Gebrochene Flügel - Daniela Hochstein - E-Book

Gebrochene Flügel E-Book

Daniela Hochstein

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Beschreibung

Ein Unfall befördert den jungen Marco von heute auf morgen in den Rollstuhl. Schuld daran ist Sarahs Bruder, der seine Schwester zu ihrem ersten Blind Date mit Zero, einer E-Mail-Bekanntschaft, bringen wollte. Während Marco in der Klinik erwacht und mit den Widrigkeiten seines Schicksals kämpfen muss, plagt Sarah sich mit Schuldgefühlen und beschließt, Marco zu besuchen. Eine schwierige Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden, geprägt von Wut und Schuld sowie Verzeihen und Zuneigung. Ein geheimnisvolles Märchen sowie nicht zuletzt auch Zero helfen ihnen beim Überwinden der ersten Barrieren.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Daniela Hochstein

Gebrochene Flügel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Zwischenspiel

Kapitel 2

Zwischenspiel

Kapitel 3

Zwischenspiel

Kapitel 4

Zwischenspiel

Kapitel 5

Zwischenspiel

Kapitel 6

Zwischenspiel

Kapitel 7

Zwischenspiel

Kapitel 8

Zwischenspiel

Kapitel 9

Zwischenspiel

Kapitel 10

Zwischenspiel

Kapitel 11

Zwischenspiel

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Zwischenspiel

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Zum Abschluss

Impressum neobooks

Prolog

Gebrochene Flügel

von

Daniela Hochstein

Für Marco:

Die Drachen erhoben sich, breiteten ihre Flügel aus, warfen sich dem Wind entgegen und glitten auf seinen stürmischen Wogen, geschmeidig wie Delphine. Böe um Böe peitschte ihren Flug, hob sie in die Höhe, drückte sie in die Tiefe. Doch es war ein Spiel für sie, das sie zum Lachen brachte.

Solange bis der Wind genug hatte, bis er wütend wurde und zu mächtigen Schlägen ausholte. Der Spaß verging ihnen bald und einer nach dem anderen zog sich zurück. Eisiger Regen stach in ihre Augen, machte sie beinahe blind, sodass sie glücklich waren, als sie auf dem sicheren Boden landeten, und von dort aus erleichtert dem Sturm entgegen spotteten.

Bloß einer von ihnen landete nicht. Die anderen riefen ihm zu, warnten ihn, doch er lachte bloß. Er, der König der Lüfte. Er, dessen Kraft noch kein Wind gebrochen hatte. Er, dessen Flügel die Prächtigsten waren, die ein Drache je besessen hatte. Er würde dem Wind trotzen, ihn nicht feige von der Erde aus verspotten, sondern von hier oben, inmitten der zornigen Wolken, die nach ihm schlugen und kratzten.

Doch er hatte sich verschätzt.

Kapitel 1

Sarah hatte von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt. Und daran war nicht bloß ihr Bruder Tobias Schuld, der viel zu spät mit Mutters Auto zurückgekommen war und nun viel zu schnell über die Landstraße Richtung Stadt raste. Nein, auch die schwarzen Wolken, die sich bedrohlich an dem Abendhimmel auftürmten, sowie der Regen, der mit tausend nassen Fingern auf die Windschutzscheibe trommelte und selbst der höchsten Geschwindigkeitsstufe des Scheibenwischers nichts als Verachtung entgegenbrachte, säte eine finstere Ahnung in ihre Brust.

Trotzig nahm sie einen tiefen Atemzug, denn eigentlich wollte sie sich freuen, war sie doch auf dem Weg zu ihrem ersten Blind Date in ihrem Leben. Zero. So zumindest hieß er in seinen E-Mails, die er ihr schrieb.

Der Zufall hatte sie zusammengeführt. Oder besser: Eine gemeinsame Leidenschaft und die Erfindung des Internets, das erst vor wenigen Jahren seinen Weg in die privaten Haushalte gefunden hatte, bereit, der Gesellschaft eine neue Welt zu eröffnen. Sarah hatte diese Errungenschaft sogleich genutzt, um endlich ihre selbst verfassten Geschichten mit Gleichgesinnten zu teilen. Menschen, die sie in ihrem alltäglichen Umfeld stets so vermisst hatte. Und so war sie auf Zero gestoßen. Sie mochte seine Texte und er liebte ihre, obgleich sie sich so sehr unterschieden. Aber vielleicht war es auch genau das, was sie verband.

Bald schon hatten sie sich E-Mails geschickt und als sie darin zufällig entdeckten, dass sie in der gleichen Stadt lebten, war der Beschluss schnell gefasst, sich auch persönlich zu treffen.

Sarah wusste nicht viel über Zero. Allein seine Texte kannte sie und sein ungefähres Alter. Das aber war auch schon alles. Nicht einmal seinen richtigen Namen hätte sie nennen können, und wie er aussah, konnte sie sich anhand seiner Beschreibung nur ungefähr vorstellen. Aber genau das machte es so reizvoll, so spannend, so aufregend, dass sie nun mit kalten, feuchten Händen neben Tobias auf dem Beifahrersitz saß und mit klopfendem Herz aus dem Fenster starrte, bemüht, gegen ihr inneres Zittern und diese seltsam unheilvolle Ahnung anzukämpfen.

„Siehst du, Sarah, dort vorne ist schon die Stadt. In fünf Minuten sind wir da und du bist nahezu pünktlich.“ Tobias warf Sarah ein schräges Lächeln zu. Ein für ihn typisches Lächeln. Eines, über das sie sich schon so oft geärgert hatte, weil es bloß seine Fehler überdecken sollte und in diesem Fall seine Unzuverlässigkeit. Nahezu pünktlich. So nannte er also zwanzig Minuten Verspätung. Was, wenn Zero nicht so lange warten wollte? Was, wenn er bereits wieder gegangen war? Hätte sie zwanzig Minuten auf ihr Date gewartet?

Sarah verzichtete auf eine Antwort und weil Tobias seine Schwester kannte, trat er noch ein wenig fester auf das Gaspedal. Sarah versah ihn daraufhin mit einem kritischen Blick, doch bevor sie zu einem Protest anhob, schaute sie auf die Uhr und entschied sich zu schweigen.

Sie waren gute zwanzig km/h zu schnell, als sie die Stadtgrenze passierten. Wie ein Wasserfall prasselte der Regen auf die Scheiben und verwandelte die Welt in ein Zerrbild aus Schatten und bunten Lichtern. Sarah sah das gezackte Grün einer Ampel auf sie zufliegen, das sich viel zu früh in ein Orange verwandelte, und während Tobias das Gas der Bremse vorzog, drückte sie instinktiv ihren rechten Fuß auf den Boden; als könne sie damit das Unheil aufhalten, das sich vor ihnen anbahnte, obgleich es noch keiner von ihnen wissen konnte.

Erst als Tobias die Ampel bei rot überfahren hatte, nahm er seine Geschwindigkeit zurück und bog rechts ab, wobei Sarah sich an den Türgriff klammerte, um der Fliehkraft zu widerstehen. Und da plötzlich tauchte er auf, aus dem Nichts voll Nacht und Regen. Ein geisterhafter Schatten im Augenwinkel, der sich dann jedoch in eine Regenjacke mit Reflektorstreifen verwandelte. Grell warfen sie das Scheinwerferlicht zurück, auf dass es sich in den Regentropfen auf der Scheibe brach und in tausend Splitter zerbarst. Mit einem lauten Fluch stieg Tobias auf die Bremse, die Reifen quietschten, das Auto rutschte über den nassen Asphalt, während Sarah bloß bleich vor Schreck dasaß, die Hände mit aller Kraft gegen das Handschuhfach gestemmt, und in die aufgerissenen Augen des Radfahrers starrte, der unfähig war, dem unvermeidlichen Aufprall zu entgehen.

Es folgte der Knall, Metall auf Metall, das Rumpeln eines Körpers. Er schlug auf die Motorhaube auf, rollte darüber, glitt seitlich ab und blieb schließlich neben dem Wagen liegen, welcher endlich ebenfalls zum Stehen gekommen war.

Dann war es still. Erschreckend still. Die Straße war wie ausgestorben, das Bürogebäude und der Supermarkt um diese Uhrzeit ohne Leben, als hätte sich die ganze Welt soeben von diesem Ort abgewandt, um nicht Zeuge jenes Geschehens sein zu müssen. Der Motor des Wagens war verstummt und bloß der Regen hämmerte noch wütend auf das Blech.

Sarah hatte zuletzt schützend einen Arm vor das Gesicht gehoben und nahm ihn erst jetzt langsam wieder herunter. Sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, was geschehen war und als sie ihren Bruder von der Seite ansah, blickte er einfach geradeaus, seine Augen leer, die Hände um das Lenkrad gekrallt, als könne es ihm den Halt geben, den er soeben zu verlieren drohte.

Schließlich besann Sarah sich der Situation, riss die Tür auf, sprang aus dem Auto und lief um die Motorhaube herum, bloß um dann wie versteinert stehen zu bleiben und auf den leblosen Körper eines Mannes zu starren, der unmittelbar vor ihr lag. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, denn er lag auf dem Bauch, das Gesicht abgewandt.

Ungerührt stürzte der Regen auf Sarah nieder, durchnässte ihr Haar, ihre Jacke, ihre Schuhe, drang bis auf ihre Haut. Sie hätte frieren müssen, doch ihr war heiß. Viel zu heiß. Ihr Herz raste. Ihre Gedanken rasten und kamen doch zu keinem sinnvollen Ziel.

Lebte der Mann noch? Oder hatten sie ihn umgebracht?

Sarah versuchte zu erkennen, ob der Brustkorb sich bewegte, doch es war zu dunkel und sie wagte es nicht, sich dem Mann zu nähern. Gleichzeitig aber schalt sie sich deswegen. Sie wollte in dreieinhalb Monaten mit dem Medizinstudium beginnen, schoss es ihr durch den Kopf. Dann musste sie doch in solchen Situationen zu handeln in der Lage sein und durfte nicht tatenlos herumstehen.

Unwillig schüttelte sie den Kopf, als erwache sie gerade aus einem seltsamen Traum. Rasch drehte sie sich um, eilte zur Fahrertür, öffnete sie und lugte hinein. Tobias saß noch immer da, bloß dass er diesmal ihren Blick erwiderte. Stumm, mit dem schieren Entsetzen auf seinen Zügen.

„Tobias, hast du dein Handy dabei?“ Tobias gehörte zu den Ersten in Sarahs Umfeld, die ein Handy besaßen. Natürlich! Sie hatte ihn immer deswegen belächelt und ihn damit aufgezogen, wozu gerade er das denn bräuchte. Er sei viel zu unwichtig, um immer erreichbar sein zu müssen... Doch nun war sie dankbar dafür. Unendlich dankbar.

Tobias nickte, blieb aber weiter reglos.

„Na, dann gib es mir!“, forderte sie ihn ungeduldig auf. „Wir müssen einen Krankenwagen holen!“

Wie ein Automat griff Tobias in seine Jackentasche, zog das klobige Handy heraus und reichte es Sarah. Sie schnappte es sich und tippte mit zittrigen Fingern die Notrufnummer ein.

Als gefühlte Stunden später das Blaulicht am Ende der Straße auftauchte, fiel Sarah eine drückende Last von der Seele. Sie konnte im Nachhinein gar nicht genau sagen, was sie in der Zwischenzeit gemacht hatte; bloß, dass ihr die Zeit quälend lang erschienen war und sie sich derweil irgendwie dazu durchgerungen hatte, ihrem Pflichtgefühl zu gehorchen, zu dem Mann zu gehen und ihn anzusprechen.

Er war jung, das konnte sie aus der Nähe erkennen. Nicht viel älter als sie selbst, was ihr einen schmerzhaften Stich versetzte. Doch er reagierte nicht auf ihre Ansprache. Die Augen hatte er geschlossen. Zum Glück, dachte Sarah. Wären sie offen gewesen und der Tod hätte sie womöglich daraus angestiert, es hätte sie wohl ihren ganzen Lebtag verfolgt. Aber der Mann war nicht tot, wie sie ebenfalls feststellte, denn er atmete.

Zwischenspiel

Der Drache besaß Mut. Mut, genährt aus dem goldenen Feuer, das in ihm brannte, heiß, voll Kraft und Leidenschaft, strahlender als die Sonne selbst. Der Funke all dessen aber lag in seiner Brust, geborgen in einem Herzen aus Glas. Bunt war es, bunt wie der Regenbogen, stark gegen die Hitze, und doch zerbrechlich.

Als der Sturm zu seinem entscheidenden Schlag gegen den jungen Drachen ausholte, war ihm dessen Herz gleichgültig, wie dem Zufall das Schicksal gleichgültig ist. Ohne Mitleid zerriss er dem Drachen die Flügel, brach sie, und sah zu, wie dieser haltlos der Erde entgegen stürzte.

Kapitel 2

Marco wollte seine Augen aufschlagen, aber sie weigerten sich. Schwer wie Blei lagen sie auf seinen Augäpfeln und es kostete ihn wirklich Kraft, sie zu heben. Daher wartete er noch einen langen, müden Moment, um es dann abermals zu probieren. Diesmal gelang es ihm und ein verschwommenes Spektrum aus kalkweißem Licht und schwarzen Schatten erklärte ihm, dass er nicht zu Hause war, wie er zunächst gehofft hatte.

Er ließ die Lider wieder sinken, tat einen tiefen Atemzug, als könne dieser ihm helfen, seine Gedanken zu klären, und versuchte mühsam, seine Erinnerung zu sortieren. Ein dumpfes Pochen in seinem Schädel hielt ihn allerdings davon ab, weiter in die Tiefe vorzudringen; und hatte er einmal einen Bilderfetzen vor Augen, so zerstob er alsbald wieder in dem grauen Nebel des Vergessens.

So wurde ihm die Frage, wo er sich wohl gerade befinden mochte, letztlich von dem beißenden Geruch nach Desinfektionsmitteln beantwortet. Ein Geruch, den er noch gut aus seinem Zivildienst im Krankenhaus kannte. Allerdings lag diese Zeit nun schon über drei Jahre zurück und diesmal, soviel war ihm klar, befand er sich auf der anderen Seite der Krankenhausgesellschaft. Auf der Seite der Patienten.

Wie der Sand durch den engen Hals einer Sanduhr, rieselte diese Erkenntnis langsam in Marcos Bewusstsein, häufte sich dort auf, wog schwerer und schwerer und brachte die Waage der Ungewissheit schließlich ins Wanken. Krankenhaus, hallte es in seinem Kopf. Krankenhaus... Und plötzlich war das Bild wieder da. Scheinwerfer, ein Auto, das unaufhaltsam auf ihn zukam, ein kurzer, elektrisierender Schmerz, wahnsinnig, und dann bloß noch Dunkelheit.

Marco riss die Augen auf und dieses Mal bereitete es ihm keine Mühe mehr. Sein Herz raste. Die Luft, die er atmen wollte, reichte nicht und er geriet in Panik. Er wollte sich aufrichten, doch sein Körper verweigerte sich ihm. Es schien, als sei er in Watte gepackt und weit, weit von seinem Willen entfernt. Er wollte rufen, brachte jedoch bloß ein Flüstern zu Stande und selbst das erforderte eine ungeheure Anstrengung. Die Luft entwich seinen Lungen, doch sie kehrte nicht zurück und Marco fürchtete, ersticken zu müssen. Schwärze zog herauf und legte sich besänftigend über seine Sinne. Marco fühlte eine Hand, die sich auf seinen Oberarm legte, kam aber nicht mehr dazu, nach ihrem Besitzer zu schauen.

Toni konnte nur noch dabei zusehen, wie sein kleiner Bruder die Augen schloss. Die ganze Zeit hatte er neben Marcos Bett ausgeharrt, um bei ihm zu sein, wenn er erwachte. Zuletzt aber musste er eingenickt sein, sodass er im entscheidenden Moment zu spät reagierte. Hilflos strich er Marco nun durch das Haar, so wie damals, als Vater gestorben war und er ihn getröstet hatte; ihn, Marco, der noch zu klein gewesen war, um zu verstehen, was Siechtum und Tod eigentlich bedeutete, während er, Toni, mit seinen dreizehn Jahren die Rolle des Vaters übernahm, weil die Mutter zu tief in ihrer Trauer gefangen war. Inzwischen war Marco zwar erwachsen, aber die väterlichen Gefühle ihm gegenüber hatte Toni nie mehr ganz ablegen können, selbst wenn er sich bemühte, es Marco nicht spüren zu lassen, weil er wusste, dass es ihn ärgerte. Jetzt allerdings, jetzt, wo Marco bewusstlos und versehrt vor ihm lag, jetzt wogen diese Gefühle plötzlich wieder schwer wie Steine in seinem Herzen.

Die Ärzte hatten Toni erklärt, dass Marco unter Schmerz- und Beruhigungsmitteln stand, damit er den anfänglichen körperlichen Schock erst einmal überwinden konnte, ohne dabei auch noch mit seinen seelischen Nöten kämpfen zu müssen. Er würde noch früh genug erwachen und die Tragweite seiner Verletzung begreifen müssen. Bis dahin aber, so hatten sie Toni geraten, sollte er nach Hause gehen, um sich auszuschlafen.

Doch er blieb. Seit zwei Tagen lebte er nun schon hier in der Klinik an der Seite seines Bruders, verschwand bloß kurz, um sich zu Hause frisch zu machen, und schlief nachts in einem Bett, das die Schwestern ihm großzügiger Weise in das Krankenzimmer geschoben hatten, obwohl das auf der Intensivstation nicht erlaubt war. Aber glücklicherweise wurden hier viele Augen zugedrückt und Toni war dankbar dafür.

Mittlerweile war die Dosis der Medikamente gesenkt worden und Marcos Schlaf wurde bereits unruhiger, sodass Toni nun erst recht nicht von seinem Bett weichen wollte. Sicher, man hatte ihm gesagt, dass sein Bruder ja nicht im Sterben lag und es ihm als dreiundzwanzigjährigen Mann durchaus zuzumuten war, alleine aufzuwachen. Er sei hier in guten Händen und Toni würde sofort informiert werden, wenn es soweit war. Aber für Toni kam das nicht in Frage. Marco würde ihn brauchen und nicht zuletzt gab es noch einen weiteren Grund, bei ihm zu bleiben.

Der Grund war ihre Mutter, die mit der Situation vollkommen überfordert war. Vaters überraschend früher Schlaganfall damals und die darauf folgenden Jahre der Pflege hatten ihre Kraft bereits weitestgehend aufgezehrt, und Marcos Unfall raubte ihr nun den letzten, kläglichen Rest.

Als sie von dem Unfall erfuhr, hatte sie alles stehen und liegen gelassen und war gemeinsam mit Toni ins Krankenhaus geeilt, bloß um ihren Sohn dort bewusstlos im Bett liegen zu sehen und neben ihm zusammenzubrechen. Sie weinte, klagte, fragte voller Verzweiflung nach dem Warum, strich mit zittriger Hand über Marcos Haar, über seine Wange und war nicht mehr zu beruhigen. Toni hatte Mühe, sie von Marcos Bett zu lösen und aus dem Zimmer zu ziehen, damit sie sich draußen wieder fangen konnte. Er brachte sie nach Hause, blieb noch lange bei ihr und versuchte sie zu trösten, hörte ihren Klagen zu und sah, wie die Tränen irgendwann versiegten, ihre Stimme immer leiser wurde, bis sie schließlich einem Schweigen wich und einer eigenartig schwelenden Wut die Oberhand überließ.

Fast gewann Toni den Eindruck, seine Mutter fühle sich durch Marcos Unfall persönlich gekränkt und nehme ihm übel, dass nun er ihr so großen Kummer bereitete. Dementsprechend sah Toni es als seine Aufgabe, seine Mutter so viel wie möglich zu entlasten, und dazu gehörte, dass er neben Marco wachte, damit sie nicht das Gefühl hatte, es selber tun zu müssen; und – das begriff Toni allerdings erst ein wenig später - damit sie nicht täglich Zeuge werden musste, wie ihr Sohn von einem jungen, sportlichen Mann zu einem unselbständigen Häuflein Elend ohne die geringste Privatsphäre degradiert wurde. Von dieser Tatsache aber wurde auch Toni kalt überrascht, sodass er daraufhin stets die Flucht ergriff, wenn das Pflegepersonal herannahte, und erleichtert darüber war, dass Marco noch nicht viel von all dem mitbekam.

Nachdem Toni eingesehen hatte, dass Marco erst einmal wieder in sein Dämmertal zurückgekehrt war, löste er sich seufzend von dem Bett und nahm seinen Stammplatz auf dem Besuchersessel ein. Er griff sich die Gerichtsunterlagen, um sie für den kommenden Dienstag ein weiteres Mal durchzugehen, wobei er sich kaum darauf konzentrieren konnte und sich ernsthaft fragte, wie er diesen Termin für die Kanzlei wahrnehmen sollte. Aber es blieben ihm ja noch zwei Tage bis dahin. Und so war er zumindest ein wenig beschäftigt.

Diesmal waren es nur wenige Stunden, die Marco schlief, obgleich er das natürlich nicht wusste. Ihm kam es vor, als tauche er nach Jahren aus einem zähflüssigen See voll verwirrender Bilder auf und sehe endlich wieder etwas, das konkret und fassbar war. Die Watte hatte sich aus seinem Kopf und Körper zurückgezogen und Marco nutzte die Klarheit, um dort noch einmal anzusetzen, wo er zuletzt das Bewusstsein verloren hatte.

Er sog den Atem ein und war erleichtert, dass es ihm nun problemlos gelang. Dann wandte er den Kopf zu jener Seite, wo er das letzte Mal die Hand an seinem Arm gespürt hatte, und fand Toni auf dem Sessel, vertieft in sein Skript. Er wollte ihn ansprechen, doch lenkte ihn plötzlich etwas davon ab. Es war der banale Wunsch, sein linkes Bein anzuziehen, um sich damit abzustoßen und ein wenig auf die Seite kippen zu lassen, sodass er Toni besser hätte sehen können.

Der Gedanke war da, aber das Bein nicht.

Eiskalte Panik zuckte durch Marcos Brust. Unvermittelt begann sein Herz wie wild gegen die Rippen zu schlagen, wieder drohte der Atem ihm die Luft zu versagen. Verzweifelt versuchte Marco, sein Bein zu bewegen. Erst das eine, dann das andere, doch da war nichts. Sein Wille versickerte ungehört.

Das kann doch nicht sein!, dachte er. Da muss doch etwas passieren! Immer wieder sandte er seinen Wunsch aus, erst konzentriert, dann hektisch und zuletzt rasend vor Angst. Doch er kam nicht an.

„Toni“, stieß er aus, als gelte es, nach einem rettenden Anker zu greifen, bevor er in den Untiefen der Furcht ertrank, und Toni reagierte sofort. Erschrocken warf er seine Unterlagen beiseite, sprang auf und eilte zu seinem Bruder.

„Hey Marco, wie geht es dir?“, fragte er reflexartig, bereute diese Frage allerdings im gleichen Moment, konnte er doch eindeutig die nackte Angst in Marcos Augen erkennen.

„Toni, wo sind meine Beine? Ich kann sie nicht fühlen. Sind sie... haben sie sie...“

„Sie sind da, wo sie immer waren, Marco. Keine Angst, sie sind da!“ Toni griff nach Marcos Hand, die bis dahin nervös über die Bettdecke getastet hatte, und hielt sie fest. Im Gegenzug hob Marco mühsam den Kopf, um einen Blick Richtung Füße zu werfen. Doch sie waren zugedeckt und die zwei sanften Hügel, unter denen sie zu erahnen waren, schienen ihn nicht zu beruhigen.

„Aber ich kann sie nicht fühlen! Warum kann ich sie nicht fühlen, Toni? Was ist denn mit mir passiert?“ Hastig zog Marco seine Hand aus Tonis Griff, um erneut nach seinen Beinen zu tasten. Schließlich packte er seine Decke und riss sie hoch, um darunter zu schauen. Toni sah, wie er versuchte, sich aufzurichten, aber es wollte ihm nicht gelingen. Behutsam legte er seine Hand auf Marcos Schulter und drückte ihn zurück auf das Bett. Marco wollte Widerstand leisten, bot seine ganze Kraft auf, doch er war zu schwach. Flehend sah er Toni ins Gesicht.

„Ich will sie sehen, Toni. Ich will meine Beine sehen! Sofort!“

„Marco, beruhige dich“, redete Toni mit gesenkter Stimme auf ihn ein, ohne ihn dabei loszulassen, und Marco kam sich vor, wie ein kleines Kind, das man nicht ernst nahm.

Unwirsch fegte er Tonis Hand von seiner Schulter.

„Lass mich los, Toni! Sag mir doch endlich, was passiert ist! Ich will einen Arzt sprechen. Ich will wissen, wann das aufhört. Wann kann ich sie wieder spüren?“

Marco fühlte Zorn in sich aufsteigen. Panischen Zorn, gepaart mit einer Ahnung, der er ganz und gar nicht weiter folgen wollte. Er fühlte sich plötzlich wie ein verwundetes Tier, das in die Ecke gedrängt wurde. Jede Berührung seines Bruders löste den unbändigen Impuls in ihm aus, danach zu schlagen und ihn anzuschreien, als könne es ihm irgendwie helfen, sich aus der Gefangenschaft zu befreien, in die sein Körper ihn gerade zwang. Seine Lungen bebten, sodass sein Atem zitterte, und sein Herz raste, als wolle es ihm den Brustkorb sprengen.

Was wäre, wenn er seine Beine nie wieder fühlen können würde? Was wäre dann? Konnte ihm etwas Derartiges widerfahren? Nein!, schrie es in Marco. Nein, das ist nicht möglich! Nicht bei ihm! Bei den anderen, aber doch nicht bei ihm!

Marco zog weiter an seiner Decke. Er hatte das Gefühl, seine Beine hätten sich bewegt. Ein Zucken vielleicht. Ganz bestimmt! Er wollte es sehen, wollte die Bestätigung, dass sie da waren und dass sie sich bewegten, wenn er das wollte. Er würde sie bewegen können, ganz sicher, wenn er sie nur dabei sehen konnte. Dann würde es klappen!

Tränen verschleierten seinen Blick, während er unermüdlich die Decke fortzuziehen versuchte.

„Marco...“, brach schließlich Tonis Stimme in Marcos Verzweiflung, begleitet von seiner Hand, die er seinem kleinen Bruder auf den rechten Unterarm legte, um ihn endlich zu stoppen.

Mit erregt auf- und absteigender Brust hielt Marco inne und sah Toni in die Augen.

„Marco, du hattest einen Unfall. Ein Auto hat dich angefahren. Dabei hast du dir... Du hast dir die Wirbelsäule gebrochen...“

Marco blieb stumm, sein Blick bloß starr auf Toni gerichtet.

„Die Ärzte sagen, dass du... Naja, dass das Rückenmark verletzt ist.“

Toni spürte plötzlich eine Trockenheit in seinem Mund, die ihm das Sprechen unmöglich machte. Er konnte es nicht. Er konnte seinem Bruder einfach nicht sagen, dass die Ärzte jegliche Hoffnung auf Genesung ausgeschlossen hatten. Er konnte ihm nicht sagen, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen würde.

Aber er musste es auch nicht, denn Marco nickte bloß. Beinahe schien es, als ginge ihn diese Information auf einmal gar nichts mehr an. Er drehte den Kopf zur Seite und starrte einfach ins Leere.

Marco fiel. Er stürzte rücklings in einen gähnenden, schwarzen Abgrund, in den Tonis Worte ihn soeben gestoßen hatten, haltlos, mit einem Schlag seines ganzen Lebens beraubt. Er war einfach entkoppelt, unfähig, seine Gedanken mit seinem Körper zu verbinden, reglos, sprachlos.

Rückenmark verletzt... Marco kannte das andere Wort dafür: Gelähmt...! Das sollte es nun sein? Das sollte er nun sein? Von einem Tag auf den anderen? Einfach so? Mal eben zum Krüppel geworden?

Übelkeit kroch ihm die Kehle hinauf und es kostete ihn Mühe, sie wieder herunter zu schlucken, weil die Zunge an seinem Gaumen festklebte.

Marco versuchte immer wieder, diese Information zu begreifen, sie mit dem Nichts unterhalb seines Bauches zu verbinden, aber er vermochte es nicht. Es war unmöglich! Nein, so einfach konnte das nicht sein! Vor wenigen Tagen war er doch noch gelaufen. Er wusste genau, wie sich das anfühlte, so einfach, so normal, so gewöhnlich. Es war schlicht weg absurd, dass er das nun nicht mehr können sollte!

Plötzlich war Marco überzeugt, ja ganz sicher, dass dieses Horrorszenario bald vorbei sein würde. Hab Geduld, sagte er sich, in ein paar Wochen wirst du hier rausgehen und es als die furchtbarste Erinnerung deines Lebens abhaken. Marco wusste, dass es so kommen würde. Anders konnte es gar nicht sein, gleich, was die Ärzte sagen würden. Ganz gleich. Sie kannten Marco nicht. Doch er, Marco, er wusste, dass er bald wieder laufen würde.

Er nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich wieder Toni zu. Müde sah sein Bruder aus. Erschöpft. Und in seinen Augen stand Mitleid. Marco fluchte innerlich, denn das Mitleid galt unmissverständlich ihm. Mitleid... Wie er diesen Ausdruck auf einmal hasste! Er hasste ihn, weil er ihm das Gefühl gab, sein Leben sei plötzlich nichts mehr wert, das Gefühl, als sei das Urteil nun endgültig, ein Gefühl, dass ihm jede Hoffnung zu rauben drohte. Seine kleine, mühsam an sich gerissene, mit aller Kraft festgehaltene Hoffnung.

Marco wollte nicht, dass Toni ihn so ansah! Er ertrug es nicht.

„Du siehst aus, als könntest du Schlaf gebrauchen“, sagte er schließlich, bemüht, nach außen die Fassung zu wahren, und stellte erleichtert fest, dass er mit diesen Worten soeben Tonis Mitleid in Überraschung verwandelt hatte. Ein flüchtiges Lächeln glitt über Tonis Züge und er nickte.

„Warum gehst du nicht nach Hause und legst dich ins Bett?“

Toni schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Er wollte seine Hand ausstrecken, um Marco durch das Haar zu streichen, aber Marcos mahnender Blick hielt ihn zurück.

„Später“, antwortete er stattdessen.

„Nein, Toni, ich glaube, es täte dir gut, jetzt zu gehen.“

Irritiert blickte Toni auf seinen Bruder herunter, der plötzlich eine eigentümliche Entschlossenheit in seinen Zügen trug. Sollte dies etwa eine Aufforderung sein?

„Hilf mir nur noch kurz, die Decke beiseite zu nehmen, damit ich meine Beine endlich richtig sehen kann. Dann kannst du gehen.“

Konsterniert stand Toni da, während Marco sich wieder umständlich an seiner Decke zu schaffen machte. Schließlich griff er selbst danach, schlug sie zur Seite und half Marco, den Kopf anzuheben.

„Nein, ich will sitzen, Toni“, protestierte er, umklammerte Tonis Hand plötzlich ganz fest und wollte sich daran hochziehen, doch dieser hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück.

„Die Ärzte haben gesagt, du sollst noch für zwei Wochen flach liegen bleiben, bis die Wirbelsäule belastbar ist.“

Wütend ließ Marco Tonis Hand wieder los und funkelte ihn an.

„Du machst wohl immer nur, was man dir von oben vorschreibt, oder? Es ist mir egal, was die Ärzte sagen! Ich will jetzt sitzen!“

Toni bedachte seinen Bruder mit einem unnachgiebigen Blick und schüttelte den Kopf, sodass dieser gezwungen war, sich wohl oder übel mit der Entscheidung der Ärzte abzufinden.

Grimmig betrachtete Marco somit das, was er aus seiner bescheidenen Position heraus erkennen konnte und der Anblick tat ihm weh. Leblos lagen seine Beine da, das linke von oben bis unten in einen Gips gehüllt und das rechte mit einem Schaumstoffpolster um die Ferse versehen, um Druckstellen zu verhindern, wie er noch aus der Pflege während des Zivildienstes wusste. Allerdings hatten da die alten, bettlägerigen Patienten so etwas getragen...

Marcos Magen krampfte sich zu einem kalten Stein zusammen und er wollte einfach nicht glauben, was er sah. Oder vielmehr, er wollte nicht glauben, dass das, was er sah, seine Beine waren. Seine Beine... Abermals versuchte er, sie zu bewegen, so wie er es seit jeher getan hatte, so wie er es seit jeher kannte. Aber es tat sich nichts. Sein Befehl, sein sehnlichster Wunsch verpuffte in dem Vakuum seines gelähmten Köpers. Immer wieder sandte Marco den Impuls aus und hoffte inständig, er möge nun endlich sein Ziel erreichen. Er lauschte in sich hinein, auf der Suche nach einer Antwort, und sei sie noch so leise, doch es herrschte Stille. Bloß die Verzweiflung hallte zurück und nistete sich in Marcos Herzen ein. Mühsam schluckte er gegen den Knoten an, der ihm die Kehle zuschnürte, und versuchte, seine Gefühle nicht zu beachten, ihnen irgendwie zu entkommen. Sonst, so dachte er, würden sie ihn gleich wahnsinnig machen.

„Warum ist das linke Bein geschient?“, fragte er schließlich mechanisch und hörte, wie Toni scharf den Atem einsog. Alarmiert sah er zu seinem Bruder auf.

„Es war gebrochen“, erhielt er darauf zur Antwort, konnte aber einen Ton dabei mitschwingen hören, der noch etwas anderes erzählte.

„Okay...? Und?“

Toni wurde etwas fahrig in seinen Gesten.

„Schwere Trümmerfraktur ... so nannten die Ärzte es.“

Toni verschwieg, dass er die Ärzte nur mit Mühe davon hatte abhalten können, das Bein zu amputieren. Sie hatten es damit begründet, dass Marco es ohnehin nie wieder brauchen würde und der Bruch zu kompliziert war. Die Risiken einer weiteren Operation, die unweigerlich lange gedauert hätte, wollten sie Marco nicht zumuten. Zumal ihr Erfolg auch zweifelhaft war. Aber Toni hatte darauf bestanden. Er wusste, dass Marco es ihm nie verziehen hätte, wenn er nicht darum gekämpft hätte. Und er hatte recht damit gehabt.

„Sie haben es mit Platten stabilisiert. Zwei Wochen muss der Gips bleiben, dann ist es wieder so gut wie neu.“ Toni lächelte und war erleichtert, dass seine Aussage Marco zufrieden zu stellen schien. Mit einem Nicken wandte dieser seinen Blick wieder auf sein eingegipstes Bein und blieb zuletzt an seinen Zehen hängen.

„Eigentlich müsste ich jetzt mit ihnen wackeln...“, stellte er benommen fest. Dann schwieg er, die Augen weiterhin auf seine Füße gerichtet. Toni fragte sich, ob Marco es tatsächlich gerade versuchte, aber die Zehen blieben still. Nicht einmal ein leises Zucken war zu sehen und Toni konnte sich nicht gegen das unangenehme Ziehen in seiner Magengegend wehren, das diesen Anblick begleitete.

„Danke“, durchbrach Marco schließlich den Moment der Beklemmung, der sich gerade wie eine schwere Decke über die beiden Brüder legen wollte. Dabei achtete er jedoch sehr genau darauf, Toni bloß auf die Lippen zu schauen. Nicht in die Augen, wo er den Schmerz hätte lesen können, den sein Bruder für ihn fühlte. Und um irgendetwas zu tun, zog er an seiner Bettdecke, um sie wieder über das zu schlagen, was er nicht mehr sehen wollte. Doch er scheiterte. Notgedrungen musste er zusehen, wie Toni daraufhin selbst Hand anlegte und seine tauben Beine endlich unsichtbar wurden.

Mit einem Schraubstock um die Brust, der bei jedem Atemzug enger wurde, wartete Marco darauf, dass Toni gehen würde, und als dieser zögerte, nickte er ihm aufmunternd zu. Sogar ein Lächeln rang er sich ab. Ein Lächeln, was sagen wollte, dass alles gut war und Toni sich keine Sorgen zu machen brauchte. Ein Lächeln, wie Marco es seinem Bruder und seiner Mutter schon oft geschenkt hatte, weil sie stets so sehr danach verlangt hatten in ihrem Leben voller Lasten. Dafür hatte er selbst in dem Luxus der Unbeschwertheit groß werden dürfen. Unbeschwertheit, erkämpft mit einem Lächeln und vielen verschwiegenen Gefühlen. Jetzt machte Marco sich diese Errungenschaft von damals wieder zu nutze.

„Es ist wirklich okay für dich, wenn ich jetzt gehe?“, versicherte Toni sich noch einmal und als Marco abermals nickte, fühlte er sich erleichtert. Das schlechte Gewissen wollte zwar noch nicht gänzlich aus seinen Gedanken weichen, aber zuletzt rang er sich dazu durch, Marcos Aufforderung genüge zu tun. Er tätschelte seinem kleinen Bruder zum Abschied den Arm. Dann ging er zu dem Sessel, hob das Skript auf, steckte es in seine Aktentasche und wandte sich zum Gehen. An der Tür blickte er noch einmal zurück und sah Marco weiterhin lächeln. Zwar wirkte es ein wenig eingefroren, aber bevor Toni daran Anstoß nehmen konnte, winkte Marco ihm zu.

„Bis morgen.“

Toni nickte. „Bis morgen, Marco. Wenn etwas ist...“

„Ja, ich weiß. Ich komm schon klar.“

Abermals nickte Toni. Dann ging er endlich.

Marco hielt gerade eben so lange durch, bis der Rücken seines Bruders verschwunden war, dann brach die Welt über ihm zusammen. Er konnte es gar nicht verhindern. Die Tränen bahnten sich einfach ihren Weg, rannen ihm die Wangen herunter und raubten ihm die Luft zum Atmen. Marco versuchte, sie fortzuwischen, doch es kamen nur noch mehr. Schließlich vergrub er sein Gesicht schluchzend in beiden Händen und ließ den Tränen ihren Lauf.

Zwischenspiel

Der Drache lag am Boden, während der Sturm sich über ihm schlafen legte. Beinahe zärtlich kräuselte der Wind nun über den geschundenen Körper, verfing sich in den Fetzen, die von den einst stolzen Flügeln übrig geblieben waren, und zupfte daran. Als der Drache seine Augen aufschlug, konnte er sehen, wie sich die zarte Haut darunter hin und herbewegte, ohne dass sie seinem Willen gehorchte. Ein Schmerz durchzog seine Brust, schneidend und blutend, denn sein gläsernes Herz hatte einen Sprung erlitten. Er gab seinen Schwingen den Befehl, sich auszubreiten, doch sie blieben reglos und tot.

„Gut“, sagte er sich, „ich will warten. Sie werden heilen, brauchen bloß Zeit. Solange werde ich warten.“

Der Wind lachte über die Gedanken des Drachen. Hoffnung, welch seltsame Eigenschaft...

Kapitel 3

Sarah schrieb:

„Hi Zero,

wie soll ich beginnen, damit Du mir glaubst? Es ist kompliziert... Ach, selbst das klingt schon wieder so abgedroschen. Aber diesmal ist es tatsächlich kompliziert.

Vorab: ich wollte kommen. Wirklich!

Wie Du gemerkt haben wirst, war ich dennoch nicht da. Es tut mir so leid, aber bevor Du jetzt denkst, ich suche bloß nach Ausreden, so lies, was der Grund dafür war.

Ich war zu spät, was nicht einmal meine Schuld war. Mein Bruder hatte das Auto und er hatte mir versprochen, es mir pünktlich zu übergeben. Natürlich hat er das nicht. Er bestand darauf, mich zum „Knülle“ zu fahren und er war verdammt schnell. Zu schnell. Ich will es nicht länger machen, als es ist. Kurz: er war zu schnell und hat einen Radfahrer übersehen. Er hat ihn angefahren.

Zum Glück hat der Mann überlebt, aber er war bewusstlos und ich glaube, auch schwer verletzt. Ich habe den Krankenwagen gerufen, der ihn dann gleich in die Klinik gebracht hat. Marco heißt er. Marco Wingert. Sein Portemonnaie hatte auf der Straße gelegen und ich habe es aufgehoben und hinein gesehen. Da war sein Ausweis... Zero, stell Dir vor, er war... nein, ist erst dreiundzwanzig. Und auf dem Foto sah er nett aus. Irgendwie unbeschwert...

Das hat mich völlig fertig gemacht. Kannst Du das nachvollziehen? Ich weiß nicht, was mit ihm genau geschehen ist. Aber es muss etwas Schlimmeres gewesen sein, denn als ich ihn am nächsten Tag im Krankenhaus besuchen wollte, um mich zu entschuldigen, erfuhr ich, dass er direkt verlegt worden ist, in die Unfallklinik. Ich bin dann sogar dorthin gefahren, aber er lag auf der Intensivstation und ich durfte nicht rein. Nur Angehörigen ist das erlaubt.

Zero, es ist so schrecklich, aber über dem Gebäudeabschnitt, in dem er lag, hing ein Schild. Abteilung für Rückenmarksverletzungen und Wirbelsäulenchirurgie.

Ich habe Angst. Angst, dass wir diesem Marco das Leben zerstört haben. Ich habe Angst, weil wir Schuld sind und ich damit niemals leben kann, wenn er einen dauerhaften Schaden erlitten hat. Ich würde es so gerne wieder gut machen oder ihm wenigstens etwas geben, ihm helfen oder irgendetwas. Aber ich fühle mich so hilflos!

Es tut mir leid, dass ich Dich damit jetzt so überfalle, aber ich musste es loswerden, mit jemandem teilen. Und Du warst der erste, der mir einfiel, obwohl wir uns doch kaum kennen. Vielleicht ja auch genau deshalb.

Meinem Bruder geht es noch viel schlechter als mir. Meine Mutter hat ihn schon zum Psychologen geschleppt. Mit ihm kann ich zur Zeit überhaupt nicht darüber reden.

Zero, sag mir, was soll ich tun? Soll ich noch einmal versuchen, diesen Marco zu besuchen? Oder ist das total verkehrt? Er wird mich hassen! Aber ich kann nicht anders, ich möchte einmal mit ihm sprechen, ihm wenigstens sagen, dass es mir leid tut. Ach, Zero, ich bin wirklich verzweifelt!

Ich hoffe auf eine Antwort von Dir!

Die Blaue Rose“

Sarah saß noch lange vor dem Bildschirm, bevor sie den Curser schließlich auf „Senden“ schob und die Mousetaste drückte. Was auch immer Zero nun über sie denken mochte, sie konnte es nicht mehr zurücknehmen. Aber es war ihr lieber so, denn die Schuldgefühle plagten sie Tag und Nacht und sie musste sie einfach jemandem anvertrauen. Bei Zero, so dachte sie, war sie da wirklich am Besten aufgehoben. Das sagte ihr ein Gefühl.

Doch es kam keine Antwort. Nicht am ersten Tag und auch nicht am zweiten. Nach einer Woche war sie es leid, wie eine Getriebene ständig ihren E-Mail-Account zu prüfen. Hatte Zero sie tatsächlich fallen gelassen? Hatte sie sich so in ihm getäuscht? Oder hatte er ihre Mail gar nicht mehr gelesen, weil er ihr Nicht-Erscheinen als Desinteresse gedeutet und innerlich mit ihr abgeschlossen hatte?

Zu Sarahs Schuldgefühlen gesellte sich nun auch noch eine Unruhe, die sie nur schwer auszuhalten vermochte. Sie wollte endlich eine Entscheidung treffen. Sollte sie gehen und Marco besuchen? Sollte sie ihm vor die Augen treten und sich entschuldigen, so platt und nutzlos es ihr auch vorkam?

Sie fragte schließlich eine Freundin um Rat, sogar mehrere. Doch alle gaben ihr die gleiche Antwort. Sie sollte es sein lassen. Und je öfter Sarah diese Antwort erhielt, desto entschlossener wurde sie. Sie würde ihn besuchen!

Zwischenspiel

Die anderen Drachen vermissten ihren Freund, den sie zuletzt gesehen hatten, als er hoch in den Wolken ins Trudeln geriet. Ein Aufschrei hatte sich aus ihren Kehlen gelöst und sie hatten um sein Leben gebangt. Sie hatten geglaubt, er trieb bloß sein Spiel mit dem Sturm, doch dann war er plötzlich verschwunden.

Notgedrungen warteten sie, bis der Wind sich beruhigt hatte, um sich dann eilig auf die Suche nach ihm zu begeben. Und bald fanden sie ihn. Erschöpft lag er am Boden und beachtete sie kaum. Als sie neben ihm landeten, spielerisch leicht, hob er bloß kurz seinen Kopf und sah sie teilnahmslos an. Seine Flügel hingen zerrissen und schlaff an ihm herab. Die Drachen konnten nicht anders, als sie anzustarren. Betroffen, erschrocken, voller Mitleid. Sie bekundeten ihr Mitgefühl, wollten ihn trösten, doch der Drache wandte sich bloß ab. Er wollte alleine sein, denn er war keiner mehr von ihnen.

Kapitel 4

Es herrschte nächtliche Ruhe auf dem Flur der Intensivstation, als Marco erwachte. Er lag auf dem Rücken und starrte auf seiner Flucht vor seinem verletzten Körper an die Decke, folgte den Konturen der Schatten, die sich dort in dem Schein einer kleinen Nachtlampe abzeichneten, und suchte nach immer neuen Figuren darin. Gedanken drängten an sein Bewusstsein, wollten gehört werden, doch er beachtete sie nicht. Es kostete ihn Konzentration, den Damm gegen sie aufrecht zu halten, und Kraft, denn die Wucht ihrer Wellen nagte unermüdlich an der Basis und drohte sie zu untergraben.

Marcos Rücken war es schließlich, der sein Bollwerk zum Einsturz brachte. Er schmerzte. Dort, wo sein Gefühl ins Leere lief, hämmerte es. Es pochte, zog und brannte, sodass Marcos Nerven bald dem Zerreißen nah waren. Er hätte sich gerne gedreht, ja er hätte es gerne versucht, aber er wusste nicht wie. Die Muskeln, die er dazu brauchte, existierten für seinen Willen nicht mehr. So sehr er es immer und immer wieder probierte, so versagte er doch immer und immer wieder dabei. Als er zuletzt mit einer Hand das Bettgitter packte und sich daran auf die Seite ziehen wollte, ließ der Schmerz ihn schnell wieder loslassen. Er fluchte, ungläubig, wie wenig er seinem Körper noch abverlangen konnte. Es war doch eigentlich eine lächerliche Kleinigkeit, sich im Bett zu drehen, und doch war er einfach nicht in der Lage dazu. Es war nicht zu fassen, aber er konnte sich nicht einmal selber drehen...

Notgedrungen musste Marco einsehen, dass er ohne Hilfe nicht weiterkommen würde. Frustriert hielt er nach dem Klingelknopf Ausschau. Er fand ihn schließlich an einem Kabel, das nicht weit von ihm entfernt um den Griff eines Nachtschranks gewickelt war. Doch als er seinen Arm danach ausstreckte, war dieser ein Stück zu kurz. Seine Finger verfehlten den Knopf um wenige Zentimeter.

Marco schimpfte und reckte seinen Arm so weit er konnte. Vergebens. Schließlich zog er sich unter Schmerzen an das Bettgitter heran. Allerdings gelang es ihm mehr schlecht als recht und als er seine Hand abermals nach dem Knopf ausstreckte, konnte er ihn zwar mit seinen Fingerspitzen berühren, aber es genügte nicht, um die Klingel zu bedienen.

„Verdammte Kacke!“, stieß er zornig aus und schlug mit seiner Hand auf die Bettdecke. Dabei spürte er seinen Oberschenkel unter der Handfläche, was ihn zutiefst irritierte. Er hatte sich gerade selbst geschlagen, so fest, dass es noch ein wenig in der Handfläche kribbelte, doch er hatte es nicht ansatzweise gefühlt.

Betroffen hielt Marco inne. Er vergaß die Klingel, ja sogar die Rückenschmerzen. Plötzlich war er wie erstarrt. Bloß ein Gedanke blinkte unermüdlich vor ihm auf: Er würde im Rollstuhl sitzen. Für immer!

Der Arzt hatte es ihm heute Nachmittag mitgeteilt.

Ein paar Stunden hatte Marco diese Tatsache ausblenden und mit blinder Hoffnung überdecken können, doch nun war diese Gewissheit wieder da.

„Herr Wingert“, hatte der Arzt zu ihm gesagt. „Bei dem Unfall wurde Ihr Rückenmark auf der Höhe Th10 verletzt. In der Bildgebung hat sich gezeigt, dass es komplett durchtrennt worden ist. Das bedeutet, dass Sie unterhalb des Bauchnabels weder Gefühl haben noch in der Lage sind, sich zu bewegen. Sie werden den Rest Ihres Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein.“

„Gibt es denn gar keine Möglichkeit, das zu reparieren?“, hatte Marco gefragt, weil er sich diese Endgültigkeit nicht vorstellen konnte. „Vielleicht irgendetwas, das noch in der Probephase ist? Irgendein neues Verfahren? Ich wäre auch bereit, mich als Versuchskaninchen zur Verfügung zu stellen!“ Doch der Arzt hatte den Kopf geschüttelt.

„Finden Sie sich damit ab, Herr Wingert. Das ist das einzige, was Sie tun können.“

„Gibt es wirklich nichts?“, hatte Marco trotzdem noch einmal nachgehakt, diesmal aber schon kleinlauter, und seine Stimme erstarb letztlich ganz, als darauf nur wieder ein klares „Nein“ folgte.

Das war es. Und doch weigerte Marco sich, es zu akzeptieren, denn das war alles, was ihm noch blieb. Verweigerung.

Der Arzt hatte ihm noch in groben Zügen den weiteren Verlauf seines stationären Aufenthalts sowie die Möglichkeiten und Ziele der anschließenden Reha erklärt, doch seine Worte verklangen, noch bevor sie Marcos Bewusstsein erreicht hatten. Er hatte bloß durch den Arzt hindurch geblickt, als sei er ein Trugbild. Irreal und bedrohlich, nur dazu da, einen in die Irre zu führen. Und in diesem Zustand zwischen Wirklichkeit und Albtraum hatte Marco den restlichen Tag verbracht, war irgendwann unbemerkt eingeschlafen und nun in der Nacht erst wieder aufgewacht.

Aufgewacht inmitten zahlloser Gespenster, die heulend durch seinen Kopf spukten.

„Du bist behindert“, schrien sie. „Nichts mehr wert.“ „Eine Randgestalt.“ „Der Mann im Rollstuhl, mehr nicht.“ Sie schrien es immerzu und immer lauter, bis Marco die Tränen in die Augen traten, gejagt von Wut, die das Schicksal verfluchte. Eine Wut, die schließlich schützend aufbegehrte. Sie war Marcos letzter Freund, hielt zu ihm und rief den Stimmen entgegen: „Ihr habt keine Ahnung! Er ist immer noch Marco und der besteht nicht bloß aus Beinen! Er ist viel, viel mehr!“

Schneller und schneller kreisten die Stimmen durch Marcos Kopf, der sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte, um sie endlich nicht mehr hören zu müssen. Er wäre gerne aufgestanden und einfach davon gelaufen, und damit war er wieder dort, wo er angefangen hatte. Gelähmt in seinem Bett, mit einem Damm, den er mühsam errichtet hatte und der kurz darauf wieder brach wegen Rückenschmerzen; die Heil bringende Klingel so nah und doch unerreichbar für ihn.

„Hallo!“, rief er schließlich und brachte damit die Stimmen in seinem Kopf zum Schweigen. Er wartete und als niemand kam, rief er wieder, diesmal allerdings lauter. Er hatte beschlossen, nie wieder mit dem Rufen aufzuhören, solange, bis jemand kommen und ihn aus seiner Rückenlage befreien würde.

So einsam, wie er geglaubt hatte, war Marco gar nicht. Schon nach seinem dritten Ruf eilte eine Schwester herbei, die ihn endlich in die gewünschte Seitenlage brachte. Es war eigenartig, von einer jungen, noch dazu hübschen Frau im Bett gewälzt zu werden, wie ein nutzloses Stück Fleisch, aber Marco bemühte sich, diesen Gedanken so schnell wie möglich beiseite zu schieben. Immerhin fühlte sich sein Rücken endlich wieder besser an. Nur das zählte. Freiheit für seinen Rücken...

„Danke“, sagte er und erntete dafür ein Lächeln. Ein schönes Lächeln in einem niedlichen Gesicht, in dem jedoch bloß der Ausdruck der Hilfsbereitschaft stand. „Gern geschehen“, konnte Marco daraus lesen, mehr nicht. Und das kränkte ihn auf einmal. Er war lediglich ein Stück Fleisch. Zur Hälfte zumindest. Mehr war er nicht für diese Frau.