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Es geht um die Überlebensfrage schlechthin: Wie kann der Frieden in Europa dauerhaft gesichert werden? Die vorliegende Analyse dreier herausragender Sicherheitsexperten führt uns die enormen Herausforderungen vor Augen, denen sich Europa und seine Verbündeten stellen müssen. Nach einer umfassenden Bestandsaufnahme präsentieren die Autoren ihre radikale Vision einer europäischen Verteidigungsstrategie: ein neuartiges atlantisches Bündnis, flankiert von innovativen strategischen Kooperationen zwischen Staat und Privatwirtschaft mit dem Ziel, eine E-Force als hochtechnisierte europäische Armee aufzubauen. Klar ist: Cyber-Krieg, Hybrid-Krieg und "Hyperwar" sind reale Bedrohungen – und für die Europäer ist es höchste Zeit, sehr viel mehr für die eigene Verteidigung tun.
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Seitenzahl: 649
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Titel der englischen Originalausgabe: »Future War and the Defence of Europe« © 2021 Oxford University Press
© 2022 LMV, ein Imprint der Langen Müller Verlag GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Dr. Annalisa Viviani, München
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München
Satz und E-Book-Konvertierung: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-7844-8420-4
www.langenmueller.de
Dieses Buch ist Joseph Kindle Allen (United States Navy), George Scott Davis (US Coastguard), Katherine Jolliffe (US Army Nurse Corps), Clifford Lindley-French (Royal Navy) und Walter Saunders (Royal Navy) gewidmet. Sie alle zogen für die Freiheit Europas und einen gerechten Frieden in den Krieg. Ihre inständige Hoffnung war, dass dieser Frieden in Zukunft verteidigt wird und nie wieder erkämpft werden muss.
Inhalt
Vorwort von Dr. h.c. Klaus Naumann, General a.D.
Vorbemerkung der Autoren
Danksagung
Über die Autoren
Die Zehnjahresregel
Szenario 1: Die Niederlage Europas
Covid-29
Weit, weit weg
Chaos im Süden
Am Nordkap
Krieg!
Crash!
Wenn doch nur …
In der Zwischenzeit …
Krieg im Osten
Endspiel
Überfordertes Amerika, besiegtes Europa
Einleitung
Ein Wendepunkt der Geschichte
Megatrends, Technologie und der Niedergang Europas
Der Stand der Debatte
Die Struktur dieses Buches
Macht und Verteidigung
1. Die Corona-Krise und das Dilemma der europäischen Verteidigung
Was Covid-19 für die Verteidigung bedeutet
Covid-19 und die Verschiebungen im Machtgleichgewicht
Nationales Abstandhalten?
Umfassende Sicherheit und nationale Verteidigung
Russland, die 5D-Kriegsführung und der Informationsschock
Die Welt nach Covid-19
Covid-19, Europa und die militärischen Megatrends
Europäische Verteidigung in der Nach-Covid-19-Welt
2. Das Ende vom Anfang?
Der D-Day, die NATO und die Bedeutung legitimer militärischer Macht
Verteidigung und Stärke
Europäische Verteidigung und Führung
Die NATO und ihre Bedeutung
Europa und die europäische Verteidigung
Eine verunsicherte Allianz
Den Frieden bewältigen
Integration oder Isolation?
Ein Wendepunkt der Geschichte?
3. Russland und die Nord- und Ostflanken Europas
Noch ein blutiger Krieg in Europa?
Komplexe strategische Zwangsausübung und der Charakter künftiger Kriege
Russlands Strategie der komplexen Zwangsausübung
Russlands nationales Interesse unter Putin
Wie stark sind Russlands Streitkräfte?
Hürden auf dem Weg zur russischen Zukunftsarmee
Russland gegen Europa
Die Schwarzmeerregion und die virtuelle Sowjetunion
Die Türkei, Russland und der Konflikt zwischen Werten und Interessen
Fazit: Eine schwierige Nachbarschaft
4. Dämonen und Drachen: Europas Südflanke
Ein 360-Grad-Europa?
Staat gegen Anti-Staat
Syrien und die Demütigung des Westens
Die Aussicht auf einen regional-strategischen Krieg
Iran und das Atomdilemma des Westens
Europa und der gescheiterte Übergang
Covid-19 und fragile Staaten
MENA und der Funkenflug europäischer Illusionen
5. China
Der unaufhaltsame Aufstieg Chinas?
Chinas Doppelgesicht
Chinaisierung
Seidene Fesseln?
China, die USA und die Verteidigung Europas
Covid-19, China und die Geopolitik
6. Kann die NATO Europa (noch) verteidigen?
Amerika, Europa und die Multidomänen-Kriegsführung
Überbeanspruchung und Unterforderung
Die USA, die NATO und die künftige Verteidigung Europas …
… und Abschreckung heißt auch Verteidigung
NATO: Anpassung an was?
Die NATO, Großbritannien und die Corona-Krise
Die NATO und der Krieg der Zukunft
Die Europäer müssen aufwachen und den amerikanischen Kaffee riechen
7. Kann Europa sich selbst verteidigen?
Die europäische Verteidigung Europas
Strategische Autonomie?
Die deutsch-französische Verteidigungsachse
Strategische Autonomie ist eine Folge
Eine integrierte europäische Verteidigung?
Eine öffentlich-private Verteidigungspartnerschaft für Europa?
Können die Europäer innovativ sein?
PESCO
Kann Europa sich selbst verteidigen?
8. Der Hyperkrieg: Europas digitale und nukleare Flanken
Der Dreadnought-Moment
Das Hyperkrieg-Gesetz
Die NATO und die Hyperabschreckung
Europa und der Hyperkrieg
5G, digitale Enthauptungsschläge und disruptive Technologien
Europas nukleare Flanke
Öffentliche Politik, private Technologie
Die Revolution der (angewandten) Militärtechnologie
Der aufziehende (Tech-)Sturm
Technologie und zukünftige Verteidigung
9. Europa verteidigen
Eine Rückkehr zur europäischen Staatskunst
Konkrete Lehren aus der Corona-Krise
Ein zweigleisiger Umgang mit Russland
Die Rückkehr Europas zu Realismus und Verantwortung
Eine strategische öffentlich-private Partnerschaft aufbauen
Die strategische Partnerschaft zwischen EU und NATO gestalten
Die Einsatzbereitschaft der NATO erhöhen
Der Krieg der Zukunft und die Verteidigung Europas
Szenario 2: Die Verteidigung Europas
Covid-29
Dem salafistischen Chaos standgehalten
Ein neuer europäischer Krieg?
Die zweite Schlacht am Nordkap
Bodenkrieg
Crash und Gegencrash!
Europas erfolgreiche Verteidigung im Zukunftskrieg
Anhang
Bibliografie
Personenregister
Vorwort
Das Buch »Future War – Bedrohung und Verteidigung Europas« ist ein Alarmsignal für das durch zwei Jahrzehnte verdrängter äußerer Gefahr, durch COVID-19 und durch den Brexit geschwächte Europa, das sich in allen Fragen der Verteidigung auf die USA verlassen hat. Es wurde handlungsunfähig und von den USA abhängig. Zudem hat Europa seit Obamas Zeiten übersehen, dass der Schwerpunkt der USA, auch im Interesse Europas, die Suche nach Lösungen ist, wie Amerika im Wettstreit mit der aufstrebenden, neuen globalen Macht China Freiheit schützen und Konfrontation verhindern kann.
Für das notorisch nach innen blickende Deutschland, dessen Politiker nicht erst seit dem Ende des Kalten Krieges das Volk durch großzügigen, aber von künftigen Generationen kaum noch zu bezahlenden Sozialtransfer einlullten und Wettbewerbsfähigkeit oft durch Unruhe vermeidende Subventionen bewahrten, ist das Buch ein Weckruf kurz vor zwölf.
Das Afghanistandebakel, Symbol bislang einzigartigen Regierungsversagens in Deutschland, ist nicht nur eine Niederlage der USA, sondern auch der NATO, die vor allem auf deutsches Drängen die Verantwortung für die Afghanistanoperationen nach der Niederlage der Taliban 2002 übernehmen musste. Afghanistan steht nun für das Versagen des Westens insgesamt und den Verlust seiner Glaubwürdigkeit, keineswegs nur der amerikanischen. Diese jüngste Entwicklung verleiht dem in glücklicheren Zeiten geschriebenen Buch zusätzliche Dringlichkeit. Es ist nun auch ein Weckruf, rasch die Handlungsfähigkeit des Westens und seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Das muss in Europa und da vor allem in Deutschland beginnen und darf trotz aller Notwendigkeit, Auslandseinsätze grundsätzlich zu überprüfen, nicht dazu führen, von Interventionen jeglicher Art künftig abzusehen. Sie werden weiterhin nötig sein, sowohl um Risiken fernzuhalten, aber auch um der Responsibility to Protect gerecht zu werden.
Dieser Ruf wird hoffentlich jetzt nach der Bundestagswahl vom September 2021 gehört und in der Folge endlich zu Taten führen.
Die drei Verfasser betonen in ihrem Vorwort, dass ihre Vorschläge auf rund 100 Jahren Berufserfahrung beruhen. Ich habe sie an meinen Erfahrungen aus 41 Jahren als Soldat und einem halben Jahrhundert Beschäftigung mit Sicherheitspolitik gemessen und stelle fest: Sie beschreiben die Lage korrekt, sie beurteilen zutreffend, wo Europa, ja der Westen stehen und sie ziehen daraus die richtigen Schlüsse. Die Vorschläge sind alle umsetzbar, vorausgesetzt, das Unbequeme wird politisch gewollt und unsere Politiker haben endlich den Mut, den Bürgern zu sagen, dass Freiheit und Wohlergehen in einer unruhigen Welt voller Gefahren nur erhalten werden können, wenn die Mehrheit den Alarmruf hört, versteht und bereit ist, für unser aller Schutz einzutreten, Opfer zu bringen und zu handeln.
Die Verfasser haben einen spannenden Ansatz gewählt: Sie beginnen mit einem Worst-Case-Szenario im Jahre 2029: Europa hat die außenpolitischen Zeichen seit der COVID-19-Pandemie nicht verstanden und hat seine Verteidigung weiterhin vernachlässigt. Die USA haben sich auf die chinesische Herausforderung konzentriert, wissen aber, dass sie einem gleichzeitigen Konflikt in Europa und Asien nicht gewachsen sein werden. Diesen schlimmsten aller denkbaren Fälle schildern die Verfasser und sie beschreiben, was dann wohl unausweichlich ist: Die Niederlage der USA in Europa und in Asien, das Scheitern der NATO und damit das Ende des Westens. Natürlich kann man darüber streiten, ob man einen Aufruf zum Handeln mit der Aussicht des Scheiterns beginnen soll. Es ist jedoch eine bewährte Erfahrung militärischer Planung, sich auf den schlimmsten denkbaren Fall vorzubereiten. Dabei gilt stets, dass man nur die Fähigkeiten eines Gegners einigermaßen verlässlich beurteilen kann, seine Absichten dagegen kaum und diese können sich über Nacht ändern, wenn die Fähigkeiten dies zulassen.
Das Buch endet nach einer Bewertung der Lage und den daraus abgeleiteten Vorschlägen für die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit Europas mit einem anderen fiktiven Szenario des Jahres 2029: In ihm haben die Europäer wie Amerika die richtigen Konsequenzen aus der Lage nach COVID-19 gezogen und meistern nun die Krise. Anzumerken ist allerdings, dass die Verfasser im zweiten Szenario nicht den schlimmsten aller denkbaren Fälle skizzieren, weil sie, gut begründet, ein koordiniertes Zusammenwirken Russlands mit China ausschließen.
Nach dem aufrüttelnden Eingangsszenario beschreiben und beurteilen die Verfasser die Fähigkeiten Europas und des Westens, insgesamt mit den Gefahren der Zukunft fertig zu werden. Sie stellen dabei zwei zentrale Fragen: Erstens, wie kann Abschreckung in einer Lage erhalten oder wiederhergestellt werden, in der der Gegner eine Art der Kriegsführung anwendet, die man als »5D-D-Kriegführung« bezeichnen könnte: Die gleichzeitige, koordinierte und durchgeplante Nutzung von Desinformation, Deception (Täuschung), Disruption, Destabilisierung, verstärkt durch Zwang, also durch Destruction, die partielle Zerstörung, und schließlich, und das wäre das sechste D, durch Disease, also absichtlich herbeigeführte Krankheiten.
Die zweite Frage ist, wie kann ein solcher Krieg in einem Europa verhindert werden, in dem viele Europäer, allen voran die Deutschen, daran glauben, dass Krieg nicht mehr möglich ist, trotz aller Lehren aus der Geschichte und entgegen der seit dem Krieg in Georgien 2008 nicht zu übersehenden Realität, dass Putin aus Furcht vor der Demokratie bereit ist, um jeden Preis eine Pufferzone vor Russland zu schaffen.
Die vor Europa und den USA stehenden Herausforderungen werden nüchtern, aber zutreffend beschrieben. Dabei werden die hinter der NATO-Formel der 360°-Verteidigung stehenden Herausforderungen benannt, nämlich gleichzeitig mit Russland, der Fragilität im Süden des NATO-Gebietes, der durch den Klimawandel erhöhten Gefahren im hohen Norden und den aus dem Nahen Osten wie aus Asien auf die NATO einwirkenden Risiken fertig zu werden.
Dem folgt die Bewertung der Fähigkeiten Europas und der gesamten NATO sich verteidigen zu können, bevor die Autoren unter der Überschrift Hyperwar versuchen zu zeigen, wie sich die anhaltende, rasante technische Entwicklung in einem Krieg der Zukunft auswirken könnte. Schon heute müssen Streitkräfte nicht nur zu Lande, in der Luft und auf See koordiniert operieren können, sondern auch im Cyberspace und im Weltraum. Durch künstliche Intelligenz (AI), Bionik, Automation, Robotik und Nanotechnologien könnten Gegner neue, bislang kaum geahnte Möglichkeiten der Lähmung und Zerstörung in die Hand bekommen. Betrachtet man zusätzlich die Option, Kampfhandlungen durch vorangehende oder begleitende hybride Operationen und koordiniertes terroristisches Handeln zu unterstützen, erkennt man die Dimension künftiger Kriegsführung und die unzulängliche Vorbereitung Europas sich zu schützen, also Verbündeter zu sein, der nicht nur Klotz am Bein der USA, sondern ein wirklich hilfreicher Partner ist.
Die Autoren fordern deshalb zu Recht ein neues Denken in Europa, in der NATO und auch in den USA. Sie gehen weit über den durch den Bericht NATO 2030 für die Entwicklung einer neuen NATO-Strategie gesetzten Rahmen hinaus und geben Anregungen für die Gestaltung der künftigen Struktur eines nicht nur im NATO-Vertragsgebiet handlungsfähigen Bündnisses.
Nicht zuletzt für deutsche Leser besonders zu begrüßen ist die realistische Betonung der unverändert notwendigen, nuklearen Abschreckung. Die Autoren sehen in ihr eine der Voraussetzungen für einen erneuten Versuch, den gegenüber Russland bewährten Doppelansatz von Dialog und gesicherter Verteidigungsfähigkeit erneut zu beleben. Gerade das für seinen nuklearen Schutz nahezu singulär abhängige Deutschland sollte aus diesem Buch erkennen, dass das unter Putin erneut nuklearer Überrüstung verfallene Russland nur zu Beschränkungen bereit sein wird, wenn aufseiten der NATO nukleare Fähigkeiten bestehen, die Russland fürchtet. Nur deshalb könnte es Bereitschaft zu Verhandlungen über beiderseitige und überprüfbare Beschränkungen zeigen, sofern es auf der NATO-Seite Gegenleistungen erwarten kann. Ohne modernisierte nukleare Teilhabe Deutschlands, also die rasche Beschaffung eines leistungsfähigen und interoperablen Tornado-Nachfolgers, ist das gewiss nicht zu erreichen. Diese Entscheidung ist zudem für den Zusammenhalt des Bündnisses von grundlegender Bedeutung und sie ist die Versicherung, auf die die Staaten Mittel- und Osteuropas warten, weil sie anders als Deutschland wissen, dass es in absehbarer Zukunft weder ein Verbot der Atomwaffen noch eine nuklearwaffenfreie Welt geben wird.
Das Buch unterstreicht die alte und dennoch unverändert gültige Gewissheit: Sicherheit vor Russland ist nur auf der Grundlage gesicherter Verteidigungsfähigkeit zu erreichen. Darauf aufbauend kann und muss man durch Verhandlungen Stabilität und damit Sicherheit vor Russland suchen. Putins Russland, das sich irrigerweise in einer Position der Stärke sieht, weil es eben nur auf Militär als Beleg der Macht setzt, obwohl es insgesamt schwach ist, zu Verhandlungen zu bewegen, dürfte sehr schwer sein. Die Verfasser lassen offen, wie man das erreichen könnte. Deshalb wäre sicherlich der Gedanke zu prüfen, als Ausgangspunkt aller Gespräche mit Russland die Bekräftigung der drei Schlüsseldokumente zu suchen, denen Russland zugestimmt hat und die in den neunziger Jahren gemeinsame Sicherheit begründet haben: Die Charta von Paris von 1990, das Budapester Memorandum von 1994 mit seiner Garantie der Integrität der Ukraine und die Europäische Menschenrechtskonvention von 1998. Erst wenn Russland sich verpflichtet, sie zu bekräftigen und zu achten, dürften Verhandlungen eine Aussicht auf Erfolg haben. Das aber wird Russland nur tun, wenn es erkennt, dass Europa eine glaubhafte Verteidigungsfähigkeit schafft und bereit ist, sich zu schützen. Dann dürfte auch Putin merken, dass alle Versuche, einen Keil zwischen Europa und Nordamerika zu treiben, zum Scheitern verurteilt sind.
Dieser Doppelansatz gegenüber Russland ist der Kern des abschließenden neunten Kapitels des Buches. In ihm werden die Vorschläge der Autoren für die Verteidigung Europas zusammengefasst.
Diese Vorschläge sind zwar weitreichend, aber realistisch, zielführend und allesamt durchaus machbar, wenngleich sie einen politischen Sinneswandel, sehr schnelles Handeln, darunter eine umfassende Überprüfung und Ergänzung der bestehenden Streitkräfteplanungen, die Bereitschaft dafür auch Geld auszugeben und eine neue Entschlossenheit in Europa, in der EU und in der NATO voraussetzen. Sie tragen dem nicht erwähnten, aber unverändert gültigen, geostrategischen Grundsatz Rechnung, dass Europa ohne Beherrschung des Atlantiks nicht zu verteidigen ist. Die Autoren schlagen umfassende europäische Anstrengungen zur Verteidigung Europas vor und sehen darin die wesentliche Klammer, die den strategisch unersetzlichen Verbund zwischen Europa und Nordamerika stärkt. Dazu wird eine wesentlich engere Zusammenarbeit zwischen der NATO und der Europäischen Union angeregt, es werden Vorschläge zu Verfahrensänderungen gemacht, die den technischen Entwicklungen, vor allem der unglaublichen Beschleunigung des Geschehens auf allen Führungs- und Handlungsebenen, Rechnung tragen und deshalb sowohl die Prä-Delegation von Entscheidungen auf militärische Führer wie auch ein gegebenenfalls notwendiges, präventives Handeln einschließen. Richtigerweise stellen die Autoren fest, dass all diese Vorschläge nur zu verwirklichen sein werden, wenn Frankreich, Großbritannien und Deutschland eng zusammenarbeiten und die Führung in Europa und damit auch der Europäer in der NATO übernehmen. Kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Autoren die Europäische Union durch eine angloamerikanische Brille sehen. Keineswegs überraschend kommen sie so zu Vorschlägen, die wohl ohne tiefere Kenntnis der tatsächlichen Zusammenarbeit von NATO und der Europäischen Union formuliert wurden und zudem der Vertragswirklichkeit der EU nicht immer entsprechen. Manches dürfte deshalb so nicht realisierbar sein. Das mindert zwar die Glaubwürdigkeit, sollte aber nicht dazu führen, die Vorschläge insgesamt infrage zu stellen. Sie begreifen die Autonomie Europas nicht als isoliertes Handeln, sondern als Eigenständigkeit, die aus dem Zusammenwirken mit Verbündeten und globalen Partnern die Durchschlagskraft gewinnt, die Europa schützt.
Das Buch schlägt keine Militarisierung europäischen Denkens und Handelns vor, sondern einen umfassenden, global orientierten, gesamtstrategischen Ansatz, der Voraussetzung dafür wäre, dass Europa ein Partner auf Augenhöhe der USA werden könnte, die ohne Europa ihre Rolle als Weltmacht vermutlich einbüßen würden. Die Vorschläge reichen von verbesserter Gesundheitsfürsorge, Sicherstellung krisenfester Handelsketten, Schutz kritischer Infrastruktur, Einschränkung von Technologietransfer bis hin zur Rüstungskontrolle. Sie alle kosten Geld, sicher mehr als die oft diskutierten zwei Prozent. Richtigerweise treten die Autoren allerdings illusionären Hoffnungen entgegen, dass man durch Abrüstung bei Gegenspielern, die auf Machtpolitik setzen, Sicherheit erreichen könne, vor allem dann, wenn Angst als Triebfeder der Suche nach Rüstungskontrolle zu erkennen ist und man selbst dem Verhandlungspartner keinen Anreiz bieten kann.
Würden die Ideen der drei Autoren umgesetzt, dann entstünde ein Europa, das handeln könnte und das, vorausgesetzt die Politiker wollten dies und gewännen dafür Mehrheiten, auch handeln will.
So ein Europa wäre für die Führungsmacht des Westens, die USA, ein unersetzlicher Partner und für die aufstrebende Weltmacht China ein Machtfaktor, den man auch in Peking nicht im Lager der Gegner wissen möchte. Das wäre die Voraussetzung, um im Wettstreit zwischen Autokratie und Demokratie das beste System obsiegen zu lassen, das Menschen je für ihr Zusammenleben entwickelt haben: die rechtsstaatliche freiheitliche Demokratie. So ein Europa könnte autonom entscheiden und auch handeln, wäre aber dennoch ein verlässlicher atlantischer Verbündeter.
Ich hoffe, dass das Buch in Deutschland eine breite Leserschaft findet und unsere satte und risikoscheue Gesellschaft wachrüttelt, die kaum wahrnimmt, dass sie in einer unruhigen Welt voller Gefahren lebt.
Ich habe das 2002 mit meinem Buch »Frieden – der noch nicht erfüllte Auftrag« auch versucht. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schrieb damals in seinem Vorwort: »Bequem ist seine Analyse so wenig wie seine Vorschläge. (…) Aus der Debatte über Naumanns Analysen und Vorschläge kann Mut zum Handeln wachsen.« Das ist leider nicht gelungen, der Anstoß, im Land des Carl von Clausewitz wieder strategisch zu denken, schlug leider fehl, vielleicht kam er zu früh.
Umso dringlicher ist der Weckruf der drei Autoren heute, gerade jetzt nach dem Versagen des Westens in Afghanistan. Vielleicht wird er nun gehört, zwanzig Jahre später. Deutschland muss endlich aus seiner Passivität aufwachen, das bequeme Weiter so darf es einfach nicht mehr geben und das aus Angst vor Verantwortung geborene, gedankenlose, reflexartig in jeder Krise sofort genannte und Deutschland isolierende Mantra »Es gibt keine militärische Lösung« muss konstruktivem Engagement und dem Willen, initiativ Verantwortung zu übernehmen, weichen. Wer in jeder Krise eine militärische Lösung ausschließt, der liefert die Schwachen aus und gibt den Skrupellosen freie Hand. Deutschland kann zurückhaltend bleiben und es muss weiterhin auf der Rechtmäßigkeit allen Handelns bestehen, aber es muss endlich zu Taten bereit sein, muss Verantwortung übernehmen, dazu sicher auch Lasten hinnehmen, muss Risiken mit seinen Partnern tragen und es muss aufhören von einer Welt zu träumen, in der alle nur guten Willens sind und alle Konflikte friedlich gelöst werden können. Diese Welt wird auch der jüngste Leser dieses Buches nicht erleben. Stellen sich die Deutschen den Realitäten nicht, dann werden sie die friedliche Zukunft und das Wohlergehen unserer Kinder verspielen und Europa, vielleicht sogar der Westen insgesamt, wird an Deutschland scheitern.
Ich hoffe, dass es den drei Autoren gelingt, Aufmerksamkeit zu finden und das Nachdenken nach dem Afghanistanschock anzuregen, denn der Westen darf sich einfach nicht verloren geben.
Ich wünsche dem Buch Erfolg und hoffe, dass die Autoren sehr bald, auf jeden Fall vor einer deutschen Entscheidung zur künftigen NATO-Strategie, von den Ausschüssen des 2021 neu gewählten Bundestages zu einer Anhörung eingeladen werden.
München, im September 2021
Dr. h.c. Klaus Naumann
General a.D.
Vorbemerkung der Autoren
Im Mittelpunkt dieses Buches stehen zwei Thesen. Erstens erfordert die Verteidigung Europas im zukünftigen Krieg ein neues, umfassendes Sicherheitskonzept, in dem individuelle Sicherheit und nationale Verteidigung miteinander harmonieren. Beide sind unverzichtbar für eine neue Art von Abschreckung, die sich im komplexen Mosaik der Hybrid-, Cyber- und Hyper-Kriegsführung bewähren muss. Zweitens haben die neuen Technologien zur Folge, dass sich die Führung moderner Kriege – und folglich auch die europäische Verteidigung – von Grund auf verändert.
2018 jährte sich der Waffenstillstand, mit dem der Erste Weltkrieg zu Ende ging, zum hundertsten Mal. Dieses Gedenken an den »Krieg, der alle Kriege beenden sollte«, warf Fragen auf, die bereits Platon zu dem Spruch inspiriert haben sollen, dass nur die Toten das Ende der Kriege gesehen haben.[1] Ist es vorstellbar, dass Europa erneut einen großen Krieg erlebt? Und wenn ja, wie würde er ablaufen? Vor allem, wie kann er verhindert werden? Wenn er unvermeidlich wäre, wie würde er geführt werden? Wie würde sich ein solcher Krieg abspielen? Würde Europa dem Schock eines solchen Kriegs standhalten können?
Die Corona-Pandemie zeigt, wie viel zu tun ist, um die europäischen Staaten und ihre Institutionen krisenfester zu machen. Nur wenn das geschieht, wird der Frieden, der so vielen Europäern selbstverständlich erscheint, auch angesichts neuer Bedrohungen und Naturkatastrophen erhalten bleiben. Zumindest hat Covid-19 die Europäer daran erinnert, dass es zu großen Erschütterungen kommen kann, auch wenn einige davon nichts wissen wollen.
Im August 1919 führte die britische Regierung die Zehn-Jahres-Regel ein. Sie besagte, London könne davon ausgehen, mindestens ein Jahrzehnt lang nicht in einen größeren Krieg verwickelt zu werden, und entsprechend planen. Im März 1932 hob Großbritannien diese Regel wieder auf, als inmitten der Weltwirtschaftskrise die Drohung eines neuen Krieges aufzog. Seit Beginn der Corona-Krise hat die strategische Unsicherheit exponentiell zugenommen. Wenn nun auch noch eine Wirtschaftskrise folgt, wird sich diese Unsicherheit weiter verschärfen. Doch Europa scheint in einer Art ewiger Zehnjahresregel gefangen zu sein. Ein großer Teil der Europäer ist offenbar nicht bereit, die Lehren der Geschichte in Betracht zu ziehen und zu erkennen, wie gefährlich solche Momente in der ewigen Auseinandersetzung zwischen Krieg und Frieden sind.
Future War betrachtet die Entwicklungen vor dem Hintergrund der Corona-Krise und der jüngsten Geschichte. Es geht um das sich rasch wandelnde strategische, politische und technologische Umfeld, mit dem sich die die europäischen Nationen und diejenigen, die für ihre Verteidigung verantwortlich sind, auseinandersetzen müssen. Das Buch hinterfragt die heute vorherrschenden Annahmen über die transatlantischen Beziehungen und ihre Zukunft, über die Rollenverteilung zwischen der Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO) und der Europäischen Union (EU) sowie über den Erhalt von Frieden und Stabilität in Europa.
Im Mittelpunkt des Buches steht somit die militärische Verteidigung Europas in der Zukunft. Vor allem wird es um die Frage gehen, welche militärischen Fähigkeiten, welche wissenschaftlichen Kenntnisse und welche Strukturen eine solide europäische Verteidigung und Abschreckung erfordern werden. Im Kern geht es in diesem Buch um die Auswirkungen der vierten industriellen Revolution und die tiefgreifenden Veränderungen, die sich auf der ganzen Welt im Bereich der zivil-militärischen Technologien vollziehen. Einfach ausgedrückt: Dieses Buch beschreibt, wie sich drei Autoren, die zusammen über mehr als hundert Jahre Fachwissen und Erfahrung verfügen, die Neuausrichtung der europäischen Verteidigung vorstellen.
John R. Allen
F. Ben Hodges
Julian Lindley-French
Anmerkung
[1] Colin S. Gray (2005): Another Bloody Century: Future War (London: Weidenfeld & Nicolson), Umschlagvorderseite.
Danksagung
Die Autoren möchten sich bei den vielen Menschen bedanken, die zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben. Drei Personen sind dabei besonders hervorzuheben: Paul Cornish, William Hopkinson und Jim Townsend haben ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung gestellt. Durch sie wurde dies ein weitaus besseres Buch, als sonst je möglich gewesen wäre. Die drei haben viele Jahre auf höchster Ebene für die britische und die amerikanische Regierung an den für dieses Buch relevanten Fragen gearbeitet. Sie waren nicht nur mit den anstehenden Themen bestens vertraut, sondern haben auch viele von ihnen mitgestaltet.
JRA, FBH, JLF
Januar 2021
Über die Autoren
General a.D. John R. Allen, United States Marine Corps
John Rutherford Allen übernahm im November 2017 die Präsidentschaft der Brookings Institution, wo er bislang als Vorsitzender des Bereichs Sicherheit und Strategie und als angesehener Fellow im Programm für Außenpolitik tätig war. Seine militärische Laufbahn hatte Allen als Vier-Sterne-General des United States Marine Corps beendet. Er war zudem Befehlshaber der International Security Assistance Force (ISAF) und der US-Streitkräfte in Afghanistan.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Marine Corps bekleidete Allen zwei hochrangige diplomatische Ämter: Zunächst war er fünfzehn Monate lang als Senior Advisor des Verteidigungsministers für die Sicherheit im Nahen Osten zuständig und leitete in dieser Zeit den Sicherheitsdialog für den israelisch-palästinensischen Friedensprozess. Präsident Barack Obama ernannte Allen dann zum Sonderbeauftragten für die »Globale Koalition zur Bekämpfung des Islamischen Staates im Irak und der Levante (ISIL)«, ein Amt, das er fünfzehn Monate lang innehatte. Dank Allens diplomatischen Bemühungen schlossen sich 65 Länder der Koalition an, die schließlich die Ausbreitung von ISIL stoppen konnte. Als Anerkennung für seinen Einsatz wurde er von Außenminister John Kerry mit dem Distinguished Honor Award des Außenministeriums und vom Nationalen Geheimdienstdirektor James Clapper mit dem Distinguished Public Service Award ausgezeichnet.
In seiner fast vier Jahrzehnte währenden Militärkarriere diente Allen in verschiedenen Kommando- und Stabspositionen im Marine Corps und den übrigen US-Streitkräften. Von Juli 2011 bis Februar 2013 war er Oberbefehlshaber der insgesamt 150 000 US- und NATO-Soldaten in Afghanistan. Er war der erste Offizier des Marine Corps, der einen Einsatz einer solchen Größenordnung leitete. In seiner Amtszeit als ISAF-Befehlshaber verlegte er die US-Verstärkungstruppe von 33 000 Soldaten aus Afghanistan zurück, übertrug die Verantwortung für Kampfeinsätze auf die afghanischen nationalen Sicherheitskräfte und überführte den NATO-Einsatz von einem Kampfeinsatz in eine Ausbildungs- und Beratungsmission.
In seiner ersten dienstlichen Verwendung als General diente Allen fast drei Jahre lang als Principal Director of Indo-Pacific Policy im Büro des US-Verteidigungsministers. In dieser Funktion war er maßgeblich an politischen Initiativen zu China, Taiwan, der Mongolei und Südostasien beteiligt. Allen nahm auch an den Sechs-Parteien-Gesprächen über die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel teil und spielte von 2004 bis 2005 eine wichtige Rolle bei der Organisation der Hilfsmaßnahmen nach dem Tsunami in Südasien.
Zusätzlich zu seinen operativen und diplomatischen Tätigkeiten leitete Allen militärische Ausbildungsprogramme, unter anderem als Direktor des Offiziersprogramms der Marineinfanterie und als Kommandeur der Marine Corps Basic School. Zweimal in seiner Laufbahn diente er auch als Ausbilder an der Naval Academy der Vereinigten Staaten. 1990 wurde er dort zum Ausbilder des Jahres ernannt. Später wurde er als Stellvertretender Kommandeur der Naval Academy Kommandant der Offiziersanwärter. Er war der erste Offizier des Marine Corps, der diese Position innehatte. Allen war Stipendiat des Marine Corps am Center for Strategic and International Studies und der erste Offizier des Marine Corps, der zum Mitglied auf Zeit des Council on Foreign Relations berufen wurde. Heute ist er dort ständiges Mitglied.
Neben seinen anderen Verpflichtungen ist Allen als Senior Fellow am Merrill Center der Johns Hopkins School of Advanced International Studies und als Senior Fellow am Johns Hopkins Applied Physics Laboratory tätig. Er ist ein Senior Fellow des NATO Defense College in Rom und hält dort häufig Vorträge.
Allen wurde mit zahlreichen amerikanischen und ausländischen Auszeichnungen geehrt. Er hat einen Bachelor of Science in Operations Analysis der US Naval Academy, einen Master of Arts in National Security Studies der Georgetown University, einen Master of Science in Strategic Intelligence der National Intelligence University und einen Master of Science in National Security Strategy der National Defense University.
Generalleutnant a.D. F. Ben Hodges, United States Army
Der aus Quincy, Florida, stammende Generalleutnant a.D. Ben Hodges machte im Mai 1980 seinen Abschluss an der Militärakademie der Vereinigten Staaten. Anschließend wurde er der Infanterie zugeteilt.
Nach seinem ersten Einsatz als Infanterieleutnant in Deutschland befehligte er Infanterieeinheiten auf Kompanie-, Bataillons- und Brigadeebene in der 101. Airborne Division und im Rahmen der Operation IRAQI FREEDOM. Später diente er als Director of Operations im Regionalkommando Süd im afghanischen Kandahar.
Generalleutnant a.D. Hodges diente zudem in einer Vielzahl von Positionen im Generalstab und in der Army, darunter als Taktikausbilder an der Infanterieschule, als Chef der Planungsabteilung der 2. Infanteriedivision in Korea, als Adjutant des Obersten Alliierten Befehlshabers Europa, als Verbindungsoffizier des US-Heeres zum Kongress, als Senior Observer-Controller der Task Force im Joint Readiness Training Center in Fort Polk, LA; als Coalition/Joint-3 (CJ3) des Multi-National Corps-Iraq in der Operation IRAQI FREEDOM; als Chef des Stabes des XVIII. Airborne Corps in Fort Bragg; als Direktor der Pakistan-Afghanistan-Koordinierungszelle im Führungsstab, als Chef der Legislative Liaison der United States Army und als Befehlshaber des NATO Allied Land Command. Zuletzt war er von 2014 bis 2017 Befehlshaber der United States Army Europe.
Heute hat Generalleutnant a.D. Hodges den Pershing-Lehrstuhl für Strategische Studien am Center for European Policy Analysis (CEPA) inne.
Professor Julian Lindley-French
Professor Dr. Julian Lindley-French (PhD, MA (Dist.), MA (Oxon.)), studierte an der University of Oxford, der University of East Anglia und dem Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Als führender Berater, Stratege und Autor hat er zahlreiche Bücher und Artikel veröffentlicht. Lindley-French hat drei höhere akademische Abschlüsse und hat als Inhaber von drei Lehrstühlen (Professor für Militärische Kunst und Wissenschaft und Eisenhower-Professor für Verteidigungsstrategie, Niederländische Verteidigungsakademie und Sonderprofessor für Strategische Studien, Universität Leiden) gelehrt.
Bis 2017 war Lindley-French Vizepräsident der Atlantic Treaty Association in Brüssel. Er ist Distinguished Visiting Research Fellow an der National Defense University in Washington, Senior Fellow am Institute for Statecraft in London, Direktor von Europa Analytica in den Niederlanden und Fellow des Canadian Global Affairs Institute. Er ist außerdem Gründer und Vorsitzender der Alphen Group, eines hochrangigen strategischen »Do-Tanks« (https://thealphengroup.home.blog).
Im Jahr 2015 wurde er zum Ehrenmitglied der Association of Anciens der NATO-Verteidigungsakademie in Rom ernannt. Außerdem arbeitete er als Mitglied der Strategischen Beratergruppe des Generalstabschefs der Streitkräfte für General Sir David Richards und General Sir Nicholas Houghton und war Leiter der Commander’s Initiative Group für General Sir Richard Shirreff, den Befehlshaber des Alliierten Schnellen Eingreifkorps.
Im November 2017 veröffentlichte Lindley-French gemeinsam mit General John R. Allen, Admiral Giampaolo Di Paola und Botschafterin Sandy Vershbow den Bericht The Future Tasks of the Adapted Alliance (The GLOBSEC NATO Adaptation Reports), bei dem er die Federführung innehatte. Dieses wichtige Projekt für hochrangige Führungskräfte befasst sich mit der Weiterentwicklung der NATO und der künftigen Rolle des Bündnisses in einem sich verändernden strategischen Umfeld. Der Abschlussbericht wurde dem NATO-Generalsekretär vorgelegt und kann unter https://www.globsec.org/news/globsec-nato-adaptation-initiative-final-report heruntergeladen werden.
Seine einflussreichen Bücher und Berichte vereinen große politische Erfahrung und akademisches Fachwissen. Anfang 2018 wurde er zum Mitglied und Senior Counsellor der hochrangigen deutsch-amerikanischen Loisach-Gruppe ernannt, die vom George C. Marshall Center und der Münchner Sicherheitskonferenz gegründet wurde. Im Oktober 2018 wurde ihm die besondere Ehre zuteil, an Bord der HMS Nelson im Marinestützpunkt Portsmouth die Tischrede zur Trafalgar-Nacht vor der Royal Navy unter dem Titel »Nelson und das Streben nach Sieg« zu halten.
Die Zehnjahresregel
»Für die Erstellung von revidierten Schätzungen sollte davon ausgegangen werden, dass das britische Empire in den nächsten zehn Jahren in keinen großen Krieg verwickelt wird und dass zu diesem Zweck daher keine Expeditionary Force[2] benötigt wird.«
Ab 1928 wurde die Zehnjahresregel jährlich fortgeschrieben. Sie wurde erst 1932 aufgegeben. Inzwischen dient sie als Metapher für die strategische Selbstgefälligkeit Großbritanniens in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.[3]
Anmerkungen
[2] Truppenkontingent der britischen Streitkräfte für den Einsatz in Frankreich und Belgien [Anm.d.Ü.].
[3] War Cabinet 616A, Protokoll eines Treffens des Kriegskabinetts in 10 Downing Street, Freitag, 15. August 1919. The Cabinet Papers, Defence Policy 1919–32, www.nationalarchives.gov.uk.
Szenario 1: Die Niederlage Europas
Covid-29
Es begann alles mit Covid-29. Anfang 2029 breitete sich eine neue Pandemie in der Welt aus. Sie ähnelte Covid-19, der Seuche, die Europa im Jahr 2020 gelähmt und die Gesundheitssysteme bis an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hatte. Zehn Jahre danach hatte sich die europäische Wirtschaft noch immer nicht von der lang andauernden Depression erholt, die auf die erste Corona-Krise gefolgt war. Verzweifelt versuchten die Regierungen, zusätzliche Kapazitäten in ihren Gesundheits- und Sozialsystemen zu schaffen. Während der gesamten 2020er-Jahre plünderten sie dazu die ohnehin schon mageren Budgets der überforderten und unterfinanzierten europäischen Streitkräfte.
Im Jahr 2029 erkrankten viele westliche Soldaten an einer neuen Corona-Krankheit, die Covid-29 genannt wurde. Übungen und Trainings wurden abgesagt, auch das große, eilig anberaumte NATO-Manöver Defender 29. Merkwürdig war, dass die chinesischen und russischen Streitkräfte offenbar weit weniger betroffen waren. Tatsächlich hatte das seinen Grund.
Es war Mitte April 2030, als Jim im Urlaub eine Textnachricht erhielt, er solle sich sofort in Fort Hood zurückmelden. Jim erholte sich gerade von Covid-29, mit dem er sich bei einer Übung mit britischen Streitkräften angesteckt hatte. Ihm war vage bewusst, dass etwas in der Luft lag, weil überall in den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet die »Experten« vor einem Aufbau der russischen Streitkräfte an der Ostgrenze der NATO in Europa warnten. Auch im Nahen Osten herrschte Chaos … wie immer. So oder so, es war alles weit weg, und wenn es nach Jim ging, sollten sich andere mit dem Problem herumschlagen. Auf jeden Fall war es nicht das erste Mal, dass er so etwas hörte, und darum ließ Jim die möglichen Sorgenwolken einfach an sich vorbeitreiben. Ihm gingen andere Dinge durch den Kopf. Im Unterschied zu Covid-19 erkrankten jetzt auch viele junge Menschen. Die neue Seuche führte nicht zu ihrem Tod, aber sie machte sie schwer krank. Jim sorgte sich um seine Frau und Kinder.
Doch noch etwas nagte an Jim, während er sich allmählich erholte. Er gehörte zu einer Elitetruppe der US-Army, der »Ironhorse Brigade«, und war schon zweimal in Europa stationiert gewesen. Seit Monaten standen sich amerikanische und chinesische Streitkräfte im indopazifischen Raum in einer Pattsituation gegenüber. Als kampferprobter Soldat und erfahrener Unteroffizier wusste Jim, dass er in einem neuerlichen europäischen Ernstfall zu den Ersten gehören würde, die nach Europa verlegt würden, und zwar direkt an die Front. Bei allen großen NATO-Manövern, Defender 22 (Defender 20 war wegen Covid-19 abgesagt worden), Defender 24 und Defender 28 hatte Jim gemeinsam mit dem zweiten Regiment der Marines zu der besonderen Gefahren ausgesetzten Speerspitze gehört.
Obwohl er nur gerade eben einsatzfähig war, verabschiedete sich Jim von seiner inzwischen recht besorgten Frau mit den üblichen Floskeln: Es sei doch nur ein Alarm, und er werde, wie immer, bald wieder zu Hause sein. Trotzdem hatte er ein anderes Gefühl als sonst. Bei seiner Rückkehr nach Fort Hood wurde deutlich, dass die Situation tatsächlich ganz anders war. Es war keine Übung nach dem Motto »Macht eure Generäle glücklich, hakt die Aufgaben ab, tut der Form genüge und dann geht’s so rasch wie möglich zur Tagesordnung zurück.« Dieses Mal stellte sich ein wirkliches Gefühl von Sinnhaftigkeit ein. Jims Einheit wurde durch weitere Verbände verstärkt und dann rasch auf die Einschiffung nach Bremerhaven vorbereitet. Jim erfuhr bald, dass sie mit der Bahn durch Europa transportiert werden sollten, was ihm Sorgen bereitete. Aus früheren Erfahrungen wusste Jim, dass das Eisenbahnsystem in Europa selbst unter idealen Bedingungen weder ausreichend leistungsfähig noch sicher genug war, um die Soldaten rasch an ihren Einsatzort zu bringen. Und jetzt, wo ein Großteil der Belegschaft krank war? Jim sorgte sich auch darum, ob sie den Atlantik sicher würden überqueren können. Er hatte von den atomgetriebenen russischen Jagd-U-Booten und ihren furchterregenden Raketen gelesen. Noch beunruhigender waren die Berichte über die verbesserten, besonders leisen Diesel-U-Boote der Kilo-Klasse mit ihrer erweiterten Reichweite, die sogar schon vor der Ostküste der USA gesichtet worden waren.
Die Verantwortlichen hatten entschieden, requirierte zivile Schiffe zu verwenden und sie über den Atlantik nach Bremerhaven zu eskortieren, um sie von dort für weitere Einsätze zu nutzen. 2029 wurden allerdings weniger als ein Prozent aller US-Waren mit Handelsschiffen unter US-Flagge transportiert. Als dementsprechend schwierig erwies es sich, eine Flotte solcher Größe zusammenzubringen. Aber trotzdem – 1943 hatte das ja auch bei seinem Urgroßvater geklappt. Warum sollte er jetzt meckern?
Tatsächlich hatte Jim gute Gründe, sich Sorgen zu machen. Angesichts der enormen Spannungen und der neuerlichen Bedrohung durch Russland war die Verschiffung einer Armee über den Atlantik ein riskantes Unterfangen, falls inmitten der Überfahrt der Krieg ausbrechen sollte. Die US-Luftwaffe brachte so viele Geschwader und kritische Unterstützungseinheiten über den Atlantik, wie sie konnte – sowohl reguläre Luftstreitkräfte als auch Einheiten der Nationalgarde. Zur selben Zeit verlegte sie die schnellen Einsatzkräfte mithilfe der rasch mobilisierten Zivilreserve der Luftstreitkräfte. Allerdings musste Washington einen heiklen Balanceakt vollbringen, denn wenn die Amerikaner übereilt handelten, würden sie keinen Krieg verhindern, sondern ihn im Gegenteil womöglich erst auslösen, so wie es mit den Massenmobilisierungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs geschehen war. Deshalb hatte man sich entschlossen, trotz aller Risiken das Gros der US-Bodenstreitkräfte teils mit militärischen Schnellbooten und teils mit Zivilschiffen über den Atlantik zu bringen. Für den US-Planungsstab wäre allein diese Verlegung schon eine Herausforderung gewesen, wenn es nur in Europa eine Bedrohung für Amerika gegeben hätte. Aber so war es nicht. Die Situation im Ostchinesischen Meer war ebenfalls unheilvoll, und das war kein Zufall.
Jim hatte wahrscheinlich zu viel Zeit vor dem Fernseher zugebracht, wo sich eine schier endlose Abfolge von pensionierten hohen Offizieren mit versteinerter Miene besorgt über die Risiken äußerte, denen Jim und seine Kameraden ausgesetzt werden sollten. »Haben diese Typen nichts Besseres zu tun?«, brüllte Jim einmal. Trotzdem konnte er sich nicht davon losreißen. Seit fast einem Jahrzehnt waren die Amerikaner in eine Abfolge von Krisen mit den mächtigen Chinesen verwickelt. Die Folge war, dass die US-Navy überlastet und müde war und sich mit dem Großteil ihrer Kräfte im Indopazifik befand. Hinzu kamen weitere Probleme. Die Navy hatte Mühe gehabt, Schiffe und Offiziere zu finden, die überhaupt eine Ahnung davon hatten, wie man in Kriegszeiten einen Konvoi organisiert. Trotz der beeindruckenden Feuerkraft der Schiffe ringsherum mangelte es dem Geschwader an der Fähigkeit zur U-Boot- und Flugabwehr, die nötig gewesen wäre, um diesen großen und wichtigen, aber zugleich schwerfälligen Konvoi vor den neuesten Antischiffswaffen der Russen zu schützen. Schlimmer noch, ein Teil der Regierung hielt Amerikas mächtige Flugzeugträger vom Typ Gerald R. Ford für so verwundbar (und teuer), dass sie sie keinem Risiko aussetzen wollten. Die einfache strategische Wahrheit, mit der sich Menschen weit oberhalb von Jims Dienstrang herumschlagen mussten, war die, dass die Navy entweder den Konvoi oder die Flugzeugträger eskortieren konnte, aber nicht beide. Die Zeiten, in denen die US-Navy über 600 Schiffe verfügte, war schon lange vorbei.[4]
Immerhin redeten die Politiker noch miteinander, und die USA würden den Europäern zu Hilfe kommen, so wie sie es schon immer getan hatten, oder zumindest dachte das Jim. In seinen eigensüchtigeren Momenten fragte er sich allerdings, warum nach seinem Großvater und seinem Vater nun auch er nach Europa musste. Die Europäer müssten doch in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Aber Jim war Soldat, und das waren Fragen, um die sich die Menschen mit goldenen Tressen auf den Epauletten kümmern sollten.
Es dauerte seine Zeit, bis die Einsatzkräfte sich versammelt hatten und auf ihre gefährliche Reise eingeschifft wurden. Seit 1945 hatten die Vereinigten Staaten keine Operation in dieser Größenordnung mehr durchgeführt. Es war Mitte Mai, als Jim endlich aufbrechen konnte. An Bord entwickelten er und seine Männer eine Routine, die half, ihre vielen Ängste und Zweifel zurückzudrängen. Die Waffen wurden überprüft, es gab ständig Übungen an Deck, und die Soldaten wurden in der Luft- und Seeabwehr gedrillt. Unterbrochen wurden die Übungen nur zur Verteilung der Essensrationen. Mit den Marines an Bord gab es freundschaftliche und manchmal auch weniger freundschaftliche Sticheleien. Bei aller Angeberei konnte Jim die Beunruhigung förmlich riechen, selbst bei den Marines, die er eigentlich für zu unbedarft hielt, um Angst zu haben. Einige Männer redeten zu viel, andere zu wenig.
Im Endeffekt verlief die Reise nach Bremerhaven erstaunlich glatt. Manchmal hörte Jim laute Explosionen weit im Norden, wo die Navy Übungen abhielt, aber nichts in der Nähe. Wie so viele amerikanische Soldaten vor ihm genoss Jim sogar den Anblick der weißen Klippen von Dover, des traditionellen Symbols der Widerstandskraft der Briten, die sich so viele Jahre zuvor stolz gegen die Armada, Napoleon und natürlich auch gegen die Nazis behauptet hatten.
Weit, weit weg
Um 9:25 Uhr am 10. August 2030 lief die USS John C. Stennis, ein atomgetriebener amerikanischer Flugzeugträger von 103 000 Tonnen und Kommandozentrale einer US-Flugzeugträgerkampfgruppe, in das umstrittene Südchinesische Meer ein. Sie sollte Stärke demonstrieren, um die Freiheit der Schifffahrt zu schützen, auch wenn die halbe Besatzung entweder an Covid-29 litt oder zumindest Symptome aufwies.
Noch im Juni 2016 hatten die Seestreitkräfte der USA und Chinas eine gemeinsame Marineübung im Nordpazifik durchgeführt. Wie sich die Zeiten geändert hatten! 2018 hatte der Internationale Seegerichtshof ein Urteil zugunsten der Philippinen gefällt und Chinas Anspruch auf die alleinigen Territorialrechte in über 80 Prozent des Südchinesischen Meeres abgewiesen. 2019 hatte Präsident Trump Handelszölle auf chinesische Waren bei der Einfuhr in die Vereinigten Staaten erhoben; China verhängte daraufhin Vergeltungszölle. Abgesehen von gelegentlichen trügerischen Hoffnungszeichen erwiesen sich die amerikanisch-chinesischen Beziehungen seither als schwierig, vor allem im Nachgang zur Corona-Krise und Chinas militärischer Besetzung von Hongkong 2021. Während der gesamten 2020er-Jahre verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Peking und Washington in dem Maße weiter, wie China seine Anstrengungen verstärkte, die gesamte Region unter seine Kontrolle zu bringen, und zwar zunehmend durch die Androhung von Gewalt.
Peking hatte sechs strategische Ziele: Erstens, auf den umstrittenen Spratly-Inseln eine militärische Kapazität zu schaffen, um die Streitigkeiten um Souveränität auf einen Schlag zu seinen Gunsten zu entscheiden; zweitens, die unter den Spratly-Inseln vermuteten Öl- und Gasvorkommen zu kontrollieren; drittens, seine einseitig erklärte Luftraumüberwachungszone zu verstärken; viertens, seine einseitig erklärte exklusive Wirtschaftszone über das gesamte Südchinesische Meer auszudehnen; fünftens, die »Ein Land, zwei Systeme«-Politik zu beenden, Taipeh einzuschüchtern und Taiwan nach und nach unter Pekings Joch zu zwingen; und schließlich, das strategische Gleichgewicht in der Region zu verändern zulasten der USA und Japans und jedes anderen Landes, das unklug genug wäre, den chinesischen Souveränitätsanspruch in der Region infrage zu stellen.
Für 2029 hatte sich China das Ziel gesetzt, das Südchinesische Meer endlich unter seine Kontrolle zu bringen. Die USS Stennis hatte den Befehl, dem Einhalt zu gebieten. Die Spannungen hatten sich seit 2025 stetig weiter verschärft, als China damit begonnen hatte, seine Kräfte auf mehreren der künstlichen Inseln zu verstärken, die es entlang der Neun-Striche-Linie errichtet hatte. Das 2017 fertiggestellte Fiery Cross Riff ist eine dieser Inseln und verfügt über eine militärische Landebahn, einen Schiffsliegeplatz für 5000-Tonnen-Schiffe sowie ein Arsenal von Hyperschall-Antischiffsraketen in Stahlbetonbunkern. China hatte auch Ambitionen, die weit über das Südchinesische Meer hinausreichten. In der Folge des Covid-19-Chaos hatte China versucht, seine Macht über den Indischen Ozean bis nach Ostafrika auszuweiten.
Um 4:25 Uhr am 11. August näherten sich fünfundzwanzig chinesische J-31-Kampfflugzeuge mit moderner Antischiffsbewaffnung den US-Streitkräften. Sie hatten Befehl anzugreifen. Nach wiederholten Warnungen abzudrehen, befahl der US-Kommandeur, die chinesischen Flugzeuge anzugreifen und abzuschießen. Zehn von ihnen wurden rasch durch »aktive Gegenmaßnahmen« abgeschossen, zwei weitere wurden schwer beschädigt. Allerdings setzten acht Flugzeuge ihren Angriff fort. Noch bevor sie zerstört werden konnten, wurde ein älterer AEGIS-Kreuzer, die USS Mobile Bay, von mehreren Raketen getroffen. Sein Untergang unter schweren Verlusten verursachte eine schwere Krise im Indopazifik. Die Stennis wurde ebenfalls von einem chinesischen Projektil getroffen, das von einer Hyperschallkanone von einem chinesischen Schiff aus abgefeuert worden und mit einer Geschwindigkeit von über 8000 Stundenkilometern über hundert Meilen weit geflogen war.
Washington warnte Peking vor den Konsequenzen, aber China war nicht gewillt, einen Rückzieher zu machen. Für den alternden Präsidenten Xi war dies Chinas Schicksalsmoment. Die ganze Aktion war sorgfältig geplant. Ihr Endziel war es, die Wiedervereinigung Taiwans mit Festland-China zu erzwingen, nachdem der neue taiwanesische Präsident eine Volksabstimmung über die dauerhafte Unabhängigkeit angesetzt hatte. Peking war zudem entschlossen, zur dominierenden strategischen Macht in Ostasien und vielleicht sogar Südasien zu werden und witterte in Washington Schwäche. Nachdem China dazu beigetragen hatte, eskalierende Krisen in Europa und im Nahen Osten zu schüren, war es nach den Worten von Präsident Xi bereit für »die schwerste Bewährungsprobe, vor die das Schicksal die Nation stellen konnte«.
Russland hatte sich derweil als nützlicher Helfer für Pekings Ambitionen erwiesen. Tatsächlich waren die US-Streitkräfte angesichts der wachsenden Macht des chinesischen und russischen Militärs schlicht nicht in der Lage, gleichzeitig im Indopazifik, im Nahen Osten und in Europa militärisch stark präsent zu sein. Im Wissen darum hatte Peking seine militärische Macht geduldig und stetig ausgebaut. Es hatte seine Nachbarn verlockt, eingeschüchtert oder genötigt und sich die missmutige Nachgiebigkeit vieler anderer Länder erkauft, sogar in Europa. Möglich geworden war das durch die Neue Seidenstraße und den Sirenengesang billiger, aber sehr leistungsfähiger chinesischer Technologie.
China und Russland hatten schließlich auch eine Langzeitkampagne in der Informationskriegsführung begonnen, um den Boden für militärische Aktionen zu bereiten. Sie setzten »Informationsschocks« ein, um Desinformation, Täuschung, Destabilisierung und zunehmende Disruption zu bewirken, durch die Chinas Zwangsmaßnahmen und Drohgebärden verstärkt wurden. An diesem Sommertag im Jahr 2030 starrte die Welt in die vielen Kanonenrohre eines weltweiten Hyperkriegs. Die Realpolitik war wieder da, mit blutig-roten Zähnen und Klauen.
Natürlich war sich China völlig im Klaren darüber, was Putin, inzwischen Präsident auf Lebenszeit, als Nächstes plante. Als sich die Krise im Indopazifik zuspitzte, mussten die USA mit militärischer Gewalt antworten. Die amerikanischen Aktionen konnten aber nur dann zum Erfolg führen, wenn Washington den Großteil seiner Streitkräfte im Indopazifik einsetzen konnte. Das bedeutete, dass es in Europa stationierte Streitkräfte verlegen musste, von denen viele für die Verteidigung Europas vorgesehen waren.
Mitte Juli 2030 hatte Russland mit Zapad 2030 (West 2030) begonnen, einer militärischen Großübung, die sich vom Mittelmeer über das Schwarze Meer und die Ostsee bis zur Arktis entlang der Grenzen der Militärbezirke Süd und West erstreckte. Und was war mit Europa? Europa, zermürbt von der jahrelangen Austeritätspolitik, den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie, terroristischen Angriffen, seinem relativen wirtschaftlichen Niedergang, von Populismus und Brexit, war zu gespalten und zu schwach, um Angriffe an den Nahtstellen seiner komplexen Gesellschaften und in den Grenzbereichen seiner geschwächten regierungsübergreifenden Institutionen abwehren zu können. Leider kam noch hinzu, dass Covid-29 die wenigen Einheiten, die die europäischen Streitkräfte überhaupt aufbringen konnten, dezimierte.
Chaos im Süden
Schlimmer noch war, dass ein beträchtlicher Anteil der schlecht ausgerüsteten und personell unterbesetzten europäischen Streitkräfte schon seit einiger Zeit in Algerien, Libyen und Tunesien im Einsatz war, um die staatlichen Institutionen dieser Länder vor einer von Moskau und Teheran geschürten Serie von salafistischen Aufständen zu schützen. Besondere Sorgen machten sich die Europäer um Libyen, da es der wichtigste Startpunkt für Millionen von verzweifelten Flüchtlingen und illegalen Migranten war, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa auf einen verzweifelten Elendsweg begeben hatten. Der Nahe Osten und Nordafrika waren ein Pulverfass: Die regional-strategische Konkurrenz zwischen den Staaten der Region wurde noch durch die allgegenwärtige Gefahr eines Kollapses ganzer Staaten verschärft. In einer grotesken Hommage des 21. Jahrhundert an das Große Spiel des 19. Jahrhunderts konkurrierten jetzt China, Russland und der Westen mittels einer Vielzahl von Stellvertretern um die regionale Vorherrschaft.[5]
Die Gefahr eines Kriegs war allgegenwärtig. Die Stellvertreterkämpfe, die Syrien schwer verwüstet hatten, waren nach und nach in eine offene Konfrontation zwischen dem von Russland unterstützten Iran und einer von Saudi-Arabien und Ägypten geführten Koalition übergegangen. Im Jahr 2021 hatte die Türkei einen sechzig Kilometer breiten Streifen entlang ihrer gesamten Grenze zum Irak und zu Syrien besetzt – eine waffenstarrende Pufferzone zwischen Kurden und Türken. Auch zwischen Ankara und Tel Aviv waren noch alte Rechnungen offen. Zudem machte sich Israel zunehmend Sorgen um die Stabilität Jordaniens sowie darüber, dass das in Syrien stationierte Korps iranischer Revolutionsgarden immer näher an die israelische Grenze und die Golanhöhen heranrückte.
2029 war es dann so weit, dass die Situation in Nordafrika ins Chaos abglitt. Viele der dortigen Staaten existierten nur noch dem Namen nach. Der sogenannte Islamische Staat (IS) war aus der Asche seiner Niederlage in Syrien im Jahr 2018 auferstanden, nachdem Präsident Trump 2019 entschieden hatte, die amerikanischen Spezialtruppen mit 2000 Soldaten aus Nordwestsyrien abzuziehen. Es folgte eine Reihe von kurdisch-türkischen Kriegen. Infolgedessen, und zum Teil mit Unterstützung Chinas und Russlands, hatten sowohl al-Qaida als auch der IS in den 2020er-Jahren ihren Einfluss in Nordafrika deutlich ausbauen können. Die kleine europäische Streitmacht, die im Juni 2029 in Libyen gelandet war, um die Situation zu stabilisieren, wurde unter erheblichen Verlusten von einem Bündnis aus lokalen Milizen und salafistischen Dschihadisten zurückgeschlagen. Sie waren von der Wagner-Gruppe, einer »privaten« russischen Sicherheitsfirma, unterstützt und ausgebildet worden. Hunderte von europäischen Staatsbürgern saßen auch in Tunesien und Marokko fest, wo die Situation kaum besser war als in Libyen. Kriminelle Banden hielten einige von ihnen als Geiseln und drohten, sie an die sich überall ausbreitenden salafistischen Dschihadistengruppen zu verkaufen, die durch kampferprobte ausländische Dschihadisten immer weiter verstärkt wurden. Es kam erneut zu Enthauptungen gefangener Westler. Algerien hielt nur noch mit Mühe zusammen angesichts der etwa 800 000 Äthiopier, Somalier, Nigerianer und anderer Menschen aus einer Vielzahl von Subsahara-Staaten, die versuchten, von dort illegal in die Europäische Union (EU) zu gelangen. Als die letzten Reste staatlicher Autorität zusammenbrachen und Covid-29 die durch Hunger und Armut ohnehin schon geschwächten Menschen dezimierte, wurde ihre Situation noch verzweifelter. Sie waren Sklaven … und Spielfiguren zugleich.
Im Februar 2030, als die Pandemie immer schlimmer wurde, nahmen die Migrationsströme in Richtung Europa plötzlich zu. Hunderttausende von Menschen wurden an der nordafrikanischen Küste in fürchterlich überfüllte Boote gesetzt und gezwungen, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Monatelang berichteten BBC, CNN, France 24 und die Deutsche Welle über die Zehntausenden Ertrunkenen, die an den Küsten des Mittelmeers angeschwemmt wurden. Die kläglich unterbesetzte EU-Grenzschutzbehörde Frontex war bald überfordert. Den westlichen Seestreitkräften in der Region ging es nicht viel anders. Die französische Marine, die stärkste europäische Marine im Mittelmeer, musste feststellen, dass sie aufgrund jahrelanger Unterfinanzierung über viel zu wenig Schiffe verfügte. Sie war außerstande, einen Seeraum abzudecken, in dem überall die Leichen ertrunkener Migranten herumtrieben. Einige wurden auch an den europäischen Stränden angespült – ein gespenstisches Treibgut, an dem die Geister menschlicher Ängste und Sehnsüchte hafteten.
Der wirtschaftliche Einbruch nach Covid-19 hatte alles noch viel schlimmer gemacht. Und seit dem IS-Angriff auf den Istanbuler Flughafen im Juni 2025 wurde sich die Türkei immer deutlicher bewusst, dass die NATO und ihre Verbündeten nicht in der Lage waren, ihr zu helfen. Die NATO war durch den andauernden Streit zwischen den Europäern und dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan über dessen Entscheidung aus dem Jahr 2024, alle Flüchtlinge und illegalen Migranten aus seinem Land in die EU abzuschieben, praktisch gelähmt. Auf der griechischen Insel Lesbos war eine riesige Zahl weiterer Migranten angekommen, die in bereits überfüllte Auffanglager gebracht wurden, wo die Kriminalität grassierte. Die hoffnungslos überlasteten griechischen Behörden waren bald überfordert. Schnell tauchten Berichte auf, dass bewaffnete Dschihadistenbanden die Kontrolle über eine große Anzahl von Lagern übernommen und mit der systematischen Ermordung von lokalen Beamten sowie von Mitarbeitern der EU und der Vereinten Nationen begonnen hätten.
Am Nordkap
Mitte August 2030 kreuzte der 70 000 Tonnen schwere britische Flugzeugträger HMS Queen Elizabeth vor dem norwegischen Nordkap. Für die Royal Navy waren dies historische Gewässer. Unweit der jetzigen Position von »Big Lizzie« hatte am späten Nachmittag des 26. Dezember 1943, im Dämmerlicht der Arktis, das britische Schlachtschiff HMS Duke of York das Schlachtschiff der deutschen Kriegsmarine Scharnhorst versenkt. Dieses erste Gefecht am Nordkap war keine gewöhnliche Seeschlacht gewesen. Sie war eines der letzten Gefechte zwischen zwei großen Schlachtschiffen, bei dem Flugzeuge keine wesentliche Rolle spielten,[6] zugleich gilt sie auch als das Eröffnungsgefecht des Computer- und Raketenzeitalters.
Für damalige Verhältnisse war die HMS Duke of York eine schwimmende Elektronikplattform, die mit modernsten Sensoren und Radaranlagen ausgestattet war, die ihr die Nachtsicht ermöglichten.[7] Die Hauptgeschützradare vom Typ 284M(3) waren das Herz eines hochentwickelten Feuerleitsystems, das seinerseits mit einem einfachen Computer verbunden war, der die zehn Geschütze vom Kaliber 35 cm ohne Erbarmen auf das deutsche Ziel ausrichtete. Die Scharnhorst wurde bereits von der ersten Salve so hart getroffen, dass einer ihrer Hauptgeschütztürme ausfiel. Das war bei einem Gefecht zwischen Schlachtschiffen noch nie vorgekommen. Mit der Versenkung der Scharnhorst drei Stunden später endete die Bedrohung der alliierten Konvois auf dem Weg ins russische Murmansk durch Überwasserangriffe der Nazis. Es war ein Wendepunkt in der Atlantikschlacht – der einzigen Schlacht des Zweiten Weltkriegs, von der Churchill sagte, sie habe ihn beunruhigt.[8]
Mehr als achtzig Jahre später stand die zweite Atlantikschlacht an: ein Kampf um die Kontrolle der strategischen Seeverbindungslinien über, auf und unter der Wasseroberfläche. Unabhängig von Chinas Ambitionen hatten die Spannungen mit Russland schon seit Monaten zugenommen. Präsident Putin hatte schon seit der Covid-19-Krise mit großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen. In dem Maße, wie seine Popularität sank, wurde dieser zunehmend unberechenbare Mann immer aggressiver. Viele Jahre lang hatte sich das Regime auf die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport nach Europa verlassen. Eine Zeit lang hatten die Einnahmen auch ausgereicht, um das Regime und seine kriegerischen Ambitionen zu finanzieren. Während der Corona-Krise waren die Einnahmen aber eingebrochen und hatten sich noch immer nicht erholt. Ende 2028 hatte die EU, geleitet von der mächtigen deutschen Autoindustrie, zudem die historische Entscheidung getroffen, bis 2035 alle benzin- und dieselbetriebenen Autos zugunsten neuer Elektrofahrzeuge mit großer Reichweite abzuschaffen. Gleichzeitig entschied die EU, große Mengen an flüssigem Erdgas aus den USA zu importieren, um dauerhaft unabhängig von Energieeinfuhren aus Russland zu werden. An den Devisenbörsen brach der Kurs des Rubels ein. Damit bekam der ohnehin schon heftige Groll, den der Kreml gegen den Westen hegte, eine zusätzliche Dimension. Zugleich ächzte Russland unter der Last seines völlig überdimensionierten und für die russische Wirtschaft viel zu teuren Sicherheits- und Militärapparats. Die sozialen und politischen Unruhen nahmen zu, nachdem es nicht gelungen war, sinnvolle Reformen in Gesellschaft und Wirtschaft zu verwirklichen. Anfang 2030 stürzte Russland in eine innenpolitische Krise.
Im Juni 2030 fing Moskau an, um sich zu schlagen. Als Erstes setzte es seinen sogenannten Fünf-Elemente-Kriegsplan um: Desinformation, Täuschung, Disruption, und Destabilisierung wurden mit der indirekten Androhung des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen gekoppelt, um die an Russland angrenzenden europäischen Nachbarn einzuschüchtern. Nun wurde ein sechstes Element hinzugefügt: eine vom Menschen geschaffene Krankheit. Covid-29 war eine künstliche Mutation von Covid-19, die ausgerechnet in einem Labor in Wuhan entwickelt worden war. Sowohl Peking als auch Moskau betrachteten die NATO als die Maginot-Linie des 21. Jahrhunderts: eindrucksvoll, wenn man den Hochglanzfilmen der öffentlichen Diplomatie Glauben schenkte, in Wirklichkeit aber fragil, so wie eine bereits Risse aufweisende Eierschale. Beide Mächte waren überzeugt: Wenn es ihnen gelänge, die Leistungsfähigkeit der NATO auch nur um 15 Prozent zu verringern, würde sie im Fall eines Angriffs abrupt versagen. Genau dazu diente Covid-29 – und Chinesen und Russen verfügten über ein Gegenmittel.
Als die Europäer erkrankten und ein neuer Lockdown angeordnet wurde, begann Russland mit Cyberangriffen auf die EU- und NATO-Mitglieder in Mittel- und Osteuropa. Sie verursachten tagelange Ausfälle bei Banken, Verkehrsmitteln und sogar den Gesundheitssystemen. RT, Sputnik und andere vom Kreml kontrollierte russische Medien verbreiteten zunehmend hysterisch klingende Falschmeldungen über westliche Angriffe und die angebliche Misshandlung russischer Minderheiten in Europa. Zugleich stimmte Putin die russische Bevölkerung mit übertriebenen nationalistischen Erzählungen über die Überlegenheit der Sowjetunion und die Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft des russischen Volkes während des Großen Vaterländischen Krieges auf die bevorstehenden Ereignisse ein.
Im Rahmen der Großübung Zapad 2029 wurde Russlands Militärbezirk West schnell und systematisch durch mehrere neu aufgestellte Gardedivisionen – der Name erinnerte an die Sowjetunion – verstärkt, die nun einen großen Abschnitt der NATO-Ostgrenze bedrohten. Schlimmer noch: Russland stationierte eine ansehnliche Zahl zusätzlicher und besonders leistungsfähiger Nuklear- und Langstrecken-Hyperschallwaffen in der russischen Exklave Kaliningrad zwischen Polen und Litauen und baute auch seine Luftabwehrkapazitäten deutlich aus.
Ende Juni 2030 hatte die russische Nordflotte begonnen, ihre Flugzeuge, Schiffe und U-Boote regelmäßig zu aggressiven Patrouillen einzusetzen, die zur Einschüchterung der Seestreitkräfte der NATO weit draußen im Nordatlantik dienen sollten. Die gefährlichsten Begegnungen fanden in und um den sogenannten Grönland-Island-UK-Korridor und in der Nähe des norwegischen Nordkaps statt. Solche Konfrontationen gab es nicht nur auf See. Die russische Marineinfanterie tauchte in immer größerer Stärke in der Nähe von Kirkenes an der Grenze zur norwegischen Provinz Finnmark auf. Finnland und Schweden versetzten ihre Streitkräfte in volle Alarmbereitschaft. Als dann auch noch russische militärische Ausrüstung an einem norwegischen Strand entdeckt wurde, kamen Gerüchte auf, dass russische Spezialeinheiten bereits in Norwegen selbst operierten. Anfang Juli 2030 verlegte Russland schließlich einen besonders großen Verband seiner kürzlich erweiterten Marineinfanterie nach Pechanga, nahe des kurzen Grenzabschnitts zwischen Russland und Norwegen. In Oslo schrillten die Alarmglocken. Norwegen bat dringend um Unterstützung durch die Allianz.
Im Juli 2030, während im Südchinesischen Meer die Spannungen wuchsen, hatte der Nordatlantikrat (North Atlantic Council, NAC) den Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (Supreme Allied Commander Europe, SACEUR) angewiesen, »alle notwendigen Schritte« zu unternehmen, um Moskau die Entschlossenheit des Bündnisses zu demonstrieren, seine Grenzen und die umliegenden lebenswichtigen Seeverbindungslinien und Luftverkehrswege zu verteidigen. Leider standen dem Bündnis nur wenige US-Schiffe erster Klasse zur Verfügung, weil ein Großteil der Einsatzkräfte wegen der zunehmenden Spannungen in den Indopazifik verlegt worden war, um gegen die eindrucksvolle chinesische Volksbefreiungsmarine bestehen zu können.[9] Schlimmer noch: Während die Kämpfe in Libyen um sich griffen, tauchten plötzlich Hunderte von schlecht ausgerüsteten Booten im Golf von Sirte auf. Sie waren in Richtung Italien unterwegs, in desolat schlechtem Zustand und vollgepackt mit Migranten. Die Hardliner-Regierung in Rom forderte ein Eingreifen der EU und drohte mit einer Blockade der NATO.
Trotz des Drucks, der auf Washington lastete, und der drei großen Krisen, die es gleichzeitig zu bewältigen galt, begannen die Amerikaner, US-Marines zusammen mit ihren britischen und holländischen Kameraden nach Norwegen zu fliegen. Es war eine kleine Truppe, kaum mehr als eine Brigade, aber sie errichteten schnell eine Verteidigungslinie, als eine Art Stolperdraht für mögliche russische Angreifer. Sie hatten einen klaren Auftrag: Russland von jeglicher aggressiven Handlung abzuhalten. Sie richteten sich schnell ein und nutzten die Ausrüstung der Marine Expeditionary Brigade, die in kluger Weise in Höhlen eingelagert worden war. So gab es zumindest einige alliierte Kräfte, die vorrücken konnten.
In der ersten Augustwoche bildete die NATO eine eilig zusammengestellte maritime Eingreiftruppe, die an die HMS Queen Elizabeth angegliedert und zum Nordkap entsandt wurde. Auf dem Papier handelte es sich bei NTM-1 um eine gewaltige Machtdemonstration der NATO zur Abschreckung der russischen Nordflotte. Sie umfasste Schiffe, Flugzeuge und U-Boote von zwölf NATO-Verbündeten, unter ihnen Großbritannien, Kanada, Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Dänemark und Norwegen. Leider war es mehr Show als Stärke. Auf vielen Schiffen fehlten essenzielle verschlüsselte Kommunikations-, Überwachungs- und Datensysteme. Und vor allem mangelte es an den offensiven und defensiven Waffen, die für die Kampfkraft einer solchen Truppe entscheidend gewesen wären. Im Zuge der ersten Corona-Krise waren die Budgets für moderne militärische Ausrüstung in Europa drastisch gekürzt und viele Ausrüstungsprogramme gestrichen worden.
Krieg!
Am 11. August 2030, zeitgleich mit dem Angriff auf die USS John C. Stennis im Südchinesischen Meer, begann die zweite Schlacht am Nordkap. Hundertfünfzig Seemeilen westnordwestlich vom Nordkap stürzten an Bord der HMS Queen Elizabeth plötzlich die Waffen-, Kommunikations- und Verteidigungssysteme ab. Das Flaggschiff der Task Group und ein Großteil der übrigen Streitkräfte sahen sich einem anhaltenden Cyberangriff ausgesetzt. Fast genau zur selben Zeit wurde das riesige Schiff von einem Schwarm autonomer, hochentwickelter und mit künstlicher Intelligenz (KI) ausgestatteter Kampfdrohnen angegriffen. Jeder »Bot« war mit maßgeschneiderter Anti-Schiffstechnologie ausgestattet und darauf programmiert, genau definierte Teile der militärischen Fähigkeiten des mächtigen Schiffes aufzuspüren und zu zerstören. Furchterregend war, dass diese Roboter der neuesten Generation voneinander lernten, während sie die Verteidigungsanlagen der NATO-Einsatzgruppe testeten.
Im Verlauf der zweiten Schlacht am Nordkap wurde auch der Weltraum hoch über den Schiffen zum Schlachtfeld. Amerikanische und europäische Aufklärungssatelliten wurden erst geblendet und dann zerstört. Gleichzeitig fanden Angriffe auf europäische Führungs- und Kontrollsysteme statt. Kommerzielle Kommunikationssatelliten mit zivil-militärischer Verwendung wie Skynet V., Galileo und GPS fielen ebenfalls aus. In diesem kritischen Moment war die NATO über dem Nordatlantik praktisch blind. Ähnlich erging es den alliierten Streitkräften im östlichen Mittelmeer und – besonders kritisch – im Südchinesischen Meer. Nur eines war klar: dass Peking und Moskau ihr Vorgehen eng miteinander abstimmten. Vielleicht handelte es sich hier nicht um den Krieg der Welten, aber es lagen eindeutig zwei Welten im Krieg.
Um 3:31 Uhr war der NATO-Flottenkommandeur an Bord der HMS Queen Elizabeth nicht mehr imstande, die Lage zu erfassen. Auch die übrigen NATO-Kommandeure mussten feststellen, dass ihre Reaktionsfähigkeit dramatisch eingeschränkt war; dem Kapitän der HMS Queen Elizabeth blieb für seine Befehle weniger als eine Sekunde. Dann verlor der NATO-Kommandeur plötzlich sämtliche Führungs- und Fernmeldeverbindungen zur Einsatzgruppe. Der Angriffsdrohnenschwarm teilte sich auf und begann, Systeme in der Operationszentrale der HMS Queen Elizabeth anzugreifen. Um 3:32 Uhr wurde die interne Kommunikation auf der »Big Lizzie« unterbrochen, da das Schadenkontrollsystem versagte. Schlimmer noch, der Antrieb blockierte plötzlich, weil die Motoren voll in den Rückwärtsgang geschaltet worden waren. Es herrschte Chaos. Der Kapitän hatte die Kontrolle über sein Schiff verloren.
In einiger Entfernung von der NATO-Flotte hatten sich zwei nuklear angetriebene russische Jagd-U-Boote der Yasen-Klasse die unterschiedlichen Temperaturen der Wasserschichten und die Dichte der eisigen Gewässer des Nordatlantiks zunutze gemacht, um sich vor den alternden 3G- und 4G-Abwehrsystemen der NATO-Einsatzgruppe zu verbergen. Um 3:33 Uhr feuerten die beiden russischen U-Boote jeweils eine Hyperschall-Antischiffsrakete des Typs Zircon ab, während ein weiterer autonomer Drohnenschwarm die Raketenabwehrsysteme des Schiffs systematisch attackierte und verwirrte. Das Raketenabwehrsystem Sea Ceptor 2, mit dem die »QE« bewaffnet war, schaltete eine der Zircons aus – aber nur eine. Die anschließende Explosion war gewaltig; der Schaden an der HMS Queen Elizabeth verheerend. Auf einen Schlag war das Flaggschiff Großbritanniens, der Stolz der Royal Navy, lahmgelegt.
Um 3:35 Uhr brach Wasser ein, und das Schiff bekam eine schwere Schlagseite nach Steuerbord. Da das automatische Schadenkontrollsystem ausgefallen war, konnten die Systeme weder pumpen noch gegenfluten, um die Schlagseite zu korrigieren. Überall auf dem Schiff geriet das Feuer außer Kontrolle und breitete sich zu den Kraftstofftanks aus. Wer von der Besatzung noch am Leben war, rannte verzweifelt auf die oberen Decks, um dem todgeweihten Schiff zu entkommen. Nach einer weiteren gewaltigen Explosion im Schiffsinneren gab der entsetzte Kapitän schließlich einen Befehl, von dem er nie geglaubt hätte, ihn geben zu müssen: »Verlasst das Schiff – jeder wie er kann!« Wer das »Glück
