Das ist Sam, sagte sie sich wieder mit Nachdruck. Aber ihr Körper wollte nicht hören. Es war, als ob der Abend, das warme Licht im Pub, der Geruch von Kiefernholz und das knisternde Feuer ihr nur noch bewusster machten, was für Blicke sie sich in den letzten Wochen zugeworfen hatten. Blicke, die vielleicht nichts bedeuteten, aber, na ja …

»Und du bist über Weihnachten bei deiner Mutter, ja?« Dumme Frage, Cassie. Sie wusste, dass er bei seiner Mutter wohnte. Herrgott, das konnte sie doch besser.

Sam schien sich daran jedoch nicht zu stören und nickte. »Sie wollte eigentlich heute Abend mitkommen, aber sie muss arbeiten.«

»Schade. Wie geht’s ihr?« Sie mochte Sams Mutter – sie war so herzlich.

»Ihr geht’s super«, sagte Sam, und der Ausdruck in seinen blauen Augen wurde eine Spur weicher.

»Und … deinem Vater?«, fragte Cassie zögernd.

Sam kniff die Augen zusammen, und der sanfte Ausdruck verschwand augenblicklich. »Keine Ahnung«, sagte er barsch. »Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass er in Sri Lanka surft oder so.«

Cassie zwirbelte erneut ihre Haarsträhne und steckte sie sich hinters Ohr. Immer wieder löste sie sich aus ihrer kunstvoll gestylten Frisur, bei der ein Teil des Haars auf dem Kopf festgesteckt war und der Rest offen herabfiel. »Hast du nichts von ihm gehört?«

»Nein, und das will ich auch nicht«, sagte er in einem Ton, der das Thema entschieden beendete, und Cassie wünschte, sie hätte es gar nicht erst angeschnitten. Sie wusste, wie Sam zu seinem Vater stand, aber weil Weihnachten war, hatte sie gedacht … Sie warf einen Blick zum Tresen, wo Hazel und Tom immer noch in der Schlange standen – wie Cassie vorausgesagt hatte, konnte Linda den Andrang allein nicht bewältigen. Cassie hatte ein schlechtes Gewissen – sie hätte darauf bestehen sollen, heute Abend zu arbeiten.

»Egal, wie geht’s dir, Cass?«

Cassie sah ihn wieder an und stellte fest, dass die Anspannung aus seinem Gesicht verschwunden war, als wäre sie nie da gewesen – er war wieder der lockere, lässige Sam. »Mir geht’s gut«, sagte sie und versuchte, sich seinem lockeren Ton anzupassen. »Ich habe letzte Woche meine Uni-Bewerbungen rausgeschickt.« Sie hatte es nicht so betonen wollen, aber es konnte auch nicht schaden, ihn daran zu erinnern, dass sie nicht viel jünger war als er. Tom und Sam waren zwischen Schule und Uni zwar ein Jahr durch Asien gereist und hatten die Welt gesehen, aber sie war immerhin achtzehn und er auch erst einundzwanzig.

»Ach ja?«

»Ja«, bestätigte sie. »BWL.« Durch die Arbeit mit Linda im Pub war ihr klar geworden, dass sie eines Tages gern ihren eigenen Laden haben würde. Und durch die Organisation der Weihnachtsfeier war sie auf Eventmanagement gekommen – sie habe ein Händchen dafür, hatte Linda gemeint. Doch als Cassie Linda vorgeschlagen hatte, ihr Studium aufzuschieben und für sie als Eventmanagerin zu arbeiten, hatte diese das rundweg abgelehnt. Der Pub brauche keine Eventmanagerin, hatte Linda gesagt, und Cassie solle auch nicht für immer in dieser Stadt und in diesem Pub hängen bleiben. Cassie war anderer Meinung – der Pub gab ihr ebenso wie ihre Heimatstadt ein Gefühl von Geborgenheit, auch wenn das ohne Tom nicht mehr ganz so sehr stimmte.

»Hey, BWL? Wo hast du …« Doch dann brach er ab, weil eine Vierergruppe den Sofatisch frei machte. Rasch griff er nach ihrer Hand, verschränkte seine Finger mit ihren und zog sie hinter sich her, um den Tisch zu besetzen. Sie lachte, weil er sie so hastig mit sich aufs Sofa zog, ohne dabei ihre Hand loszulassen. Sie lächelte noch immer, und er schüttelte den Kopf. »So einen Platz darf man sich doch nicht entgehen lassen, Cass.«

Es war einer der besten Tische, das musste sie ihm lassen. Direkt am knisternden Feuer, und in der Ecke stand der Weihnachtsbaum, den Cassie geschmackvoll in Rot und Gold geschmückt hatte. Auf dem niedrigen Holztisch brannte eine einsame Kerze, um die jetzt die leeren Gläser der anderen Gäste standen. Eine andere Gruppe junger Leute saß auf Hockern an einem der Hochtische neben ihnen, und eines der Mädchen musterte Cassie und Sam mit empörter Miene. Offenbar hatte sie selbst auf den Tisch gehofft. Bei Sam blieb ihr Blick jedoch hängen und wurde etwas neugieriger.

Lachend drehte sich Cassie wieder zu Sam um. Erst jetzt merkte sie, wie dicht er neben ihr saß, sein Bein drückte gegen ihres, seine Hand war immer noch mit ihrer verschränkt. Er streckte die freie Hand aus und strich ihr die lose Haarsträhne hinters Ohr, die sich seiner Berührung fügte und dort blieb, was Cassie selbst nicht geglückt war. Ihr Herz klopfte heftig.

»Du siehst wirklich wunderschön aus«, murmelte Sam, ohne ihren Blick loszulassen, und Cassie fühlte sich wie elektrisiert.

»Ausgezeichnet! Ihr habt einen Platz für uns ergattert.«

Als sie Toms Stimme hörte, zuckte Cassie zusammen, und Sam ließ ihre Hand los. Während Tom und Hazel sich auf dem gegenüberliegenden Sofa niederließen, atmete Cassie langsam aus.

Hazel reichte Cassie einen dunkelroten Ginpunsch mit einem dezenten Kirschduft und schenkte ihr ein kleines Lächeln, als hätte sie alles gesehen. »Habe ich euch bei was unterbrochen?«, fragte sie wie die Unschuld in Person.

Cassie kniff die Augen zusammen, was sie jedoch nicht so streng aussehen ließ wie gehofft. Sie hatte nach Sams Kompliment immer noch das Gefühl zu glühen – jetzt musste sie sich verdammt noch mal zusammenreißen.

»Cassie hat gerade erzählt, dass sie sich an der Uni beworben hat«, antwortete Sam.

»Ja. Für BWL«, bemerkte Tom abfällig, und als Sam fragend die Augenbrauen hob, schüttelte er den Kopf. »Langweilig.«

»Hey!«, rief Cassie.

Tom wandte sich zu ihr um. »Na, das ist es doch. BWL zu studieren, ist alles andere als aufregend, bar jeder Leidenschaft.«

»Es ist eine kluge Entscheidung«, beharrte Cassie und biss die Zähne zusammen. Denn das war es – ganz gleich, was sie am Ende tun wollte, ein Abschluss in BWL verschaffte ihr sicherlich eine gute Grundlage. Gut, es war nicht besonders glamourös oder abenteuerlich – aber sie war ja auch nicht gerade ein glamouröser oder abenteuerlicher Typ. Und genau das war das Problem – zumindest in Toms Augen.

Sie rollte die Schultern nach hinten, um dort eine leichte Anspannung zu lösen, und wandte sich dann an Sam. »Was ist mit dir? Willst du mir erzählen, dass du Jura studierst, weil das deine wahre Leidenschaft ist?« Tom konnte sie nicht damit kommen – er liebte Geologie tatsächlich. Trotzdem machte ihn das nicht zum Nerd, weil er zugleich sportlich, gut aussehend und charmant war. Und im Gegensatz zu ihr hatte er Großes vor. Er wollte in die Fußstapfen ihrer Eltern treten – im Bereich Umweltschutz arbeiten, etwas bewirken. Das war das zweite Problem, gestand Cassie sich ein – ihr Bruder würde wie ihre Eltern etwas Wichtiges und Sinnvolles tun, während sie … Jedenfalls waren ihre Pläne nicht so hochtrabend. Fast hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie sich dafür begeisterte, Veranstaltungen in ihrem Pub zu organisieren.

»Nein, aber ich werde reich werden, Cass, und dann kann ich tun und lassen, was ich will.« Sam grinste erst sie an und dann Tom, der aus Solidarität zurückgrinste.

»Geld ist nicht alles«, gab Cassie etwas steif zurück, hauptsächlich, weil sie dachte, das müsse sie sagen.

»Nein, aber es hilft ungemein«, sagte Sam, und obwohl er eindeutig versuchte, einen Scherz zu machen, hörte Cassie die unterschwellige Schärfe in seiner Stimme. Sie wusste, wie hart Sams Mutter arbeiten musste und dass Sam in seinem Abschlussjahr mehr Zeit mit seinem Nebenjob als in der Schule verbracht hatte – und trotzdem gut genug gewesen war, um in Manchester einen Studienplatz zu bekommen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, es irgendwie zurückzunehmen, doch dann sah sie Linda geradezu im Laufschritt ihren Tisch ansteuern, das Geschirrtuch an ihrem Gürtel wippte im Takt mit ihrem Haar.

Cassie runzelte die Stirn. »Ist alles …?«

»Die Lichterkette ist ausgegangen«, sagte Linda etwas atemlos. »Draußen.« Cassie warf einen Blick auf das Fenster hinter sich: Die Lichterkette, die sie dort angebracht hatte, war tatsächlich erloschen. »Und ich weiß, das ist nicht weiter schlimm, aber ich …«

Cassie hob die Hand und stand auf. »Ich kümmere mich darum.« Sie verstand das. Ganz gleich, wie Linda zu gekauften Mince Pies stand, dieser Pub war ihr Baby, und die Weihnachtsfeier gehörte zu den Höhepunkten des Jahres.

»Danke, Cassie.«

»Ich helfe dir«, erklärte Hazel, stellte ihr dampfendes Getränk auf dem Tisch ab und trat zu Cassie, während Linda zurück zur Bar eilte.

»Und?«, fragte Hazel und hakte sich bei Cassie ein. »Was läuft da mit Sam?«

»Nichts«, sagte Cassie. »Was meinst du?« Ihr Versuch, locker zu klingen, wäre vielleicht überzeugender gewesen, hätte ihre Stimme nicht ein ganz kleines bisschen zu hoch geklungen.

Doch Hazels Mutter Mel, die Hazel im Vorbeigehen abfing, bewahrte sie vor weiteren Fragen. Mel schmollte, was vermuten ließ, dass das Glas Rotwein vor ihr nicht ihr erstes war.

»Du hast noch gar nicht richtig mit mir gesprochen«, sagte Mel zu Hazel. »Komm, dein Vater ist auf dem Klo. Leiste mir fünf Minuten Gesellschaft – es ist schließlich Weihnachten!« Hazel sah zu Cassie und verdrehte die Augen, dann seufzte sie, als wollte sie sagen, dass sie es besser jetzt hinter sich bringen sollte. Cassie nickte – die Lichterkette konnte sie auch allein reparieren. Ehrlich gesagt wäre Hazel sowieso keine große Hilfe gewesen. Als Cassie einmal bei ihr übernachtet hatte, hatte Hazel es weder für nötig gehalten, die kaputte Glühbirne in der Deckenlampe auszuwechseln noch die in der Nachttischlampe und stattdessen ihr Handy benutzt, um sich im dunklen Zimmer zurechtzufinden.

»Wo ist Claire, Cassie?«, fragte Mel.

Cassie zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich schon im Bett. Sie hat es nicht so mit Weihnachten.« Falls irgend möglich, verkroch sich Claire bei allen gesellschaftlichen Ereignissen im Dorf. Mel gab ein missbilligendes »hmmm« von sich.

Cassie ließ Hazel mit ihrer Mutter zurück und lachte, als Hazel hinter Mels Rücken eine Grimasse schnitt. Sie winkte und machte sich auf den Weg zum Ausgang, spürte jedoch einen kleinen Stich. Hazel hatte wenigstens Eltern, mit denen sie herkommen konnte. Meistens fühlte sie sich der Tatsache gewachsen, dass sie praktisch ein Waisenkind war, aber manchmal brach der Schmerz über den Verlust durch, und Weihnachten war so ein Moment.

Als sie vor die Tür trat, betrachtete sie ihren dampfenden Atem. Es war eine wolkenlose Nacht, und die Sterne funkelten am Himmel. Das Stimmengewirr von drinnen drang gedämpft nach draußen, und Cassie hielt einen Moment inne, blickte nach oben und atmete die kalte Luft ein. Sie stellte sich vor, dass ihre Eltern sie von dort oben beobachteten. Sie gab sich nicht oft der Fantasie hin, dass sie irgendwo »da draußen« waren, aber heute, an Heiligabend, mit den funkelnden Sternen über ihr, schien es, als könnte sie diesen Gedanken zulassen.

Der Moment währte jedoch nicht lange, denn es war verdammt kalt. Sie schlang die Arme um sich und untersuchte die Lichterkette. Es sah so aus, als ob nur ein Teil nicht funktionierte – die Lampen, die über dem zweiten Fenster des Pubs hingen. Vielleicht war nur eine Glühbirne defekt.

Die Tür des Pubs ging auf, und Sam kam mit ihrer Lederjacke in der Hand heraus. Es war nicht gerade ihre wärmste Jacke, aber »warm« war heute Abend auch nicht das entscheidende Kriterium gewesen. Er hielt sie ihr hin. »Ich dachte, die könntest du brauchen.«

»Danke«, sagte sie und zog sie an.

»Und ich habe gesehen, dass Hazel von ihrer Mutter in Beschlag genommen wurde, also wollte ich fragen, ob du Hilfe brauchst, während Tom uns noch eine Runde organisiert.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen, wippte ein wenig auf den Fußballen auf und ab und stand in sicherem Abstand zu Cassie.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Lichterkette zu und versuchte, den Umstand zu ignorieren, dass nur sie beide hier draußen waren. »Ich glaube, es ist nur eine Glühbirne kaputt.« Sie trat näher heran und untersuchte mit angestrengter Miene die Birnen. »Die Kette ist schon alt«, gab sie zu. »Jemand wollte sie entsorgen, und ich dachte, wir könnten sie hier gebrauchen.«

»Hattest du wieder Mitleid mit unbelebten Gegenständen?«

Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah, wie er sie angrinste. »Ich habe etwas gegen Müll«, sagte sie leicht defensiv. Und ja, gut, sie mochte es auch nicht, wenn alte Dinge weggeworfen oder weggepackt wurden, nur weil sie nicht mehr funkelnagelneu waren. Mit ein bisschen Arbeit konnte man sie wieder zum Strahlen bringen.

Sie machte sich an den Glühbirnen zu schaffen und lächelte, weil Sam sich im Gegensatz zu Tom nicht einmischte und das Problem zu lösen versuchte. Sie entdeckte die Ursache – eine lockere Glühbirne – und drückte sie fest in die Fassung. Die Kette erstrahlte in wunderschönem Weiß. »Et voilà!«, rief sie, klatschte in die Hände und trat zurück, wobei sie gegen Sam stieß. Sie verlor das Gleichgewicht und spürte, wie er die Hände auf ihre Schultern legte, um ihr Halt zu geben.

Langsam drehte sie sich um und legte den Kopf in den Nacken, um sein Gesicht sehen zu können – in seinen Augen schimmerten lauter kleine Lichtreflexe. Seine Hände blieben, wo sie waren, und als sie den Atem anhielt, verstärkte sich sein Griff für einen kurzen Moment, bevor er sie losließ. Sie zwang sich, einen Schritt zurückzutreten, den Duft seines dezenten Aftershaves noch in der Nase.

Sie räusperte sich. »Sollen wir …?« Sie deutete auf den Pub.

Er nickte. »Ja.«

Sie versuchte, die aufsteigende Enttäuschung zu ignorieren. Was genau hatte sie erwartet? Nein, Cassie, lass uns lieber hier draußen bleiben und rumknutschen? Sie schnaubte fast, als sie auf den Eingang des Pubs zuging.

»Aber zuerst …« Sie drehte sich zu ihm um und sah, wie er leicht errötete. »Ich, ähm, habe ein Geschenk für dich.« Er griff in seine Jackentasche und holte etwas heraus. Sie ging einen Schritt auf ihn zu und blickte neugierig auf die winzige Pappschachtel in seiner Hand. Schlicht, nicht verpackt. Keine Schleife.

Sie machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Sie hatte nichts für ihn. Manchmal machten sie sich Scherzgeschenke – und ein paar Jahre hatten sie zu viert gewichtelt, aber dieses Jahr hatte keiner etwas gesagt, und sie hatte nicht daran gedacht, ihm etwas zu besorgen. Okay, na gut, das stimmte nicht ganz – sie hatte daran gedacht, aber gefürchtet, es könnte komisch aussehen oder dass es ihm unangenehm wäre oder so. Außerdem hatte sie nicht gewusst, was sie ihm schenken sollte, das nicht zu übertrieben war, aber auch nicht so einfallslos wie Socken oder ein Stift.

Er drückte ihr die Schachtel in die Hand, ohne ihr dabei in die Augen zu sehen. »Na, los«, sagte er etwas schroff. »Mach sie auf.«

»Ich habe nichts für dich«, gab sie zu.

Er verdrehte die Augen und lockerte dadurch die kaum merkliche Spannung zwischen ihnen. »Mach sie einfach auf, Cass.«

Sie hob den Deckel der Schachtel an: Darin lag eine Halskette. Sie nahm sie heraus, um sie näher zu betrachten, und die kühle Silberkette streifte ihre ohnehin schon kalten Finger. Als sie den Anhänger sah, stockte ihr der Atem. Es war ein Stein, den sie vor Monaten gefunden hatte, als sie in den Sommerferien alle zusammen am Strand gewesen waren. Sie hatte es traurig gefunden, dass niemand die wunderschönen Steine dort beachtete. Sie waren ihr nahezu einsam vorgekommen, und sie hatte die schönsten aufgesammelt und je einen Tom, Sam und Hazel geschenkt.

»Es ist der Stein, den du mir gegeben hast, als …«

»Ich erinnere mich«, murmelte Cassie und stellte verlegen fest, dass sie einen Kloß im Hals hatte. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über den Stein.

»Genau.« Sam räusperte sich. »Ich … So ist er schön, oder? So kann er länger … was auch immer.«

Sie blickte zu Sam hoch und sah, wie er sich mit der Hand über den Nacken fuhr und unglaublich verlegen aussah – so verlegen, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.

»Ich bin damit in ein Geschäft gegangen, und sie haben eine Halskette daraus gemacht. Es ist albern«, fügte er schnell hinzu, »du musst sie nicht behalten – ich dachte nur …«

»Ich finde sie wunderschön«, sagte sie entschieden, aber mit sanfter Stimme. Sie zögerte einen Moment, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. So etwas hatte sie noch nie getan, und es fühlte sich sehr erwachsen an, als wäre es der Anfang einer neuen Ära, der Beginn von etwas Neuem. Sie merkte, wie Sam ganz still wurde, und spürte seinen Atem über ihr Ohr streichen. »Danke«, murmelte sie.

Sie blickten sich tief in die Augen, und ihr war, als müsste sie den Atem anhalten, weil er den Moment zerstören könnte. Sie sollte lächeln oder kreischen und die Arme um ihn werfen. Das hatte sie doch schon so oft getan. Aber sie konnte sich nicht dazu durchringen.

»Cassie«, sagte Sam mit heiserer Stimme. Er streckte seine Hand aus, um wieder mit der Haarsträhne zu spielen, und ihr Nacken kribbelte. »Ich …«

»Da seid ihr ja!«

Als Tom nach draußen kam, wandte Cassie sich abrupt von Sam ab.

»Kommt rein. Hazel bewacht den Tisch, und Linda wird uns bald alle nötigen, Weihnachtslieder zu singen – da könnt ihr uns doch nicht im Stich lassen.«

Cassie schnaubte. »Ich höre dich oft genug unter der Dusche singen – ich bin überrascht, dass du kein Solo darbringen willst.« Gemeinsam traten Sam und Cassie zu Tom. Cassie wagte es nicht, Sam anzusehen, sie hielt die Halskette und die Schachtel immer noch in der Hand.

»Bist du eifersüchtig auf meine unglaubliche Gesangsstimme, Streifenhörnchen?«

Cassie rümpfte die Nase über den Spitznamen, den er nur benutzte, wenn er sie ärgern wollte – er bezog sich auf ihre Größe und darauf, dass ihre Vorderzähne in ihrer Kindheit im Verhältnis dazu viel zu groß gewesen waren. Deshalb hatte sie schon genug Komplexe gehabt, auch ohne dass er sie daran erinnerte – aber das schien er nicht zu verstehen.

»Mit deiner piepsigen Streifenhörnchenstimme wirst du uns bestimmt alle bloßstellen.«

»Ich habe keine piepsige Streifenhörnchen…«

»Ah, da ist sie ja schon.«

Cassie sah Tom finster an und widerstand dem Drang, ihm wie eine Vierjährige die Zunge herauszustrecken. Sie blickte zu Sam, der eine neutrale Miene bewahrte – fest entschlossen, sich nicht einzumischen. Etwas, das er vermutlich oft genug getan hatte. Eigentlich war er immer auf Toms Seite, das wusste Cassie – schließlich war er zuerst Toms Freund gewesen, bevor er auch ihrer wurde –, aber sie war dankbar, dass er sich Mühe gab, keine Partei zu ergreifen.

»Ach, komm schon«, sagte Tom, legte den Arm um Cassie und zog sie zurück in den warmen Pub. »Sei nicht sauer mit mir, sonst bekommst du morgen nicht deinen ersten Hinweis.«

Sie krauste die Nase, dann seufzte sie und lehnte sich an ihn. »Ich hoffe, es reimt sich, mehr sage ich nicht.«

»Natürlich«, sagte Tom und legte sich dramatisch eine Hand aufs Herz. »Glaubst du, ich will, dass du wieder so einen Koller bekommst wie 2003?«

Sie überging die Stichelei und sagte nur: »Gut. Wenn es sich nicht reimt, ist es keine Schatzsuche.«

»Das sagtest du bereits – mehrfach.«

Cassie sah sich nach Sam um. Er erwiderte ihren Blick, lächelte ihr kurz zu, trat dann an Toms andere Seite und klopfte ihm auf dem Weg zum Tisch auf den Rücken. Als Cassie sich an den Tisch setzte, steckte sie die Halskette und die kleine Schachtel in die Tasche ihrer Lederjacke, bevor sie sie auszog. Sie wollte die Kette noch niemandem zeigen. Später würde sie Hazel davon erzählen, und zweifellos würde Tom es früher oder später herausfinden, aber heute Abend, an Heiligabend, wollte sie sie ganz für sich allein haben.

ZWEI JAHRE SPÄTER

KAPITEL ZWEI

Der Schnee glitzerte unter Cassie im Sonnenlicht. Am strahlend blauen Himmel zogen nur vereinzelt zarte Wolkenfetzen vorbei. Ringsum erstreckten sich Berge, fast beängstigend in ihrem Ausmaß. An einigen Stellen, wo der Schnee geschmolzen oder noch nicht ganz fest war, lugte der graue Fels durch das Weiß. Die umliegenden Kiefern sahen mit ihren weißen Hauben aus wie aus einer Schneekugel, und der kalte, beißende Wind drang durch ihre dicke Skijacke, die an ihr nicht ganz so lässig und modisch aussah wie an dem Modell im Internet.

Cassie konnte die wunderschöne Alpenlandschaft allerdings nicht wirklich genießen, denn Hazel und sie schwebten langsam den Berg hinauf – in einem Sitz, der an kaum mehr als an einem Telefondraht zu hängen schien. Ihre Beine baumelten hilflos in der Luft, und Cassie sorgte sich ständig, ihre Skier könnten ihr von den Füßen fallen und einen ahnungslosen Skifahrer treffen. Sie klammerte sich an dem Sicherheitsbügel fest und dachte an das eine Mal, als Tom sie als Jugendliche auf eine Achterbahn gezwungen hatte – es war furchtbar gewesen. Das schrecklich mulmige Gefühl im Magen und wie sie nach dem Aussteigen durch den Adrenalinstoß fast kollabiert wäre. Und diesmal war es noch schlimmer, denn wenn sie ausstiegen, musste sie den verdammten Berg auch wieder hinunterfahren.

»Bereit?«, fragte Hazel fröhlich und griff nach dem Bügel, woraufhin Cassie ihn noch fester umklammerte. Sie beobachtete, wie Tom und Sam zwei Plätze vor ihnen scheinbar mühelos und anmutig von dem Sessellift in den Schnee glitten.

»Nein«, zischte sie durch zusammengebissene Zähne.

»Doch, das bist du«, sagte Hazel entschieden, schob den Bügel nach oben und zwang Cassie so, ihn loszulassen. »Du musst aussteigen, sonst geht es dir wie Bridget Jones, du drehst eine Schleife und fährst wieder runter. Und das ist noch beängstigender.«

Der Absprungplatz, oder wie auch immer man ihn nennen sollte, kam näher. Cassie schluckte, ihre Kehle war trocken.

»Steh einfach auf, okay? Es ist ganz einfach. Einfacher, als es aussieht, vertrau mir. Okay?«

»Okay«, murmelte Cassie. Schließlich blieb ihr auch nichts anderes übrig, oder? Sie war bisher nur auf einem kleinen Übungshang gefahren, doch dann hatte Hazel verkündet, sie sei jetzt bereit für einen höheren Berg, was sie eindeutig nicht so empfand.

Als ihre Skier den Boden berührten, stand Cassie ohne weiter nachzudenken auf und spürte, wie der Sessellift ihren Kniekehlen einen kleinen Schubs gab. Dann glitt sie mit Hazel zu der Stelle, wo Tom und Sam warteten. Sie stolperte, fiel aber nicht.

Okay, gut. Ein Punkt für sie. Denn beim Aussteigen aus dem Sessellift vor Sam auf die Nase zu fallen, passte nicht zu der selbstsicheren, sexy Person, die sie in diesem Urlaub sein wollte. Denn vielleicht – nur vielleicht – würde diesmal wirklich etwas zwischen ihnen passieren. Vor ihnen lag eine ganze Woche, in der neben den Aktivitäten zu viert vielleicht auch etwas Zeit für Zweisamkeit blieb. Vielleicht – nur vielleicht – würde aus den Blicken und den gelegentlichen Berührungen der letzten zwei Jahre – die immer ein bisschen zu lange dauerten, um nur als freundschaftlich durchzugehen – endlich etwas werden. Doch sie wollte nicht zu hohe Erwartungen an den Urlaub stellen.

Sie fand, dass sie, trotz des blassblauen Ski-Outfits, für das sie sich entschieden hatte, eher wie ein blassblauer Marshmallow aussah oder, in Anbetracht ihrer Größe, wie eine Dreizehnjährige als eine sexy Skifahrerin. Gern hätte sie behauptet, dass niemand beim Skifahren gut aussah, aber Hazel schaffte das problemlos in ihrem lila-schwarzen Outfit, das schwarze Haar bildete einen schönen Kontrast zu dem weißen Schnee. Andererseits war Hazel schon mehrfach mit ihrer Familie Ski gelaufen. Auch Tom und Sam waren schon ein paarmal zusammen gefahren. Nur Cassie hatte noch nie auf Skiern gestanden – Claire war kein Typ für Familienurlaube, und Skifahren war teuer. Und ehrlich gesagt, hatte sie die Vorstellung nie gereizt, sich Bretter unter die Füße zu schnallen und so schnell wie möglich einen Berg hinunterzusausen. Bevor ihre Eltern gestorben waren, waren sie auf Toms Drängen hin einmal in den Skiurlaub gefahren, aber sie war noch zu klein gewesen, um sich daran zu erinnern, deshalb zählte das wohl nicht. Und wie viel konnte sie in dem Alter schon gefahren sein?

Tom schob seine Sonnenbrille auf den blonden Haarschopf hoch, grinste Cassie an, die auf ihn zugefahren kam, und packte ihren Arm, um sie zum Stehen zu bringen. Sie holte tief Luft, worüber er und Sam lachten.

»Mach nicht so ein begeistertes Gesicht, Cass«, sagte Sam, dessen Augen von einer dunklen, teuer aussehenden Sonnenbrille verdeckt waren, »sonst sieht es noch so aus, als hätten wir alle schlechte Laune.«

Sie verdrehte nur die Augen. Teils, weil sie nun oben am Hang standen und überall Skifahrer um sie herumflitzten und sich von den steilen Hängen zu stürzen schienen, wie es ihr vorkam, und ihr Mund so trocken war, dass sie nicht wusste, ob sie überhaupt noch zusammenhängende Sätze herausbekam.

»Na, dann los.« Hazel grinste Tom und Sam an, und ihre grünen Augen funkelten. »Ich wette mit euch beiden um ein Bier, dass ich schneller unten bin.«

Tom schnaubte verächtlich. »Von mir aus, Niagara. Du wirst meinen Schneestaub fressen.«

Hazel legte den Kopf schief. »Nennt man das Schneestaub?«

Tom zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.« Er sah Cassie an. »Bereit?«

»Nein«, sagte Cassie unverblümt. Hier oben fühlte sie sich wohl, also blieb sie ganz still stehen.

»Doch, das bist du«, wiederholte Hazel, als könnte sie allein durch ihre Willenskraft Cassies Gefühle verändern.

»Bin ich nicht. Wie wäre es, wenn ich hier oben bleibe und wir uns später wieder treffen?«

Hazel stemmte eine Hand in die Hüfte, mit der anderen hielt sie ihre beiden Stöcke fest. »Und wie genau willst du runterkommen?«

»Ich gehe zu Fuß«, schoss Cassie zurück. Das war auf jeden Fall einfacher als Skifahren.

»Den Babyhang hast du doch gut gemeistert«, beharrte Hazel. Obwohl die Bezeichnung »Babyhang« nicht gerade vertrauenerweckend klang. »Und das hier ist eine leichte blaue Piste, das schaffst du schon.« Soweit Cassie das sehen konnte, gab es drei verschiedene Abfahrtsmöglichkeiten, und Hazel deutete auf die Piste, die sie offenbar nehmen wollten. Auf Cassie wirkte sie ganz und gar nicht einfach, sondern steil, und außerdem fuhren bereits eine Menge Leute hinunter – massenhaft Leute, mit denen man zusammenstoßen konnte. Sie spürte jedoch, wie alle drei sie ansahen, und entschied zu schweigen und sich cool und selbstbewusst zu geben, obwohl sie wirklich Angst hatte.

Hazel glitt anmutig zum Start und sah sich um, ob die anderen ihr folgten.

»Du schaffst das, Cassie«, sagte Tom sanft, bewegte sich langsam auf den Rand des Hangs zu und zog sie an ihrer behandschuhten Hand mit. »Das macht Spaß, glaub mir – wenn du unten ankommst, bist du froh, dass du es gemacht hast.«

»Auf drei«, sagte Hazel energisch und warf Cassie einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete, also nickte sie. Tom ließ Cassies Hand los, schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und lächelte ihr aufmunternd zu, während er einen Stock in jede Hand nahm. Cassie spürte, dass Sam hinter ihr stand, ihr Körper spürte stets, wo er war.

»Eins, zwei, drei.«

Aber sie schaffte es nicht. Sam, Hazel und Tom stießen sich mit den Stöcken ab, Hazel und Tom fuhren nach links, Sam nach rechts … während Cassie wie angewurzelt stehen blieb. Ihre Beine schienen vergessen zu haben, wie sie den Anweisungen ihres Gehirns Folge leisten konnten.

»Komm schon, Cassie«, murmelte sie sich aufmunternd zu und schaffte es mit einiger Mühe, sich abzustoßen. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, was Tom und Hazel ihr vorhin hatten beibringen wollen. Skier parallel und den rechten Fuß belasten, um nach rechts abzubiegen, richtig? Sie versuchte es, spürte, wie sie schneller wurde und sich ihr Herzschlag beschleunigte. Sofort führte sie, um abzubremsen, die Skispitzen zum Schneepflug zusammen, wie Hazel es ihr gezeigt hatte.

»Das sieht gut aus, Cassie!« Sie löste den starren Blick vom Schnee und sah, wie Hazel den Daumen hob. Tom, dessen rote Skijacke deutlich hervorstach, hatte an der Seite der Piste gewartet, vermutlich, um zu sehen, ob sie ihnen folgte. Nun stieß er sich erneut ab und raste direkt an Hazel vorbei.

»Hey!«, rief diese und beschleunigte ebenfalls. »Das ist nicht fair!« Die beiden wedelten den Hang hinunter und wurden immer schneller, bis sie sie nicht mehr sah.

Na, toll. Einfach toll. Cassie keuchte und versuchte erneut, vorsichtig ein Stück zu fahren. Diesmal schaffte sie es, einige Sekunden lang in Bewegung zu bleiben, bevor sie in Panik geriet und ruckartig zum Stehen kam. Als sie hinter sich ein leises Lachen hörte, fuhr sie herum und sah Sam, das dunkle Haar zerzaust, der marineblaue Skianzug eine Beleidigung für ihr Outfit.

Sie kniff die Augen zusammen. »Wie bist du hinter mir gelandet?« Er sollte doch nicht sehen, wie ungeschickt sie war.

»Ich habe nur kurz die Aussicht bewundert.« Seine Lippen zuckten, als sie sich von ihm abwandte, um auf ihre Skier zu starren, was ihn erneut zum Lachen brachte. »Komm schon, Cass, so schlimm ist es nicht.«

»Du hast leicht reden. Du kannst schließlich Ski fahren.«

»Das kannst du auch«, sagte er leichthin. »Wir können langsam fahren, komm.« Er stieß sich ab und sah hinter sich, um sich zu vergewissern, dass sie ihm folgte. Sie verzog das Gesicht, setzte ihre Skier wieder in Bewegung und versuchte, genau in seiner Spur zu fahren.

»Gut«, lobte er, als sie ihn eingeholt hatte. »Jetzt versuch, die Skier parallel zu halten und in Bögen zu fahren, um das Tempo zu drosseln. Wenn du den ganzen Hang im Schneepflug zurücklegst, bist du am Ende fix und fertig.«

»Wenn ich was?«

»Pass auf, verlagere dein Gewicht.« Sam fuhr wieder los, und Cassie folgte ihm und versuchte, es ihm nachzumachen. Sie fuhren zwei volle Kurven, ohne anzuhalten, und Cassie musste unwillkürlich lächeln. Sie schaffte das!

Sie lächelte Sam an, der darauf gewartet hatte, dass sie zu ihm aufschloss. Er erwiderte ihr Lächeln, die Augen noch immer von der Sonnenbrille verdeckt. Und sie spürte Schmetterlinge im Bauch, wie immer in seiner Gegenwart – und wie bei niemandem sonst, auch nicht bei dem Typen von der Uni, mit dem sie drei Monate lang zusammen gewesen war.

»Okay«, sagte Sam ruhig, als sie bei ihm war. »Jetzt kommen ein paar Buckel, also …«

Cassie runzelte die Stirn. »Ein paar was?«

»Die sind wie Hubbel im Schnee.« Er deutete die Piste hinunter, und Cassie sah kleine Schneehügel, die willkürlich über den nächsten Abschnitt des Hangs verteilt waren. »Versuch, nicht direkt über sie zu fahren, okay?« Cassie war sich nicht sicher, ob sie in dieser Angelegenheit viel zu sagen hatte. Sam schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. »Fahr mir einfach hinterher.«

Er fuhr los, und sie gab sich alle Mühe, ihm zu folgen. Doch nach ein paar weiteren Bögen wendete sie zu früh und sauste den Hang hinunter, direkt auf einen dieser Buckel zu. Wende, forderte sie sich auf, aber ihre Beine wollten nicht gehorchen, und der Hügel kam zu schnell. Sie kniff die Augen zusammen und spürte, wie sie direkt über den Buckel sauste. Und es war alles okay! Erleichtert stieß sie die Luft aus. Alles war okay, und es war keine große Sache und … Nein, es war nicht okay. Sie wurde schneller. Sie wurde eindeutig immer schneller. Bevor sie etwas dagegen tun konnte, schoss sie über einen weiteren Buckel und beschleunigte noch mehr.

Nicht schreien. Nicht schreien, nur denken. Ihr Herz pochte wie wild, und ihre Beine fühlten sich schwach an, als sie versuchte, das Gewicht zu verlagern. Und dann stürzte sie, krachte hart mit der Schulter in den Schnee und sah flüchtig die Skier eines anderen Fahrers an ihr vorbeirasen. Sie rollte zur Seite, bevor sie schwer atmend liegen blieb. Als sie versuchte, sich aufzusetzen, merkte sie, dass ihre Hände zitterten. Sie japste nach Luft; es fühlte sich gefährlich nach einem Schluchzen an.

Jemand stoppte neben ihr, und sie blickte auf und blinzelte ins Sonnenlicht. Vor dieser Kulisse sah Sam wie ein verdammter Held aus, er hielt einen ihrer Skier hoch. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie das verdammte Ding verloren hatte. »Alles okay?«, fragte Sam.

Sie nickte nur und schluckte. In Wahrheit brannten ihre Augen, und sie verspürte den absurden Drang zu weinen, wie ein Kind, das sich die Knie aufgeschürft hat. Aber sie holte tief Luft und beherrschte sich. Sie war doch nicht verletzt, oder? Zumindest soweit sie das beurteilen konnte. Ein paar blaue Flecken vielleicht, aber das war alles.

Sam beugte sich hinunter und befestigte den Ski wieder an ihrem Fuß. Dabei ruhte seine Hand einen Moment länger als nötig auf ihrer Wade, sie spürte es sogar durch ihre lächerliche Skihose. »Komm, wir schaffen es bis zu der Hütte, die auf halbem Weg nach unten liegt. Da können wir einen Boxenstopp einlegen.«

Sie nickte erneut, griff nach der behandschuhten Hand, die er ihr hinstreckte, und ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. Dann fuhren sie ganz langsam weiter die Piste hinunter. Cassie kam sich total idiotisch vor, sie war alles andere als die coole, sexy Person, die sie eigentlich sein wollte – im Gegensatz zu Sam, der aussah wie aus einer Anzeige der blöden Skiwoche. So hatte sie sich die Zeit mit ihm allein nicht vorgestellt.

Sam hatte recht – auf halber Strecke der Piste gab es eine Hütte oder ein Restaurant oder so etwas. Sie schnallten die Skier ab und stapften auf die Terrasse. Es war unmöglich, in Skistiefeln zu gehen, und Cassie war dankbar, als sie eine unbesetzte Bierbank entdeckte, auf der sie sich niederlassen konnte. Ihr taten jetzt schon die Füße weh. Wie hielten die Leute das nur den ganzen Tag aus?

»Ich besorge uns etwas zu trinken, okay?«, bot Sam an. Cassie sah zu ihm hoch, aber er bahnte sich bereits einen Weg durch die Leute in Richtung Hütte.

Sie holte ihr Handy aus der Reißverschlusstasche und war froh, dass sie es in eine Schutzhülle gesteckt hatte, denn vorhin musste sie darübergerollt sein. Sie hatte eine Nachricht bekommen. Hoffentlich von Hazel, die sich dafür entschuldigte, dass sie nicht auf sie gewartet hatte, oder die völlig panisch fragte, wo sie war. Doch sie war von Linda, die wissen wollte, ob es schön sei. Cassie tippte lächelnd eine Antwort – obwohl sie nicht sicher war, ob man es als schön bezeichnen konnte, wenn man mit dem Gesicht im Schnee gelandet war und peinlich schlecht Ski fuhr. Doch jetzt vor der Hütte zu sitzen, war schön – die Sonne schien ihr warm ins Gesicht, und das grüne Lametta vor dem Holzgebäude sorgte zusammen mit dem Schnee für eine schöne, weihnachtliche Atmosphäre.

Linda antwortete.

Schick mal ein Foto!

Cassie tat ihr den Gefallen und machte eine Aufnahme vom Panorama. Mit dem strahlend blauen Himmel sahen die Berge wirklich wunderschön aus, das musste sie zugeben.

Wundervoll!, antwortete Linda.

Ich wünschte, du könntest hier sein xxx

Cassie hatte sie eingeladen, aber Linda hatte abgelehnt, sie könne doch nicht mit den »Kindern« fahren, da könne sie nicht mithalten. Doch Cassie vermisste sie. Da sie jetzt an der Uni war, hatte sie Linda seit dem Sommer nicht mehr gesehen. Cassie war klar, dass Linda eigentlich abgesagt hatte, weil sie ihr »Baby«, den Pub, nicht der Obhut eines anderen überlassen wollte.

Sam kam mit zwei Gläsern heißer Schokolade mit Schlagsahne und Marshmallows oben drauf an den Tisch zurück. Lächelnd reichte er ihr eins. »Heiße Weihnachtsschokolade«, sagte er und schwang sein Bein über die Bank, um sich neben sie zu setzen.

Sie legte beide Hände um das Glas, genoss die Wärme, pustete und nahm einen Schluck. Es schmeckte nach echter Schokolade – nicht wie der Instantkakao, den man zu Hause hatte – und nach einem Hauch Zimt.

Sie seufzte zufrieden, und Sam grinste sie an. »Es gibt nichts Besseres, stimmt’s?«

Cassies Handy, das auf dem Tisch lag, leuchtete auf, Hazel hatte eine Nachricht in ihrer Ski-WhatsApp-Gruppe gepostet.

Tom und ich nehmen eine schwarze Piste!! Danach gehen wir in eine Hütte unten am Berg – treffen wir euch dort?

Cassie verzog das Gesicht. Das hatte sie kommen sehen, sie hatte Tom, aber auch Hazel gesagt, dass sie alle aufhalten würde, dass es furchtbar würde. Aber hatten sie auf sie gehört? Nein. Beide hatten nur gemeint, sie werde es lernen, und es mache trotzdem Spaß und würde niemanden stören, ihretwegen langsamer zu fahren. Und jetzt das.

Sie blickte auf und sah, dass Sam ebenfalls in seinem Handy scrollte und vermutlich dieselbe Nachricht las. Sie seufzte. »Wenn du willst, kannst du ruhig mit ihnen fahren.« Das musste sie ihm anbieten, auch wenn sie eigentlich nicht allein zurückbleiben wollte – und wie zum Teufel sollte sie den Rest des Hangs ohne ihn hinunterkommen?

Er schüttelte den Kopf und steckte das Handy zurück in die Skijacke. Inzwischen hatte er die Sonnenbrille abgenommen, und das tiefe Blau seiner Augen wirkte hier oben, vor dem blauen Himmel und dem glitzernden Schnee, noch intensiver als sonst. »Nein, lass die mal machen. Ein Wettrennen auf einer schwarzen Piste ist nicht besonders reizvoll.« Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu, und er grinste. »Okay, ist es doch, aber hier mit dir zu sitzen, auch.«

Sie sah ihm in die Augen und schenkte ihm ein kleines Lächeln. Cool und selbstbewusst, Cassie. Aber sie wusste nicht so recht, wie sie das anstellen sollte. Es war nicht so, als würde sie mit einem der Jungs an der Uni flirten. Sam kannte sie. Er kannte sie praktisch schon ihr ganzes Leben. Bei ihm konnte sie nicht so tun, als wäre sie jemand anderer. Er sah sie weiter an, und sein Grinsen war diesem durchdringenden Blick gewichen, mit dem er sie manchmal ansah – normalerweise wenn er dachte, dass sie es nicht bemerkte. Sie überlegte, was sie sagen sollte, aber nichts schien ihr richtig. Das ging nun schon eine ganze Weile so, beide achteten sorgsam – viel zu sorgsam – darauf, die freundschaftliche Grenze nicht zu überschreiten. Oder vermutlich eher die Grenze von »der Schwester des besten Freundes« zur Freundin.

In der WhatsApp-Gruppe erschien eine weitere Nachricht und rettete sie.

Wie geht es dir, Cassie? Sie war von Tom.

Cassie zog eine Grimasse und tippte. Wenn ich es heil nach unten schaffe, lasse ich es dich wissen.

Sofort leuchtete ihr Telefon erneut auf, doch diesmal war es eine Nachricht von Sam. Es geht ihr gut.

Cassie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, und er zuckte mit den Schultern. »Stimmt doch.«

Sie ignorierte ihn und tippte eine weitere Nachricht in die Gruppe.

Ich bin gestürzt.

Sie ist wieder aufgestanden.

Sie warf Sam einen vernichtenden Blick zu.

»Bist du doch«, sagte er entschieden. »Es zeugt von mehr Mut, wieder aufzustehen und weiterzufahren, als wenn man auf Anhieb brillant ist. Stimmt doch, oder?«

Das ist die richtige Einstellung, hatte Hazel zurückgeschrieben.

»Und? Wie ist London?«, fragte Cassie in dem Versuch, von sich abzulenken. »Ist es so, wie du gehofft hast?« Er hatte sein Referendariat in einer äußerst angesehenen Londoner Anwaltskanzlei begonnen und teilte sich eine Wohnung mit Tom, der an der UCL einen Master in Nachhaltigkeit machte. Er war fest entschlossen, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, auch wenn ihr Einsatz für den Umweltschutz sie das Leben gekostet hatte, als sie auf einer Forschungsreise mit einem kleinen Flugzeug abgestürzt waren. Natürlich hatte Cassie Tom nicht darauf hingewiesen – er wusste es genauso gut wie sie, und sie wollte ihm mit ihren Bedenken nicht verderben, wofür er so leidenschaftlich brannte. Aber sie machte sich Sorgen. Sie befürchtete, dass sein Ehrgeiz und seine Leidenschaft für die Arbeit ihn von ihr wegführen würden – und vielleicht in gefährliche Gegenden.

Sam nickte. »Viel Arbeit, aber gut.« Er lachte. »Um ehrlich zu sein, ist es toll. London ist so gottverdammt glamourös, Cass.« Er legte den Kopf schief. »Wann kommst du Tom und mich besuchen?«

»Bald«, antwortete sie vage und überspielte den kleinen Schreck darüber, dass er sie offenbar einlud. Irgendwann würde sie die beiden vermutlich besuchen, aber Tom war gerade erst hingezogen, er sollte sich erst einmal einleben. »Ich habe gehört, eure Wohnung ist ganz okay?«

Sam rümpfte die Nase. »›Okay‹ ist gut. Es ist eine Bruchbude, aber es ist ja nicht für ewig. Die ersten zwei Jahre in der Kanzlei verdiene ich nicht besonders viel, aber danach geht es aufwärts, und ich werde mir etwas Besseres leisten können.«

Cassie schwieg. Geld war für Sam schon immer äußerst wichtig gewesen. Obwohl sie es verstand, mochte sie das am wenigsten an ihm. Seine Mutter hatte es in seiner Kindheit und Jugend schwer gehabt – vermutlich hatte sein Vater, der kaum da war, nicht viel zu den Finanzen beigetragen. Sie hatten zwar nicht gerade kurz vor der Obdachlosigkeit gestanden, aber seine Mutter kaufte für sich und Sam stets in Sozialkaufhäusern ein, achtete auf die Lebensmittelpreise und all das. Als Sam zu Beginn eines Schuljahrs eine gebrauchte Uniform trug, hatte er sich so geschämt, dass Tom ihn überreden musste, die Uniform mit ihm zu tauschen. Claire hatte natürlich nichts bemerkt – sie versah ihre Pflicht als Erziehungsberechtigte eher nachlässig. Sam war irgendwann darüber hinweggekommen, aber er strebte immer nach mehr. Cassie hoffte, dass er glücklich sein würde, wenn er es geschafft hatte, wenn er genug Geld verdiente, um sich eine schicke Wohnung in London zu mieten und die Kleidung zu kaufen, die er wollte.

»Und bei dir?«, fragte Sam. »Wie ist es in Leeds? Ich habe gehört, du hast einen Typen kennengelernt …?« Er zog die Augenbrauen hoch, und sie musste schmunzeln.

»Ich genieße es«, sagte sie. Und das stimmte. Es gefiel ihr besser an der Uni, als sie gedacht hatte, obwohl das erste Jahr ziemlich turbulent gewesen war. Sie war froh, dass sie eine Campus-Universität gewählt hatte, wo alles an einem Ort war. »Und ja, ich habe jemanden kennengelernt …« Warum wurde sie rot?, »… aber wir haben uns vor zwei Monaten wieder getrennt.« Cool und selbstbewusst, Cassie. Cool und selbstbewusst.

»Ach, das tut mir leid.« Er nippte an seiner heißen Schokolade.

»So siehst du aber nicht aus.« Das stimmte – er lächelte.

Er zuckte mit den Schultern. »Du bist zu jung, um dich zu binden.«

Das war nicht die Antwort, auf die sie gehofft hatte, aber das ließ sie sich nicht anmerken. »Hmmm, ich hab von Tom gehört, dass du diesen Ratschlag selbst beherzigst.«

»Eine ganze Reihe Mädchen«, hatte Tom ihr einmal erzählt. Und sie hatte versucht, nicht eifersüchtig zu sein. Hatte sich gesagt, dass es vielleicht eine »Reihe« und nicht nur eine war, weil auch er keine für eine dauerhafte Beziehung fand. Denn vielleicht verglich er die anderen genauso mit ihr wie sie die Jungs an der Uni mit ihm.

Er legte den Kopf schief. »Hast du etwas dagegen, liebe Cass?«

»Überhaupt nicht«, erwiderte sie etwas steif, »mir tun nur all die gebrochenen Herzen in deinem Schlepptau leid.« Immer schön lustig bleiben. Das konnte sie – so bewegten sie sich auf sicherem Boden.

»Ah, da überschätzt du mich. Vielleicht brechen sie ja alle mir das Herz?« Er stupste sie neckisch in die Rippen, woraufhin sie ihn wegstieß und ebenfalls in die Seite stupste. Er fing ihre Hand auf, um sie abzuwehren, ließ sie anschließend jedoch nicht los. Seine kühlen Fingerspitzen trieben ein elektrisierendes Kribbeln über ihre Haut, als er mit dem Daumen über ihren Handrücken strich.

Sie räusperte sich, und weil sie ihre Finger mit seinen verschränken wollte, weil sie sich in diesem Moment zu ihm beugen und ihre Lippen auf seine pressen wollte, zog sie ihre Hand sanft aus seiner zurück und strich sich das Haar hinter die Ohren.

»Also«, sagte Sam, trank seine Schokolade aus und ließ sich nicht anmerken, ob er ihre Reaktion registriert hatte. »Willst du noch etwas trinken, oder wollen wir uns den Rest der Piste hinunterwagen?«

Cassie seufzte. »Wenn ich jetzt nicht fahre, traue ich mich wahrscheinlich gar nicht mehr.«

Sam lachte. »Da hast du recht. Dann komm, bezwingen wir den Everest.«

KAPITEL DREI

Nachdem Sam erklärt hatte, es sei zu spät, um noch eine Piste zu bezwingen, schloss er die Tür zur Hütte auf. Seine Ansage hatte sie unglaublich froh gestimmt – auch wenn sie den Verdacht hegte, dass er das nur gesagt hatte, um ihr einen Gefallen zu tun. Natürlich wusste sie, dass sie üben musste, wenn sie besser werden wollte, aber sie wollte gern selbst über das Tempo bestimmen. Offenbar gab es eine grüne Piste – vielleicht würde sie sich einen Skilehrer nehmen und dort fahren, dann war der Druck nicht so groß. Vielleicht würde sie aber auch zugeben, dass Skifahren eindeutig nicht ihr Ding war, und die Hütte, den Kamin und die Bücher genießen, die sie mitgebracht hatte. Als sie hinter Sam in die Hütte trat und das Licht einschaltete, stellte sie sich einen Moment lang vor, dass ihre Eltern noch lebten und sie alle zusammen in den Familienurlaub gefahren wären. Würde nur sie, das Weichei, zu Hause bleiben, während die anderen die Pisten unsicher machten? Oder würden sie und ihr Vater zusammen eine ruhige Kugel schieben? Ihre Mutter war die Mutige gewesen. So wie Tom, der vollkommen furchtlos war.

Sam schloss die Tür hinter Cassie, während sie ihre Skijacke auszog und aufhängte und versuchte, nicht zu sehr auf seine Nähe zu achten. Tom hatte die Heizung hochgestellt, damit sie es bei ihrer Rückkehr gemütlich hatten, und nun umfing sie die Wärme der Hütte. Cassie ging in die Küche, wo die Fußbodenheizung sogar die Fliesen unter ihren jetzt nackten Füßen angenehm wärmte. Das ganze Haus sah aus wie aus einem Prospekt; es erinnerte sie ein wenig an die Hütte in Liebe braucht keine Ferien. Sie war ganz mit Holz vertäfelt und hatte diesen herrlich moschusartigen Holzgeruch. Das Wohnzimmer, das direkt neben der Küche lag, hatte ebenfalls einen Holzboden, und neben einem riesigen Kamin aus Stein lag ein weißer, flauschiger Teppich. Davor standen ein großes, kuscheliges Sofa mit weißen Decken und zwei schicke Sessel, dazwischen ein kleiner, hölzerner Couchtisch mit einem Kerzenleuchter. Cassie hatte sich mehr als einmal gefragt, wie Tom für ihr Budget, das durch Hazel und sie definitiv nicht gerade üppig war, ein Haus wie dieses gefunden hatte. Er hatte sich geweigert, ihr den Preis zu nennen, und nur einen bestimmten Betrag von ihr verlangt. Vermutlich übernahm er einen etwas größeren Anteil, um die Kosten zu decken. Es hätte sie nicht überrascht, auch wenn sie ihm derlei Dinge immer wieder auszureden versuchte.