Gebrauchsanweisung für Lissabon - Martin Zinggl - E-Book

Gebrauchsanweisung für Lissabon E-Book

Martin Zinggl

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Beschreibung

Zwischen Melancholie und Moderne: Martin Zinggl, der seit über zwanzig Jahren immer wieder nach Lissabon zurückkehrt, nimmt uns mit über den Tejo, zu den miradouros mit dem besten Ausblick und auf eine Fahrt mit der legendären Elektrotram 28E. Er lüftet das Geheimnis salzgetrockneten Kabeljaus, erzählt vom strengen Regiment der Kellner und beschwört die Klänge des Fado herauf. Mit ihm entdecken wir Orte, die (noch) keine Touristenhotspots sind, surfen am Hausstrand, besuchen Estoril und spazieren durch den Märchenwald von Sintra. Und erfahren, wieso pastéis de nata einfach glücklich machen. »Der Autor ist kein Bewunderer Lissabons, sondern ein ihrem Charme Verfallener, ein Freund.« Mare Magazin

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das obere Zitat am Beginn des Buches stammt mit freundlicher Genehmigung der Sony/ATV Music Publishing Germany GmbH aus dem Song:

»I TRIED TO LEAVE YOU«

Musik & Text: Leonard Cohen

© Sony/ATV Songs LLC

Das untere Zitat am Beginn des Buches stammt mit freundlicher Genehmigung aus:

Maria Isabel Barreno, »Lissabon durch die Jahrhunderte«

in »Lissabon. Eine literarische Einladung«

© 2010 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin

O Mistério de Lisboa

© Relógio D’Água Editores, Lissabon

Neuausgabe 2024

© Piper Verlag GmbH, München 2020 und 2024

Redaktion: Margret Trebbe-Plath, Berlin

Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de

Coverabbildung: typische Straßenszene mit gelber Tram (Alamy Stock Photo / rudi1976)

Karte und Umgebungsplan: Peter Palm, Berlin

Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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((Text bei Büchern ohne inhaltsrelevante Abbildungen wie z.B. Schmuckvignetten))

Für Philipp & Gregor, meine Brüder

I tried to leave you.

I don’t deny.

I closed the book on us,

at least a hundred times.

(But) I’d wake up every morning,

(right there) by your side.

Leonard Cohen

Es in Lissabon eilig zu haben ist noch immer eine Sünde.

Maria Isabel Barreno, »Lissabon durch die Jahrhunderte«

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Karten

Vorwort

Warum Lissabon?

Ankommen

Gute Küche, schlechter Service

Tram

Baixa Pombalina

Fado

Meine kleine Gasse

Feste feiern

Lissabonner Logik

Die perfekte Welle

Miradouros

In der Schnellbahn

Pessoa vs. Camões

Este

Im Eisenwarenhandel

Revolução!

Süße Verführung

Eine Stadt wird ausverkauft

Loja com história

Dérbi eterno

Regen

Kauderwelsch

In der Metro

Jardim Botanico

Willst du Jesus sehen?

Sintra

Vergänglicher Glanz

»Nice!«

Literarische Weltrekorde

In der Schlange

Stadt der Keramik

Feira da ladra

Estoril

Quiosque

Der Zauberfisch

Saudade

Obrigado

Literatur

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Karten

Vorwort

Die Schöne am Tejo. Die Königin des Meeres. Die Perle des Südens. Die weiße Stadt. Die uralte Stadt. Die traurige Stadt. Die Stadt des Lichts. Die Stadt der Seefahrer. Die Stadt der Städte. Die Hauptstadt der Melancholie. Das Tor zur Welt.

Viele Beinamen trägt die portugiesische Metropole. Ebenso viel Literatur findet der Reisende oder Interessierte über Lissabon. Genau genommen: weit über tausend deutschsprachige Bücher. Danke also, dass Sie sich – angesichts dieser überwältigenden Auswahl – für diese Gebrauchsanweisung entschieden haben! Zumal dieses Buch kein Reiseführer ist, keine Hotels und Restaurants empfiehlt, keine Top-10-Sehenswürdigkeiten oder Geheimtipps auflistet. Auch ist es, um es gleich eingangs festzuhalten, keine blindlings verfasste Liebeserklärung an Lissabon. Ich bin kein Bewohner dieser Stadt, zumindest kein dauerhafter, sondern ein Besucher. Bin kein Bewunderer Lissabons, sondern ein ihrem Charme Verfallener, ein Freund. Bin kein hoffnungslos Verlorener, der sich unsterblich in Lissabon verliebt hat und nicht mehr davon loskommt wie von einer Angebeteten. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn ich ins Flugzeug steige und die Metropole verlasse, sagt eine innere Stimme: »Jetzt reicht es, das war das letzte Mal.« Vermutlich wegen der Flut an Reizen, die in Hirn und Herz strömen, die alle fünf Sinne berauschen. Und auch einen sechsten – aber dazu mehr im Buch. Vielleicht liegt es auch nur an dem beklemmenden und unübersichtlichen Flughafen, der mir den Abschied vermiest – auch das soll sich in naher Zukunft ändern.

Jedes Mal entpuppt sich diese Stimme als Lügnerin. Denn immer wieder ruft mich Lissabon zu sich, diese Königin des Meeres, diese Schöne am Tejo, und immer wieder besuche ich sie gern, diese Stadt der Fliesen und der Melancholie. Zweimal habe ich längere Zeit hier gelebt – und wenn es mich irgendwann ein drittes Mal hierherzieht, würde mich das nicht wundern. Dann vielleicht sogar dauerhaft.

Ich möchte ehrlich sein: Seit über zwanzig Jahren führe ich ein ambivalentes Verhältnis mit dieser Stadt. Lange Zeit empfand ich Abneigung, schwor, nie wieder einen Fuß an das Ufer des Tejo zu setzen. Denn ich bin in Lissabon durch meinen emotionalen Tiefpunkt gegangen, habe den verregnetsten Herbst und den kältesten Winter meines Lebens durchgestanden, während ich, von Alkohol und Marihuana benebelt, versuchte, den Liebeskummer zu überwinden, der mir in dieser Stadt widerfahren war. Der Zufall führte mich zurück – und mittlerweile empfinde ich tiefe Zuneigung für Lissabon. Denn ich habe hier mein Herz verloren und meinen Verstand wiedergefunden, durfte einen fröhlichen Frühling und einen grandiosen Sommer lang den Weltschmerz vergessen, Wärme und Nähe der lisboetas spüren, die mir gezeigt haben, dass Lissabon nicht umsonst den Beinamen »Stadt des Lichts« trägt.

Wo Licht hinfällt, kann sich Schatten breitmachen. So ist diese Metropole sicher nicht perfekt und strebt dies auch nicht an. Doch sie und ihre Bewohner entzücken gerade deshalb, weil sie manchmal so verschroben und sonderbar sind. Genau darum muss hier nichts schöngeredet werden.

Lange vor Ihrem und meinem Dasein war Lissabon eine Weltstadt – und sie ist auf dem besten Weg, wieder eine zu werden. Kürzlich noch galt sie als das Armenhaus Europas – und diese bittere Vergangenheit spürt jeder Reisende, der genau hinblickt: Die von Zeit und Gischt angefressenen Fassaden verraten es, der abblätternde Schriftzug »LISBOA« am Fährhafen, die zahllosen Löcher und Unebenheiten der Gassen, ebenso manche in gebeugter Haltung in den Straßen umherziehende Gestalten – als wären sie in ihrem Stolz verletzt – oder die abgetragenen Sakkos und Schirmmützen älterer Herren.

Seit einigen Jahren erfindet sich Lissabon neu, ziehen Moderne und Kreativität in die portugiesische Hauptstadt ein, klopfen den jahrzehntealten Staub der Paralyse ab. An vielen Ecken sprießen bereits die ersten Ergebnisse: experimentelle Küche, märchenhafte Designs, verführerisches Nachtleben, epische Kunst- und Kulturszene. Es ist eine Epoche, in der Altes und Neues aufeinandertreffen und eine Atmosphäre schaffen, die nahezu jeden Besucher begeistert, da es der Stadt gelingt, kosmopolitisch und zugleich authentisch zu bleiben.

Ich konnte Lissabons Renaissance miterleben, habe all die Jahre hingeblickt und nun versucht, einige Beobachtungen und Begegnungen zu verschriftlichen. Versprochen: ohne Bauchpinselei, ohne Übertreibung, ohne Superlative – na gut, ein paar Superlative sind vielleicht dabei. Weil Lissabon eben doch nicht ganz ohne auskommt.

Warum Lissabon?

Gründe, warum Lissabon unbedingt einen Besuch wert ist, gibt es etwa genauso viele, wie es Rezepte mit bacalhau geben soll, Portugals traditionellem Stockfisch, der Ihnen auf die eine oder andere Art immer wieder begegnen wird – sei es als Gericht auf Ihrem Teller, als geruchsintensives Lebensmittel im Supermarkt oder als sagenumwobenes Kulturgut der Portugiesen. Mit Lissabon verhält es sich ähnlich, jeder und jede mag diese Stadt aus unterschiedlichen Gründen. Weil sie sich dort verliebt, erstmals Freiheit gespürt, ein erfolgreiches Start-up aufgebaut oder weil Lissabons Licht und Wärme sie so freundlich willkommen geheißen haben. Aus welchem persönlichen Motiv auch immer man gerne in dieser Stadt verweilt – es gibt ein paar objektive Gründe:

Welche andere europäische Hauptstadt kennen Sie, die auch im tiefsten Winter angenehme fünfzehn Grad Durchschnittstemperatur bietet?

Die Ihnen 2799 Sonnenstunden pro Jahr schenkt – fast doppelt so viele wie Berlin und immer noch gut tausend Stunden mehr als Wien und Bern?

Die Ihnen fangfrischen Fisch und allerlei Meeresgetier offeriert und Ihnen wunderschöne Strände zu Füßen legt?

Deren jahrtausendealte Geschichte jene von Städten wie Rom, Istanbul oder Paris um Jahrhunderte überbietet?

Die mittelalterliche Bauwerke mit hochmodernen Gebäuden in ihrem Stadtbild vereint, sogar einen eigenen Baustil kreiert hat, die Manuelinik, benannt nach König Manuel I.?

Die leistbar, sicher, sauber und tolerant ist, in der sich Xenophobie und Rechtspopulismus selbst in Zeiten der Intoxikation anderer Teile Europas noch schwertun?

Die mit Fado einen eigenen Musikstil geschaffen hat und über ein charakteristisches Lebensgefühl, ja eine Sinnesempfindung verfügt, die saudade, für die es keine angemessene Übersetzung gibt?

Deren Bewohner Sie mit offenen Armen und einer nicht gespielten Herzlichkeit empfangen, obwohl sie eigentlich als schüchtern und introvertiert gelten?

Die ihre Häuser mit Fliesenkunst überzieht, nicht nur, um der Stadt ein buntes Äußeres zu verpassen, sondern um Licht in die verborgensten Winkel zu reflektieren?

Die übersichtlich und klein wirkt wie ein Dorf, aber den Charakter einer Weltstadt hat, mondän ist, die Balance zwischen internationalem Flair und ursprünglichem, lokalem Leben hält?

Die sowohl den Einfluss des afrikanischen als auch des südamerikanischen Kontinents in Europa vereint und Kunst und Kultur der drei Weltregionen in den Alltag integriert? Wobei keine Gegensätze aufeinanderprallen, stattdessen die unterschiedlichen Lebensstile kooperieren und zusammenleben?

Die in einer lagunenartigen Bucht liegt, in der Flamingos durch das Wasser staken?

Die Poesie und Romantik genauso ernst nimmt wie Gastronomie und Lebensqualität, deren Bewohner es schaffen, einen gesunden Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit zu finden – und Sie damit anzustecken?

Die so sehr Eindruck schindet, dass Sie unbedingt zurückkehren wollen, um sie zu besuchen wie einen alten Freund?

Denken Sie in Ruhe nach – Sie werden zu Lissabon keine Alternative finden. Fragen Sie sich lieber, warum Sie diese Stadt bisher nicht besucht haben.

Wäre Lissabon ein Mensch aus Fleisch und Blut, könnte die Stadt nur Leonard Cohen sein. Sie ist elegant, zeitlos und bescheiden wie der Sänger, Schriftsteller und Dichter. Niemand sonst lässt uns so sprachlos zufrieden zurück. Kein anderer versteht es, Schönheit und Wehmut besser in Einklang zu bringen – sei es in gesungener, geschriebener oder gesprochener Form. Lissabon verfolgt ein ähnliches poetisches Prinzip, umhüllt Besucher mit majestätischer Schönheit, zieht sie in einen melancholischen Bann. Etwa akustisch: mit Fado, jener Musikrichtung, die einst in den Hafenvierteln Lissabons geboren wurde. Oder kulinarisch: mit bacalhau, dem treuen Freund der Seefahrer, der es ihnen erst ermöglichte, von Lissabon aus die Welt zu erkunden und dabei doch ständig ihrer Heimat nachzutrauern. Oder visuell: mit den wundervollen Prunkbauten, die sich irgendwo zwischen Vintage und Verfall präsentieren und als Erinnerung an Lissabons tragische Geschichte von Erdbeben, Tsunami, Bränden, politischer Unruhe und finanziellen Engpässen das heutige Stadtzentrum prägen.

Flanieren Sie abends Lissabons Uferpromenade entlang. Lassen Sie sich hypnotisieren von der wie gemalt wirkenden Silhouette und den schummrig gelben Lichtern der Stadt, die sich im quecksilberfarbenen Wasser des Tejo spiegeln. Spüren Sie die warme Brise, die vom Atlantik hereinweht – und hören Sie genau hin. Vielleicht wispert Leonard Cohens Raspelstimme ein Gedicht von Fernando Pessoa aus der Ferne: »Mein Bewusstsein von dieser Stadt ist im Innersten mein Bewusstsein von mir selbst.«

Das kann sonst keine Stadt der Welt.

Apropos Leonard Cohen: Dieser erscheint auch in José Saramagos melancholischem Roman »Die Geschichte der Belagerung von Lissabon«. Als Hommage an seine inspirierende Poesie schenkt der Literatur-Nobelpreisträger aus Lissabon dem kanadischen Künstler eine halbe Seite seines Buches, in der Cohen den Protagonisten Raimundo Silva eindringlich mahnt: »Schon möglich, dass ich zurückkehre, doch ich weiß nicht, wann, und vielleicht bist du in dem Augenblick dann nicht mehr zugegen, nutze die Gelegenheit, genieße, genieße.«

Und wenn wir schon von genießenden Weltstars sprechen: Madonna, Monica Bellucci, Scarlett Johansson, Eric Cantona, Michael Fassbender und John Malkovich leben alle in Lissabon. Das kann nun abstoßend auf Sie wirken oder ein Grund mehr sein, die Stadt auf dem Schirm zu haben und zu schätzen, bevor alle anderen es tun. Die genannten Promis haben Lissabons Reiz bereits erkannt, viele davon vor etlichen Jahren.

Nun sind Sie an der Reihe, ihn zu entdecken!

Ankommen

Sie haben den eindrucksvollen Landeanflug über den Atlantik am Fensterplatz miterlebt? Je nach Route sind Sie vielleicht über Lissabons Hausstrände geflogen, von Comporta bis Caparica, über die markant rote Brücke des 25. April, über den Hafen, aber in jedem Fall über die zerstreute Häusermasse. Einen besseren Panoramablick über Lissabon gibt es nicht, auch wenn man fürchtet, mitten in der Stadt zu landen – und das dann auch tatsächlich tut. Sie haben gesehen, wie sich die Windräder der Lüftungskamine auf den rotbraunen Ziegeldächern drehen; wie die Nachmittagssonne ein Glitzern auf die Wellen des Flusses Tejo zaubert; wie Fähren, Frachter und Segelschiffe Kielspuren im jadegrünen Wasser hinter sich herziehen. Sie konnten sogar den Sonnenuntergang über der portugiesischen Metropole genießen? Bravo, schätzen Sie sich glücklich!

Holen Sie Ihr Gepäck, wenn Sie welches haben. Wenn nicht, schätzen Sie sich noch glücklicher: Ihnen bleibt die Wartezeit am Fließband erspart. Außerdem verschulden Sie auch nicht das lästige Rattern, das in aller Ohren vibriert, wenn Sie einen Trolley durch Lissabons Straßen schleifen. Sollten Sie doch ein Gepäckstück mit Rollen mitführen, bemitleide ich Sie schon jetzt: Das Kopfsteinpflaster und die steil bergauf und bergab führenden Gassen der Stadt werden Ihnen keine Freude bereiten.

Gehen Sie durch den Flughafen hinab zur Metro, dieser Untergrundkonstruktion, von der Lissabon bereits 1888 träumte. Für portugiesische Verhältnisse typisch ist, dass es manchmal dauert, bis Dinge wirklich in Bewegung kommen oder gar umgesetzt werden. Bei der Metro waren es exakt 71 Jahre: 1959 rollte die erste Untergrundbahn über die Gleise. Seitdem wird das Schienennetz ständig erweitert, aber wie lange der Ausbau noch dauert, wann und ob er je abgeschlossen sein wird, kann niemand genau sagen. Und selbst wenn es die lisboetas nervt, können sie mit Großbaustellen umgehen. Bevor das Expo-Gelände 1998 eröffnete, hatte es sieben Jahre Bauzeit in Anspruch genommen. 2016 machte das MAAT, Museu de Arte, Arquitetura e Tecnologia, Schlagzeilen: Nachdem es drei Jahre und zwanzig Millionen Euro verschlungen hatte, fand die Eröffnung zwar im großen Rahmen statt, allerdings nur provisorisch. Da sich einige der rund 17 000 Kacheln von den Wänden lösten, musste die Schlamperei an der Fassade ausgebessert werden. Ein halbes Jahr später war Lissabons modernstes Gebäude in Form eines gestrandeten Rochens fertiggestellt und lockt seitdem jährlich bis zu 375 000 Kunstliebhaber aus aller Welt an das Tejoufer. Der seit 2008 geplante und ursprünglich zur Eröffnung 2017 vorgesehene Novo Aeroporto de Lisboa ist im Vergleich zur Metro demnach harmlos verspätet. Aufgrund fehlender Finanzmittel wurde der Zusatzflughafen auf unbestimmte Zeit verschoben. Politiker sprechen optimistisch von einer Inbetriebnahme in den kommenden Jahren. Tierschützer freuen sich über die Verzögerung, versuchen sie doch das Projekt zu verhindern, da die Einflugschneise das Mündungsgebiet des Tejo überqueren soll, ein Marschland, in dem Tausende Flamingos temporär leben und Hunderttausende Zugvögel haltmachen. Dennoch: Der Flughafen ist beschlossene Sache, auch wenn der Ausbau des derzeitigen Militärflughafens, auf dem der Novo Aeroporto entstehen soll, noch nicht begonnen hat. Wie wir wissen, ist das nicht Europas einziger Hauptstadtflughafen, der zeitlich hinterherhinkt. In Sachen Langsamkeit bei umstrittenen Bauvorhaben spielen sich Berlin und Lissabon gegenseitig den Ball zu. Irgendwann in den kommenden 71 Jahren wird der neue aeroporto schon eröffnen. Bis dahin bleibt der aktuelle Flughafen Humberto Delgado, mehrfach zum schlechtesten Flughafen der Welt gekürt, zwar hoffnungslos überlastet, aber dafür gibt es ja eine verlässliche Metro, in deren Wartebereichen ruhige Popmusik gespielt wird. Pois é! Was soll’s!

Als ich zuletzt in Lissabon lebte, umgab die Ticketschalter in der Metro gähnende Leere. Mittlerweile lotsen Platzanweiser die Schlange von potenziellen Käufern an die Maschinen. Haben Sie den Unterschied zwischen den verschiedenen Fahrscheinen verstanden und den richtigen erstehen können? Gratuliere, ich habe dafür Monate gebraucht. Dann zwängen Sie sich und Ihr Gepäckstück durch die engen Zugangsschranken. Bleiben Sie stecken, schwitzen Sie, fluchen Sie, das gehört dazu. Pois é! So ist das!

Steigen Sie ein in die rote Linie, die Linha do Oriente, und freuen Sie sich darüber, dass Lissabons U-Bahnen nicht nur Farben, sondern auch wundervolle Namen tragen wie Gaivota, Möwe, Girassol, Sonnenblume, Caravela, Karavelle, ein Segelschifftyp, oder eben Oriente, Orient – und von den dazu passenden Symbolbildern geziert werden. Vorsicht übrigens beim Ein- und Aussteigen. Falls Sie größer als 1,80 Meter sind: Kopf einziehen! Die metallenen Haltegriffe, die von der Decke hängen, geben nur mit Gewalt nach. Für die lisboetas kein Problem, gelten die Portugiesen doch als kleinste Nation Europas.

Und keine Sorge: Je näher Sie dem Zentrum kommen, umso freundlicher und kunstvoller gestaltet präsentieren sich auch die Metrostationen, vor allem die älteren. Neunzehn Bahnhöfe hat die portugiesische Malerin Maria Keil mit azulejos verfliest, den stadtbekannten Kacheln – und mit ihren Kunstwerken in den 1950er-Jahren den Grundstein für eine Renaissance dieser damals in Vergessenheit geratenen Tradition Portugals gelegt. Mittlerweile reißen sich Kunstliebhaber, Diebe und Polizei gleichermaßen um die mitunter sehr wertvollen Fliesen, die Lissabon vermehrt abhandenkommen.

Drängen Sie durch die Stationen – insbesondere die Knotenpunkte, an denen sich zwei Metrolinien oder mehrere Verkehrsmittel kreuzen, wie Alameda oder São Sebastião. Stationen, die sich mit ihrer liebevollen Gestaltung bunter Kachelwände und Malereien als Schauräume nationaler Kunst eignen, nicht allerdings für Begegnungen Hunderter Passagiere, die in entgegengesetzte Richtungen reisen wollen – vor allem zur Stoßzeit. Also, drängen Sie, und werden Sie bedrängt, am besten noch immer mit sperrigem Gepäck, da freuen sich Ihre Mitmenschen besonders, auch oder gerade jene, die – den vielen Hinweisen zum Trotz – in eine einfahrende Metro einsteigen, noch bevor Sie aussteigen können. Aber sorgen Sie sich nicht um Taschendiebe – die stibitzen alle in Barcelona. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass Ihnen doch etwas abhandenkommt, besuchen Sie Lissabons legendären Diebesmarkt, den feira da ladra, und stöbern dort nach Ihrem gestohlenen Gut. Unter all dem Ramsch und Kitsch werden Sie wahrscheinlich wiederfinden, was Sie suchen.

Wenn Ihnen das alles zu aufreibend klingt, nehmen Sie vielleicht doch lieber ein Taxi vom Flughafen, einen Mietwagen oder den Aerobus. Oder reisen Sie mit Stil an, so wie Gentleman Jeremy Irons in der gleichnamigen Verfilmung des Buches »Nachtzug nach Lissabon«. Dann erreichen Sie, wie genannter Schauspieler, den Fernbahnhof Santa Apolónia mit dem Zug. In aller Gemächlichkeit, passend zur Stadt. Sie müssen ja nicht über Nacht gefahren sein und auch nicht aus Bern kommen wie Pascal Merciers Romanheld.

Egal, wie Sie in Lissabon eintreffen: Hauptsache, Sie steigen im Zentrum aus. Und vergessen Sie vorerst Ihre Unterkunft und etwaige Termine. Weder die Sehenswürdigkeiten der Stadt noch ihre Köstlichkeiten wie bacalhau oder pastéis de nata laufen Ihnen davon. Fahren Sie direkt nach Ihrer Ankunft zum Praça do Comércio, einst einer der größten Plätze der Welt, immer noch einer der prächtigsten. Die nächstgelegene Metrostation dafür heißt Terreiro do Paço. Steigen Sie dort aus, gehen Sie die Treppen hoch, überqueren Sie den majestätischen Platz, der an drei Seiten von gleichen Fassaden umschlossen wird und an der vierten, nach Süden gerichteten Seite zum Tejo hin offen liegt. »Selbst den anspruchsvollen Reisenden wird der Anblick dieses Platzes überraschen«, schreibt Lissabons bekanntester Dichter, Fernando Pessoa, in seinem Werk »Mein Lissabon«. Stolpern Sie über unebene Pflastersteine im Boden, aber fallen Sie nicht hin! Und falls doch, stehen Sie wieder auf und lachen darüber. Das gehört dazu. Jeder stolpert mal in Lissabon, genauso die lisboetas. Pois é!? Also, was soll’s!?

Lassen Sie sich unterwegs von einem dubios aussehenden Mann, der billige Fälschungen von Markensonnenbrillen verkauft, ansprechen, ob Sie Haschisch, Marihuana oder Kokain brauchen. Kaufen Sie nichts davon, auch wenn Sie es reizvoll finden – sogar die Lissabonner Polizei warnt mittlerweile mit Plakaten vor diesen Schwindlern. Es sei denn, Sie wollen für sündteures Geld Marzipan, Mehl oder Lorbeerblätter kaufen, die sich höchstens zum Kochen eignen.

Gehen Sie bis zum Kaiufer, dem Cais das Colunas, wo voller Eleganz zwei Säulen aus dem Wasser ragen, auf denen gern Möwen stehen und auf Gott weiß was warten, vermutlich auf eine Mahlzeit. Sie repräsentieren Weisheit und Andacht – die Säulen, nicht die Möwen –, wurden nach dem großen Erdbeben 1755 errichtet und sollen Replikas der Säulen des Salomonischen Tempels von Jerusalem sein. Diesen mit Sicherheit nobelsten Ein- und Ausgang Lissabons, das Tor von und nach Europa, nutzten einst viele historische Figuren. Etwa Königin Elizabeth II., als sie vor über sechzig Jahren der Stadt per Schiff einen Besuch abstattete – und Lissabon über ebendiesen Kai aus Marmor durch die beiden Säulen hindurch betrat. Oder der konservative und autoritäre Ex-Präsident Portugals, General Óscar Carmona, Vorgänger und rechte Hand von Langzeitdiktator António de Oliveira Salazar – zwei kontroverse, aber wichtige Lissabonner Namen, waren sie doch die Gehirne und Gründer des faschistisch geführten Estado Novo.

Vom Cais das Colunas aus unternahm General Carmona 1938 und erneut 1939 als erstes Staatsoberhaupt Portugals Reisen in die afrikanischen Kolonien São Tomé und Príncipe, Kapverden, Angola und Mosambik. Am Kai wurde er feierlich verabschiedet und empfangen – und diese historischen Besuche wurden für die Nachwelt in den Säulen verewigt, deren Gravuren heute noch zu lesen sind. Für die wenigen der über 500 000 Einwohner, die davon wissen, sind diese imperialistischen Inschriften ein Schandfleck der Stadt in diesem sonst sehr friedlichen Ambiente.

Und vielleicht nicht unmittelbar von ebendiesem Kai aus, aber sehr wohl von Lissabon machten sich zwischen Juni 1940 und Dezember 1941 Tausende Migranten mit dem Schiff auf den Weg in eine neue Welt. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs kehrten sie Europa gezwungenermaßen den Rücken, in der Hoffnung, dass der Atlantik sie von den Barbareien Hitlers trennen würde. Portugal, das den Krieg zunächst nur aus den Schlagzeilen der Zeitungen kannte, verhielt sich unter Diktator Salazar zwar neutral, sympathisierte jedoch mit Hitler und Mussolini. Ein Erlass Salazars, aus Deutschland fliehenden Juden nicht zu helfen, wurde dank einiger stiller Helden inner- und außerhalb Lissabons umgangen. Sie gewährten Flüchtlingen eine Zeit lang einen sicheren Korridor durch ihr Land, ermöglichten ihnen die Reise nach Amerika von Europas einzigem freien Hafen aus, jenem letzten Ort der Hoffnung.

Einst die wichtigste Handelsstadt der Welt, erlangte Lissabon in den Kriegsjahren somit erneut Weltruhm. Diesmal als »Wartezimmer« für die im Transit lebenden Männer und Frauen, die sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Nazi-Spionen lieferten, welche in der Stadt gezielt nach Dissidenten und Geflüchteten Ausschau hielten. Antoine de Saint-Exupéry, Salvador Dalí, Peggy Guggenheim, Hannah Arendt, Max Ernst und Jean Renoir waren nur einige der Persönlichkeiten, die auf ihrem Weg ins Exil in Lissabon haltmachten, in den vielen Cafés der Stadt ausharrten, abends Zeitungspapier auslegten und auf den Böden schliefen. Die Lichter der Stadt am Tejo waren das Letzte, was sie vom kriegsverdunkelten Europa zu sehen bekamen.

Kehren wir aus der Geschichte zurück in die Gegenwart, zurück zu Ihnen. Atmen Sie tief ein und wieder aus. Dreimal. Sie haben es geschafft! Sie sind am Ziel angekommen!

Und jetzt: Realisieren Sie, wo Sie sind.

Riechen Sie den Fisch, um den sich die Möwen zanken. Schmecken Sie die salzige Luft. Vor Ihnen fließt der Tejo, der nach tausend Kilometern quer durch die iberische Halbinsel kurz hinter Lissabon in den Atlantik mündet. Beobachten Sie das Spektakel, das sich vor Ihren Augen abspielt, wenn Segelschiffe, Fähren, Kreuzfahrtriesen und Frachter einander Platz machen und wegnehmen – während kleine Fischerboote und Kajakfahrer versuchen, sich durchzuschlängeln.

Sie befinden sich in der westlichsten Hauptstadt des europäischen Festlandes. Hier, wo Ihre Schritte enden, beginnen Wellen ihren Lauf um die halbe Welt. Richtung Sonnenuntergang gibt es ziemlich lange nichts außer Wasser. Aber nicht nur das: Sie sind nicht einfach irgendwo an Europas Rand, zwei Meter über dem Meeresspiegel, dem Ende der Welt, wie es die Seefahrer einst tauften, die von Lissabon ihre Eroberungs-, Handels- und Erkundungsfahrten starteten. Sie sind nun Zeitzeuge einer Stadt, die sich rasant verändert. Die bei Ihrem nächsten Besuch, vielleicht schon im Folgejahr, eine völlig andere sein wird – Großprojekte wie Metro oder Flughafen einmal ausgenommen: noch lebendiger, lauter, lustiger.

Das passiert doch mit allen Städten dieser Welt, meinen Sie? Mag sein, aber nicht in diesem Tempo. Lissabons Entwicklung verläuft steil bergauf. Keine europäische Hauptstadt verändert sich so schnell wie diese, kaum eine Metropole hat in den vergangenen Jahren einen größeren Besucherandrang erlebt. Diese beiden Faktoren hängen natürlich zusammen. Denn Lissabon hat Hunger nach Moderne und nach 48-jährigem Dornröschenschlaf – bedingt durch Europas längste rechtsgerichtete Diktatur – großen Nachholbedarf nach all den Errungenschaften, die in anderen europäischen Hauptstädten längst zum Alltag gehören: von einem funktionierenden Flughafen und einem barrierefreien Zugang der Stadt für Rollstuhlfahrer über vegane Hipsterbars, Bioläden und Yogastudios bis hin zu einer lückenlosen Versorgung mit Strom und Wasser für die Bewohner.