Future Sounds - Christoph Dallach - E-Book
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Future Sounds E-Book

Christoph Dallach

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Beschreibung

BRD, um 1968. Wie überall in der westlichen Welt drängt die junge Generation auf radikale Veränderungen. Viele strömen aus den Hörsälen auf die Straße. Manche in den Underground. Und manche in die Übungskeller, auf der Suche nach dem Soundtrack der Bewegung. Die unerhörten Klänge, die deutsche Bands wie Can, Neu!, Amon Düül, Popul Vuh, Tangerine Dream, Faust, Cluster oder Kraftwerk damals produzierten, gelten heute als Blaupause für die moderne Rockmusik. Und der Strom ihrer kreativen Bewunderer und Fortsetzer hat sich seit den ersten Fans wie David Bowie stets verbreitert: Ob Blur, Aphex Twin, Sonic Youth, Radiohead oder die Red Hot Chilli Peppers – sie alle beziehen sich auf den sogenannten »Krautrock«. Christoph Dallach hat dessen Pioniere befragt, darunter Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Holger Czukay (alle Can), Michael Rother (Neu!), Dieter Moebius (Cluster), Klaus Schulze (Tangerine Dream), Achim Reichel (AR Machines), Lüül (Agitation Free), Karl Bartos (Kraftwerk), Brian Eno u. v. a. Ihre Antworten fügen sich zu einer Oral History, die über die einzelnen Bandgeschichten weit hinausweist: einerseits in die Vergangenheit, zu Nazilehrern, Nachkriegselternhäusern, Freejazz, Terrorismus, LSD und äußerst langen Haaren; genauso aber in die Zukunft, zu globaler Anerkennung, Mythenbildung, Techno oder Postrock.

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Seitenzahl: 684

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Titel

Christoph Dallach

Future Sounds

Wie ein paar Krautrocker die Popwelt revolutionierten

Suhrkamp

Widmung

Für Maria (MoisE)

Übersicht

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Inhalt

Vorwort. von Christoph Dallach

Kraut

Die Fünfziger

Nachkriegsjugend

Jazz

Die Sechziger

Beat

Haare

WGs

1968

Neuanfang

Drogen

Zodiak

Kluster

Die Siebziger

Kessler

Tangerine Dream

Kommerz

Moog

Amon Düül

A.R. & Machines

Eigenpfade

Weltenbummler

Faust

Austausch

Can

Plank

Kraftwerk

NEU!

Forst

Ausland

Staatsfeinde

Rolf-Ulrich Kaiser

Deutsch

Ende

Heute

Für immer (always)

Biografische Notizen

Danksagung

Bildnachweise

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Vorwort

von Christoph Dallach

Meine erste Krautrockplatte gewann ich in einem Preisausschreiben. Die Aufgabe bestand darin, innerhalb eines knappen Zeitfensters irgendwo anzurufen. Ich kam sofort durch. Vielleicht hatte ich Glück, vielleicht war ich aber auch der einzige Anrufer. Egal, eine Woche darauf war die Platte da: »Movies« von Holger Czukay, mit krakeliger Kugelschreiber-Signatur vom Künstler höchstpersönlich.

Damals, 1979 in einem öden Hamburger Vorort, bestimmten ausschließlich die Sex Pistols und The Stranglers den Soundtrack meiner Jugend. Der Name »Holger Czukay« klang da nicht besonders aufregend, und sein Porträt auf dem Plattencover machte es nicht besser. Aber dann gab ich »Movies« doch eine Chance – und war verblüfft, denn was ich da hörte, war weit weg von allem, was ich bis dahin gewohnt war, und passte weder zum Namen noch zur Hülle: eine elektrisierende Collage von seltsamen Klängen, die ich so ähnlich nur aus den Radiosendungen des abenteuerlustigen BBC-DJs John Peel kannte. Keinem deutschen Musiker hätte ich so was je zugetraut. Und war gleich so gefesselt, dass ich diese wundersamen Tracks von da an immer wieder auflegte, mit stetig wachsender Begeisterung. In meinem Plattenkoffer für die einsame Insel wäre »Movies« auf jeden Fall dabei.

Mit diesem Glückstreffer öffnete sich mir eine neue Welt. Ich wusste nicht viel über Czukay, hatte aber mitbekommen, dass er mal Bassist in einer Band namens Can war. Also schienen die auch interessant zu sein. In Plattenläden stand allerdings wenig von Can, im Radio waren sie nicht zu hören, und zu lesen gab es über sie schon gar nichts. Auf Flohmärkten stöberte ich dann Alben wie »Tago Mago«, »Future Days« oder »Ege Bamyasi« auf. Soloalben von Irmin Schmidt und Platten mit Michael Karoli oder Jaki Liebezeit nahm ich bei Gelegenheit gern mit – und wurde nie enttäuscht. Bald gab ich auch anderen deutschen Musikern wie Michael Rother, Riechmann, Guru Guru und La Düsseldorf eine Chance. Auch die La-Düsseldorf-Vorgänger Neu! fielen mir durch das Pop-Art-Cover ihres Debütalbums auf, das musste doch einen Versuch wert sein. Und tatsächlich kam dann gleich am Anfang »Hallogallo«, eines dieser Stücke, die mich sofort und für immer umgehauen haben. Umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass diese zehn aberwitzigen Minuten aus Deutschland kommen sollten. Um die Sektion »Krautrock« hatte ich in Plattenläden immer einen weiten Bogen gemacht, schon der Name war mit eine Warnung.

Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass es ausgerechnet ein Brite war, der mir endgültig auf die Sprünge half: Julian Cope, Sänger von The Teardrop Explodes. Ihm hatte ich schon die Entdeckung von Scott Walker zu verdanken, aus dessen Soloplatten er ein Best-of kompiliert hatte. Entsprechend gespannt war ich, als 1995 sein Buch mit dem seltsamen Titel »Krautrocksampler« erschien und in den britischen Musikfachblättern, die ich wöchentlich studierte, für Wirbel sorgte. Seine euphorische Liebeserklärung an deutsche Musiker wie Amon Düül, Neu!, Faust, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel, Popol Vuh, Cluster, Harmonia, Klaus Schulze, Witthüser & Westrupp und natürlich Can überraschte mich zuerst: Wieso kannte man in UK diese ganzen Leute? Und woher kam Copes fast schon irrsinnige Faszination für sie? Sein Enthusiasmus trieb mich jedenfalls dazu, tiefer in deren Musik eintauchen zu wollen. Dummerweise waren die meisten Platten dieser Bands gerade damals eher ein Gerücht, weil man sie nirgendwo bekam. Mein Interesse wurde dadurch nicht geringer. Wenn es in Deutschland so coole Musik gegeben hat, wieso war sie dann ausgerechnet hier so ein Geheimnis?

Kurz darauf begann ich selbst, über Musik zu schreiben, und bald boten sich Gelegenheiten, Julian Copes mythischen Helden auch leibhaftig zu begegnen. Ich befragte Holger Czukay, Irmin Schmidt und Jaki Liebezeit. Michael Rother lief einem in Hamburg ohnehin öfters über den Weg, sodass es mir sogar einmal gelang, ihm bei einem Konzert, wo wir beide im Publikum standen, versehentlich ein Glas Rotwein übers Hemd zu schütten.

Als ich dann 2001 anlässlich der lang überfälligen Wiederveröffentlichung der Neu!-Platten mit Rother und seinem musikalischen Partner Klaus Dinger in Köln zum Gespräch verabredet war, wunderte ich mich, dass sie von der zuständigen Plattenfirma auf verschiedenen Stockwerken untergebracht worden waren – angeblich, damit sie sich nicht begegnen und zanken. Dabei waren beide, so verschieden sie waren, hochinteressante Gesprächspartner. Was war da vorgefallen?

Bald danach sah ich eines Nachmittags in London den amerikanischen Hipster-Barden Beck, wie er im Rough-Trade-Plattenladen nahe der Portobello Road dessen gut bestückte Krautrock-Sektion quasi leerkaufte. Überhaupt bin ich in ausländischen Plattenläden von Tokyo bis Rom, wenn man ins Plaudern kam, oft auf die »Krautmusik« angesprochen worden: »Was machen eigentlich Kraan?«, »Gibt es Amon Düül noch?, »Geben Faust noch Konzerte?«, »Wer waren denn diese Kosmischen Kuriere?« Umso größer dann die Enttäuschung, wenn ich dazu nichts sagen konnte.

Als ich 2008 in Hamburg eher unfreiwillig bei einem Konzert der Red Hot Chili Peppers landete und mich nach dem regulären Set erlöst auf den Heimweg machen wollte, kündigten die Kalifornier noch einen Überraschungsgast an. Wie sich herausstellte, war das der von ihnen verehrte Michael Rother, mit dem sie dann eine furiose Version von »Hallogallo« aufführten. Verblüfft war ich allerdings auch von den irritierten Gesichtern im Publikum, die zu sagen schienen: »Wer zum Teufel ist dieser Michael Rother?« Spätestens an diesem Abend wurde mir bewusst, dass ich mit diesen Musikern unbedingt noch sprechen möchte, solange es noch geht, um aus erster Hand zu erfahren, wie es zu dieser Musik gekommen war. Und wieder ging es mit Can los, denn es waren Irmin und Hildegard Schmidt, die mich, als ich ihnen von meinem Plan erzählte, nach Frankreich einluden, wo sie leben, um mir ihre Geschichte zu erzählen.

Zum Glück habe ich auch Holger Czukay noch einmal für dieses Buch getroffen. An einem glühend heißen Tag saß ich mit ihm bei Kakao und schmelzenden Lebkuchen in seinem Studio in Weilerswist bei Köln. Als ich ihm sagte, dass ich »Movies« vor langer Zeit mal in einem Preisausschreiben gewonnen hätte, meinte er, das sei doch der perfekte Weg, um seine Klangwelt zu entdecken.

Die besten Krautrock-Sounds kamen zu ihrer Zeit wie unerhörte Radiowellen aus der Zukunft und werden weiter in die Zukunft funken. In welcher Gegenwart und aus welchen Vergangenheiten sie entstanden sind, wird in diesem Buch erzählt. Von denen, die dabei waren.

Christoph Dallach, Hamburg, Ende 2020

Kraut

»You want Krautrock? You get Krautrock!« FAUST

MICHAELROTHEREs fängt schon damit an, dass ich den Begriff nicht besonders mag.

ULRICHRÜTZELKrautrock klingt doch immerhin viel schöner als Deutschrock.

JULIANCOPEEin brillanter Begriff, genau wie »Punk«, funktioniert als Scherz und bringt den Sound voll auf den Punkt!

JAKILIEBEZEITKraut finde ich nicht schlimm. Viel schlimmer ist Rock! Rock steht nämlich für gar nichts. Rock machen auch Rechtsradikale. Wenn Heino Rammstein singt, ist das dann Rock? Rock ist ein problematischer Begriff, und Can haben nie typische Rockmusik gemacht. Deshalb wurden wir auch in Deutschland nie richtig bekannt. Hier wollten sie Rock, und Rock kommt ja vom Blues, aber mit Blues hatten wir nichts zu tun. Ich würde Can eher eine Popgruppe als eine Rockgruppe nennen.

NIGELHOUSEAls Plattenhändler bin ich für den Begriff »Krautrock« sehr dankbar, da ich unter diesem Namen die ganze spannende deutsche Musik von damals in ein Fach packen kann. Ich weiß schon, dass Tangerine Dream und Can nicht viel miteinander zu tun haben, aber aus Verkäufersicht passt mir Krautrock als Label gut. Diese deutschen Bands haben eigentlich nur den historischen Zeitpunkt gemeinsam, an dem die meisten dieser Platten entstanden sind. Wie die sogenannten »Manchester«-Bands auch. Aber die Schubladen helfen.

SIMONDRAPERIch würde sogar behaupten, dass wir bei Virgin den Begriff »Krautrock« erfunden haben, auch wenn einige Leute das anders sehen. Als ich dort in den frühen Siebzigern zu arbeiten begann, war ich beim Mailorder für die Einkäufe verantwortlich. Damals bekamen wir viele Kundenbriefe, und die Nachfrage nach Platten aus Deutschland war enorm. Meistens ging es um Bands, von denen wir noch nie gehört hatten. Can, Kraftwerk und auch Faust waren uns bekannt, aber die Leute fragten immer wieder nach Sachen, die uns gar nichts sagten. Ein Name, der da ständig auftauchte, war Tangerine Dream. Ich nahm dann Kontakt zu Rolf-Ulrich Kaiser auf, dem Chef ihrer Plattenfirma Ohr. Der schickte uns alles, was die überhaupt veröffentlicht hatten: Tangerine Dream, Popol Vuh etc., so an die dreißig Alben. Die nahm ich dann übers Wochenende mit in meine Wohnung im Ladbroke Grove, hörte sie mit meinem jüngeren Bruder und einem Freund alle durch, machte mir dazu Notizen und überlegte, wie wir die anbieten könnten. Welchem Genre sollte ich sie in unseren Zeitungsanzeigen zuordnen? Hätte ich die einfach alphabetisch aufgelistet, wären die meisten davon untergegangen. Also dachten wir uns diesen neuen Namen aus: »Krautrock«. Vielleicht hatte ja irgendwer zeitgleich dieselbe Idee, wir dann aber auch! Und es hat funktioniert: Alle dreißig »Krautrockplatten« gingen weg wie nichts.

GERHARDAUGUSTINDen Begriff »Krautrock« hat der DJ John Peel für diese seltsame Musik geprägt. Aber für Bands wie Can oder Kraftwerk ist er total verfehlt.

WINFRIDTRENKLERDen Ausdruck hat einer dieser arroganten britischen Musikschreiber aufgebracht, von denen damals so einige anzutreffen waren.

BRIANENOIch mochte das Wort »Krautrock« nie, weil es mich an den Krieg erinnert. Britische Soldaten nannten ihre deutschen Gegner »Krauts«, und der Name ist seitdem eine Beleidigung geblieben. Dass in der deutschen Avantgardemusik etwas passierte, nahm ich seit dem Ende der sechziger Jahre wahr, obwohl ich damals die neue Musik aus den USA bevorzugte, besonders die Minimalisten. Aber die Einzigartigkeit und Sensibilität dieser deutschen Musik war mir sehr bald bewusst.

HARALDGROSSKOPFKrautrock ist ein wunderbarer Begriff. Sicher wurde da viel in einen Topf geworfen, was nicht zusammenpasst: von irgendwelchen deutschen Bands, die bloß angloamerikanische Vorbilder kopierten, bis zu den abgefahrensten Elektronikern. Das Einzige, was wirklich alle vereint, ist, dass sie abstreiten, etwas mit Krautrock zu tun zu haben. Und ursprünglich war es ja auch eindeutig ein Schimpfwort. Ich erinnere mich an einen Artikel in der englischen Presse, als Kraftwerk erste Erfolge feierten. Da stand in Runenschrift drüber: »MUZAK FROM GERMANY«, dazu das Brandenburger Tor und SA-Fackeln, schon sehr böse. Dabei wussten diese Briten nicht mal, dass Sauerkraut ein sehr gesundes Nahrungsmittel ist. Wenn ich das Wort »Kraut« in England hörte, sagte ich immer: Kommt nach Deutschland, ich lade euch da auf Sauerkraut mit Bratwurst ein. Und wenn man mal mit englischem Frühstück gequält wurde, ist das nur fair.

HELLMUTHATTLERIch bin in Ulm aufgewachsen. Da gab es viele Ami-Kasernen, und wenn man an einer Kaserne vorbeiging, bekam man schon das Wort »Kraut« zu hören. Wir waren da immer noch der Feind.

MANINEUMEIERMir ist der Begriff gar nicht so unsympathisch. Der kommt ja nicht vom Kraut, was man isst, sondern vom Kraut, was man raucht.

DANIELMILLERIch mochte den Begriff damals nicht. Allein die Idee, diese völlig verschiedenen Musiker unter einem Genre zusammenzufassen, fand ich abwegig. Ich kann mir kaum zwei unterschiedlichere Bands vorstellen als NEU! und Amon Düül. Und mit Kraftwerk hatten beide nichts zu tun. »Krautrock« klang für mich auch gar nicht nach Musik, eher nach Geografie und Politik. Das war so ein typischer, schnell dahingefetzter britischer Quatsch. Inzwischen ist das natürlich etabliert, aber ich hadere immer noch damit, es über die Lippen zu bringen.

THOMASKESSLERHätte ich damals schon gewusst, dass ich später mal unter diesen Begriff fallen würde, hätte ich mich sehr gewundert.

IGGYPOPEigentlich ein furchtbarer, idiotischer Begriff, aber so wie mein Vorname ist »Krautrock« mit den Jahren zum Markenzeichen geworden und letztlich positiv besetzt, weil die Musik dahinter so grandios ist.

JÜRGENDOLLASEKrautrock war nie ein spezieller Stil, dafür war das Feld viel zu weit aufgefächert. Ende der sechziger Jahre kam fast wöchentlich spannende neue Musik raus. Kein Mensch wusste, wo die Reise hinging.

SIGGILOCHAlles, was aus Deutschland kam, war eben »Kraut«. Für Briten sind wir seit mehr als zwei Generationen die »Krauts«, und das ist nicht freundlich gemeint.

STEVENWILSONFür mich war Krautrock immer eine besondere und ernsthafte Kunstform, mit einer präzisen Ideologie und Philosophie, keine Medieninszenierung. Vermutlich sieht sich auch keine der betroffenen Bands als »Krautrock«. Dass dieser Song von Faust so heißt, ist pure Ironie.

JEANHERVÉPERONUnser »Krautrock«-Song ist aus Zufall entstanden. Wir dachten uns: »You want Krautrock? You get Krautrock!« Mittlerweile gilt der Begriff bei der Presse und auch beim jungen Publikum als cool. Und wir könnten sogar im Museum spielen. Trotzdem, dass irgendwann alles, was irgendwie deutsch und hip ist, unter »Krautrock« fiel, nervt dann doch. Das Wort hat eine ähnlich komplizierte Geschichte wie unsere Gruppe. Selber nannten wir das, was wir machten, damals eher »Multimedia-Musik« oder »Progressiv-Musik«. Aber die Engländer sind bekannt für ihren Humor, manchmal brillant und manchmal unterirdisch, wie eben das Wort »Krautrock«: ein bisschen Nazi, ein bisschen Igitt.

HOLGERCZUKAYDer Begriff ist großer Quatsch. Den habe ich aber ohnehin nie auf mich bezogen. So wie vermutlich alle, die je so bezeichnet wurden. Wenn wir mit Can in England waren, hatte ich immer das Gefühl, dass wir als eine ihrer Bands respektiert wurden.

IRMINSCHMIDTFür mich ist das kein Schimpfwort. Für die Engländer sind wir halt die Krauts. Das darf man nicht als Beleidigung sehen. Die Franzosen haben ja für die Deutschen zwei Begriffe: »Les Boches«, der stammt aus dem Krieg und ist nicht so schön, und »Les Chleus«, was sehr viel schöner ist. »Chleu-Rock« wäre doch wunderbar.

STEPHENMORRISEin hässlicher Begriff, der wahrscheinlich so entstanden ist: »Aus Deutschland? Schreib einfach, es sei verdammter Krautrock, oder?« Heute gäbe es dafür wohl gleich ein eigenes Marketingkonzept.

KLAUSSCHULZE»Krautrock« fand ich grässlich, aber letztlich auch egal. Wir machten elektronische Musik – weder Kraut noch Rock.

PAULWELLERDas wird dieser Musik nicht gerecht. Da ist ein anderer Groove, keine Spur vom »Swing« der Briten oder Amerikaner. Krautrock klingt nach Abgrenzung und Isolation. Da ist dieses Gefühl einer neuen Generation, die nicht das tut, was von ihr erwartet wird, sondern sich ihren eigenen Weg sucht. Als jemand, der mit Soul, Pop und Rock ’n’ Roll aufgewachsen ist, empfinde ich, dass die deutsche Musik jener Jahre einen vollkommen anderen Ansatz verfolgt, für meine Ohren zumindest.

CHRISTIANBURCHARD»The Sun« schrieb über Embryo mal: »Some low flying Messerschmidts«, vielleicht lustig gemeint, aber auch etwas bösartig. Wir haben mal mit Ginger Baker’s Air Force in der Grugahalle gespielt. Hinter der Bühne würdigte er uns keines Blicks, warf nur verächtlich seine Trommelstöcke nach hinten und sagte zu seinem Kollegen: »Jetzt reicht’s aber auch mit diesen verdammten Bluts.« Sein deutsches Publikum waren für ihn »fucking Bluts«.

CHRISKARRERWir nennen englische Musik doch auch nicht »Tommy-Rock«, oder? Aber letztlich ist es mir scheißegal.

DIETERMOEBIUSKrautrock waren für mich eher Bands wie Guru Guru oder Kraan, die machten ja wenigstens Rock in klassischer Besetzung, mit Schlagzeug und Gitarren. Dass Cluster nun rückblickend als Krautrock gelten und ich schon mal als »Godfather of Krautrock« bezeichnet wurde, ist ein Missverständnis.

GABIDELGADO-LÓPEZFür uns Punks war »Krautrock« damals eher so was wie Grobschnitt, Jane oder Birth Control, alles Musik, die wir nicht so gut fanden. Gruppen wie NEU! oder Kraftwerk haben wir gar nicht dazugezählt. Das Problem war eigentlich das Wort »Rock«. Alles, was irgendwie weniger »rockig« war, fanden wir gut, so wie NEU! oder Tangerine Dream und Klaus Schulze. Das war einfach interessanter und neuer. Guru Guru oder Grobschnitt waren dagegen langweilig. Hippiemusik. Die Engländer meinten Krautrock als Schimpfwort, und ich hätte mir gewünscht, dass die damit bezeichneten deutschen Bands eine selbstbewusstere musikalische Antwort gefunden hätten. Nach dem Motto: Wir sind die Krauts! So wie die Afroamerikaner das im Hip-Hop mit »Nigger« gemacht haben: das Schimpfwort einfach annektieren und umdrehen.

LÜÜLDer Begriff stieß damals bei allen Beteiligten auf eine Art Hassliebe. Aber mit den Jahren wurde er dann eher zum Gütesiegel, auch durch die Ritterschläge von Leuten wie Brian Eno oder David Bowie. In Frankreich nannten sie es »Kosmische Musik«, was mir sehr viel besser gefiel.

LUTZLUDWIGKRAMERIch liebe das Essen, aber wir standen für Aufbruch und nicht für das Kraut, das unsere Omas zubereitet haben. Wir haben mit Strukturen gebrochen, wie konnte man uns da einen so rückwärtigen Namen geben?

JEAN-MICHELJARREDa schwingt aber auch etwas Symbolisches mit: das Beleidigtsein, weil die Angelsachsen in dieses Phänomen nicht involviert waren. Andererseits nehmen sie Abstand, machen klar, dass ihre Musik eine andere ist. Für diese Art von Musik fehlte vielen Amerikanern und Engländern die Vorstellungskraft. Natürlich gibt es interessante Rockgruppen in Frankreich oder Deutschland, aber letztlich produzieren wir immer nur Kopien nach Vorlagen der Amerikaner und Engländer. Rock hat nach dem Zweiten Weltkrieg die ganze Welt kolonisiert. Krautrock war etwas Eigenständiges, das europäische Wurzeln hatte, und das passte eben nicht allen.

LIMPEFUCHSIch mach mein Sauerkraut immer noch selber.

Die Fünfziger

Nachkriegsjugend

»Als Teenager spielte ich mal mit dem Gedanken, meine Schule mit einem Panzer zu beschießen. Aber aus Geldmangel blies ich den Plan dann ab.« HOLGER CZUKAY

ALEXANDERVONSCHLIPPENBACHAls ich in die Schule kam, wurde noch zwei Tage lang »Heil Hitler« gesagt – daraus wurde dann ganz plötzlich »Guten Morgen«.

HANS-JOACHIMROEDELIUSIch habe die harten Bombennächte noch miterlebt und dann die ganze Evakuierung, die Flucht, das war ein Wahnsinn. Jetzt, im Nachhall, ist das alles nicht ganz so betrüblich, wie es sich damals für mich angefühlt hat. Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr, ob ich wirklich Angst hatte, als mir die Bomben auf den Kopf fielen. Meine Schwester sagt, ich hätte einen Höllenschiss gehabt. Die hat mich damals manchmal in den Luftschutzkeller bringen müssen, weil unsere Eltern in einem anderen waren.

ALEXANDERVONSCHLIPPENBACHWir haben den Einmarsch der Russen erlebt. Ich weiß noch, wie zuerst die Amerikaner in unser Dorf kamen, die aber leider nach vierzehn Tagen wieder weggingen. Wir mussten dann aus einer komfortablen Unterkunft in ein bombengeschädigtes Haus umziehen, das Risse in den Wänden hatte. Im Winter war das schon ziemlich speziell. Schwer zu sagen, ob diese Kindheit etwas mit meiner musikalischen Ausdrucksweise und Auffassung zu tun hat. Mein Vater hatte nicht am Krieg teilgenommen, weil er an der Lunge verletzt war. Natürlich habe ich Geschichten gehört, durch Eltern von Freunden und von Bekannten. Ich wusste von den Zerstörungen in den großen Städten und den gewaltigen Bombenangriffen und erinnere das Dröhnen der Maschinen, wenn abends am Himmel die amerikanischen Flieger ihre Bombenangriffe flogen. Es wurde nicht viel über den Krieg gesprochen, in der Schule schon gar nicht. In der Nachkriegszeit waren einfach alle zu sehr mit dem Überleben beschäftigt.

HANS-JOACHIMROEDELIUSNach Kriegsende 1945 waren wir nahe Berlin im Spreewald bei den Russen. Da versuchte meine Mutter, mir das Klavierspielen beibringen zu lassen, aber das Klavier war verstimmt. Ich hatte keinen Gusto, Noten zu lesen, und das verstimmte Klavier hat mich auch genervt. Als mein Vater 1948 dann an TBC starb, konnte sich meine Mutter den Unterricht ohnehin nicht mehr leisten. Mein Vater war im Ersten Weltkrieg Sanitäter gewesen, hatte »Gelbkreuz« eingeatmet und einen Lungenschaden zurückbehalten. Deshalb musste er dann später nicht mehr in den Krieg. Gott sei Dank, in meiner Familie hat keiner geschossen!

JAKILIEBEZEITIch bin steinalt, 1938 geboren, und habe das Dritte Reich noch erlebt. Begriffen habe ich das damals aber nicht. Nur dass mein Vater nicht da war, hat mich stutzig gemacht. Als dann auf mich geschossen wurde, dachte ich, das sei normal. Mehrmals hatte ich Kugeln um mich rumfliegen, hab auch noch Bomben runtergehen sehen. Als Kind denkt man aber in dem Moment nicht daran, dass man mal tot sein könnte. Ich habe viel Glück gehabt, trotzdem bin ich nazigeschädigt – und das nicht zu knapp. Die ersten Fragen habe ich dann während der Schulzeit gestellt. Bis zum Ende der sechziger Jahre gab es in Deutschland noch viel braunes Gedankengut. Entsprechend war das Verhalten der Leute, dieses autoritäre Herrenmenschengebaren. Die meisten Lehrer meiner Schulzeit hatten eine Nazivergangenheit. Keine ganz schlimmen Nazis, aber Nazis. Darauf stößt man bis heute manchmal. Der Krieg war 1968 erst gut zwanzig Jahre her, da war noch Etliches aus dem Dritten Reich haften geblieben. Was wir dann mit Can machten, hatte viel mit der Beseitigung dieser Vergangenheit zu tun.

HOLGERCZUKAYIch bin 1945 aus Polen nach Deutschland gekommen, nach Beetzendorf bei Salzwedel im Osten. Da war ich noch sehr jung, ungefähr sechs. Wir waren fünf Kinder. Als die Russen dann immer näher kamen, sind wir nach Limburg geflohen. Mein Bruder ist Philosoph, der ging nach England und wurde Anfang der Sechziger tatsächlich Philosoph bei der Royal Air Force. Czukay war im Krieg kein guter Name. Also fälschte mein Großvater einfach einen Familienstammbaum und behauptete, dass wir eigentlich Schüring hießen, um aus der polnischen Geschichte raus zu sein. Später bin ich mit zwei polnischen Sängerinnen in einer Kneipe aufgetreten, die mich fragten, ob ich überhaupt wisse, was »Czukay« heißt. Nein, wusste ich nicht. Es heißt »Suche«. Das ist ein Name, der mehr als jeder andere zu mir passt, dachte ich mir. Auch Stockhausen hat mir geraten, den Namen wieder anzunehmen.

IRMINSCHMIDTMeine Schule war ein Nest von alten Nazis. Zum Beispiel gab es einen Geschichtslehrer, der Schulungsleiter der NSDAP beim Reichsarbeitsdienst gewesen war. Das hatte ich rausbekommen, weil ich in dieser Zeit immer mehr las. Als Typ war dieser Lehrer eigentlich in Ordnung, trotzdem war seine Vergangenheit ein Problem für mich. Mit fünfzehn begann ich in der Schülerzeitung zu schreiben und machte da jede Lehrer-Nazibiografie öffentlich, die ich nachweisen konnte. Dabei hat mir ein Mann geholfen, der Leiter des Amerikahauses war. Den hatte ich dort bei Konzerten kennengelernt. Er war Jude, und da dachte ich mir, dass der sicher viel darüber weiß, was damals passiert ist. Dieser Mann versorgte mich jedenfalls mit Dokumenten und war wohl fasziniert, dass da so ein Fünfzehnjähriger ankommt und ihm Löcher in den Bauch fragt über diese Zeit. Das muss so 1952 gewesen sein, also verdammt lang vor 1968. Damals begann mein Kampf mit der deutschen Geschichte.

BERNDWITTHÜSERIch bin 1944 in Mülheim an der Ruhr geboren, quasi in einer Zeche, der Zeche Rosenbogen. Die schwangeren Frauen und die, die gerade Mutter geworden waren, wurden damals für eine Zeit ins Sauerland exportiert. Danach mussten aber alle zurück zur Zeche, und da wurden wir von den Engländern bombardiert. Meine Mutter hat mich immer in eine Tasche geworfen und ist mit mir zum nächsten Bunker gerannt. Tief unten bei mir ist das Gefühl hängengeblieben, dass ich stets nur wegwollte, in Gedanken war ich immer auf der Flucht. Dabei war es für uns Kinder ganz schön, in den Ruinen zu spielen. Wir hatten da viel Platz, weil ja alles weg war. Meinen Vater kannte ich nicht, und meine Mutter war viel zu beschäftigt, um mit mir zu reden. Also haben wir nie über den verlorenen Krieg und Hitler und so weiter gesprochen. Aber meine Familie waren auch einfache Bergleute, die Einfachsten der Einfachen, das hat die alles überhaupt nicht interessiert. Die hatten genug damit zu tun, ihre Kinder durchzubekommen, für weitergehende Gedanken war da kein Spielraum.

HARALDGROSSKOPFDie Schulzeit war schon schlimm. Bis auf ein paar junge Lehrer wurden wir durch die Bank von nazi-infiltrierten alten autoritären Männern unterrichtet. Wir haben viel gestritten, aber weniger über die Nazizeit als über deren autoritäres Auftreten. Wenn wir uns langweilten, fragten wir die Lehrer einfach, wie es denn im Krieg so gewesen sei, und dann schwadronierten die stundenlang von ihren heroischen Abenteuern. Ein paar von denen habe ich später auf der Homepage meiner Schule abgebildet gesehen, drei davon auf Fotos aus den späten Dreißigern, und wenn man genau hinschaute, konnte man auf dem Revers deutlich ihr Parteiabzeichen erkennen. Die Lehrer bestraften uns mit Schlägen und Zensuren. Ich habe erlebt, wie ein Lehrer einem Schüler, der abwehrend die Arme erhoben hatte, einen Finger gebrochen hat, sogar das blieb ohne Folgen. Oder der Hausmeister kam, wenn wir zu laut waren, in die Klasse, stemmte die Hände in die Hüften und schimpfte: »Das ist ja hier wie in einer Judenschule!« Mit solchem rassistischen Scheiß kamen die durch. Da hat sich damals kein Mensch drüber aufgeregt.

BERNDWITTHÜSERIn der Schule war der Krieg auch kein Thema. Es kamen nur immer mehr Lehrer aus der Kriegsgefangenschaft zurück, und die waren ständig am Heulen. Wir waren aber auch keine einfachen Kinder, sondern haben die gequält. Wir waren jung und wollten leben – und die haben immer bloß geweint. Aber als Kind kriegt man das ja gar nicht so mit. Als wir später langsam anfingen, das alles zu begreifen, war es schon schrecklich. Für mich nur ein Grund mehr, da wegzuwollen, aus diesem grauen Kohlenpott.

IRMINSCHMIDTIch bin wegen diesen Nazi-Recherchen schließlich auch von der Schule geflogen. Da war zum Beispiel unser Lateinlehrer, den ich eigentlich sehr gemocht habe, und er mich auch, aber leider war er Major in Rommels Armee gewesen und hat sich nicht gerade durch Widerstand ausgezeichnet. Ein anderer Lehrer, irgendein Freiherr von irgendwas, war sogar Direktor einer NSDAP-Parteischule in Ungarn gewesen. Ich verstand mich mit denen gut, habe ihre Vergangenheit aber trotzdem publik gemacht, was unsere Freundschaft natürlich nicht unbedingt vertieft hat. Die sprachen mich dann auch an: »Schmidt, können Sie das denn nicht lassen?« Und ich sagte: »Nein! Ich lasse das nicht. Was ich rauskriege, muss raus, muss gesagt werden, das mache ich ja mit meinem Vater auch.« Besonders der Kampf mit meinem Vater war natürlich sehr, sehr schmerzlich. Ich fragte ihn, wie er mit so einer Schuld leben kann. Damit, so etwas auf dem Gewissen zu haben. Und er hat sich natürlich gegen meine Vorwürfe gewehrt.

BERNDWITTHÜSERMeine Mutter wollte zwei Dinge: erstens, dass ich konfirmiert bin, evangelisch – da musste ich mich dann durchquälen. Und zweitens, dass ich einen Beruf erlerne, am besten Bergarbeiter. Ich habe an meinen Opa und an meinen Onkel gedacht und ihre traurigen schwarzen Augen und wusste: Ich mache alles, aber niemals gehe ich in den Pütt! So habe ich dann bei Krupp Elektriker gelernt. Das ging so einigermaßen, scheiße fand ich es trotzdem. Da, wo sie vorher Kanonen gegossen hatten, gossen sie nun kleine Glöckchen. Die Fabrikarbeit war auch nichts für mich. Ich fing damals schon an zu spielen und war schnell weg.

GÜNTERSCHICKERTEs gab nach dem Krieg nicht genug Lehrer, viele waren draufgegangen. Den Überlebenden wurden schnell mal drei Fragen gestellt, zack, schon waren sie entnazifiziert und konnten eingesetzt werden. Genauso lief es in der Justiz, wo die Richter und Staatsanwälte oft auch alte Nazis waren. Die waren zwar alle offiziell entnazifiziert, aber doch ziemlich autoritär und spießig. Wir hatten einen Heimatkundelehrer, den Herrn Brandt, wenn der die Klasse betrat, mussten alle aufstehen, strammstehen und im Chor sagen: »Guten Morgen, Herr Brandt!« Wenn einer das nicht machte, hat der mit dem Schlüsselbund nach ihm geschmissen. Ronald, der Älteste bei uns in der Klasse, ist dann mal nach vorne, hat Herrn Brandt eine Ohrfeige gegeben und gesagt: »Wenn Sie mich bewerfen, haue ich Sie.« Er musste dann zum Direktor und flog von der Schule.

JAKILIEBEZEITIch erinnere mich an einen Erdkundelehrer, der stolz erzählte, dass er U-Boot-Kapitän gewesen war. Ich fand das interessant und hab mir dabei nie was Böses gedacht. Er war auch ein guter Lehrer. Mit den Lehrern gab es nichts zu streiten. Meine Schule war total konservativ und autoritär. Wer was gegen einen Lehrer sagte, musste zum Direktor und bekam eine Ermahnung, wenn es ein zweites Mal vorkam, flog man. Ich bin dann auch geflogen, weil ich die Erwartungen von Untertänigkeit nicht erfüllte. So musste ich von der Kleinstadt Hannoversch Münden nach Kassel umziehen und traf da bald auf den Trompeter Manfred Schoof, Free Jazz, keine Untertänigkeit mehr.

MICHAELHOENIGDie Schule, auf die ich ging, war ein total reaktionärer Verein, das Schiller-Gymnasium, die zweite Schule in Berlin, die Französisch als erste Fremdsprache unterrichtete. Da waren nur Lehrer aus dem Dritten Reich, die es geschafft hatten, sich in ihren alten Beruf rüberzuretten, natürlich mit den seltenen Ausnahmen. Schon 1967 wurde ich vom Direktor vors Kollegium gerufen. Man wollte ein Exempel statuieren, nachdem in der Springer-Presse ein Bild von mir bei einer Demonstration erschienen war. Ich sollte klargemacht bekommen, dass so was nicht ginge, und mit schlechten Noten zur Vernunft gebracht werden. Zum Glück war mein Vater klug genug, zur Schule zu gehen und sich über meine Behandlung zu beschweren. Dass er das für mich tat, machte mich sehr stolz und gab mir viel Kraft und Geborgenheit, aber gebracht hat es überhaupt nichts. Auch mit meinen Eltern habe ich jeden Tag weitergestritten. Die arbeiteten beide, rackerten sich total ab, weil nach dem Krieg von ihrem einst wohlhabenden Hintergrund nichts übrig war. Welche Frau hat 1967 schon gearbeitet? Meine Mutter ging jeden Morgen aus dem Haus.

IRMINSCHMIDTMit siebzehn habe ich den Fotografen der Dortmunder Oper kennengelernt, einen Juden, der zurückgekommen war. Vor dem Krieg war er im letzten Moment auf abenteuerlichste Weise noch aus Deutschland rausgekommen. Das war ein wunderbarer Mensch, dem ich die Liebe zur Literatur verdanke. Er war eine Art geistiger Vater für mich, und der sagte eines Tages: »Es ist alles gut, was du da gemacht hast, aber jetzt hör auf! Es geht auch um dich.« Es gibt eine Geschichte, die viel darüber sagt, wie der war. Wir waren mal eingeladen, er und ich, bei irgendwelchen reichen Leuten, wo ich als Student Kammermusik gemacht hatte. Da gab es ein Abendessen, und da saß ein forscher Mensch, damals vielleicht vierzig Jahre alt, der aber nicht wusste, dass mein Freund Kirchberg Jude war. Irgendwie hatte der das Bedürfnis, dieses Thema anzuschneiden, was keiner von uns eigentlich wollte. Aber der hatte eine Art Redezwang und sagte, das mit den sechs Millionen toten Juden könne man sich doch gar nicht vorstellen, wie solle das denn bitte gehen? Daraufhin hat Kirchberg ihn liebevoll angeschaut und sagte: »Ja, das kann ich mir auch nicht vorstellen, ich kann mir nur sechzehn tote Juden vorstellen: meinen Vater, meine Mutter, meine beiden Schwestern …« – und zählte dann alle seine umgekommenen Familienmitglieder auf. Ganz ruhig, mit Namen. Danach herrschte am Tisch Totenstille. Der Mann mit dem Redezwang verließ umgehend den Raum.

HARALDGROSSKOPFWir waren viel zu jung, um uns gegen all das zu wehren, und waren ja nicht einmal darüber aufgeklärt worden, was es heißt, ein Nazi zu sein. Ich war zwölf, als wir nach Bergen-Belsen fuhren, und war schockiert. Wir sind da ahnungslos und fröhlich hingefahren, aber als wir das Lagergelände betreten hatten, wurden wir ruhig. Da standen wir vor langen Massengräbern mit Grabsteinen, auf denen mal 2500, mal 5000 oder auch mal 15000 stand. Dazu kamen die Fotos. Das war das erste Mal, dass ich richtig geschockt war. Danach begann ich den Eltern Fragen zu stellen. Die Eltern wollten aber lieber alles verdrängen, überall wurde verdrängt: in der Justiz, in der Polizei, in der Schule – und zu Hause! Der Schatten des Dritten Reichs auf die Bundesrepublik war groß.

MANINEUMEIERDarüber, was Onkel Adolf getan hatte, wurden wir in der Schule in München nicht aufgeklärt. Man hörte Geschichten von Eltern, Freunden und Bekannten, was so gelaufen war, aber in der Schule war das kein Thema, weder schriftlich noch mündlich.

GÜNTERSCHICKERTMeine Mutter ist abgehauen, als ich zwölf war. Wegen mir und meiner Schwester kam sie aber noch mal wieder. Mein Vater war schwerbeschädigt, hatte oft tierische Schmerzen und musste Tabletten schlucken. Wenn er Alkohol im Blut hatte, wurde er manchmal jähzornig. Irgendwann sind meiner Mutter die Nerven endgültig durchgegangen, und dann war sie weg. Danach war ich mit meinem Vater alleine. Meine Mutter war also in der Zeit, in der ich solche Fragen gestellt habe, gar nicht mehr da, und mein Vater hat nicht über den Krieg gesprochen. Auf Nachfrage meinte er nur, er sei Kradschütze gewesen, auf dem Motorrad, mit der Knarre in der Hand im Beiwagen, und habe immer Meldungen machen müssen. Das war in Frankreich, vermutlich hat er da auch ein paar Leute erschossen, aber davon hat er nicht gern erzählt. Er war aber auch nur am Anfang dabei, dann wegen seiner Krankheit schon bald nicht mehr kriegstauglich. So verbrachte er den Rest des Krieges in Berlin. Schlimm genug. Meine Mutter hat mir erzählt, wie hart das war. Aber wie schlimm es wirklich war, habe ich erst später auf Bildern und in Filmen gesehen. In der Schule bekam ich zweimal einen Film mit Aufnahmen aus den Konzentrationslagern vorgeführt. In der Grundschule versammelten sich alle in der Aula, Licht aus, Vorhänge zu, und dann ging der Film los. Das waren wirklich die härtesten Sachen, die man sich vorstellen konnte, wie die Planierraupen die Toten zusammenschoben, grauenhaft … Die Blicke. Grauenhaft. Das hat sich bei mir ein Leben lang gehalten. Dieses Grauen sitzt immer noch tief in mir drin.

HOLGERCZUKAYMeinen Vater habe ich nie richtig kennengelernt, mit Sicherheit war er ein Nazi. Er hat mal Kleinigkeiten über den Russlandfeldzug berichtet, aber eigentlich nichts gesagt. Auch meine Mutter hielt sich bei dem Thema Krieg komplett zurück. Sie empfand das Thema als geschmacklos.

HELLMUTHATTLERDie sind doch alle nur programmiert gewesen. Mein Vater sagte immer, dass er zwar nach Russland musste, aber nie auf jemanden geschossen habe, weil er den Krieg auch scheiße gefunden hätte. Das muss nicht unbedingt gestimmt haben, aber trotzdem fand ich das toll. Mein Vater hatte natürlich schlimme Sachen erlebt, aber er versuchte, sich so gut wie möglich rauszuhalten. Das habe ich ihm auch abgenommen. Im Rückblick wird klar, dass die traumatisiert waren und einfach nur ihre Ruhe wollten. Unseren Eltern ging es nur ums Eigenheim und darum, täglich zu geregelten Zeiten zu essen. Damals hatte ich dafür kein Verständnis, fand es unerträglich und wollte einfach alles anders machen. Durch das Wirtschaftswunder war meine Generation aber in einer komfortablen Situation, auch durch die neue sexuelle Freizügigkeit, es war eben doch eine Ära der Experimente. Diese Freiheit der Jugend hat den Älteren wiederum Angst gemacht, so etwas kannten die nämlich nicht.

HARALDGROSSKOPFMein Vater ist Parteimitglied gewesen. Es gibt ein Foto von 1944, kurz vor Kriegsende, da trägt er seine Uniform mit einem blauen Fleck am Revers. Und der erwies sich bei genauem Hinschauen als Parteiabzeichen. Mein Vater hat also bis zum bitteren Ende an der Partei festgehalten. Der Streit mit ihm wurde zur Auseinandersetzung meines Lebens. Er meinte, Krieg sei schrecklich, und unterstützte mich sogar bei meinem Zivildienst, aber die Nazis seien gar nicht so schlimm gewesen. Er habe eine gute Zeit bei der Hitlerjugend gehabt und meine Mutter eine gute Zeit beim Bund Deutscher Mädel. Aber das sei alles eigentlich auch längst kein Thema mehr, und warum wir denn so viel über Politik reden müssten. Als ich dann Zivildienst leistete und am Wochenende mal zu Hause war, dauerte es keine zehn Minuten, bis wir beide unter der Decke waren, immer beim selben Thema. Mein großer Bruder hatte diese Fragen nicht gestellt, aber ich war eben der Rebell, was mich wohl letztlich auch zum Krautrock brachte.

KARLBARTOSDie Straße, in der ich aufgewachsen bin, war voll mit Spätheimkehrern und Versehrten. Täglich kam jemand an unsere Tür und hat gefragt, ob wir nicht was zu essen für ihn hätten. Das war kein Betteln, das waren Entwurzelte, die nicht mehr wussten wohin. Das Nachkriegsdeutschland hatte sehr verschiedene Ebenen. Es gab Altnazis, die nun Richter oder Polizisten waren und sich einfach unbemerkt ins nächste System gerettet hatten. Und es gab die zerstörten Arbeiter, die gar nichts hatten, so wie meine Eltern. Über den Krieg wollte mein Vater nicht sprechen, das war tabu! Er war mit zwanzig mehr als zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen und hatte noch Erfrierungen an den Füßen und heftige Malariaanfälle, unvorstellbar. Ich habe sogar ein gewisses Verständnis dafür, dass er über all das nicht sprechen wollte, er hatte seine Zukunft und seine Emotionen in Russland abgegeben. Heute bekommen die Bundeswehrsoldaten nach drei Monaten in Afghanistan ein Attest über posttraumatische Störungen. Das ist auch in Ordnung, aber damals hatte eine ganze Generation posttraumatische Störungen und litt unter einer Psychose, die niemals therapiert wurde. Mein Vater hat sein ganzes Leben darunter gelitten. Seine ablehnenden Reaktionen auf meine Fragen habe ich erst viel später verstanden. In meiner Jugend lief es auf absolute Nichtkommunikation hinaus. Meine Eltern waren einfach unfähig, diese Gespräche mit mir zu führen. Mein Vater war im Dritten Reich gebrainwashed worden. Er funktionierte nach dem Krieg zwar wieder, sorgte fleißig für seine Familie, aber seine Emotionen waren weg. Marlene Dietrich hielt er für eine Verräterin. Und meine Schwester wurde dann die Frau eines englischen Besatzers.

LUTZLUDWIGKRAMERVom sechsten bis zum zehnten Lebensjahr war ich im Allgäu in einer Klosterschule inmitten von Nonnen, die einen misshandelten. Man wurde zum Beispiel gezwungen, einen Tag und eine Nacht lang sein Erbrochenes zu essen. Habe ich nicht gemacht. Man saß da vor dem Teller, alle waren schlafen gegangen, ich durfte nicht mal auf Klo, pinkelte mir in die Hosen und wurde mit einem Rohrstock auf den nackten Arsch und die Finger geschlagen. Mit sechseinhalb kam ich da hin, und vier Jahre später durfte ich wieder nach Hause. Meine Eltern kümmerten sich nach dem Krieg mehr um ihre Karriere als um mich, mein Vater beim Film und meine Mutter als Sopranistin, die hat mit Rudolf Schock u.v.a. gesungen. Die wollten mich, glaube ich, einfach nur aus dem Weg haben. Mir haben sie das so verkauft, dass man ihnen dazu geraten hätte, aber das habe ich nie geglaubt. Meine Zeit bei den Nonnen war traumatisch für mich und ist es bis auf den heutigen Tag. Wer mit sechseinhalb Jahren so verprügelt und misshandelt wird, bekommt das nie mehr aus dem Kopf.

PETERBRÖTZMANNEigentlich hatte ich eine gute Kindheit. Mein Vater kam erst spät aus russischer Gefangenschaft zurück, das war 1949. Die Jahre bis zum Kriegsende waren meine Mutter, meine Schwester und ich evakuiert in Pommern. Meine Mutter hat sich dann mit uns irgendwie in den Westen durchgeschlagen. Für mich hieß das, dass ich glücklicherweise relativ unbehütet aufwachsen konnte. Unser Lebensraum war die Straße, und das war gar nicht so übel. Da habe ich von klein auf ein Gefühl von Unabhängigkeit gelernt. Wir waren in Streetgangs unterwegs und klauten, was wir kriegen konnten: Obst, Heizmaterial, Rüben vom Feld und so weiter. Das machte ja jeder eigentlich. Wir waren gut organisiert. Trotzdem tauchte ab und zu die Polizei zuhause auf, aber letztlich war unsere Jugend eine schöne und abenteuerliche Angelegenheit. Mein Vater war nur ein einfacher Scheißsoldat gewesen und kam genauso einfach aus dem Krieg zurück. Sein älterer Bruder aber war ein hochrangiger Wehrmachtsoffizier, der ab und zu auf Besuch kam. Mein Vater hasste es, über seine Kriegserlebnisse zu reden. Sein Bruder dagegen liebte es, von den Heldentaten der Wehrmacht zu erzählen. Zumindest war es interessant, ihm zuzuhören. Aber meine wirklichen Auseinandersetzungen mit der Nazizeit fanden woanders statt. Ich erinnere mich noch, wie eines Tages an unserem Gymnasium der Alain-Resnais-Film »Nacht und Nebel« gezeigt wurde. Da war ich so vierzehn Jahre alt. Das war ein einschneidendes Erlebnis, meine Eltern kamen beide aus dem heutigen Polen. Ich habe mich dann auch mit dem Warschauer Ghetto und ähnlichen Geschichten beschäftigt und las alles, was zu diesen Themen zu bekommen war.

MICHAELROTHERIn meinem Elternhaus war die Vergangenheit kein Thema. Mein Vater hatte schwer unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten. Er war glaubhaft todunglücklich, zum Militärdienst einberufen worden zu sein. Nach fünf Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland kehrte er erst 1949 wieder zurück. Als ich neulich mal ein Konzert in München hatte, spazierte ich davor durch das Viertel, in dem ich als Kind gelebt hatte. Ich machte Fotos, ging zu dem Haus, in dem wir damals gewohnt hatten, stellte mich in den Hauseingang und blickte hinaus in die Welt, um meine Erinnerungen an die Vergangenheit mit der Gegenwart abzugleichen. Die Zerstörungen des Krieges waren aus der Perspektive eines Kindes spannend, da war einiges abgebrannt und weggebombt. In den Ruinen der zerstörten Häuser konnten wir toll spielen. Gesperrte Treppenhäuser heimlich zu erkunden war ein Abenteuer. Bei meinen Eltern erlebte ich eine heile Welt. Ich war behütet und geliebt. Alles, was meine Kinderseele hätte beunruhigen können, wurde von mir ferngehalten. Schmerzhafte Kriegserinnerungen und Ähnliches wurden nicht in meiner Gegenwart besprochen. Da war es schon von Vorteil, dass ich nach dem Krieg noch so jung war. Als ich nach den Jahren im Ausland 1963 mit meinen Eltern nach Düsseldorf zurückkam, waren alle Spuren des Krieges beseitigt, und die Wirtschaft war wieder voll angelaufen. Aber mein Vater wäre auch nicht bereit gewesen, darüber zu reden. Der Gedanke, das zu thematisieren, kam mir aber auch nicht. Der nette Schüler Michael hatte nach seinem Aufenthalt in Pakistan, und davor London, vier Schuljahre aufzuholen. Das ist viel, entsprechend viele schlaflose Nächte hatte ich. Eineinhalb Jahre bekam ich sogar Nachhilfe in Deutsch. Es war eine anstrengende Zeit. Mein Vater starb, bevor es irgendwelche Spannungen hätte geben können. Danach kümmerte ich mich um meine Mutter. Ärger zu machen kam mir nie in den Sinn. Ich musste auch nie kämpfen und durfte sogar Freundinnen mit nach Hause bringen. Meine Mutter ertrug sogar, dass ich jeden Tag sechs Stunden lang Fingerübungen auf meiner Gitarre machte.

CHRISTIANBURCHARDIch habe kaum Zerstörungen gesehen. In Hof und in Bayreuth ist auch nicht viel bombardiert worden, jedenfalls im Vergleich zu München. Als Kind hat es mich wahnsinnig beeindruckt, Panzer zu sehen, die von Schwarzen gefahren wurden. Daran kann ich mich noch sehr genau erinnern. Die Schwarzen grinsten und haben uns Kindern zugewunken. Das war für mich wirklich ein Schlüsselerlebnis. Ich dachte: Cool, die Schwarzen sind die Herren der Welt! Da war ich vielleicht drei oder so. Die Schwarzen waren sehr freundlich, aber die Leute sind alle davongerannt. Wir hatten an der Volksschule einen Lehrer, der uns immer wieder erzählte, wie er Russen erschossen hat. Der schwelgte in solchen Erinnerungen und weidete sich daran, wie er haufenweise Russen mit seinem Maschinengewehr erledigt hatte, welchen von denen er in die Stirn getroffen und wo sonst er die überall erwischt hatte. Das war Teil des Volksschulunterrichts. Und im Gymnasium ging es nahtlos so weiter, beim Gedenktag zum Stauffenberg-Attentat hat der Lehrer, als er in den Klassenraum kam, erst mal länger aus dem Fenster geschaut und dann gemeint, dass er nun dieses Gedenken mit uns durchziehen müsse, aber dass die, derer da zu gedenken wäre, eigentlich ja nur Verräter gewesen seien. Der Direktor des Gymnasiums war zwar mittlerweile SPD-Mitglied, vorher aber in hoher Funktion bei der NSDAP. Diesen alten Mief bekamen wir voll mit. Viele Lehrer schwelgten noch in ihren Heldentaten, den Widerstand in Deutschland bezeichneten die als großes Unglück. Diesen ganzen Verrätern hätten wir die Niederlage im Krieg zuzuschreiben. Debatten waren nicht möglich, die machten einen fertig, wenn sie wollten, da hatte man als Schüler keine Chance. Wir mussten mal einen Aufsatz schreiben, wie wir uns die Wiedervereinigung vorstellen würden. Ich schlug vor, aus der NATO rauszugehen und dem Warschauer Pakt beizutreten, dann würde die Wiedervereinigung auch schnell über die Bühne gehen. Das gab natürlich eine Sechs und gewaltig Ärger. Ich musste sogar unterschreiben, dass das im Unterricht so nie gesagt worden wäre. Kein Lehrer, den ich erlebte, ist je für etwas belangt worden, was er im Dritten Reich angestellt hat.

PETERBRÖTZMANNAuf dem Gymnasium waren unter den Lehrern noch personelle »Altlasten«, wenn man so will, aber ich hatte zum Glück nur mit vernünftigen Leuten zu tun. Wir lasen in der Schule Brecht, Kafka und Wolfgang Borchert. Da konnte ich mich nicht beklagen. Im Gymnasium habe ich mit vierzehn einen Jazzclub gegründet. Das Dutzend Platten, das ich besaß, spielte ich nachmittags im Musikzimmer. Es gab eine Schulband mit einem guten Klarinettisten. Der machte dann Abitur, sein Platz wurde frei, und ich griff mir die Klarinette und begann, zu meinen Schallplatten zu spielen. Und damit fing das ganze Drama an.

LUTZLUDWIGKRAMERIn der Schule passte ich mich nie an. Vielleicht wurde ich deshalb auch als Klassensprecher gewählt. In der Funktion kümmerte ich mich nur noch um die Beatles und die Stones und sorgte dafür, dass alle wichtigen Entwicklungen vom Mersey-Beat bei uns am Schwarzen Brett landeten. Ich legte mich auch ständig mit den Lehrern an, die schlechter bemittelte Kinder gern hart angingen. Über solche Sachen habe ich mich dann bei der Rektorin beschwert, weil ich das so ungerecht fand. In einem meiner Zeugnisse stand deshalb, ich hätte ein »übersteigertes Gerechtigkeitsempfinden«, wortwörtlich so. Das passte dazu, dass ich angeblich überhaupt nicht anpassungsfähig sei. Man beschloss, mich zum Schulpsychiater zu schicken. Der hieß Kaschinsky, befand, dass ich »nicht formbar« sei, und empfahl, mich vom Gymnasium auf die Hauptschule zu schicken, später sollte ich dann eine Maurerlehre absolvieren. Also kam ich auf die Hauptschule. Der Direktor war ein frühes NSDAP-Mitglied, in den fünfziger Jahren deshalb ohne Anstellung, dann aber da untergekommen, der riss mir zur Begrüßung erst mal meinen »Make Love Not War«-Button vom Parka. In Berlin herrschte noch Geistesfaschismus, an allen Ecken und Enden, körperlich und geistig. Meine Klassenlehrerin riet mir dann, so schnell wie möglich wieder wegzugehen, redete mir zu, dass ich intelligent genug für das Gymnasium sei. Später bin ich dann auch zurückgewechselt.

GÜNTERSCHICKERTIch bin während der Blockade gezeugt worden. Das Berlin der Nachkriegszeit habe ich nicht als schlimm empfunden. Meine Mutter sagte immer: Du bist geboren worden, als die ersten Bananen kamen. Nach der Blockade war es in Berlin spitzenmäßig, ganz ruhig, es gab kaum Autos, überall viel Platz, ein Abenteuerspielplatz ohne Ende. In allen Straßen waren irgendwo Trümmergrundstücke. Wir haben in alten Garagen gespielt, wo die Betondecke schräg runterhing, wir sind natürlich trotzdem rein. Im Botschaftsviertel Tiergarten kletterten wir immer in die Keller, da ging dann auch mal jemand verschütt.

PETERBAUMANNMeine ersten Erinnerungen an Berlin beginnen zehn Jahre nach dem Krieg. Hängengeblieben ist bei mir, dass es keine Früchte gab. Wenn es gut lief, hatten meine Eltern einmal in der Woche eine Apfelsine, die dann durch vier geteilt wurde. Als Kind hat man es als normal wahrgenommen, dass so viel zerstört war. Dass man in den Häusern noch Einschusslöcher sah, fiel auch nicht weiter auf. Die politischen Umstände wurden mir erst 1961 bewusst, durch den Mauerbau. Ich war mit meiner Mutter und meinem Bruder verreist, als meine Mutter plötzlich sagte, dass wir sofort nach Berlin zurückmüssten, weil dort eine Mauer gebaut würde. Das machte mir nicht weiter Angst, aber dass meine Mutter so nervös war, beeindruckte mich dann doch.

LÜÜLIch bin erst sieben Jahre nach dem Kriegsende zur Welt gekommen, in Berlin. Trotzdem gab es da, als ich klein war, noch überall Ruinen und viele zerbombte Häuser. In Charlottenburg, wo ich wohnte, war aber alles schon wieder hübsch und nett, nur manchmal entdeckten wir einen alten Bunker. Wir waren vielleicht die erste Generation, die mit dem Krieg nicht mehr direkt zu tun hatte. Mein Vater war Soldat gewesen, und meine Schwester, die politisch weit links war, sorgte immer wieder für Diskussionen. Ich habe mich weniger politisch interessiert. Mir war viel wichtiger, dass meine Eltern liebevoll und offen waren. Obwohl auch ich mich natürlich irgendwann fragte, wie all das möglich gewesen war. Als ich dann später im Auto einige Male durch die DDR gefahren bin und als Langhaariger regelmäßig angehalten und durchsucht wurde, hatte ich mit den Typen, die das machten, eher Mitleid, weil das eben alles bloß Befehlsempfänger waren. Trotzdem hat die Einschüchterung gewirkt. Für nachfolgende Generationen ist es immer leicht zu sagen: Wie konntet ihr das zulassen? Aber wenn es drauf ankommt, sind nur wenige wirklich mutig.

MICHAELHOENIGIch bin in Hamburg geboren, weil meine Eltern, obwohl beide Berliner, aus Berlin zeitweilig rausmussten, es gab kein Einkommen. 1954 ging es zwar schon wieder zurück, aber die Stadt selbst war noch zerstört. Wir zogen in einen Sozialbau am Lietzensee, der wunderschön war. Meine Eltern bekamen dort eine Wohnung in einem Neubau, der Luis Trenker gehörte, und der Bergsteiger residierte selbst ganz oben, in einem Penthouse mit Dachgarten. Ich hatte in dieser Gegend eine traumhafte Kindheit, mit Kirche und Kindergarten, eine heile Welt. Die Kriegsruinen waren weit von uns entfernt in anderen Stadtteilen. Aber mein Vater führte mich da immer wieder durch und erklärte mir genau, was im Krieg passiert war und warum. Er hat das wirklich klug gemacht, ist manchmal am Wochenende mit mir im Bus durch die Stadt gefahren und hat von seiner Jugend erzählt. Bloß habe ich das mit allen Zusammenhängen lange gar nicht verstanden. Das passierte erst, als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war.

LUTZLUDWIGKRAMERWir lebten in einer Wahnsinnswohnung im Neu-Westend von Berlin. Jede dritte Villa war zerbombt, weil dort im Krieg die Nazigeneräle gewohnt hatten. In diesen Nazivillen-Ruinen spielten wir Cowboy und Indianer. An die mit Granatsplittern gefüllten Swimmingpools kann ich mich gut erinnern. In dieser Atmosphäre bin ich groß geworden. Mein Vater war als Halbjude in der Nazizeit verfolgt. Er war in der Reichstheaterkammer, bekam aber kaum Jobs. Seinen jüdischen Namen hat er auf Formularen immer geschwärzt, denn eigentlich heißen wir Lazerus, was theoretisch auch mein Name wäre. Stattdessen nahmen meine Eltern aber den Namen meiner Oma an und waren so gerettet, denn das war rheinische Elite vom Feinsten, mit lupenreinem Stammbaum. Meine Mutter war Sängerin. Die ist im Krieg an die Front gereist und hat da gesungen. Mein Vater bemühte sich um Schauspieljobs und gründete eine Konzertagentur in Potsdam. Ich habe Kartons voller Korrespondenz, die belegt, dass mein Vater nicht nur von den Nazis verfolgt wurde, sondern später auch von der SED. Meine Eltern versuchten, nicht über den Krieg zu reden. Die Erinnerungen daran waren auch schlimm, weil sie zweimal ausgebombt wurden und alles verloren hatten. In der DDR verloren sie dann noch ihren Grundbesitz, per Enteignung. Mein Vater sagte nur, so was wie die Nazis dürfe es nie wieder geben. Überhaupt war der linksorientiert, meine Mutter dagegen ziemlich konservativ. Die war ein Schmusi von Franz Josef Strauß, mit dem sie sich getroffen und dessen Autogramme sie gesammelt hat. Ich habe Briefe von Erhard, Strauß, Kohl und Stoiber an meine Mutter. Eine ganz merkwürdige Geschichte.

LIMPEFUCHSMeine Mutter war eine Zitherspielerin aus Innsbruck und mein Vater Stehgeiger in einem Münchner Stummfilmkino. Im Krieg mussten sie ihre Instrumente verkaufen, um essen zu können. Nach dem Krieg sind sie dann nie mehr tätig gewesen, und Musik kam nur noch aus dem Radio oder später auch aus dem Fernseher. Ich bin in München aufgewachsen, und mein Vater wollte eigentlich nur Bayern 1 hören, aber mir hat das Pfeifen und Trillern der Kurzwellen immer besonders gut gefallen. Natürlich fand mein Vater das seltsam, denn in München gab’s eigentlich nur die Volksmusik und die Klassik. Aber Streit gab’s darüber zu Hause nicht, es gab ja überhaupt kaum noch Gespräche zwischen uns. Mein Vater war überzeugter Kommunist, ist denunziert worden, war drei Monate in Stadelheim eingesperrt und ist dann nach Südamerika ausgewandert. Eigentlich wollte er in die USA, kam da aber als Deutscher nicht rein.

RENATEKNAUPIm Allgäu hatte der Krieg keine Spuren hinterlassen. Irgendwo war zwar ein Ortskern zerstört, aber davon habe ich in meiner Kindheit nichts gesehen. Es hatte auch kaum Bombenangriffe gegeben. Bei uns waren dann die Engländer stationiert, Sonthofen ist eine Garnisonsstadt mit drei Kasernen, da war ja auch die ekelhafte Ordensburg vom Hitler. Als junge und gutaussehende, sag ich jetzt mal, Frau war es das Grauen, da zu wohnen, weil auf der Straße immer mindestens achtzig Augen auf dich gerichtet waren. Ich und meine beste Freundin legten den Schwur ab, niemals mit einem Soldaten zu gehen. Natürlich sprachen wir zu Hause über den Krieg. Mein Vater war Pilot und Mechaniker und ist in Tunis und was weiß ich wo gewesen. Er hat vermutlich nur überlebt, weil er sich schlecht benommen hatte und nicht mehr fliegen durfte. Alle anderen aus seiner Staffel sind umgekommen. Mein Vater war wohl auch ein Nazi, aber nicht von der rigiden Art, mehr so nach dem Motto: »Wir waren Männer!« Mein Opa dagegen hat den Nationalsozialismus total verurteilt und lag mit meinem Vater darüber oft im Clinch. Groß über den Krieg gesprochen habe ich mit denen aber nie. Wenn mein Vater den Blues hatte, heulte er. Viele Männer kamen aus dem Krieg und waren fertig mit den Nerven. Die wurden auch später nie betreut. Die hat nie einer gefragt, wie es ihnen eigentlich ergangen ist. Mein Vater ertränkte seinen Blues im Alkohol, wenn es grad mal sein musste.

MANINEUMEIERVom Krieg habe ich nur wenig mitbekommen. Zum Glück wohnten wir nicht in München, sondern außerhalb am Starnberger See. Aber von dort aus sah ich in der Nacht das Leuchten am Himmel über München. Das Brummen von Hunderten amerikanischen Flugzeugen, die über uns rübergeflogen sind, habe ich immer noch im Kopf. Die Kapitulation war sehr befreiend, das Gefühl, sich ständig fürchten zu müssen, fiel von einem ab.

RENATEKNAUPMein Vater war Musiker, spielte Swing und solche Sachen, das machte er hauptberuflich, bis ich sechs Jahre alt war. Er war dann in Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern. Weil er ein flinkes, weltgewandtes Kerlchen war, startete er in der Gefangenschaft gleich eine Band, und so kam er dort ins Kasino und bekam immer die herrlichsten Tauschwaren: Stoffe, aus denen meine Mutter Kleider nähen konnte. Da gab es einen regen Handel. Ich kannte meinen Vater nur wohlriechend in schwarzem Smoking, wie er aus dem Haus ging und nachts um vier mit Freunden zurückkam, dann wurde in der Küche was zum Essen gezaubert, und wir Kinder saßen bei den Musikern auf dem Schoß. Ich zumindest fand das klasse. Aber wir waren etwas außen vor, weil wir keine normale Familie waren. Ich habe drei Geschwister, und immer wurde zu Hause gesungen, vier-, fünfstimmig. Weihnachten gab es keine Geschenke, bevor nicht die ganze Litanei sechsstimmig abgesungen war. Mein Vater konnte sehr gut singen, meine Mutter auch.

CHRISTIANBURCHARDErst war da immer nur Fußball, und dann kam die Musik. Keine Ahnung, warum. In jungen Jahren hatte ich Klavierunterricht und musste Bach und solche Sachen spielen. Wenn ich mich verspielte, schlug mir der Lehrer so sehr auf die Finger, dass es eine Woche lang wehtat. Die erste Musik, die mich begeisterte, kam aus dem Radio, ich kann gar nicht mehr so genau sagen, was das war. Ich erinnere mich nur, dass meine Eltern das dann ausgemacht haben. Vermutlich war es irgendeine Form von Jazz. In einem Schülerlager stand dann mal ein Klavier rum, auf dem man spielen durfte. Darauf klimperte ich rum, und mein Freund Dieter trommelte dazu auf Kochtöpfen. Wir waren überrascht, dass das so gut ankam. Und es machte so viel Spaß, dass wir immer mehr in die Musik eintauchten.

RENATEKNAUPIch habe gern gelernt, aber meine Eltern haben sich nicht um uns gekümmert. Was die Schule angeht, waren wir ganz auf uns allein gestellt. Bei der mittleren Reife hat mich dann eine Lehrerin, die mich nicht mochte, durchfallen lassen. Wir wurden in der Schule noch bestraft, indem uns der Ellenbogen auf die Tischkante gehauen wurde. Ein Kind, das aus sozial schlechten Verhältnissen kam, wurde jeden Morgen vor der ganzen Klasse mit dem Tafelschwamm gewaschen. Ganz gruselig. Es waren auch Frauen, die so fies zu uns waren. Weil ich singen konnte, wurde ich in anderen Klassen vorgeführt: »Das ist die Renate, hört gut zu, so geht das!« Das war schon ein kleines Privileg. Nach der Schule habe ich dann eine kaufmännische Lehre gemacht. Ich musste ja »vom Tisch« weg und mein eigenes Geld verdienen. Weil ich keine Idee hatte, was ich machen wollte, hat meine Mutter gesagt: »Komm, du musst was Schönes machen, eine kaufmännische Lehre.« Da schaute ich sie nur an und sagte: »Mama, ich mach das jetzt drei Jahre lang, aber danach mache ich etwas völlig anderes.« Dann habe ich die drei Jahre durchgezogen bei einem Juwelier-Optiker und Porzellanladen im Allgäu. Der Chef wollte mich auch behalten und zur Abteilungsleiterin machen, aber ich sagte: »Nein danke, ich muss nach England.« Das war natürlich eine große Entscheidung.

ASMUSTIETCHENSIch bin im Hamburg-Eimsbüttel groß geworden. Am Hellkamp und gegenüber waren Trümmergrundstücke, da haben wir als Kleinkinder in den späten vierziger, frühen fünfziger Jahren noch gespielt. Blindgänger waren da nicht mehr drin, es war alles geräumt. Meine Erinnerungen daran sind noch deutlich. Gefragt, was da passiert war, haben wir aber nie, wir waren ja Kinder. Die Trümmer waren einfach da. Heute würde ja auch kaum ein Kind fragen: Wo kommen denn die schönen Bäume und Straßen her? Solange die Erwachsenen nicht von sich aus erklärten, warum da Trümmer waren, und wir in einem heilen Haus wohnten, fragten wir nicht. Natürlich habe ich irgendwann, als ich älter wurde, angefangen Fragen zu stellen. Da ich auf einem konservativen Gymnasium war, wurden diese Fragen auf sehr spezielle Art und Weise beantwortet. Rückblickend muss ich sagen, dass manche Lehrer da Geschichtsklitterung betrieben. Die vermittelten ein haarsträubendes Geschichtsbild, das aber kaum einer infrage stellte. Ein paar wenige Mitschüler wussten mehr als ich, hatten mehr reflektiert und bohrten nach. Ich verstand ihren Protest lange nicht und fing erst sehr spät an mich zu fragen: Warum diskutierten die so hart mit dem Geschichtslehrer?

JEAN-MICHELJARREAuch in Frankreich gab es Diskussionen. Meine Mutter kämpfte in der französischen Resistance. Ich bin durch sie mit der Haltung groß geworden, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang hinbekommen müssen, und zwar auf allen Ebenen. Meine Mutter hat mir auch früh deutlich gemacht, dass man nie Ideologien mit Menschen gleichsetzen darf und dass ein Deutscher nicht zwangsläufig ein Nazi sein muss. Das war zu der Zeit in Frankreich eine einsame Meinung. Ihre Botschaft war: Wirf allen Ballast ab, und suche deinen Weg. So schob sie mich in die Zukunft.

JEAN-HERVÉPERONMeine Mutter kam aus dem Baskenland. Sie arbeitete für eine spanische Contessa und sang gerne. Mein Vater kam aus der Bretagne. Er spielte Geige und baute Schiffe. Ich bin 1949 in Casablanca geboren, meine Schwester auch, was wohl mit dem Krieg zu tun hatte. Wir haben viel Musik in der Familie gemacht. Meine Mutter hat die ganze Zeit gesungen. Sie hat schon gesungen, als ich noch in ihrem Bauch war: Spanisch, Französisch und Baskisch. Das hat mich sicher beeinflusst. Bis heute habe ich Volkslieder im Kopf, die meine Mutter gesungen hat, aber auch Schlager von Gilbert Bécaud und solche Sachen. Meine Schwester und ich sind in die Musikschule gezwungen worden. Ich war jung und hatte keine Lust, Musik zu machen. Nichts zu tun war schöner als Musik machen zu müssen. Der Musikunterricht in der Schule war auch miserabel. Trotzdem spielte ich dann Trompete.

JEAN-MICHELJARREIch hatte immer ein besonderes Verhältnis zu Deutschland, das auch auf meine Mutter zurückzuführen ist. Ein Cousin von mir war für die Verpflegung der französischen Truppen in Berlin verantwortlich. Ich habe Ende der fünfziger Jahre einige Mal die Sommerferien bei ihm verbracht. Das war ein Berlin, das noch von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs geprägt war, eine düstere, unruhige Stadt, in der man viel Leid erlebte. Ich fand die chaotische Atmosphäre aber sehr anregend. Man hatte das Gefühl, dass dort alles nur Vorstellbare geschehen könnte, weil eigentlich gar nichts mehr richtig lief. Berlin war damals voll von Menschen, die Dinge ausprobieren und experimentieren wollten. Es herrschte eine aberwitzig kreative Stimmung. Ich erinnere mich, dass man die gewaltige Energie der Stadt körperlich spürte. Das schlug sich auch im jungen deutschen Film und einer Musik wie Krautrock nieder. Das alles hat seine Wurzeln in der Zeit, bevor die Mauer gebaut wurde.

MICHAELHOENIG