Gebete für die Vermissten - Jennifer Clement - E-Book

Gebete für die Vermissten E-Book

Jennifer Clement

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Beschreibung

Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, von Freundschaft, Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt … Gebete für die Vermissten beschwört die unverbrüchliche Kraft der Hoffnung in einer schrecklichen Welt. In mutigen, schockierenden und bewegenden Bildern erzählt Jennifer Clement das Leben einer außergewöhnlichen jungen Heldin. »Man liest dieses Buch nicht, man verschlingt es.« DBC Pierre

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Seitenzahl: 263

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Ladydi wächst in den mexikanischen Bergen auf, inmitten von Mais- und Mohnfeldern, in einem Dorf ohne Männer, denn die sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze oder längst tot. Es ist eine karge und harte Welt, in der ein Mädchenleben wenig zählt. Eine Welt, in der verzweifelte Mütter ihre Töchter als Jungen verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogen- und Menschenhändler auftauchen. Aber Ladydi träumt von einer richtigen Zukunft, sie träumt von Freundschaft und Liebe und Wohlstand. Ein Job als Hausmädchen in Acapulco verspricht die Rettung, doch dann verwickelt ihr Cousin sie in einen Drogendeal. Und plötzlich hält sie ein Paket Heroin in den Händen, und ein gnadenloser Überlebenskampf beginnt …

»Ein herzzerreißender Roman, messerscharf beobachtet.« The Guardian

 »Man liest dieses Buch nicht, man verschlingt es.« DBC Pierre

Jennifer Clement, 1960 im US-amerikanischen Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und zwei Romane veröffentlicht. Von 2009 bis 2012 war sie Präsidentin des mexikanischen PEN. Für »Gebete für die Vermissten« hat Clement über zehn Jahre lang vor Ort recherchiert und Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen geführt. Der Roman erscheint in 30 Ländern.

Jennifer Clement

Gebete

für die Vermissten

Roman

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel Prayers for the Stolen bei Hogarth, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Random House LLC, a Penguin Random House Company, New York.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4640.

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Copyright © 2014 Jennifer Clement

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlagfoto: The New York Times/Redux/laif

Eins

Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. Sie pfiff durch die Zähne. Ihr Mund war so nah, dass ich die Spucke im Nacken spürte. Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit dem Stück Kohle übers Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie.

Meine erste Erinnerung ist, wie meine Mutter mir einen alten gesprungenen Spiegel vors Gesicht hielt. Da muss ich ungefähr fünf gewesen sein. Weil er gesprungen war, sah mein Gesicht so aus, als wäre es in der Mitte durchgebrochen. In Mexiko ist es das Beste, ein hässliches Mädchen zu sein.

Ich heiße Ladydi Garcia Martinez, ich habe braune Haut, braune Augen und braunes, krauses Haar und sehe aus wie alle anderen, die ich kenne. Als Kind hat mich meine Mutter wie einen Jungen angezogen und mich »Junge« genannt.

Ich hab allen erzählt, ich hätte einen Jungen bekommen, sagte sie.

Wäre ich ein Mädchen, würde man mich stehlen. Die Drogendealer mussten nur hören, dass irgendwo ein hübsches Mädchen rumlief, schon kamen sie in ihren schwarzen Escalades angerauscht und nahmen es mit.

Im Fernsehen sah ich Mädchen, die sich hübsch machten, sich die Haare kämmten, rosa Schleifen reinbanden und Make-up trugen, aber bei mir zu Hause gab es das nicht.

Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen, sagte meine Mutter.

Als ich älter wurde, strich ich mit einem gelben oder schwarzen Filzer über den weißen Schmelz, damit meine Zähne vergammelt aussahen.

Nichts ist abstoßender als ein dreckiger Mund, sagte meine Mutter.

Es war Paulas Mutter, die die geniale Idee hatte, die Löcher zu graben. Sie wohnte gegenüber, in einem kleinen Haus mit einem Stück Land, auf dem Papayabäume wuchsen.

Meine Mutter meinte, Guerrero verwandle sich langsam in einen Kaninchenbau, überall versteckten sich junge Mädchen in Erdlöchern.

Sobald jemand einen SUV kommen hörte oder einen schwarzen Punkt in der Ferne sah oder auch zwei oder drei schwarze Punkte, rannten sie alle in ihre Löcher.

So sah es aus im Bundesstaat Guerrero. Ein heißes Fleckchen Erde, ein Land der Gummibäume, Schlangen, Leguane und Skorpione, die hellen, durchsichtigen, die man kaum sieht und deren Stiche tödlich sind. In Guerrero gab es bestimmt mehr Spinnen als sonst irgendwo auf der Welt, und Ameisen. Rote Ameisen, von denen uns die Arme anschwollen, so dass sie aussahen wie Beine.

Bei uns ist man stolz darauf, das wildeste, böseste Volk der Welt zu sein, sagte Mutter.

Als ich geboren wurde, gab meine Mutter bekannt, sie habe einen Jungen zur Welt gebracht. Sie erzählte es den Nachbarn und den Leuten auf dem Markt.

Gott sei Dank ist es ein Junge!, sagte sie.

Ja, Gott und der Jungfrau Maria sei Dank, antworteten alle, obwohl niemand ihr glaubte. Auf unserem Berg wurden nur Jungen geboren, und aus ein paar von ihnen wurden Mädchen, wenn sie ungefähr elf waren. Diese Mädchen mussten sich möglichst hässlich machen, und manchmal mussten sie sich in Löchern verstecken.

Wir waren wie Kaninchen, die sich vor hungrigen streunenden Hunden verkrochen, Hunden, die das Maul nicht zubekamen und schon das Fell auf der Zunge schmeckten. Kaninchen stampfen bei Gefahr mit den Hinterläufen auf, und diese Warnmeldung geht dann durch den Boden und alarmiert die anderen Kaninchen im Bau. Bei uns in der Gegend war das schlecht möglich, da wir zu weit auseinander lebten. Dafür waren wir ständig auf der Hut und lernten, Geräusche in sehr weiter Entfernung zu hören. Meine Mutter beugte den Kopf vor, schloss die Augen und horchte konzentriert auf Motorenlärm oder auf das aufgeregte Fiepen der Vögel und kleinen Tiere, wenn ein Auto kam.

Weißt du, keine von ihnen ist je wieder aufgetaucht. Keins der Mädchen, die sie geholt haben, ist je zurückgekommen oder hat auch nur einen Brief geschrieben, sagte meine Mutter, nicht mal einen Brief. Keine außer Paula. Sie kehrte ein Jahr nachdem sie entführt worden war zurück.

Immer wieder hatte uns ihre Mutter erzählt, wie sie sie geholt hatten. Und dann kam sie eines Tages nach Hause, in dunkelblauer Jogginghose und Sweatshirt. Sie hatte sieben Ohrringe, blaue, gelbe und grüne Stecker, die am Rand ihrer linken Ohrmuschel hochwanderten, und um ihr Handgelenk schlängelte sich ein Tattoo aus den Worten Cannibal's Baby.

Paula lief einfach die Schnellstraße lang und dann den Sandweg hoch direkt bis zu ihrem Haus. Sie lief langsam mit gesenktem Kopf, als folgte sie einer Spur aus Steinen.

Nein, das waren keine Steine, das Mädchen hat einfach den Weg nach Hause zu ihrer Mutter gerochen, sagte meine Mutter.

Paula ging direkt in ihr Zimmer und legte sich aufs Bett, auf dem noch ein paar Stofftiere lagen. Sie verlor nie ein Wort darüber, was mir ihr passiert war. Wir wussten nur, dass ihre Mutter sie mit der Flasche fütterte, mit einer Milchflasche, sie nahm sie tatsächlich auf den Schoß und gab ihr ein Fläschchen. Paula muss da fünfzehn gewesen sein, ich war nämlich vierzehn. Ihre Mutter kaufte ihr außerdem Babynahrung und fütterte sie mit einem kleinen weißen Kaffeeplastiklöffel aus dem OXXO Shop an der Tankstelle auf der anderen Seite der Schnellstraße.

Hast du das gesehen? Hast du gesehen, was Paula anhatte?, fragte meine Mutter.

Nein, warum?

Die Sachen waren blau, dunkelblau, du weißt, was das bedeutet, oder? Sie war ganz in Blau, Dunkelblau, Jesus, Maria, mögen die Engel im Himmel uns beschützen.

Nein, ich wusste nicht, was das bedeutete. Meine Mutter wollte es mir nicht sagen, aber später fand ich es selbst heraus. Dunkelblau war die Farbe, die man im Gefängnis trug. Ich fragte mich, wie jemand aus einer kleinen Hütte auf einem Berg von einem Drogendealer mit rasiertem Kopf, einem Maschinengewehr in der Hand und einer Granate in der Hosentasche entführt werden und dann im Gefängnis landen konnte.

Ich hielt Ausschau nach Paula. Ich wollte mit ihr reden. Sie ging nicht mehr aus dem Haus, aber immerhin waren wir beste Freundinnen gewesen, zusammen mit Maria und Estefani. Ich wollte sie zum Lachen bringen und sie daran erinnern, wie wir sonntags als Jungen verkleidet in die Kirche gingen und dass ich Junge hieß und sie Paulo. Ich wollte sie daran erinnern, wie wir gemeinsam in den Klatschzeitschriften blätterten, weil sie sich so gern die schönen Kleider der Fernsehstars ansah. Außerdem wollte ich wissen, was passiert war.

Absolut jeder wusste, dass Paula schon immer das hübscheste Mädchen in diesem Teil von Guerrero gewesen war. Es hieß, sie sei sogar noch hübscher als die Mädchen in Acapulco, was als großes Kompliment galt, zumal alles, was Glamour hatte oder irgendwie besonders war, aus Acapulco kommen musste. Das sprach sich natürlich herum.

Paulas Mutter stopfte ihr alte Lumpen in die Kleider, damit sie dick wirkte, und trotzdem wusste jeder, dass drei Kilometer von Chilpancingo und zwei Stunden von der Hafenstadt Acapulco entfernt auf einem kleinen Hof zusammen mit ihrer Mutter und drei Hühnern ein Mädchen lebte, das schöner war als Jennifer Lopez. Es war nur eine Frage der Zeit. Obwohl Paulas Mutter die Idee hatte, die Mädchen könnten sich in Erdlöchern verstecken, was dann auch alle taten, konnte sie ihre eigene Tochter nicht retten.

Ein Jahr vor Paulas Entführung hatte es eine Warnung gegeben.

Es war am frühen Morgen gewesen. Concha, Paulas Mutter, fütterte gerade ihre drei Hühner, als sie einen Wagen die Straße hochkommen hörte. Paula lag noch im Bett und schlief. Ihr Gesicht war gewaschen, ihr Haar zu einem langen schwarzen Zopf geflochten, der sich im Schlaf um ihren Hals gelegt hatte.

Paula trug eins von den T-Shirts ihres Vaters, die er dagelassen hatte, als er vor zehn Jahren in die USA ging und nie zurückkehrte. Das T-Shirt, das ihr bis zu den Knien reichte, war aus weißer Baumwolle und es stand Wonder Bread in dunkelblauen Buchstaben drauf. Außerdem hatte sie einen rosa Schlüpfer an, was, wie meine Mutter sagte, schlimmer sei, als nackt zu sein!

Paula schlief tief und fest, als der Dealer ins Haus platzte.

Concha sagte, sie habe die Hühner gefüttert, diese drei nichtsnutzigen Hühner, die in ihrem ganzen Leben kein einziges Ei gelegt hatten, als sie den gelbbraunen BMW den schmalen Weg hochkommen sah. Im ersten Moment dachte sie, es sei ein Bulle oder irgendein anderes Tier, das aus dem Zoo in Acapulco weggelaufen war, einfach, weil sie nicht mit einem hellbraunen Auto gerechnet hatte.

Wenn sie sich vorgestellt hatte, wie die Dealer kamen, dachte sie immer an schwarze SUVs mit getönten Scheiben, die angeblich illegal waren, die aber jeder hatte, damit die Cops nicht reingucken konnten. So ein schwarzer Cadillac Escalade mit vier Türen und dunklen Scheiben, voll mit Dealern und Maschinengewehren, war wie ein trojanisches Pferd oder so was Ähnliches, sagte meine Mutter immer.

Woher kannte meine Mutter Troja? Woher wusste eine Mexikanerin, die allein mit ihrer Tochter in Guerrero auf dem Land lebte, zwei Autostunden von Acapulco entfernt und fünf mit dem Maultier, irgendetwas über Troja? Ganz einfach. Das Einzige, was mein Vater ihr je aus den USA mitgebracht hat, war eine kleine Satellitenantenne. Meine Mutter war süchtig nach Geschichtsdokus und Oprahs Talkshows.

Bei uns zu Hause stand ein Altar für Oprah neben dem für die Jungfrau von Guadalupe. Meine Mutter nannte sie nicht Oprah. Den Namen hat sie nie richtig verstanden. Sie nannte sie Opera. Es hieß also immer Opera dies und Opera das. Und tatsächlich dachte meine Mutter immer wieder daran, Opera einen Brief zu schreiben.

Abgesehen von Oprah und den Dokumentationen müssen wir mindestens hundertmal The Sound Of Music gesehen haben. Meine Mutter sah ständig nach, ob der Film in irgendeinem Programm lief.

Jedes Mal, wenn Concha uns erzählte, was mit Paula passiert war, ging die Geschichte anders. Wir erfuhren also nie die Wahrheit.

Der Drogendealer, der ein Jahr vor Paulas Entführung bei ihnen gewesen war, wollte nur einen Blick auf sie werfen. Er wollte sehen, ob die Gerüchte stimmten. Sie stimmten.

Das Leben war anders, nachdem Paula verschwunden war.

Auf unserem Berg gab es keine Männer. Es war, als würde man irgendwo leben, wo es keine Bäume gab.

Wie wenn man nur einen Arm hätte, sagte meine Mutter. Nein, nein, nein, korrigierte sie sich. An einem Ort ohne Männer zu leben, ist wie schlafen, ohne zu träumen.

Unsere Männer beschlossen, den Fluss in die Vereinigten Staaten zu überqueren. Sie tauchten die Füße ins Wasser und wateten bis zu den Hüften hinein, aber wenn sie das andere Ufer erreichten, waren sie tot. Im Fluss verloren sie ihre Frauen und Kinder und marschierten direkt auf den riesigen Friedhof USA. Meine Mutter hatte recht. Sie schickten Geld, kamen noch ein- oder zweimal nach Hause, und das war's. Auf unserem Berg lebten also Grüppchen von Frauen, die arbeiteten und versuchten, ihre Töchter großzuziehen. Die einzigen Männer in der Gegend saßen in SUVs, fuhren auf Motorrädern und tauchten plötzlich aus dem Nichts auf, eine Kalaschnikow über der Schulter, einen Beutel Kokain in der Jeanstasche und ein Päckchen Marlboro in der Hemdtasche. Sie trugen Ray-Ban-Brillen, aber wir durften ihnen trotzdem auf keinen Fall in die Augen sehen, wo die kleine schwarze Pupille saß, die direkt in ihre Seelen führte.

In den Nachrichten hörten wir eines Tages von der Entführung von fünfunddreißig Bauern, die auf einem Feld Mais pflückten, als ein paar Männer mit drei großen Trucks ankamen und sie mit vorgehaltener Waffe zwangen einzusteigen. Wie Vieh standen sie zusammengepfercht in den LKWs. Nach zwei oder drei Wochen kehrten die Bauern zurück. Sie waren gewarnt geworden, man würde sie töten, falls sie erzählten, wohin man sie gebracht hatte. Aber jeder wusste, dass sie bei der Marihuana-Ernte geholfen hatten.

Solange man über etwas nicht redete, war es auch nicht passiert. Bis irgendwann jemand ein Lied darüber schrieb. Alles, was niemand wissen durfte, worüber man nicht sprechen durfte, tauchte mit Sicherheit irgendwann in einem Lied auf.

Irgendein Idiot wird ein Lied über diese entführten Bauern schreiben und dafür sterben, sagte meine Mutter.

Am Wochenende fuhren meine Mutter und ich nach Acapulco, wo sie für eine reiche Familie aus Mexiko-Stadt putzte. Sie verbrachten dort einige Wochenenden im Monat in ihrem Ferienhaus. Jahrelang waren sie mit dem Auto gekommen, aber dann kauften sie sich irgendwann einen Hubschrauber. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Landeplatz auf dem Grundstück fertig war. Erst mussten sie den Swimmingpool mit Erde zuschütten und abdecken und ihn dann ein paar Meter weiter neu bauen. Auch der Tennisplatz wurde verlagert, damit der Heliport möglichst weit weg vom Haus lag.

Meine Mutter arbeitete viele Jahre für die Familie. Mein Vater war ihr Gärtner, bevor er in die USA ging. Er kam noch ein paar Mal, aber dann nicht mehr, und als es so weit war, wusste meine Mutter, dass es das letzte Mal war.

Das ist das letzte Mal, sagte sie.

Wie meinst du das, Mama?

Präg dir genau sein Gesicht ein, saug ihn in dich auf, denn du wirst deinen Vater niemals mehr wiedersehen. Garantiert. Garantiert.

Das Wort benutzte sie gern.

Als ich sie fragte, woher sie wisse, dass er nicht wiederkommen würde, sagte sie, Wart's einfach ab, Ladydi, du wirst schon sehen, dass ich recht habe.

Aber woher weißt du das?, fragte ich noch mal.

Wollen wir doch mal sehen, ob du es selbst rausfindest, antwortete sie.

Es war ein Test. Meine Mutter testete mich gern, und herauszufinden, warum mein Vater nicht wiederkommen würde, war ein Test.

Ich fing an, ihn zu beobachten. Ich achtete auf seine Gesten, darauf, wie er sich in unserem kleinen Haus und Garten bewegte. Ich folgte ihm wie einem Fremden, der mir womöglich etwas wegnahm, sobald ich nicht hinsah.

Eines Abends wusste ich, dass meine Mutter recht hatte. Es war so heiß, dass man das Gefühl hatte, selbst der Mond strahle Wärme aus. Ich ging nach draußen zu meinem Vater, der eine Zigarette rauchte.

Mein Gott, das muss so ziemlich der heißeste Ort auf der Welt sein, sagte er, während er den Tabakrauch gleichzeitig durch Mund und Nase ausstieß.

Er legte den Arm um mich, und seine Haut war noch heißer als meine. Wir hätten miteinander verschmelzen können.

Und dann sprach er es aus.

Du und deine Mutter, ihr seid zu gut für mich. Ich verdiene euch nicht.

Ich hatte den Test mit Eins bestanden.

Verdammter Hurensohn, sagte meine Mutter wieder und wieder, jahrelang. Sie nahm nie mehr seinen Namen in den Mund. Von da an war er nur noch der Hurensohn.

Wie auch viele andere Leute auf unserem Berg, glaubte meine Mutter an Flüche.

Möge der Wind die Flamme seines Herzens auslöschen. Möge eine gigantische Termite aus seinem Nabel wachsen oder eine Ameise aus seinem Ohr, sagte sie. Möge ein Wurm seinen Penis fressen.

Dann hörte mein Vater irgendwann auf, uns Geld zu schicken. Ich schätze, wir waren auch zu gut für sein Geld. Natürlich waren zwischen den USA und Mexiko mehr Gerüchte in Umlauf als sonst irgendwo auf der Welt. Wer die Wahrheit nicht kannte, kannte das Gerücht, und das Gerücht war immer viel mehr als die Wahrheit.

Ein Gerücht ist mir lieber als die Wahrheit, sagte meine Mutter.

Das Gerücht, das aus einem mexikanischen Restaurant in New York kam und über ein Schlachthaus in Nebraska, einen Fastfood-Laden in Ohio, eine Orangenplantage in Florida, ein Hotel in San Diego und dann, in einem Akt der Wiederauferstehung, über den Fluss in eine Bar in Tijuana, auf ein Marihuanafeld bei Morelia, in ein Glasbodenboot in Acapulco, eine Cantina in Chilpancingo und schließlich den Feldweg hoch in den Schatten unseres Orangenbaums getragen wurde, besagte, dass mein Vater »da drüben« eine andere Familie hatte.

»Hier drüben« spielte unsere Geschichte, aber auch die aller anderen.

Hier drüben lebten wir allein in unserer Hütte, umgeben von all dem Kram, den meine Mutter über die Jahre angehäuft hatte. Wir hatten Dutzende von Stiften, Salzstreuern und Brillen und einen großen Müllsack voll mit Zuckertütchen, die sie aus den Restaurants mitgehen ließ. Meine Mutter kam nie ohne eine Rolle Klopapier in der Handtasche von der Toilette. Sie nannte es nicht stehlen, im Gegensatz zu meinem Vater. Als er noch bei uns wohnte und sie sich immer stritten, sagte er, er lebe mit einer Diebin zusammen. Meine Mutter behauptete, sie leihe die Sachen nur aus, aber ich wusste, dass sie nie etwas zurückgab. Ihre Freundinnen wussten, dass sie alles vor ihr verstecken mussten. Egal wo wir hingingen, sobald wir zu Hause waren, kam irgendwas aus ihren Taschen, zwischen den Brüsten oder sogar in den Haaren zum Vorschein. Sie hatte ein Händchen dafür. Manchmal zog sie kleine Kaffeelöffel oder Nähgarn aus ihrer krausen Mähne. Und einmal hatte sie bei Estefani einen Snickers-Riegel mitgehen lassen und ihn sich unter den Pferdeschwanz geschoben. Selbst ihre eigene Tochter beklaute sie. Ich hatte es aufgegeben, zu glauben, irgendetwas gehöre mir.

Als mein Vater wegging, sagte meine Mutter, die nie ein Blatt vor den Mund nahm, Dieser verdammte Hurensohn! Wir verlieren unsere Männer, wir kriegen Aids von ihnen und ihren amerikanischen Huren, unsere Töchter werden entführt, unsere Söhne gehen weg, und trotzdem liebe ich dieses Land mehr als mein Leben.

Dann sagte sie ganz langsam das Wort Mexiko, und dann noch mal, Mexiko. Als würde sie es von einem Teller ablecken.

Meine Mutter hatte mir sehr früh beigebracht, ständig für irgendetwas zu beten. Ich hatte um Wolken und Pyjamas gebeten, um Glühbirnen und Bienen.

Zwei

Ich bin nur zur Grundschule gegangen. Und die meiste Zeit davon als Junge. Unsere Schule war ein kleines Gebäude ein Stück den Hügel hinunter. Niemand wollte seine Kinder in die Schule nach Chilpancingo schicken, wegen der Drogendealer. Sowieso traute niemand niemandem. Meine Mutter sagte, hier seien alle Drogendealer, die Polizei ohnehin, der Bürgermeister garantiert auch, sogar unser Scheißpräsident sei ein Dealer.

Meiner Mutter musste man keine Fragen stellen, das tat sie schon selbst.

Woher ich weiß, dass der Präsident ein Drogendealer ist?, fragte sie. Weil er zulässt, dass die Waffen aus den USA ins Land kommen. Warum geht er nicht dagegen an und stellt einfach die Armee an der Grenze auf, hm? Und außerdem, was ist schlimmer: eine Marihuanapflanze beziehungsweise eine Mohnblüte in der Hand zu halten oder ein Gewehr? Gott schuf die Pflanzen, der Mensch das Gewehr.

Meine Schulfreunde waren dieselben, mit denen ich schon vorher befreundet gewesen war. In der ersten Klasse waren wir nur zu neunt. Meine besten Freundinnen waren Paula, Estefani und Maria. Wir trugen kurze Haare und Jungsklamotten. Alle außer Maria.

Maria kam mit einer Hasenscharte zur Welt, deswegen machten sich ihre Eltern keine Sorgen, dass sie entführt werden könnte.

Wenn meine Mutter über Maria sprach, sagte sie, Das Hasenschartenhäschen vom Mond ist auf unseren Berg hinabgestiegen.

Maria war außerdem die Einzige von uns, die einen Bruder hatte. Er hieß Miguel, aber wir nannten ihn Mike. Er war vier Jahre älter als Maria, und alle verhätschelten ihn, weil er der einzige Junge bei uns auf dem Berg war.

Paula, fanden wir alle, sah aus wie Jennifer Lopez, nur schöner.

Estefani hatte die dunkelste Haut, die ich je gesehen hatte. In Guerrero sind die Menschen alle ziemlich dunkel, aber sie sah aus wie die Nacht oder wie ein seltener schwarzer Leguan. Estefani war außerdem groß und schlank, und da in Guerrero sonst niemand groß war, stach sie hervor wie ein einzelner hoher Baum aus dem Wald. Sie sah Dinge, die ich nicht sehen konnte, auch wenn sie weit weg waren, zum Beispiel ein Auto auf der Schnellstraße. Einmal entdeckte sie eine kleine schwarz-rot-weiß gestreifte Schlange zusammengerollt in einem Baum. Es war eine Korallenschlange, ein Tier, das angeblich gern die Milch aus den Brüsten schlafender Mütter trinkt.

Wenn man in Guerrero aufwächst, lernt man, dass alles, was rot ist, gefährlich ist, wir wussten also, dass die Schlange böse war. Estefani sagte, sie habe ihr direkt in die Augen geblickt. Sie erzählte es nur Paula, Maria und mir, nur uns dreien (ihren drei besten Freundinnen), denn sie wusste, dass dieser Blick ein Fluch war. In etwa so, als wäre die Schlange die böse Fee mit dem Zauberstab gewesen und hätte gesagt, deine Träume werden sich nie erfüllen.

Als Maria mit einer Hasenscharte zur Welt kam, war das für alle ein Schock. Luz, Marias Mutter, ließ ihre Tochter nicht aus dem Haus, und ihr Vater ging zur Tür hinaus und kam nie wieder.

Statt sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, erzählte meine Mutter gern allen anderen, was sie zu tun hatten. Also ging sie zu Marias Mutter, um sich das Baby anzusehen. Ich kenne die Geschichte ganz genau, weil meine Mutter sie mir so oft erzählt hat. Sie sah die kleine Maria in Luz' Armen unter einem weißen Schleier liegen, nahm ihn hoch und betrachtete das Baby.

Sie wurde verkehrtrum geboren, wie ein auf links gedrehter Pullover. Du musst sie einfach wieder andersrum drehen, sagte Mutter. Ich geh in die Klinik und melde sie an.

Meine Mutter lief den Berg runter, fuhr mit dem Bus nach Chilpancingo in die Klinik und meldete Marias Geburt an. Das war nötig, damit man dort wusste, welche Kinder aus den ländlichen Gegenden eine solche Operation benötigten. Alle paar Jahre kam eine Gruppe von Ärzten aus Mexiko-Stadt und operierte umsonst, aber die Patienten mussten bei der Geburt registriert werden.

Es dauerte acht Jahre, bis die Ärzte nach Chilpancingo kamen. Ein Militär-Konvoi begleitete sie, um sie vor brutalen Überfällen durch die Drogendealer zu schützen. Bis zu dem Zeitpunkt hatten wir uns natürlich alle an Marias Gesicht gewöhnt. Ein paar von uns wollten deswegen auch nicht, dass sie sich operieren ließ. Wir wollten, dass sie froh und normal war, aber ihr entstelltes Gesicht ließ uns die Götter fürchten, es ließ uns an furchtbare Strafen denken und daran, dass irgendwas in unserem magischen Kreis falsch gelaufen war. Sie war zum Mythos geworden wie eine Dürre oder Flut. Maria war ein Beispiel für Gottes Zorn. Konnte ein Arzt etwas gegen diesen Zorn tun?, fragten wir uns. Maria lebte in ihrem Mythos, und irgendwann sah sie aus, als wäre sie aus Stein.

Wir dachten, Maria verfüge über besondere Kräfte. Meine Mutter dachte das nie.

Sie sucht die Gefahr, und sie wird sie finden, sagte Mutter.

Estefani, Paula und ich hatten das Gefühl, Maria habe das Schlimmste schon hinter sich und deswegen auch keine Angst vor so etwas wie der Schlange im Baum, die Estefani entdeckt hatte. Es war dann auch Maria, die kurze Zeit später einen langen Stock nahm und damit nach der Schlange stieß, bis sie vom Baum fiel. Estefani, Paula und ich wichen kreischend zurück, aber Maria beugte sich vor, hob sie hoch und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

Sie sah die Schlange an und sagte, Wenn du glaubst, du bist hässlich, dann sieh mich erst mal an!

Hör auf, rief Paula. Sie wird dich beißen!

Idiotin, genau das will ich doch, sagte Maria und ließ die Schlange fallen.

Sie nannte jeden Idiot. Es war ihr Lieblingswort.

Als ich sieben Jahre alt war, gingen Maria und ich eines Tages zusammen von der Schule nach Hause. Normalerweise gingen wir immer alle gemeinsam, trafen dann unsere Mütter unten an der Schnellstraße und trennten uns dort. Ich weiß nicht mehr, warum, aber diesmal waren Maria und ich allein. Das Schuljahr war fast vorbei, und wir waren traurig, weil unser Lehrer, der für ein Jahr aus Mexiko-Stadt gekommen war, uns verließ und im September ein neuer anfing. Auf dem Land waren die Leute auf Freiwillige aus der Stadt angewiesen. Wir hatten ehrenamtliche Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte und Krankenschwestern. Sie absolvierten ihr soziales Jahr, und dann waren sie wieder weg. Nach einer Weile lernten wir, uns nicht zu sehr an diese Leute zu gewöhnen, die, wie meine Mutter sagte, kamen und gingen wie Vertreter und nichts anderes verkauften als die Worte Du musst.

Ich mag keine Leute, die von weit her kommen, sagte sie. Sie haben keine Ahnung, wer wir sind, und erzählen uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Geh ich vielleicht in die Stadt und sage, Hier stinkt's, und, Hey, wo ist das Gras und seit wann ist der Himmel gelb? Wir sind doch nicht im Römischen Reich.

Ich wusste nicht, was sie damit meinte, aber ich wusste, dass sie eine Dokumentation über die Geschichte Roms gesehen hatte.

Das Mal, als ich mit Maria alleine nach Hause lief, war im Juli. Ich erinnere mich an die Hitze und dass wir traurig waren, weil unser Lehrer wegging. Es war extrem schwül, und ich wurde immer schlapper. Die Luft war so feucht, dass die Spinnen ihre Netze in der Luft bauen konnten. Wir mussten uns die losen Fäden aus dem Gesicht wischen und hofften, dass uns keine Spinne ins Haar oder in die Bluse gefallen war. Es herrschte ein Klima, dass die Leguane und Eidechsen mit den Augen auf Halbmast schliefen. Sogar die Insekten waren eingeschlummert. Die Hitze trieb die Straßenköter auf der Suche nach Wasser zur Schnellstraße, und ihre blutigen Kadaver säumten den dunklen Asphalt von unserem Berg bis nach Acapulco.

Es war so heiß, dass Maria und ich uns irgendwann auf ein paar Steine setzten, nachdem wir uns vergewissert hatten, dass keine Schlangen und Skorpione da waren.

Mich wird nie ein Junge lieben wollen, Punkt. Aber das ist mir egal, sagte sie. Ich will nicht, dass jemand an meinem Gesicht herumdoktert. Meine Mutter sagt, mich wird sowieso nie einer küssen.

Ich versuchte, mir den Kuss vorzustellen, Lippen auf ihren gespaltenen Lippen, eine Zunge in ihrem gespaltenen Mund. Ich fragte, ob das bedeutete, dass sie nie Kinder haben würde, und sie antwortete, ihre Mutter habe ihr gesagt, sie würde nie heiraten und nie Kinder haben, weil kein Mann sie je lieben würde.

Ich will nicht geliebt werden, sagte Maria, also, was soll's?

Ich will auch nicht geliebt werden, Maria. Wer will das schon? Ich finde, küssen klingt ekelhaft.

Sie drehte sich um und warf mir einen finsteren Blick zu, und ich dachte, sie würde mich anspucken oder mich schlagen, aber in diesem Augenblick verliebte sie sich in mich.

Den finsteren Blick warf mir Maria zu, weil die Menschen hier eben so sind. Es ist tatsächlich in ganz Mexiko bekannt, dass die Menschen aus Guerrero etwas Aggressives haben und gefährlich sind wie ein weißer, durchsichtiger Skorpion, der sich im Bett unter dem Kopfkissen versteckt.

In Guerrero regierten Hitze, Leguane, Spinnen und Skorpione. Das Leben war so gut wie nichts wert.

Meine Mutter sagte das dauernd, Das Leben ist nichts wert. Außerdem zitierte sie regelmäßig, wie ein Gebet, das berühmte alte Lied, in dem es heißt, Wenn du mich morgen umbringen willst, dann tu es besser gleich.

Diese Zeile übertrug sie dann auf diverse andere Situationen, die alle in etwa dasselbe bedeuteten. Einmal hörte ich sie zu meinem Vater sagen, Wenn du mich morgen verlassen willst, dann tu es besser gleich.

Ich wusste, er würde nicht wiederkommen. Aber das war auch okay, sonst hätte sie es wahrscheinlich wirklich getan. Nämlich einen Eintopf aus Fingernägeln, Spucke und geraspelten Haaren gekocht. Dazu etwas Menstruationsblut, grüne Chilis und Huhn.

Als sie mir das Rezept erklärte, sagte sie, Sei immer selbst der Koch, lass nie jemand anderen für dich kochen.

Er hätte sicher köstlich geschmeckt, dieser Eintopf aus Fingernägeln, Spucke, Menstruationsblut und geraspelten Haaren. Sie war eine gute Köchin. Und ihre Machete war stets scharf geschliffen. Es war besser, wenn er nicht zurückkam.

Meine Mutter sagte, sie glaube an Rache. Das sollte eine Drohung sein, es war aber auch eine Lektion. Ich wusste, sie würde mir nichts verzeihen, gleichzeitig lernte ich selbst auch, nicht zu verzeihen. Deshalb ginge sie auch nicht mehr in die Kirche, sagte sie, obwohl sie manche Heilige verehrte, aber dieses ganze Vergebungstheater gefiel ihr nicht. Ich weiß, dass sie einen Großteil des Tages darüber nachdachte, was sie mit meinem Vater anstellen würde, falls er je zurückkäme.

Ich sah meine Mutter das hohe Gras mit der Machete mähen oder einen Leguan mit einem Stein den Kopf zertrümmern, die Stachel von einer Agave abschaben oder einem Huhn den Hals umdrehen, und es kam mir jedes Mal vor, als ginge es um meinen Vater. Wenn sie also eine Tomate schnitt, wusste ich, es war sein Herz, das sie in kleine Scheiben zerlegte.

Wenn sie sich gegen die Eingangstür lehnte und ihren Körper gegen das Holz presste, dann wusste ich, es war sein Rücken. Die Stühle waren sein Schoß, die Löffel und Gabeln seine Hände.

Eines Tages kam Maria zu uns gerannt. Wir wohnten nur zwanzig Minuten voneinander entfernt, der Weg führte vorbei an Gummibäumen, kleinen Palmen und grün-braunen Leguanen, die auf flachen Felsen in der Sonne lagen. Sie konnten sich blitzschnell umdrehen und einen beißen, vor allem, wenn man ein achtjähriges Mädchen war und in roten Plastikflipflops durch ihr Terrain hüpfte. Sie war allein, zumal sie wegen ihrer Hasenscharte als Einzige überhaupt vor die Tür durfte. Wir alle wussten, dass niemand sie mitnehmen wollen würde, nicht mal geschenkt. Die Leute zuckten zurück, wenn sie sie sahen. Als sie plötzlich vor der Tür stand, wusste ich, dass etwas passiert war.

Ladydi, schrie sie, Ladydi!

Meine Mutter war nicht da, sie war auf den Markt nach Chilpancingo gefahren. In dem Alter ließen uns unsere Müt