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Fyralis ist erwacht. Nach Jahrhunderten des Schweigens erhebt sich die magische Insel in einem Sturm aus Licht und Nebel, bereit, ihr Geheimnis zu offenbaren. Auf den glühenden Runenpfaden, zwischen Drachenflügeln und uralten Liedern, stellen sich Aelwyn und Kael ihrer größten Prüfung: dem Schwur, Fyralis nicht nur zu retten, sondern selbst ein Teil ihres Herzens zu werden. Hand in Hand durchschreiten sie das Lichttor, spüren die Wurzeln der Magie in sich wachsen und tragen das Erbe der Flamme, das in den Tiefen der Insel brennt. Doch nicht nur Hoffnung regt sich über den Tälern und Gipfeln von Fyralis. Ein dunkler Sturm zieht auf, bringt Schattenschwingen und den bitteren Hauch dessen, was verloren zu gehen droht. Drachen kreisen am Himmel, Riesen-Schmetterlinge tanzen wie lebendige Runen durch die Lüfte, und selbst die weißen Einhörner, Hüter der Reinheit, sind aus ihrem Versteck zurückgekehrt. Und während die Insel singt, lernen Aelwyn und Kael, was es wirklich bedeutet, Licht und Flamme zu tragen: dass wahre Magie Opfer verlangt. Am Ende ihres Weges steht eine Entscheidung, die nicht nur über ihr Schicksal bestimmt, sondern über das aller Lebenden, die auf Fyralis hoffen. Ein Roman voller Magie, Liebe und uralter Kräfte – die triumphale Fortsetzung der epischen Saga. Erhaben, berührend und unvergesslich.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Band 2
Elira Nywen
Copyright
© 2025 Elira Nywen Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne schriftliche Genehmigung der Autorin weder reproduziert, kopiert noch verbreitet werden.
Für alle, die den Mut haben, ihrem inneren Feuer zu vertrauen. Für alle, die in der Dunkelheit ihr eigenes Licht entzünden. Und für die, die lernen, den Ruf ihres Herzens zu hören, auch wenn er leise ist.
Fyrallis wuchs im Dorf Eldamar auf, behütet, aber stets mit dem Gefühl, anders zu sein. Ihre lila Augen, die wie die einer Katze in der Dunkelheit glühten, und die rätselhaften Kräfte, die tief in ihr schlummerten, machten sie zu einer Fremden in ihrer eigenen Welt.
Erst als Arian in ihr Leben trat, ein Elf mit leuchtend hellblauen Augen und einer geheimnisvollen Vergangenheit, begann sie zu begreifen, dass ihre Bestimmung weit über die Grenzen Eldamars hinausreichte. Gemeinsam entdeckten sie das Feuer, das in ihnen brannte und dass ihre Schicksale miteinander verwoben waren.
Auf ihrer Suche begegneten sie einem uralten Drachen, der aus Licht und Flamme geboren war. Er erweckte die schlafenden Kräfte in Fyrallis, offenbarte ihnen die Wahrheit über ihre Herkunft und wies ihnen den Weg nach Itharyon, der Insel der
Drachen. Mit seinen letzten Worten versprach er: „Eure Reise hat erst begonnen. Die Drachen warten.“
Jetzt stehen Fyrallis und Arian am Rand der bekannten Welt. Vor ihnen: das Meer, die vergessene Insel und die uralten Geschöpfe, mit denen sie lernen müssen, eins zu werden.
Dunkle Wolken jagten über den Himmel und verschluckten das fahle Mondlicht, das nur selten wie ein verschwiegenes Auge durch die Risse der Nacht schimmerte. Die Luft roch nach Salz und kaltem Stein, während das Heulen des Windes wie ferne Stimmen zwischen den Klippen irrte.
Fyrallis stand im Schatten der Felsen, reglos, doch jeder Muskel gespannt wie eine Bogensehne. Der Wind zauste ihr braunblondes Haar, und ihre katzenhaften, lila Augen glühten leise wie Glut unter Asche. Ihre spitzen Ohren zuckten bei jedem Laut, den die Dunkelheit preisgab das untrügliche Gehör der Elfen. Neben ihr stand Arian, sein Haar peitschte ihm ins Gesicht, und seine hellblauen Augen funkelten wie gefrorene Sterne. In seinen feinen, scharf geschnittenen Zügen lag die stille Schönheit seiner Herkunft, seine Haltung war so unbeirrbar wie Granit.
„Spürst du es?“, hauchte Fyrallis, ohne den Blick vom aufgewühlten Meer zu lösen.
Arian nickte langsam, als lausche er einem uralten Lied. „Etwas ist erwacht. Etwas, das wir nicht mehr aufhalten können.“
Da brach ein Licht auf gleißend, silbern mitten auf den Wellen, als hätte ein Stern die Tiefe berührt. Es pulsierte, sandte Wogen aus, die gegen die Felsen schlugen und einen feinen Sprühregen in die Luft warfen, der nach Salz und etwas Unbekanntem roch.
Fyrallis machte einen Schritt vor, spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als die Erkenntnis sie durchfuhr. „Sie kehren zurück. Sie haben uns gefunden.“
Arian legte eine warme, beruhigende Hand auf ihre Schulter, fest wie ein Schwur. „Wir wussten immer, dass dieser Tag kommen würde. Jetzt zählt nur, was wir daraus machen.“
Gemeinsam richteten sie den Blick hinaus in die Dunkelheit, der Zukunft entgegen, während die Wellen ihre Namen raunten, weich wie ein Lied, erbarmungslos wie die Zeit, unaufhaltsam wie das Schicksal selbst.
Die Nacht über Aeloria lag still wie ein gebanntes Geheimnis, und doch vibrierte die Luft einer ungreifbaren Erwartung. Der Himmel war ein Meer aus Sternen, klar und kühl, als der Ruf die Stille durchdrang.
Fyrallis und Itharyon saßen nebeneinander in ihrer schlichten Behausung, deren Fenster weit geöffnet waren, um den Duft der erwachenden Natur hereinzulassen. Kein Wind regte die filigranen Zweige der uralten Silberbäume, die draußen standen wie Wächter der Ewigkeit und doch schien etwas Unsichtbares durch die Lichtung zu fließen, wie der erste Atem einer neuen Zeit.
Es war kein Laut, den ihre Ohren vernahmen. Es war ein Schwingen in ihrem Innersten, ein Flüstern, zart wie Morgentau auf Blütenblättern und doch mächtig wie das Grollen ferner Sturmwellen. Fyrallis’ goldene Augen suchten Itharyons Gesicht. Seine Züge waren erstarrt, die Pupillen geweitet, als lausche er derselben geheimnisvollen Melodie.
„Spürst du es?“, hauchte sie, obwohl die Antwort längst in seinen Augen glänzte.
Denn der Ruf hatte beide längst ergriffen. Wie ferne, sehnsuchtsvolle Harmonien spannte er sich zwischen ihnen, zog sie mit jedem Herzschlag tiefer in seinen Bann.
In dieser Nacht wusste Fyrallis: Ihre Reise war nicht vorbei. Sie hatte nie geendet nur geruht, um nun auf einem neuen, fremden Pfad zu erwachen. Dort draußen, hinter den Wäldern, hinter den Wogen, rief die Insel, deren Name niemand kannte.
Am Morgen schien die Sonne in mildem Gold durch die Vorhänge und streichelte die Dielen mit Licht. Doch der Ruf klang weiter in ihnen, drängender, fordernder. Fyrallis trat ans Fenster, ihre Fingerspitzen glitten über das kühle Holz des Rahmens. Jenseits der Lichtung, dort wo die Berge den Horizont küssten, schimmerte etwas kaum mehr als eine Ahnung.
„Wir müssen gehen“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm.
Itharyon trat hinter sie, seine Wärme wie ein stiller Schwur in ihrem Rücken. „Ich weiß.“ Seine Stimme war leise, und doch lag in ihr der Widerhall der Sehnsucht, die auch sie erfasst hatte.
Der Tag verstrich wie in Trance. Sie bereiteten sich vor, packten sorgfältig, fast feierlich: die Klinge, die schon so viele Monde an ihrer Seite war. Die Umhänge aus festem Leinen, die vor Wind und Salz schützen würden. Ein Amulett, Geschenk der Mutter, mit geheimnisvoller Gravur. In dem schlichten Beutel wuchs ihre Hoffnung, ihr Mut, ihr Aufbruch.
Sie verbrachten Stunden im Wald, nahmen Abschied von vertrauten Pfaden, hielten inne, wo uralte Steine und Bäume wie stille Zeugen ihre Anwesenheit segneten. Immer wieder hielten sie inne, lauschten und jedes Mal war der Ruf noch ein Stück klarer, dringlicher, wie eine Melodie, die endlich den Mut gefunden hatte, laut zu werden.
Als die Sonne blutrot hinter den Bergen versank, traten sie auf die Lichtung. Die Silberbäume rauschten, als flüsterten sie ihren Segen. Vor ihnen schlängelte sich der Pfad, schattig und uralt, hinunter zum Meer, das jetzt in der Ferne glühte wie flüssiger Opal.
Die Nächte, die folgten, waren von Träumen durchwirkt. In ihnen sah Fyrallis fremde Strände, bedeckt von gewaltigen, leuchtenden Blüten, deren Farben in der Dunkelheit pulsierend atmeten. Sie hörte das heisere Schlagen von Drachenflügeln, den Ruf exotischer Vögel, deren Federn wie gemalte Dämmerung schimmerten grün und rosa, lebendig und schön. Manchmal schritten Einhörner durch ihre Träume, weiß wie frischer Schnee, ihre Mähnen ein Tanz aus Licht.
Der Ruf wurde zur Melodie, die mit jeder Nacht lauter, unausweichlicher wurde. Bis sie am siebten Morgen erwachte, noch vor der Dämmerung, und wusste: Jetzt.
Der Abstieg zum Meer war lang. Der Wald wirkte anders, als hielte er den Atem an für sie, um Raum zu schaffen für das Neue, das kommen sollte. Unter ihnen glitzerte das Wasser, und dort, weit draußen, leuchtete der schwache Schein der Insel wie ein Stern, schlafend und doch wachsam.
Am Ufer wartete ein Boot. Es schien aus hellem Holz geformt zu sein, schlicht, aber mit der Eleganz alter Meister. Ein Fischer, alt wie der Wind selbst, stand daneben, sein Blick wissend, seine Augen wie von Nebeln durchzogen. „Die Insel ruft euch“, sagte er heiser. „Wartet nicht länger.“
Fyrallis trat vor. Das Holz des Bootes war kühl unter ihrer Hand, aber ein leises Zittern ging durch die Planken, als erwarte auch es sie. Sie und Itharyon stiegen ein, setzten sich nebeneinander, während der Fischer das Segel löste.
Die Sonne stieg, langsam, färbte Himmel und Wasser in Rosa und Gold. Das Boot glitt hinaus, der Wind griff nach den Segeln, trieb sie voran, hinein ins weite Unbekannte.
Fyrallis legte die Hand auf den Bootsrand, spürte den Salzgeschmack der Luft, den Rhythmus der Wellen tief in sich widerhallen.
„Wir kommen“, flüsterte sie.
Und während der Küste hinter ihnen im Nebel verschwand, nahm die Insel vor ihnen Gestalt an wie ein Traum, der endlich den Mut gefunden hatte, Wirklichkeit zu werden.
Eine neue Geschichte begann.
Der Morgenhimmel über der Insel glühte wie flüssiges Gold, als das Boot sanft an den perlweißen Strand glitt. Ein salziger Wind strich über die glitzernden Wellen und trug den betörenden Duft unbekannter Blüten mit sich süß, schwer und verheißungsvoll.
Fyrallis setzte den Fuß in den warmen Sand, der unter ihrem Gewicht vibrierte, als hätte die Insel selbst sie erkannt. Es war, als atmete der Boden unter ihren Sohlen, pulsierend vor uralter Magie. Sie schloss für einen Augenblick die Augen, um dieses erste Gefühl ganz in sich aufzunehmen: Ehrfurcht, Aufbruch, und ein leiser Schauder vor dem Unbekannten.
Neben ihr sprang Itharyon an Land, seine Augen weit aufgerissen. „Fyrallis …“, murmelte er, doch die Worte versiegten. Auch er war gefangen von der Schönheit, die sich vor ihnen ausbreitete.
Vor ihnen erstreckte sich der Strand wie eine schimmernde Sichel, gesäumt von Farnen und Palmen, deren riesige Blätter in tausend Grüntönen schimmerten, als wären sie mit Smaragden bestäubt. Dazwischen erhoben sich gewaltige Blütenkelche – so groß wie Körbe, in Farben, die das Auge kaum fassen konnte: Rosa wie Abendglut, Purpur wie Mitternacht, Blau wie das tiefste Meer. Ein leises, kaum hörbares Singen wehte aus dem Dschungel dahinter, als spielten unsichtbare Hände auf kristallenen Saiten.
„Es ist … lebendig“, hauchte Itharyon. Seine Stimme ging im Wind verloren.
Fyrallis kniete sich nieder und ließ ihre Finger durch den feinen Sand gleiten. Er fühlte sich warm an, wie eine Haut. Sie schloss die Augen und hörte ihn wieder: den Ruf. Jetzt lauter, tiefer, eindringlicher, als spräche die Insel selbst zu ihr. Er kam nicht nur aus der Ferne, sondern auch aus der Tiefe ihrer Seele.
Sie öffnete die Augen und entdeckte im Sand schmale Hufspuren, die im Licht schimmerten, als wären sie aus Mondstaub.
Ein leises Wiehern ließ sie aufblicken.
Zwischen den Palmen standen die Einhörner weiß wie Mondlicht, ihre Mähnen aus Nebel und Sternenstaub gewebt. Einige trugen im Fell einen Hauch von Rosa, andere das blasse Lila der Dämmerung. Sie bewegten sich mit anmutiger Ruhe, die Luft um sie herum vibrierte vor Magie, und ihre klugen, leuchtenden Augen ruhten auf den beiden Neuankömmlingen.
Fyrallis’ Herz schlug schneller. „Sie … warten“, flüsterte sie.
Das größte Einhorn mit einem Horn aus reinem Silber – trat vor. Es neigte leicht den Kopf und schnaubte glitzernden Nebel aus, der wie funkelnder Tau über den Boden sank. Fyrallis streckte die Hand aus, und als die Stirn des Einhorns sie berührte, war da nur Licht warm und golden, dass sie umhüllte.
Doch plötzlich veränderte sich die Luft.
Ein Schatten glitt über den Strand, tief und uralt, und der Himmel erbebte.
Ein donnerndes Rauschen füllte die Welt, als hätten die Winde selbst Flügel bekommen.
Schwarze Silhouetten zogen gegen das Licht der Sonne ihre Kreise – gewaltig, majestätisch, jede Bewegung voller unbändiger Macht.
„Drachen“, hauchte Itharyon.
Dutzende, vielleicht mehr. Ihre Flügel zerschmetterten das Licht in glitzernde Scherben, ihre Schreie schnitten wie uralte Lieder der Lüfte. Einer von ihnen größer als alle anderen, golden und grün löste sich aus dem Schwarm und glitt herab.
Fyrallis spürte, wie der Boden unter ihren Füßen bebte. Ihr Herz trommelte, während der Drache näherkam. Böen wirbelten Blüten auf, Blätter tanzten wie glühende Funken. Er landete mit einer Wucht, die den Strand erschütterte, doch jede Bewegung war von Grazie. Smaragdgrüne Augen, so tief wie Ozeane, suchten ihren Blick.
Ein uraltes Wissen erwachte in ihr. Dies war der Anfang.
Aus den Tiefen des Waldes erklang ein neuer Gesang, wie Trommeln und Stimmen, die ihren Namen riefen. Die Insel erwachte, als hätte sie auf diesen Moment gewartet.
Fyrallis legte die Hand auf das Amulett ihrer Mutter, das warm zu glühen begann. Ein letzter Blick zu Itharyon – er nickte.
Dann setzte sie den ersten Schritt in das Innere der Insel.
Der Drache breitete seine Schwingen aus, die Einhörner folgten, lautlos und schimmernd. Der Ruf der Insel sang in ihrem Herzen, als der Nebel sich schloss und eine neue Geschichte begann.
Der Morgennebel hing schwer über dem Dschungel der Insel, wie ein flüssiger Schleier aus Perlmutt. Noch immer kreisten Drachen hoch oben zwischen den aufbrechenden Wolken, ihre gewaltigen Silhouetten wie lebendige Schatten im Licht der ersten Sonnenstrahlen.
Fyrallis und Itharyon folgten einem schmalen, kaum erkennbaren Pfad, der sich zwischen riesigen Farnen und blühenden Kelchen hindurchwand. Mit jedem Schritt schien der Boden weicher zu werden, als atme die Erde unter ihren Füßen, lebendig und wachsam. Die Luft war gesättigt vom Duft fremder Blüten, süß und berauschend, und überall glommen kleine Lichter zwischen den Blättern, als flögen Glühwürmchen aus Sternenstaub durch das Dickicht.
„Hier war etwas …“, murmelte Itharyon. Sein Blick glitt über den mit Moos bedeckten Boden, wo tiefe, gekrümmte Spuren zu sehen waren Abdrücke wie von Krallen, eingerahmt von glitzernden Kristallsplittern.
Fyrallis kniete nieder und strich mit den Fingern über die Einkerbungen. Ein Schauder lief ihr über den Rücken. „Nicht jemand“, flüsterte sie. „Etwas.“
Sie folgten den geheimnisvollen Zeichen, bis der Weg sich zu einer Lichtung öffnete. Dort stand er: ein gewaltiger Monolith aus schwarzem Stein glatt, makellos, als wäre er erst gestern hier aufgestellt worden, und doch sprach jede Faser seines Daseins von uralter Macht. Über seine Oberfläche zog sich eine einzige, gewaltige Rune, die in einem sanften silbernen Glühen pulsierte.
Fyrallis’ Atem stockte. „Anulis …“ Der Name war kaum mehr als ein Hauch auf ihren Lippen, ehrfürchtig und doch vertraut.
Itharyon trat an ihre Seite. „Das Zeichen“, murmelte er. „Der Hüter der Drachen … das Band zwischen Himmel und Erde.“
Langsam hob Fyrallis die Hand, zögerte und berührte die glühende Rune. Ein Schlag durchzuckte sie, nicht schmerzhaft, sondern wie ein uraltes Lied, das tief in ihrem Innersten zu klingen begann. Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf: Drachenflügel, die sich wie Sturmwolken wölbten. Einhörner, die durch silbernen Nebel galoppierten. Und eine Gestalt, gehüllt in Licht und Schatten zugleich, die ihre Hand nach ihr ausstreckte.
„Es … spricht zu mir“, hauchte sie. „Die Rune kennt unseren Weg.“
Die Luft verdichtete sich um sie, als hätte der Monolith einen Kreis aus Macht und Schweigen um die Lichtung gelegt. Ein warmer Wind fuhr durch die Palmenkronen und ließ die Blätter wispern, als stimmten sie in den Gesang der Rune ein.
Fyrallis zog die Hand zurück und sah Itharyon an. In seinen Augen spiegelte sich derselbe Schock, dieselbe leise Erkenntnis. „Du siehst es auch?“, fragte sie.
Er nickte. „Bilder … als wären es Erinnerungen. Aber nicht die unseren.“
Die Rune pulsierte stärker, silberne Wellen griffen nach ihr, als drängten sie sie vorwärts. Fyrallis schloss die Augen und ließ sich sinken tiefer in die Vision.
Plötzlich stand sie auf einem hohen Plateau über der Insel. Unter ihr breiteten sich Strände, Wälder, Nebel wie schlafende Riesen aus. Über ihr zogen Drachen Kreise in einer Spirale aus Feuer und Wind. Einer von ihnen, größer als alle anderen, glitt herab, bis seine gewaltige Gestalt vor ihr landete. Grünschimmernde Schuppen, die im Morgenlicht rosé glühten, und Augen, tief wie Mitternachtsmeere. Myrthalion.
Er neigte den Kopf, seine Stimme grollte direkt in ihrem Geist. „Das Band muss erneuert werden. Doch nur, wer das Zeichen erkennt, wird würdig sein.“
„Wie?“, flüsterte sie.
„Finde den zweiten Stein“, erwiderte er. „Nur er offenbart dir den Namen der Macht.“
Mit einem letzten Blick brach die Vision ab. Fyrallis sank auf die Knie, den Atem stoßweise, während das silberne Glühen der Rune erlosch.
Itharyon kniete bei ihr. „Fyrallis! Was ist passiert?“
Sie hob den Kopf, und ihre Stimme war fest wie Stahl, auch wenn ihr Herz pochte. „Wir müssen den zweiten Stein finden. Es ist der einzige Weg.“
Ein fernes, grollendes Donnern rollte über den Himmel. Gleichzeitig wandten sie sich um und sahen, wie der goldene Drache mit den glutroten Augen jetzt tiefer kam, seine Schwingen riesig, sein Blick unerbittlich.
„Auranyth …“, hauchte Itharyon.
Der Boden bebte. Der Drache landete am Rand der Lichtung, Krallen wie Dolche gruben sich in die Erde. Heiße Luft strömte aus seinen Nüstern, ließ Blätter flirren, während seine glühenden Augen auf ihnen ruhten.
Fyrallis trat vor. Ihre Beine zitterten, doch sie wich nicht zurück. „Wir sind hier“, sagte sie. „Und wir werden das Zeichen finden.“
Ein kehliges, tiefes Brummen, das wie ein dunkles Lachen klang, drang aus Auranyth. Dann schlug er seine gewaltigen Schwingen auseinander, stieß sich in die Lüfte und verschwand zwischen den Wolken.
Zurück blieb Stille.
Fyrallis wandte sich zu Itharyon. „Komm“, sagte sie. „Die Suche hat erst begonnen.“
Und so verließen sie die Lichtung, das leise Nachglühen der Rune noch immer in ihren Herzen.
Der Dschungel schien sie verschlingen zu wollen. Mit jedem Schritt schloss sich das grüne Dickicht enger um Fyrallis und Itharyon, die riesigen Blätter der Farne senkten sich wie Hände herab, und das Moos unter ihren Stiefeln sog jeden Laut auf. Zwischen den Ästen blitzten winzige Funken wie Glühwürmchen auf, huschten davon, kaum dass man sie wahrnahm. Der Nebel hing schwer und süß in der Luft, gesättigt von fremden Blütendüften, die gleichzeitig betörend und beunruhigend wirkten. Es war, als atmete der Dschungel mit ihnen, als lauschte er.
Itharyon ging dicht hinter ihr, seine Hand ruhte an der Scheide seines Schwerts, auch wenn beide wussten, dass kein Stahl hier Schutz versprach. „Es wird stiller“, murmelte er. Tatsächlich keine Rufe der Vögel mehr, kein Rascheln in den Büschen. Selbst der Wind, der eben noch an den Baumkronen gespielt hatte, war verstummt.
Schließlich blieb Fyrallis stehen. Vor ihnen erhob sich ein Torbogen, geformt aus knorrigen Wurzeln, die wie verschlungene Schlangen umeinander wuchsen. Sie waren mit Moos und glitzerndem Tau bedeckt, als hätte der Nebel hier Gestalt angenommen. Dahinter waberte silbriger Dunst, durchsetzt von schwebenden Kristallspänen, die das Licht brachen.
„Spürst du das?“, flüsterte sie.
Itharyon trat neben sie. Seine Augen schienen größer in diesem schummrigen Licht, und in ihnen lag eine Ahnung von Furcht. „Als würde… etwas auf uns warten.“
Behutsam schob Fyrallis die Hand vor, berührte den Bogen. Ein leiser Schauer fuhr ihr den Arm hinauf, wie das Kribbeln von Eis und Glut zugleich. Sie atmete tief ein, trat hindurch und die Welt wurde eine andere.
Vor ihnen lag eine Lichtung, so unwirklich schön, dass die Luft selbst wie Glas zu vibrieren schien. Der Boden war überzogen von Sternblumen, deren Blüten in allen Farben glitzerten, von Moosen, die bei jedem Schritt sanft aufleuchteten, als wollten sie ihren Weg erhellen. Über all dem ragte sie auf: die Regenrose.
Eine einzige, übermannshohe Blume erhob sich aus dem Herzen der Lichtung. Ihr Stängel war von kräftigen Dornen umgeben, die wie kleine Kristalle funkelten. Auf ihm thronte ein gewaltiger Blütenkopf, der wirkte, als schwebe er schwerelos. Die Blätter waren so groß wie Schilde und wechselten in einem unaufhörlichen Farbenspiel – Azur, Purpur, Türkis, Rosa. Nebel quoll aus dem Kelch und zerfiel in feinste Tropfen, die wie Sternenstaub niederrieselten und auf ihrer Haut schmolzen.
Fyrallis trat vor, unwillkürlich. „Die Regenrose…“, hauchte sie. „Ich dachte, sie wäre nur ein Märchen.“
„Manche Märchen“, sagte Itharyon leise, „sind Wahrheiten, die nur auf den Richtigen warten.“
Ein tiefes Summen erhob sich in der Lichtung. Es war keine Stimme, kein Wind, es war die Rose selbst, die sang. Ihr Lied füllte die Luft, ließ Fyrallis’ Herz schneller schlagen, drang in ihre Gedanken. Und da kam das Flüstern, weich und kalt:„Wer bist du, die vor mir steht?“
„Ich bin Fyrallis“, antwortete sie fest. „Geboren aus Licht und Flamme. Auf der Suche nach dem zweiten Stein.“
Die Rose begann heller zu glühen. Das Summen schwoll an, der Kelch öffnete sich, und ein einzelner Tropfen löste sich, schwebte auf sie zu. Er war groß wie eine Perle, von schillerndem Silberblau, und blieb schwebend vor ihrer Brust stehen. Zögernd streckte sie die Hand aus. Der Tropfen senkte sich, kühl und schwer, in ihre Handfläche.
„Der erste Schlüssel…“, murmelte Itharyon, seine Stimme kaum hörbar.
Doch die Rose verstummte nicht. Ihr Leuchten wurde kühler, schärfer, der Nebel um sie dichter. Vor Fyrallis formte sich eine Gestalt – ihr eigenes Spiegelbild, doch dunkler, die Züge schärfer, die Augen glühend vor Zorn. Es streckte die Hand nach dem Tropfen aus.
„Deine Schatten…“, wisperte die Rose. „Gib sie frei.“
Fyrallis’ Atem ging schneller. Sie spürte die Kälte in ihrem Inneren, die Zweifel, die Wut, die sie tief in sich verborgen hatte. Sie wusste: Dies war der Preis. Langsam öffnete sie die Finger, ließ den Tropfen aus ihrer Hand gleiten. Die dunkle Gestalt griff danach und zerbrach in einem Regen aus Licht. Der Tropfen kehrte zurück, schwebte erneut in ihre Hand. Jetzt war sein Glanz reiner, heller.
Die Rose glühte wieder in all ihren Farben. Ihr Lied wurde sanft, wie eine Umarmung.
Fyrallis schloss die Finger um den Schlüssel, atmete tief ein. „Wir haben, was wir brauchen.“
Itharyon nickte. Sein Blick lag noch immer auf der Rose. „Und was jetzt?“
„Jetzt“, sagte Fyrallis leise, während hinter ihnen die Regenrose langsam ihre Blütenblätter schloss, „beginnt die nächste Prüfung.“
Mit einem letzten Blick auf die Lichtung wandten sie sich ab. Der Nebel hüllte die Rose wieder ein, ließ ihr Leuchten nur noch als ferne Ahnung zurück. Still und geheimnisvoll blieb sie zurück und doch voller Versprechen.
Hinter ihnen glomm der Pfad auf, der sie zurück ins Dickicht führte. Und über ihnen flackerte das Licht der Drachenflügel, wie ein ferner, stummer Segen.
Der Wald veränderte sich mit jedem Schritt.
Fyrallis und Itharyon folgten einem schmalen Pfad, der sich immer tiefer in die grüne Dämmerung schraubte. Kein Himmel mehr, nur endlose Kuppeln aus Farnblättern, die hoch über ihnen ineinander wuchsen und das Licht in schimmernde Smaragdsplitter zerbrachen. Die Luft war schwer und süß, durchtränkt vom Duft der riesigen Blüten, während die Stimmen der Insel verstummten. Kein Laut außer dem Wispern ihrer Schritte und dem Herzschlag der Magie, die hier lebendig war.
„Es ist stiller hier“, murmelte Itharyon.
Fyrallis nickte. „Still, aber nicht leer. Hörst du das?“
Da war es: ein Wispern. Leise, kaum mehr als ein Hauch zwischen den Blättern. Worte ohne Stimme, Gedanken, die nicht die ihren waren.
„Komm … näher … wir sehen dich …“
Fyrallis’ Finger glitten an den Rosen-Tropfen in ihrem Beutel. Der Klang war weder feindlich noch freundlich, nur vertraut. „Die Insel spricht wieder“, sagte sie leise.
Goldene Funken schwebten zwischen den Farnen, während sich die Blätter wie atmend bewegten, neue Wege öffneten, alte verschlossen.
„Wir werden geprüft“, flüsterte sie.
„Von Pflanzen?“, fragte Itharyon mit einem schiefen Lächeln, doch seine Augen waren wachsam.
Der Pfad führte in eine Lichtung, erfüllt von schwebendem Staub, der in allen Farben funkelte.
„Sprich … deinen Namen …“
Das Wispern wurde zu tausend Stimmen, die eins waren.
Fyrallis hob den Kopf. „Ich bin Fyrallis. Geboren aus Licht und Flamme.“
Ein Rauschen ging durch den Farn. Die Blätter richteten sich auf, als verneigten sie sich, goldene Pollen rieselten auf ihre Haut.
„Wir … sehen … dich …“
Itharyon öffnete den Mund, wollte sprechen doch Nebel kroch an seinen Armen empor, kühl und dämpfend. Er erstarrte.
„Bleib ruhig“, flüsterte Fyrallis. „Sie prüfen nur dein Herz.“
Der Farn öffnete einen schmalen Weg, gesäumt von Lichtpunkten. Sie folgten ihm, Schritt für Schritt, tiefer hinein in den lebenden Wald.
Der Weg wurde schmaler, die Farnblätter dichter, als wollten sie die beiden nicht mehr fortlassen. Immer wieder schlossen sich die grünen Vorhänge hinter ihnen lautlos.
„Ich habe das Gefühl, als würde er uns beobachten“, murmelte Itharyon.
„Er prüft uns“, entgegnete Fyrallis.
Die Stimmen wurden lauter, wie aus hundert Kehlen:
„Bist du würdig … würdig … würdig …?“
Ein silberner Nebel ergoss sich über den Pfad, kühl und nach Regen duftend. Vor ihnen erhob sich eine Gestalt aus Blättern und Licht, ein Wächter aus der Seele des Waldes selbst, groß, majestätisch, mit glühenden grünen Augen.
„Fyrallis“, sprach er, seine Stimme tief und hallend. „Wirst du die Last tragen?“
Fyrallis trat vor, spürte die feuchte Erde unter ihren Füßen. „Ich werde.“
„Dann tritt ein.“
Der Farn öffnete sich zu einem Kreis ausstrahlendem Grün. In seiner Mitte stand ein Farn, größer als alle anderen, durchsichtig wie Glas, mit einer Kugel aus Licht in seinem Herzen.
Fyrallis ging auf ihn zu. Das Wispern wurde zum Lied, das ihr Herz mit Mut und Melancholie füllte.
„Nimm … uns … mit …“
Sie streckte die Hand aus und berührte das Licht.
Ein Schlag durchfuhr sie. Visionen: Drachenflügel über dem Himmel, Einhörner im Nebel, die Silberbäume Aelorias im Wind. Als sie die Hand zurückzog, lag ein Tropfen in ihrer Handfläche, grün und leuchtend wie Smaragd.
„Der zweite Schlüssel“, hauchte Itharyon ehrfürchtig.
Fyrallis lächelte sanft. „Wir sind auf dem richtigen Weg.“
Das Wispern verstummte, der Farn schloss sich hinter ihnen.
Der Wald trat zurück.
Fyrallis und Itharyon standen wieder auf dem vertrauten Pfad, der hinausführte aus dem Farngewirr. Das Licht war heller, die Luft leichter, als hätte der Wald ihnen seinen Segen gegeben.
Hinter ihnen schlossen sich die Blätter lautlos. Doch das Echo blieb: „Geh weiter … wir wachen … über euch …“
Fyrallis sah auf ihre Hand. Der Tropfen glühte wie lebendiges Smaragdfeuer, pulsierte wie ein Herz.
„Zwei Schlüssel“, sagte Itharyon. „Und doch … fühlt es sich an, als hätten wir kaum begonnen.“
„Weil es so ist“, entgegnete Fyrallis. „Dies ist nur der Anfang.“
Sie drehte sich ein letztes Mal um, verneigte sich vor dem Farnwald. „Danke“, flüsterte sie.
Der Wald schwieg, aber die Stille war wie Zustimmung.
Hand in Hand setzten sie ihren Weg fort. Der Pfad führte hinab in ein Tal, wo Nebel Aufstieg und schon das nächste Rätsel auf sie wartete. Hoch oben zogen die Drachen ihre Kreise, wachsam wie immer.
Fyrallis schloss die Augen, lauschte dem fernen Donnern der Schwingen. „Ich bin bereit“, sagte sie leise.
Und so verschwanden sie zwischen den Hügeln, während das Flüstern des Farnes verklang.
Eine neue Prüfung wartete.
Das Tal öffnete sich vor ihnen wie ein Traum ausleuchtenden Farben und flüsterndem Leben.
Fyrallis und Itharyon traten hinaus auf weichen Boden, der von Moosen und winzigen Blüten bedeckt war. Über ihnen ragten Palmen in den Himmel, ihre riesigen Wedel wie grün schillernde Fächer. In der Luft hing der Duft von süßen, schweren Blüten, und Nebelschwaden glitten träge durch die Wärme.
„Es riecht nach Sommerregen“, murmelte Itharyon.
Fyrallis nickte und atmete tief ein. „Und nach Magie.“
Ein seltsamer Laut ließ sie beide innehalten: ein Mischklang aus Gurren, Schnattern und hellem Pfeifen, der zwischen den Palmen widerhallte.
Da waren sie.
Zuerst nur ein einzelner, dann drei, schließlich ein ganzer Schwarm. Aus dem Nebel tauchten sie auf, flatternd und leuchtend: Vögel, wie sie noch nie welche gesehen hatten.
Ihre Körper waren rundlich wie die einer Ente, doch mit langen, eleganten Hälsen und kräftigen, gebogenen Schnäbeln wie Papageien. Ihr Federkleid war in zartem Rosa gehalten, durchzogen von schillernden Streifen, während einzelne Schwungfedern in leuchtenden Edelsteintönen glommen, als trügen sie Licht in sich.
„Die fremden Vögel“, flüsterte Itharyon.
Sie schwebten in weiten Bögen, ließen sich auf den Palmenzweigen nieder oder watschelten vorsichtig über den Boden, während ihre großen, dunklen Augen die beiden musterten.
Der größte unter ihnen trat vor. Mit einem leisen, melodischen Laut plusterte er sein prachtvolles Federkleid auf, die leuchtenden Federn glühten in Rot, Grün und Gold.
Dann drehte er sich um, watschelte ein paar Schritte ins Dickicht und blieb stehen. Sah sich um, als wollte er sagen: Folgt mir.
Fyrallis tauschte einen Blick mit Itharyon. Dann trat sie vor. „Sie führen uns.“
Und so folgten sie dem Schwarm der rosa Vögel, der immer wieder vor ihnen her flatterte, leise schnatterte und den Weg ins geheimnisvolle Herz des Tals wies.
Der Weg, den die Vögel ihnen wiesen, wurde schmaler, fast unsichtbar, überwachsen von Farn und hohen Gräsern. Die Luft war noch schwerer hier, erfüllt von dem süßen Duft unbekannter Blüten und dem leisen Schimmern der leuchtenden Federn, die der Schwarm auf dem Boden verlor.
Fyrallis hob eine davon auf. Sie glühte in ihrer Hand wie eine winzige Flamme, strahlte in Rosa, Gold und Smaragd.
„Sie sind wie Lichtfänger“, murmelte Itharyon ehrfürchtig. „Als würden sie das Leuchten der Insel tragen.“
Bald öffnete sich der Pfad zu einer kleinen Lichtung, kreisrund und von Palmen gesäumt. In ihrer Mitte wuchs ein niedriger, weicher Teppich aus Moos, auf dem hunderte der Vögel saßen. Ihre Federn schimmerten im Halbdunkel, und das leise Gurren, das sie von sich gaben, klang wie ein Chor aus Sternenstaub.
Der große Vogel schritt vor, seine Augen klug und alt. Mit einer Bewegung seiner Flügel breitete er einen Kreis ausleuchtenden Federn um Fyrallis und Itharyon aus.
„Eine Prüfung“, flüsterte Fyrallis, als das Wispern der Insel wieder in ihrem Geist erklang:„Wirst du unser Lied verstehen?“
Fyrallis kniete sich nieder, schloss die Augen.
Da war es. Das Lied der Vögel.
Zuerst nur Töne, hell und fremd, dann Worte, die sich formten wie Blütenblätter:„Wir sind die Wächter des Windes, die Hüter des Gleichgewichts. Hör uns zu. Lausche dem, was wir bewahren.“
Die Stimmen schwollen an, ein Chor ausleuchtenden Klängen. Bilder fluteten in Fyrallis’ Geist: weiße Einhörner, die durch den Nebel ritten; der grüne Drache mit den blauen Augen, Myrthalion, der schützend seine Schwingen ausbreitete; die Insel selbst, die im Sternenlicht schlief.
Als sie die Augen öffnete, lag vor ihr eine einzelne Feder, größer als alle anderen. Sie leuchtete so hell, dass der ganze Kreis erstrahlte.
„Das nächste Zeichen“, hauchte Itharyon.
Fyrallis griff nach der Feder, spürte ihre Wärme. „Der dritte Schlüssel“, flüsterte sie.
Die Vögel verstummten. Nur ihr leises Gurren klang noch nach, während der Schwarm sich wieder erhob, einer nach dem anderen, und in den Himmel zurückkehrte, bis nur der große Vogel blieb.
Er neigte den Kopf, als wolle er sich verneigen
dann breitete er die Flügel aus und verschwand mit einem leuchtenden Schimmer zwischen den Palmen.
Der Wald wurde wieder still.
Fyrallis stand noch einen Moment im Kreis der Federn, die leuchtende Feder in ihrer Hand. Sie spürte ihr sanftes Pulsieren, als würde darin ein Herz schlagen, das Herz der Vögel, das Herz der Insel.
Itharyon trat neben sie, sein Blick voller Ehrfurcht. „Drei Schlüssel“, sagte er leise. „Und doch … ist das Rätsel nur größer geworden.“
Fyrallis nickte. „Sie haben uns mehr gezeigt, als wir ahnen.“
Die Federn auf dem Boden verloren nach und nach ihr Leuchten, bis sie nur noch blassrosa im Moos lagen. Doch die Luft war noch immer von Magie erfüllt, als wäre etwas in ihnen zurückgeblieben, etwas Lebendiges.
„Wohin jetzt?“, fragte Itharyon schließlich.
Fyrallis sah auf die Feder in ihrer Hand. „Wohin der Wind uns trägt“, antwortete sie ruhig.
Sie verließ den Kreis, der Farn bog sich zur Seite, als wollte er ihnen den Weg zeigen. Hand in Hand schritten sie hinaus aus der Lichtung, zurück auf den schmalen Pfad, der tiefer ins Tal führte.
Über ihnen zogen die Vögel in einem großen Schwarm ihre Bahnen, ihr leuchtendes Rosa glühte wie Abendwolken im letzten Licht der Sonne. Immer wieder schien es, als blickten sie zu den beiden herab, wachsam, beschützend.
Fyrallis drehte sich noch einmal um, blickte zurück zu der Lichtung. Dort, wo eben noch der große Vogel gestanden hatte, schwebte ein letzter Hauch von goldenem Licht dann war er verschwunden.
„Danke“, flüsterte sie.
Der Wind setzte ein, kühl und süß wie der Atem der Insel. In der Ferne, hinter den Hügeln, schien das nächste Geheimnis schon zu warten.
Fyrallis schloss die Finger um die Feder, atmete tief ein und lächelte.
„Ich bin bereit“, sagte sie leise.
Und so verschwanden sie zwischen den Palmen, während über ihnen das Lied der Vögel verklang.
Eine neue Etappe begann.
Der Himmel über Itharyon glühte wie eine blutrote Glut, als die Sonne hinter den schroffen Zinnen der Felsen versank. Die Luft vibrierte vor Erwartung, jede Brise trug das Prickeln eines nahenden Sturms. Fyrallis spürte, wie jeder Atemzug schwer auf ihrer Zunge lag, elektrisch, wie geladen von der uralten Magie, die die Höhlen erfüllte.
Sie stand am Rand der gewaltigen Drachenhöhle, deren schwarzer Schlund sich tief in den Felsen grub, und starrte in die Dunkelheit, die vor ihr gähnte wie das Maul eines schlafenden Riesen.
Neben ihr verharrte Arian, sein Blick so wachsam wie der ihre. Seine Züge waren von einem düsteren Ernst gezeichnet, seine Hand lag lauernd am Griff seines Dolches nicht aus Furcht, sondern aus Demut vor der Macht, die dort drinnen schlief.
Die Höhlenwände waren von Runen überzogen, die im Zwielicht wie flüssiges Gold aufglommen, pulsierend, als atmeten sie selbst. Ein Duft von Rauch und Ozon lag in der Luft, scharf und lebendig, wie die Vorboten eines Gewitters. Über ihren Köpfen hallte ein ferner Donnerschlag zwischen den Gipfeln wider, als würde der Himmel selbst die uralte Magie bezeugen, die hier wiedererwachte.
„Das ist es“, flüsterte Arian schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Heute Nacht … wird er erwachen.“
Fyrallis legte ihre Hand auf den Kristall an ihrer Brust. Er glühte heiß, sein Puls schoss in ihre Finger, bis hinauf in die Schultern stärker als je zuvor. Seit Tagen schon harrten sie hier aus, den uralten Ritualen der Drachenhüter folgend: jede Nacht die Runen nachgezogen, Opfergaben ausglühenden Kohlen dargebracht, Verse gemurmelt, die älter waren als die Berge selbst.
Doch in dieser Nacht war etwas anders. Etwas … lauerte.
Aus den Schatten der Höhle lösten sich plötzlich zwei weitere Gestalten. Fyrallis’ Atem stockte, als die beiden Drachen sichtbar wurden: einer schimmerte in einem tiefen Smaragdgrün, doch seine Schuppen waren von einem zarten Rosa durchzogen, wie schimmernde Rosenblätter inmitten des Waldes. Seine Augen waren klar wie der Himmel, blau wie Eis, durchdringend und zugleich sanft. Der andere war von leuchtendem Gelb, seine Schuppen wie geschliffene Peridote, von einem geheimnisvollen Schimmer überzogen. In seinen roten Augen flackerte etwas Wildes, Ungezähmtes.
Die beiden Drachen standen reglos, und doch war ihre Präsenz gewaltig, überwältigend, fast wie ein stiller Sturm. Sie hatten sich am Rand der Kammer niedergelassen, und während ihrer Augen auf Fyrallis ruhten, regten sich kaum ihre Schwingen. Der grüne mit den rosa Schuppen senkte den Kopf minimal, als wolle er sie willkommen heißen. Der gelbe neigte nur leicht den Blick, musterte sie mit unergründlicher Miene.
Fyrallis spürte das Gewicht ihres Blicks wie eine Last auf ihren Schultern, aber auch eine seltsame Wärme in ihrem Herzen. Sie waren gekommen. Um Zeugen zu sein.
Plötzlich begann der Boden zu beben. Ein Donnern, so tief, dass es ihr Mark erschütterte, rollte aus der Dunkelheit der Höhle. Staub rieselte von der Decke, die Runen flackerten auf, gleißend, als wollten sie die Nacht mit ihrem Feuer vertreiben.
Ein weiteres Beben folgte, heftiger diesmal, und Fyrallis musste sich an der Wand abstützen. Arian stellte sich schützend vor sie und blieb dann stehen, als eine Silhouette in der Schwärze sichtbar wurde.
Ein Fauchen zerriss die Stille, schneidend und ohrenbetäubend. Zwei Augen glühten aus der Dunkelheit auf wie geschmolzenes Gold, uralt, wissend, unergründlich. „Tharion …“ Fyrallis hauchte den Namen, doch das Wort hallte durch die Halle wie ein Zauber, der den Raum selbst durchdrang.
Langsam löste sich eine gewaltige Gestalt aus der Finsternis. Seine Schuppen glühten wie glühende Kohlen, sein Atem brachte die Hitze der Erde mit sich. Mit einem gewaltigen Schlag breitete er die Flügel aus, und ein Sturmstoß aus Funken und Asche wirbelte durch die Höhle.
