Fürchten Lernen - Meinrad Braun - E-Book

Fürchten Lernen E-Book

Meinrad Braun

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Beschreibung

Während des Bad Dürkheimer Wurstmarkts, des größten Weinfests der Welt, wird eine junge Frau im Wald gefunden, ermordet; neben ihr liegt eine Flasche Wein. Wenige Tage später verlassen die Besucher des Jahrmarkts unter Panik die Geisterbahn. Eine Leiche hängt zwischen den Pappmachéfiguren. 'Das Fürchten Lernen' steht auf einem Zettel, den der Märchenmörder daran befestigt hat. Der Wurstmarkt verwandelt sich mit einem Besucheransturm wie nie zuvor in einen Hexenkessel aus Angst und Faszination. Und mitten darin befindet sich der Mörder. Der Londoner 'Ripper' scheint in der Pfalz wieder auferstanden zu sein. Sebastian Sailer folgt seiner geträumten Spur in den Wald hinein – und lernt tatsächlich das Fürchten.

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Meinrad Braun, geboren 1953, ist Psychotherapeut. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Mannheim. Er schrieb bisher drei Kriminalromane mit der Titelfigur des Psychiaters Sebastian Sailer. Der erste, »Das Schwedengrab«, erschien bereits im Emons Verlag. Weitere Titel des Autors: »Casa dei Nani« (Erzählung, 2005, Verlag der Autoren); »Winterreise« (Roman, 2006, Axel Dielmann Verlag).

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-677-5 Pfalz Krimi 5 Originalausgabe

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Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

Aus einem Passionschoral von Paul Gerhardt (1647)

1

Scharf. Scharf muss die Klinge sein. Sie braucht den Stein.

Stein und Stahl, Stein und Stahl tanzen, Stein und Stahl. Fiedel und Flöte spielen auf. Fiedel und Flöte. Stein auf Stahl. Tanzen auf abgewetzten Dielen, tanzen zu zweit im Halbdunkel des Schlachtraums. Stahl und Stein. Ins Wasser, noch einmal. Jetzt blitzt die Klinge in der nassen Hand. Graue Tropfen auf dem ledernen Schurz.

Weiß im Dunkeln. Wartet das Lamm.

Der Stahl wieder am Stein. Singt so hell. Buchfinken zwitschern vor dem Fensterladen. Antworten andere von fern aus der Tiefe des Waldes. Draußen steht die Hitze auf den dichten Ranken, tausend schwarze Beeren hängen daran. Der Wald ist kühl. Er wartet. Flüstert. Die hohen Kiefern beschatten das Dach. Eine Fliege summt zornig, sie kann nicht hinaus.

Das Lamm atmet.

Die Klinge hat zu Ende gesungen. Streicht am Riemen. Fettiges Leder, englisch-rot. Den Faden nehmen. Viermal hin und her. Die Hand des Metzgers. Schwarze klobige Nägel. Dreht das Heft, die Schneide weist zum Daumen.

Das Lamm atmet.

Messerbreit sticht Licht durch den geschlossenen Laden, zeigt auf den Hacktisch, zerhauen wie die Oberfläche der Welt, ein Beil hineingeschlagen. Eine dünne Wand aus leuchtendem Staub weist auf die Schüssel am Boden, blaues Emaille, blau wie der Himmel, schwarze Sprünge darin, heimliche Zeichen. Zeigt auf das krause Fell, so unschuldig weiß. Auf die Füße, den Strick.

Da, ein Blitz! Das Messer ist durch das Licht gegangen, Finger Gottes.

Die Hand fasst an die Kehle, an das warme Leben, wie es pulsiert, wie üppig, wie schön! Krauses Haar, fest das Fell, darunter die weiche Haut.

Ein kurzer, seidiger Riss. Der Schnitt. Scharf.

Ein Seufzen vielleicht. Kein Laut sonst. Das Blut, das unreine, prallt auf das Blech wie Milch aus dem Euter, füllt die Schüssel. Bebt im Griff des Metzgers, das Lamm. Scharren die gebundenen Füße, sehen die Augen ihn an. Die Augen. Ihn an.

***

Der Schöpfer wollte den Zahn nicht fassen. Sailer nahm die Brille ab, um besser sehen zu können. Dann drückte er noch einmal auf den Repetierhebel. Das Schlagwerk lief an, der Schöpfer drehte sich, erfasste den ersten Zahn des Rechens, dann den zweiten, den dritten. Beim vierten rutschte der Rechen ab und schnellte zurück in die Ausgangsposition. Sailer starrte auf das hilflos arbeitende Schlagwerk, das erneut versuchte, den Stundenschlag zu absolvieren, so lange, bis die Feder abgelaufen war. Nach ein paar Sekunden ließ er den Atem aus den Lungen, den er unwillkürlich angehalten hatte. Seine Arme und sein Oberkörper entspannten sich.

Er stellte die Uhr vorsichtig auf den Tisch. Erst nachdenken, sagte er zu sich. Du hast Zeit. Auf dem Küchentisch stand neben Einmachgläsern, in denen Messingzahnräder und blinkende Stahlteile aufbewahrt wurden, ein von Schraubendrehern und kleinen Zangen belagertes Rotweinglas. Sailer nahm einen Schluck. Er ließ das Aroma langsam durch die Nase ausströmen. Die Flasche hatte ein paar Tage offen gestanden, und der Wein hatte Leben entwickelt.

Das Öl. Es war das Öl. Er hätte den Einfallhebel beim Zusammenbauen nicht ölen dürfen. Aus einer Blechdose nahm er zwei Wattestäbchen und tauchte eines davon in eine Flasche mit Waschbenzin. Vorsichtig ließ er einen Tropfen Benzin über die stählerne Kralle des Einfallhebels rinnen und fing ihn darunter mit einem trockenen Wattestäbchen auf. Das entsprach nicht den Regeln der Uhrmacherkunst, aber Sailer scheute den Aufwand, die Teile abzubauen und zu entfetten. Vielleicht ging es auch so. Er legte die Wattestäbchen auf den Tisch, nahm sie aber sofort wieder weg, als er sah, dass sich ein Benzinfleck auf der Holzplatte des Küchentischs auszubreiten begann. Die Zeitung lag noch zusammengefaltet am anderen Ende des Tisches. Sie hätte die Abendbrotlektüre sein sollen, er hatte aber keine Lust gehabt, darin zu lesen. Ich habe überhaupt, dachte er, immer weniger Lust, Zeitung zu lesen, je älter ich werde. Flüchtig nahm er die Schlagzeile wahr. »Rentenbetrug?« Vielleicht wurde es allmählich Zeit, sich mit dem Thema näher zu befassen. Er legte die nach Benzin riechenden Stäbchen auf das Papier und ließ das Schlagwerk ablaufen. Diesmal klappte es. Der Einfallhebel hielt die Rechenzähne auf, der Schöpfer konnte den Rechen weiterbefördern, und der Mechanismus tat wieder, was er seit zweihundert Jahren zu tun gewohnt war. Er schlug erst viermal, die Viertelstunden, dann zehnmal, die zehnte Stunde.

Sailer war zufrieden, dass es so einfach gewesen war. Gerade an der Kadratur hätte er ungern etwas verändert. Die alten Wiener Uhrmacher hatten ausgezeichnete Uhren gebaut, die wurden nicht dadurch besser, dass ein Amateur daran bog oder feilte. Andererseits, wenn es notwendig gewesen wäre. Einen Einfallhebel herzustellen, das hätte er sich schon zugetraut. Aus feinem Stahl, die Politur auf die anderen Teile abgestimmt. Man brauchte Behutsamkeit und Sorgfalt, Respekt vor so einer alten Maschine aus der Postkutschenzeit. Auch vor den längst gestorbenen Uhrmachern, die ihre Signaturen auf der Rückseite der Messingplatine hinterlassen hatten. Eines fernen Tages würde vielleicht einer die alte Wienerin hier wieder öffnen und kritisch auf die eingesetzten Lagerbuchsen blicken, erkennen, wo er ein paar Radzähne eingelötet hatte. Der sollte nicht den Kopf darüber schütteln, dachte Sailer und amüsierte sich über seinen posthumen Ehrgeiz. Für heute jedenfalls war Schluss.

Er trank noch einen Schluck Wein. Den Tisch abräumen, ein Buch aussuchen. Die Werkstatt, in der er schlief, war ein Provisorium. Wenn Sailer keine Lust hatte, die dreißig Kilometer nach Mannheim zu fahren, schlief er hier, im Hinterzimmer seiner Praxis, in der Teeküche, wie er das Zimmerchen offiziell getauft hatte. Ein alter, fleckiger Küchentisch stand darin und eine Campingliege, ein alter Küchenschrank. Das passte zu seinem Leben. Ein Provisorium, in das man nicht gern jemanden hineinführt.

Um das Wattestäbchen auf der Zeitung hatte sich ein brillenförmiger Benzinfleck ausgebreitet. Das Benzin färbte die Druckbuchstaben dunkler, sodass sie stärker hervortraten.

»Junge Frau vermisst«. Sailer zog die Zeitung zu sich heran, las: »Seit drei Tagen wird Friederike Haas vermisst. Sie ist zwanzig Jahre alt, hat blonde, halblang geschnittene Haare und trug zuletzt ein rotes Sweatshirt, Jeans und rote Nike-Turnschuhe. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise.«

Das Passbild zeigte Friederike. Sailer hätte sie darauf nicht erkannt. Sie schaute verdrossen zur Seite und schürzte die Lippen zu einer Schnute. Die allerdings kam Sailer sofort vertraut vor, denn er hatte sie schon ein paarmal zu sehen bekommen.

Er griff nach dem Weinglas. Sein Herz pochte heftig, und wie immer seit einigen Jahren, wenn es das tat, mischte sich ein feines Stechen in der linken Brustseite ein, der Stich einer Schnake, die sich jedes Mal dieselbe Stelle aussuchte, tief drinnen in seiner Brust, wo sie unerreichbar war.

Friederike. Ihr blasses Gesicht mit dem Rahmen blonder, strähniger Haare, die Sommersprossen, die sich in den Sommermonaten auf ihre Nase setzten. Friederike konnte nicht sprechen und nichts hören. Als wenn das nicht genügt hätte, hatte sie, seitdem sie sechzehn war, Angstzustände entwickelt, mit, so Sailers Ansicht, realem Hintergrund, denn im Bauernhof der »Brücke« gehorchte das Zusammenleben rauen Regeln, allen Bemühungen der Betreuer zum Trotz. Friederike war hübsch und zart, und sie war allem, was mit Sexualität zu tun hatte, so abgeneigt, wie man es nur sein kann, wenn man die Natur eines achtjährigen Kindes besitzt. Ein Bauernhof mit einem Dutzend Menschen bietet Raum für vieles, den Triebstau der Heimbewohner noch nicht einmal mitgerechnet.

Sailer las weiter. »Die junge Frau wurde zuletzt gesehen, als sie am Donnerstag um sechzehn Uhr den Birkenhof der »Brücke« verließ. Die Fahndung läuft bereits. Friederike ist gehörlos und minderbegabt, möglicherweise kann sie sich nicht orientieren.«

Wahrscheinlich wieder ausgerissen, dachte Sailer. Friederike war schon ein paarmal weggelaufen. Nie zu ihrer Mutter nach Wachenheim, das wäre auch ein gutes Stück Weg gewesen, sie ging meistens in den Wald, aus dem sie abends in der Regel wieder auftauchte. Nur diesmal anscheinend nicht. Vielleicht hatte sie sich ernsthaft verlaufen. Westlich von Bad Dürkheim begann immerhin das größte Waldgebiet Deutschlands, der Birkenhof lag einige Kilometer weit darin.

Friederike kam alle vierzehn Tage in die Sprechstunde. Der Kleinbus der »Brücke«, der die Lebensmittel zum Verkauf nach Dürkheim brachte, nahm sie mit in die Stadt. Im Sommer ging sie anschließend mit den Betreuern noch ein Eis essen im »Venezia«, bevor sie wieder hinausfuhren ins Leininger Tal. Friederikes Behandlung bei Sailer entsprach keinen festen Vorgaben. Sie mochte es, wenn Sailer mit ihr sprach, obwohl sie vieles vermutlich nicht verstand. Sie las leidlich von seinen Lippen ab, Sailer hatte aber den Eindruck, dass es ihr nicht auf die Bedeutung der Wörter ankam, sondern auf seine Miene und seine Laune. Sie genoss es, dass sich jemand zwanzig Minuten lang ausschließlich um sie bemühte. Die Gehörlosensprache benutzte sie nicht, sie fuchtelte meist planlos in der Luft herum. Manchmal sang er ihr etwas vor, wenn ihm nichts mehr einfiel, damit brachte er sie regelmäßig zum Lachen. Da Sailer von sich annahm, dass er nicht singen konnte, glich er das nämlich mit bestimmten Grimassen aus, die Friederike sehr komisch fand. Dann zeigte sie die unbefangene Fröhlichkeit, zu der sie fähig war und die ihrem erwachsenen Gesicht einen seltsamen Zauber gab, als wäre sie die schöne Bewohnerin einer anderen, glücklicheren Welt. Und sie malte ihm Bilder. Schöne, bunte Bilder aus einer Kinderwelt, in der der Wald die Hauptrolle spielte. Immer wieder der Wald. Und die Tiere, die darin lebten. Rehe, Hasen, Eichhörnchen.

Jetzt hätte Sailer gern geraucht, aber das Stechen in seiner Brust, das inzwischen wieder nachgelassen hatte, wohl aber in den Kulissen seiner Gedankenwelt einen festen Platz einnahm, bremste seinen Zigarrenkonsum rigoros. Also nicht. Stattdessen schnaufte er ein paarmal und verließ den Küchentisch, ohne das Werkzeug und das halb zerlegte Uhrwerk eines Blickes zu würdigen. Ihm war eingefallen, dass das letzte Bild, das ihm Friederike geschenkt hatte, keine Rehe oder Hasen dargestellt hatte. Sailer schloss die Tür zur Praxis auf und machte Licht.

Der Schreibtisch zeigte ihm das übliche Sortiment von Papierstapeln, angeordnet in der Reihenfolge der Unlust, mit der er sich daran würde machen müssen. Er zog die Schublade mit den Hängeordnern auf und kramte Friederikes Akte heraus, klappte sie auf. Zuletzt war sie vor einer Woche bei ihm gewesen. Er suchte die entsprechende Notiz. »Motorisch sehr unruhig«, las er. »Affektiv angespannt, hilflos, deutlich depressiv verstimmt.« Sailer griff in die Papptasche im Deckel der Akte, wo er Friederikes Bilder verwahrte, und zog den kleinen Stapel heraus. Das oberste Bild legte er auf seinen Schreibtisch, unter den Lichtkreis der Lampe.

Es zeigte einen düsteren Kiefernwald. Friederike konnte erstaunlich gut zeichnen, sie war ohne Weiteres in der Lage, die heimischen Schwarzkiefern so abzubilden, dass man sie sofort erkannte. Unter den Wipfeln der Kiefern, die sie wie dunkelgrüne Wolken gemalt hatte, herrschte Dunkelheit, die Stämme wuchsen schief aus einem Waldboden, der von grauem Nebel eingehüllt schien. Aus diesem dunklen Nebel leuchteten zwei gelbe Augen heraus. Am rechten Bildrand war eine Art Hexenhaus zu sehen, von Hecken überwuchert, davor stand ein Mädchen und starrte zu den gelben Augen hinüber. Rotkäppchen?, hatte Sailer sie gefragt, als sie ihm das Bild gereicht hatte, langsam, damit Friederike von seinen Lippen lesen konnte. Er hatte es auch in Großbuchstaben auf das Blatt geschrieben, ohne große Hoffnung, dass Friederike es hätte entziffern können. Sie hatte bloß ihre Schnute gemacht und zur Seite geblickt, genickt hatte sie nicht. Daraufhin hatte er das Bild ohne weiteren Kommentar dankend angenommen. Friederike verschenkte ihre Bilder meistens am Schluss der Sprechstunde. Sie legte sie einfach auf den Tisch, ehe sie ging.

Sailer sah sich das Blatt noch einmal genau an. Die gelben Augen erschienen ihm, als gehörten sie keinem Einzelwesen, sondern dem Wald selbst, obwohl sie tierischer Natur waren mit ihren schwarzen Pupillenschlitzen, wie Katzen sie besitzen. Sie gaben dem Bild etwas Bedrohliches, aber auch etwas Lockendes. Vorausgesetzt, man war nicht Rotkäppchen, dachte Sailer. Er ließ das Bild auf dem Schreibtisch liegen und suchte sein Kabinett auf, um sich schlafen zu legen.

***

Das Fleisch wird rein und süß. Weil das unreine Blut fort ist. Wenn das Messer scharf ist, tut es kaum weh. Er hat sich selbst eines gemacht aus einer alten Feile. Bloß eine Spanne lang ist es. Das verbiegt sich nicht, und es ist so scharf wie ein Rasiermesser.

Das Lamm hängt draußen am Brett. An zwei starken Nägeln, durch die Flechsen gestochen. Das Fell, das feste krause Fell muss jetzt herunter, dazu braucht er kein Messer. Mit dem Daumen fährt er hinein, teilt die dünnen Hüllen zwischen Haut und Fleisch, drückt nach. Es gibt ein platzendes Geräusch, wenn die Haut sich löst, sich herabziehen lässt. Man spürt noch die Lebenswärme, die dazwischen liegt. Das Leben entweicht, und der Tod hat sich darum gelegt wie ein schwarzer Mantel, sie sind so dicht beieinander, dass sie sich beinahe gleichen. Tod und Leben.

Preisgegeben nun die sauber verpackten, rotbraunen Muskeln, weißen Bänder und straffen, harten Sehnen. Weiß schimmert das feste Gebäude der Knochen hindurch. Wärme steckt darin, das Fleisch ist wärmer als die spätsommerliche Luft. Man muss sein Gesicht auf das eben noch unsichtbar gewesene Innere legen. Den Dunst riechen, der daraus aufsteigt. Den würzigen Geruch der rosafarbenen Därme, den rostigen der fleckigbraunen Lunge, den hitzigen der schokoladenfarbenen sauberen Leber. Sie müssen heraus, die Innereien und in die Schüssel, verderben schnell. Nebeneinander glänzen Herz, Nieren, Leber und Lunge. Noch feucht in der Sonne, gereinigt vom Blut. Rosa und braun, hellrot. Blasig, zart, feucht. Schon ein paar Minuten im Licht machen sie stumpf und blind.

Nun muss es vollends herunter, das Fell. Über die Schultern, wie ein straff sitzendes Kleid. Es klingt, als reiße es, aber es ist fester, als man glaubt. Die Vorderbeine mit den Gelenken hindurchdrücken, rechts, dann links, dann die Haut bis zu den Klauen herabziehen.

Er langt nach dem Beil, das schlägt mit hartem Knacken die Knochen durch. Ein scharfer Schnitt durch den Kragen, da rollt sich eine Mütze aus Haut über den Schädel und gibt ihn frei. Noch einmal das Messer. Den Kopf sauber machen. Die Augen und Ohren gehören nicht dran.

Die kriegt der Fritz. Der wartet schon, hechelt. Die Ohren spitz gestellt. Und bellt leise, jault. Ja, Fritz, mein Guter. Du bist mein Guter. Da! Nimm!

Sagt der Hans. Sagt der Dieter: Wenn man wenigstens Fritz heißen könnte. Aber Hans-Dieter? Was hast du wieder gemacht, Hans-Dieter, du dumme Einfalt? Wer denn jetzt? Fragt der Dieter den Hans. Hans oder Dieter? Die Eltern konnten sich nicht entscheiden, erklärt es ihm der Dieter, das konnten sie noch nie. Also zwei Namen, anstelle eines Bruders. Ein Kind macht ja schon genug Unruhe im Haus, wozu da noch ein zweites. Hans-Dieter. Hans und Dieter.

Mein guter Bub, hat die Oma gesagt, als sie noch lebte, mein armer Hans. Immer nur Hans. Die Oma. Und hat gesungen, die schönen Lieder aus der Kirche. Tot, im Grab ist sie, Knochen und Erde darum, lange schon. Der dumme Hans und der stille Dieter. Sich dafür zu entscheiden, das hat lange gebraucht, bis nach der Schule. Seitdem ist man Hans und Dieter, mal der eine und mal der andere, das ist besser so. Und der Fritz. Da konnte man einmal selber taufen. Und nannte ihn Fritz. Das spritzt, ist munter und lebendig, wie ein Hund sein soll. Und tapfer; der alte Fritz schließlich! Deutsch auch. Ein Schäferhund muss einen Namen haben, der zu ihm passt.

Aber Hans-Dieter. Ein Name zum Hänseln. Der dumme Hans, der grobe Klotz, der Traumhansel. Ist besser, seitdem der Dieter da ist. Der hält mehr aus als der Hans. Lass gut sein, Hans, sagt er oft. Sei still. Außerdem– hier draußen hänselt ja niemand. Wo der dumme Hans zu Hause ist, im Wald eben. Der Dieter, der muss jeden Tag mit den Eltern zurechtkommen. Mit den Jungwinzern auch, in der Genossenschaft, die hinter seinem breiten Rücken feixen. Lass gut sein, Hans, sei still. Der Dieter steht dann da und lächelt sein blondes Riesenlächeln, zeigt die schiefen Zähne, die nie eine Zahnspange spendiert bekamen, und wartet. So kommt der Dieter zurecht. Schließlich lassen sie ihn in Ruhe. Zurechtkommen muss man.

Mit den Eltern zum Beispiel. Da gilt es, sich die Vorwurfsliste des Tages anzuhören. Depp und Arschloch, blödes. Stille Einfalt, du! Kannst nicht für fünf Pfennig denken? Die Eltern sind noch nicht in der Eurozeit angekommen, wenn sie schimpfen, tun sie es mit dem guten alten Geld. Dich sollt man ins Heim stecken, schreit die Mutter. Ihre flinke Hand lauert immer. Du blödes Stück, wart nur, du kommst wieder auf die Landeck, da binden sie dich ans Bett und spritzen dich ruhig, wie schon einmal. Der Vater sitzt daneben und starrt ihn an, stumm. Eine magere Mumie. Tutanchamun. Aber er ist nicht tot wie der Pharao, er lebt noch, er ist bloß gehbehindert und einbalsamiert mit saurem Hass. Viel alter, bitterer Tod ist in ihm. Und schuld ist der Dieter. Lass gut sein, Hans. Der Mann im Rollstuhl sieht sowieso nicht wie der Vater vom Dieter aus und nicht wie der vom Hans. Ein Findelkind gewesen? Wer weiß, meint der Dieter, vielleicht. Es ist ja sowieso alles gelogen, was geredet wird, das gäbe doch einen eigenen Sinn, wenn auch er hineingelogen worden wäre zu diesen beiden alten Leuten. Manchmal verwandelt sich die Mutter in eine riesige Kröte und hüpft durch das Haus, der Vater klammert sich ledern und braun auf ihrem Rücken fest. Aber dem Dieter macht das nichts aus, der kommt zurecht, der kann schweigen. Bis der Vater auf seinem Rollstuhl über den Hof davonfährt, ohne dass er ein einziges Wort gesagt hätte. Tutanchamun rollt in sein Steingrab zurück, und die Mutter wälzt ihre zwei quecksilbrigen Zentner wieder schimpfend in die Küche.

Dann fährt man in den Wingert und hat zu schaffen. Was heißt da Wingert, korrigiert ihn der Dieter: In das, was davon übrig geblieben ist. Hat für die Genossenschaft zu arbeiten. Reben schneiden. Die Geize ab auf sechs Blätter zurück, den Haupttrieb kürzen, aber die Zapfen lassen und die Ruten anbinden. Merk dir’s. Für jeden Arbeitsschritt hat der Dieter, damals war er noch der Hans-Dieter, am jungen Trieb muss man veredeln, sagt die Mutter, hat er also ein paar Ohrfeigen bekommen, bis es saß. Jetzt sitzt es.

Abends in den Wald zu den Schafen. Scheißviecher, die stinken, und du stinkst auch danach. Komm mir nicht in die Stube mit deinem Schafsgestank. Aber das Geld für das Lammfleisch, das beste, das man hier bekommen kann, das stinkt nicht, man liefert ihr das meiste davon ab. Der Dieter braucht nicht viel, und der Hans lebt ohne Geld. Hier draußen gibt es jedenfalls keine Reben und keine Winzergenossenschaft, keinen Feuerwehrabend, keine Mädchen, die ihre frechen, glänzenden Augen verdrehen, bis man wegsehen muss und nur noch schweigen kann. Der Vater kann nicht mehr in den Wald, und die Mutter will nicht, sie hat genug zu tun, und mit denen will sie nicht auch noch Arbeit haben, mit den Dreckviechern.

Der Wald. Ist einfach da und wartet darauf, was geschieht. Es geschieht immer etwas. Der Wald hat das Leben und hat den Tod. Wer hat dich aufgebaut so hoch dort oben, geht es im Lied, oder war es anders? Ein hohes Haus, ein heiliges. Das einzige.

Im Wald ist die Libelle. Ein graues, ekliges Wasserwesen kommt aus dem Wasserfass herausgekrochen und setzt sich an den Rand, starrt einen an mit Augen, die so leer sind, dass sie einen in den Schlaf verfolgen möchten, dann quält sich ein neues Tier aus der Larve hinaus, gebiert sich selbst eine Stunde lang. Das sitzt grün und still auf der leeren Haut und pumpt die Klümpchen an seinem Leib Zug um Zug auf, bis sie zu gläsernen Flügeln werden. Das Licht macht das grüne Wesen turmalingrün und stahlblau. So eine Elfe möchte man einmal werden können und bleibt doch ein grobes Stück Mensch. Im Wald ist auch der tote Dachs am Rand der Lichtung. Auf einmal liegt er da und ist bereits aufgedunsen in der Hitze. Aufgeblasen von unsäglichem Gestank, ein Geruch wie kein anderer, vor dem man sich die Nase zuhalten muss, wenn man sich die Totenkäfer ansehen will, wie sie durch die Haare im Fell kriechen, und die gelben Maden, die aus seinem offenen Rachen wimmeln. Bald sitzen jeden Tag Schwärme von golden und grün glänzenden Fliegen auf dem üppig verwesenden Kadaver, so viele, dass sie ein leises Brausen zustande bringen, wenn sie sich in die Luft erheben. Nach Wochen erst fängt der Leib an, sich zu öffnen, und mit dem Zerfall kommen die Ameisen und fressen ihn ab, bis nur noch die weißen, blanken Knochen im Gras liegen. So geht es allen.

Der Wald sorgt nicht, er vergeudet mit leichter Hand wie ein großer König. Aus seinem Dunkel, vor allem dann, strömt etwas heraus, das könnte furchtbar sein, aber es ist ein beständiges zusicherndes Wispern, ist das, was wirklich ist. Das Leben, das man so führt, das ist ein Trugbild, es besteht nur aus Lügen. Das weiß der Hans inzwischen so sicher wie nichts anderes. Der Wald aber hält Einkehr mit ihm, wenn er hier draußen ist. Er ist voller Bedeutsamkeiten. Von ihm kommt alle Angst, und dorthin geht sie, alle Zweifel laufen wie ein Rudel Rehe zwischen den grauen Stämmen davon.

Auch die Stumme kommt aus dem Wald. Kann lachen und weinen, aber nicht reden. Sie weiß, warum sie kommt. Sie kommt wegen der Frau auf dem schwarzen Pferd, sie hat sie gemalt. Der Frau mit den blonden Haaren, die hinter ihr herwehen, wenn sie reitet. Mit ihren grauen Vogelaugen, die erbarmungslos um sich blicken und den Hans nicht sehen können, zum Glück nicht. Die Vogelfrau ist zur rechten Zeit gekommen. Ein paar Wochen vor dem Fest. Und dann steht auf einmal die Stumme da, und der Fritz wedelt mit dem Schwanz vor ihr, die Schafe fürchten sie nicht, und auch der Hans fürchtet sie nicht.

Sie ist ein Zeichen, Hans, sagt der Dieter. Endlich ein Zeichen, wo man schon Jahre verzweifelt. Man muss wissen, wann ein Zeichen ein Zeichen ist. Zuerst die Vogelfrau und dann die Stumme, das sind solche Zeichen. Nicht so wie die Wichtel, die sind immer da, manchmal zeigen sie sich und sehen gerade so aus, wie in den Märchenbüchern, alte grämliche Leutchen in braunem Filz. Kaum hat man hingeschaut, verwandeln sie sich wieder rasch in Baumstrünke und Fliegenpilze, schließen ihre besorgten Augen und brummen nur noch leise Töne, so leise, dass man sie kaum hören kann.

Da ist sie, die Erdhütte. Der Hans bleibt stehen. Schon zwanzig Jahre alt, man sieht sie kaum noch, man sollte sie auch nie sehen. Rumpelstilzchens Haus, tief eingegraben in den Hang, ein festes Gitter aus Stangen und Zweigen über die Höhle gelegt, die Erde wieder daraufgehoben. Judaspfennig und Brombeeren siedeln dort. Im Winter nicht zu kalt, im Sommer nicht zu heiß. Eine Hütte, wie die Indianer sie bauen, das kann man in Büchern lesen. Nun wachsen die Brombeerhecken mannshoch darauf. Eine niedrige Tür aus Brettern, versteckt unter den Ranken. Heimlichkeiten. Ach wie gut. Niemand weiß. Nur Wald ringsum, selbst der Pferch weitab.

Der Hans horcht. Es rührt sich nichts darin.

Es ist Zeit. Dieses Jahr, beim Fest, sagt der Dieter. Wenn alle feiern. Der Dieter muss ja zu Hause zurechtkommen. Wie soll ich zurechtkommen, wenn du mir nicht hilfst, Hans. Es kann doch nicht so weitergehen! All die Jahre. Ganz verzweifelt kann er da werden. Schließlich hat der Hans eingesehen, dass es jetzt sein muss. Dieses Mal, wenn Wurstmarkt ist. Die Zeichen stehen dafür, und der Wald wartet nicht, er kennt keine Zeit.

Die Sonne steht über den Kiefern, es riecht mild nach Harz. Eine große Hummel surrt vorbei. In der Ferne ein Rumpeln. Gewitterwolken hängen über der Haardt. In der Hütte ist es still, seit einer Weile.

Es ist Zeit. Hans steht auf und geht hinüber.

2

Das Wildschwein hatte seine kleinen, funkelnden Satyraugen auf ihn geheftet. Sie starrten ihn unverwandt an, eingestanzt in das zottige Fell, das sich wie eine Fußmatte über den keilförmig vorgestreckten Schädel zog. Der Rüssel mit den zwei nackten, obszön behaarten Löchern zielte genau auf Sailers Nase.

»Ich kann nichts dafür«, sagte der bedauernd zu den Glasaugen und stach seine Gabel in das Fleischstück, das er gerade abgeschnitten hatte. »Außerdem ist es Rinderfilet.« Die Wildschweintrophäe an der Wand wurde von Rehgehörnen umringt, dazwischen winkte ein verstaubtes Eichhörnchen einem ausgestopften Auerhahn zu, der in Balzhaltung auf seinem Holzbrett erstarrt war.

»Einmal Jäger«, sagte die Bedienung zum Nachbartisch hinüber, »und noch einen kalten Kaffee. Bring ich dir, Schorsch.« Schorsch, der Sailer den Rücken zuwandte, ließ gerade die halbe Gaststube wissen, dass er noch heute Nacht losfahren müsste, bis Schneverdingen, und dass ihm von alkoholfreiem Bier regelmäßig schlecht würde. Sailer sah auf sein Weizenbier und nahm noch ein paar Pommes frites auf die Gabel.

»Du machst überhaupt nichts gut mit Tempolimit, Jochen«, erklärte Schorsch dem ganzen Lokal mit Stentorstimme. »Überhaupt nichts. Weißt du eigentlich, dass manche Autos sogar mehr Sprit brauchen, wenn sie langsam gefahren werden? Und dass das noch mehr Staus gibt? Wenn du mich fragst, das bringt gar nix, Jochen.« Von Jochen war keine Frage zu hören gewesen, er sagte auch jetzt nichts. Trotzdem fuhr Schorsch mit seiner Überzeugungsarbeit fort. »Also Jochen, wenn ich zum Beispiel mit dem Omega Hundertsechzig fahr…«

Da kam die Bedienung mit dem Jägerschnitzel, und Schorsch verschob einstweilen seinen Beitrag zur Energiedebatte.

Sailer steckte mit seinen Gedanken noch im vorigen Tag. Die Wanderung gestern war gründlich ins Wasser gefallen. Man kann aber nicht immer alte Uhren reparieren, davon wird man einschichtig, eine Beschäftigung, die hinter den Ofen passt. Wandern also. Sailers Wandersamstag hatte mit Sonnenschein und klarem Frühlicht angefangen, am späten Nachmittag gab es dann ein Gewitter. Kurz vor dem Drachenfels hatte der Regen ihn eingeholt. Er hatte sich untergestellt, einen Blitzspruch gemurmelt, »…die Buche, die suche«, ein anderer war ihm nicht eingefallen, er stand ohnehin unter einer Tanne, die in dem Spruch nicht vorkommt. Als der Regen nachgelassen hatte, war er drei Stunden über sandige Waldwege gegangen, unter triefenden Kiefern hindurch, er war niemandem mehr begegnet. Alle Wanderer hatten sich in den Waldgasthäusern verkrochen, saßen vor ihrem Schoppen, aßen Leberknödel mit Sauerkraut. Sailer war trotzig weitergetappt, wollte sich den Tag nun ganz verderben lassen, möglicherweise weil die Wochenenden ihm häufig eine gewisse Leere bewusst machten, die er nicht zu füllen wusste. Vielleicht auch deshalb, weil es ihm nicht unangenehm gewesen war, durch den einsam gewordenen Wald zu wandern. Feine Tropfen schwebten zwischen den Bäumen, zu leicht, um zu Regen zu werden, ein feuchtes Gespinst, das sich über sein Gesicht gelegt hatte, über den Hut, die Jacke, und Sailers Brillengläser eintrübte. Der Wald hatte sich in einen Schwamm verwandelt, sog die Feuchtigkeit ins Moos und in den lockeren torfigen Boden hinein, troff an allen Ecken und roch wie ein nasses riesiges Tier. Sailers Schuhe hatten langsam, aber sicher die Nässe in sich aufgenommen. So lange war er halb blind durch den nassen Wald gestapft, bis ihm bewusst geworden war, wie nass seine Füße waren. Schließlich hatte er sein Auto erreicht, das unten im Tal wie ein toter Käfer vom Vorjahr mit erblindetem blauem Lackpanzer zwischen den nassen, schweren Wiesen auf ihn gewartet hatte.

Heute Mittag war er hierhergekommen, weil er warmen Slivovitz trinken wollte und überhaupt Boden unter die Füße kriegen musste. Das Wochenende war noch nicht vorüber. Die »Kesselschmiede« war ein guter Ort, um Boden unter die Füße zu bekommen.

»Noch ein Weizen, der Herr?« Sailer nickte. Die Bedienung verschwand durch die offene Schiebetür. Sailer warf einen Blick in die Wirtsstube, vorbei an Jochens breitem Fernfahrerrücken. Die Unterhaltung hatte wieder an Lautstärke abgenommen, die Gäste redeten hier nicht viel, sie aßen lieber tüchtig. Ab und zu klingelte irgendwo in der Wirtsstube ein Handy, dann wurde es wieder lauter. Sailer sah nur Männer mit Bauch, sich selbst eingeschlossen. Dick zu sein war hier nichts Ehrenrühriges.

Die beiden Kunststoffschweine, die auf einer Holzkonsole am Raumteiler posierten, bekräftigten diese Einstellung durch ihre fröhliche Miene. Ihre Leiber waren vom Zigarettenrauch gebräunt, als hätte man sie gebraten, zeigten nur noch Spuren vom vertrauten Rosa. Zwischen ihnen hockte ein Mops, ebenfalls aus Kunststoff, und blickte vertrauensvoll zu dem Schwein an seiner Rechten auf, das eine Klaue zum Gruß in die Gaststube hinein erhoben hatte. Sogar den Faltenwurf der Schweinehaut hatte der unbekannte Künstler, der die Gussform gestaltet hatte, gekonnt dargestellt. Nachsichtig lächelten die beiden Tiere auf die Gäste hinunter.

Sailer kannte die lustigen Schweine aus den Metzgereien seiner Kinderzeit. Manchmal hatten sie rotkarierte Metzgerschürzen getragen, was sie unanständig nackt hatte aussehen lassen. Fehlt nur noch, dass sie sich selbst das Messer an die Kehle setzen, um zu beweisen, wie harmlos es ist, geschlachtet zu werden, dachte Sailer. Über den Schweinchen befand sich ein Holzgestell, darin versprach ein Schild: »Hausgeraucht! Zwei Euro.« Ein übrig gebliebenes Pärchen Hartwürste hing daran, von der Sorte, die man hier »Landjäger« nannte. Sie machten einen sehr geräucherten Eindruck, sicher hatte der Kneipendunst sein Quantum dazu beigetragen. Das Thema »Wurst« schien Sailer damit zu lieblos abgehandelt. Hatte doch der Dreiklang »Woi, Worscht un Weck« in der Pfalz Tradition. Mancherorts wurde man von Puristen schon schief angesehen, wenn man Senf zur Wurst aß. Fast so schlimm, wie Bier in einer Weinstube zu trinken.

Ein Hubschrauber näherte sich mit lautem Klopfen, flog niedrig über das Gebäude hinweg. Dabei fiel Sailer der Wurstmarkt wieder ein, der am nächsten Freitag begann. Es würde wieder laut werden um ihn. Instinktiv griff er nach dem Rest Slivovitz, der sich noch im Glas befand, und kippte ihn hinunter. Wurstmarkt bedeutete, seine Praxis war für zehn Tage so gut wie blockiert vom Jahrmarktsgedudel, und die psychotherapeutischen Sitzungen wurden zwangsweise von den Sprechern der Fahrgeschäfte kommentiert, was mitunter spaßige Effekte hatte, wenn zum Beispiel ein Hundertwattlautsprecher dröhnte: »Noch einmal, hopp, hopp, zweimal gaaanz sanft, aber jetzt hallo! Runter mit euch zehn Meter im freien Fall.«

»Ein Weizen, der Herr. Zum Wohlsein.«

Er hätte ja zumachen können, aber nun war es zu spät, die Termine alle abzusagen. Seitdem er ohne Helferin arbeitete, musste er seine Schlampereien immer selbst ausbaden. Bei den paar Patienten, die er behandelte, lohnte es sich eigentlich nicht, jemanden zu beschäftigen.

Wann endet deine Frühpensionierung eigentlich?, hörte er Walther fragen. Walther Marquardt, der als Allgemeinmediziner Arbeitstage von zehn Stunden normal fand. Er befinde sich in einem Stadium der Latenz und warte auf die Entfaltung, antwortete Sailer auf solche Fragen. Entfaltung, Sebastian, haha, eher Einfalt, hatte Walther Marquardt geantwortet. Du kannst dich nach dreißig Jahren Psychiatrie nicht auf die faule Haut legen. Von irgendwas musst du schließlich deine Rente finanzieren.

Das Bier weckte ihn auf. Sailer wischte sich den Schaum von der Oberlippe und trank das Glas in langen Zügen vollends aus. Stellte es ab und schob den Teller zurück. Das Rinderfilet war gut gewesen. Auf die Zigarre verzichtete er. Hier drin war sie eigentlich überflüssig. Die Luft enthielt genug Teer und Nikotin, um einem Atemzug das Prädikat »Leichtrauchen« zu verleihen. Ob Friederike schon wieder im Birkenhof war? Zu ihren Eltern nach Wachenheim ging sie nie, wenn sie ausriss. Bisher war sie, soviel er wusste, immer zum Hof zurückgekommen. Eigentlich anzunehmen, dass sie im Wald ganz gut zurechtkommt, dachte Sailer.

»Zahlen, bitte.« Als er seinen Hut holen ging, stellte Sailer mit einem raschen Blick fest, dass er niemanden in der Gaststätte kannte. Wenn man seine Praxis in einer kleinen Stadt hat, begegnet man an jeder zweiten Ecke jemandem, dessen Intimitäten man kennt. Aber Sailers Klientel verkehrte ohnehin nicht in der »Kesselschmiede«.

»Wiedersehen.« Er nickte dem Wildschwein noch einmal zu und setzte seinen Hut auf, der noch klamm von Nässe war.

Als er die »Kesselschmiede« verließ, beschien die Sonne den Wurstmarktplatz davor. Hier war man seit Tagen dabei, die Attraktionen aufzubauen. Das Riesenrad war bereits zum Halbkreis angewachsen, die Achterbahn ausgepackt und zusammengeschraubt. Ein Feldlager aus Lastwagen, Wohnwagen und Buden breitete sich auf dem großen Platz aus. Schwere Tieflader standen dazwischen. Das große Fass am Rand des Platzes, in das eine ganze Gaststätte hineinpasste, fiel in diesen zwei Wochen kaum mehr auf. Der größte Parkplatz der Region war dabei, sich in das größte Weinfest der Welt zu verwandeln. Alles groß, dachte Sailer, vor allem der Durst. Wenn das Wetter gut war, würden in den nächsten zehn Tagen viele tausend Liter Wein durch die Kehlen der Besucher rinnen. Heute am Sonntag stand die Riesenbaustelle still.

Sailer beschloss, Karin anzurufen. Nun wurde ihm auch klar, dass er eben dieser Idee seit gestern ausgewichen war. Sie hatten sich eine Weile nicht gesehen, und ihre Beziehung– konnte man das eigentlich so nennen? ihre Beziehung also – entschied er sich nun doch– war in einem Stadium, in dem mehr daraus werden konnte, und da spielte es ja immer eine Rolle, wer mit wem tanzte. An diesem schönen Spätsommertag jedenfalls mit der Aussicht auf einen sonnigen Nachmittag fiel es ihm nicht schwer, die Aufforderung zum Tanz auszusprechen.

Als er die Praxis aufgeschlossen hatte und seinen Schreibtisch aufsuchte, lag Friederikes Zeichnung noch da. Er warf einen Blick darauf und nahm das Telefon mit in seine Klause hinüber, wo er es gemütlicher fand. Füllte die alte Espressokanne und stellte sie auf den Herd. Dann tippte er Karins Nummer ein.

»Nein, du störst nicht«, hörte er sie sagen. »Ich bin allein, so wie du wahrscheinlich auch. Sonst würdest du nicht am Sonntag um diese Zeit anrufen.« Karin lachte.

Sie muss immer einen Zug voraus sein, oder einen Hieb, wenn’s darauf ankommt, dachte Sailer und war in diesem Moment froh darüber, ihr an seinem Küchentisch voller Werkzeug und altem Uhrenschrott nicht leibhaftig gegenüberzusitzen. Das Rotweinglas von gestern Abend hatte heute früh Gesellschaft von einer Kaffeetasse bekommen. Die kürzeste Zusammenfassung seines Daseins als Stillleben. Er sah wieder weg.

»Hast du eigentlich heute schon die Nachrichten gehört?«

Karin machte eine Pause, und Sailer hörte, wie sie den Rauch ihrer Zigarette vor sich hin blies. Sailer meinte, ihn zu riechen. Er litt erneut an seinem Verzicht. Keine Zigarre mehr dieses Jahr, so lautete das Gelübde.

»Bei euch ist ja einiges los in Bad Dürkheim. Man hat eine Leiche gefunden. Im Wald oberhalb der Stadt bei der Heidenmauer. Eine junge Frau, die seit Tagen schon vermisst wurde. Heute früh haben Spaziergänger sie entdeckt. Ziemlich grausige Geschichte. Sie soll zerstückelt worden sein.«

Sailer hatte das Gefühl, der Atem fehle ihm und er habe keinen Platz mehr in der Brust, um einzuatmen.

»Bist du noch da? Sebastian?«

»Ja«, brachte er heraus und räusperte sich, um verständlich sprechen zu können. »Weißt du den Namen?« Sailer merkte, dass er die Tischkante gepackt hielt, als wäre sie eine Rettungsboje.

»Einen Namen haben sie nicht gesagt, nur dass sie zwanzig Jahre alt war und bei der ›Brücke‹ arbeitete.«

»Friederike«, sagte Sailer. Er hatte das Gefühl, der Raum um ihn würde ganz klein, nachdem er ihren Namen ausgesprochen hatte. Hinter ihm brodelte es. Er ließ den Tisch los, an dem er sich festgehalten hatte, ging mit dem Telefon am Ohr zum Herd und stellte ihn aus. Ihm war, als sähe er sich selbst zu, wie man einen Automaten beobachtet, der unsinnige Handlungen ausführt. Er musste sich dazu zwingen, die Espressokanne ordentlich am Kunststoffhenkel anzufassen, um sich nicht daran zu verbrennen, und sah seinen Fingern dabei zu, wie sie zitterten.

»Kennst du die etwa?«, hörte er Karin fragen.

»Sie war meine Patientin.« Sailer ging mit der Espressokanne zum Küchentisch und stellte sie langsam darauf. »Ich habe gestern in der ›Rheinpfalz‹ gelesen, dass sie vermisst wird. Sie ist früher schon ein paarmal weggelaufen. Sie lebt auf dem Birkenhof, der gehört zur ›Brücke‹.«

»Was hat sie bei dir gemacht?«

»Sie hatte Panikattacken. Kam schwer zurecht auf dem Hof.« Sailer hatte noch immer das Gefühl, der Boden schwanke unter seinen Füßen. Er bekam schlecht Luft. Die Espressokanne stand vor ihm auf dem Küchentisch, er hatte den Untersatz vergessen und sah nun zu, wie sich auf der Tischplatte ein schwarzer Rand um den heißen Kannenboden bildete, ohne dass er sich in der Lage sah, die Kanne wegzustellen.

»Ich habe ihr Medikamente gegeben. Mit ihr geredet.« Er schluckte. »Sag mal«, setzte er hinzu und bemerkte, wie seine Stimme bebte, »was heißt zerstückelt?«

»Dazu haben sie weiter nichts gesagt. Nur dieses Wort. Zerstückelt. Hör mal, Sebastian, ich würde gerne herkommen, ist das in Ordnung?«

»Sicher.«

Als er Karins Wagen in den Hinterhof seiner Praxis einbiegen hörte, saß Sailer noch immer mit Friederikes Akte auf den Knien vor dem Schreibtisch. Sein Radio hatte er nicht eingeschaltet, obwohl er es deswegen aus der Teeküche mit in die Praxis genommen hatte. Er wollte die Nachrichten nicht hören, ihm war nicht danach. Er stand auf und öffnete ihr die Tür.

»Das nimmt dich ziemlich mit, oder?« Karin war in der Tür stehen geblieben und musterte ihn mit einem raschen Blick, ehe sie sich auf einen der beiden Ledersessel im Sprechzimmer setzte.

»Das kannst du dir ja denken.« Sailer warf die Akte auf den Tisch.

Karin nickte. »Darf ich rauchen?«

Sailer machte eine entsprechende Bewegung. Während sie sich eine Zigarette anzündete, schwieg er. Karin blies den Rauch von sich und sah auf den Schreibtisch.

»Du hast ihre Akte noch einmal durchgesehen?«

»Jedes Wort.«

»Steht irgendwas drin, was weiterhilft?«

Sailer schüttelte den Kopf. »Nichts. Die Medikamente, die ich ihr verschrieben habe, waren harmlos, sie hat sie außerdem gut vertragen. Ein einfaches Beruhigungsmittel. Man könnte sich auch nichts damit antun. Es gibt nur das hier.« Er drehte den Schreibtischsessel, griff nach Friederikes Bild und reichte es Karin hinüber.

Sie zog die Brauen hoch, als sie es sich ansah. »Rotkäppchen«, sagte sie leise. »Und der Wolf.«

»Der Wolf, ja. Vielleicht.«

Karin sah zu ihm hinüber. »Hast du eine Ahnung? Ich meine, um was für einen Wolf es sich hier handeln könnte?«