21,99 €
Geheime Macht in den Bergen, Netzwerk der globalen Elite, Jahrmarkt der Eitelkeiten: dem Weltwirtschaftsforum in Davos haften viele Etiketten an. Seit der Gründung als Managertreffen 1971 durch den deutschen Wirtschaftsprofessor Klaus Schwab hat sich das »World Economic Forum« (WEF) zu einer weltumspannenden Organisation entwickelt. Jedes Jahr pilgern 2500 Teilnehmer, darunter 40 Staats- und Regierungschefs, für eine knappe Woche in das kleine Schweizer Touristendomizil. Seit 1998 ist der Journalist Jürgen Dunsch regelmäßig dabei. Sein Buch ist die erste umfassende Darstellung des WEF aus unabhängiger Feder. Es blickt hinter die Kulissen des globalen Elite-Treffs – von der Organisation bis zu den informellen Anlässen und Gesprächen auf den vielen exklusiven Privat-Veranstaltungen. WEF-Gründer Klaus Schwab ergänzt das Buch mit Einblicken in seinen Tagesablauf und einem großen Interview. Mit 16-seitigem, farbigem Bildteil und exklusiven, bisher unveröffentlichten Bildern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2016
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2017
© 2017 by FinanzBuch Verlag,
ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Werner Wahls
Lektorat: Sonja Rose
Umschlaggestaltung: Marco Slowik
Umschlagabbildung: Henry Leutwyler/Contour by Getty Images
E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, München
ISBN Print 978-3-89879-985-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86248-913-8
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86248-914-5
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.finanzbuchverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Für Therese, Tanja, Peter, Leandra und Livian
Impressum
Widmung
Inhalt
Einleitung: Es geht ums große Ganze
Kapitel 1: Was ist das World Economic Forum?
Kapitel 2: Schwab der Gründer: Ehrgeizig, forsch und mit einer Idee
Kapitel 3: Vom europäischen Managertreff zur globalen Plattform
Davos zum Ersten (1971)
Das Symposium auf der Kippe (1972/73)
Über Europa hinaus (1974 bis 1977)
China und Indien im Blick (1978 bis 1986)
Der Fall des Eisernen Vorhangs (1987 bis 1991)
Nelson Mandela und ein weiteres Mal die Russen (1992 bis 1997)
Zeitenwende für Cologny (1998 bis 2001)
Solidarität mit Amerika (2002)
Der dunkle Schatten des Irakkriegs (2003 bis 2006)
Weltfinanzkrise, erster Teil (2007/08)
Weltfinanzkrise, zweiter Teil (2009/10)
Alte Probleme, neue Herausforderungen (2011)
Fukushima, Europas Schuldenkrise und der Kapitalismus (2012)
Die Rückkehr des Nationalstaats (2013)
Vitaminspritzen für die Globalisierung (2014/15)
Schwab und die Vierte Industrielle Revolution (2016)
Große Zahlen, hohe Ziele (2016)
Der Brexit und das Forum
Kapitel 4: Die Architektur des World Economic Forum
Die Schweiz lässt grüßen
Der Ganzjahresevent
Ein gut gepolsterter Mittelständler
Brückenbauer zwischen Staat und Unternehmen
Hilde Schwab in Aktion
Im Netzwerk von Davos
Wo Licht, da ist auch Schatten
Die Eliten der Zukunft
Das Forum rund um die Uhr
Eine Plattform für die Welt
Kapitel 5: Die Akteure rund um das Forum
Klaus Schwab aus der Nähe
Politikerauftritte als Ritterschlag
Kontakte, Kontakte, Kontakte
Mitglieder, Gäste – und die Kulisse in Davos
Party-Time in den Bergen
Die große Medienparade
Das Weltsozialforum und andere Kritiker
Stilwandel: Krawatten statt Bergschuhe
Kapitel 6: Ein »Rotes Kreuz für internationale Zusammenarbeit«
Klaus Schwab über sein Leben, das Forum und dessen Zukunft
Schlusswort: Alle in meinem Boot
Anhang
Der Board of Trustees des World Economic Forum
Die Strategischen Partner des Weltwirtschaftsforums
Das Stakeholder-Konzept von Klaus Schwab
Schwabs »Vierte Industrielle Revolution«
Ein amerikanisches Bergdorf namens Davos: Das Weltwirtschaftsforum zur Jahrtausendwende
Davos für Journalisten. Ein Interview mit Nestlé-Präsident Peter Brabeck-Letmathe
Ein Arbeitstag mit Klaus Schwab
Professor Klaus Schwab and Mrs Hilde Schwab
Abkürzungsverzeichnis
Über den Autor
Anmerkungen
Bildteil
Im Jahr 1998 hieß es erstmals für mich: Auf zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Ich war fast 50, hatte reichlich Erfahrung als Wirtschaftsjournalist, kannte mich auf den deutschen Vorstandsetagen ganz gut aus. Dennoch war ich auf die mythenumwobene VIP-Parade gespannt. Wie würde es dort zugehen? Zu welchen Erkenntnissen konnten mir die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik verhelfen? Wen würde ich persönlich treffen? Der erste Eindruck war ernüchternd. Das Hotel, in dem ich und viele andere Journalisten untergebracht waren, verströmte jenen herben Charme, der mich an meine Skifahrertage in Davos während der Achtziger Jahre erinnerte. Aber schon bei der Registrierung stand ich neben dem mir bekannten CEO eines Großunternehmens und konnte mir ein Vier-Augen-Gespräch während der Konferenztage sichern. Auch auf der Straße zum Kongresszentrum sah ich viele Manager, die mich erkannten. Ein Stück weiter stapfte UNO-Generalsekretär Kofi Annan durch den Schnee.
Die zufälligen Begegnungen setzten sich in den nächsten Tagen fort: hier Siemens-Lenker Heinrich von Pierer, dort Krupp-Chef Gerhard Cromme und Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer, beide in ihrer Umgänglichkeit für Davos scheinbar wie geschaffen. Auf einem der vielen Anlässe würden wir in den nächsten Tagen den bestehenden Gesprächsfaden weiterspinnen. Besonders interessant waren natürlich neue Kontakte, etwa zu dem Dresdner-Bank-Vorstand Ernst-Moritz Lipp, der damals in Deutschland als große Managerhoffnung galt. Und Klaus Schwab, der Gründer und Maestro des Weltwirtschaftsforums? Man sah ihn viel im Kongresszentrum. Viele Anwesende grüßte er persönlich und noch mehr hätten ihm gerne die Hand geschüttelt. Er bewegte sich ohne die übliche Entourage, die sonst untrüglich einen Prominenten ankündigt.
Dabei hat sich sein World Economic Forum (WEF) seit der Gründung 1971 im Bemühen um nachhaltiges und verantwortungsvolles Wirtschaften zur wohl bedeutendsten, in jedem Fall aber prominentesten Privatinitiative in der Welt entwickelt. Es ist global tätig, zieht einen höchst einflussreichen Teilnehmerkreis an und deckt die größte Breite an Themen ab. Dahinter steht mit Klaus Schwab eine Person, der man eher auf anderen Feldern eine steile Karriere zugetraut hätte: Er promovierte in Maschinenbau und Wirtschaft, war später Professor und ist ein nüchterner Analytiker. Bewusst will er nicht mit Charisma beeindrucken. Schwabs Anliegen sind die Dialogvermittlung in einer weltumspannenden Schicksalsgemeinschaft, die Rundumsicht auf aktuelle Entwicklungen und das Aufspüren künftiger Herausforderungen. Die Globalisierung bildet das Gerüst seiner Ideen. Sein Werk wird oft kopiert, ist aber bisher nicht erreicht worden.
So war die »Clinton Global Initiative« des ehemaligen US-Präsidenten und mehrmaligen Gastes in Davos in erster Linie zum Sammeln von Spenden für soziale Anliegen gegründet worden und ist zu sehr auf seine Person zugeschnitten. Die Münchner Sicherheitskonferenz erhebt einen weltumspannenden Anspruch, konzentriert sich allerdings auf politische Themen. Das St. Petersburger Wirtschaftsforum steht zu stark unter dem Einfluss des Kremls, um als Konkurrent zu gelten. Und das immer wieder zitierte Weltsozialforum ist kein Nachahmer, sondern stellt das bewusste Gegenstück zu Davos dar. Nur das Weltwirtschaftsforum bietet eine breit abgestützte und prominent besetzte Plattform für alle möglichen Themen, die die Welt bewegen. Das privat organisierte Forum trägt die drei Kennzeichen global, neutral, universal.
Eine Volkshochschule auf höchstem Niveau nannte der deutsche Verleger Hubert Burda einmal die WEF-Jahrestreffen. Wenn dem so wäre. Wer das erste Mal nach Davos kommt, ist schlicht überwältigt. Wo sich sonst Skifans in Scharen tummeln, prägen jeweils im Januar eine Woche lang Menschen aus aller Herren Länder das Bild, manche in Winterkluft, viele in edlem Tuch und die meisten mit Krawatte. Karawanen schwerer Autos quälen sich durch die höchste Stadt der Alpen. Die Termine und Veranstaltungen jagen sich, der Aufenthalt will gut geplant sein. Wichtig sind fast alle offiziellen Teilnehmer, und wer es nicht ist, der tut zumindest so. Wer zu dieser Zeit in dem Touristenort weilt, gerät leicht in eine Art Delirium. Er meint, hier befinde sich der Nabel der Welt. Die Sprache der Teilnehmer passt zu ihrem Habitus. Ein Beobachter beschrieb sie einmal süffisant als eine Mischung aus Managerjargon, Zukunftsfixierung und Präsentation luftiger Konzepte, die darauf abzielen, Weisheiten mit Weitblick zu vermitteln.1
Auf der anderen Seite kann sich kaum einer der Gäste der merkwürdigen Faszination entziehen, die von diesem Großanlass ausgeht. Vielleicht sorgt dafür allein die Prominenz der Teilnehmer, vielleicht die Fülle der Themen, oder die Tatsache, dass Davos während dieser Woche eine Art Korpsgeist durchzieht. Niemand wird bestreiten, dass das Weltwirtschaftsforum eine große Dialogplattform bietet, und Dialog bedeutet Toleranz, Verzicht auf Drohungen, Erkenntnisgewinn und die Suche nach besseren Lösungen. These und Antithese: Beide befruchten sich, beide sind von gleichem Wert. So auch in Davos.
Davon abgesehen schwanken die Urteile über das alljährliche Spektakel allerdings extrem. Für die Anhänger bildet das Jahrestreffen eine, wenn nicht sogar die zentrale Veranstaltung jener Weltverbesserer, die kraft ihrer Stellung auch etwas bewirken können. Sie erachten Davos als jährlichen Wallfahrtsort der nachdenklichen Kapitalisten. Nachhaltig und sozial orientierte Entscheidungsträger wollen das Los der Benachteiligten erleichtern, den Planeten schützen und politische Konflikte entschärfen. Das ist die eine Gruppe. Den Gegenpol bilden jene, die das Forum als Sammelbecken unkritischer Globalisierungsjünger brandmarken. Für sie ist Davos ein lauter Jahrmarkt für neue Kontakte und Geschäfte, die dann in verschwiegenen Hinterzimmern abgeschlossen werden. Die jeweils rund 2500 Teilnehmer pilgern nach Meinung der Gegner in Davos zu einem Tempel der Selbstbeweihräucherung.
Das World Economic Forum besitzt kein politisches Mandat und keine Exekutivgewalt. Daher gehen Vergleiche mit der UN-Vollversammlung oder mit multilateralen Regierungskonferenzen fehl. Es beeinflusst aber das Meinungsbild wichtiger Entscheidungsträger weltweit. »Am Beginn eines Jahres erfühle ich dort den Puls der Weltwirtschaft«, sagt Michael Dell, der Gründer des gleichnamigen amerikanischen Computerkonzerns.2 Wenn dem so ist, dann sollte sich eine politisch denkende Öffentlichkeit für das Forum interessieren. Was geschieht in Davos? Wie erklärt sich der Erfolg des Forums? Was sind dessen Leitgedanken? Ist die Veranstaltung eine Kaderschmiede für Ideologen? Was für ein Mensch ist der Gründer Klaus Schwab? Das sind einige der Fragen, denen dieses Buch nachgeht.
Auf was lässt sich der Leser ein? Zunächst erhält er Einblick in die Grundzüge der Institution und die Herkunft ihres Gründers. Danach beleuchtet der historische Teil, wie sich die Weltpolitik im Weltwirtschaftsforum niederschlug und wie es sich von einer europäisch-amerikanischen Konferenz zu einer globalen Dialogplattform mit Teilnehmern aus vielen Lebensbereichen wandelte. Anschließend zeigen mehrere Kapitel, welch großes Räderwerk sich heutzutage hinter dem Forum verbirgt. In diesem bewegen sich die verschiedenen Akteure, auf die daran anknüpfend eingegangen wird. Am Ende kommt Klaus Schwab selbst zu Wort mit seinem Urteil über sich und sein Lebenswerk. Beides hängt im Fall des Weltwirtschaftsforums eng zusammen.
Der Autor erhielt in seiner Arbeit die inhaltliche Unterstützung des Forums und von Klaus Schwab. Dessen ungeachtet ist das Buch unabhängig entstanden. Hierzu trugen einerseits schriftliche Dokumente und Darstellungen bei, andererseits zahlreiche Gespräche mit Beteiligten und Zeitzeugen. Zugleich konnte ich auf meine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen zurückgreifen, die ich als Vertreter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Media Leader auf allen Treffen in Davos zwischen 1998 und 2013 machte. 2016 nahm ich als freiberuflicher Journalist am Weltwirtschaftsforum teil. Der journalistische Ansatz, die Verschränkung der Person Schwab mit seiner Idee und die Unterfütterung mit einer direkt gewonnenen, aber natürlich subjektiven Sicht machen deutlich: Dieses Buch ist keine bloße Institutionenbeschreibung und schon gar nicht eine wissenschaftliche Arbeit. Es bezieht seine Aussagen aus den Erkenntnissen der »Stakeholder« des Forums.
Ein Sachbuch ist eine Gemeinschaftsarbeit. Auch an dem vorliegenden Werk waren viele Personen mit Rat und Tat beteiligt. Das gilt in erster Linie für Professor Klaus Schwab, der sich mehrere Stunden lang für meine Fragen und das im Buch abgedruckte Interview geduldig zur Verfügung stellte. Seine Mitarbeiter Yann Zopf und Georg Schmitt erfüllten bereitwillig meine vielen Wünsche nach ergänzenden Informationen und Unterlagen. Zu danken habe ich den zahlreichen ungenannten oder im Buch erwähnten Personen, mit denen ich mich über das Weltwirtschaftsforum und dessen Entwicklung austauschen konnte. Ein wertvoller Gesprächspartner war Gerhard Schwarz, der frühere Leiter der Wirtschaftsredaktion in der Neuen Zürcher Zeitung, der auch Teile des Manuskriptes gegenlas. Von den Firmenchefs auf dem WEF verhalfen mir Ulrich Bettermann (OBO Bettermann), Herbert J. Scheidt (Bank Vontobel) und insbesondere Klaus Luft (ehemals Nixdorf) zu zusätzlichen Einsichten und ebneten so manchen Weg. Bjørn Johansson in Zürich trug substanziell zum Verständnis von Schwab und dem Forum bei.
Bei meinem früheren Arbeitgeber Frankfurter Allgemeine Zeitung bin ich Jürgen Jeske und danach Holger Steltzner, den für den Wirtschaftsteil zuständigen Herausgebern, außerordentlich dankbar, da sie mir die Berichterstattung aus Davos ermöglichten. Hans-Josef Susenburger aus dem Archiv sorgte für das Schließen so mancher Wissenslücke. Unter meinen Kollegen waren Beat Schmid von der Schweiz am Sonntag sowie von der F.A.Z. die langjährigen Davos-Mitstreiter Gerald Braunberger, Konrad Mrusek, Johannes Winkelhage und vor allem Carsten Knop eine bedeutende Hilfe. Aus den Unternehmen gewährte mir Hubertus Külps von der UBS tatkräftige Unterstützung. Keinesfalls vergessen möchte ich Georg Hodolitsch vom FinanzBuch Verlag: Ohne sein freundliches, aber ausdauerndes Drängen sowie seine sachkundige Betreuung wäre dieses Buch wohl nie entstanden. Ihm zur Seite standen mit gleichfalls großem Engagement die Redaktion und das Lektorat des Verlags.
Mein ganz spezieller Dank gilt meiner Frau Therese, die mit unermüdlicher Geduld meine Textentwürfe gegenlas. Die Verantwortung für mögliche Fehler und eventuelle Fehleinschätzungen liegt dessen ungeachtet in vollem Umfang bei mir.
Wädenswil, im Oktober 2016
Jürgen Dunsch
Das Weltwirtschaftsforum von Klaus Schwab hat sich erklärtermaßen das Ziel gesetzt, Beiträge zu einer besseren Welt zu leisten. Es arbeitet als gemeinnützige Organisation in Form einer Stiftung, hat sich indes im Lauf der Jahre zu einer Art Unternehmen entwickelt – allerdings steuerbefreit. Anfallende Gewinne gehen in das Stiftungskapital. »Im Grunde genommen sind wir ein KMU«, sagt Organisationschef Alois Zwinggi.3 In der Tat: Der Größe nach wäre das Weltwirtschaftsforum mit Einnahmen von zuletzt nahezu 230 Millionen Franken oder gut 200 Millionen Euro und einer Belegschaft von mehr als 600 Frauen und Männern (einschließlich der Standorte in New York, Beijing und Tokio) ein bedeutender Mittelständler.
Organisatorisch ist das World Economic Forum mit Sitz in Cologny vor den Toren der Stadt Genf allerdings etwas anders aufgestellt als eine typische Firma. Operative Schaltzentrale ist der neunköpfige Managing Board. Klaus Schwab amtiert hier wie allgemein im Forum als Founder and Executive Chairman. Platt formuliert kann man sagen, Schwab ist das Forum und das Forum ist Schwab. Daran hat sich seit dem Beginn im Jahr 1971 nichts geändert. »Ohne ihn bewegt sich keine Maus«, glaubt einer meiner Gesprächspartner.
Die weiteren Mitglieder des Vorstands sind Lee Howell, Jeremy Jurgens, Cheryl Martin, Adrian Monck, Philipp Rösler, Richard Samans, Murat Sönmez und Alois Zwinggi. Jurgens und Monck waren vor ihrer Berufung in die Führungsspitze schon mehrere Jahre für das Forum tätig und leiten die Abteilungen für Information und gesellschaftliches Engagement. Lee Howell, einst Berater des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge und der Hilfsorganisation USAID, ist Programmchef. Cheryl Martin, die zuvor für das amerikanische Energieministerium tätig war, koordiniert die globalen Industrien. Der ehemalige FDP-Politiker und Vizekanzler Philipp Rösler kümmert sich als eine Art »Außenminister« um die Regionen und Richard Samans, unter Clinton Senior Director for International Economic Affairs im Nationalen Sicherheitsrat des Weißen Hauses, um das Centre for the Global Agenda. Der Software-Spezialist Murat Sönmez amtiert als Chief Business Officer in der Zentrale. Alois Zwinggi, zuvor Manager im Schweizer Zementkonzern Holcim, verantwortet gleich drei Schlüsselressorts; das ist ungewöhnlich für eine Firma dieser Größe. Zwinggi obliegt die gesamte Organisation. Daneben agiert er als Leiter für Finanzen und für Personal. In dieser dreifachen Rolle ist der bodenständige Eidgenosse zurzeit der wahrscheinlich zweitwichtigste Mann in Cologny.
Neben dem Führungskreis besteht eine Art erweiterter Vorstand, das Executive Committee. Man findet ein solches Gremium in manchen Unternehmen, doch im Forum umfasst es mehr als 40 Personen und ist damit außergewöhnlich groß. Der Vorstand des WEF berichtet an den Board of Trustees, den ehemaligen Stiftungsrat. Auch er ist mit 25 Mitgliedern ein relativ großes Gremium. Die Hälfte der Sitze sollen Unternehmensvertreter einnehmen. Der Board dürfte neben der Aufsicht zusätzlich der Anbindung wichtiger Vertrauensleute an das Forum dienen. Geführt wird dieses Gremium ebenfalls von Klaus Schwab, was dessen dominierende Stellung in der Organisation auch institutionell unterstreicht. Wer Trustee werden will, sollte in einem Unternehmen oder einer Organisation eine Spitzenposition innehaben. Zwangsläufig ist damit der Board ein Who’s who internationaler Prominenz, von B wie Nestlé-Präsident Peter Brabeck-Letmathe bis Z wie Min Zhu, Deputy Managing Director des IWF in Washington (seine Vorgesetzte Christine Lagarde gehört im Übrigen gleichfalls dieser illustren Runde an). Im Januar 2016 sind zu dem Gremium unter anderen der ehemalige amerikanische Vizepräsident und Umwelt-Champion Al Gore sowie Weltbankpräsident Jim Yong Kim hinzugestoßen, später im Jahr die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, MIT-Präsident L. Rafael Reif und der amerikanische Cellist Yo-Yo Ma. Die vollständige Namensliste findet der Leser in der entsprechenden Anlage.
Die Führungsstruktur des Weltwirtschaftsforums:
Klaus Schwab: Founder and Executive Chairman
Board of Trustees
Managing Board
25 Mitglieder, Chairman Klaus Schwab
9 Mitglieder, President Klaus Schwab
Beaufsichtigt die laufenden Geschäfte und wacht über die Ziele und Werte der Organisation.
Führt das laufende Geschäft und vertritt das Forum nach außen.
Executive Committee
43 Mitglieder, darunter Schwab-Sohn Olivier
Formuliert die strategischen Grundsätze für die wichtigsten Sachfragen
Quelle: World Economic Forum. Jahresbericht 2015-2016. Eine weitere Führungsstruktur besteht im World Economic Forum USA.
Aus Vorstand und Aufsichtsorgan dürfte sich auch die Übergangslösung rekrutieren, sollte dem Gründer etwas Unvorhergesehenes zustoßen. Schwab selbst hält sich in dieser Frage ungemein bedeckt.4 Dasselbe gilt für eine geregelte Nachfolge des Achtundsiebzigjährigen. Klaus Schwab und seine ebenfalls höchst aktive Frau haben zwei Kinder. Sohn Olivier arbeitet in einer verantwortungsvollen Position in der Zentrale. »Die Familie dürfte über Klaus Schwab hinaus im Forum eine wichtige Rolle spielen«, glaubt der Schwab-Kenner Bjørn Johansson, einer der führenden Managervermittler in der Welt, in diesem Zusammenhang.5 Ein erster Schritt bestünde in der Aufgabe des Doppelmandats an der Spitze von Managing Board und Board of Trustees. Hier beschied Schwab einmal einen Fragesteller wie zuvor andere mit dem knappen Satz: »Das wird einmal getrennt werden«. Er lasse sich da nicht treiben, fügte er in dem Interview hinzu.6
Getragen wird das Forum durch fünf Gruppen: Regierungen und internationale Organisationen, Partner und Mitglieder, Vertreter der Zivilgesellschaft, führende Experten in der Welt und vielversprechende Nachwuchskräfte. Wie kommt es zu seinen Einnahmen? Die gut 1000 Mitgliedsunternehmen bezahlen einen Jahresbeitrag von 60.000 Franken. Hinzu kommt die Gebühr für die rund 1600 nach Davos reisenden Firmenvertreter von jeweils 27.000 Franken. Zum Vergleich: 1984 zum Beispiel hatte sie noch 8800 Franken betragen. Richtig ins Geld geht es bei den Partnerschaften. Nach der allgemeinen Preiserhöhung zum Geschäftsjahr ab 1. Juli 2015 um 20 Prozent zahlt die Spitzengruppe der gut 100 strategischen Partner 600.000 Franken im Jahr; dies bei erhöhten Leistungen und inklusive der Teilnehmergebühren an allen großen Meetings, mit Ausnahme von Davos, wie sogleich nachgeschoben wurde. Natürlich wurde nach dem kräftigen Aufschlag hier und da gegrummelt. Aber vor Davos 2015 stellte Schwab fest, dass allen Strategischen Partnern angeboten wurde, aus den Top 100 in eine niedrigere Kategorie zu wechseln. »Das Resultat kennen Sie: Kein einziges Unternehmen hat diese Option gezogen. Stattdessen haben wir jetzt 122 Strategische Partner und eine lange Warteliste«.7
Neben den Chefs der Mitgliedsunternehmen pilgern eigens eingeladene Gäste aus Politik, Wissenschaft, den Medien und der Zivilgesellschaft an das Manager-Mekka in Graubünden. Sie tragen die Reisekosten und die (teure) Unterbringung selbst. Aber auf eine Teilnehmergebühr verzichtet Schwab. In Einzelfällen und auf Antrag trägt das Forum weitere Kosten für Experten, in erster Linie sind dies Universitätslehrer. »Die Firmenvertreter subventionieren also die anderen Teilnehmer. Das ist übrigens an allen Veranstaltungen des WEF so«, erläutert Organisationschef Zwinggi.8 Gemeint sind damit nicht zuletzt die Regionaltreffen, die auf das Jahr verteilt in den wichtigsten Weltgegenden stattfinden. Auf eine Einladung hoffen können nach seinen weiteren Worten diejenigen, die sich das Jahr über im Forum auf die eine oder andere Weise engagieren – und wohl auch diejenigen, deren Prominenz dem Jahrestreffen zur Zierde gereicht oder denen Gründer Schwab einen Zugang ermöglichen möchte.
Neben der Zentrale in Cologny unterhält die Organisation Ableger in New York, Beijing, Tokio und seit neuestem San Francisco. Die beiden Adressen in Asien sind Repräsentanzen, wobei Beijing als Sammelpunkt der Wachstumsunternehmen und Organisator der Treffen der »neuen Champions« einen speziellen Status besitzt. Das World Economic Forum USA, gegründet 2005, war zunächst eine eigene rechtliche Einheit. Nachdem die amerikanische Steuerbehörde IRS 2016 die Aktivitäten des WEF weltweit als gemeinnützig anerkannt hatte, löste das Forum die Doppelstruktur auf. Nicht zu vergessen sind die regelmäßigen Berichte, die Mitarbeiter des WEF mit Experten aus aller Welt verfassen, so der Welt-Risikobericht und allen voran der Global Competitiveness Report sowie der Global Gender Gap Report; jüngst sind Reports über wirtschaftliche Ungleichheit und die Job-Perspektiven weltweit hinzugekommen. Insbesondere das Echo auf die beiden Flaggschiff-Studien ist jeweils riesig. Der Wettbewerbsbericht wurde 2015/16 in den Medien insgesamt 23.500-mal, der Gleichstellungsbericht 16.150-mal aufgegriffen.9 Die Attraktivität der Wettbewerbsstudie zeigt sich auch daran, dass der frühere WEF-Spitzenmann Stéphane Garelli nach seinem Wechsel als Professor an das Institute of Management Development (IMD) in Lausanne 1986 das Konkurrenzprodukt World Competitiveness Yearbook entwickelte. Nach seinen Worten verwendet es mehr »harte« statistische Angaben als der Bericht des Forums, der stärker auf Umfrageresultate vertraut.10 Die Öffentlichkeit nimmt die Differenzen kaum wahr. Das spricht dafür, dass die beiden Studien eines Tages zusammengeführt werden.
Auf der anderen Seite winkt dem Gleichstellungsthema eine bedeutsame Aufwertung. Die Bill & Melinda Gates Foundation erwägt nämlich ihre Unterstützung. Chefstratege Mark Suzman schreibt: »Wenn man sich in Fragen wie die Bekämpfung von Hunger oder das Ausmerzen von Armut vertieft, erkennt man, dass Rückstände in der Gleichberechtigung bestehende Probleme verschärfen und Fortschritte erschweren«. Das WEF biete sich hier als Partner an, findet Suzman, weil es seit Jahren in diesem Thema an führender Stelle agiere, so etwa durch den Gleichstellungsbericht.11
Wir kennen sie alle, jene Menschen, die mit massiger Figur, kräftiger Stimme und ausladenden Gesten sofort jeden Raum füllen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Klaus Schwab ist nicht aus jenem Holz geschnitzt. Schlank und in der Art zurückhaltend verkörpert er den Wissenschaftler mit hoher Disziplin, den seine akademischen Titel nahelegen. Im Fall von Schwab muss man weitere Eigenschaften hinzufügen, um sein Profil zu erhalten: visionäres Denken, die Gabe, Beziehungen zu pflegen (das sogenannte Networking). Und sicher auch das Glück des Tüchtigen.
Die Voraussetzungen waren günstig. Als Kind wärmte den späteren Initiator des World Economic Forum die Sonne einer gutbürgerlichen Familie. Geboren am 30. März 1938 in Ravensburg am Bodensee, wuchs er als Sohn eines Fabrikdirektors auf. Wie Schwab, leben der ältere Halbbruder und der jüngere Bruder heute im Ruhestand in der Deutschschweiz.
Die Mutter stammte aus Zürich. Der Vater, geboren 1899, hatte ebenfalls Schweizer Wurzeln. Dessen Mutter war nämlich Schweizerin, wohingegen ihr Mann (also Klaus Schwabs Großvater) aus Karlsruhe stammte. Damit erhielt Klaus Schwabs Vater Eugen das Bürgerrecht des damaligen Großherzogtums Baden, wuchs in Karlsruhe auf und zog erst Anfang der 1930er-Jahre in die Heimat seiner Mutter. Jacob Schmidheiny aus der gleichnamigen Schweizer Industriellenfamilie nutzte die Gelegenheit, einen Fachmann mit deutsch-schweizerischem Hintergrund für die Leitung der Turbinenfabrik seiner Firma Escher Wyss in Ravensburg zu gewinnen. So zog die Familie von Klaus Schwab in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre zurück nach Deutschland, genauer gesagt nach Oberschwaben.
Zu Hause herrschten geordnete Verhältnisse, aber Europa war im Griff von Hitlers Terror. Gut ein Jahr nach der Geburt von Klaus Schwab begann der Zweite Weltkrieg, und die Menschen am Bodensee erlebten – zumindest als Ahnung oder aus Gesprächen – den Gegensatz zwischen dem verbrecherischen Regime diesseits und dem friedlichen demokratischen Staat jenseits der Grenze. Die deutsch-schweizerische Familie war privilegiert. Sie durfte ins Nachbarland reisen, etwa in den Ferien. Welche Werte zählten in der Familie? Nach Schwabs Worten vermittelte ihm die Mutter Großherzigkeit. Der Vater lehrte ihn am eigenen Beispiel, dass sich verantwortungsbewusste Bürger für die Gesellschaft einsetzen müssten. Er engagierte sich über die von ihm geleitete Fabrik hinaus in diversen Berufsverbänden, darunter als Präsident der Industrie- und Handelskammer Oberschwaben. Schwab erzählt, dass Ravensburg in den Kriegsjahren das Verteilzentrum für Care-Pakete an alliierte Kriegsgefangene in Deutschland war. Der im Roten Kreuz engagierte Vater habe in diesem Zusammenhang zu einem Abkommen beigetragen, das im Gegenzug Luftangriffe auf die Stadt, in der sich keine Rüstungsindustrie befand, verhinderte.
1950 versuchte dann Eugen Schwab aufgrund der Tatsache, dass sein Geburtsort das schweizerische Roggwil und seine Mutter Schweizerin war, von Deutschland aus Schweizer zu werden. Sein Antrag auf Anwendung einer Sonderbestimmung im Staatsbürgerrecht führte zu einem Verfahren bis vor das Bundesgericht der Eidgenossenschaft. Kurz vor Weihnachten lehnten die Richter den Antrag jedoch ab und verwiesen den tief enttäuschten Antragsteller auf das normale, langwierige Einbürgerungsverfahren. Sohn Klaus bekam alles hautnah mit. Der Zwölfjährige verstand zwar nicht sämtliche Details, doch er litt wie sein Vater. Diese Erfahrung ist nach seinen Worten ein Grund, warum er trotz der Tatsache, dass drei seiner Großeltern Schweizer waren und er seit mehr als 50 Jahren im Land lebt, nie einen Schweizer Pass beantragte.
Deutlich wird an dem Vorgang noch etwas anderes. Klaus Schwab verehrte seine Eltern. Entsprechend engagierte er sich früh für das Gemeinwohl. Sein erstes außerschulisches Betätigungsfeld war das deutsch-französische Jugendwerk, das Begegnungen zwischen Heranwachsenden nach den auch seelischen Zerstörungen des Krieges förderte. Zum Studium ging Klaus Schwab 1957 in die Heimat seiner Mutter. An der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich studierte er Maschinenbau. Dort knüpfte der junge Deutsche erste Beziehungsbande, unter anderem zu Ferdinand Piëch. Der Technikfan und spätere Herrscher über den Volkswagen-Konzern sollte zu einem treuen Gast in Davos werden, der mit einem Notizblock in der Hand den Diskussionen konzentriert lauschte und wie ein Musterschüler Aufzeichnungen machte. Sehr eng wird die Beziehung allerdings nicht.
Zu Schwabs ETH-Zeiten war Davos noch weit weg. Immerhin kommt es zum ersten Kontakt mit Genf: Für seine Diplomarbeit konstruierte der junge Ingenieur eine Turbine für die Firma Sécheron. Nach dem Abschluss in Zürich folgte zunächst ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Fribourg. Schwab schloss die akademische Ausbildung 1966 und 1967 mit Doktortiteln in seinen zwei Studienrichtungen ab – summa cum laude, wie er gerne anmerkt. Parallel zur ETH absolvierte er Berufspraktika in mehreren Ländern und arbeitete zwischen 1963 und 1966 in Deutschland als Assistent des Geschäftsführers im Verband des Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) in Frankfurt/Main.
International ging es gleichfalls weiter. Nicht zuletzt auf Anraten des Vaters, der als Rotarier dem Sohn manche zusätzliche Hilfestellung bieten konnte, absolvierte der ehrgeizige Nachwuchsmann gegen Ende seines Promotionsverfahrens 1966/67 ein akademisches Jahr an der Harvard Business School. Infolge einer Lücke in den Zulassungsbestimmungen schaffte es der forsche Jung-Doktor gleich mit dem zweiten Studienjahr zu beginnen – dies trotz der Ablehnung durch den damaligen Dekan George Pierce Baker. Der Trick bestand im Quereinstieg über das Littauer Center, das kurz danach in John F. Kennedy School of Government umbenannt wurde. In Harvard erwarb der Deutsche den Titel eines »Master in Public Administration«. Schwab beließ es nicht beim Büffeln: Er lernte unter anderen den aus Deutschland stammenden späteren amerikanischen Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger kennen sowie den legendären Wirtschaftsprofessor John Kenneth Galbraith. Mit beiden hielt der 28-Jährige aus Ravensburg auch in späteren Jahren die Verbindung aufrecht.
Vor dem Studienjahr hatte Schwab in den Staaten eine ausgedehnte Reise geplant, und zwar mit einem neuen VW Käfer, den er am Ende der Tour verkaufen wollte. Den Start in New York begleiteten große Erwartungen, aber schon in Washington D.C. war die VW-Episode zu Ende. Sein Gastgeber, ein Freund seines Vaters, machte ihm klar, dass es von Washington bis Memphis so weit ist wie von Ravensburg nach Moskau. Schwab stieg um, genauer gesagt, er kaufte sich ein 99-Dollar-Ticket für eine Greyhound-Bustour durch das Land.
Nach seiner Rückkehr aus den Staaten gelang Klaus Schwab sogleich der Sprung in den Vorstand von Escher Wyss. Völlig überraschend ist das nicht, war doch Escher Wyss das Unternehmen, dessen Fabrik in Ravensburg der Vater leitete. In dieser Schweizer Industrie-Ikone mit ihren 10.000 Beschäftigten verantwortete der Sohn die Integration in die Sulzer AG in Winterthur. Sulzer gehört übrigens heute mehrheitlich dem russischen Milliardär Viktor Vekselberg, der immer wieder zum WEF nach Davos kommt.
1970 war die Integrationsaufgabe bei Escher Wyss beendet. Schwab, inzwischen auch Teilzeit-Professor am Centre d’Études Industrielles (CEI) in Genf und jünger als viele seiner Studenten, wurde noch einmal für den VDMA tätig. Im Auftrag seines früheren Arbeitgebers veröffentlichte er 1971 die Studie »Moderne Unternehmensführung im Maschinenbau«. Dort befasste er sich erstmals mit dem Konzept der Stakeholder Company. Auszüge aus der Studie findet der Leser im Anhang dieses Buches. Ein Stakeholder-Unternehmen pflegt den Dialog mit der Öffentlichkeit und berücksichtigt alle Gruppen, die vom Wohlergehen des Betriebs abhängig sind, also neben den Eigentümern, Kreditgebern und Mitarbeitern auch zum Beispiel die Lieferanten und Kunden, die Kommunen der Standorte und bei großen Konzernen die Steuerzahler und die Politik. Die internationalen Konzerne, die auf der Höhe der Zeit sein wollen, lassen grüßen. Später weitet Schwab das Konzept. Die Unternehmen sind nunmehr selbst Corporate Global Citizens, die sich zusammen mit Regierungen und der Zivilgesellschaft um das Wohlergehen des Planeten kümmern sollen.
Alle Entscheidungs- und Interessenträger gemeinsam in einem Club, so lautet die Kurzversion des Stakeholder-Ansatzes. Im wirtschaftlichen Mainstream bewegt sich das Konzept lange Zeit nicht. Einige Jahre ist der Shareholder Value in Mode, der sich mit dem Namen Alfred Rappaport verbindet. Der amerikanische Wirtschaftsprofessor veröffentlichte 1986 ein Buch unter diesem Titel, das vor allem in Finanzkreisen Furore macht. Der Untertitel in der deutschen Ausgabe 1994 lautet: Wertsteigerung als Maßstab für die Unternehmensführung. Das Stakeholder-Konzept setzt sich davon ab und greift gleichzeitig darüber hinaus. Zusammen mit Herkunft, Erfahrungen und den ersten Verbindungen von Schwab bildet es das Fundament, auf dem sich am 24. Januar 1971 der Vorhang zum ersten Treffen in Davos hebt. Es firmiert als European Management Symposium. Klaus Schwab ist zu jenem Zeitpunkt 32 Jahre alt. Dass sein Manager-Symposium ein Forum der Weltwirtschaft mit umfassendem Themenspektrum werden würde, ahnt der Initiator damals selbst nicht.
Der Wintersportort Davos leidet im Januar 1971 wie viele Teile der Schweiz unter Schneemangel. Ein Trost: Das Weissfluhjoch entpuppt sich in jenem Monat als eines der sonnenreichsten Ziele. Die wichtigste Rahmenbedingung für das erste European Management Symposium findet sich aber im Ort selbst. Die Gemeinde hatte vor Kurzem ein neues Kongresszentrum gebaut. Das Thema des Treffens, »Let’s meet the American challenge«, der Veranstaltungsort und die grandiose Landschaft sollten genügend Manager, Unternehmer und Vertreter der Wissenschaft in die Berge locken, davon ist Klaus Schwab überzeugt.
»Die amerikanische Herausforderung« bewegt zu jener Zeit Europas Wirtschaftskoryphäen. In Frankreich hatte der Publizist Jean-Jacques Servan-Schreiber 1967 in dem Buch Le Défi Américain (dt. Die amerikanische Herausforderung, 1968) die Überlegenheit amerikanischer Managementmethoden behauptet und die mangelnde Zusammenarbeit in Europa kritisiert. Das Buch wurde ein Bestseller, prägte die Debatte auf dem alten Kontinent über Jahre und wurde in 15 Sprachen übersetzt. Die Studie über moderne Unternehmensführung hatte der Maschinenbauverband VDMA in Deutschland auch angesichts von Le Défi Américain bei Schwab in Auftrag gegeben. Aber den Autor bewegt mehr: Er will diesseits und jenseits des Atlantiks einen breiten Dialog über zukunftsträchtiges Management anstoßen und damit die Europäer aufrütteln. Später wird das Buch The Global Village (1989, dt. McLuhan, Marshall/Powers, Bruce R., The Global Village. Der Weg der Mediengesellschaft in das 21. Jahrhundert, 1995) des kanadischen Philosophen Marshall McLuhan einen weiteren Meilenstein für den jungen Gründer des Symposiums in Davos darstellen.
In Genf richtet Klaus Schwab ein Büro mit drei Angestellten ein. Erste Mitarbeiterin ist die Schweizerin Hilde Stoll, die schon für die Vereinigung europäischer Landwirte Konferenzen organisiert hat. Einen Auftrag hat der CEI-Teilzeitprofessor schon, er soll das 25-Jahr-Jubiläum seiner Hochschule in Szene setzen. Das Jubiläum wird den Rahmen für das erste Davos-Symposium bilden. Schwab betont allerdings, dass er das volle wirtschaftliche Risiko der Veranstaltung trug. Selbst für die Nutzung der Infrastruktur habe er der Hochschule in der Vorbereitungsphase 175.000 Franken im Jahr zahlen müssen. Die Finanzierung des Meetings wird zum Kraftakt. Nur mit Mühe bringt der Initiator das Geld zusammen. Es gelingt letztlich mit dem Einsatz eigener Ersparnisse, mit Zuschüssen seiner Eltern und mit der Großzügigkeit von Eugen Klaussner, dem Inhaber des Möbelproduzenten Hukla im Schwarzwald, der damals 4000 Beschäftigte zählte. Ihn hatte Schwab beim Golfen in Spanien kennengelernt. Ein weiterer Wirtschaftsmann aus dem Schwarzwald, nämlich Wolfgang Sannwald von Calwer Decken, fördert ihn ebenfalls nach Kräften.
Vor diesem Hintergrund wirkt die offizielle Einladung umso interessanter. Abgefasst auf Französisch, erscheinen das im französischsprachigen Genf angesiedelte CEI und das Symposium auf dem Titelblatt unter einer Marke. Auch der Hinweis auf das Jubiläum fehlt nicht. Auf der ersten Seite wird Klaus Schwab als Schöpfer und verantwortlicher Generalsekretär des Treffens bezeichnet. Auf der zweiten Seite kommt CEI-Direktor Bohdan Hawrylyshyn zu Wort. Er schreibt, die Versammlung stehe »unter der Ägide« (»sous son égide«) der Hochschule. All diese Wortklauberei legt die Vermutung einer nicht durchweg harmonischen Zusammenarbeit nahe.12
Überall versucht der junge Deutsche Interessierte zu einer Reise ins abgelegene Graubünden zu locken. Er wirbt bei europäischen Unternehmerverbänden für seinen Plan. Dabei kommen ihm die Verbindungen seines Vaters in der Industrie zugute. Aus der EG-Kommission in Brüssel, die er auf höchster Ebene kontaktiert und die dem Projekt grundsätzlich wohlwollend gegenübersteht, kann er Industriekommissar Altiero Spinelli zu einer Teilnahme als Privatmann bewegen.13 Der EG-Kommissar für Wirtschaft und Finanzen, der spätere französische Ministerpräsident und Davos-Dauergast Raymond Barre, äußert die Erwartung, dass die Veranstaltung keinen privaten Profitzwecken dienen dürfe. Außerdem müsse sie in einem Mitgliedsland stattfinden. Schwab hebelt sie in jener Zeit der EG-Erweiterungseuphorie mit der luftigen Behauptung aus, ein Beitritt der Eidgenossenschaft sei nur eine Frage der Zeit, so die Journalisten Joachim Dorfs und Claus Larass.14
Zum ersten Mal zeigt sich hier ein Erfolgsrezept von Klaus Schwab: Er trifft mit dem Generalnenner Europa versus USA einen Nerv der Zeit und gewinnt mit Hartnäckigkeit und einem Schuss Unverfrorenheit Verbündete für dieses Thema. Möglicherweise hilft auch das Jubiläum der einst vom Aluminiumkonzern Alcan gegründeten Hochschule ein wenig. Schließlich tummeln sich unter der Konferenzleitung von Dekan Baker knapp 450 Teilnehmer aus 31 Ländern in dem Eldorado der Skibegeisterten, darunter der schon erwähnte Ökonom John Kenneth Galbraith, Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten österreichischen Kaisers und CSU- Europapolitiker, der amerikanische Physiker und Zukunftsforscher Herman Kahn sowie Jacques Maisonrouge, der Präsident des Computerkonzerns IBM. Das Gros der Referenten kommt aus Harvard und vor allem von seiner Hochschule CEI. Geschafft, das Teilnehmerlimit von 400 Personen für ein profitables Forum ist übertroffen. Allerdings zerstreiten sich IBM und Schwab bald danach; erst 2016 finden sie wieder zusammen und dies gleich noch in der Königsklasse der Strategischen Partner.
Davos 1971 dauert wie alle Zusammenkünfte in den Anfangsjahren mehr als eine Woche, in diesem Fall sogar zwei Wochen. Weitab vom täglichen Betrieb und doch mittendrin in interessanten Diskussionen, das schätzen die Teilnehmer. Die erste Woche steht unter dem Titel »Die Herausforderungen der Zukunft«, die zweite unter dem Motto »Unternehmerische Strategien und Strukturen«. Man gibt sich entspannt, Rollkragenpullis, Cordhosen und feste Schuhe prägen das Bild. Die großen Begleitmannschaften späterer Zeit fehlen. Schwab selbst achtet auf das, was ihn neben Dialog und neuen Ideen fasziniert und sich als Konstante durch die ganze Geschichte von Davos ziehen sollte: Kommunikationstechnik auf höchstem Niveau. Ein internes TV-System hält die Teilnehmer auf dem Laufenden. Handlungsalternativen werden mit Computermodellen durchgespielt und auf große Leinwände im Konferenzsaal projiziert. Der ehrgeizige Davos-Initiator mit der damals modischen dicken Hornbrille ist zufrieden.
Gleichfalls eine Tradition begründet ungefähr zur selben Zeit ein Landsmann des Deutschen in St. Gallen. Er heißt Wolfgang Schürer und initiiert 1969 das ebenfalls internationale St. Gallen Symposium. Die erste Veranstaltung steht unter dem Titel »Management-Tendenzen in Europa«. Das hätte damals auch über dem Kongresszentrum in Davos stehen können. Schürer beschreibt die unterschiedlichen Ansätze beider Konferenzen wie folgt: »Mit dem Weltwirtschaftsforum hat Klaus Schwab ein innovatives und qualitativ hochstehendes Geschäftsmodell geschaffen. Bei der Gründung des von Studenten organisierten St. Gallen Symposiums stand dagegen der Dialog der Generationen als Reaktion auf die Studentenproteste der Sechziger Jahre im Vordergrund. Diese Gespräche bilden bis heute den Kern der Veranstaltung.«15 In Davos der Brückenschlag zwischen Europa und Amerika, in St. Gallen die Zusammenführung etablierter und künftiger Eliten – das ist der Unterschied zwischen beiden Konferenzen. Beide Gründer sind einfallsreich, aber einander offenbar nicht ganz grün. Schwab kommt nie nach St. Gallen und Schürer wird nur einmal nach Davos eingeladen.
Der Erfolg Schwabs hat drei Konsequenzen. Erstens gibt er der Konferenz in Gestalt einer gemeinnützigen Stiftung unter dem Namen European Management Forum einen organisatorischen Halt. Die Stiftung zielt darauf, »Veranstaltungen zu fördern, die einer engeren Kooperation der internationalen und besonders der europäischen Industrie dienen, indem Modelle und Konzepte für verantwortliches und erfolgreiches Management erarbeitet werden«, heißt es in dem entsprechenden Erlass des zuständigen Ministeriums in Bern, des Eidgenössischen Departements des Innern.16 Das Stiftungskapital von 25.000 Franken kann Schwab aus dem Gewinn der Davos-Premiere finanzieren, bei der er insgesamt zwei Millionen Franken Umsatz machte. Zweitens verzichtet der Mann auf eine Managerkarriere und nimmt stattdessen 1972 eine Teilzeit-Professur für Unternehmenspolitik an der Universität Genf an, eine Position, die er bis 2003 bekleiden sollte. Drittens und wohl am wichtigsten: Er heiratet nach dem Auftakttreffen noch im gleichen Jahr seine Mitarbeiterin Hilde Stoll. Nicht völlig überraschend findet die Hochzeit im Sertigtal nahe dem Schwabschen Glücksort Davos statt. Notiz am Rande: In der Bauerngenossenschaft des Tales ist Schwab bis heute Ehrenmitglied. Vom Weiden des Viehs im Sommer hat er sich allerdings befreien lassen. Stattdessen lädt er seine Mitgenossen einmal im Jahr zum Essen ein.
Das Gründungstreffen in Davos war ein unerwarteter Erfolg. Umso herber fällt der Rückschlag aus, den Klaus Schwab im kommenden Jahr erleidet. Die Teilnehmerzahl sackt 1972 von knapp 450 auf weniger als 300 ab. Am Programm und an der Zusammensetzung dürfte es nicht gelegen haben. Das Thema »Die Entwicklung einer europäischen Unternehmensstrategie« schärft den Fokus auf Europa, das in jener Zeit wieder Aufwind verspürt. Die EG-Kommission übernimmt eine Art Schirmherrschaft und schickt ihren Vizepräsidenten Raymond Barre nach Davos.17 Mit Pierre Werner aus Luxemburg kommt der Erste aus der Riege der Staats- und Regierungschefs und legt seinen Werner-Plan für eine Währungsunion vor, wie es im WEF-Jubiläumsband über die ersten 40 Jahre heißt.18 Und als sei es abgestimmt, unterzeichnen die drei neuen Mitgliedsländer Dänemark, Großbritannien und Irland am 22. Januar, dem Eröffnungstag des Symposiums, die Beitrittsverträge zur EG. Die Einheit des Kontinents rückt ein Stück näher. Ein Traum von Klaus Schwab nimmt Gestalt an.
Aber der Neuigkeitswert des hochkarätigen Treffens an ungewöhnlicher Stätte hat sich vielleicht verflüchtigt. Klar ist in jedem Fall, dass schon damals kein Mangel an internationalen Wirtschaftskonferenzen herrschte. Vielleicht empfanden viele auch die Reise aus den Metropolen in die Berge doch als etwas mühsam. Hinzu kommt ein unerwarteter Rückschlag: Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank, der überragende Bankmanager in Europa zu jener Zeit und Inbegriff der engen Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft in der »Deutschland AG«, sagt kurzfristig ab. In der Not springt Schwab ein und übernimmt selbst den Vorsitz der Konferenz – das erste und einzige Mal, wie er betont.
Der Mann mit den großen Hoffnungen geht den eingeschlagenen Weg weiter. Rückschläge pflegt er sowieso rasch abzuhaken. Mit Bankkrediten hält er das European Management Forum über Wasser. Organisatorisch ist von Vorteil, dass die Teilnehmer im Voraus bezahlen, was die Finanzierung natürlich erleichtert. Darüber hinaus rückt Schwab den Kosten zu Leibe. Er selbst erhält, wie erwähnt, im Herbst 1972 das Angebot, vom CEI in Genf an die dortige Universität zu wechseln, und schafft sich so ein zweites Standbein. Dieser Tätigkeit sollte der junge Professor zwei Drittel seiner Zeit widmen. Nach seinem Abschied 2003 wird er zum Ehrenprofessor ernannt.
Für das Treffen 1973 gewinnt Klaus Schwab nicht zuletzt Prinz Bernhard der Niederlande. Die Zusammenarbeit mit der EG-Kommission wird verstärkt, ein Jahr später kommt nahezu ein Viertel der Referenten aus Brüssel.19 Inhaltlich sorgt 1973 der italienische Industrielle Aurelio Peccei für Furore. Der Gründer des Club of Rome, der schon dem Beraterkreis des ersten Davos-Meetings angehörte, spricht über »Die Grenzen des Wachstums«, dargestellt in jenem vom Club of Rome angestoßenen Buch, das sich mehr als zwölf Millionen Mal verkaufen und eine ganze Generation beeindrucken sollte. Die Autoren aus dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Vereinigten Staaten warnen dort vor einem simplen »Weiter so« im forcierten Wirtschaftswachstum, das nur zum Preis eines Raubbaus an den Ressourcen unseres Planeten aufrechterhalten werden könne. Wachstum ohne Rücksicht auf die Umwelt führe in die Katastrophe, so die Verfasser. In Davos verabschieden die Teilnehmer einen Ethik-Code, »The Davos Manifesto«, in dessen Mittelpunkt das Stakeholder-Modell mit der Berücksichtigung aller von Unternehmensentwicklungen Betroffenen steht. Hier, wie in den »Grenzen des Wachstums«, wird dafür plädiert, die umfassenden Folgen vordergründig isolierter Entscheidungen zu analysieren. Eine gezähmte Kapitalismuskritik gehört bald zum guten Ton in Davos.
Obwohl im Vorjahr Wernher von Braun, Planungschef der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und Erbauer der Mondrakete Saturn V, das Publikum im Kongresszentrum in seinen Bann gezogen hatte, bringt Davos 1973 noch keine Wende. Die Misere ist gemildert, aber nicht beendet. Neider und Besserwisser reiben sich die Hände, urteilt das Handelsblatt Jahre später in einer Rückschau.20 Am dritten Treffen versammeln sich immerhin wieder rund 450 Teilnehmer, überwiegend aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien und Belgien. Von einem überwältigenden Andrang kann in den frühen Jahren allerdings nicht die Rede sein. Schwab muss vielmehr um die meist mittelständischen Unternehmer buhlen. Doch er besitzt schon einflussreiche Verbündete, in Deutschland zum Beispiel Herbert Henzler. Der aufstrebende Star in der Unternehmensberatung McKinsey, der es bis zum Deutschland-Chef bringen sollte, legt sich für das Forum ins Zeug. Ein weiterer Förderer in der Frühzeit ist Heinz Nixdorf, Gründer des gleichnamigen Computerkonzerns, der zu einem maßgeblichen Teil den Deutschen die neue Welt der Informationstechnologie nahebringt.
In der Neuen Zürcher Zeitung ist am 9. März 1973 von einer »gewissen Konfrontation« zwischen den Wirtschaftsvertretern und einer besserwisserischen Brüsseler Bürokratie die Rede. Schwab greift den Ball dankbar auf und organisiert im Anschluss an Davos Roundtables bei der Kommission in Brüssel und nachfolgend in mehreren europäischen Hauptstädten. Zugleich gründet er die erste von vielen späteren Communities rund um das Forum, den European Club for Cooperative Management. In der Zusammenfassung beklagt die Zeitung die Papierflut auf dem Kongress sowie ein überladenes Programm. Gelobt werden die Prominenz der Teilnehmer, die Qualität der Diskussionen und die Gesprächsrunden abseits vom Tagesgeschäft. Zu zeigen, dass man einem elitären Club angehöre, sei für viele ebenfalls ein Motiv für ihr Kommen gewesen. Ersetzt man dann noch den in dem Artikel verwendeten Begriff der »Begegnungsindustrie« durch »Networking«, erkennt man schon viele der Elemente des heutigen Davos. Am Ende erwähnt der Bericht, dass in einer Umfrage zwei Drittel der Befragten sich bereits für die nächste Veranstaltung hätten vormerken lassen. Da erschüttert im Herbst 1973 die Ölkrise die Welt. Spricht das gegen oder für das Meeting in den Alpen?
Wie weiter? Diese Frage stellt sich Schwab ganz direkt, gerät er nach seinen eigenen Worten doch in Versuchung. In Deutschland winken nämlich zwei reizvolle Angebote: Der Mannesmann-Finanzvorstand (und spätere Bosch-Chef) Marcus Bierich, von ähnlich nüchternem Kalkül wie Schwab, offeriert ihm die Position eines stellvertretenden Vorstandsmitglieds in dem damaligen Stahlkonzern. Darüber hinaus spricht ihn die Gutehoffnungshütte an, damals ein bedeutendes Montan- und Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Oberhausen. Der Angesprochene wägt sorgsam Pro und Contra ab – und lehnt dankend ab. Seine eigens erstellte Plus-/Minus-Liste fällt knapp gegen die Managerkarriere aus.
Der arabisch-israelische Waffengang vom Oktober 1973, bekannt geworden als Jom-Kippur-Krieg, und der in diesem Zusammenhang verhängte Öl-Boykott der großen Förderländer am Golf traf die Staaten in Europa mit voller Wucht. Die Einschränkung der Rohöl-Ausfuhren wirkte rasch, und alle Bürger spürten die Folgen schmerzhaft. In Deutschland verhängte die Regierung Sonntagsfahrverbote für Autos. Das Fernsehen zeigte gähnend leere Autobahnen. Benzin- und Heizölpreise schossen in die Höhe. Österreich verordnete den Schulen zeitweise »Energieferien«. In Großbritannien ließen die Bergleute im Jahr des EG-Beitritts ihre gestärkten Muskeln spielen und streikten wochenlang. Auf der Insel gingen während des Winters buchstäblich die Lichter aus. Die Regierung von Edward Heath überlebte den Kampf nicht, nach den Wahlen vom Februar 1974 musste sie Labour unter Harold Wilson weichen.
Dabei blieb es nicht. Die Ölkrise des Jahres 1973 stürzt die Welt in eine jahrelange Rezession. Zugleich verändert sich das Weltwährungssystem dramatisch. Am 15. August 1971 hatte der amerikanische Präsident Richard Nixon die Finanzmärkte mit der Ankündigung geschockt, dass er die feste Konvertibilität des Dollar in Gold von 35 Dollar je Feinunze aufhebe. Auf diese Weise hoffte er, die Wirtschaft seines Landes zu stabilisieren und die Inflation zu bekämpfen. 1973 folgt der zweite Schlag. Das Bretton-Woods-System weitgehend fester Wechselkurse bricht endgültig zusammen.
Politik und Wirtschaft sind alarmiert und suchen verzweifelt nach Auswegen. Unter diesen Vorzeichen umwirbt Schwab die Entscheidungsträger zum vierten Mal, in Davos Einsichten zu gewinnen und Aussichten abzuschätzen. Man kann nur darüber spekulieren, ob der Krisenwinter 1973/74 die Anziehungskraft des Treffens erhöhte. Es sieht ganz danach aus. Tatsache ist, dass die Zahl der Teilnehmer von 450 im Vorjahr auf 780 springt. Im darauffolgenden Jahr 1975 legt sie noch einmal auf 860 zu. Vor allem zeigt Davos 1975: Der Kater nach der zweiten Auflage ist überwunden, die Zusammenkunft hat im Terminkalender vieler Wirtschaftsleute einen festen Platz erobert. Schwab selbst, sowieso immer in großen Dimensionen denkend, weitet sein Stakeholder-Konzept zum Corporate Global Citizen mit umfassender sozialer und politischer Verantwortung aus, den er in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. Oktober 1975 erläutert. Der 37-Jährige zielt nun konzeptionell und organisatorisch auf die ganze Welt, nachdem auf seinen Wunsch schon 1974 Erzbischof Dom Hélder Câmara aus Brasilien dem versammelten Establishment ins (soziale) Gewissen geredet hat. Auch die Umweltthemen werden weiter forciert.
Gerne gibt Schwab aus jenen Jahren eine personelle Episode zum Besten. Einer der Konferenzleiter in den Jahren zwischen 1973 und 1977 war Olivier Giscard d’Estaing, Bruder des französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Eines Tages meldete Schwab im Büro ein Telefongespräch mit »Mr. Giscard d’Estaing« an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich plötzlich der französische Präsident. Völlig überrascht wusste sich der Anrufer nicht anders zu helfen, als den Hörer aufzulegen. Das würde dem Klaus Schwab von heute nicht mehr passieren. Jahre später sprach er übrigens Valéry Giscard d’Estaing noch einmal auf die Episode an. »Natürlich erinnere ich mich«, meinte dieser schmunzelnd. »Sie sind die einzige Person, die einen französischen Präsidenten je vom Telefon abgehängt hat.«
1975 ist das Jahr der Globalisierung von Davos. Als erstes Land außerhalb Europas schickt die mexikanische Regierung eine offizielle Delegation unter Leitung des Handels- und Industrieministers in die Schweiz. Schwab selbst sucht verstärkt die Verbindung zu den UN-Organisationen, deren Wert er für seine Anliegen erkannt hat. Er schmiedet das erste offizielle Kooperationsabkommen, und zwar mit der Organisation für die industrielle Entwicklung (UNIDO). Daneben gründet er weitere Roundtables zur Diskussion in einzelnen Ländern. Mit der globalen Sicht hat Klaus Schwab den Rahmen gefunden, den er für das Forum und für sich als den einzig angemessenen hält. Für jedermann sichtbar wird dies allerdings erst 1987, als sich das European Management Forum zum World Economic Forum (WEF) wandelt. »Wir müssen uns endlich als das verhalten, was wir sind – eine weltumspannende Gemeinschaft«, verkündet der Gründer bei jenem Anlass als das Maß aller Aktivitäten.21 Das Kürzel WEF hat sich seitdem als Marke für den Elite-Zirkel eingeprägt. Schwab hingegen mag es nicht und wer ihm gefallen will, der verwendet andere Begriffe wie zum Beispiel Forum.
