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Kennen Sie Tenzin Gyatso? Nein? Er ist der XIV. Dalai Lama, der prominenteste Tibeter und ebenso ein Mythos wie seine Heimat, von der man sagt, sie sei dem Staub der Erde entrückt und dem Himmel nahe. So wie der Buddhismus viel mehr verkörpert als nur eine Religion, so dient Tibet, das »Land des Schneelöwen«, traditionell als Zufluchtsort für Reisende aus dem Westen. Zwischen der unnachgiebigen Großmacht China im Norden und dem kleinen Königreich Nepal im Süden liegt auf rund 4000 Metern, wo die höchste Zugstrecke der Welt verläuft und die Luft spürbar dünn wird, dieses Land der Ebenen bis zum Horizont und ewig weißer Himalajagipfel, versteckter Mönchsklöster und erhabener Kultur – mit Yakfleisch und fettigem Buttertee nicht unbedingt Ziel für Feinschmecker, aber für Naturfreunde, Bergsteiger und spirituelle Sinnsucher von überallher.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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ISBN 978-3-492-97199-7 Juni 2015 © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2000 und 2007 Coverkonzeption: Büro Hamburg Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, kohlhaas-buchgestaltung.de Covermotiv: Uli Franz Litho: Lorenz & Zeller, Inning a. A. Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Vielen Dank für Ihr ausgezeichnetes Buch, lieber Herr U.F. Ihre »Recherchen« sind großartig, auch die Tibetischen Worte.
Der Erde entrückt, den Tränen nahe
Zwischen zwei Welten liegt Tibet. Zwischen dem kleinen Nepal im Süden, wo die Bougainvillea violett blüht und tibetische Lamas täglich ihre Andacht zelebrieren. Zwischen ihrem Exil und dem gigantischen China im Norden, wo die Menschenfülle lärmend wächst und die Modernität aus allen Fenstern schaut, liegt Tibet. Eingezwängt zu sagen wäre falsch, denn Tibet ist ein unendlich weiter Raum, das Dach dieser beiden Welten.
Nepal ist in vielem sanfter noch als Indien. Kathmandu, die Stadt, die im Mief der Zweitakter erstickt, hat trotz allem – trotz Müll, Fäkaliendünsten und Essensgerüchen – etwas Heimeliges. Auch die schmutzstarrenden Straßenkids und die heiligen Kühe, die es sich auf dem warmen Asphalt bequem gemacht haben, wirken gemütlich. Die sanften Menschen an den Südhängen des Himalaja unterscheiden sich erheblich von dem Menschenschlag jenseits der Berge. Die Nepali haben viel weichere Gesichter als die Tibeter, und sie sind zierlicher gebaut. Zwischen ihnen und ihren Nachbarn gibt es keine überbordende Freundschaft. Wer in Kathmandu landet, bringt noch die Romantisierung Tibets mit und findet sie bestätigt, wenn er die Mantra-Gesänge der Lamas hört und die gläubigen Tibeter mit ihren Gebetsmühlen sieht. Immerhin leben 50000 Tibeter in Kathmandu, dem südlichen Tor zu Tibet.
Noch bevor Tibet im Westen mit Namen bekannt war, kursierten Gerüchte über sagenhafte Riesenameisen und furchterregende Wesen im Himalaja. Diese mythischen Geschichten verdankte das Altertum dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot und Claudius Ptolemäus, dem alexandrinischen Astronomen und Mathematiker. In der Neuzeit wird Tibet kaum weniger romantisiert, denn das Schneeland ist – mit oder ohne Yeti – von einem Mythos umwoben. Im hohen Tibet gibt es noch einen Horizont, eine Orientierungslinie, die dem Menschen des 21.Jahrhunderts verlorenzugehen droht. Auch die chinesische Besetzung hat die Welt nicht ernüchtert, sondern den Tibet-Mythos weiter geschürt; Tibet ist heute nicht nur ein geheimnisvolles, sondern auch ein geschundenes Land. Die Tibetverklärung fand im Jahr 1933 neue Nahrung, als James Hilton in seinem Buch Lost Horizon Tibet einen sagenhaften Namen gab: Shangri-La. Der Brite schwärmte in einem fort, weil er von jenem Land tausendmal gehört, es aber nie gesehen hatte. Wie ist nun Tibet?
Tibet ist schweigsam, ohne Menschengeschrei, ohne Geplapper, ohne den Lärm der Städte. Wenn es in Lhasa laut zugeht, dann ist es der Lärm der Chinesen. Tibets Kälte ist eine klare Kälte, eine der Höhe und des Schnees. Tibets Wärme ist eine innere Wärme, die der körperlich Strapazierte als ein tiefes seelisches Glücksgefühl empfindet. Tibet scheint nackt, eine Welt ohne Wiesen, ohne Bäume zu sein. Aber tatsächlich trägt Tibet ein Schmuckkleid aus Stein einer ewigen Zeit.
Wer Tibet bereist hat, der definiert sich neu, der rückt sein Denken und Fühlen neu zurecht. So kann er nach seiner Rückkehr den Bauch besser vom Kopf trennen, das heißt, er kann beide zu einer neuen Einheit fügen. Ein Tibetreisender fühlt sich wie ein Astronaut, der sich anschickt, einen unwirtlichen Planeten zu betreten. Der Blick aus dem Bullauge eines Jets hoch über den Wüsten Pakistans erinnert an das Durchqueren der tibetischen Weiten. Im Flug zerteilt der Jet das Himmelsblau und läßt Wolkenflöckchen unter sich. Im Flug ist die Erdkrümmung deutlich wahrzunehmen. Wer das weite tibetische Hochland durchquert, dem scheint es, als durchpflüge er Himmelsblau und dahinziehende Wolken. Und nach stundenlanger Fahrt über Schotterpisten erliegt der Reisende der Illusion, am Ende des leeren, weiten Raumes gar die Erdkrümmung zu erblicken. Die Kargheit sorgt dafür, daß sich Wahrnehmung und Imagination vermischen. Das Durchqueren dieser Naturkulisse prägt nachhaltiger als jede menschliche Begegnung.
Tibet ist kein fashionables Reiseland. Dorthin zieht es einen, wenn man reif dafür ist. Dann aber gerät die Reise zur Prüfung. Nach jeder großen Reise sieht man die Welt mit anderen Augen, nach einer Tibetreise sieht man sie radikaler. Tibet wird schwerlich Zustände erleben, wie Heinrich Heine sie einst in Italien beklagte: Man könne »sich keinen italienischen Zitronenbaum mehr denken ohne eine Engländerin, die daran riecht«.
An einem wird auch in Zukunft nicht zu rütteln sein: Tibet wird zum Fiasko für jeden, der sich nicht körperlich und mental genügend vorbereitet. Die Höhe, die Einöde, der Wind, der Staub, die nächtliche Kälte und die Hitze des Tages nagen an der Gesundheit und erfordern beachtliche geistige Stabilität. Eingespannt in den Berufsalltag, sind wir verführt, uns auf die gut ausgerüstete Reiseapotheke zu verlassen. Schulmedizinisches wie Aspirin, Paracetamol, Imodium und Breitband-Antibiotika fehlen genausowenig wie Diamox, ein populäres Medikament gegen Höhenkrankheit. Tabletten, vor allem starke Tabletten wie Diamox, blockieren die Kommunikation, die Begegnung zwischen Natur und Mensch. Wer auf über 5000Meter Höhe dauernd Tabletten einwirft, der spürt seinen Atem, Herzschlag und Puls nicht mehr unverfälscht. Er vernebelt sich die Sinne und handelt wie ein Verletzter, der eine eiternde Wunde mit einem Heftpflaster versiegelt. Ja, er putscht sich auf und riskiert nach dem Sieg über die »Höhe« eine viel tiefere Erschöpfung als ohne Chemie.
Im schlimmsten Fall kann es zu Durchfall, Erbrechen, Schlaflosigkeit, Frieren und Sodbrennen kommen. Wer all dies für Übertreibung hält, der möge sich in großer Höhe nur mal einen Tag lang mit zwei, drei Müsliriegeln verpflegen. Schon bei einem so harmlosen Nahrungsexperiment wie diesem stellt sich sehr leicht eine Magenübersäuerung ein. Eine Reiseapotheke ist allemal vonnöten, doch dem sportlich Trainierten reicht auch Alternatives wie Spirulina, Tigerbalsam, Baldrian und Aktivkohle.
Auf der Höhe muß das Herz so pumpen, daß es durchaus schmerzen kann. Offenbart der Schmerz nun schon den Höhenrausch? Schwer zu sagen! Beim Höhenrausch ist es wie beim Rausch auf niedriger Meereshöhe – der eine verträgt mehr als der andere. Genaugenommen ist ein Höhenrausch ziemlich vertrackt, denn ab 2800 Höhenmeter kann es auch den Trainierten treffen. Junge Gipfelstürmer sind sogar anfälliger als alte Hasen, weil sie ihr Ziel ungestümer angehen. Gegen den Höhenkoller gibt es weder Prophylaxe noch vorbeugende Untersuchungen, weil er gar keine richtige Krankheit ist. Zum Glück wissen wir heute, was in der Höhe im Körper passiert, und sind nicht mehr so ahnungslos wie Johannes Grueber, der Linzer Jesuit, der im Jahre 1660 Tibet durchquerte und die Höhenkrankheit noch auf die »kräftigen Ausdünstungen mancher Kräuter« zurückführte, die in der dünnen Luft lebensgefährlich seien.
In großer Höhe reagiert der menschliche Körper wie ein Ottomotor, der den falschen Sprit erhält. Seine Leistung fällt ab, er gerät ins Stottern und geht beim Gasgeben und zu langer Fahrt kaputt. Der »falsche Sprit« entspricht einem zu geringen Luftdruck. Beträgt auf Meereshöhe der Luftdruck 1013Millibar (mbar), so bewegt er sich auf der Höhe von Lhasa, in 3658Meter, um die 660Millibar und erreicht in Westtibet – rund 5000Meter – nur noch knapp die Hälfte, nämlich 553Millibar. Die Formel, die es sich zu merken gilt, lautet: Mit ansteigender Höhe sinkt der Luftdruck. Da sich aber der Luftcocktail nicht ändert, stets sind es 21Prozent Sauerstoff, erhalten unsere verwöhnten Lungen in der Höhe weniger Sauerstoff. Prompt kommt es in der Brust zu Sensationen, weil der Sauerstoffteil- oder Sauerstoffpartialdruck in der Atemluft abnimmt. Der Flachländer muß mehr und schneller schnaufen. Diese Quälerei nennt der Mediziner Adaption. Viel Luftholen erhöht bekanntlich den Puls. Der Körper gerät unter Streß, er muß mehr rote Blutkörperchen bilden. Die Veränderung im Blutbild kostet wiederum Energie und macht durstig. Deshalb der dringende Rat: Trinken, trinken Sie, bis die Flüssigkeit Ihnen zu den Ohren rauskommt. Die Trinkkur ist besser als jedes Schmerzmittel, denn sie tilgt nicht nur den Kopfschmerz, sondern verdünnt auch das eingedickte Blut.
Mediziner unterscheiden zwischen der akuten Höhenkrankheit, die ab 2800 Höhenmetern Kopfschmerz, Übelkeit, Schlaf- und Appetitlosigkeit hervorruft, und der schweren Höhenkrankheit, die sich über 5000Meter mit Erbrechen, Schwindel, Atemnot und Sehstörungen ankündigt. Ihr wahres Gesicht offenbaren beide erst nach einem halben Tag. Wer sich bei der Landung in Lhasa noch pudelwohl fühlt, der sollte wissen, des Pudels Kern zeigt sich erst nachts, wenn der Körper zur Ruhe kommen will. Auf Lhasas Höhe und höher sind vor allem die ersten Nächte schlimm, das Herz rast, die Atmung wird panikartig flach wie unter Wasser. Die Schleimhäute sind geschwollen, die Nase ist verstopft. Die Haut fühlt sich hitzig an, alle Organe arbeiten auf Hochtouren, als hätte man drei Kannen Kaffee injiziert bekommen. Auch der Geist ist überaus gequält. Jeder lebt in seiner Brust und fühlt in sich hinein, ob sein Herz schon flimmert. Die Angst wird verstärkt, da man vom Tibetplateau nicht so einfach »absteigen« kann. Der Rat angelsächsischer Bergsteiger go high, sleep down klingt hier wie Hohn. Tagelange Fahrten sind notwendig, und der Flug nach Kathmandu oder Chengdu geht erst wieder in ein paar Tagen.
Doch keine Panik! Die besten Hotels in Lhasa verfügen über ausleihbare Nuckelkissen mit Sauerstoff und versierte Ärzte. Im Volkskrankenhaus haben sie sogar einen Kompressionssack, in dem mit einer Handpumpe von außen der Innendruck auf eine simulierte Höhe von 2000Meter (795 mbar) eingestellt werden kann.
Um der nächtlichen Folter zu entgehen, flüchte man ins Freie, unter die Sterne. Bei klarem Nachthimmel zeigt sich ein Schauspiel von ungeahnter Schönheit. Das Firmament ist wie mit Diamanten übersät, und die Sternbilder funkeln wie zu Zeiten der Babylonier. Die Schönheit beruhigt den Geist, und das Akklimatisieren beginnt wie von selbst.
Im schlimmsten Fall – um es zu erwähnen – kann sich der akute zu einem schweren Höhenkoller steigern. Die Steigerung erkennt man an einem kurzen, rasselnden Atem selbst im Liegen, an völligem Ausgepumptsein, plötzlichem Fieber (über 39Grad) und der Unfähigkeit zu gehen. Jetzt besteht akuter Handlungsbedarf! Ein Lungen- oder Hirnödem ist nicht mehr weit. Beim Lungenödem entwickeln sich durch den geringeren Luftdruck Störungen in den Kapillarmembranen zwischen den Blutgefäßen und den Lungenbläschen. Die Membranen können nicht mehr filtrieren, die Lungenbläschen laufen voll Flüssigkeit, und die Sauerstoffaufnahme der Lungenflügel ist blockiert. Zu einem Lungenödem kommt es meist in der ersten oder zweiten Nacht innerhalb von wenigen Stunden. Ein Hirnödem, die schwerste Form der Höhenkrankheit, tritt oberhalb von 5000Meter auf und endet in vier von zehn Fällen tödlich. Wiederum sind die gestörte Flüssigkeitszufuhr und der Sauerstoffmangel im Gehirn die Verursacher. Ein Hirnödem beginnt mit Taumeln und Halluzinationen und endet mit Bewußtlosigkeit. Erste Hilfe bringen künstlicher Sauerstoff und Cortison, aber Abhilfe schafft erst der Abtransport in geringere Höhen.
Der kluge Reisende (auch er sieht elend aus) trinkt sehr viel. Die Literatur empfiehlt drei bis fünf Liter pro Tag. Doch sie schweigt sich darüber aus, was mit dem Harndrang geschieht. Wer viel trinkt, der muß häufig springen. Da es in Tibet an Büschen mangelt, wird die Trinkempfehlung vor allem für Frauen zum Fluch. Am besten fährt, wer sich an abgekochtes oder Tibetan Magic Water hält und Alkohol meidet, weil dieser dem Körper bekanntlich Flüssigkeit entzieht. Natürlich darf es zwischendurch auch ein salziger Buttertee sein.
Unterwegs sind die Reisenden mit Himalaja-Erfahrung in der Minderheit. Sie sind die Stillen, im Gegensatz zu den Anfängern, die erst die Strapaze verstummen läßt.
Untersuchungen ergaben, daß Tibetreisende solch unverbesserliche Individualisten sind, daß sie sich allesamt zum Summit Club zählen. Selbst wer ein spirituelles Anliegen verfolgt, hält sich für etwas Besonderes. Da in Tibet Gruppenzwang herrscht, wird die Reise für das Ego zum Überlebenstraining. Es lernt unterwegs, Nähe zuzulassen. Gemeint ist die Nähe untereinander, aber auch die Nähe zu sich selbst, zu den eigenen Schwächen. Natürlich dauert es seine Zeit, bis das Kollektiv das Floskelhafte im Umgang hinter sich gelassen hat, bis das »Guten Appetit«, das »Guten Morgen«, das »Gute Nacht« nicht mehr so sittsam ertönen. Mit jedem Tag im Landcruiser läßt auch der Waschdrang nach, und selbst Deutsche sagen: »Was soll’s!«
Reisen in Tibet bringt wie von selbst Toleranz mit sich. Nach zwei harten Wochen auf der Piste ist das Ego mürbe, dann stört sich keiner mehr daran, ob das Toilettenzelt die schöne Aussicht auf den Everest oder einen anderen Achttausender versperrt. In den Einöden begegnen sich die Gruppen zunehmend freudig. Man ruft »Hallo«, um gleich ungeniert nach dem Woher und Wohin zu fragen. Neidische Blicke kann es geben, wenn eine große, international zusammengewürfelte Gruppe auf eine kleine, private Gruppe trifft.
Unter den Individualisten sind die Deutschen am besten vertreten, dicht gefolgt von den Amerikanern. Anscheinend drängt es beide, ihren Stadtlandschaften zu entfliehen und ihre Sehnsucht nach Romantik zu stillen. Gewiß ist nur, daß die Deutschen die Erfüllung in der Natur suchen, während die Amerikaner auf spiritueller Suche sind. Die Deutschen gebärden sich als solide Besucher, die dem Buddhismus in Stille zugetan sind, während die Amerikaner für ihre buddhistische Neigung gerne die Trommel rühren. Je größer die US-Reisegruppe, desto potenter das Auftreten. Vor allem wenn die Gruppe von einer amerikanischen »buddhistischen« Koryphäe geführt wird. Andächtig wird einem in Berkeley-Slang ins Ohr geflüstert: »Sie bringt die Asche ihres Vaters zum heiligen Berg Kailash.«
Unter den deutschen Tibetreisenden überwiegen jene, die Sozialberufen oder zumindest kreativen Berufen nachgehen. Alle kommen aus einer multikulturellen Gesellschaft. Sozialpädagogen, Psychotherapeuten, Kunsthändler, Architekten, Ärzte und sogar Seelsorger sind anzutreffen.
Gerade die Sozialengagierten zeichnen sich durch ihren zuvorkommenden Umgang mit den Einheimischen aus. Selbst wenn sie von diesen übers Ohr gehauen werden, sprechen sie noch davon, daß man »Grenzen nicht überschreiten soll«. Da reist die zielstrebige Architektin aus Franken, die noch weit vor Tibet ankündigt, vor Tempelhallen müsse man die Schuhe ausziehen. Da ist der Pfarrer aus Kiel, der seine unbescholtene weiße Stirn unter einem ledernen Cowboyhut versteckt und so massenhaft Gepäck mitführt, daß er jede Plastiktüte numerieren muß. Als Krönung trägt er – später läßt er tragen – ein faltbares Dreibein-Hockerchen am Rucksackboden mit sich herum, damit er bei der Rast seinen Allerwertesten schonen kann.
Der klassische Tourist ist spirituell geneigt und betucht. Daß er Geld hat, sieht man an seiner Trekking-Kleidung, die weit über tausend Euro kostet. Sie ist wind- und staubabweisend aus buntem Goretex. Die favorisierte Farbe ist Weinrot, das Rot der Lamas. Drei Archetypen lassen sich unterscheiden: der Sportive, der Genießer, der Soziale, den man auch einen Völkerfreund nennen könnte. Vielleicht lassen sich alle auf den Nenner bringen, daß sie Menschen sind, für die das Leben eine Bürde darstellt. In gewisser Weise masochistisch, setzen sie sich der Strapaze Tibet aus, weil sie am Ende den Beweis erbracht haben möchten, daß sich das Leben viel leichter leben läßt. Aber womöglich handelt es sich auch nur um Menschen, die permanent Bewegung brauchen.
Sonne, Wind und Staub
Wer von Westnepal die »Schneewohnung«, den Himalaja, betritt, der wird als erstes von einem fellgrauen Nebel begrüßt. Das Donnern der stürzenden Wasser ist längst verklungen, die Brise ist zu einem höhnischen Wind angeschwollen. Auf 4600 Meter Höhe gebärdet er sich wie eine Schutzgottheit, die Staub und feine Kiesel den Pilgern entgegenschleudert. Er reißt an ihrer Kleidung und schlägt ihnen ins Gesicht, als wollte er nur die Härtesten durchkommen lassen. Er läßt die Erdkrume tanzen, verwirbelt sie zu gelbem Staub, der sich wie ein Film auf alles legt. Dieser feine Staub dringt durch jeden Reißverschluß und kriecht in jeden Klettverschluß. In ihm verbirgt sich die Kraft des Windes, der die Härte jedes Steins besiegt. Der Wind ist die große Melodie Tibets, anschwellend, abschwellend; pianissimo, wenn die Sonne brennt, fortissimo, wenn sie sich hinter den Bergen zur Ruhe begibt. Niemals endend, singt er seit Ewigkeiten das tibetische Lied. Auf der Paßhöhe dröhnt dieses Lied ohrenbetäubend und knatternd in den Gebetsfahnen, und trotzdem lüften die Pilger ihre Kopfbedeckung und rufen »Lha gyal-lo« die Götter haben gesiegt. Wind und Sonne formen die Landschaft: Der Wind zermürbt den Stein, die Sonne malt das satte, dunkle Himmelsblau, schattiert das Braun der Erde und das Grau des Steins. Nach wenigen Schritten verliert der Wind am Paß seine lärmende Kraft, und zur Belohnung öffnet Tibet seine Weiten.
Wie sich die Berge kahl und grünlich grau zum Horizont hin aufreihen, könnten sie auch den Mond oder Mars schmücken. Was wie gigantischer Schutt oder der Abraum eines gewaltigen Industriewerks aussieht, ist Fels aus Kalkstein, Kieselschiefer und Basalt. Oft ist der Fels von der Winderosion morsch wie altes Holz, grauoliv eingefärbt und zeigt Graniteinschlüsse. Die Grate der Berge sind gezackt, doch die weich gewölbten Hänge beruhigen das Gemüt, denn sie gleichen schmiegsamen Kissen. Die Hänge hinauf wachsen Sanddünen, deren Bewuchs an ein Leopardenfell erinnert. Die Flecken sind schwarzgrüne Macchiapolster, das Gelbe ist Sandstein, das Kupferrote und Eisenerzschwarze sind mineralische Einschlüsse im Gestein. Das einzig Kantige an diesen Hängen sind die Kerben, die Sturzbäche in die Erde geätzt haben.
In der klaren Luft scheinen die Bergketten kinderleicht zu bezwingen, und man vergißt, daß sie 4600 Meter emporragen. Um Lhasa herum wirken sie wie aufgeschüttet. Hier wachsen zerklüftete Formationen aus topfebenen Flächen, in denen sich Planquadrate von Siedlungen breitmachen. Die kulissenartige Auftürmung und das wechselhafte Spiel von Sonnenlicht und Wolken belebt die Kargheit der Bergketten. Weit oberhalb der Baumgrenze und höher, als jeder Busch sich fortpflanzen kann, wird die Erde zum Symbol für Schroffheit. Ewiger Schnee krönt die höchsten Gipfel. Aber der Schnee, der über Nacht vom Himmel fällt, schmückt die Abhänge nur kurz. Bereits am späten Vormittag sind die sechseckigen Eisperlen und runden Becherkristalle wieder verdampft. Über die Jahrhunderte frästen Schmelzwasser und Sommerregen Schluchten und Rinnen in die Abhänge, an denen gelbgrüne Büsche wie Pilze aus dem Boden sprießen. Auf der Höhe fehlt das Grün. Hier fehlt der Wald, der Ort der Undurchdringlichkeit. Die steinige Landschaft erlaubt keine Heimlichtuerei und auch nichts Modriges oder Feuchtes. Selbst das Grün der Pappeln und der Felder auf der weiten Hochebene wirkt trocken und eingestaubt. Den süßen Duft von Gras muß der würzige Geruch von Stein und Staub ersetzen. Das verspricht ein neues Erleben. Wer in Tibet Steine sammelt, glaubt zu fühlen, daß sie über die Jahrtausende eine Rinde bekommen haben. Braun, Grau und Ocker sind die vorrangigen Farben dieser Landschaft.
In Die Pforten der Wahrnehmung schildert Aldous Huxley, wie er sein Bewußtsein durch Meskalin erweiterte und wie ihm ein langsamer Reigen leuchtender Farben begegnete. Das Rot von Buchrücken glühte rubinrot, das Papier schimmerte weiß wie chinesische Jade. Die Droge aus dem Kaktus Peyote machte die Farben und ihre Gegenstände um ihn herum dichter, strahlender, zutiefst bedeutungsvoll. Als Essenz seines Experiments schreibt er: Das Bewußtsein war nicht mehr auf ein Ich bezogen.
Der tibetische Yogi Milarepa, indische Gurus, aber auch die griechischen Säulenheiligen der Thebais erlangten einen ähnlichen Bewußtseinszustand durch Fasten und Meditation. Die Meister unter den tibetischen Lamas meditierten über die Farben ihrer Außenwelt, über das Himmelsblau, das Wolkenweiß, das Erdbraun und das Felsgrau, und erkannten in ihrer Innenschau fünf Farben, denen sie die fünf ursprünglichen Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und leeren Raum zuordneten. Sie gingen noch weiter und ordneten den fünf elementaren Farben fünf Himmelsrichtungen und fünf vollendete Buddhas zu: Vairocana (»Der alles zu völligem Leuchten bringt«) entspricht die Farbe Blau und die Himmelsrichtung Osten. Dieser Ur- oder Adi-Buddha beseitigt die Unwissenheit, indem seine Hände das Rad der Lehre in Bewegung setzen. Akshobya (»Der Unerschütterliche«) verkörpert Weiß und die Mitte (manchmal auch den Osten). Mit seiner Rechten berührt er die Erde und zeigt so die wahre Natur allen Seins. Ratnasambhava (»Dessen Ursprung das Juwel ist«) löst Ichsucht und Stolz auf. Er symbolisiert die Farbe Gelb, den Süden und öffnet seine Rechte zur wunschgewährenden Geste. Amitabha (»Der unermeßlichen Glanz hat«) steht für den Westen und die Feuerfarbe Rot. Seine Hände schließen sich zum Mudra der Meditation. Sein Thema ist die Weisheit der grundlegenden Gleichheit. Amoghasiddhi (»Der des unbeirrbaren Gelingens«) entsprechen Grün und der Norden. Dieser vollendete Buddha löst Habgier und Geiz auf. Aber nicht Habgier oder Geiz, nicht Glück oder Liebe unter den Menschen waren es, die die Buntheit und Fülle des tibetischen Buddhismus provozierten, sondern das Karge und Reduzierte der tibetischen Naturlandschaft. Es ist wie mit Träumen, die meisten sind farblos, und trotzdem schillern sie in der Erinnerung.
Auf das Erdbraun und das grüne Felsgrau malen zottelige Yaks schwarze Tupfer, und unter den fernen weißen Gipfeln entspringen Flüsse. Mäanderndes Schmelzwasser, Dörfer aus Lehmwürfeln und stacheliges Gebüsch, an dem Ziegen und Maultiere zupfen, als wären ihre Lippen bewehrt, beleben die Täler. Diese ziehen sich hin, verschwinden hinter Felsnasen, wo sie in neue Täler münden, hinter denen wiederum Täler liegen. Sie scheinen sich, endlos ineinandergefügt, bis ans Ende der Welt zu dehnen. Am Zusammenfluß zweier Bäche trotzt eine hundertjährige Tränenkiefer krumm und schief dem Wechsel der Jahreszeiten. Plötzlich ertönt Glockengebimmel. Die späte Sonne erfaßt zwei Mönche. Zügig kommen sie angeritten. Sie gehören zum Orden der Ningmapa, tragen tiefrote Röcke und gelbe Zipfelmützen. Die rote Sonne sinkt bereits dem Berggrat zu, da haben sie es eilig, ihr Ziel zu erreichen, sie spornen ihre Tiere mit tibetischen Rufen an.
Dem gleichförmig wiederkehrenden Bastbraun, Eichenbraun, Zimtbraun, Zwiebelbraun, Papierbraun und dem hiermit neu kreierten Tibetbraun, kurzum jener Farbe, die im Westen als Inkarnation der Gleichförmigkeit, der Unmäßigkeit und des Unerotischen gilt, widerspricht das Wetter. In schnellem Wechsel kann auf Sonne Regen oder Schnee folgen und umgekehrt. Aus sternklarem Himmel kann es im Juli oder auch September plötzlich hageln oder schneien. Doch nicht dieser abrupte Umschwung ist erschreckend, sondern die langfristige klimatische Entwicklung: immer weniger Niederschläge, immer stärkere Austrocknung und Versandung. Obwohl der tibetische Winter Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius aufweisen kann, bleibt der Schnee immer öfter aus. Das Wetter ist extrem wie das Nebeneinander von Sonnenglut und Eiswind. Während die Gesichtshälfte, die ungeschützt zur Sonne zeigt, böse verbrennen kann, friert die andere im Schatten. Die Polarität hat viele Gesichter und wird uns noch oft begegnen.
Das tibetische Hochland erstreckt sich über zehn Millionen Quadratkilometer und ist von Gebirgen umschlossen. Im Süden vom Himalaja, im Westen vom Karakorum und im Norden vom 7300 Meter hohen Kunlun. Tibets Ausmaße sind gewaltig: in nordsüdlicher Richtung erstreckt es sich über 1200 Kilometer, in westöstlicher über 2400 Kilometer. Mit Indien, Nepal, Sikkim, Bhutan, Birma verbindet Tibet eine insgesamt 3842 Kilometer lange Grenze, allein die indisch-tibetische Grenze mißt 2000 Kilometer. Im Grenzgebiet nördlich von Ladakh sind 33 000 Quadratkilometer umstritten und werden von der chinesischen Armee bewacht.
