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Die Insel der Vielfalt: Den einen bedeutet sie Golfen bis zur Platzreife oder Radfahren auf waldreichen Serpentinen, den anderen All-inclusive-Ferien in Cala Ratjada. Bergwanderer klettern im Tramuntanagebirge, Strandurlauber finden malerische Buchten, Faulenzer die Ruhe auf einer Finca oder im Agroturismo-Hotel. Kulturliebhaber pilgern zur Kathedrale in Palma und nach Valdemossa, Tapasfans kommen in den Bars der Metropole auf ihre Kosten: Die Perle der Balearen verwöhnt. Bis Sie Ihr Auto ummelden möchten, Telefon beantragen oder sich auf die Suche nach magenverträglichem Essen begeben. Der Autor, seit zehn Jahren hier zu Hause, verrät, wie Sie der Bürokratie Herr werden, wie wichtig Fiesta und Siesta sind und wie Sie sich trotz Mallorqui verständlich machen.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Brigitte
ISBN 978-3-492-97197-3 Februar 2017 © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2009 Karte: cartomedia, Karlsruhe Coverkonzeption: Büro Hamburg Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Covermotiv: Andreas Gerlach/fotolia.com (Hauptmotiv); Sven Weber/fotolia.com (Palme im Vordergrund) Litho: Lorenz & Zeller, Inning a. A. Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Die Krone des Mittelmeers.
Malle für alle
Ab auf die Insel! So freuten sich früher, wenn sie reif für die Insel waren, die Hamburger auf den Trip nach Sylt und die Rhein-Ruhrländer auf die Fahrt zur Nordsee. Auch heute dauert so eine Reise gut drei Stunden, wenigstens.
In der gleichen Zeit ist man heute täglich von (fast) allen deutschen Flughäfen aus auf jener Insel, die mehr Sonne, mehr Meer, reichlich Strand, mediterrane Lebensart, viel Natur und noch viel mehr eindrucksvolle Landschaft zu bieten hat – auf der einzigen Insel (nicht nur) der Deutschen, die das zärtliche Attribut einer Lieblingsinsel verdient und verträgt: Mallorca. Eine Insel der Vielfalt.
Vergessen ist der blöde, von neureichen Ibiza-Fans oder deren drogenumwölkten Disco-Party-Freunden erfundene Beiname, nach dem das schönere, größere, auch im Winter bewohnbare Nachbareiland eine »Putzfraueninsel« sein soll. Wer heute noch diesen Schmäh im Munde führt, hat keine Ahnung – und gibt sich als Ignorant zu erkennen.
Mallorca, mit 3640 Quadratkilometern größte der Baleareninseln und fast gleich weit von Barcelona (250), Valencia (260) oder Algier (315 Kilometer) entfernt, ist für viele Besucher die Krönung des Mittelmeers und für seine Bewohner der natürliche Mittelpunkt des Lebens – eine Insel des Lichts und (mancherorts) der Ruhe, der Wärme, der Abwechslung oder sogar der ländlichen Idylle – jedenfalls in den mehr als 120 Landpensionen, den hostal-rural- oder agroturisme-Betrieben. Erholung satt, Sonnenschein reichlich, unentwegt Abwechslung, wenn man will, für all die Golfspieler (25 Plätze) oder Bergwanderer, die Radsportler, Segler, die Kegelbrüder oder die Disco-Weekend-Hopper, die zahllosen Autotester und alle Faulenzer, die sich vom Strand in die Kneipe schleppen und von dort, manchmal mühsam, ins Hotel. Unterkünfte aller Art und jeder Preisklasse stehen mittlerweile ganzjährig bereit. Die um alle Besucher ohne Unterlass besorgte Balearen-Regierung hat sie 2008 zählen lassen: Da gab es auf Mallorca 978 Hotels und 1427 Ferienwohnungen. Sie alle sind auf einer fünfsprachigen Internetseite des Tourismusministeriums mit Adresse, Bettenkapazität, Qualitätsstufe und einem Link zur Satelliten-Landkarte notiert: http://sig.inestur.es:8080.
So findet sich immer eine Bleibe – außer vielleicht, ausnahmsweise, Mitte August, wenn zu all den aus dem Norden zugeflogenen Touristenscharen die Festlandspanier auf die Insel strömen, von denen aber die meisten das von den Eltern ererbte Strandhäuschen hegen und pflegen wie einen Schatz.
Noch vor den Golfspielern bilden die Motorjournalisten die am besten umhegte Kategorie der Besucher – sie kommen meist gänzlich ohne Bargeld aus, weil Audi, BMW, Mercedes, Opel, Renault, Toyota oder VW ihnen sämtliche Ausgaben abnehmen: Hotelzimmer, Restaurants, Testwagen, sogar das bleifreie Benzin für den Tank. Manche Luxushotels, manche Edelrestaurants oder Clubs halten in der Nebensaison ihre Etablissements nur für diese Berufsgruppe geöffnet. Und die Autofirmen wissen, warum sie ihre Gäste regelmäßig für die Show der neuesten Typen auf die Insel laden: Das Straßennetz ist gut und überschaubar. Es existiert sogar bei Llucmajor ein alter Rundkurs als tempolimitfreie Rennstrecke. Und nach ein paar Tagen müssen die Testfahrer auch das schönste Gefährt wieder abgeben, weil es die Insel nicht so einfach verlassen kann.
Normalerweise bleiben die verschiedenen Kategorien der Inselbesucher lieber unter sich und ihresgleichen. Im Fall der jährlich mehr als eine Million Kreuzfahrer, darunter die Passagiere auf den Kreuzfahrtschiffen der Aida-Flotte, die neuerdings pünktlich wie nach Fahrplan im Hafen von Palma an- und ablegen, ist die leicht elitäre Zurückgezogenheit nicht zu beanstanden: Nach einer zu ausgedehnten Exkursion zu den Schönheiten der Insel ist das Schiff womöglich schon wieder auf hoher See, wenn die Ausflügler abends erst die Mole erreicht haben. Aber all die anderen, die lieber Tage in ihrer eigenen Abgeschiedenheit oder vermeintlichen Exklusivität zubringen, als einmal einen Blick ins Ghetto einer anderen Trend(-Sport)-Gruppe zu riskieren – warum tun sie sich das an?
Eigentlich ist es ganz nett, vor allem auch lecker, beim Edelitaliener zwischen den jetzt drei Exklusiv-Golfplätzen an den Son-Vida-/Arabella-Hotels oberhalb von Palma das Abendbrot einzunehmen. An den Nachbartischen kreist das Gespräch aber fast ausschließlich und zunehmend erbittert um Loch 12 und den schwierigen Abschlag. Fremdgäste fühlen sich vereinsamt wie in einer Kantine für Golflehrer.
In den Hotelrestaurants von Port Alcúdia oder Cala Millor, wo sich jene Sparfüchse versammeln, die eine All-inclusive-Reise gebucht haben, sind die Fleischtöpfe des Buffets am schnellsten geleert, während die Salatplatten nach kurzer Zeit wirken wie das Kinderzimmer daheim, nämlich unaufgeräumt. Immer mehr Gäste wünschen schon nach kurzem Aufenthalt eine Abwechslung vom noch so nahrhaften Einerlei, trauen sich den Sprung ins urmallorquinische Restaurant gleich um die Ecke aber nicht zu. Nur Mut!
Nirgends in der Welt ist es leichter (oder gar billiger) als an Mallorcas Flughafen, ein Auto zu mieten, um die Insel zu durchstreifen. Wer das Risiko liebt, kann im Internet schnell Autoverleiher finden, deren Preise noch günstiger sind als die der großen Rent-a-car-Stationen; diese halblegalen sparen sich und den Kunden die Flughafengebühr und parken das bestellte Vehikel im Parkhaus; den Schlüssel und den Parkschein hinterlegen sie vertrauensvoll im Kofferraum.
Dann aber los!
Die Insel sieht, von oben oder auf der Karte betrachtet, aus wie ein nur teilweise abgerollter Teppich, der das Eiland im Nordwesten vom Mittelmeer abschirmt. Die Berge beginnen gleich am Cap Formentor, wo normalerweise die Jets aus Deutschland einfliegen, türmen sich am Puig Major bis auf 1443 Höhenmeter und plumpsen bei Andratx, wegen der Herkunft vieler Bewohner auch »Düsseldorfer Loch« genannt, ins Meer oder laufen im vorgelagerten Inselchen Dragonera aus, das von oben wie ein kleiner Drache aussieht, aber auch viele Echsen (drago) beherbergt.
Andratx und besonders sein gleichnamiger Hafen sind von Monaco oder Saint-Tropez vor allem an der Sprache zu unterscheiden: Hier wie dort klettern die Häuser die steilen Hänge hinauf, als könnten sie selber krabbeln; und jeder Bewohner, der den unschlagbaren Meerblick genießt, kann nicht sicher sein, ob er nicht am nächsten Morgen von einer Dampframme geweckt wird, die oberhalb seines unverbaubaren Anwesens ein ähnliches in den Berg meißelt, von dessen künftiger Terrasse der unvergleichliche Meerblick noch unverbaubarer wirkt. Ob all die edlen Villen im einstigen Landschaftsschutzgebiet rechtens hochgezogen wurden, das muss die Justiz noch herausfinden; auf der Insel dauern solche Prüfungen erfahrungsgemäß Jahre bis Jahrzehnte.
Bei und vor Palma hat besagter Teppich ein faustgroßes Loch, das ist die von der Kathedrale und dem Hafen beherrschte, normalerweise im Sonnenlicht strahlende Bucht von Palma. Von dort und wieder bis dahin zurück zieht sich eine Küstenlinie von exakt 555 Kilometern – die offiziell errechnete Länge erklärt sich daraus, dass immer wieder steile Buchten, die cales, in die Küste einschneiden. Deren Wasser verleiht mit seiner zwischen smaragdgrün, türkis und dunkelblau changierenden Färbung noch den kleinsten Stränden einen subtropischen Hauch von Karibik. An der Platja de Palma und östlich von Alcúdia oder Ca’n Picafort, auch bei Cala Millor sind die Strände breiter, flacher und damit kinderfreundlicher.
Im Osten wölbt sich der Teppich noch mal kurz auf – das ist die vergleichsweise niedrige Serra de Llevant –, gleich dahinter tauchen seine Fransen ins Meer. Dazwischen liegt die ziemlich platte Hochebene Es Pla, wo immer noch ein paar Alte leben, die nur ganz selten das Meer gesehen, geschweige denn faul am Strand gelegen haben, obwohl doch die meisten Touristen genau zu diesem Zweck kommen.
Starten wir mit einem der 50 000 insularen Leihwagen zu einem zunächst virtuellen Rundtrip im Uhrzeigersinn um die Insel. Andratx haben wir nur gestreift, und das ist gut so. Stattdessen beginnen wir den Ausflug in den wunderschönen, malerischen Bergdörfern Galilea und Puigpunyent, Ausgangspunkte vieler Bergwanderungen, und fahren von dort, um Andratx herum, wieder zurück ans Meer, weil die Küstenstraße nach Banyalbufar und weiter nach Valldemossa für den Mallorca-Erstbesucher ein absolutes Muss ist. Die Ausblicke an der Steilküste sind grandios. Wer meist am Steuer sitzt, sollte des besseren Blicks und seiner Gesundheit wegen zu den vielen, besonders eindrücklichen Aussichtspunkten, als mirador ausgeschildert, ohne Auto hinaufsteigen. Die Panoramastraße hat mit Komfort und Ausbaustufe der neuen Autobahnen oder Schnellstraßen nichts gemein; sie ist altertümelnd schmal, recht kurvenreich und verlangt sorgfältige Umsicht, wenn einem Busse oder Vierzigtonner entgegenbrausen. Die sind stärker als jedes Mietfahrzeug.
Gleich hinter Banyalbufar beginnt am Torre del Verger das Gedenken an einen der größten Bewunderer und Kenner Mallorcas, seinen ersten Liebhaber, den österreichischen Erzherzog Ludwig Salvator, der auch in dieser Gebrauchsanweisung immer wieder sein Unwesen treibt. Er kaufte den ehemaligen Wachturm, erbaut im Jahr 1547, auf einer Versteigerung im Jahre 1875 für schlappe 78 Peseten, das wären heute etwa 60 Cent – ein Schnäppchen trotz der seitherigen Geldentwertung. Allerdings ließ er ihn schon damals für etwas mehr Geld restaurieren.
Von diesem Turm aus lässt sich ermessen, was der Erzherzog für die Gegend empfand – nämlich einen unwiderstehlichen Besitzwillen. Entlang der Steilküste kaufte er elf Landgüter, darunter das frühere Kloster Miramar und die Finca Son Moragues und Son Marroig – dessen marmorner Gartenpavillon das Titelblatt fast jedes Mallorca-Bildbandes schmückt –, aber auch das Landgut S’Estaca des heutigen Hollywood-Helden Michael Douglas. Der herzogliche Neffe Leopold Ferdinand spottete über das angeblich zügellose Treiben des Onkels: »Er hat dort ein Landhaus erbaut und sich eine Art Harem zugelegt. Wie ein Patriarch haust er dort mit seinen vielen Frauen und unzähligen Kindern, die halbnackt herumlaufen und zur Mittagszeit durch ein Pfeifensignal zum gemeinsamen Mahl herbeigerufen werden.«
Am Ende gehörte dem Österreicher ein 10 Kilometer langer Küstenstreifen mit einem zum Teil riesigen Hinterland, wo der Adlige Reit- und Wanderwege mit Rastplätzen, Terrassen und Schutzhütten anlegen ließ: Wer wollte, konnte in einer solchen Herberge bis zu drei Tage lang gratis übernachten, Verpflegung inbegriffen – das All-inklusive von einst.
Von Deià kurz hinter Valdemossa ist es nicht weit zu den Orangenhängen des Tals von Sóller – immer eine Augenweide, aber im Februar/März, wenn die Orangen blühen, ein echter Duft-Genuss. Von hier aus können Sie den ersten Teil der Pflicht-Rundfahrt schon abschließen, indem Sie durch den Autotunnel nach Palma zurückbrettern. Sie können ihn auch mit einer Schleife durch fast alpines Terrain auf der Landseite der Tramuntana von Bunyola über Orient nach Alaró verlängern.
Oder Sie fahren von Sóller aus durch das grandiose Gebirgspanorama gleich weiter bis zum nassesten, kühlsten, heiligen Ort der Insel, dem Kloster Lluc. Der Abstecher zwischendurch über die enge Stichstraße abwärts nach Sa Calobra ist nur Natur-Schaulustigen und Schwindelfreien anzuraten, denn am Ziel ist, außer dem 800 Meter tieferen, nur 4 Kilometer Luftlinie entfernten Mittelmeer und je nach Saison bis zu einhundert wendenden Autobussen, fast nichts. Der Weg aber ist, wie so oft, das Ziel; die Straße überholt sich nämlich quasi selbst, indem sie sich und den Höhenunterschied überbrückt. Ein ähnliches Phänomen können Autofahrer freilich in jedem beliebigen Parkhaus nacherleben, allerdings ist dann der Ausblick nicht so doll.
Nach dem Besuch im Kloster – zu dem Naturburschen und Nachtwandler einmal im Jahr die 48 Kilometer von Palma zu Fuß pilgern – lässt sich auch dieser Ausflug mit einer entschiedenen Rückwendung nach Inca ins Inselinnere beenden.
Da wir die Strecke aber nur virtuell befahren, haben wir Zeit wie Heu, nähern uns der von den Römern gegründeten Stadt Pollença, trippeln dort über exakt 365 Stufen die eindrucksvolle, schnurgerade Treppe hinauf zum Kalvarienberg und wieder herunter, umkurven kurz die felsige Halbinsel Formentor, in deren gleichnamigem, etwas in die Jahre gekommenem Luxushotel der großartige Schauspieler Sir Peter Ustinov bis zu seinem Tod (fast) alle Urlaube verbrachte, steuern danach auf der anderen Seite der Bucht den hübschen historischen Stadtkern von Alcúdia an und lassen uns spätestens am gleichnamigen Hafen in eine Strandliege oder ein Bett fallen – denn solche Exkursionen wollen verarbeitet werden; sonst verschwimmen alle Eindrücke und Ausblicke, alle Haarnadelkurven, Busse und die anderen Sightseer zu einem Brei der Erinnerung.
Nur der Vollständigkeit halber sei angefügt, dass Sie bei einer Weiterfahrt in Richtung Artà im Naturschutz- und Feuchtgebiet S’Albufera (rechts) unbedingt einen Mückenschutz brauchen, während Sie links in der Bucht von Alcúdia hemmungslos auch ohne Mücken planschen können, gutes Wetter vorausgesetzt. Falls sich der Tag gerade neigt, sollten Sie sich an der schönen neuen Uferpromenade in Colónia de Sant Pere oder einige Kilometer weiter in dem sonst trostlosen, aus der Retorte gebastelten Kaff Betlem auf einer Terrasse am Meer ein Abendbrot einpfeifen – der Sonnenuntergang hinter den Bergen auf der anderen Seite der Bucht ist unglaublich.
Die erste, die schönere Hälfte der Inselumrundung ist damit geschafft, das Terrain, für das diese Gebrauchsanweisung gilt, grob abgesteckt und erkundet. Die allererste Maßgabe – bevor Sie etwa einen alten Turm günstig erstehen wollen – lautet: Verlassen Sie das Ghetto Ihrer Unterkunft! Erkunden Sie die anderen Reservate! Stromern Sie herum, zu Fuß, per Fahrrad, im Bus oder mit dem Mietwagen! Wenn Ihr Beruf es zulässt, auch im Testfahrzeug.
Malle für alle!
Ein Schleuderkurs.
Von Steinen und Mallorquinern
Einst waren die Bewohner der Balearen als gewiefte Steinschleuderer gefürchtet, und das gab ihrer Inselgruppe schon vor der Zeit des römischen Imperators Caesar den Namen. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert schrieb ein griechischer Weltenbummler unter dem lateinischen Namen Diodorus Siculus eine monumentale Weltgeschichte in 40 Bänden, der er den naheliegenden, nun wieder griechischen Titel Bibliothéké gab, womit er einer damals weltweit, also am Mittelmeer tobenden Sammelleidenschaft einen Namen schenkte (übersetzt: Das Bücherregal). Darin nennt er die Inseln balearis, und das soll vom griechischen Verb ballein für »werfen« oder »schleudern« abstammen – ebenso wie der Begriff »Ballistik«.
Die damaligen Steinewerfer, einige Tausend, waren als Söldner im westlichen Mittelmeer berüchtigt: Erst zogen sie mit Hannibal über die Alpen, um von dort aus den Kampf um Rom zu beginnen, dann (146 v. Chr.) halfen sie den Römern, Hannibals Karthago zu zerstören. Ihre Stärke war nicht nur der schnelle Seitenwechsel: Die geschleuderten Steine durchschlugen die Rüstungen und Schilde der Gegner über ziemlich große Distanzen.
Man kann sich den altertümlichen Schleuderer auf zweierlei Weise vorstellen – nämlich derart, wie ein olympischer Hammerwerfer sein Gerät mehrfach schwingt, um es zu der Kraft eines Geschosses zu beschleunigen. Oder man geht in den Parc de la Mar unterhalb von der Kathedrale La Seu (siehe Umschlagbild) und dem Königspalast Almudeina in Palma, wo an jedem 5. Januar abends die für Palma vorgesehenen Heiligen Drei Könige auf ihren reich mit Geschenken beladenen Schiffen landen: Dort, im kleinen s’Hort del Rei, dem Königsgarten, steht ein nicht leibhaftiger, aber bronzener foner, der um 1900 erschaffen wurde und heute mallorquinischen Schulkindern als Vorbild für ihre Schleuderkurse vor Sportwettbewerben dient.
Den Umgang mit Steinen hatten die Ahnen der Schleuderer schon im zweiten Jahrtausend vor der Zeitenwende beim Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit geübt und vervollkommnet: Als Angehörige der sogenannten Megalithkultur hatten sie riesige Steine, manche einige Tonnen schwer, wahrscheinlich zu kultischen Zwecken aufgetürmt, die talaiots, deren rätselhafte Reste noch an knapp hundert Stellen der Insel zu finden sind.
Ihre Nachkommen, die Schleuderer, konnten sich im Kriegshandwerk nicht so lange halten wie in den Heldensagen aus Mallorcas Frühgeschichte: Schon im Jahr 123 vor der Zeitrechnung eroberten Truppen des römischen Konsuls Quintus Caecilius Metellus die Bucht von Alcúdia, nachdem sie ihre Körper mit Lederwesten und ihre Schiffe mit Fellen vor der Wucht des Steinhagels geschützt hatten. Den Soldaten folgten Auswanderer, die im Norden der Insel an der Bucht von Alcúdia die Stadt Pollentia – »die Starke«, das heutige Pollença – und später im Westen Palmaria – »die Siegreiche« – gründeten. Sie nannten die größere Insel Balearis major oder Majórica, die nordöstlich gelegene kleinere Menorica.
Erst eintausend Jahre später taucht Mallorca aus dem Dunkel der frühen Historie wieder bei den Geschichtsschreibern auf. Im Jahre 902 eroberte der Emir von Cordoba die Insel für die Mauren; und im Gegensatz zu der innerinsularen Überlieferung, wonach unter der Herrschaft der moros eigentlich alles schlecht, da unchristlich gewesen sei, erblühten Wirtschaft, Landwirtschaft, Gewerbe und Architektur in arabischer Zeit zu ungeahnten Höhen. Araber schufen neue Bewässerungssysteme, indem sie Berghänge etwa bei Banyalbufar terrassierten, und schafften die ersten Mandel-, Aprikosen- und Zitrusbäume auf die Insel. Ihre damaligen Siedlungen überall auf der Insel – die alquerias– sind noch heute an den arabischen Vorsilben Al, Ban, Bin zu erkennen: Der Name des reizenden Biniali bei Santa Eugènia heißt übersetzt einfach »Alis Sohn«, der des Weindorfs Binissalem »Der Sohn von Salem«; alcudia ist der Hügel, algaida der Wald. Palma war Hauptstadt als MedinaMayurka.
Länger als drei Jahrhunderte blieb die Insel in muslimischer Hand, bis Jaume I., der König von Aragon und dem halben Südfrankreich, 1229 die Balearen in äußerst blutigen Gemetzeln eroberte. Eine Legende, mit der mallorquinische Grundbesitzer gern ihren Stammbaum krönen, will wissen, dass König Jaume die Hälfte Mallorcas unter jenen vierzehn Edelleuten aufteilte, die ihm bei der »Rückeroberung« (reconquista) am meisten geholfen hatten. Tatsächlich teilte er die Insel in nur fünf Stücke: Die Hälfte behielt er für sich, den geviertelten Rest überließ er drei Adligen aus Katalonien und dem Bischof von Barcelona. Die neuen Herren, senyors, teilten seitdem das Land unter ihren Kindern nach Wert auf: Der Erstgeborene erhielt das Herrenhaus und/oder den Stadtpalast in Palma, der jüngste Spross die minderwertigen Grundstücke im Gebirge oder an den oft sumpfigen oder steinigen Küsten. Erst Tourismus und Hotelboom der neuesten Zeit verhalfen den Nachkommen der Jüngsten 750 Jahre später endlich zu Reichtum und Wohlstand.
Immer noch gehört der Umgang mit Steinen zu den besonderen Kunstfertigkeiten der Insulaner. Allerdings wird heute nicht mehr geschleudert, sondern gebrochen, gesprengt oder gesägt – die Zahl der Steinbrüche auf der ja eigentlich überschaubaren Insel ist enorm: Mallorca ist steinreich. Unmittelbar um die Brüche herum sind die Immobilienpreise das, was sie früher überall waren, nämlich günstig. Vorsicht also, wenn Ihnen eine Finca zum Schnäppchenpreis angeboten wird: Entweder ist der nächste Steinbruch gleich hinter dem nächsten Hügel, oder er hat sich bereits unterirdisch an die Grundstücksgrenze herangefressen.
So geschieht auf der Insel immer wieder das – ökologisch allerdings nicht sehr eindrucksvolle – Wunder, dass sich ein Hügel in ein Loch verwandelt. Ein besonders schlechtes Beispiel bieten die Brüche von Porreres, wo die Wallfahrtskirche Montision einsam und wie verzweifelt auf eine Wüstenei aus Stein hinabblickt, in deren unterirdischen Verliesen und endlos langen Tunnelgängen Champignons gezüchtet oder verrostete Munitionsreste der Franco-Armee aufbewahrt werden; die frischen Champignons, auch so ist Mallorca, verkauft übrigens der Ford-Händler rechts von der Kirche. Andere Steinfabriken, etwa jene zwischen Felanitx und dem edlen Golfplatz Val d’Or scheinen, betrachtet man die Umwelt, vor allem Staub zu produzieren, während die Bagger und Mineure auf der anderen Straßenseite von Son Servera eruieren, wie tief gegraben werden kann, ehe sie auf Mittelmeerwasser stoßen.
Normalerweise wird in diesen, man muss schon sagen Bergwerken der möglichst rosafarbene marés-Sandstein gefördert, den die mallorquinischen Baumeister seit Jahrhunderten für Kirchen, Stierkampfarenen, Terrassen und Wohnhäuser verwenden. Einmal nass, hält der Stein die Umgebung schön kühl. Dient er aber, wie heute inselweit üblich, als schmucke Einfassung für Türen und Fenster, lässt er sogleich alle Feuchtigkeit, derer er habhaft wird, ins Innere. Dutzende von Spezialfirmen bieten ihre Dienste an, diese traditionellen Baumängel zu beheben. Doch unverdrossen wird weiter nach marés geforscht und gebuddelt.
Andere Steinfreunde sind Experten höchster Güteklasse in ihrem steinigen Metier. Diese Maurer, in Mallorca margers genannt, schichten zu beiden Seiten der Feldwege oder manchmal auch entlang der Grundstücksgrenzen ohne stützendes Korsett – und im Idealfall ohne Mörtel – Natursteinmauern auf, zusammengefügt wie nach einem Ritual. Die oberste Reihe nämlich soll in ihrem Gleichmaß so etwas wie eine Mauerkrone bilden. Angeblich sind diese Trockenmauern zusammengezählt 16 000 Kilometer lang, zehnmal so lang wie das insulare Straßennetz – oder besser: Sie waren es. Denn leider sind die jahrhundertealten Bauwerke vergänglich. Regen, Wind und Frost setzen den Trockenmauern zu, bis sie zu kleinen Geröllhalden zerfallen.
Cover & Impressum
Karte
Die Krone des Mittelmeers. Malle für alle
Ein Schleuderkurs. Von Steinen und Mallorquinern
Die friedlichen Invasoren. Besucher, Bewohner, Ballermänner
Feste Feste feiern. Firas und Fiestas
Tords, toros und Toreros. Von Tieren und Menschen
Den Winden ausgesetzt. Was aufrecht steht
Bon profit! Wie arme Leute essen
Von Eseln und Kreiseln. Verkehrsteilnehmer
Do ut des. Vom eigenen Vorteil
Die etwas anderen Ämter. Verwaltung, Macht, Unsinn
Exekutive und Exekution. Gewinner und Verlierer
¿Habla español? – ¡Parla català! Der absurde Sprachenstreit
»Ein Winter auf Mallorca«. Kunst, Kultur und Tristesse
Der Salon Europas. Mallorca i fora Mallorca
