Gangsterswing in New York - Ray Celestin - E-Book
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Gangsterswing in New York E-Book

Ray Celestin

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Beschreibung

New York 1947. Gabriel, der Manager des berüchtigten Copacabana-Clubs, plant seit Jahren seinen Ausbruch aus dem unerbittlichen Griff der Mafia. Er will seinen eigenen Tod vortäuschen und nach Mexiko verschwinden. Doch zehn Tage vor seiner geplanten Flucht stellt Mafiaboss Costello ihm eine schier unmögliche Aufgabe: Entweder Gabriel spürt zwei Millionen Dollar wieder auf, die dem Herrscher der Unterwelt gestohlen wurden, oder er wird bis an sein Lebensende gejagt. Auch Privatdetektivin Ida kommt nach New York, um ihrem ehemaligen Partner Michael Talbot zu helfen: Sein Sohn Thomas wurde wegen eines brutalen Vierfachmordes angeklagt. Ida und Michael wissen, dass Thomas unschuldig sein muss, doch offenbar verschweigt er ihnen etwas …

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meine Tanten – Georgia, Maria, Marina, Panayiota, Sofia, Voula und Marie

Aus dem Englischen von Elvira Willems

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© Ray Celestin 2019Titel der englischen Originalausgabe:»The Mobster’s Lament«, Mantle, an Imprint of Pan McMillan, London 2019© der deutschsprachigen Ausgabe:Piper Verlag GmbH, München 2020Redaktion: Kerstin von DobschützCovergestaltung: FAVORITBUERO, München nach einem Entwurf von Joanna Thompson, Pan Macmillan Art Department

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

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Inhalt

Cover & Impressum

Teil 1

November 1947

1

2

3

Teil 2

4

5

Teil 3

6

7

8

Teil 4

9

10

11

Teil 5

12

13

Teil 6

14

Teil 7

15

16

17

Teil 8

18

Teil 9

19

20

21

Teil 10

22

23

24

25

Teil 11

26

27

28

29

Teil 12

30

31

Teil 13

32

33

Teil 14

34

35

36

37

38

Teil 15

39

40

41

Teil 16

42

Teil 17

43

44

45

Teil 18

46

47

48

49

Teil 19

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

Teil 20

62

63

64

Nachwort

Personenverzeichnis

Zitat

»Soll ich Ihnen ein Bild malen, das Ihnen eine Vorstellung von meinem Leben vermittelt? Ein Mensch sitzt auf einer ihm unbekannten Straße am Lenkrad eines Wagens. Er kann den Wagen nicht anhalten. Was auf der Fahrt an ihm vorüberzieht, ist unerwartet, neu und ganz anders als die Reise, die er eigentlich unternehmen wollte. Mit Entsetzen begreift der Mann, der am Steuer seines eigenen Wagens sitzt, dass die Bremsen nicht funktionieren.«

Frank Costello, Mafioso

Zeitungsbericht

Sunday News

~ New York’s Picture Newspaper ~

City Edition Final

Sonntag, 3. August 1947

Lokalnachrichten

Haus des Grauens in Harlem

 

Vier Menschen in Absteige in Uptown Manhattan getötet

Schwarzer Veteran am Tatort verhaftet

Brutale Ermordung steht im Zusammenhang mit Voodoo

Leonard Sears – Leitender Kriminalreporter

 

Manhattan, 2. August – Nach einer Mordserie am späten Freitagabend in einem Hotel an der West 141st Street wurde Thomas James Talbot, 35, Mitarbeiter im New York City Hospital, heute Morgen des vorsätzlichen Mordes in vier Fällen angeklagt. Die Polizeibeamten, die aufgrund einer Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung herbeigeeilt waren, erwartete ein Blutbad. Überall im Hotel lagen Leichen. In einem Raum im hinteren Teil des Gebäudes entdeckten sie den blutüberströmten Talbot, der Geld und Drogen in den Händen hielt, die er seinen Opfern gestohlen hatte. Talbot, Dauergast des Hotels, floh vom Tatort, wurde aber nach kurzer Verfolgungsjagd festgenommen.

»Der grausamste Tatort, den ich je gesehen habe.«

Alle vier Opfer waren erstochen, einigen war die Kehle durchgeschnitten worden, andere waren verstümmelt worden und hatten aufgeschlitzte Bäuche. Auch im Empfangsbereich, in einem Korridor und in zwei Gästezimmern wurden Leichen gefunden. Police Captain John Rouse beschrieb den Tatort als »den grausamsten, an den ich in über dreißig Jahren als Polizeibeamter je gerufen wurde. Alle Opfer waren brutal angegriffen und kaltblütig ermordet worden.« Das Tatwerkzeug, vermutlich ein Messer mit langer Klinge, zum Beispiel eine Machete, wurde noch nicht gefunden.

Voodoo-Utensilien

Talbot, Veteran des Zweiten Weltkriegs, der im Pazifikkrieg gedient hat, hatte seit einigen Wochen in der obersten Etage des Hotels ein Zimmer gemietet. Eine Durchsuchung seines Zimmers förderte unter seinen Besitztümern zahlreiche Gegenstände mit Verbindung zu Voodoo-Ritualen zutage – Amulette, Talismane, Knochen zum Wahrsagen, Schädel und Gewänder. Es wurden auch Flaschen mit bislang noch nicht identifizierten Flüssigkeiten gefunden und religiöse Gegenstände von den Pazifischen Inseln. Ähnliche Objekte fanden sich in einem Zimmer im zweiten Stock, wo zwei der Toten gefunden wurden, zusammen mit Literatur über den Temple of Tranquility – einen Voodoo-Kult in Harlem. Es bleibt zu klären, ob die Morde Teil eines Voodoo-Opferrituals waren oder ob Talbot und die anderen Anhänger des Kults, die ebenfalls in dem schäbigen Hotel lebten, einen Streit hatten, der tragisch ausging. Am Ende des Abends war Talbot der einzige Bewohner des Hotels, der noch lebte.

Vermisster Frachtarbeiter am Tatort gefunden

Unter den Toten war auch ein Weißer, Arno Bucek, 25. Bucek war vor sechs Wochen von seinen Eltern als vermisst gemeldet worden. In dem Zimmer, wo Buceks Leiche aufgefunden wurde, war die Polizei auch auf Talbot gestoßen. Man geht davon aus, dass Talbot versucht hat, aus Buceks Zimmer Rauschgift und Geld zu stehlen, als die Polizei eintraf. Noch ist nicht geklärt, was der heroinabhängige Bucek in einer schwarzen Absteige gemacht hat und wo er sich die sechs Wochen zwischen seinem Verschwinden und seinem Tod aufgehalten hat. Noch hat die Polizei die Theorie nicht ausgeschlossen, er könnte zum Zwecke ritueller Folterungen gefangen gehalten worden sein.

Erscheinen vor Gericht

Talbot erschien ungerührt und verwahrlost bei dem Vorführungstermin beim Untersuchungsrichter vor dem Strafgericht in Manhattan. Der stellvertretende Staatsanwalt Russell Patterson erhob Anklage wegen mehrfachen vorsätzlichen Mordes, und für die erste Anhörung zu den Beschuldigungen wurde ein Termin am 11. August festgesetzt.

 

Talbot erhob keine Einrede. Er kam zurück in Untersuchungshaft und wurde auf Rikers Island verbracht.

Liste der Opfer

Es folgt eine Liste der am Tatort aufgefundenen Opfer:

Arno Bucek, 25, aufgefunden im Erdgeschoss. Getötet durch mehrere Schnittwunden im Leib.Lucius Powell, 29, aufgefunden im Flur des zweiten Stocks, vermutlich Mitglied des Temple of Tranquility, getötet durch mehrere Schnittwunden im Leib.Alfonso Powell, 32, aufgefunden im zweiten Stock, Bruder von Lucius, vermutlich Mitglied des Temple, getötet durch einen einzigen Schnitt durch die Kehle.Diana Hollis, 45, aufgefunden im Empfangsbereich des Hotels. Miss Hollis war Hotelangestellte, ihre Verletzungen wurden von Captain Rouse als »besonders brutal« bezeichnet.

 

Weitere Berichte über dieses Verbrechen sowie mehr Fotos des grausamen Tatorts auf Seite 4.

 

Teil 1

November 1947

»Als Schlüssel zu den operationellen Problemen, mit denen die Behörden konfrontiert sind, muss man sich nur ansehen, wie vielschichtig das Leben auf der Insel Manhattan ist. Zwei Millionen Bewohner unterschiedlichster Herkunft, Ethnie, Religion und Hautfarbe sowie drei Millionen Pendler und Durchreisende sind hier auf den am meisten übervölkerten 59 Quadratkilometern der Welt zusammengezwängt. Nirgendwo finden sich Verbrechen in so frappierendem Ausmaß; nirgendwo nimmt das Verbrechen derart fantasievolle und vielfältige Formen an; und nirgendwo sonst kann ein Krimineller so leicht in der Menschenmenge abtauchen.«

Bericht des Bezirksstaatsanwalts, County New York, 1946–1948

1

Montag, der 3., 1:45 Uhr

Kommen Sie und werfen Sie einen Blick auf die Vampire. Sehen Sie zu, wie sie über dem Times Square kreisen. Sehen Sie zu, wie sie sich drängeln und zusammenströmen, während die Sterne über das nächtliche Firmament ziehen. Die Huren, Zuhälter und Rauschgiftsüchtigen, die Gauner und Nassauer, die Marihuanaschmuggler, die Messerstecher, die Aufschneider, die Nutten, die ihre betrunkenen Freier ausrauben, die Taschendiebe, die Besoffene bestehlen, die irgendwo auf einer Bank eingeschlafen sind, die Ausreißer, die, die die ganze Nacht feiern, und die Rumtreiber, Taugenichtse und Underdogs – von bunten Neonlichtern, flottem Jazz und dem Versprechen auf eine Eroberung ins Herz der größten Stadt der Welt gelockt. Aus den Absteigen in der Bowery, aus Drogennestern in Uptown, aus den Schwulenbars, die sich wie Lichterketten an den Kais von Chelsea und Brooklyn reihen, aus Nepplokalen und Bebop-Clubs, aus Taxiständen, aus Waschsalons, aus Bühneneingängen und Künstler-Lofts, aus einfachen Zimmern, in denen es nur kaltes Wasser gibt, und aus Penthousewohnungen in den Wolken, aus Brücken und Schnellstraßen, aus der Dunkelheit unter der Third-Avenue-Hochbahn, aus Tunneln, aus Gassen, aus Kellern, aus Gossen, aus Schatten, ja sogar aus dem Beton der Stadt selbst, ist die Dunkelheit gekommen und hat sich zu etwas Gefährlichem und Lebendigem geformt: Das Reich der Nacht hat sich erhoben.

Durch die Menschenmassen bewegte sich ein großer, dunkelhaariger Mann Mitte dreißig, den Kragen seines Trenchcoats hochgeschlagen, den Stetson tief ins Gesicht gezogen. Er verbarg ein gequältes Lächeln, ein Gesicht, das die Spuren eines Lebens im Gewimmel der Straßen von New York trug. Seine längst verstorbenen Eltern hatten ihn nach dem Erzengel Gabriel getauft, und er wandelte schon sein ganzes Leben lang ein wenig müde über die Erde, als drückte das Gewicht von zwei Flügeln auf seinem Rücken ihn nieder.

Er ging an Jazzclubs vorbei, aus denen Bebop in die Nacht drang, Sex-Shows mit beleuchteten Schildern – MÄDCHEN, MÄDCHEN, MÄDCHEN –, die die Gehwege beleuchteten wie einen Rummelplatz. Im Fensterglas der die ganze Nacht geöffneten Selbstbedienungsrestaurants erhaschte er hier und da einen Blick auf sein Spiegelbild, das sich verzerrte, wenn er sich weiterbewegte. Er ging im Zickzack um Werbeschilder vor zwielichtigen Kinos herum, ignorierte die Rufe der Koberer, die in den Schatten lehnten, und erreichte sein Ziel: 1557 Broadway, Horn & Hadart’s Automatenrestaurant. Er blickte an dem Gebäude hinauf und betrachtete die riesigen Buntglasfenster und das rote Neonschild, das zwei Stockwerke hoch aufragte.

Er verharrte, bevor er hineinging, und sah sich um. Wenn jemand ihn entdeckt hatte, könnte das seinen Tod bedeuten oder, was noch schlimmer wäre, den Tod des Mädchens. Und für das Mädchen nahm er das ganze Risiko auf sich. Reingehen, die Pässe holen, rausgehen. Verschwinden, bevor ihn ein zufälliger Blick traf und sechs Jahre Planung zunichtemachte.

Er trat ein und sah, dass das Lokal gerammelt voll war, dröhnender Lärm und Gäste, die in zwei Reihen vor den Automaten standen. Gabriel ließ den Blick durch den dichten Zigarettenrauch über die Menschenmenge schweifen und entdeckte den Fälscher allein an einem Tisch in der Nähe der Toiletten. Er kämpfte sich zu ihm durch und ließ sich auf den zweiten Stuhl sinken. Er bemerkte sofort, dass der Mann dem Tod nahe war – abgehärmte Züge, gelbe Haut, stumpfer Blick. Nicht zum ersten Mal überlegte Gabriel, warum der Fälscher die Übergabe mitten in der Nacht am Times Square vorgeschlagen hatte. Vielleicht wollte er sich in einem der Bordelle, die die Gegend sprenkelten wie Konfetti, ein letztes Mal flachlegen lassen. Dabei hatte der Mann ihm erklärt, er habe einen Platz im Nachtzug von der Penn Station gebucht und sei inzwischen so krank, dass er sowieso nicht schlafen könne.

Die Stimme des Fälschers war rau, und er sprach so leise, dass Gabriel die Ohren spitzen musste, um ihn über dem Lärm von Kaffeemaschinen, Münzschlitzen und Kellnerinnen, die Teller zu hohen Stapeln auftürmten, zu verstehen. Das Lokal gehörte zu den Orten, die den Lärm vervielfachten, die alle Geräusche in ein Klappern verwandelten und zwischen den Wänden hin und her warfen.

Der Fälscher trank einen Schluck von dem Kaffee, der vor ihm stand, und zuckte zusammen. Gabriel reichte ihm einen Umschlag. Darin war genug Geld, damit der Mann nach Toronto fahren, in die Klinik gehen und sich ausreichend Schmerzmittel verabreichen lassen konnte, um seine letzten paar Wochen auf Erden erträglich zu machen. Der Tod des Fälschers würde sein Schweigen besiegeln, deswegen hatte Gabriel ihn ausgewählt. Die Pässe waren der letzte Baustein seines Fluchtplans, und als er über einen Freund von einem Freund gehört hatte, dass der Fälscher auf dem Weg ins Jenseits war, war er nach Jersey gefahren, um ihn zu treffen, und hatte ihm ein Angebot gemacht.

Der alte Mann hievte seinen Koffer auf den Stuhl neben sich, öffnete ihn und kramte darin herum. Gabriel schaute hinüber, um zu sehen, was er auf seiner Reise in den Tod mitnahm – ordentlich gefaltete Kleidung, einen Kulturbeutel von PanAm, eine Reader’s-Digest-Ausgabe von Spinoza. Der Mann hatte die Ecken von einem Dutzend oder mehr Seiten umgefalzt, und Gabriel fragte sich, welche Weisheiten diese enthielten. Er fühlte sich an den Doc erinnert, der seine Bemerkungen gern mit Zitaten aus der Ethik spickte.

»Erkennen ist Freiheit«, sagte Gabriel.

Der Fälscher verharrte und blickte mit gerunzelter Stirn zu ihm auf. Gabriel zeigte auf das Buch. Der Fälscher nickte und setzte seine Suche fort. Er zog ein in knisterndes Papier eingewickeltes Päckchen aus dem Koffer und reichte es über den Tisch.

Gabriel öffnete es und holte die Pässe heraus. Sie waren von bester Qualität. Der alte Mann hatte seine jahrzehntelange Erfahrung und Kunstfertigkeit einfließen lassen; es waren schließlich die letzten Dokumente, die er je fälschen würde, das letzte Mal, dass er seine Kunst ausübte.

Gabriel schob die Pässe in seine Tasche und beglückwünschte den Fälscher zu seiner hervorragenden Arbeit. Doch als der Mann etwas erwidern wollte, bekam er einen Hustenanfall. Er zog ein Taschentuch aus dem Ärmel, das voller braun eingetrockneter Blutflecken war.

Während Gabriel darauf wartete, dass der alte Mann sich erholte, sah er sich um, um zu schauen, ob er jemanden kannte. Sein Blick landete auf den Automatenfächern, groß wie Schuhkartons, mit ihren Glastüren, die sich an den Wänden stapelten. Man warf Fünf-Cent-Stücke in den Schlitz, drehte einen Griff und konnte das Essen entnehmen – einen Teller überbackener Makkaroni, eine Tomatensuppe, eine Fischfrikadelle, ein Stück Limettenkuchen.

An einem Tisch ein Stück weiter kauften College-Kids von einem puerto-ricanischen Teenager in einer Lederjacke Marihuana ab. An anderen Tischen saßen müde dreinblickende Taxifahrer und Telegrammboten, Revuetänzerinnen, Drogenabhängige und Freier, die Außenseiter und komischen Käuze, die sich jeden Abend auf dem Times Square einfanden und sich in der Morgendämmerung wieder zerstreuten. Gabriel würde sie vermissen, wenn er fort war, auch wenn er genau wusste, dass sie so zynisch und opportunistisch waren wie die Stadt, die sie ihr Zuhause nannten. Er würde auch New York vermissen, sein Brausen, seine Energie, seine Ruhelosigkeit und die ruppige Art, mit der es einen anrempelte. Wie kein anderer Ort auf der Welt. Die Städte in Europa und Asien waren im Krieg stark dezimiert worden, jetzt stand New York allein da. Am dunklen Himmel der Upper Bay leuchtete die Fackel in der Hand der Freiheitsstatue heller auf.

Die Türen des Automatenrestaurants flogen auf, und eine Gruppe Touristen aus dem sogenannten Maisgürtel kam hereinspaziert. Sie sahen sich um, als hätten sie ein modernes Babylon betreten, und nach ein paar verlegenen Augenblicken drehten sie sich um und gingen wieder hinaus. Die Türen schwangen zu, und das Kondenswasser an den Fenstern verwandelte die Lichter und Schilder des Times Square in ein Prisma vielfarbiger Streifen, die Gabriel an Sternbilder, an Halluzinationen und an das Drip-Painting-Bild in seiner Wohnung erinnerten.

Er wandte sich dem alten Mann zu, der einen letzten Schluck von seinem Kaffee trank und nickte.

»Sind Sie froh, die Stadt zu verlassen?«, fragte Gabriel und überlegte, ob der Fälscher genau wie er gemischte Gefühle bezüglich seines Fortgehens hatte.

Der Fälscher sann über die Frage nach. »Froh, traurig – ein und dasselbe«, sagte er.

Gabriel fragte sich, ob diese Einsicht von Spinoza stammte.

Er half dem Mann auf die Füße und erbot sich, ihn zur Penn Station zu begleiten. »Sie tragen eine Menge Geld bei sich«, sagte Gabriel und hoffte, dass der Fälscher sich nicht bevormundet fühlte. »Auf den Straßen geht es ruppig zu.«

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf.

Sie traten hinaus auf den Gehweg. Während sie drinnen gewesen waren, hatte leichter Nieselregen eingesetzt. Der Fälscher schlug den Kragen seines Mantels hoch und setzte sich eine Schiebermütze auf. Er bedachte Gabriel mit einem Blick, und Gabriel ahnte, was der Grund für das frostige Betragen des Mannes war: Er hatte gefälschte Pässe für sich selbst und ein dreizehnjähriges Mädchen bestellt. Keine Gelegenheit, ihm zu erklären, dass das Mädchen seine Nichte war, dass die beiden um des Mädchens willen davonliefen. Gabriel musste es aushalten, dass der Mann das Schlimmste von ihm dachte. Doch daran war er gewöhnt. Im Laufe seines Lebens war Gabriel Leichenbeseitiger gewesen, ein kleiner Gauner, privater Zielfahnder, Glücksspieler. All das hatte ihn Geringschätzung auszuhalten gelehrt. Im Augenblick führte er für die Mafia einen Nachtclub und löste für andere Probleme, wenn es nötig war. Das konnte er gut. Er besaß ein forsches Auftreten, das anderen Mafiosi fehlte, sowie den Charme und die Ruhe, die in heiklen Situationen von Vorteil waren. Doch seit ein paar Jahren zweigte Gabriel heimlich Geld ab, und in zehn Tagen, am Donnerstag, dem 13., würde die Mafia es herausfinden.

Während er dem Fälscher hinterherschaute, der den Broadway hinunter in Richtung Penn Station, Toronto und in einen vom Morphium geglätteten Rutsch ins große Unbekannte verschwand, kam ihm ein weiteres Zitat von Spinoza in den Sinn: Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod. Er fragte sich, ob es auf einer der Seiten stand, deren Ecken der Mann umgeknickt hatte.

Er zündete sich eine Zigarette an und schob sich durch die Menschenmenge zum nächsten Taxistand. Soweit er sagen konnte, hatte er das Geschäft unbeobachtet abgewickelt. Auftrag ausgeführt, doch seine Besorgnis wurde kaum geringer. Er lebte seit Wochen wie in einer Wolke aus diesen Sorgen. Falls Gabriel und seine Nichte es zu dem Zeitpunkt, an dem sein Diebstahl entdeckt wurde, nicht nach Mexiko geschafft hatten, waren sie so gut wie tot. Ein Strand in Acapulco oder flache Gräber in einem Wald in Upstate New York.

Am nächsten Taxistand stellte er sich hinter einer schnatternden Schar reicher Zecher an, die Männer in glänzenden Anzügen, die Frauen in Nerz und Perlen. Weiter vorn taumelten Gruppen von Feiernden herum. Es war das erste Wochenende des Monats, und die Straßen waren voll von denen, die sich am Zahltag betranken. Gabriel sah sich in dem Gewühl um und entdeckte an der Mauer des Gebäudes gegenüber eine Anschlagtafel. Vor zwei Jahren war sie voller Plakate für Kriegsanleihen gewesen, jetzt flatterten daran zahllose kleine Zettel im Wind und weichten im Nieselregen auf – polizeiliche Bekanntmachungen, Fundsachen, Vermisste.

Gabriel starrte auf die Letzteren. Es waren Dutzende. Hauptsächlich Frauen, meistens jung, aus ganz Amerika, die zuletzt gesehen worden waren, wie sie in Städten, von denen er noch nie etwas gehört hatte, in einen Bus oder einen Zug gestiegen waren. Die zuletzt dieses oder jenes getragen hatten. Auf einigen Bekanntmachungen klebten Fotos. Einige der Frauen wirkten kaum älter als Gabriels Nichte. Er dachte an die Gauner, die durch die Penn Station und Bushaltestellen strichen und nach Ausreißern Ausschau hielten, leichte Beute, Frischfleisch, MÄDCHEN, MÄDCHEN, MÄDCHEN.

Er hörte ein Hupen, drehte sich um und sah, dass er am Kopf der Schlange angekommen war. Er sprang in das wartende Taxi.

»Wo soll’s hingehen, Kumpel?«, fragte der Taxifahrer.

»Ins Copa.«

Der Taxifahrer nickte und fädelte sich in den Verkehr ein, während Gabriel noch einen Blick auf die Aushänge warf und an die vielen vermissten Menschen auf der Welt dachte, die Verschwundenen. In zehn Tagen würden seine Nichte und er, so oder so, zu ihnen gehören.

2

Montag, der 3., 2:34 Uhr

Sie ließen den Times Square mit seinen regenbogenbunten Lichtern hinter sich und fuhren durch Midtown nach Norden. Sie kreuzten erst die 7th, dann die 52nd. Sie rollten an den Jazzclubs in der Swing Street vorbei, die noch vor Neonlicht, Musik und Bewegung pulsierten. Sie stießen auf die Madison Avenue, die ruhiger war und die späte Stunde respektierte. Die klassischen Fassaden der Büro- und Wohnblocks waren in Stille und Schatten getaucht, sahen fast aus wie Grüfte, als würde die Straße auf beiden Seiten von Krypten gesäumt. Gabriel stellte sich die ganze Stadt als Nekropole vor, Skelette hinter allen Türen.

Das Taxi bog in die 61st Street, wo es noch Zeichen von Leben gab: das Copacabana, das in einer ansonsten verstaubten Wohnstraße in der schrecklich vornehmen Upper East Side lag. Eine Menschenschlange wartete noch geduldig auf Einlass. Türsteher, Taxifahrer und Zecher waren schon auf dem Heimweg. Typisches Nachtclubleben. Das dumpfe Dröhnen der Musik ließ die Luft erzittern.

Sie hielten hinter dem Übertragungswagen, der am Eingang zur Copa-Lounge eine Tür weiter parkte. Gabriel sprang hinaus, zahlte das Taxi, blickte zu dem Schild hoch – Freier Eintritt, kein Mindestverzehr – und ging daran vorbei zum Eingang. Die Türsteher hakten das Seil auf und ließen ihn ein. Er nickte zum Dank.

Er trat in den Vorraum und ging die Treppe hinunter, und der Sound der Band legte einen Zahn zu, dann gingen die Türen zum Tanzsaal auf, und die Musik schlug ihm entgegen wie eine Druckwelle. Die Zwei-Uhr-Show steuerte gerade ihrem Höhepunkt entgegen; Carmen Miranda tanzte auf der Bühne in einem engen Satinkleid den Shimmy, auf dem Kopftuch eine halbe Obstschale. Hinter ihr brach eine Schar Samba-Sirenen, die Mirandas Bewegungen mit entnervender Präzision nachahmten, mit den Hüften die Herzen.

Der Club näherte sich seiner Kapazitätsgrenze – siebenhundert Menschen, verteilt auf mehreren Tanzflächen, Halbgeschossen und Terrassen. Auf den Treppen und Rampen, die alles miteinander verbanden, eilten Restaurantleiter und Kellner hin und her. Angefangen hatte das Copa als bescheidener Versuch, das glamouröse Nachtleben der Hotels von Rio de Janeiro in den kalten Norden zu transportieren, doch inzwischen war es so beliebt, dass sie die Räumlichkeiten ständig erweitern mussten. Sie hatten oben eine Cocktaillounge eröffnet, und WINS übertrug von dort eine Radiosendung – Der berühmte Nachtclub mit den Pin-up-Girls. Und Sie sind eingeladen! Dann war jemand auf die Idee gekommen, daraus einen Film zu machen, Copacabana, mit Groucho Marx und Carmen Miranda. Da der Film eine Filmmusik brauchte, war das Copa auch zu einem Lied geworden, Let’s Do the Copacabana. Zu diesem Lied tanzte Miranda jetzt. Der Club hatte die brasilianische Sängerin-Tänzerin-Schauspielerin für fünf Wochen gebucht, um Werbung für den Film zu machen, und das Lied war der Höhepunkt der nächtlichen Show. Während ihre Hüften zum unglaublich schnellen Dröhnen der Conga-Trommeln vibrierten, schweifte Gabriels Blick über die Menschenmenge.

An der Bar lieferten sich Frank Sinatra und Rocky Graziano mit zwei jungen Frauen, die Gabriel von den Theaterplakaten in der 42nd Street zu kennen glaubte, eine Art Limbo-Wettstreit. Er sah die Wirkung des Benzedrins in ihren Augen. Eine der jungen Frauen fiel auf den Teppich, und alle brachen in wildes Gelächter aus. Frank schlug Rocky auf den Rücken, als hätten sie etwas Bemerkenswertes erreicht, und vielleicht hatten sie das ja auch.

Hinter ihnen standen ein paar zweitklassige Filmstars und die Hälfte der Außenfeldspieler der Yankees, die seit ihrem World-Series-Gewinn vor einem Monat jeden Abend im Club waren. Männer aus der Mafiafamilie Bonanno lungerten mit ein paar Frauen herum, die ihre Ehefrauen, Freundinnen oder Geliebten sein konnten. Mitglieder der vier anderen Mafiafamilien New Yorks waren über den ganzen Raum verteilt. Auf einer der hinteren Terrassen, ganz oben, in der Dunkelheit, hinter ein paar Plastikpalmen und verspiegelten Säulen, entdeckte Gabriel Bürgermeister O’Dwyer, der mit einer ganzen Schar von Männern in Anzügen an einem Tisch saß und mit einem Sektquirl in einem trüben Mai Tai rührte.

Der Bürgermeister blickte auf und begegnete durch das Gewühl der Tänzer Gabriels Blick. Sie nickten einander zu. O’Dwyer war mit Unterstützung von Frank Costello gewählt worden, dem Boss der Mafiafamilie Luciano, dem nicht besonders geheimen Besitzer des Copacabana, dem Mann, für den Gabriel den Club leitete. Gabriel versuchte, die anderen Männer am Tisch des Bürgermeisters zu erkennen, doch es war zu düster. Einer von ihnen nahm eine Tablette aus einem Zigarettenetui und warf sie sich in den Mund.

Als die Band ein Crescendo erreichte, warf Gabriel einen letzten Blick durch den Saal und war nicht zum ersten Mal niedergeschmettert von dem, was er sah, von dem Gedanken, dass das hier alles war, was sie erreicht hatten, dass diese Dekadenz alles war, was der Frieden gebracht hatte, dass die Welt sich dafür in Stücke gerissen hatte, Millionen getötet worden waren und Schatten sich in die Wände eingebrannt hatten. Er fragte sich wie so oft, ob die Welt nicht in der großen Feuersbrunst umgekommen war und die Menschen ihre Existenz in einer Vorhölle fortsetzten, einer Nekropole, und er der Einzige war, der es bemerkte.

Die Band erreichte das Ende des Stücks in einer Lawine von Conga-Wirbeln und Bläsern. Aus der Menschenmenge stieg ein Grölen auf, und die Leute umarmten einander, manche küssten sich. Augen glänzten.

Miranda verbeugte sich.

Der Conférencier nahm das Mikrofon und erklärte, die Band werde eine Pause machen. »Und jetzt kommen Martin und Lewis, um euch zu unterhalten.«

Dean Martin kam mit einem Whiskey in der Hand auf die Bühne, Jerry Lewis mit den Händen in den Taschen. Martin bedankte sich beim Conférencier und zeigte, als dieser die Bühne verließ, mit erhobenem Finger auf ihn.

»Hinter jedem erfolgreichen Mann«, sagte er, »steht eine überraschte Schwiegermutter.«

Der Schlagzeuger spielte einen Trommelwirbel. Die Menschenmenge brach in Gelächter aus.

Gabriel kehrte dem Ganzen den Rücken und eilte auf eine Tür mit der Aufschrift Nur für Personal zu, durch die er in einen feuchten, grauen Flur trat. Die Tür fiel hinter ihm zu und sperrte den Lärm weitestgehend aus. Nach ein paar Ecken gelangte er zu seinem Büro, schloss die Tür auf und trat ein. Es war ein fensterloser Raum, so grau wie der Flur, in dem es das ganze Jahr nach Feuchtigkeit roch. Der Raum wurde dominiert von einem Tisch mit grüner Bespannung, an dem drei Männer Geld zählten. Sie stapelten das Geld, wickelten Banderolen um die Scheine, legten sie auf Tabletts, leckten Bleistifte an, kritzelten Listen. Die Buchführung war kompliziert, denn es gab eine Liste mit dem, was sie tatsächlich einnahmen, eine Liste mit dem, was dem Finanzamt gemeldet wurde, eine Liste mit dem, was an die offiziellen Besitzer ging, und eine Liste mit dem, was Costello und die Mafia behielten. Gabriel war vermutlich der Einzige, der bei der ganzen Operation den Überblick behielt.

Er schloss die Tür ab und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Es fühlte sich an, als würden die beiden Pässe ihm ein Loch in die Jacke brennen. Sechs Jahre Planung, und jetzt waren es noch zehn Tage und er erlag mehr denn je der Angst.

Er zündete sich eine Zigarette an und bemerkte, dass Havemeyer ihn beäugte, der älteste der Männer, die um den Tisch saßen und Geld zählten.

»Was?«, fragte Gabriel.

»Costello will dich sehen«, antwortete Havemeyer, ohne sich beim Zählen zu unterbrechen.

Panik dröhnte durch Gabriels Brust, strömte durch seinen Leib.

»Er war hier?«, fragte er.

Havemeyer schüttelte den Kopf. Er zählte das Bündel zu Ende, wickelte eine Banderole darum, legt es auf ein Tablett und hakte auf einer Liste etwas ab. Erst dann wandte er sich Gabriel zu und sah ihn an. Das limettenfarbene Cellophan seines Mützenschirms fing den Strahl der Deckenlampe ein und warf einen grelles Grün über sein Gesicht, sodass er aussah wie eine Figur aus einem der Comics, die Sarah überall in der Wohnung liegen ließ.

»Er hat angerufen«, sagte Havemeyer. »Hat bei Augie eine Nachricht hinterlassen.«

»Hat er gesagt, was er will?«, fragte Gabriel. Dann begriff er, dass das eine dumme Frage war. Die Stadt hatte Costellos Telefon verwanzt, und Costello hatte zwar einen Fernsprechexperten angeheuert, um die Wanze zu suchen, aber Geschäftliches besprach er immer nur persönlich.

»Was meinst du?«, fragte Havemeyer.

Gabriel versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht hatte Costello nur einen Auftrag für ihn, und alles war okay. Vielleicht war Costello ihm auch auf die Schliche gekommen, und sein Grab war schon geschaufelt.

»Schwitzt du?«, fragte Havemeyer.

Gabriel schüttelte den Kopf. »Draußen regnet es.«

Es sah so aus, als würde der alte Mann ihm das abkaufen, denn er nickte und machte sich wieder ans Zählen.

Einer der Männer trug ein Tablett mit Geldbündeln zum Tresor in der Ecke, ein gedrungenes Ding aus Gusseisen, dessen klobige Form Gabriel seit jeher an eine Bombe erinnerte. Ein anderer Mann öffnete die Tresortür, und die Dollarscheine wurden von der Dunkelheit in seinem Innern verschlungen. Falls alles eine Illusion war, falls sie tatsächlich in die Unterwelt hinabgestiegen waren, dann war diese Bombe der Kessel, der den Traum antrieb.

Sechs Jahre Planung, noch zehn Tage, und er war vom capo dei capi herbeizitiert worden.

3

Montag, der 3., 7:05 Uhr

Vier Stunden später traten Gabriel, Havemeyer und zwei Wachmänner aus dem Bühneneingang des Copa in die aschgraue Morgendämmerung. Die Wachmänner ließen die Rollläden vor dem Eingang herunterdonnern, dass der Lärm durch die Gasse hallte. Havemeyer zuckte zusammen. Mit roten arthritischen Augen sah er sich um. Gabriel fand, dass ein Mann in Havemeyers Alter keine Nachtschichten mehr in einem Club arbeiten sollte.

Die Wachmänner verschlossen die Rollläden mit Vorhängeschlössern und gaben Gabriel die Schlüssel, und dann ging jeder seiner Wege; die Wachmänner, um in Bovas Fitnesszentrum in Williamsburg zu trainieren; Havemeyer zu seinem Sofa in den Heights, denn seine Frau schlief gern lange; und Gabriel zu einem Treffen mit Frank Costello, dem »Ministerpräsidenten der Unterwelt«.

Er ging zur 5th, wo sich auf dem Gehweg Männer in Anzügen, Sekretärinnen, Verkäuferinnen, schwarze Hausangestellte drängten sowie Kinder, die Zeitungen feilboten. Der nächtliche Regen hatte einen Schimmer über die Stadt gelegt, das Pflaster war rutschig, die Luft trotz der Kälte klamm und dumpf. Gabriel winkte ein Taxi herbei, das ihn auf die andere Seite des Parks bringen sollte. Er konnte die Fahrt nutzen, um sich auf das Treffen vorzubereiten. Er musste einen entspannten, normalen und selbstsicheren Eindruck machen. Auf keinen Fall durfte er wirken, als stünde er kurz davor, mit einem riesigen Packen gestohlenen Mafiagelds zu verschwinden.

Er zündete sich eine Zigarette an und erinnerte sich an die Strände in Mexiko, die er während des Kriegs gesehen hatte. Er spürte die sengende Hitze der Sonne auf seiner Haut, das klare, weiße Licht, das der Sand reflektierte, das beruhigende Rauschen der Wellen. Für einen kurzen Moment war er nicht mehr in den trostlosen Straßen von New York im November.

Und dann war er wieder da.

Verfroren, müde und besorgt in der harten, grauen Morgendämmerung.

Sie fuhren an einem U-Bahnhof vorbei, aus dem Menschen strömten. An jedem Arbeitstag kam eine halbe Million Pendler durch Tunnel und über Brücken nach Manhattan. Gabriel überlegte, ob die Erde der Insel, die nur an wenigen Stellen zu sehen war, von dem Gewicht der vielen Menschen zusammengedrückt wurde und die Insel ein wenig einsank und ob der Fluss ein wenig höher gegen die Molen schlug.

Am Columbus Circle hielt das Taxi an einer roten Ampel. Gabriel stieg der warme, süße Duft von frisch gebackenem Brot in die Nase, und er entdeckte den Lieferwagen einer Bäckerei, der vor einem Lebensmittelladen vorgefahren war. Die Bäcker luden Bleche mit Brot aus, das mit Wachspapier zugedeckt war. Gabriel beneidete die Männer. Sie konnten das Brot vorzeigen, das sie in der Nacht gebacken hatten. Und was konnte Gabriel vorzeigen? Er und die fünfzig Leute, die unter ihm arbeiteten, hatten die Nacht damit verbracht, in einem Keller an der East 60th Street eine exotische Illusion von Rio heraufzubeschwören. Ein sinnliches Traumgespinst, das sich zur Morgendämmerung wieder auflöste und von dem nichts blieb als ein paar Hundert Kater, die überall in der Stadt ausgeschlafen wurden, und der letzte leise Widerhall der Congas in seinem Kopf.

Die Ampel sprang auf Grün, und das Taxi fuhr weiter nach Norden. Er zählte die Straßen ab, die an seiner Linken vorüberzogen, von der 60th bis rauf zur 71st. Zu seiner Rechten hing der Park in der Schwebe zwischen Herbst und Winter. Der Boden war mit Raureif überzogen, die Bäume hatten ihr Laub verloren, zeigten ihre schwarzen, staksigen Skelette, hier und da ein Vogelnest, ein in sich zusammengefallener Ballon, über den ein Kind in den Hundstagen des Sommers gewiss Tränen vergossen hatte.

Wieder setzte Regen ein und schlug hart gegen die Fenster des Taxis, zerteilte die Welt in durchscheinende Perlen. Sie fuhren vor den Majestic Apartments vor, einem zweitürmigen Art-déco-Gebäude an der 115 Central Park West. Irgendwann hatten die meisten Mafiabosse in der Stadt dort einmal eine Wohnung besessen. Jetzt war nur noch Costello übrig. Gabriel zahlte das Taxi und stieg aus. Nieselregen und Wind schlugen ihm entgegen. Er ging durch den Eingang, nickte dem Türsteher zu und betrat die Lobby, wo er von einem Schwall warmer, trockener Luft empfangen wurde.

»Ich bin mit Mr Costello verabredet«, sagte er zu dem Portier, der das mit einem Nicken quittierte und Gabriel bedeutete, hinaufzugehen. Um diese Tageszeit kam stets ein ganzer Strom von Menschen, die zu Costello wollten.

Der Aufzug brachte ihn die achtzehn Etagen hinauf, wo die Türen sich zu einem mit rotem Teppich ausgelegten Flur öffneten, an dessen Ende die Tür zu Apartment 18F lag. Jeder andere Mafiaboss hätte hier Wachmänner stehen gehabt, genau wie in der Lobby unten und draußen auf der Straße. Nicht so Costello.

Diese Offenheit hatte Gabriel an seinem Boss schon immer gefallen. Costello trug keine Waffe bei sich, er beschäftigte keine Leibwächter und hatte keinen Chauffeur, der ihn herumfuhr. Wenn Costello irgendwo hinmusste, nahm er sich ein Taxi, allein, unbewaffnet. Wie jeder andere New Yorker. Das gab der Stadt das Gefühl, Frank Costello wäre gar nicht so schlimm, er wäre – obwohl er capo dei capi war, Vorsitzender der Kommission, Anführer der fünf Familien, Chef sämtlicher Organisierter Kriminalität, verantwortlich für eine Armee von über zweitausend Männern – vor allem ein Junge aus dem Viertel, der es zu etwas gebracht hatte. Manhattans ureigener Gangster.

Unter seiner Führung hatte die Mafia mehr Geld verdient, mehr Einfluss errungen, mehr Macht erlangt als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in ihrer Geschichte. Dabei hatte er nie ihr Anführer sein wollen und die Aufgabe nur widerstrebend übernommen.

Gabriel klopfte an die Tür, und nach ein paar Sekunden öffnete Costellos Frau Bobbie ihm.

»Morgen, Gabby. Was macht die Kunst?«, fragte sie und beugte sich vor, um ihm einen Kuss zu geben.

Sie sprach mit hoher Kleinmädchenstimme, die sie sich über die Jahrzehnte bewahrt hatte.

»Ach, weißt du«, antwortete Gabriel, »sie stellt sich auf den Winter ein.«

»Du willst zu Frank?«

»Klar.«

Sie drehte sich um und führte ihn den Flur hinunter.

Bobbie war eine zierliche Brünette, hübsch und schlagfertig. Wie viele italienische Gangster hatte Costello eine Außenseiterin geheiratet, eine Jüdin von der 7th Avenue, unweit des Slums von East Harlem, in dem er aufgewachsen war. Auch das trug zu der Legende um Frank Costello bei – dass er die junge Frau von der richtigen Straßenseite geheiratet hatte. Bei seiner Heirat war er dreiundzwanzig gewesen, Bobbie fünfzehn.

»Wie läuft’s im Copa?«, fragte sie.

»Alles beim Alten.« Er lächelte. »Lateinamerikanische Musik, chinesisches Essen, amerikanische Fieslinge.«

Sie lachte. Zwei Hunde kamen ihnen kläffend entgegen, ein Zwergpinscher und ein Zwergpudel, sie bellten und blickten finster drein. Bobbie kniete sich hin, um sie zu beruhigen.

»Wollt ihr wohl still sein, verdammt?«, sagte sie und packte sie an den Halsbändern. »Ich weiß nicht, was mit ihnen los ist.«

Die Hunde kläfften Gabriel weiter an, und Gabriel überlegte, ob sie in ihm wohl den Verräter in ihren Reihen erkannten. Ob Hunde, genau wie Angst, auch Verrat riechen konnten.

»Wie geht es Sarah?«, fragte Bobbie und scheuchte die Hunde den Flur hinunter.

Sie erkundigte sich immer nach Gabriels Nichte, und dann spürte Gabriel in ihrer Stimme stets einen Anflug von etwas. Bobbie und Costello waren kinderlos; vielleicht war das der Grund, warum sie die beiden Hunde so verwöhnten.

»Im Moment ist sie ganz verrückt nach Comics«, antwortete er.

»Ja«, sagte sie. »Sämtliche Kinder in der Stadt haben die Nase in einem Comic.«

»Ist mir noch nicht aufgefallen.«

»Du musst tagsüber öfter mal an die frische Luft.« Sie schenkte ihm ein schlitzohriges Grinsen.

Sie traten ins Wohnzimmer. Der Anblick, der sich Gabriel dort bot, erinnerte ihn immer an ein Hotelrestaurant zur Frühstückszeit. An der hinteren Wand waren Tische aufgestellt, beladen mit Serviertabletts mit Schinken und Eiern, Feingebäck und Brot, Brotaufstrichen, Kaffeekannen und einem Samowar mit Tee. Zwei gelangweilt dreinblickende Dienstmädchen standen neben den Tischen und warteten darauf, dass jemand etwas bestellte. Auf Sofas und Chaiselongues, am Fenster, am Klavier, neben dem Kamin und den Spielautomaten saßen, standen oder lehnten überall im Raum prominente Persönlichkeiten und tranken, aßen, redeten, planten und intrigierten. Gabriel entdeckte Männer aus dem Rathaus, von der Wall Street, Gewerkschaftsmitglieder sowie Vertreter von sämtlichen New Yorker Mafiafamilien.

Woche für Woche lud Costello hierher zum Frühstück ein. Für viele der politischen Akteure der Stadt begann so der Tag. Es gehörte alles zu Costellos großem Plan – sich unter die oberen Zehntausend zu mischen, ihnen den einen oder anderen Gefallen zu tun, ihnen Geld zu leihen, die Grenze zwischen Rechtmäßigkeit und Gangstertum zu verwischen, sich so viele Freunde zu machen, dass es unmöglich war, vernichtet zu werden.

Bislang war sein Plan aufgegangen. Costello organisierte nicht nur die Verbrechen der Nation, sondern auch einen Großteil ihres Warenverkehrs. New York war Heimat der mächtigsten Wirtschaft, die die Welt je erlebt hatte. Die Hälfte der Ein- und Ausfuhren des Landes strömten durch seinen Hafen – und dieser Hafen wurde von der Mafia kontrolliert, sodass dieser Raum das Herz im Herzen der größten Stadt der Welt war, der Albtraum im Innern des Traums.

»Ich sehe nach, ob er Zeit hat«, sagte Bobbie. »Nimm dir Kaffee und etwas zu essen.«

Sie eilte durch den Trubel, und Gabriel zündete sich eine Zigarette an und überprüfte, ob seine Hände zitterten. Dann ging er zum Büfett, schenkte sich einen Kaffee ein und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Ausstattung war vergoldet, altehrwürdig, luxuriös, übertrieben. Möbel waren in Massen gekauft worden, um das riesige Apartment zu füllen und gemütlich zu machen. Im offenen Kamin knisterte ein Holzfeuer, darüber hing ein Howard Chandler Christy in einem vergoldeten Rahmen. Es gab ein goldenes Klavier, und in allen vier Ecken standen Glücksspielautomaten aus Costellos New-Orleans-Operation. Sie waren so frisiert, dass sie auszahlten – Costellos Vorstellung von Gastfreundschaft.

Trotz aller Pracht und dem luxuriösen Mobiliar wurde der Raum doch von den Fenstern dominiert, die einen ungehinderten Blick über Manhattan in seiner ganzen bleichen Herrlichkeit boten, wie es im morgendlichen Nieselregen flirrte. Nebenan lag das Dakota, gegenüber der Park, dahinter die noch mit altem Geld erbauten stolzen Türme der Upper East Side und auch Gabriels Wohnung. Im Süden ragten Reihe um Reihe die Wolkenkratzer von Midtown in die Regenwolken wie unzählige Messer.

Gabriel blickte hinunter in den Park. Der Regen hatte den nächtlichen Raureif fast ganz weggeschmolzen.

»Gabby«, sagte jemand.

Gabriel wandte sich um. Neben ihm stand John Bova, ein kleiner Loddel in der Mafiafamilie Luciano, Besitzer des Fitnessstudios, in dem Gabriels Wachleute trainierten. Bova hatte die Gestalt eines aus der Form geratenen Boxers und ein rotes, flächiges Gesicht, grotesk entstellt von einer breiten Narbe, die über die rechte Wange lief.

»Bova«, sagte Gabriel. »Du bist früh auf.«

Bova verharrte, unsicher, ob er auf den Arm genommen wurde. »Bist du hier, um den Boss zu sehen?«, fragte er neugierig.

»Nein«, sagte Gabriel. »Ich bin wegen des leckeren Frühstücks hergekommen.«

Wieder beäugte Bova ihn. Und wieder genoss Gabriel die Verwirrung des Mannes.

In der Familie Luciano gab es zwei Lager, dasjenige, dem Costello und Gabriel angehörten, und das andere, das von Vito Genovese angeführt wurde, dem capo bastone der Familie draußen in New Jersey, machthungrig und begierig darauf, den Thron zu übernehmen. Bova gehörte eigentlich zu Costellos Clique, war aber als Maulwurf für Genovese tätig. Costello und Gabriel wussten das, behielten ihn aber für den Notfall in der Nähe.

»Was ist mit dir?«, fragte Gabriel.

Bova zuckte die Achseln, doch Gabriel sah, dass es ihm nicht passte, dass sich das Gespräch plötzlich um ihn drehte. Der Mann war alles, was Gabriel an Mafiosi hasste: gewalttätig, selbstgefällig, egoistisch und bei Weitem nicht so clever, wie er dachte.

»Bin hier, um Kontakte zu knüpfen«, sagte Bova. »Du kennst doch den Spruch: Arme Männer stehen auf, um zur Arbeit zu gehen, reiche Männer stehen auf und machen Kontakte.«

Gabriel fragte sich, ob Bova Businessleitfäden zum Selbststudium gelesen hatte. Der Kerl hatte einen Stall voller abgehalfterter Prostituierter, die in rattenverseuchten Wohnungen rund um den Columbus Circle arbeiteten. Er setzte sie auf Drogen, schickte sie selbst bei Eiseskälte raus auf die Straße und schlug sie, wenn die Umsätze sanken. Dagegen waren fast alle anderen im Raum führende Mitglieder der Gesellschaft. Gabriel fragte sich, was für Kontakte Bova hier knüpfen wollte.

»Irgendeine Idee, wer der Itzig mit dem Ledergesicht ist?«, fragte Bova und zeigte auf einen sonnengebräunten, grauhaarigen Mann, der neben dem Samowar stand. Bova benutzte gern jüdische Beleidigungen, wenn Gabriel in der Nähe war.

Gabriel bedachte ihn mit einem Blick. Bova fing ihn auf.

»Nichts für ungut.« Bova zuckte die Achseln, dann spielte ein hinterhältiges kleines Lächeln um seine Lippen.

»Das ist Jack Warner«, sagte Gabriel, »der Filmproduzent.«

»Warner wie in Warner Brothers?«

Gabriel nickte. Costello und Warner waren alte Freunde. Gabriel warf einen Blick auf den Mann, und ihm dämmerte, dass etwas im Busch war. In den letzten beiden Nächten waren ihm im Copa noch einige andere Filmproduzenten aus Los Angeles aufgefallen. Er machte sich im Geist eine Notiz, Costello danach zu fragen.

Die Tür am hinteren Ende des Raums ging auf, und Bobbie bedachte Gabriel mit einem Lächeln und winkte ihn herüber. Gabriel war erleichtert, dem übergewichtigen Luden zu entkommen.

»Du bist doch hier, um den Boss zu sehen«, sagte Bova. »Was tut sich?«

»Ich wünschte, ich wüsste es«, versetzte Gabriel und ging quer durch den Raum in Costellos Arbeitszimmer.

Teil 2

»Kurz und gut, das County New York, eine Insel größter Konzentration, größten Wohlstandes, größter Kultur und größter Pracht, sieht sich entsprechend seiner Superlative bei der Durchsetzung von Recht und Gesetz mit Problemen von gewaltigen Ausmaßen konfrontiert.«

Bericht des Bezirksstaatsanwalts, County New York, 1946–1948

4

Montag, der 3., 6:35 Uhr

Die Sonne stieg über dem Staat New York auf und ließ ein silbernes Band aufschimmern, das sich gen Süden durchs Hudson River Valley zog – The 20th Century Limited, der Nachtzug aus Chicago –, sich wie eine Nadel durch die Landschaft fädelte, vorbei an Bergen und funkelnden Seen, an Wäldern, die in herbstlichen Farben loderten, unerbittlich angezogen von dem magnetischen Herzen von New York City. Als die Eisenbahnschienen sich der Bronx näherten, zogen sie einen weiten Bogen und boten den Passagieren einen Blick auf die Wolkenkratzer von Manhattan, deren Spitzen im frischen, kalten Morgenlicht badeten.

Dann vollendete der Zug seine Kehre und fuhr dröhnend in die Stadt hinein, schlängelte sich zwischen Wohnhausdächern, Taubenschlägen und riesigen, an Gerüsten verschraubten Reklametafeln durch. Er segelte über den Harlem River, tauchte auf Manhattan hinunter, wo die Gebäude auf beiden Seiten vorbeiratterten wie marschierende Soldaten. Er erreichte die 97th Street und stürzte sich in den Park-Avenue-Tunnel, und alles wurde schwarz auf dem letzten Stück bis zum Grand Central Terminal, wo der Zug am Bahnsteig 13 einlief und hielt und die unzähligen Passagiere sich drängelnd den Weg in den Bahnhof bahnten.

Allein Ida blieb auf ihrem Platz sitzen. Sie sah zu, wie die anderen gingen, als wäre sie Zeugin einer unergründlichen Wanderung von Wildtieren – Geschäftsmänner, Familien, Touristen –, schmuddelig und mit müden Augen. Viele von ihnen bereuten, den Nachtzug gewählt zu haben, der seine Passagiere ohne viel Federlesens in die gnadenlose New Yorker Hauptverkehrszeit entließ.

Sobald die Gänge sich geleert hatten, stand sie auf, hievte ihren Koffer aus dem Gepäckfach und bahnte sich ihren Weg durch die zurückgelassenen Überbleibsel der Reisenden zur Damentoilette. Sie war beengt und unbeheizt, die Kälte biss in ihre Haut, doch es gab ein Waschbecken mit einem Spiegel darüber. Mehr brauchte sie nicht. Sie hörte, wie die Gepäckträger draußen das Gepäck aus dem Zug luden, das geschäftige Treiben im Bahnhof, das dumpfe Dröhnen von Tausenden von harten Sohlen auf Marmor und in der Ferne das Rumpeln der größten Stadt der Welt, acht Millionen Menschen, die aufstanden, um sich dem neuen Tag zu stellen.

Sie putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht, zupfte ihre Haare zurecht, trug frisches Make-up auf und wusch sich die Hände. Dann betrachtete sie sich eingehend, um zu überprüfen, ob die jüngsten Erschütterungen ihre Spuren hinterlassen hatten. Ein wenig Grau an den Schläfen, ein paar Falten um die Augen, eine Weichheit in ihren Zügen. Sie war siebenundvierzig Jahre alt, doch sie sah jünger aus, und was sie an Jugendlichkeit verloren hatte, hatte sie an Selbstsicherheit und Haltung gewonnen. Das redete sie sich jedenfalls gern ein.

Ida verließ den Zug und ging zum Ende des Bahnsteigs, wo sie einen ersten Blick auf das Grand Central in vollem Betrieb erhaschte. Ganze Lawinen schwarzer Anzüge wälzten sich durch die vielfach verzweigten Durchgänge des Bahnhofs, die Marmortreppen hinauf und hinunter, durch Ausgänge, auf Bahnsteige, kreuz und quer über die riesige Fläche der Bahnhofshalle, einen höhlenartigen Raum, unterteilt von rasiermesserscharfen Sonnenstrahlen, die durch die Dachfenster fielen.

In dem hektischen Gedränge und dem Lärm fand Ida etwas von dem Brummen, das sie stets mit New York assoziiert hatte; die nervöse, aufgekratzte Energie von Menschen in Bewegung, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit vollgestopfte Terminpläne abarbeiteten. So, wie die Wolkenkratzer in Manhattan dafür sorgten, dass auf der Insel immer mehr Wohnraum zur Verfügung stand, verdichtete die Stadt auch die Tage der Menschen, konzentrierte, intensivierte, komprimierte ihre Zeit, dickte sie quasi ein. Ida fragte sich, ob ihr das nicht an die Nerven gehen würde, ob sie nicht vor schierer Klaustrophobie zusammenbrechen würde.

Sie glitt durch die Sturzfluten, während die Lautsprecher dröhnten, und erreichte die Bank, an der sie mit Michael verabredet war. Sie blickte zu der Messinguhr über dem Informationsschalter auf. Die Zeiger vor dem Ziffernblatt aus Milchglas verrieten ihr, dass sie immer noch ein wenig zu früh war. Während sie wartete, sah sie sich um, betrachtete das Gedränge, die Sonnenstrahlen, den Mief, die Decke des Bahnhofs, ewig weit über ihr, mit dem Gemälde, das vom Schmutz und vom teerhaltigen Zigarettenqualm vieler Jahre verdunkelt war.

Irgendwann erkannte sie, was das Gemälde darstellte – die Sternbilder, mit goldenen Linien auf blauem Hintergrund, sowohl die Sterne selbst als auch, auf das Universum draufgesetzt, die antiken Gestalten der griechischen Mythologie, die sie repräsentierten. Im goldenen Staub der Milchstraße konnte sie Orion, Taurus, Aries und Pisces ausmachen. Aus irgendeinem Grund blieb ihr Blick auf Gemini ruhen, den Zwillingen, die sich aneinanderklammerten, während sie über das Firmament zogen, der eine hielt eine Sichel, der andere eine Leier. Etwas an den Bewegungen der Gestalten, an der Art und Weise, wie sie das Gedränge spiegelten, verunsicherte sie.

Während sie darüber nachdachte, wie das sein konnte, bemerkte sie, dass sich ihr durch die Menschenmenge jemand näherte. Michael, eine Hand gehoben, winkend. Er trat durch einen der Sonnenstrahlen, die durch die Dachfenster fielen, und seine Gestalt blitzte kurz auf, strahlte, staubumwirbelt. Genauso schnell trat er wieder aus dem Sonnenstrahl heraus, und das Aufblitzen verschwand, und Idas Augen stellten sich darauf ein.

Kaum stand er vor ihr, umarmten sie sich, klammerten sich so fest aneinander wie die Gemini-Zwillinge, die hoch oben durch die Milchstraße taumelten.

»Michael«, sagte sie.

»Ida. Willkommen in New York.«

Sie lösten sich aus der Umarmung, und Ida betrachtete ihren Freund. Michael war Anfang siebzig, auch wenn das wegen der Pockennarben, die sein Gesicht bedeckten und Falten sowie Weichheit verbargen, schwer zu sagen war. Trotz seines Alters hielt er den Rücken immer noch gerade und hatte sich seine große, hagere Gestalt bewahrt. Doch er hatte sich verändert in den Monaten, seit Ida ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er sah müde aus, erschüttert über die Katastrophe, die über sein Leben hereingebrochen war und Aufruhr und Verletzungen mit sich gebracht hatte. Sie hätte sich freuen müssen, ihn zu sehen, ein vertrautes Gesicht in einer fremden Stadt. Doch stattdessen machte sie sich Sorgen. Sie überlegte, was sie sagen konnte, was nicht abgedroschen klingen würde, und fragte sich, ob ihre Stimme verraten würde, wie besorgt sie war.

»Wie geht es dir?«, fragte sie.

»Ich schlag mich durch. Und du?«

»Es juckt mich in den Fingern anzufangen.«

Er nickte, denn er kannte das Gefühl. »Danke, dass du gekommen bist«, sagte er schlicht.

»Hast du etwa gedacht, ich würde zu Hause bleiben?«

Sie lächelte, und eine Sekunde später erwiderte er ihr Lächeln, und sie standen verlegen da, und die Frage, die Ida die letzten Wochen gequält hatte, nagte wieder an ihr – warum hatte er sie nicht schon viel früher angerufen? In den zwanzig Jahren, seit sie ihre Agentur führte, hatte sie sich zur Expertin für Justizirrtümer gemausert. Sie war die Erste, die er hätte anrufen sollen.

»Möchtest du zuerst in dein Hotel?«, fragte er. »Um deine Sachen abzustellen? Wir müssen zum Tatort und dann auf die Insel.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab nur das hier«, sagte sie und wies auf den schmalen Koffer zu ihren Füßen. »Lass uns anfangen. Im Hotel anmelden kann ich mich auch später.«

Sie wandten sich um und gingen zum Eingang zur U-Bahn, und Ida betrachtete noch einmal ihren bedrückten Freund.

»Wir schaffen das, Michael«, sagte sie. »Wir sorgen dafür, dass er freikommt.«

Während sie das sagte, begriff sie, dass es ihr schon nicht gelungen war, nichts Abgedroschenes zu sagen.

»Klar tun wir das«, antwortete Michael.

Doch sie spürte sein Unbehagen, eine Unsicherheit, die in ihren eigenen Gefühlen widerhallte. Da begriff sie, dass dieselben Befürchtungen an ihnen beiden nagten, nämlich dass dieser Fall, der wichtigste, den sie je gehabt hatten, sich als der erweisen mochte, den sie nicht gewinnen konnten.

5

Montag, der 3., 7:25 Uhr

Als sie aus dem U-Bahnhof auftauchten, sah Ida, dass die Sonne verschwunden war, der Himmel hatte sich zugezogen, und vom Fluss wehte ein eisiger Wind.

»Willkommen in Harlem«, sagte Michael.

Ida lächelte und zog ihren Kragen hoch, und sie gingen die Lennox Avenue nach Süden, eine breite, von Bäumen gesäumte Durchgangsstraße mit eleganten Stadthäusern und Wohnblocks, Restaurants, Bars und Läden. Auf den Gehwegen eilten Menschen zu U-Bahnhöfen und Bushaltestellen: schwarze Frauen auf dem Weg nach Downtown in die Häuser der Weißen, unter dem Arm, in braunes Papier eingewickelt, ihre ordentlich gefaltete Dienstmädchenuniform; Männer in Kolanis und Schiebermützen auf dem Weg in Lagerhallen und Fabriken; Scharen von Kindern, die unter der Last ihrer Schulbücher stöhnten.

Ida hörte die Stimmen dieser Menschen, als sie vorübergingen – viele sprachen, genau wie sie, mit Südstaatenakzent. Die meisten Schwarzen in New York stammten, genau wie in Chicago, aus dem sogenannten Baumwollgürtel, waren vor dem Rassenhass und der erdrückenden Armut geflohen.

Ida fiel auf, dass die Menschen Michael anstarrten – ein großer, dünner Weißer so weit Uptown. Es schien ihn nicht zu stören. Er hatte in New Orleans eine Farbige geheiratet, zwei farbige Kinder aufgezogen, war nach Chicago gezogen und hatte jahrelang in der Southside gelebt. Er war es gewohnt, dass die meisten Menschen ihm neugierige Blicke zuwarfen. Jetzt war eines dieser Kinder nach New York gezogen und des mehrfachen Mordes angeklagt worden. Feindselig gesinnte Bewohner aus dem Viertel waren das Letzte, worüber er sich Sorgen machte.

Nieselregen setzte ein, tröpfelte vom Himmel auf die Gehwege und Bordsteine, wo Halloween-Dekorationen vom Wochenende zuvor abgelegt worden waren, damit die Müllwagen sie einsammelten – aus Papier ausgeschnittene Skelette und Hexen, ganze Berge von Kürbisköpfen, die faulten, halb zerdrückt, mit ihrem teuflischen, schartigen Lächeln.

Ida hielt den Kragen gegen den Regen noch fester zusammen, Michael zog den Hut ins Gesicht. Sie kamen auf die 141st Street, überquerten die 7th Avenue. Hier, in den kleineren Straßen, war der Verfall noch deutlicher, und wieder sah Ida, dass Harlem der Southside von Chicago sehr ähnlich war – Pfandleihgeschäfte, Drogennester, verrammelte Branntweinschenken. Einst prächtige Häuser waren dem Verfall anheimgegeben, abbröckelnde Gesimse, rostige Geländer, mit Brettern vernagelte Fenster und überall auf der Straße kaputtes Mobiliar, überquellende Müllkübel und andere universelle Zeichen des Verfalls. Verschiedene Städte, dieselben Slums.

Sie kamen zu einer Reihe heruntergekommener Sandsteinhäuser. Michael zeigte auf ein Gebäude gegenüber einem root doctor, einer Art Kräuterheiler.

»Da ist es«, sagte er. »Der Tatort.«

Sie überquerten die Straße und näherten sich dem Eckhaus aus rötlich braunem Sandstein mit dem hohen, schmalen Schild – Palmer Hotel – aus umbrabraunen Buchstaben auf einem Hintergrund, der irgendwann wahrscheinlich einmal gelb oder ockerfarben gewesen war, den der jahrelange Smog aber in etwas zwischen Gelbsucht und Gallenflüssigkeit verwandelt hatte. Breit und Unheil verkündend hockte das Gebäude da, schien über ihnen zu dräuen, als könnte das Gemäuer sich jeden Augenblick aufrichten und auf sie stürzen. Kein Ort, an den man hinzog, sondern ein Ort, an dem man strandete. Was zum Teufel hatte Michaels Sohn hier gemacht? Der Junge hatte einen Abschluss an der Medizinischen Fakultät der Northwestern gemacht und vor dem Krieg als Arzt gearbeitet.

Ida sah Michael an. »Wie wollen wir vorgehen?«

»Erinnerst du dich an Dave Carrasco?«

»Aus West Town?«

Michael nickte. »Er ist vor ungefähr zehn Jahren hierhergezogen. Er ist jetzt Detective bei der Mordkommission. Eigentlich arbeitet er ja für die Staatsanwaltschaft, aber er ist mir noch was schuldig. Er hat mich einen Blick in die Akte werfen lassen und will sich mit mir den Tatort ansehen. Er wird bald hier sein. Komm, lass uns aus dem Regen gehen.«

Sie gingen zum Eingang des Kräuterheilers und suchten Schutz unter der Markise. Ida betrachtete die Schaufenster. Sie waren mit weißen Gardinen verhängt, und darüber hing ein Schild – Prinz Moses –echter root doctor aus New Orleans. Bietet Voodoo-Hexerei, Liebestränke, Befreiung von Flüchen und Exorzismus, magische Kerzen und Öle. Auf dem Fensterbrett stand eine Reihe brauner Gläser, auf jedem ein Etikett – Folg mir, Junge – Fort mit dir, Böses – Schutz – Wohlstand.

Ida betrachtete die verschnörkelten Buchstaben.

»Zigarette?«

Sie blickte auf und sah, dass Michael ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche geholt hatte. Sie nahm eine. Sie zündeten sie an und blickten durch den Regen zum Hotel hinüber, und wieder fragte Ida sich, wie Tom dort gelandet war. Sie erinnerte sich daran, wie sie in ihrem Büro in Chicago die Nachrichtenberichte gelesen hatte – Brutale Morde im Harlemer Haus des Grauens. Sie erinnerte sich an den Schock beim Anblick von Toms Namen. Sie hatte bei Michael zu Hause angerufen, und Annette, Michaels Frau, hatte abgehoben und ihr erklärt, dass Michael bereits auf dem Weg nach New York war.

In den Wochen danach hatte der Schock nachgelassen, doch die Verwirrung nicht. Ida kannte den Jungen von Kindesbeinen an, sie hatte miterlebt, wie er aufgewachsen war, und das Gefühl gehabt, dass er so etwas wie ihr Neffe war. Tom hatte immer etwas Sanftes gehabt, er hatte Arzt werden wollen, um Menschen zu helfen. Die Vorstellung, er könnte jemanden verletzen, war vollkommen widersinnig. Es war ganz gegen seine Natur und gegen alles, wofür er stand.

Sie wandte sich Michael zu. Sie wollte mit ihm über die Situation reden, wollte wissen, wie es ihm ging. Er hatte vor zehn Jahren aufgehört zu arbeiten, und dann hatte er wie aus heiterem Himmel einen Anruf von Rikers Island bekommen, und jetzt stand er, statt seinen Ruhestand zu genießen, im Regen an einer Straßenecke in Harlem. Wie sehr ihn das belastete, war ihm deutlich anzusehen; er war missmutig und verschlossen.

»Wer ist dein Anwalt?«, fragte sie.

»Len Rutherford. Er war ungefähr unsere sechste Wahl. Die ersten fünf wollten den Fall nur übernehmen, wenn Tom sich schuldig bekennt, und seit Rutherford die Beweise gesehen hat, setzt er uns ebenfalls unter Druck, genau das zu tun. Man ist sich einig, dass Tom gestehen soll, um eine Verfahrensabsprache zu erreichen, dann kommt er vielleicht raus, wenn er so alt ist wie ich jetzt.«

Michael zog an seiner Zigarette, ohne Ida anzusehen. Er löste den Blick nicht von der bröckelnden Fassade des Palmer Hotels.

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich je wieder so eine Arbeit machen muss«, sagte er bitter. »An welchem Fall haben wir zuletzt zusammengearbeitet? Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern.«

Sie überlegte schnell, ging in Gedanken ihre gemeinsamen Abenteuer durch und versuchte, das letzte zu verorten. Fast ein Jahrzehnt lang hatten sie im Chicagoer Büro von Pinkerton zusammengearbeitet, doch auch danach – als Ida ihre eigene Agentur gegründet und Michael einen Posten beim Finanzministerium angenommen hatte – hatten sie gelegentlich den einen oder anderen Fall zusammen gelöst, wenn Ida Michaels Hilfe – oder er ihre – gebraucht hatte.

»Der verschwundene chinesische Buchmacher«, sagte Ida. »Das war um die Zeit der Stahlarbeiterstreiks.«

Michael erinnerte sich und nickte. Der Regen prasselte unablässig weiter.

Vor dem Hotel fuhr ein Plymouth vor, und Michael zeigte darauf. Sie überquerten die Straße. Auf der Fahrerseite stieg ein dicklicher Mann mittleren Alters aus, der einen buschigen Schnurrbart und einen Chesterfield-Mantel mit Hahnentrittmuster trug.

»Detective Carrasco«, sagte Michael. »Du erinnerst dich an Ida?«

»Sicher, sicher«, sagte Carrasco und reichte ihr die Hand. »Wie geht es Ihnen, Miss Davis?«

»Gut, Mr Carrasco«, sagte Ida. »Aber ich bin inzwischen Mrs Young.« Selbst zwei Jahre nach seinem Tod war es seltsam, Nathans Nachnamen zu benutzen, als ob sie seit seinem Tod kein Recht mehr darauf hätte.

»Verzeihung«, sagte Carrasco. »Hier.«

Er hatte einen dicken Aktendeckel in der Hand, den er Michael reichte. »Das ist die Akte«, erklärte er. »Du kannst sie behalten. Meine Sekretärin ist ein bisschen vernarrt in mich und hat mir eine Abschrift gemacht.«

»Danke, Kumpel«, sagte Michael und nahm die Akte.

»Wollen wir?«, fragte Carrasco und zeigte auf das Hotel.

Sie gingen die Stufen zum Eingang hinauf und traten ein. Der Empfangsbereich war schäbig und eng. Auf einer Seite stand der Empfangstresen, vom Rest des Raums separiert durch eine Trennwand mit einem Fenster mit Maschendraht. Dahinter führte eine Treppe in die oberen Etagen, ein Flur verschwand in den Tiefen des Gebäudes.

Sie gingen zum Tresen, und durch den Maschendraht sah Ida einen großen, schlaksigen Schwarzen, der auf einem Stuhl saß und die Sportseiten des New York Mirror las. Auf dem Schalter hinter ihm war ein Regal mit Schlüsselfächern, und ein Bakelit-Radio spielte Blues.

Der Mann betrachtete sie über den Rand seiner Zeitung, ohne sie zu grüßen.

Carrasco zeigte seine Dienstmarke. »NYPD«, sagte er. »Ich habe angerufen. Wir müssen uns noch einmal die Tatorte und das Zimmer des Verdächtigen ansehen.«

Der Mann betrachtete Carrasco mit vollkommen ausdrucksloser Miene. Dann drehte er sich träge zu den Fächern um und kramte drei Schlüssel heraus, die er auf den Schalter legte. Carrasco nahm sie und reichte sie Michael.

»Ich bleibe hier«, sagte Carrasco in der vollkommen richtigen Annahme, dass Michael und Ida sich die Tatorte allein ansehen wollten. »Falls ihr Fragen habt, ruft einfach.«

Michael nickte. »Danke«, sagte er und drehte sich zu Ida um. »Wo möchtest du anfangen?«

Ida überlegte, rief sich die Einzelheiten aus den Zeitungsberichten in Erinnerung, die sie in den letzten Wochen gründlich studiert hatte.

»Tom hatte ein Zimmer im fünften Stock?«, fragte sie.

Michael nickte.

»Dann lass uns da anfangen.«

 

Zimmer 502 war eng und trist: ein leeres Bettgestell in einer Ecke, ein Kleiderschrank in einer anderen und unter dem Fenster ein Tisch und ein Stuhl. Ein deprimierender Raum, umso deprimierender, da sie wussten, dass Tom hier seine letzten Tage vor der Festnahme verbracht hatte.

Michael schlug die Akte auf, blätterte darin und reichte Ida einen Stapel Tatortfotos. Die Bilder zeigten das Zimmer, wie die Polizisten es in der Mordnacht vorgefunden hatten: eine Matratze und Laken auf dem Bett, Kleider auf dem Stuhl, Bücher auf dem Fußboden, doch vor allem Voodoo-Utensilien, überall im Zimmer verstreut. Seltsame Dinge – Strohpuppen mit schreienden schwarzen Gesichtern, kunstvolle Kruzifixe, eine Ikone der Jungfrau Maria, von Schlangen umzingelt, ein winziger Sarg mit Stroh und Matsch gefüllt.

»Dieser Voodoo-Kram soll die Aufmerksamkeit ablenken«, sagte Ida.

Michael nickte; er verstand, worauf sie hinauswollte.

»Tom sagt, er hat diese Sachen noch nie im Leben gesehen. Erst als sie ihm die Aufnahmen vom Tatort gezeigt haben. Ich glaube ihm das. Der Junge hat mit vierzehn das letzte Mal einen Fuß in eine Kirche gesetzt. Er ist nicht einmal gläubig, geschweige denn abergläubisch.«

Ida nickte und betrachtete noch einmal die Fotos. In der Stille drang das Radio im Empfangsbereich die Treppe herauf ins Zimmer, die schwirrenden Akkorde von Guitar Slims South Carolina Blues, weit weg und gespenstisch.

»Hast du Toms Zeugenaussage?«, fragte sie.

Michael nickte, zog sie aus dem Aktendeckel und reichte sie ihr.

Ida überflog sie. In seiner Aussage behauptete Tom, er habe im Bett gelegen und geschlafen, als er vom Lärm unten geweckt worden sei. Er sei hinuntergegangen, um nachzusehen. Habe die beiden Toten im zweiten Stock entdeckt und die beiden anderen Toten im Erdgeschoss. Er sei in das Zimmer gegangen, in dem einer der Toten lag, da seien die Polizisten hereingeplatzt und hätten ihn verhaftet.

Ida blickte zu Michael auf. »Er behauptet, geschlafen zu haben, während vier Menschen ermordet wurden?«

»Ich finde das auch recht unglaubwürdig.«

»Und bei der Geschichte ist er auch geblieben?«

»Ja.«

Sie sah ihn an und spürte zum ersten Mal Groll in ihm. Die Tatsache, dass immer noch ein Funke davon in ihm war, zerstreute ihre Besorgnis um sein Wohlergehen. Zumindest ein wenig. Sie ging im Zimmer umher, trat ans Fenster und spähte hinaus. Auf der Straße unten war jemand in den Laden des Kräuterheilers gegangen und hatte das Licht eingeschaltet. Eine Leuchtreklame, die ihr zuvor nicht aufgefallen war, ging an, scharf umrissen gegen das bleiche Herbstlicht – in blauen Linien zeigte sie einen Schädel mit Zylinder und darunter in Grün die Worte Louisiana Voodoo