Gebrauchsanweisung für Tokio und Japan - überarbeitete Neuausgabe - Andreas Neuenkirchen - E-Book

Gebrauchsanweisung für Tokio und Japan - überarbeitete Neuausgabe E-Book

Andreas Neuenkirchen

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Beschreibung

Sumo, Sony und Sashimi: So viel Japan kennt jeder. Mangas, Karaoke und andere Importe gehören längst auch bei uns dazu – und doch ist uns ihre Heimat fremd. Andreas Neuenkirchen entschlüsselt aufs Unterhaltsamste Land und Leute. Er verrät, wie Sie in Restaurants und Privathaushalten, in buddhistischen Tempeln, beim Small Talk oder in Geschäftsverhandlungen glänzen. Welche Speisen schmecken – und vor allem, wie man sie isst. Sie erfahren, was Sie mit Stäbchen zu tun und zu lassen haben und was es mit dem Mythos vom Schlürfen auf sich hat. Wie Japaner Erdbeben trotzen und Protestkultur leben. Wie Olympia Tokio in eine Baustelle verwandelt. Und was es braucht, um ein rosa Spitzenhäubchen auf besonders männliche Weise zu tragen.

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Inhalt

Cover & Impressum

Hello Kitty lebt hier nicht mehr

Hajimemashite! Von Kontakt und Kommunikation und anderem Unvermeidlichen

Ein Kanpai der Gemütlichkeit

Essen und einkaufen wie die Götter

Kirschblüten, Killerspiele und andere Freizeitvergnügen

Männer im Ring, Frauen am Ball und eine neue Hauptstadt für Olympia

Von Innenmenschen, Außenmenschen und Halbwesen

Alles daijoubu nach 3/11?

Geschlechterrollen und Beziehungskisten: Frauen & Männer

Mein erstes japanisches Wort (und der ganze Rest)

Essen und was hinten rauskommt: Film & Fernsehen

Kunstoffplatten & Plastikpop

Epilog: Lob & Tadel

Arigatō gozaimasu

Hello Kitty lebt hier nicht mehr

Keine Sorge, ganz so schlimm ist es doch noch nicht gekommen. Aber wo ich Ihre Aufmerksamkeit habe: Japan ist im Wandel. Ein Satz, so beliebig, dass man ihn am liebsten gleich wieder streichen möchte. Nichtsdestotrotz kann man kaum bestreiten, dass seine Kernaussage in mehr als einer Hinsicht stimmt. Die Gesellschaft transformiert sich ebenso schnell wie die Szenerie. Die Alten werden immer älter, Neugeborene kommen kaum nach. In Tokio lebt es sich wie auf einer Baustelle: Jeden Abend fragt man sich vor dem Einschlafen, welches Haus wohl morgen nicht mehr steht, und welches stattdessen. Das ist nicht immer eine bange Frage. Ganz unter uns: Nicht jedes Haus, das in Tokio so rumsteht, hat es verdient, um jeden Preis für die Nachwelt erhalten zu bleiben.

Wandel muss also keineswegs von Übel sein, aber Wandel kann verwirren und an den Kräften zehren. Und so ist es vielleicht bezeichnend, dass Hello Kitty, obwohl die Nachrichten von ihrem Ableben stark übertrieben sind, nicht mehr die beliebteste Kreation ihres Herstellers Sanrio ist. Jahrzehntelang war sie das, was sie zu einer Art Botschafterin des Landes machte (ab 2008 war sie es sogar konkret: da wurde sie offiziell zur Tourismusbotschafterin ernannt). Während sie im Ausland für Japan steht wie kaum eine andere Symbolfigur, hat sie in ihrer Heimat mittlerweile eine Cartoon-Kreation namens Gudetama in Sachen Beliebtheit überflügelt. Der Name heißt so viel wie »faules Ei«, und tatsächlich handelt es sich um ein stets schlafendes oder zumindest müdes Stück Eigelb, das es sich am liebsten unter seiner Speckdecke bequem macht. Die Frage, was das über die japanische Volksseele aussagt, beflügelt jede Menge Japan-Interpretatoren zu küchenpsychologischen Höchstleistungen.

Japaner mögen manchmal müde sein, sie sind schließlich auch nur Menschen, doch das Land als Ganzes schläft nicht. Es ist mit Elan dabei, sich neu zu erfinden, oder sich zumindest neu zu präsentieren. Das tut man am besten mit Schlagworten. Und wenn einem die alten nicht mehr genehm sind, müssen neue her. Omotenashi statt Fukushima. In der allerersten Ausgabe dieses Buches hatte ich 2009 meinen Unmut darüber geäußert, dass über Japan im Westen anscheinend eine Nachrichtensperre verhängt sei, solange es nicht um kuriose Schmunzelmeldungen oder Neues aus der Hightech-Welt gehe. Im Frühjahr 2011 allerdings mochte man sich wünschen, es möge mal wieder etwas weniger über Japan berichtet werden. Zumindest weniger hysterisch, weniger spekulativ, weniger elendspornografisch. Nach dem Tōhoku-Erdbeben und dem Tsunami an der Ostküste der größten japanischen Insel Honshū waren alle Medien überall auf der Welt voll von Japan. Die anschließende Kernreaktorhavarie in Fukushima sorgte dafür, dass das noch eine ganze Weile so blieb. Dabei wurde dem Ausland das Bild vermittelt, ganz Japan sei ein einziges Desaster, vermutlich für immer.

Dahingehend hat sich die Nachrichtenlage wieder ein wenig entspannt. Trotzdem bleibt Fukushima ein eng mit der ganzen Nation verbundenes Schlagwort, und zwar nicht unbedingt eines, das den hochgesteckten Zielen der japanischen Tourismusindustrie gelegen käme. Da musste ein neues her, und das lieferte die TV-Persönlichkeit Christel Takigawa im September 2013, als sie es dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Rest der Welt strahlend, gestenreich und geduldig nach dem japanischen Silbenalphabet vorbuchstabierte: »o – mo – te – na – shi«. Auf Deutsch in etwa: Gastfreundschaft. Fortan war omotenashi so was von in aller Munde, dass man meinen mochte, die kleine Vokabellektion allein hätte Japan den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2020 beschert. In Japan selbst war das Wort zuvor eines unter Tausenden gewesen, ein wenig angestaubt, weder in den Medien noch auf der Straße sonderlich präsent. Doch plötzlich hatten alle eine Meinung dazu. Zu einer erfolgreichen Schlagworteinführung gehört selbstverständlich auch eine kräftige Kontroverse. Die Alten maulten, dass es die omotenashi der guten alten Schule ja gar nicht mehr gäbe. Mit dem Geburtenrückgang geht auch die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe zurück, beziehungsweise es gibt nicht mehr genügend Kunden zu bedienen, um, zum Beispiel, in wirklich allen Geschäften gewinnbringend menschliche Regenschirmtrockner und Fahrstuhlknopfdrücker einzustellen. Die sogenannten Expats, die in Japan wie im Rest der Welt oft eigene Unzulänglichkeiten verbiestert ihrer neuen Heimat ankreiden, maulten, dass diese omotenashi erstens total oberflächlich sei (dabei verwechselten sie offenbar Gastfreundschaft mit Blutsbrüderschaft), und zweitens sowieso total auf die Nerven ginge. Es muss natürlich jeder selbst wissen, ob er oberflächliche Unfreundlichkeit oberflächlicher Freundlichkeit vorzieht. (Eigentlich bin ich Anglizismen-Skeptiker, aber »Expats« scheint mir im realen Sprachgebrauch doch eher eine besondere Art von Auswanderern als Auswanderer ganz allgemein zu meinen. Und diese besondere Art meine ich hier.)

Cool Japan nur noch lauwarm?

Auch wenn man nicht zu den zynischen Expats gehört, muss man zugeben: Früher war es leichter, Japan anzupreisen. Zum Beispiel vor rund zehn Jahren, als die besagte erste Ausgabe dieses Buches erschien. Das Land war die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt (inzwischen auf einem wackeligen dritten Platz), die japanische Popkultur die coolste der Welt (es gibt inzwischen asiatische Konkurrenz, über die noch zu sprechen sein wird), und von Fukushima hatte kein Mensch was gehört (das hat sich geändert). Immerhin hat die japanische Regierung begriffen, dass man auf Softpower setzen muss, wenn man sonst kaum noch Power hat. Manga, Sushi und Kimono statt militärische Invasionen und wirtschaftliche Übernahmen scheint nun das Motto zu sein, und wer würde das nicht gerne unterschreiben? Ob es jedoch eine gute Idee war, dafür gleich einen halbstaatlichen »Cool Japan Fund« ins Leben zu rufen? Schließlich ist nichts so uncool wie staatlich geförderte Popkultur. Daran scheint der bislang überschaubare Erfolg des Unterfangens nicht zu rütteln.

Japans auch popkultureller internationaler Bedeutungsverlust belastet die japanische Seele, was sich bisweilen sonderbar äußert. Kürzlich sahen meine japanische Frau und ich einen amerikanischen Thriller, in dem ein paar wenige Szenen in Südkorea spielten. Es handelte sich nicht um ein schmeichelhaftes Porträt, die Südkoreaner waren allesamt dekadente, skrupellose, sexbesessene Computerhacker. Da seufzte meine Frau wehmütig und sagte: »Ist das nicht schade? Vor ein paar Jahren hätte Hollywood dafür noch Japaner genommen.« Die fragwürdige Darstellung von »Asien« und »Asiaten« störte sie kaum (da ist man im Osten tatsächlich weniger dünnhäutig als im debattierwütigen Westen). Schlimmer war, dass man an Japan nicht mal mehr denkt, wenn es Ganoven und Perverse zu besetzen gilt.

In der vorletzten Weihnachtssaison sah ich in einer Buchhandlung ein farbiges, hochglänzendes Fanbuch zu einer südkoreanischen Boyband. Ist normal, möchte man meinen. K-Pop ist schließlich in Japan rasend beliebt. Ich sah es allerdings nicht in einer japanischen Buchhandlung, sondern in einer deutschen. Und es handelte sich nicht um ein Nischengeschäft in einem Berliner Trendviertel, sondern um eine Kettenbuchhandlung in der Fußgängerzone von Bremen-Vegesack. Da wusste ich: Das kann Japan nicht mehr aufholen. Die Pop-Weltmacht Nummer 1 außerhalb der englischsprachigen Hemisphäre ist nun Südkorea.

Aber muss man überhaupt immer die Nummer 1 sein? Nö. Wenn die Hysterie verflogen ist, wenn die Influencer und Trendhopper weitergehüpft sind, um andere Orte abzufotografieren, beginnt das gute Leben. Einmal saß ich in einer Bar in Tokio mit einem deutschen Nachwuchskünstler, mit einem Ohr einem lokalen Blues-Musiker lauschend, mit dem anderen dem Künstler. Die Stadt war gut, die Bar war gut, die Musik war gut, das Bier war gut, doch der Künstler zog Flunsch. »In Tokio ist nichts mehr los«, maulte er, »ich glaub, ich geh nach Schanghai.« Ich dachte: Bitteschön, da ist die Tür. Ein Teil des Problems weniger.

Japan hat jetzt etwas Besseres zu tun, als hip zu sein. Wer den Nabel der asiatischen Welt sucht (vielleicht damit den der Welt an sich?), wird womöglich in Korea oder China fündig. Macht nichts, sind ja auch schöne und interessante Länder. Dabei sieht es keineswegs so aus, als folge auf Japans globalen Bedeutungsrückgang ein weltweiter Interessenverlust. Ganz im Gegenteil. Die japanische Tourismusbranche hatte ihre sportlichen, vor ein paar Jahren staatlich vorgegebenen Ziele lange vor der Zeit übererfüllt. Da wurden diese Ziele einfach flott erhöht. Das wird ebenso zu schaffen sein.

Warum auch nicht? Werfen wir doch noch einmal einen Blick in den Phrasenbaukasten, aus dem wir bereits »Japan ist im Wandel« gezogen hatten. Was liegt gleich daneben und sieht ähnlich abgegriffen aus? Richtig: »Japan ist ein Land zwischen Tradition und Moderne.« Eine Feststellung so richtig wie unoriginell. Kann man genauso gut über andere Länder und Regionen sagen, zum Beispiel über Bayern. Japans Vorteil: Japan war schon modern, als andere Länder noch weit davon entfernt waren. Dass es jetzt in der einen oder anderen Disziplin ein bisschen hinterherhängt, kann dem geneigten Besucher schnurz sein. Er besucht vielleicht nicht das modernste Land der Welt, dafür aber die Wiege der Modernität. Das Land, in dem die Zukunft begann. Das Land des aufgehenden Walkmans. Das Land, in dem es schon Sushi gab, bevor der Thai-Döner-Imbiss in der norddeutschen Fußgängerzone es auf der Karte hatte. Das Land, das mehreren Generationen von Erwachsenen die Kindheit mit Zauberworten wie Kimba, Dragon Ball, Sailor Moon oder Neon Genesis Evangelion verzauberte. Und vergleicht man mal auf Serviceebene einen nächtlichen Einkauf in einem Tokioter Convenience Store mit dem Besuch einer Nachttanke in Deutschland, dann spürt man: Da liegt etwas ganz Besonderes in der Luft. Ich glaube, es ist: o – mo – te – na – shi.

Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?

Oder: Was hat Konrad Adenauer mit Japan zu tun? Nichts, soweit ich weiß. Dieses liebenswerteste aller Adenauer-Zitate ist zwar so, wie es ist, knackig genug. Dennoch ist die populäre Verkürzung eine Verfälschung, lautet es doch vollständig: »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden.«

Unter diesem Motto bin ich an die Neuausgabe dieses Buches herangegangen. Sie erzählt von Begebenheiten aus der Zeit, in der ich als ungebundener kleiner Rotzlöffel von ungefähr 30 Jahren reisend durchs Land dilettierte sowie aus der Gegenwart, in der ich als altersmilder Familienvater in der Hauptstadt residiere. Vieles, was mir vor zwanzig Jahren Routine war, würde mir heute nicht mehr einfallen. Einiges, was ich im Zuge dessen niederschrieb, sehe ich inzwischen anders. Nichtsdestotrotz wollte ich das Buch nicht komplett um (Spät-)Jugendsünden bereinigen; es war ja nicht alles schlecht, damals. Nicht weniges musste trotzdem weichen, um den über neunzig brandneuen Seiten Platz zu machen. Bei denen wünsche ich viel Spaß, und bei den alten Lausbubengeschichten ebenfalls.

Tokio, im Januar 2020 (beziehungsweise Jahr 1 der Reiwa-Zeit)

Hajimemashite! Von Kontakt und Kommunikation und anderem Unvermeidlichen

Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend, Gute Nacht. All das kann man ohne Weiteres auf Japanisch sagen: ohayō gozaimasu, konnichi wa, konban wa, oyasumi nasai. Wobei Letzteres ebenso gut Gute Freizeit wie Gute Nacht heißen könnte, denn wann außer zur Nachtruhe hat man als Japaner schon Freizeit? Trifft man jemanden zum ersten Mal im Leben, sagt man zur Begrüßung erst mal: »Hajimemashite!« Wörtlich übersetzen lässt der Ausdruck sich schwer; es handelt sich um die Feststellung, dass es das erste Mal ist, und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass man einander gewogen sein wird.

Aber die Frage, was man zur Begrüßung sagt, ist gar nicht des Pudels Kern. Interessanter ist, was man dabei mit Körper und Gliedmaßen tut.

Das große Zappeln

Wenn Japaner und Europäer aufeinandertreffen, wird es zappelig. Japaner wissen, dass Europäer einander die Hände schütteln, besonders lebenslustige Exemplare einander sogar die Wangen küssen. Europäer wissen, dass in Japan beides unüblich ist und dass man sich stattdessen voreinander verbeugt. Nur: Soll man sich als Besucher der Landessitte anbiedern oder davon ausgehen, dass die Einheimischen das gar nicht erwarten, und von sich aus die Hand zum Gruße strecken? Die Antwort kennt niemand, denn es gibt keine. Japaner machen sich vor der Begegnung dieselben bangen Gedanken. Deshalb wird das erste Aufeinandertreffen von Ost und West immer ein großes Zappeln zwischen angetäuschten Verbeugungen, zuckenden Handbewegungen und nervösem Gelächter sein. Und das wird so lange anhalten, bis beide Parteien einen gemeinsamen Rhythmus, vielleicht ein gemeinsames Ritual gefunden haben.

Wer bereits einem Japaner die Hand geschüttelt hat, mag zu der Überzeugung gelangen, Japaner können keine Hände schütteln. Die Flosse liegt passiv in der eigenen und lässt die Begrüßung über sich ergehen, eigener Druck wird nicht ausgeübt. Das liegt an der mangelnden Erfahrung mit diesem Brauchtum. Umgekehrt gilt genauso: Europäer können sich einfach nicht anständig verbeugen. Denn Verbeugung ist nicht gleich Verbeugung. Unterschiede finden sich sowohl in der Tiefe der Bewegung wie in der Dauer des gebeugten Verharrens. Abhängig ist das von Alter und Status des Begrüßten im Verhältnis zum eigenen Alter und Status. Manche Verbeugung ist kaum mehr als ein Nicken, bei anderen fragt man sich nach einer Weile bang, ob dem Grüßenden da unten etwas zugestoßen ist. Gerne wird sich auch mehrmals kurz hintereinander verbeugt, insbesondere bei der Verabschiedung oder beim Bedanken und Entschuldigen (es ist oft eh ein und dasselbe, siehe das Kapitel Mein erstes japanisches Wort). Die Verbeugung gehört nämlich keinesfalls exklusiv der Begrüßung, sondern ist ein unverzichtbares Kommunikationsmittel, genauso wie inflationär genutzte Füllwörter der Zustimmung oder Verwunderung wie »a so« oder »so so so« (nicht zu verwechseln mit dem skeptischen deutschen »So so …«, eher vergleichbar mit einem bestätigenden: »So ist es!«). Verbeugt wird sich demnach auch beim Telefonieren. Weil man gar nicht anders kann. Die Verbeugung ist mit den Jahren zum atmungsähnlichen Reflex geworden.

Nicht ohne omiyage

Wenn man von Reisen zurückkehrt oder ohnehin aus dem Ausland kommt, ist es unvermeidlich, beim Treffen von Verwandten, Freunden und Geschäftspartnern kleine Geschenke mitzubringen, sogenannte omiyage. Das Geschenk sollte den Ort reflektieren, aus dem man kommt. Aus meiner alten Heimat bringe ich gerne Rammstein-CDs, Teddybären und Schnapsgläser mit, weil ich damit den deutschen Rundumschlag elegant ausgeführt finde. Wer innerhalb Japans reist, wird an Bahnhöfen erschlagen von Verkaufsständen, die regionale Mitbringsel verkaufen, meistens kulinarischer Natur. Halten Sie das nicht für zu touristisch – zu touristisch geht gar nicht, wenn es um omiyage geht. Kaufen Sie die Grünteepralinen mit der großäugigen Geisha-Karikatur auf der Packung oder die Schokolade mit der aufgedruckten Gebirgskette, man wird es Ihnen danken.

Eine schöne Verpackung versteht sich von selbst. Auch hier gilt: Was in Deutschland gilt, muss nicht in Japan gelten. Wer in deutschen Geschäften für deutsche Bekannte Artikel als Geschenk verpacken lässt, ärgert sich oftmals, wenn auf der Verpackung unübersehbar das Logo des Geschäfts prangt. Genau das aber stört Japaner nicht nur nicht, sondern wird von ihnen sogar sehr geschätzt. Solange es sich nicht um das Logo eines 100-Yen-Shops handelt, versteht sich. Wer sein Geschenk in einem Kaufhaus guten Rufes kauft, möchte damit nicht hinter dem Berg halten. Auch das Preisschild am Geschenk ist kein absolutes Tabu. Schließlich braucht man einen Richtwert für die Revanche.

Der 100-Yen-Shop übrigens eignet sich durchaus für japanische Reisemitbringsel an Daheimgebliebene. Das Konzept der 100-Yen-Shops, von denen es mehrere Ketten gibt, erklärt sich aus dem Namen: Im Prinzip kostet jeder angebotene Artikel – bis auf ein paar deutlich ausgezeichnete Ausnahmen – 100 Yen (entspricht 70 Cent bis 1 Euro, je nach Krise). Die Mehrwertsteuer kommt meistens noch dazu, das sind ein paar Cent pro Produkt.

Im 100-Yen-Shop gibt es Hübsches, Hässliches, Nützliches und Nutzloses, und mitunter verschwimmen diese Kategorien nach längerer Benutzung der Artikel. Meine kleine rosa Küchenuhr funktioniert schon weitaus länger und besser, als ich es für 100 Yen erwartet hatte. Meine Filzuntersetzer aber sind farblich unerträglich und zogen sich bei Kontakt mit Flüssigkeit sofort bis zur Unbrauchbarkeit zusammen. Aber ich konnte mit ihnen hervorragend meine Bettmatratze flicken, die sich jetzt wieder anfühlt wie neu.

Hai heißt ja – vielleicht

So mancher Geschäftsmann ist schon an dem Umstand verzweifelt, dass in Japan ein anderes Verhältnis zum Wort »ja« gepflegt wird als außerhalb Japans. Zwar lautet die Übersetzung des Wortes hai ja, die Bedeutung geht aber über die positive Beantwortung einer Frage oder das Kundtun einer Zustimmung weit hinaus. Oder bleibt dahinter zurück. Ein hai ist in den meisten Verhandlungen das meistgehörte Wort. Wer nun meint, dass seine dreistündige Powerpoint-Präsentation ausgesprochen gut liefe, weil die japanischen Verhandlungspartner offenbar zu allem hai und Amen sagen, wird sich später wundern, wenn die Unterschriften auf den Verträgen dennoch ausbleiben. Was die Verhandlungspartner mit ihrem hai sagen wollten, war nicht notwendigerweise: »Ja, so machen wir’s.« Eher: »Ja, ich verstehe.« Oder auch nur: »Ja, ich höre noch zu.« Einen Redenden zu unterbrechen gilt als ebenso unhöflich wie ihn zu lange ohne ein eigenes Signal der Gesprächsbeteiligung reden zu lassen. Der Gipfel der Unhöflichkeit wäre allerdings die offen ausgedrückte Ablehnung des Gesagten. Ein iie – nein – wird man nicht zu hören bekommen. Das kann man auch anders ausdrücken. Und zwar am liebsten gar nicht.

Keine Antwort ist die Antwort

Der Inbegriff des Ursprünglichen im japanischen Ausflugswesen ist ein Aufenthalt im Ryokan, einem traditionellen Gasthaus mit gastronomischer Vollbetreuung durch die Gastwirte, Strohmatten als Zimmerboden und ausrollbarem Futon als Schlafgelegenheit. Weil es japanischer kaum geht, sollte sich das kein Japan-Interessierter entgehen lassen. Und weil es so japanisch ist, sind viele Ryokan nicht scharf auf ausländische Gäste, die mit Sprache oder Sitten in Konflikt geraten könnten. Als ich mir vorgenommen hatte, ein paar Nächte in dem einen oder anderen Ryokan auf der Insel Shikoku zu verbringen, stellte sich die Planung von Deutschland aus als organisatorischer Kraftakt heraus. Da ich bei der Internetrecherche nicht weiterkam, schaltete ich schließlich ein japanisches Reisebüro in meiner Nähe ein. Dort bekommen die Mitarbeiter aber regelmäßig Panikattacken, sobald jemand einen anderen Reisewunsch als Tokio oder Kyoto äußert. Wenn dann auch noch das Stichwort Ryokan fällt, wird gekeucht: »Da müssen Sie das Büro in Frankfurt anrufen. Aber Sie sollten sich keine allzu großen Hoffnungen machen, das sage ich Ihnen gleich.«

Ich rufe also in Frankfurt an: »Hallo, man hat mir gesagt, ich solle mich an Sie wenden: Ich möchte einen Ryokan buchen …«

»Ryokan?! Das ist aber teuer!«

Habe ich die Stimme eines armen Mannes? »Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken, ich werde das Geld schon irgendwie auftreiben …«

»Wann wollen Sie denn reisen?«

»So Mitte März.«

»Mitte März? Da ist aber noch gar nicht Kirschblütensaison, und es ist noch ziemlich kalt!«

»Ich bin darüber informiert, aber meine Pläne stehen fest …«

»Da werden viele Ryokan schon ausgebucht sein …«

»Obwohl noch gar nicht Saison ist?«

»Hotels westlicher Art sind viel billiger …«

»Ich weiß, aber ich will Authentizität.«

Die japanische Dame in Frankfurt seufzt. »Also gut. Wohin möchten Sie denn reisen, Tokio oder Kyoto?«

»Matsuyama.«

»Matsuyama?!«

»Das ist auf Shikoku.«

»Ich weiß, dass das auf Shikoku ist! Das wird aber schwierig!«

»Takamatsu würde auch gehen …«

»Das ist auch auf Shikoku!«

»Das weiß ich. Was wäre denn nicht so schwierig für Sie?«

»Tokio oder Kyoto.«

»Ich fürchte, dass ich auf Shikoku bestehen muss.«

»Sprechen Sie denn Japanisch? Sonst könnte es schwierig werden in einem Ryokan …«

»Nur wenig, aber ich reise in Begleitung einer Japanerin!«

»Ich schaue mal, was ich für Sie tun kann. Aber ich muss Sie zurückrufen, mein Computer ist gerade kaputt.«

Die Dame hat mein Mitgefühl, ihr Computer wurde bis heute nicht repariert.

 

Kommt ein Japaner gar nicht darum herum, eine Bitte direkt abzuschlagen, tut er das für unsere Begriffe immer noch sehr indirekt: Er wird nicht so ein hässliches Wort wie unmöglich verwenden, sondern sie als schwierig (muzukashii) bezeichnen.

Am liebsten aber wird auf eine Reaktion komplett verzichtet. Das gilt für abschlägige Antworten auf Bitten um Gefälligkeiten genauso wie für Antworten auf Fragen, die dem Gefragten thematisch unangenehm sind. Bei der schriftlichen Korrespondenz mit Japanern fand ich es früher befremdlich und sogar ein bisschen kränkend, dass meine Korrespondenzpartner meine E-Mails offenbar überhaupt nicht richtig lasen – schließlich beantworteten sie stets nur einen Teil meiner Fragen. Diese Nachlässigkeit passte gar nicht in das Bild, das ich von Japanern hatte (ordentlich, gewissenhaft, gründlich). Mit der Zeit merkte ich: Die lesen ganz genau, und sie beantworten jede Frage – auf ihre Art. Manchmal ist keine Antwort halt die japanische Art zu sagen: Diese Frage geht zu weit. Oder: Nein. Das funktioniert nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich.

Genauso wenig werden Erlebnisse verbal aufgewärmt, die den Beteiligten im Nachhinein peinlich sein könnten. Lässt sich beim geselligen Abend unter Kollegen jemand nach Strich und Faden volllaufen, singt schließlich den gesamten Karaoke-Katalog von Engelbert Humperdinck durch und erbricht sich auf der Heimfahrt aus dem Taxifenster, mag das in der Euphorie des Abends für die Mitfeiernden rechtmäßiger Quell ausgelassenen Amüsements sein. Es versteht sich aber, dass die Angelegenheit am nächsten Morgen kein Thema mehr ist, auch nicht für harmlos-kumpelhaft verstandene Spitzen.

Das Schutzlächeln

Am Ende meiner ersten Japan-Reise gab es ein kleines Problem mit meiner Hotelrechnung. Ich war (fälschlicherweise, wie sich herausstellte) der Ansicht, sie sei bereits im Voraus durch meinen Arbeitgeber bezahlt worden. Der Hotelrezeptionist und ich insistierten höflich hin und her, das Lächeln meines Gegenübers wurde dabei immer breiter und heller.

Das gleiche Phänomen hatte ich ein paar Tage zuvor beobachtet, als mir der Zutritt zu einer Bar verweigert wurde, die ich eigentlich äußerlich als sehr einladend empfunden hatte (im Fenster waren Kerzen und Totenköpfe). Der Platzanweiser des Lokals redete mit einem so ansteckenden Lächeln auf mich ein, dass ich mich sofort heimisch fühlte. Ich sprach und verstand damals kein Wort, deshalb dauerte es eine Weile, bis mir klar wurde, dass der freundliche Herr sich nicht nach meinem Befinden erkundigte oder meine Bestellung aufnehmen wollte, sondern mich gerade rausschmiss. Er wollte mir zu verstehen geben, man sei komplett ausgebucht (Übersetzung: nicht auf Ausländer eingestellt).

Das Klischee vom ständig lächelnden Japaner ist ein eben solches. Das meiste im Leben verrichten Japaner mit großer Ernsthaftigkeit und entsprechender Miene. An schlechten Tagen ist man versucht zu sagen: Sobald gelächelt wird, stimmt irgendwas nicht. Aber das wäre natürlich auch paranoid – die internationalen Lächelgründe Freundlichkeit, Wohlbefinden und Heiterkeit sind auch in Japan nicht unbekannt. Man sollte nur im Hinterkopf behalten, dass diese dort bei Weitem nicht die einzigen Gründe sein müssen. Oft maskiert das Lächeln Unsicherheit und Irritation, vielleicht sogar Unmut. Alles Gefühlsregungen, die ungern offen gezeigt werden, weshalb sie mimisch ins Gegenteil verkehrt werden.

Schuhe aus

Das Hotel, in dem ich die Irritation mit meiner Rechnung erlebte, war ein sogenanntes Business Hotel. So bezeichnen sich japanische Hotels westlichen Standards, die auf Geschäftsreisende spezialisiert sind: Es fehlt an nichts, außer an Luxus. Die Zimmer sind klein und zweckmäßig eingerichtet, man kann dort bequem nächtigen und bekommt sehr anständigen Service, aber wer mit größerem Gepäck anreist, könnte vor Unterbringungsprobleme gestellt werden. Mit japanischen Traditionen hat man es in solchen Häusern weniger: Die Straßenschuhe können überall dranbleiben.

In einem Ryokan, wie ich ihn später auf Shikoku doch noch dank Intervention meiner einheimischen Gefährtin von innen sehen durfte, sieht das anders aus. Im holzgetäfelten Eingangsbereich, genkan genannt, werden die Schuhe ausgezogen. Die tatami, mit geflochtenen Reisstrohmatten überzogene Bodenelemente des Wohnbereichs, werden auf Socken betreten. Das gilt nicht nur für Ryokan, sondern auch für Tempel, viele traditionelle Restaurants und Privatwohnungen. Zwar wird das Wohnen immer stärker verwestlicht, und die tatami, die eigentlich so stark in der japanischen Wohnkultur verankert sind, dass sie auch als Flächenmaß herhalten (Anzahl der tatami anstatt Quadratmeter), verschwinden zusehends aus Wohnungen und Wohnhäusern. Aber der Brauch des Schuheausziehens besteht weiter.

Werfen Japaner einen Blick in ausländische Japan-Reiseführer, sorgt es für große Heiterkeit, wenn sie darin den Hinweis finden, man solle darauf achten, keine Löcher in den Socken zu haben. Es ist nämlich so, dass die Vorstellung, Socken könnten Löcher haben, für die allermeisten Japaner total absurd ist.

Bevor man in einem Privathaushalt die Toilette oder das Bad betritt, wechselt man in die Badpantoffeln, die vor oder hinter der Tür stehen. Größere Peinlichkeit bei der Rückkehr in die Gesellschaft lässt sich vermeiden, indem man beim Verlassen des stillen Örtchens daran denkt, die Badpantoffeln wieder auszuziehen und so zurückzulassen, wie man sie vorgefunden hat, anstatt in ihnen zurück an den Esstisch zu watscheln.

Loch im Boden oder Hightech-Thron: die japanische Toilette

Die öffentlichen Toiletten sind die Visitenkarten eines Landes. Nirgendwo stimmt das mehr als in Japan. Um den viel beschworenen Kontrast zwischen Tradition und Ultramoderne zu bebildern, der bekanntlich in Japan grassiert wie sonst nirgends, muss man sich gar nicht die Mühe machen, einen Shintō-Schrein zu finden, der neben einem verspiegelten Hochhaus mit einem Videobildschirm obendrauf steht. Man geht einfach in ein gehobenes Kaufhaus einer größeren Stadt und vergleicht die Auswahl an Kundentoiletten. Da wird der Traditionalist ebenso bedient wie der, der schon immer wissen wollte, wie wir in Zukunft, also in der Ära fliegender Autos und intergalaktischer Interessenverbände, unsere unvermeidlichsten Bedürfnisse befriedigen werden. Die traditionelle japanische Toilette ist schlicht und zweckmäßig, ohne viel Chichi. Form follows function: Aus einem Loch kommt es raus, in ein anderes Loch geht es rein. Denn viel mehr als ein ovales, mit Porzellan veredeltes Loch im Boden ist diese Toilette nicht. Man hockt sich darüber und tut, was getan werden muss.

Etwas ganz anderes sind da die modernen japanischen Toiletten, die als »Western Style« bekannt sind. Western Style ist gut. Gerade Besucher aus dem Westen sind es, die sich nach ihrer ersten Toilette Western Style nicht mehr einkriegen können. Manche wollen gar nicht wieder runter.

Das einzig Westliche an dieser Toilette sind ihre Form und die damit einhergehende Tatsache, dass man sie sitzend benutzt. Alles andere könnte japanischer nicht sein. Die Anzahl von Knöpfchen und Rädchen und begleitenden Piktogrammen an oft beidseitig angebrachten Armaturenbrettern überfordert manche zunächst. Hier kann nicht nur runter-, sondern auch hochgespült werden. Bidet- und andere Reinigungsfunktionen sind integriert, konfigurierbar nach Stärke und Dauer, komplett mit Trocknungsgebläse. Die Sitze sind meist weich und warm, nicht vom Vorbenutzer, sondern von der eingebauten Heizung. Etwas bevormundend ist die automatische Spülung, die auf überempfindliche Bewegungssensoren reagiert oder sich einfach in bestimmten Zeitabständen meldet, ob nötig oder nicht. Das ist ärgerliche Wasserverschwendung und als solche verwunderlich, denn an anderer Stelle haben die japanischen Hightech-Toilettendesigner früherer Wasserverschwendung geschickt Einhalt geboten. Japanische Damen wollen auf öffentlichen Toiletten mitunter nicht, dass die Damen in den angrenzenden Kabinen mitbekommen, was sie gerade machen. Um ihre eigenen Geräusche akustisch zu verschleiern, betätigten sie deshalb in der Vergangenheit permanent die Spülung. Das muss nun nicht mehr sein: Viele Toiletten sind inzwischen mit einem Knopf ausgestattet, der lediglich das Geräusch der Spülung simuliert, ohne dass tatsächlich Wasser fließt.

Eingeführt wurden die Washlet genannten Wunderklos 1980, im Jahr 2010 wurde das Dreißigjährige gebührend gefeiert. 2012 bekam das Washlet einen Preis von der japanischen Ingenieursvereinigung als eine der Erfindungen, die das Leben der Japaner einschneidend verändert haben (gemeinsam mit einem besonders leichten Zugwaggon und einem Schreibtisch-Fotokopierer).

Dass diese Toiletten mit ausführlichen Gebrauchsanweisungen bedruckt sind, ist übrigens nicht allein ihrer umfangreichen Sonderausstattung geschuldet. Als westlich inspirierte Toiletten in Japan eingeführt wurden, war Teilen der Bevölkerung nicht bewusst, dass man sich auf die Brille setzt, anstatt draufzuklettern und sich zu hocken. Inzwischen braucht dafür natürlich niemand mehr eine Anleitung. Neun von zehn Japanern, wenn nicht mehr, bevorzugen dieser Tage das Modell Western Style. Auf öffentlichen Toiletten wird meist durch ein Schild an der Tür angegeben, ob sich die Ost- oder Westvariante dahinter verbirgt. In Stoßzeiten kann man beobachten, wie sich vor den Sitztoiletten lange Schlangen bilden, während die traditionellen Hockmodelle nebenan ungenutzt bleiben. Wer also lange Wartezeiten vermeiden möchte, gewöhnt sich den Umgang mit dem Loch im Boden an und lässt die Japaner vor den HightechSchüsseln anstehen.

An öffentlichen Toiletten mangelt es in japanischen Städten, Dörfern und Erholungsgebieten nicht. Wie überall in der Welt sinkt der Grad der Heimeligkeit bei steigendem Grad der Öffentlichkeit, aber hygienische Totalausfälle sind selten. Selbst Toiletten in entlegenen Winkeln von U-Bahnhof-Verbindungsschächten sind meist mit etwas Mut und großer Not begehbar und sogar benutzbar. Unter Umständen ist kein Gratispapier vorgesehen, der findige Notdürftige hat Papiertaschentücher dabei, wie sie in Städten an jeder Ecke mit Werbeaufdruck verteilt werden, oder benutzt die nahe gelegenen Automaten. Das kostet zwar ein paar Yen, dafür sind etwaige Zahlungen an Wach- oder Putzpersonal genauso unbekannt wie Trinkgelder in anderen Lebensbereichen.

Japaner lassen sich nichts verbieten

Einmal hätte ich beinahe einem Raucher ein Vitamin-C-Getränk über den Kopf geschüttet. Nicht etwa aus penetrant-militanter Nichtraucherrüpelei. Ich wollte nur helfen. Die Episode trug sich in einem japanischen Zug zu, und ich hatte zunächst den Raucher nicht gesehen, sondern nur den Rauch, der von der Sitzreihe vor meiner aufstieg, in einem Nichtraucherabteil wohlgemerkt.

Bei den strengen gesellschaftlichen Regeln, die von der Mehrheit der Gesellschaft ohne Hinterfragen akzeptiert werden, und bei der erstaunlich niedrigen Kriminalitätsrate sollte man annehmen, dass Japaner allgemein gesetzestreue Bürger seien. Das stimmt nur bedingt. Von Mord, Totschlag und Plünderung sehen die meisten zwar ab, aber ansonsten gilt: Wenn eine Gesetzesübertretung niemandem schadet (also keinem Mitglied der Gesellschaft), ist es auch keine echte Gesetzesübertretung. Wenn ein Zugabteil weitgehend leer und gut klimatisiert ist, muss man sich von einem Piktogramm an der Tür nicht vorschreiben lassen, was man sich in den Mund stecken darf und was nicht. Wenn nachts ein Pendlerzug eh von den immer gleichen Angestellten benutzt wird, dann herrscht zwischen den Männern (und späte Heimkehrer sind so gut wie immer Männer) die stille Übereinkunft, dass jedes Abteil Raucherabteil ist.

Zumindest solange es das Prinzip des Raucherabteils noch gibt. Zunehmend werden Züge und Bahnhöfe zu kompletten Nichtraucherzonen erklärt, und da fügen sich dann auch die Japaner. In den letzten Jahren wurden nicht nur im Schienenverkehr Rauchverbote verschärft und ausgeweitet. Selbst auf offener Straße darf in der Regel nur an ausgewiesenen Orten mit bereitgestellten Aschenbechern geraucht werden. Wie sklavisch man sich daran hält, ist allerdings stark abhängig von der Tageszeit und dem Selbstverständnis der Gegend. Wer nachts im halbstarken Bohemeviertel brav am Aschenbecher steht, wird schiefer beäugt als der, der mit der Kippe im Mund wild und frei durch die Straßen rennt. Wahrscheinlich wird der wilde und freie Straßenläufer auch an keiner roten Ampel haltmachen, solange keine Gefährdung für Leib und Leben besteht.

Nicht unwichtig sowohl im Straßenverkehr als auch in der Begegnung mit Bekannten und anderen Menschen ist der Hinweis auf die Eigenarten der japanischen Winkgeste. Möchte man jemanden herbeiwinken oder freundlich grüßen, macht man eine Unterarmbewegung von oben nach unten mit zum Gegenüber gekrümmter Hand. Nach westlichem Winkverständnis wirkt diese Geste eher abweisend oder warnend. Lassen Sie sich aber nicht abschrecken. Macht ein Verkehrsregler an Baustellen oder vor Parkhäusern die fremdartige Winkbewegung, so heißt das: Bitte kommen Sie!