Gaslicht - Jessica Jurassica - E-Book

Gaslicht E-Book

Jessica Jurassica

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Beschreibung

Eine Gewalterfahrung hat die Protagonistin zu einer Art Seismograph gemacht: Das Geschehene hallt in ihr nach und will aufgezeichnet werden. Und je lauter die Gegenwart, desto lauter auch ihre Vergangenheit, stellt sie fest, als sie in den ersten großen Schweizer #MeToo-Skandal verwickelt wird. Also begibt sie sich auf eine Reise, um dem Trauma auf den Grund zu gehen und sich ihrer Geschichte wieder zu ermächtigen: New York, Wien, Lissabon, Meran und die Zentralschweiz. In der Gegenwart der Protagonistin spiegelt sich das fragmentarische Echo ihres Stammbaums: von Urgroßmüttern, die in den 1920ern in Manhattan arbeiteten, bis zu Dorothea von Flüe im 14. Jahrhundert. »Gaslicht« stellt als #MeToo-Roman die Bruchstückhaftigkeit der Erinnerung dar. Wie kann die Natur des Traumas erzählt werden? Wie kann ein Text der überlebten Gewalt gerecht werden? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, schält Jurassica Zeitschichten und seziert patriarchale Erzählungen. »Gaslicht« bricht in seiner sprachlichen und erzählerischen Vielschichtigkeit immer wieder aus dem inhärenten popkulturellen Rahmen aus und baut auf ein starkes feministisches Fundament. So verweist «Gaslicht» auf Werke von Louise Bourgeois, Judith Hermann, Verena Stefan, Annie Erneaux oder Carmen Maria Machado.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jessica Jurassica

Gaslicht

Die Autorin dankt der Pro Helvetia für den Kreationsbeitrag (2023) und der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur in Meran, Writer in Residence (2022) sowie der Kulturförderung des Kantons Bern für das Auslandstipendium in New York (2023).

Der Verlag dankt der Kulturförderung Kanton Appenzell Ausserrhoden und dem Fachausschuss Literatur BS/BL für die Unterstützung dieser Publikation.

Jessica Jurassica

Gaslicht

lectorbooks GmbH, Zürich

www.lectorbooks.com

Umschlagbild: Mia Naegeli

Buchgestaltung: Fabian Frey, Samara Keller, Christian Knöpfel

Satz: Peter Löffelholz

Lektorat: Patrick Schär

Gesamtherstellung: CPI books GmbH

1. Auflage 2025

© 2025, lectorbooks GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Eine Nutzung dieses Werks zum Training von KI-Technologien ist untersagt.

ISBN 978-3-907709-21-4

eISBN 978-3-907709-22-1

Printed in Germany

Verantwortliche Person (Verlagsauslieferung in der EU):

Kontaktdaten des Verlags:

GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung

lectorbooks GmbH

Göttingen GmbH & Co. KG

Dialogweg 7

Postfach 2021 37010 Göttingen

8050 Zürich

E-Mail: [email protected]

E-Mail: [email protected]

Telefon: (+49) 551-384 200 0

INHALT

Intro

1

2

3

4

5

6

7

8

Endnoten

Zur Autorin

»If trauma is truly a social problem, and indeed it is, then recovery cannot besimply a private, individual matter.«

Judith L. Herman

Intro

Im Kägi-Hauptsitz im Toggenburg wurde mir ein symbolischer Scheck im Design eines riesigen Kägi frets überreicht. Der Kägi-Chef schüttelte mir die Hand, die Marketing-Managerin schoss ein Foto, auf dem ich angespannt schaute. Dann entließen sie mich mit dem Kägi-Scheck raus in die Welt.

Als ich noch mit den Hippies rumhing, hatte es geheißen, raffinierter Zucker verklebe das dritte Auge. Obwohl ich das nicht so wirklich ernst nahm, hörte ich auf, Zucker zu essen, auch noch lange nachdem ich die Hippies hinter mir gelassen hatte. Während meiner zuckerfreien Jahre hatte ich die Existenz des Kägi frets fast völlig vergessen, bis ich Aline Grafs Buch »Der andere Niklaus Meienberg« las. Dort gibt es eine Szene, in der sich Meienberg an einer Tankstelle ein Kägi fret kauft. Er fordert die Protagonistin auf, es ihm auszupacken, und verschlingt es dann »wie ein Bär«. Es ist eines der wenigen Male, dass er sie mit in die Außenwelt nimmt, ansonsten treffen sich die beiden während ihrer mehrjährigen Affäre ausschließlich in ihrer Wohnung. Er taucht auf, wann immer es ihm passt, und nimmt sich, was er will.

Die Hippies waren inzwischen weit weg, und nachdem ich die Szene mit Meienberg gelesen hatte, wurde das Kägi fret Teil meiner Snack-Rotation. Eines Tages gab es zum Kägi fret am Bahnhofskiosk ein Gewinnspiel dazu. Gewinnen konnte man eine Weltreise in Form eines Gutscheins für ein Reisebüro im Wert von 20000 Franken. Ich füllte das Onlineformular aus und schickte es ab. Ich MUSSTE diese Weltreise gewinnen, denn ich wollte einen #MeToo-Roman schreiben. Benjamin von Stuckrad-Barre hatte seinen #MeToo-Roman »Noch wach?« auf den Seychellen geschrieben, weil er meinte, in Berlin ließe es sich nicht schreiben. Benjamin von Stuckrad-Barre konnte mit seinen scheiß Seychellen einpacken und mit seinem #MeToo-Roman sowieso. Ich würde meinen auf Weltreise schreiben, und zwar auf Kägi frets Nacken.

Und da stand ich dann also mit dem riesigen Scheck unterm Arm irgendwo im Toggenburg. Ein paar Hügel und Täler weiter lag das Stück Land, auf dem ich aufgewachsen war. Fast glaubte ich, die Esel rufen zu hören. Ich zog mein Telefon aus der Tasche und buchte den nächstbesten Flug nach New York. Aus dem Goodiebag, den ich neben dem Kägi-Scheck überreicht bekommen hatte, fischte ich ein Kägi fret heraus, packte es aus, biss hinein und verschlang es wie ein Bär.

1

Habe ich eigentlich bereits einmal die Geschichte erzählt, wie ich versuchte, den Jakobsweg rückwärts zu gehen? Von Bern in die Ostschweiz wollte ich wandern, nachdem ich ein paar Jahre zuvor von der Ostschweiz nach Bern gezogen war. Ich ging los, vom westlichen Ende quer durch die ganze Stadt, auf der anderen Seite aus ihr raus und schließlich an Stettlen, Vechigen, Utzigen und so vorbei und dann ins Emmental hinein. Aber nach zwei oder drei Tagen gab ich auf, mir fehlte die Kondition und die Ausrüstung. Meine Achillessehnen waren entzündet, jeder Schritt schmerzte. Knapp bis Rüegsau oder Lützelflüh hatte ich es geschafft. Ich stieg in den Zug und war in einer halben Stunde wieder in Bern.

Das war in jenem Sommer, an dessen Ende ich für einen kurzen Herbst in das Haus am Stadtrand zog, zwischen Bahnlinie und Autobahn, der Sommer, in dem ich meinem alten Leben endgültig den Rücken kehrte, nicht mehr zurück in die Ostschweiz schaute, geschweige denn fuhr, nur selten in das Tal, in dem ich aufgewachsen war, aber das war etwas anderes, ein Wurmloch, eine Kapsel, abgeschottet von allem, sieben Hektar Land, eingeschlossen von Bächen, Büschen, Dornenhecken und einem Waffenplatz, von dem manchmal Schüsse herüberpeitschten – der Soundtrack meiner Kindheit, aus einem Paralleluniversum, mit dem ich so ganz und gar nichts anfangen konnte. Manchmal, wenn keine Übungen waren und statt Krieg spielender Soldaten nur Schafe weideten, schlüpfte ich durch das einzige Loch in der Hecke in dieses Paralleluniversum rüber und wanderte über den weitläufigen Waffenplatz, durch Gräben und fake Häuser mit fake Fassaden und über einen verlassenen Helikopterlandeplatz.

Das Militär war für das Dorf eine Art Tor zur Welt, sonst kam ja niemand her, aber die Truppen kamen immer wieder, und dann teilten wir mit ihnen das Mehrzweckgebäude, in dem wir Sportunterricht hatten, in dem es dann wochenlang nach Ghackets mit Hörnli roch und in dessen Bauch die Rekruten untergebracht waren, in Bunkern, die ich nie von innen gesehen hatte, aber die manchmal in wirren, beängstigenden Träumen auftauchten. Das Militär war das Tor zur Welt auch für einige Mädchen, denen die gleichaltrigen Jungs zu jung waren und die mit knapp sechzehn, manche auch jünger, mit dreizehn sogar, erste sexuelle Erfahrungen mit den Rekruten machten, die für ein paar Wochen da in den Bunkern lebten und die abends dem Leuen, dem Ochsen, dem Rössli und der Harmonie guten Umsatz bescherten und tagsüber mit von Steuergeldern finanzierten Panzern und Lastwagen ins Tal herunterfuhren, um gleich neben dem verwunschenen Stück Land, auf dem ich meinen Dornröschenschlaf schlief, in die Talkerbe hineinzuballern, als wäre das eine ganz normale und mit gesundem Menschenverstand legitimierbare Tätigkeit.

Nicht einmal für M. fuhr ich noch zurück, in die Dachwohnung hinter dem Bahnhof St. Gallen, hatte ich doch nach der kurzen Zeit im Haus am Stadtrand bald selbst eine, in einer anderen Stadt zwar, aber auch unter dem Dach, auch beim Bahnhof. Einmal kam M. mich noch besuchen, es war eines der wenigen Male, in denen er in meinem Leben zu Gast war und nicht umgekehrt. Wir rauchten Joints und sprachen davon, unsere Zukunft gemeinsam zu verbringen. Danach sahen wir uns nie wieder und ich mied alles, was mit früher zu tun hatte, außer eben die von Dornen umschlossene Kapsel in dem Tal, in der ich zwanzig Jahre geschlummert hatte, ohne dass ein Prinz mich hätte retten können. Höchstens eine Prinzessin. Oder Prinz*essin, Prinx, Pringles, Princous oder Princette vielleicht? Keine Ahnung, einfach irgendetwas anderes als Typen auf Pferden oder Traktoren oder noch schlimmer: in Panzern wie drüben in dem von Männern und Männlichkeiten übersprudelnden Paralleluniversum. Aber damals existierten keine lesbischen Identitäten und schon gar keine Genderidentitäten außerhalb der binären Ordnung, jedenfalls keine, von denen ich gewusst hätte, keine, die benannt worden wären. Also existierte auch ich nur so halb und wusste nicht wohin mit meinem Körper, meinem Begehren, meiner Haut, meinem Spiegelbild, meiner Verwirrung, meinem Schmerz.

Ich hatte also versagt, oder vielleicht war es auch einfach eine paraphysikalische Unmöglichkeit, den Jakobsweg rückwärts zu gehen. Keine Ahnung. Die kommenden paar Jahre blieb ich jedenfalls in Bern und hatte da erst eine ziemlich gute und danach eine ziemlich beschissene Zeit. Als ich lange nach der gescheiterten Wanderung wieder in Stettlen oder Vechigen oder Utzigen landete, waren ungefähr drei gute und vier beschissene Jahre vergangen. Ich steckte in den Vorbereitungen für meine Reise nach New York und hatte ein Problem: Ich besaß keinen Koffer und hatte auch nie einen besessen. Deshalb verbrachte ich ziemlich viel Zeit damit, Größen und Modelle zu studieren, lungerte im Coop City in der Gepäckabteilung herum und erstand schließlich einen Koffer auf Ricardo.

An einem eiskalten Januarnachmittag fuhr ich dann Richtung Emmental, nach Stettlen, Vechigen oder Utzigen, zu einer Familie, die Koffer besaß, also zu einer Kofferfamilie – eine Mittelschichtfamilie, die sich regelmäßig Flugreisen leisten konnte und die in einem Obere-Mittelschicht-Haus auf einem Hügel lebte, von dem aus man über die verschneite Landschaft sah. Ich klingelte, der Vater öffnete und war so mittelschichtmäßig streng-nett, so wie alle Mittelschichtväter meiner Mittelschichtfreund*innen immer waren, manche mehr nett als streng, andere andersrum. Dieser hier eher auf der strengeren Seite des Spektrums. Ich hatte im Vorfeld nur mit der Mutter Kontakt gehabt, die war aber nicht da und stellvertretend war der Sohn zuständig für das Geschäft, der Vater jedenfalls gab relativ deutlich zu verstehen, dass ihn das alles nichts anginge. Der Sohn war im Teenageralter und führte mir betont seriös den Koffer vor, während ich im schummrigen Hauseingang stand und dabei so tat, als würde ich durch die angeschlagenen Brillengläser sehen und überhaupt als hätte ich irgendeine Ahnung, was ich definitiv nicht hatte, ich kaufte mir schließlich gerade mit fast dreißig meinen ersten Koffer überhaupt. Ich drückte dem Sohn schließlich eine Zwanzigernote in die Hand und machte, dass ich da wegkam. Den leeren Koffer hinter mir herziehend stieg ich den Hügel wieder runter, der ganze Weg führte an Einfamilienhäusern vorbei, sowieso schien das ganze Dorf nur aus Einfamilienhäusern zu bestehen. Es war wirklich scheißkalt und ich holte mir eine so üble Nebenhöhlenentzündung, dass tagelang nur Schleim und Eiter aus meinem Kopf herausquoll und ich bis zwei Tage vor meiner Abreise nicht daran glaubte, je wieder gesund zu werden.

Aber ich wurde gerade noch rechtzeitig wieder gesund. Als ich am Tag meiner Abreise nach drei Stunden unruhigem Schlaf frühmorgens aufbrach, löste sich nach fünf Metern irgendwas von einem der Räder meines Koffers, und von da an rollte er nur noch halb so gut. Ich tat trotzdem so, als hätte ich alles im Griff, als hätte ich irgendeine Ahnung von dem, was ich da tat, ließ mich durch Check-ins und Security-Schleusen treiben, aß, was mir im Flugzeug vorgesetzt wurde, ließ mich nach zehn Stunden wieder ausspucken und stellte mich in die Schlange für den Grenzübertritt, wo ich mich zwei Stunden lang von USA-Propagandavideos berieseln ließ. Die waren aber irgendwie wenig wirksam, im Gegenteil, mit jeder Wiederholung verstand ich weniger, was es nun genau mit Nationalstolz, Sicherheit und Freiheit auf sich hatte und wie diese Wörter zusammenhingen. Aber vielleicht ging es bei den Videos sowieso nur darum, einen einzuschüchtern, und um nichts anderes. Ich hatte eine Tasche umgehängt, auf der groß »MILLENNIAL« und klein »it's my generation« draufstand, und da es keine gerade Schlange war, sondern eine, wo man sich jeweils von einer Seite zur anderen und wieder zurück bewegte, kamen mir in den Reihen links und rechts ständig Menschen entgegen, die auf diesen Millennial-Bag starrten. In der ersten Stunde cringte ich noch, aber in der zweiten gab ich mich dem Style hin.

Zwei Monate davor hatte ich ähnlich lang für das Visum angestanden, bei der Botschaft in Bern. Es war der monatliche Visum-Tag, mein Termin war morgens um acht, es war eiskalt, und bevor ich überhaupt das Gebäude betreten konnte, musste ich erst an einem Schalter draußen anstehen, um meine Dokumente abzugeben, und dann durch den Sicherheitscheck, der strenger war als an jedem Flughafen. Drinnen wurde ich von einem Schalter zum nächsten gelotst, bis ich das für das Visum erforderliche Interview machen konnte. Das Interview fand an einem weiteren Schalter statt und bestand aus drei Minuten Smalltalk, bevor mir der Mann hinter dem Schalter das Visum ausstellte. Meinen Pass konnte ich ein paar Tage später in einem Keller im Kirchenfeld abholen.

Für den Grenzübertritt am Flughafen in New York musste ich nur einen einzelnen Schalter am Ende der Schlange passieren. Nachdem ich diesen hinter mich gebracht und meinen Koffer geholt hatte, irrte ich durch Straßen und Subway-Unterführungen und kam gar nicht klar. Eigentlich hatte ich mit dem Schiff reisen wollen. Wie das Arschloch aus »Homo Faber«. Aber die Frachtschiffe nahmen pandemiebedingt noch immer keine Passagiere mit und auf ein Kreuzfahrtschiff wollte ich nicht. Es wäre sowieso auch alles mindestens viermal so teuer gewesen wie ein Flugticket, und über zwei Wochen im Februar alleine auf einem Frachtschiff, das von Hamburg über Kanada nach New York fuhr, wäre wohl nicht so chillig gewesen. Also flog ich, etwas widerwillig zwar, nicht etwa wegen des Klimas, ich hielt, spätestens seit die ganzen scheiß Billionäre zum Spaß mit phallischen Raketen ins All flogen, wirklich nichts mehr von Individualverantwortung, ein Konzept, das die Ölindustrie erfunden hat, um sich der Verantwortung zu entziehen. Aber ich fand Fliegen einfach weird, weil es so schnell ging. Man setzte sich da rein, und einen halben Tag später kam man am anderen Ende der Welt an, völlig orientierungslos, das Zeitgefühl ausgehebelt, in einem Land, in dem man zuvor noch nie war, und in einer Stadt mit dem scheinbar kompliziertesten Subway-System der Welt, einer Stadt, die nach eigenen Regeln und eigenen Rhythmen funktioniert. Durch dieses Subway-System irrte ich nun also alleine, ohne Internet und nur mit ein paar Google-Maps-Screenshots auf dem Phone. Ich schleppte den Koffer, den ich der Mittelschichtsfamilie auf dem Hügel über der Aare abgekauft hatte, mehrere Treppen hoch und runter, weil natürlich überall der Lift kaputt war oder es gab keinen oder ich fand ihn nicht, und kam schließlich wundersamerweise irgendwann doch in Bensonhurst im Süden Brooklyns an, wo ich aus dem Coney-bound N-Train ausstieg und zu meinem neuen temporären Zuhause fand, ein kleines Kellerapartment im Haus eines älteren jüdischen Ehepaars, das vor ungefähr einem halben Jahrhundert aus der Sowjetunion immigriert war. Ich stellte mich unter die Dusche und schleppte mich danach jetlagged und hungrig zu Target an der 18th Avenue, dessen riesige Leuchtreklame mich anblinkte wie am Jahrmarkt. Von jenem Moment an war ich völlig high von dieser absurden Stadt.

Die 18th Avenue war das Zentrum der Nachbarschaft und wurde somit auch zum Zentrum meines Lebens während meiner Zeit in Bensonhurst. Neben dem Target war ein kleiner Starbucks, in dem in der Regel fünf Angestellte pausenlos beschäftigt waren, gegenüber gab es ein paar Banken, ein Chipotle, einen kleineren italienischen Supermarkt, in dem ich regelmäßig einkaufen ging, sowie an der Straßenecke einen halal Streetfood- sowie einen Taco-Wagen. Es gab verschiedene chinesische und georgische Restaurants, die besten Momos von Brooklyn in einem winzigen, heruntergekommenen Shop, eine italienische Bäckerei, eine Pizza-Bude und unzählige Delis. Folgte man der Avenue Richtung Bay gelangte man bald zu einem kleinen Park, in dem sich die chinesische Community traf, in die andere Richtung führte die 18th in den jüdisch-orthodoxen Teil Brooklyns.

Als nach zwei Monaten der Sommer unvermittelt in die Stadt einfiel, fühlte ich mich irgendwie zu Hause. War ich nicht gerade noch dieses seltsame Kind gewesen, das in Alpenwäldern von Ziegen aufgezogen wurde? Jetzt spazierte ich mit meinem silly little Cappuccino durch Manhattan und war die meiste Zeit gut gelaunt. Die lächerlich hohen Gebäude zogen mich einfach nicht so runter, wie es die Hügel taten, zwischen denen ich versucht hatte aufzuwachsen. Diese Hügel, die sich ständig auf mich zu stürzen schienen, mit der Absicht, mich unter sich zu begraben, aber sie taten es sehr langsam, jedes Mal, wenn ich blinzelte, kamen sie ein wenig näher, als ob ich es nicht bemerken würde. Aber natürlich merkte ich es. You don't fuck with me you fucking Hills. Mit zwölf stand ich vor dem Haus, schaute den Hügeln in die Augen und spürte zum ersten Mal die Depression in mir keimen. Aber es gab damals keinen Ausweg, es lag noch eine ganze Pubertät vor mir, durch die ich durchmusste, dort zwischen diesen Hügeln. Zwischen den Hochhäusern in Manhattan war das anders. Vielleicht, weil man hier immer eine Art Horizont sah oder zumindest eine klare Vorstellung davon hatte. An den Rändern der Stadt begann das Meer. Wenn ich jeweils den Hügel hinaufstieg, an dessen Fuß mein Elternhaus saß, wie eine kleine, 350 Jahre alte, knarrende Warze, konnte ich in der Ferne ein winziges Stück des Bodensees sehen. Aber der Bodensee war kein Horizont. Er war nichts weiter als eine seichte Sackgasse.

Nicht weit von diesem Hügel entfernt, am Rande des Toggenburgs, fällte 1896 ein Mann einen Kirschbaum und ließ daraus einen Tisch für die Aussteuer seiner Tochter anfertigen. Diese Tochter heiratete einen Bäcker, den sie zwanzig Jahre später mitten in der Nacht mit der Hälfte ihrer Kinder verließ, nach Rotterdam reiste und von da mit dem Schiff über den Atlantik nach New York fuhr. Dort fand sie Arbeit an der Upper Westside, direkt am Central Park, wo sie lebte und als Hausangestellte arbeitete. Den Kirschholztisch ließ sie in der Ostschweiz zurück und er wurde in der Familie weitergegeben, landete bei ihrem Neffen, dann bei dessen Sohn und schließlich bei mir. Seit ich ausgezogen war, einmal quer durchs Land, begleitete mich der Tisch meiner Urgroßtante Emma. Ich nahm ihn mit nach Bümpliz Nord, dann weiter nach Bümpliz Süd und schließlich in die Wohnung unter dem Dach. Dort blieb er ein paar Jahre, ich saß an ihm, während ich meinen ersten Roman schrieb. Als ich ihn in mein Atelier stellen wollte, passte er einfach nicht durch die Haustür, durch die er gekommen sein musste, und eines seiner Beine brach beim Versuch, ihn da rauszubekommen, ab. Also nahm ich ihn schweren Herzens gewaltsam auseinander. Nachdem ich die einzelnen Teile schließlich transportiert hatte, setzte ich sie wieder zusammen. Von da an war der Tisch ein bisschen wackelig, aber wenn er an Ort und Stelle stand, dann hielt er.

Mehr als hundert Jahre nachdem Emma die engen Täler und Hügel hinter sich und den Kirschholztisch und ihre Familie zurückgelassen hatte, um über den Atlantik zu reisen, ließ ich denselben Tisch zurück und stieg in ein Flugzeug nach New York City. Ich hatte in letzter Zeit sowieso nicht viel an ihm gesessen und geschrieben, und ich brauchte dringend ein wenig Abstand zu meinem zähen Alltag.

Emmas jüngere Schwester Ida war die Erste der Familie, die das ärmliche Ostschweizer Landleben hinter sich gelassen hatte. Sie war 1893 zur Welt gekommen, ziemlich genau ein Jahrhundert vor mir. Der Großteil unserer Vorfahren lebte seit Jahrhunderten in derselben Region, zwischen dem Toggenburg und den beiden Appenzell, sie waren Fuhrleute und Bauern, und als die Textilindustrie in der Ostschweiz florierte, begannen sie, wie viele andere Familien, neben der Landwirtschaft zu Hause Stickereiarbeiten auszuführen. Als Ida nach New York ging, war die Blütezeit der Ostschweizer Stickereiindustrie bereits vorbei, aber es gab nach wie vor Handelsbeziehungen in die USA. So gelangte Ida 1915 über Kontakte aus der Textilindustrie im Alter von zweiundzwanzig Jahren nach New York, wo sie Arbeit als Hausangestellte fand, an der Upper Eastside, nur eine halbe Stunde Fußweg quer durch den Central Park von dem Haus entfernt, in dem Emma später ebenfalls als Hausangestellte arbeitete.

Auch Emmas und Idas Bruder Johann, mein Urgroßvater, reiste in den 1910er-Jahren in die USA, wo er John genannt wurde und als Holzfäller in Wisconsin arbeitete. Nach ein paar Jahren kehrte er in die Ostschweiz zurück. Anfang 1919 hatte ein Föhnsturm unzählige Dächer abgedeckt, Häuser zerrissen und halbe Wälder niedergemäht. John beteiligte sich in Appenzell an den Aufräumarbeiten und lernte dort Rosa kennen, die er ein paar Monate später heiratete. Noch vor der Geburt ihres ersten Kindes reiste John zurück in die USA, und als mein Großvater geboren wurde, war John bereits in einer abgelegenen Kleinstadt namens Monticello in Wisconsin. Dort hätte er bleiben wollen, vielleicht inspiriert vom Schweizer Auswanderertraum, der bereits tief im nationalen Kulturgut verankert war. Um jene Zeit herum entstand auch Blaise Cendrars' Roman »Gold: Die fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter«1, der 1925 erstmals erschien. Suter war 1834 aus der Schweiz in die USA gereist und prägte dort die Anfänge des kalifornischen Goldrausches wesentlich mit – eine Aufstiegsgeschichte, die bis heute romantisiert wird. Dabei ist spätestens seit den 1980er-Jahren nachgewiesen, dass Suters Kerngeschäft der Kolonialismus war. Er ließ Hunderte von Sklaven für sich arbeiten und handelte mit indigenen Kindern. Natürlich war das Märchen vom Schweizer Auswanderer undenkbar ohne die koloniale Praxis.2 Eine 2011 erschienene Ausgabe von »Gold« ist mit einem Nachwort von Dieter Meier versehen. Dieser beschreibt darin, wie er nach einem gescheiterten Silicon-Valley-Projekt in Argentinien brachliegendes Land kaufte, um dort eine Rinderfarm aufzubauen, und vergleicht dieses riskante Unternehmen mit Suters Abenteuern. Weder in Blaise Cendrars' Roman noch in Dieter Meiers Nachwort wird erklärt, dass Land nicht einfach brachlag, bis weiße Männer kamen und es nutzten, bewirtschafteten und ausbeuteten.

Rosa, die Frau meines Urgroßvaters, träumte nicht vom Auswandern. Also kehrte John in die Schweiz zurück, wo er ein wenig glückliches Leben führte. 1942 starb er im Alter von sechsundvierzig Jahren, nachdem er sich nach einer Blinddarmoperation aus dem Krankenhausbett geschlichen hatte, um im nächsten Wirtshaus seinem Alkoholismus nachzugehen. Weil Rosa nicht auswandern wollte, wurde auch ich da zwischen die Hügel hineingeboren, wie die meisten meiner Vorfahren, und nicht in New York oder Wisconsin oder so. Dort wuchs mein Körper in den Nullerjahren zur Frau heran, und auch wenn die USA weit weg waren, schwappten von jenseits des Atlantiks durch die Zeitungen und Bildschirme popkulturelle Inhalte herüber, um mich und meine Generation nachhaltig zu prägen.

Kurt Cobain hatte in den Neunzigern noch eine männliche Emanzipation mit sensiblen, genderflexiblen Männlichkeitsbildern erhoffen lassen, aber nach seinem Tod war es damit dann auch bereits wieder vorbei. Der aggressive New-Metal wurde groß und damit einhergehend Sexismus und Homophobie. »Girls gone wild« prägte die Popkultur und auf dem Woodstockfestival 1999 gipfelte diese wütende, virile, weiße Mittelschichtjugend in Ausschreitungen und extremer sexueller Gewalt.3 Danach kamen die hypersexualisierten Nullerjahre. Frauen waren entweder zu sexuell aufgeschlossen oder zu frigide und wurden für beides gleichermaßen gehasst. Raum einnehmen durften sie nur in einer passiven Rolle als Sexobjekt. Das von einem vorherrschend weißen US-Amerika herüberschwappende Schönheitsideal: mädchenhaft. Also dünn, kindlich, komplett glatt rasiert, aber irgendwie trotzdem große Brüste. Und blond wie Paris Hilton. Derweil entwickelte sich der Playboy-Hase zu einem der größten popkulturellen Symbole und im TV lief »The Girls of the Playboy Mansion«. Dieses Klima führte zu einer epidemischen Verbreitung von Essstörungen, Tausende junge Frauen hungerten sich in den wohlhabendsten Staaten der Welt zu Tode, einfach weil sie gelernt hatten, ihre Körper abzustoßen, da sie gesellschaftlich sanktioniert wurden, wenn sie Raum einnahmen, sei es nur mit der Präsenz eines durchschnittlich gewichtigen Frauenkörpers.4 Die Sehnsucht nach Kontrolle hatte sich auf den eigenen Hunger eingeschossen, weil es sonst nichts gab, worüber junge Frauen Kontrolle hätten haben können. Britney Spears' Geschichte5 hatte eine ganze Generation gelehrt: Wer als Frau nicht den Erwartungen gerecht wird, die die Gesellschaft an einen hat, oder gar öffentlich für das eigene Recht zu kämpfen wagt, muss damit rechnen, sanktioniert zu werden. Im schlimmsten Fall hieß das: Entmündigung, also das grundlegende Entziehen der Kontrolle über das eigene Leben. Das war also die scheiß Zeit, in der mein Körper erwachsen wurde, da zwischen den Hügeln. Diese Prägungen brannten sich ein und würden immer Teil von mir sein. Nicht einmal eine psychedelische Nahtoderfahrung im kolumbianischen Urwald konnte mir diesen ganzen misogynen Bullshit austreiben.