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Exzellent – das ist er im wahrsten Sinne des Wortes: einzigartig, schlagfertig und natürlich auch unangenehm schlagfähig. Wer ihn unterschätzt, hat schon verloren. Sein Regenschirm ist nicht nur sein Markenzeichen, sondern auch die beste Waffe der Welt. Seinem Charisma, Witz und Charme kann keiner widerstehen. Der exzellente Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Butler Parker hielt den recht eigenartigen Humor dieser vier Männer für völlig unangebracht. Schließlich war es Mittag, und um diese Zeit trug man nach Parkers Ansicht keine falschen Bärte und rote Pappnasen. Die so kostümierten und verunstalteten Männer kamen sehr schnell aus dem Portal der Bankfiliale und trugen nicht nur vollgefüllte, große Taschen aus Segeltuch, sondern auch Maschinenpistolen. Sie liefen auf einen parkenden Wagen zu und genierten sich nicht, nach allen Seiten zu schießen. Parker, der seine Bankauszüge kontrollieren wollte, kannte das augenblickliche Datum sehr genau. Da der Thanksgiving-Day erst in einigen Monaten zu erwarten war, mußte es sich, so schloß er messerscharf, um einen Bankraub handeln. Er stand den vier Männern im Weg, doch er wollte nicht weiter stören. Im Bestreben, das Feld zu räumen, lief Parker den vier kostümierten Gangstern direkt in die Arme. Er wußte sich im Moment nicht anders zu helfen, als höflich seine schwarze Melone zu lüften und zu grüßen. Er glich einem alten, leicht verwirrten Mann, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat. Vielleicht rettete Parker damit sein Leben. Die vier Gangster stießen ihn zwar zur Seite, doch sie schossen nicht auf ihn. Es war aber auch ein zu komisches Bild: Butler Parker übersah die drohend auf ihn gerichteten Maschinenpistolen und deutete nun sogar eine Verbeugung an. Dennoch konnte er es nicht verhindern, mit einem der vier Gangster zu kollidieren. Ein heftiger Stoß schleuderte ihn zur Seite. Parker verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden und rettete damit zum zweiten Mal sein Leben. Denn kaum lag er flach auf dem Pflaster, da peitschten die ersten Schüsse los. Zwei Angestellte der Bank standen im Portal neben den imitierten griechischen Säulen. Sie schossen aus allen Rohren, und zwar sehr schlecht. Die Gangster hüpften ungeniert in den bereits anfahrenden Ford und hielten es nicht mehr für nötig, die Schüsse zu beantworten.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Butler Parker hielt den recht eigenartigen Humor dieser vier Männer für völlig unangebracht. Schließlich war es Mittag, und um diese Zeit trug man nach Parkers Ansicht keine falschen Bärte und rote Pappnasen. Die so kostümierten und verunstalteten Männer kamen sehr schnell aus dem Portal der Bankfiliale und trugen nicht nur vollgefüllte, große Taschen aus Segeltuch, sondern auch Maschinenpistolen. Sie liefen auf einen parkenden Wagen zu und genierten sich nicht, nach allen Seiten zu schießen.
Parker, der seine Bankauszüge kontrollieren wollte, kannte das augenblickliche Datum sehr genau. Da der Thanksgiving-Day erst in einigen Monaten zu erwarten war, mußte es sich, so schloß er messerscharf, um einen Bankraub handeln.
Er stand den vier Männern im Weg, doch er wollte nicht weiter stören. Im Bestreben, das Feld zu räumen, lief Parker den vier kostümierten Gangstern direkt in die Arme. Er wußte sich im Moment nicht anders zu helfen, als höflich seine schwarze Melone zu lüften und zu grüßen. Er glich einem alten, leicht verwirrten Mann, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat.
Vielleicht rettete Parker damit sein Leben. Die vier Gangster stießen ihn zwar zur Seite, doch sie schossen nicht auf ihn. Es war aber auch ein zu komisches Bild: Butler Parker übersah die drohend auf ihn gerichteten Maschinenpistolen und deutete nun sogar eine Verbeugung an.
Dennoch konnte er es nicht verhindern, mit einem der vier Gangster zu kollidieren. Ein heftiger Stoß schleuderte ihn zur Seite. Parker verlor das Gleichgewicht, fiel zu Boden und rettete damit zum zweiten Mal sein Leben. Denn kaum lag er flach auf dem Pflaster, da peitschten die ersten Schüsse los. Zwei Angestellte der Bank standen im Portal neben den imitierten griechischen Säulen. Sie schossen aus allen Rohren, und zwar sehr schlecht.
Die Gangster hüpften ungeniert in den bereits anfahrenden Ford und hielten es nicht mehr für nötig, die Schüsse zu beantworten. Der ganze Spuk dauerte nur wenige Sekunden, so schnell arbeiteten die Gangster. Als Parker sich vom Pflaster erhob, mißbilligend den Kopf schüttelte, da war der Stationswagen bereits hinter der nächsten Straßenbiegung verschwunden.
Einige weibliche Passanten fielen erst jetzt in Ohnmacht, oder stießen grelle, spitze Schreie aus. Die beiden Bankangestellten ließen sich als Helden feiern. Männliche Besucher der Bank fanden es an der Zeit, ihr Leben für die Allgemeinheit zu opfern. Aus Mangel an Gelegenheit verzichteten sie dann allerdings darauf. Die Polizei, schnell und bestens informiert wie immer, schickte bereits einige jaulende Streifenwagen auf die Reise. Dieser ganze Überfall erinnerte lebhaft an einen Operettenulk, wenn die beiden erschossenen Bankangestellten im Schalterraum nicht gewesen wären. Sie nämlich erinnerten an die harte, grausame Wirklichkeit. Die »Rotnasen« hatten wieder einmal zugeschlagen wie so oft in den vergangenen Wochen. Jene vier Gangster also, die stets mit falschen Rauschebärten und roten Pappnasen auftauchten und ihren Spitznamen von der Presse erhalten hatten. Doch das hatte sich inzwischen längst herausgestellt, die »Rotnasen« waren hartgesottene Gangster, die keine Rücksicht kannten und gnadenlos schossen, wenn ihnen Widerstand geleistet wurde …
*
»Mich wundert es nicht, daß Sie mal wieder Augenzeuge eines Verbrechens wurden«, sagte Strafverteidiger Mike Rander, der junge Herr Josuah Parkers. Er hatte sich den Bericht seines Butlers gerade angehört und schüttelte in komischer Verzweiflung den Kopf. Sie befanden sich in dem großen Arbeitszimmer des Penthouse, hoch über den Dächern von Chikago. Von dem riesigen, breiten Fenster aus ging der Blick über den Michigan-See.
»Nach meinen Informationen erbeuteten die vier Gangster insgesamt 86000 Dollar, Sir, wenn ich mir diesen Hinweis gestatten darf.«
»Das ist bereits der dritte Raub in diesem Monat«, meinte Rander, ein sympathisch aussehender Mann von etwa 38 Jahren. Den erfolgreichen Anwalt sah man ihm nicht an, er glich mehr einem durchtrainierten Sportsmann, was seine Figur betraf. Vom Gesicht mit den braunen Augen und der hohen Stirn war durchaus zu vermuten, daß er Lehrer an einer Hochschule war.
»Nach meiner privaten Statistik, Sir, raubten die ›Rotnasen‹ bisher insgesamt 281000 Dollar. Und zwar in einem Zeitraum von genau sieben Wochen. Bis auf eine Ausnahme bevorzugten sie bei ihren Besuchen Bankfilialen in den Außenbezirken der Stadt.«
»Ihr Interesse kommt mir verdammt verdächtig vor, Parker«, wehrte Mike Rander ab. Er kannte schließlich die Leidenschaft seines Butlers, Verbrechen aufzuklären und Gangster zu jagen.
»Die Behörden waren bisher leider nicht in der Lage, die ›Rotnasen‹ in ihrer Arbeit zu hemmen, Sir. Ich gebe zu bedenken, daß bisher vier Personen erschossen und zwei Personen lebensgefährlich verletzt wurden. Von den Leichtverwundeten ganz zu schweigen. Das dürfte für die Brutalität und Rücksichtslosigkeit dieser vier Gangster sprechen.«
»Parker, geben Sie sich keine Mühe, ich werde nicht anbeißen«, knurrte Mike Rander, der sich jedoch bereits in die Verteidigung gedrängt fühlte.
»Ich versage es mir, Sir, von der ausgesetzten Belohnung zu sprechen«, haspelte Josuah Parker seinen Fäden hartnäckig weiter herunter. »Die einzelnen Belohnungen der geschädigten Banken, sowie der Staatsbehörde betragen insgesamt 10 000 Dollar.«
»Parker, wir sollten zur Tagesordnung übergehen«, schlug Mike Rander vor. »Ich möchte meinen Kaffee haben. Heute abend bekomme ich Besuch. Zwei meiner Klienten wollen Verträge mit mir durchsprechen.«
»Sir, Sie können sich auf mich verlassen«, antwortete Josuah Parker würdevoll. »Wenn Sie gestatten, komme ich noch einmal auf die ›Rotnasen‹ zurück.«
»Ich gestatte es nicht, Parker! Das ist mein letztes Wort. Persönlich sind wir überhaupt nicht angesprochen, wir werden uns diesmal heraushalten.«
»Sir, ich widerspreche nur sehr ungern«, entgegnete Josuah Parker, »Tatsache ist jedoch, daß ich mir bereits die Freiheit nahm, mich persönlich sehr stark zu engagieren.«
»Was soll denn das schon wieder heißen?«
»Als ich mit einer der Rotnasen zusammenstieß, Sir, hatte ich das Unglück, beim schnellen Losreißen eine Anstecknadel des betreffenden Gangsters …«
»… mitzunehmen, vornehm ausgedrückt«, unterbrach Mike Rander seinen Butler. »Sie brauchen sich gar nicht so gewunden auszudrücken. Ich kenne doch Ihre Geschicklichkeit. Wenn es sein muß, beschämen Sie einen ausgelernten Taschendieb.«
»Sir, Sie schmeicheln meinen bescheidenen Fähigkeiten«, antwortete Parker leicht verschämt. »Wenn ich Ihnen diese Anstecknadel vielleicht einmal zeigen darf?«
»Ausgeschlossen, versuchen Sie es erst gar nicht, Parker.« Mike Rander war fest entschlossen, nicht anzubeißen. »Ich will mit dieser Geschichte nichts zu tun haben. Ich werde Ihnen aber einen guten Rat geben. Werfen Sie diese Anstecknadel schleunigst in den Müllschlucker, sonst werden Sie eines Tages noch sehr viel Ärger haben. Oder noch besser, senden Sie sie anonym an die Polizei. Sie wird dafür bezahlt, die ›Rotnasen‹ zu erwischen.«
»Ich bedanke mich in aller Form für diesen Hinweis«, sagte Josuah Parker. »Allein der Name dieser Anstecknadel wird bei der Polizei eine Sensation hervorrufen.«
»Wie bitte?« erkundigte Mike Rander sich gegen seinen Willen, doch sofort danach merkte er bereits, daß er sich schon viel zu sehr interessierte. Unwillkürlich lachte er leise auf. Er war wieder einmal auf einen echten Parker-Trick hereingefallen.
»Ich sprach in aller Zurückhaltung und Bescheidenheit von der bewußten Anstecknadel, Sir.«
»Dann sagen Sie schon endlich, was auf ihr steht.«
»Wenn Sie sich vielleicht selbst vergewissern wollen, Sir?« Josuah Parker griff hinter sich und zog ein kleines silbernes Tablett von einem Anrichtetisch. Darauf lag die Nadel, ein Zeichen, daß Parker sicher gewesen war, sie seinem jungen Herrn zeigen zu können.
Mike Rander verlor seine Abwehrbereitschaft. Er hob die kleine, ovale Nadel hoch und hielt sie gegen das Licht. Die Nadel bestand aus Silber, der ovale Kopf aus Goldblech mit einem kobaltblauen Emailüberzug. Das geschwungene dunkelrote Schriftband darauf lautete: St. John’s Junior Club.
»Donnerwetter«, bemerkte der Anwalt und pfiff leise. »St. John’s Junior Club, das klingt sehr exclusiv, ist es ja schließlich auch.«
»Wenn Sie es wünschen, Sir, kann ich Ihnen mit wenigen Worten einige Tatsachen über diesen Club berichten.«
»Schön, ich kenne ihn zwar, bin aber gespannt, was Sie dazu zu sagen haben.« Rander lächelte verschmitzt.
»Dieser sogenannte ›St. John’s Club‹, Sir, ist in der Wahl seiner Mitglieder sehr vorsichtig. Nur die sogenannten Spitzen der Gesellschaft werden nach längerer Wartezeit und nach Stellung zweier Bürgen in einem speziellen Rituell aufgenommen. Der Beitrag ist enorm hoch und sichert so allein schon die Sonderstellung. Das Clubhaus befindet sich in unser unmittelbaren Nachbarschaft. Neben den Senioren gibt es auch Junioren, die sich in einem gesonderten Club treffen. Hier handelt es sich zumindest um die Töchter und Söhne der Mitglieder. Nachteiliges wurde bisher nicht bekannt. Der St. John’s Club legt keinen Wert auf Publicity.«
»Stimmt genau, Parker. Um so mehr wundert es mich, daß eine der Rotnasen diese Nadel trug.«
»Das, Sir, war geeignet, mein Interesse zu wecken.«
»Es wird sich natürlich um eine verlorengegangene Nadel handeln, anders kann ich mir das nicht vorstellen.« Mike Rander sprach immer leiser und stellte sich vor das große Fenster. »Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht ausgeschlossen, daß irgendein Junior des Clubs zum Verbrecher geworden ist.«
»So deutlich, Sir, wagte ich es nicht auszudrücken«, warf Parker respektvoll ein. »Könnte man nicht diskrete Ermittlungen einziehen, bevor ich die Anstecknadel der Polizei übersende?«
Mike Rander wandte sich um, grinste niederträchtig.
»Der Angelhaken sitzt bereits«, sagte er dann. »Wir werden dieser Sache mal so nebenbei nachgehen, Parker. Es trifft sich wunderbar, daß einer meiner Gäste heute abend dem St. John’s Club angehört.«
»Auf diese Tatsache wollte ich Sie gerade aufmerksam machen, Sir.«
»Sie haben schon gründliche Vorarbeit geleistet, Parker.«
»Wenn Sie es wünschen, kann ich bereits mit einer vollständigen Mitgliederliste aufwarten, Sir. Sie betrifft allerdings vorerst die Senioren.«
»Wie, zum Henker, sind Sie denn an dieses Staatsgeheimnis geraten?«
»Ich möchte weder ungezogen noch unhöflich sein, Sir, bitte jedoch, mir die Antwort vorerst zu erlassen.«
»Genehmigt«, erwiderte Mike Rander. »Aber wenn schon, denn schon. Besorgen Sie auch die Mitgliederliste der Junioren.«
»Sie wird für mich gerade angefertigt und kopiert, Sir. Ich denke, daß ich sie bereits in wenigen Stunden in Besitz haben werde.«
Parker verbeugte sich und verließ das Arbeitszimmer des Anwalts. Mike Rander starrte auf die ovale Anstecknadel und schüttelte zweifelnd den Kopf.
Ob das hier wirklich eine brauchbare Spur war …?
*
Ein seltsames, hochbeiniges Fahrzeug rollte durch Chikagos Straßen. Es handelte sich um ein ehemaliges Londoner Taxicab, an dem selbst mit einer Lupe keine einzige abgerundete Ecke zu entdecken gewesen wäre.
Dieser Wagen machte einen jämmerlichen Eindruck. Passanten glaubten schnaufende und asthmatische Geräusche des Motors zu vernehmen, doch das war reine Einbildung. Sie konnten schließlich nicht wissen, daß sich unter der eckigen Motorhaube ein äußerst gepflegter Rennmotor befand, der zu Höchstleistungen fähig war.
Der Wagenaufbau verbarg zudem die supermoderne technische Einrichtung. Dieser Wagen, den man nur als ein Monstrum bezeichnen konnte, war nichts anderes als eine Tarnung. Butler Parker bevorzugte solche technischen Spielereien.
Steif wie ein hoher Würdenträger saß er am Steuer. Seine schwarze, stahlgefütterte Melone saß untadelig auf seinem Kopf. Das glattrasierte Pokergesicht mit den großen Augen zeigte keine Regung. Korrekt war der Sitz des schneeweißen Eckkragens, fleckenlos sein Covercoat. Die nervigen Hände Parkers staken in schwarzen Handschuhen. Der obligate Universal-Regenschirm mit seinen diversen Überraschungen hing am gewohnten Platz neben dem Fahrer.
Der Butler ignorierte das Grienen und Grinsen seiner Mitmenschen. Er übersah das ängstliche Ausweichen der überholenden Wagen. Ihn interessierte einzig und allein sein Ziel. Vor dem grauen und massigen Bau des St. John’s Club verringerte er die Fahrt seines hochbeinigen Monstrums und bog in das Grundstück ein. Da er als privater Besucher kam, fuhr er um den großen Gebäudekomplex herum und hatte Zeit und Gelegenheit, die ausgesuchten Häßlichkeiten des Clubs zu bewundern. Das Haus stammte wohl noch aus der Zeit der Jahrhundertwende. Die Zahl der Kamine auf dem winkligen Dach war nur abzuschätzen. Der Architekt hatte keine Chance versäumt, immer noch einen zusätzlichen Erker oder Turm anzubringen.
Josuah Parker wurde erwartet. Er hatte sich telefonisch angesagt. Er ließ sein Monstrum, auf dem Parkplatz für Lieferanten stehen und klingelte am Hintereingang.
Ein Clubdiener öffnete. Als er Butler Parker sah, zuckte er diensteifrig zusammen und verbeugte sich. Erst dann ging ihm auf, daß er ja den Eingang für Lieferanten und Dienstboten geöffnet hatte. Entsprechend knurrig fiel danach seine Frage aus.
»Mr. Senfton erwartet mich«, antwortete Parker würdevoll.
»Jetzt, um diese Zeit?«
»In der Tat, junger Freund, wollen Sie mich bitte anmelden. Mein Name ist Parker, Josuah Parker, um korrekt zu sein.«
»In welcher Angelegenheit …«
Parker ließ den Clubdiener nicht ausreden. Ein Blick aus seinen kühlen Augen reichte vollkommen aus, um den Clubdiener in sich zusammenfallen zu lassen. Der Mann verzichtete darauf, seine Frage zu vervollständigen. Er nahm die Beine in die Hand und verschwand im Innern des Hauses.
Josuah Parker haßte es, vor offenen Türen zu stehen. Um seinen Besuch zudem abzukürzen, genierte er sich nicht, mit der größten Selbstverständlichkeit das Haus zu betreten. Mit fein ausgebildetem Instinkt fand er den richtigen Weg. Das lag zum Teil wohl auch daran, daß er in jungen Jahren in ähnlichen Clubs als Butler gearbeitet hatte.
Im Lichthof neben der Küche kam der Clubdiener ihm schon wieder entgegen. Obwohl, er’s nicht wollte, verbeugte er sich vor Parker.
»Mr. Senfton ist nicht zum Dienst erschienen, Sir«, meldete er diensteifrig.
»Sein Dienstzimmer ist leer.«
»Wurde Mr. Senfton angerufen?«
»Äh, das nicht, er …!«
»Ich rege an, diesen Anruf nachzuholen«, meinte Parker fast freundlich. »Mr. Senfton wurde vielleicht von einem Unwohlsein befallen.«
»Wenn Sie bitte ins Sekretariat mitkommen wollen, Sir …!«
»Eine gute Idee, junger Freund, Sie machen Fortschritte.« Parker zwinkerte andeutungsweise und folgte dem Clubdiener in das Sekretariat. Der Clubdiener beeilte sich, Parkers Anregung in die Tat umzusetzen. Er wählte die Nummer von Senftons Wohnung, ließ mehrfach durchläuten und legte den Hörer schließlich enttäuscht in die Gabel.
»Er meldet sich nicht, Sir«, fügte er überflüssigerweise hinzu.
»Geben Sie mir seine Privatadresse.«
Der junge Freund stand im Banne Parkers. Nur so war es zu erklären, daß er Senftons Privatadresse tatsächlich nannte. Sein Kratzfuß war direkt klassisch, als Parker sich am Eingang mit einem Kopfnicken verabschiedete.
*
»Ulkiger Bursche, was, Norman?« meinte ein junger Mann von etwa 25 Jahren, der nachlässig, dennoch aber teuer gekleidet war. Er stand plötzlich neben dem Clubdiener Norman und grinste dem hochbeinigen Monstrum Parkers nach. »Wer war denn das?«
»Den Namen habe ich vergessen, Sir«, entschuldigte sich Norman Aldine. »Er wollte zu Senfton.«
»Zu unserem Haus- und Hofmeister?« spöttelte der junge Mann, der sich Gerald Thorne nannte. Nachlässig zündete er sich eine Zigarette an und schüttelte dankend den Kopf, als Norman Aldine ihm Feuer reichen wollte. Thorne ging in das Haus und schien diesen kleinen Zwischenfall bereits vergessen zu haben. In Wirklichkeit aber prägte er sich das Kennzeichen von Parkers hochbeinigem Monstrum sehr genau ein. Um es nur ja nicht zu vergessen, notierte er sich später sogar die Nummer. Bei seinem Namen konnte es keine Schwierigkeiten bedeuten, den Eigentümer des Wagens ausfindig zu machen. Die Thornes gehörten schließlich zum Geldclan dieser großen Stadt Chikago. Ihre Wünsche waren fast so etwas wie ein Gesetz.
Josuah Parker wußte davon nichts. Er hatte den jungen Mann noch nicht einmal gesehen. Der Butler beeilte sich, in die Walton Street zu gelangen. Da sein Bekannter Senfton sich nicht gemeldet hatte, stiegen in ihm einige drückende Sorgen hoch.
Harold Senfton, der Butler des St. John’s Club, wohnte in einem Apartment-Hotel. An der Rezeption erfuhr Parker Etage und Nummer des Apartments. Ein Lift brachte ihn hinauf in den vierten Stock. Auf sein Klingelzeichen rührte sich nichts hinter der Tür.
Josuah Parker ließ sich von solchen Kleinigkeiten niemals aufhalten. Er griff in eine seiner unergründlichen Manteltaschen und suchte einen passenden Spezialöffner. Ohne groß Maß zu nehmen, öffnete er das Schloß innerhalb von 30 Sekunden. Ein gewerbsmäßiger Einbrecher hätte Parker bestürmt, bei ihm noch einmal in die Lehre gehen zu dürfen.
Mit der Spitze seines Universal-Regenschirms stieß Parker die Tür zum Wohnraum auf. Er blieb im Türspalt stehen und registrierte die Einzelheiten. Er zuckte mit keiner Wimper, als er den ermordeten Harold Senfton neben einem schweren Ledersessel ausmachte.
Daß Senfton tot war, unterlag keinem Zweifel. Das Messer in seiner Brust redete eine sehr deutliche Sprache …!
*
