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Unter mysteriösen Umständen wird der siebenjährige Toran in einem Park aufgefunden. Nachdem seine Identität ungeklärt bleibt, nimmt die Jugendhelferin Heike den Jungen bei sich auf und zieht ihn groß. Als Toran jedoch das Jugendalter erreicht, beginnt er sich auf seltsame Weise zu verändern. In ihm erwacht ein Wesen, das ausbrechen und sich entfalten will. Ein Drache sucht Toran nun immer häufiger in seinen Träumen heim, offenbart ihm eine fremde und doch vertraute Welt und weckt verschüttet geglaubte Erinnerungen. Erinnerungen, die Toran schließlich zurückführen in seine Heimat, einer anderen Welt, in der er zu einer besonderen Spezies gehört. Doch wo Toran glaubt, endlich zu sich selbst zu finden, muss er erkennen, dass Seinesgleichen gejagt werden und bloß die Erfüllung einer grausamen Prophezeiung dieses Schicksal von ihnen abwenden kann. Bald schon steht Toran vor einer quälenden Entscheidung. Soll er seine bestialische Bestimmung annehmen oder seinem Gewissen und der Liebe zu Iriney folgen und damit seine Brüder der ewigen Gefangenschaft überlassen?
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Seitenzahl: 642
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Daniela Hochstein
Im Schatten der Prophezeiung
Die Geschichte eines Drachen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Teil 1 – Sieben Jahre später
Kapitel 1 – Der stumme Junge
Kapitel 2 – Im Kinderheim
Kapitel 3 – Der Anruf
Kapitel 4 – sieben Jahre später
Kapitel 5 – Die Wandlung
Kapitel 6 – Der Bruch
Kapitel 7 – Die Flucht
Kapitel 8 – Die Heimat
Teil 2 – Vierzehn Jahre später
Kaptiel 1 – Der alte Mann
Kapitel 2 - Aufbruch
Kapitel 3 – Torans Geschichte
Kapitel 4 – Abschied
Teil 3 – Vierzehn Jahre zuvor
Kapitel 1 – Die Rettung
Kapitel 2 – Ambaraks Burg
Kapitel 3 – Die Drachen
Kapitel 4 – Das Leben auf der Burg
Kapitel 5 – In der Stadt
Kapitel 6 - Der dreizehnte Drache
Kapitel 7 – Die dritte Reife
Kapitel 8 – Die Feier
Kapitel 9 – Trügerische Freiheit
Kapitel 10 - Bruderschaft
Kapitel 11 - Iriney
Kapitel 12 – Das Erntefest
Kapitel 13 – Das Zerwürfnis
Kapitel 14 – Fort
Kapitel 15 – Die verkaufte Seele
Teil 4 – Zehn Jahre später
Kapitel 1 - Zmaydrak
Kapitel 2 – Torans Erinnerung
Kapitel 3 – Besinnung
Epilog
Impressum neobooks
Im Schatten der Prophezeiung
Die Geschichte eines Drachen
Selara wartete. Sie hatte sich unter dem Vorwand, Beeren suchen zu wollen, von zu Hause fortgestohlen und nun war sie hier und wartete. Ein kleines geflochtenes Körbchen, pflichtschuldig gefüllt mit wilden Erdbeeren, stand zu ihren Füßen, während sie ungeduldig auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes hin und her rutschte und Ausschau hielt. Ihre Schuld war ihr dabei wohl bewusst, doch ihre Begierde und ihre Leidenschaft hatten über sie gesiegt. Nicht, dass sie zu Hause nicht glücklich gewesen wäre. Ihr Mann war stets gut zu ihr; er war ein angesehener Bürger in ihrer kleinen Stadt, ein Drachentöter. Ihre Mutter wäre stolz auf Selara gewesen, wenn sie noch lebte. Und ihr Vater... Nun, an ihn wollte sie nicht denken. Er war ein begabter Magier gewesen und sie hätte nur zu gern von ihm gelernt. Doch als er ihr diese Gunst versagte – einer Frau stand diese Gabe einfach nicht zu, auch wenn sie genau wusste, dass sie sie in sich trug – hatte sie ihm und ihrer Heimat auf immer den Rücken gekehrt. Ob ihr Vater um sie trauerte oder nicht, war ihr gleichgültig. Inzwischen jedenfalls.
Als Unbekannte war sie damals in die Stadt gekommen und Per war es gewesen, der sie gesehen und sich in sie verliebt hatte. Durch ihn hatte sie es so angenehm leicht gehabt, hier heimisch zu werden. Nach ihren Wurzeln wurde sie nie gefragt und bald hatte auch sie gelernt, sie zu vergessen.
Ein paar Jahre waren seither vergangen. Per hatte den Lebensbund mit ihr geschlossen und es schien, als fehlte bloß noch das ersehnte Kind zu ihrem Glück. Doch so sehr Selara Per schätzte, ja auch liebte, so war sie erleichtert um jeden Mond, an dem ihre Blutung einsetzte. Zu endgültig wäre das Urteil einer Schwangerschaft gewesen, und sie wollte sich so gern wenigstens die Hoffnung bewahren, dass es noch etwas anderes in ihrem Leben geben könnte. Etwas, das sie mit Sehnsucht erfüllte; etwas, das sie nicht beim Namen zu nennen vermochte, was aber immerzu an ihrem Herzen zog. Etwas, das jetzt, vor wenigen Tagen erst, plötzlich vor ihr aufgetaucht war und diese gewöhnliche Lichtung von einem Moment auf den anderen in einen Ort der Verheißung, einen Ort des Zaubers verwandelt hatte.
Es war ein Mann gewesen, nicht viel älter als sie selbst mit ihren sechsundzwanzig Jahren. Selara hatte Brennholz gesammelt und sich gerade noch am Rande einer einsamen Lichtung nach einem trockenen Ast gebückt. Doch als sie sich wieder aufrichtete, hatte sie sich diesem Mann gegenüber gefunden, der ihr mit einem belustigten Lächeln ein Stück Holz entgegenhielt.
„Kann ich dieser hübschen jungen Dame behilflich sein?“, fragte er und Selara war unmittelbar in den Bann seiner vollen Stimme geraten. Verlegen erwiderte sie sein Lächeln, vergaß dabei jedoch völlig ihre Sprache. Fasziniert starrte sie in seine Augen, die wie zwei hellblaue Gletscher leuchteten, wobei dieser Eindruck sicherlich noch durch sein pechschwarzes Haar verstärkt wurde. Es fiel ihm in widerspenstigen Strähnen über ein Band, das er um die Stirn trug und das am Hinterkopf zusammengeknotet war. Stumm griff sie nach dem Holz und ertappte sich dabei, wie sie den Zufall herausforderte und seine Hand währenddessen scheinbar flüchtig berührte. Noch nie hatte sie so etwas getan. Aber ebenso wenig hatte sie jemals solch eine Begierde in sich gespürt, wie sie jetzt innerhalb weniger Augenblicke aus dem Nichts heraus ihren ganzen Körper in Flammen gesetzt hatte. Verwirrt zog sie ihre Hand zurück und ließ das Holz dabei fallen.
Der Mann lachte, als wisse er um seine Wirkung auf sie, und dafür schämte Selara sich.
„Vielen Dank, aber ich brauche keine Hilfe“, wies sie ihn schroff zurück und wollte sich fluchtartig davon machen.
„Es tut mir leid, wenn ich Euch zu nahe getreten bin. Das war nicht meine Absicht.“
Selara hielt inne.
„Ich hatte dort vorne gesessen und meine Gedanken schweifen lassen, als ich Euch das Holz sammeln sah...“ Der Mann führte den Satz nicht zu Ende, bedachte Selara aber stattdessen mit einem Blick, in dem sie glaubte, die gleiche Bewunderung lesen zu können, wie sie für ihn empfand. Scheu wich sie seinen Augen aus.
„Es wäre mir eine Freude, Euch zu helfen. Allein, um vielleicht ein paar Worte mit Euch wechseln zu können...?“ Erwartungsvoll schaute er Selara an. Dann streckte er plötzlich seine Hand aus und ergänzte hastig: „Oh, Verzeihung, mein Name ist Garion.“
Selara blickte auf seine Hand herab und schlug schließlich zögerlich ein.
„Ich bin Selara. Das Holz kommt in diesen Korb.“ Sie hielt Garion den Korb entgegen, worauf er grinsend das Holz wieder aufhob und hinein plumpsen ließ.
Es folgten viele Tage, an denen Selara sich heimlich auf dieser Lichtung mit Garion traf, und jedes Mal war sie aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Anfangs sprachen sie bloß miteinander. Gebannt lauschte Selara Garions Worten und nahm dabei den Klang seiner Stimme in sich auf, wie ein wohlschmeckendes, sprudelndes Getränk, das ein herrliches Kitzeln in ihrem Bauch hinterließ. Doch bald genügte ihr die Stimme nicht mehr und sie verzehrte sich danach, einmal bloß seine Haut zu berühren. Wie hätte es anders sein können: es kamen die Momente, in denen sie auf ihren Spaziergängen durch den Wald so eng nebeneinander her schritten, dass sich gelegentlich rein zufällig ihre Hände streiften, und irgendwann wurde es zu einer Absicht. Eine Absicht, die auf einem sonnigen Fleckchen Wiese mit dem ersten Kuss endete.
Das war bei ihrem letzten Treffen gewesen. Nun wartete Selara hier auf dem Baumstamm auf Garion. Sie wartete auf seine ungewöhnlich warmen Hände, die ihre Wangen, ihren Hals, ihren Busen streicheln würden. Sie wartete auf die elektrisierenden Wellen, die dabei durch ihren Leib rollen würden. Sie wartete auf das Ungewisse, das sich daraus ergeben würde. Sie wartete auf das Verbotene, das sie tun würde. Sie wartete auf den Hauch von Abenteuer, das Garion in ihr Leben gebracht hatte.
Und da endlich war er. So unglaublich schön, wie sie fand. So angenehm fremd. Schon von weitem konnte sie sein verschwörerisches Lächeln sehen und doch war es ihr diesmal, als blitze auch noch etwas anderes dabei auf. Etwas, das nicht passen wollte. Etwas..., ja Böses?
Schnell wischte Selara diesen Gedanken fort. So etwas passte nicht zu Garion. Er liebte und begehrte sie ebenso, wie sie ihn. Dessen war sie sich vollkommen sicher.
Ihre Begrüßung fiel nicht annähernd mehr so schüchtern aus, wie sie es noch zu Anfang getan hatte. Vielmehr gaben sich beide nur zu gerne ihrer Leidenschaft füreinander hin, sodass sie sich eng umschlungen und immer wieder für gierige Küsse innehaltend ein warmes Plätzchen in der Sonne suchten, wo sie sich dann auf das weiche Moos sinken ließen. Andächtig, als wolle er ein verheißungsvolles Geschenk auspacken, begann Garion, Selara über die Schultern zu streicheln und ihr dabei die Träger ihres Kleides herunter zu streifen, bis er ihren Busen in voller Blöße betrachten konnte. Derweil schob Selara ihre Hände unter sein Hemd und zog es ihm schließlich über den Kopf. Neugierig tasteten nun ihrer beider Hände über die nackte Haut des anderen, immer fordernder, bis sie sich zuletzt in einer Umarmung vereinten. Endlich konnte sie ihn an ihrer Brust, an ihrem Bauch spüren. Er war so warm. Noch nie hatte sie so warme Haut gefühlt. Selara wollte noch mehr davon. Viel mehr. Ja, sie war so durstig nach seinen Küssen, so hungrig nach seinem Körper, der sich Stück für Stück vor ihr entblößte und dabei auch sie von ihrem Kleid befreite.
Es war wie das Eintauchen in ein wunderbar heißes Bad, als Garion sich schließlich zu ihr legte und sich an sie schmiegte. Sie schloss die Augen und fühlte, wie seine Lippen sanft ihr Gesicht erkundeten, ihren Hals hinab, über ihre Brüste hinweg zu ihrem Bauch, begleitet von seinen Händen und schließlich gefolgt von seinem Oberkörper, der sich auf den Ihren schob, sodass sie zuletzt unter ihm lag. Sie öffnete ihre Augen wieder und blickte geradewegs in seine. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und dann konnte sie ihn in sich spüren. Zuerst langsam und zart, dann immer kräftiger, ohne dass sich ihre Blicke voneinander trennten. Versunken in seine eisblauen Augen, glaubte sie das Spiegelbild eines Feuers in ihnen tanzen zu sehen. Eines Feuers, das sie mit sich nahm in eine ferne Welt. Eines Feuers, das sich plötzlich wie eine emporschießende Flamme in sie ergoss und ihren Leib durchspülte wie ein roter Fluss. Betäubt nahm sie ihn in sich auf, hieß ihn willkommen und während sie ihn durch ihren Unterleib kriechen spürte, wurde sie sich gewiss, dass er dort einziehen und wachsen würde. Unwiderruflich wachsen.
Per hatte gute Laune. Selara erwartete ein Kind. Sie würden einen Sohn haben, davon war er überzeugt. Die Kräuterfrau hatte es vorausgesagt. Er war jetzt schon ein kräftiges Kind und strampelte munter in seinem kleinen zu Hause, in freudiger Erwartung, bald das Licht der Welt zu erblicken. Umso mehr hob es Pers Laune, dass er und seine Jäger nun auch endlich den Drachen getötet hatten, den er schon seit Monaten in der Nähe der Stadt gespürt hatte. Der Drache war schlau gewesen, hatte sich gut verborgen gehalten und war immer wieder erfolgreich unter ihrem Gespür hinweggetaucht, sodass sie ihn nicht zu fassen bekamen. Bei allen Männern, die Pers Weg kreuzten, hatte er hoffnungsvoll nach den Stigmata, insbesondere dem unverkennbaren Mal auf der Stirn gesucht. Vergebens. Ja, selbst seine Drachengestalt hatte er nur selten angenommen, um zu jagen, und so war es schwierig gewesen, seinen Spuren zu folgen. Glücklicherweise waren ihm daher auch nur wenige Menschen zum Opfer gefallen.
Aber dann war der Drache leichtsinnig geworden, und doch war es ein Zufall gewesen, der Per geholfen hatte, ihn zur Strecke zu bringen. Per hatte wach gelegen, nachdem Selaras unruhiger Schlaf ihn in den frühen Morgenstunden geweckt hatte. Ein Geräusch, das er nicht zuordnen konnte, und ein beunruhigendes Gefühl, das sich seiner plötzlich bemächtigte, hatten ihn veranlasst, aus dem Fenster zu schauen, und da konnte er im Dämmerlicht den Schatten eines Mannes zwischen den Häusern umher huschen sehen. Er griff nach Bogen und Köcher, vergaß auch das Horn nicht und schlich hinaus. Per war ein geübter Kämpfer und der Mann rechnete nicht damit, entdeckt zu werden. So konnte Per sich ihm unbemerkt nähern, bis er Gewissheit hatte. Das Stirnband, das der Mann trug, verbarg das Mal zwar, aber Per brauchte es nicht zu sehen, um zu wissen, dass er einen Drachen vor sich hatte. Er hatte gelernt, es zu spüren. Nach Abschluss seiner Ausbildung hatte er das Blut eines Drachen bei der Weihe getrunken und während es so manchen tapferen Kämpfer in den Wahnsinn getrieben hatte, so hatte er es unbeschadet überlebt. Das Blut hatte ihm die Gabe geschenkt, die ihn auf immer mit den Drachen verband, sobald sie ihre erste Reife erlangt hatten.
Lautlos legte Per den Pfeil auf den Schaft seines Bogens, visierte sein Ziel an und spannte die Sehne. Der Drache hielt inne, als würde er die Gefahr wittern, in der er schwebte. Diesen kurzen Moment nutzte Per, zog noch einmal an der Sehne, die nun bloß noch widerwillig knirschend nachgab, und ließ schließlich los. Surrend schoss der Pfeil durch die Luft, direkt auf den Drachen zu, der sich nun abrupt Per zuwandte. Seine Reaktion war übermenschlich schnell und es genügte, um dem todbringenden Pfeil auszuweichen. So traf er ihn nicht in den Rücken, wie Per es beabsichtigt hatte, bohrte sich dafür jedoch in seine rechte Schulter. Der Drache stöhnte auf vor Schmerz, starrte den Pfeil an, der aus seinem Körper ragte, packte ihn dann allerdings mit seinen Händen und zog ihn mit einem Ruck heraus. Blut sickerte aus der Wunde und der Drache schien zu überlegen, ob er fliehen oder Per angreifen sollte. Die Verwandlung war ihm nun nicht mehr möglich, dafür sorgte das magische Gift, mit dem die Pfeilspitze benetzt war. Bevor er jedoch zum Angriff übergehen konnte, hatte Per schon sein Horn an die Lippen gelegt und kräftig hineingestoßen. Dumpf schob sich der dunkle, lange Ton durch die Stille und im Nu waren die Bewohner der Stadt erwacht. Pers Jäger wussten, was sie zu tun hatten und noch während der Drache sich für die Flucht entschied, sprangen sie aus ihren Betten, griffen zu den Waffen und eilten hinaus, um gemeinsam mit Per die Verfolgung aufzunehmen.
Der Drache war zwar schnell, doch seine vergiftete Wunde und der Blutverlust schwächten ihn, sodass Per und die Jäger ihn nach einer anfangs wilden Jagd bald eingeholt hatten. Schließlich schien der Drache einzusehen, dass es für ihn kein Entkommen mehr gab. Er blieb stehen, drehte sich zu ihnen um und ... lächelte. Ja, er lächelte Per an. Er lächelte und breitete seine Arme aus, als Per und seine Jäger die Pfeile auflegten, um ihn zu erschießen. Jeder ihrer Pfeile traf ihr Ziel. Tot sackte der Drache zusammen.
Triumphierend brachten Per und seine Männer den Leichnam des Drachens zurück in die Stadt, um ihn den Bürgern zu präsentieren. Besonders freute sich Per auf das staunende Gesicht seiner Frau. Als sie aus dem Haus trat und sich neugierig dem Toten näherte, war Per aufgeregt wie ein kleiner Junge. Aber es kam alles ganz anders.
Als Per stolz das Tuch zurückschlug, mit dem der Drache bedeckt gewesen war, entfuhr Selara ein entsetzter Aufschrei. Bleich wie der Tote selbst, starrte sie ihn an, die Hand vor den Mund gepresst. Dann floh sie zurück ins Haus. Verständnislos lief Per ihr hinterher, bloß um sie in Tränen aufgelöst auf ihrem Bett vorzufinden. Er versuchte, sie zu trösten, aber allem Anschein nach stellte er sich dabei sehr ungeschickt an, denn sie geriet außer sich, bis er schließlich wie ein geprügelter Hund die Schlafkammer verließ.
Per schob diesen Gefühlsausbruch auf die Schwangerschaft, in der Frauen ja zu so manchen Launen neigten, und so wartete er ab, in der Hoffnung, sie würde sich bald wieder beruhigen. Das tat sie, doch seit jenem Tag hatte sie sich verändert. Sie schien sich mehr um das Kind in ihrem Leib zu sorgen als je zuvor und manchmal sprach sie zu Per, als könne er ihm ein schlechter Vater sein. Immer wieder nahm sie ihm das Versprechen ab, stets gut für das Kind zu sorgen und es zu beschützen, komme was wolle. Komme was wolle!
Bei der Geburt ihres Sohnes starb Selara.
Heike war gerade aufgestanden. Ihr erster Weg hatte sie in die Küche geführt, wo sie sich nun mit einer dampfenden Tasse Kaffee die Hände wärmte. Da klingelte das Telefon. Ein erschrockener Blick zur Küchenuhr verriet ihr, dass sie keinesfalls zu spät dran war, wie sie für einen kurzen Moment gefürchtet hatte. Nein, sie war „just in time“, wie man so schön sagt.
Neugierig, wer sie am frühen Morgen, noch vor Arbeitsbeginn, sprechen wollte, stellte sie die Tasse zur Seite, ging zum Telefon und nahm den Hörer ab.
„Hallo?“
„Heike? Hallo, hier ist Stefanie. Könntest du heute etwas eher kommen? Ich muss zum Krankenhaus, ein Kind übernehmen.“
Heike war verwundert.
„Ein Kind übernehmen? Hat das nicht noch eine Stunde Zeit? Warum ist es denn so dringend?“
Heike hörte am anderen Ende der Leitung ein Seufzen.
„Ach Heike, Genaues kann ich dir auch nicht sagen. Der Fall scheint völlig unklar zu sein. Sogar die Polizei ist involviert. Der Junge wurde verwundet im Park gefunden. Es soll ein Pfeil gewesen sein, der noch in seiner Schulter steckte...“
„Ein Pfeil? ...“ Heike war sich nicht sicher, ihre Kollegin richtig verstanden zu haben. „Das ist doch völlig absurd. Wer schießt denn in einem Park Kinder mit Pfeilen ab?“
„Ach Mann, jetzt frag doch nicht so viel. Mach dich einfach auf den Weg, damit du mich hier bald ablösen kannst. Es ist noch keiner hier, der die Sprechstunde für das Jugendamt übernehmen kann und die ersten Leute warten schon!“
Heike überlegte.
„Hey Stefanie, lass mich doch ins Krankenhaus gehen. Es ist nicht weit von hier und so können wir uns das ganze Hin und Her sparen.“
Stefanie schwieg. Doch kurz bevor Heike fragen konnte, ob sie noch dran sei, antwortete sie.
„Also gut, du hast recht. Melde dich dort einfach unten bei der Information. Sie warten schon auf das Jugendamt und sagen dir, wo du hin musst. Solltest du irgendwelche Unterlagen brauchen, rufe an. Ich faxe sie dir rüber.“
„Gut. Dann mache ich mich jetzt auf den Weg. Bis später.“
Damit hängte sie ein und eilte ins Bad, um sich zurecht zu machen.
Eine knappe Stunde später wartete Heike auf einer Krankenstation der Kinderklinik vor Zimmer dreizehn. Sie war vorausgeschickt worden, während die Stationsschwester versuchte, den Polizeibeamten per Ausruf aus seiner Kaffeepause zurück zu holen. Es dauerte nicht lange, da kam ein untersetzter, in Zivil gekleideter Herr, von schätzungsweise fünfundvierzig Jahren, auf sie zu. Mit einem Lächeln streckte er ihr seine Hand entgegen.
„Schulze, mein Name. Und sie kommen vom Jugendamt?“
Heike nickte, während sie seinen Handschlag erwiderte.
„Heike Willing. Ich wurde geschickt, um ein Kind zu übernehmen, das im Park gefunden worden ist...“
„Hm, ja, so ist es.“
„Darf ich etwas über die genaueren Umstände erfahren?“
Der Polizist nickte eifrig und deutete mit einer einladenden Geste auf einen freien Tisch im Aufenthaltsbereich.
„Bevor wir zu ihm hineingehen, sollten Sie in der Tat ein paar Informationen über ihn erhalten.“
Heike folgte der Aufforderung des Beamten, nahm an dem Tisch Platz und sah den Polizisten neugierig an.
„Also...“ Der Polizist räusperte sich kurz. „Der Fall ist äußerst schwierig. Man weiß im Grunde gar nichts.“
Heike musste grinsen. Das waren ja wirklich hilfreiche Informationen... Als der Beamte ihr Grinsen bemerkte, fuhr er hastig fort.
„Der Junge wurde gestern in den frühen Morgenstunden von einem Hundebesitzer im Park gefunden. Er lag bewusstlos am Boden und ein Pfeil steckte in seiner Schulter. Inzwischen hat man sich um seine Verletzung gekümmert und er ist wieder wach. Doch er spricht nicht. Ebenso gibt es keine Vermissten-Meldung, die uns Aufschluss über seine Identität geben könnte. Solange diese aber nicht geklärt ist, müssen wir ihn irgendwo unterbringen. Die Ärzte würden ihn heute gerne wieder entlassen... Jetzt - um genau zu sein. Sie brauchen das Zimmer für einen Patienten, der isoliert werden muss.“
Was für eine seltsame Geschichte, dachte Heike, während sich ein Kloß in ihrer Kehle formte, der ihr das Schlucken schwer machte. Woher kam dieses Kind und was hatte es zuvor erlebt, dass es nun, durch einen Pfeil verwundet und der Sprache beraubt, hier auftauchte, ohne jemandem zu fehlen?
„Wie alt ist der Junge?“, fragte sie.
„Wir schätzen ihn auf sechs oder sieben Jahre.“
„Mhm... Gut, dann will ich ihn mir mal ansehen.“ Bei diesen Worten erhob sich Heike und ging, gefolgt von dem Polizisten, auf das Zimmer zu, in dem sich der Junge befand.
Das Kind saß auf dem Fensterbrett und schaute gedankenverloren über die Stadt, die es von hier oben, aus dem fünften Stock, gut überblicken konnte. Sein linker Arm hing in einer Schlinge und die linke Schulter war verbunden. Dennoch konnte man einen roten Fleck durchschimmern sehen, dort, wo sich die Wunde befinden musste, die der Pfeil dem Jungen zugefügt hatte.
Es war ein dünnes, zähes Kind mit schwarzem, lockigem Haar, und als Heike mit dem Polizisten das Zimmer betrat, schaute es sich erschrocken zu ihnen um. Es erforderte nicht erst den geschulten Blick einer Pädagogin, deren tägliche Aufgabe es war, sich um traumatisierte Kinder zu kümmern, um zu erkennen, dass der Junge etwas Schreckliches erlebt haben musste. Aus aufgerissenen, auffallend blauen Augen starrte er die zwei Menschen an, die sich ihm näherten. Heike sah, wie er am ganzen Körper zu zittern begann und unweigerlich erfüllte dieser Anblick ihr Herz mit einem bitteren Ziehen.
Mit einer knappen Geste signalisierte sie dem Polizisten, stehen zu bleiben, während sie selbst vorsichtig weiter auf den Jungen zuging. Sie versuchte, ihn dabei mit einem Lächeln zu beruhigen, doch mit jedem Schritt, dem sie ihm näher kam, verkrampfte sich sein Körper mehr. Hätte er etwas gehabt, das er festhalten und an sich hätte drücken können, wäre es vielleicht leichter für ihn gewesen, die Furcht zu ertragen, die augenscheinlich jede Faser seines Wesens durchdrang. Heike war sich bewusst darüber, dass dieses Kind kein leichter Fall werden würde. Umso wichtiger war es daher nun, behutsam mit ihm umzugehen und wenigstens ein Fünkchen Vertrauen zu gewinnen.
Der Junge beobachtete die fremde Frau ganz genau. Jede ihrer Bewegungen taxierte er, stetig auf der Hut, sie könne ihm etwas antun, ihn womöglich töten wollen, genau wie der Mann, der plötzlich in sein Leben eingedrungen war und alles zerstörte, was er „zu Hause“ genannt hatte. Es war so schnell gegangen, viel zu schnell. Der Junge hatte gar nicht fassen können, was mit ihm geschah, ja die Bilder begannen bereits in seiner Erinnerung zu verschwimmen, verwandelten sich in einen Strudel aus schwarzem Wasser, in dem sie ertranken. Das letzte, was blieb, war das ängstliche Gesicht seines Vaters. Er hatte ihn zuletzt durch jene seltsame Tür in diese Welt gestoßen, die seine letzte Zuflucht darstellen sollte, seine einzige Chance – soviel hatte der Junge verstanden. Zu dem Zeitpunkt hatte ihn dieser Ausdruck auf den Zügen seines Vaters noch in Panik versetzt, sodass er einfach rannte, wie dieser ihm zurief, bis ein plötzlicher Schmerz in seiner linken Schulter ihm das Bewusstsein raubte. Dann kam die Trauer, als er erwachte und sich in diesem seltsamen Zimmer wiederfand, allein, ohne ihn, umgeben von Menschen in eigenartigen Kleidern und von einem beißenden Geruch, der sie immerzu begleitete, wenn sie auftauchten und sich an seiner Schulter zu schaffen machten. Und nun, nun war er auf seinen Vater bloß noch wütend. Wütend, weil er nicht mit ihm gekommen war.
Was würde ihn nun hier erwarten? War er hier wirklich in Sicherheit? Oder würde man ihn auch hier für das hassen, was er war... Ja, für das, was er war. War dies vielleicht auch der Grund gewesen, warum sein Vater ihn nicht begleitet hatte?
Um dem Jungen genügend Raum zu geben und ihm die Angst vor einer vermeintlichen Bedrohung zu nehmen, stellte Heike sich mit ein wenig Abstand zu ihm ans Fenster und schaute hinaus.
„Ein wunderschöner Ausblick! Die ganze Stadt liegt einem zu Füßen und alle Menschen da unten sind klein wie Ameisen...“, sagte sie, ohne wirklich eine Antwort von dem Kind zu erwarten. Der Junge folgte ihrem Blick, nachdem er sie noch eine Weile kritisch angeschaut hatte, und schwieg. Aber aus dem Augenwinkel konnte Heike erkennen, wie seine verkrampften Glieder ihre Spannung langsam aufgaben. Der erste Schritt war geschafft. Doch das Schwierigste stand ihr noch bevor. Sie musste den Jungen mitnehmen und ins Kinderheim bringen. Ohne zu wissen, welches Trauma er erlebt hatte, war dies ein Weg voller Gefahren. Heike konnte nicht wissen, was den Jungen möglicherweise erneut verstören würde und wie er dann darauf reagierte.
Bewusst langsam drehte sie sich noch einmal zu dem Polizisten um, begleitet von den wachsamen Augen des Kindes.
„Ach, Herr Schulze, würden Sie mir einen Gefallen tun? Besorgen Sie mir doch bitte einen Schokoriegel und eine Apfelschorle, ja?“
Der Polizist lächelte wissend, nickte und verschwand, worauf Heike wieder aus dem Fenster schaute. Allerdings versuchte sie nun, zwischendurch den Blick des Jungen einzufangen, was ihr auch für flüchtige Momente gelang. Doch das Band war noch zu dünn, um ihn direkt anzusprechen.
Wenige Minuten später betrat der Polizist wieder den Raum. Heike war derweil schon soweit gekommen, dass der Junge sie länger betrachtete und sogar ihrem Blick standhielt, wenn sie ihn ansah. Zwar zuckte er noch zusammen, als die Tür sich plötzlich öffnete, wirkte dabei aber nicht mehr so verschreckt, wie noch vorhin. Heike lächelte erfreut.
„Ah, da sind die Sachen ja!“ Sie trat dem Polizist entgegen, nahm ihm den Schokoriegel und das Getränk aus den Händen und gab ihm zu verstehen, draußen zu warten. Dann kehrte sie zu dem Jungen zurück.
„Schau mal, was ich hier habe. Magst du das?“ Heike legte die Süßigkeiten auf das Fensterbrett, zwischen den Jungen und sich, und lächelte ihm ermunternd zu. Neugierig musterte das Kind den verpackten Riegel und den kleinen Getränkekarton, schien aber nicht recht zu wissen, was er damit anfangen sollte.
„Soll ich es dir auspacken? Mit nur einer Hand wird das für dich vielleicht etwas schwierig sein...“ Heike nahm den Riegel, packte ihn aus, legte das Papier zurück auf die Fensterbank und den Riegel darauf. Dann rupfte sie den Strohhalm von dem Tetrapack, befreite ihn aus der Folie und stach ihn in das dafür vorgesehene Loch, um es dann dem Jungen anzureichen. Dieser blickte etwas konsterniert, nahm das Trinkpäckchen zaghaft entgegen und drehte es hin und her, während er es von allen Seiten betrachtete. Dabei drückte er es einen Deut zu fest zusammen, sodass plötzlich die Apfelschorle aus dem Strohhalm hervorschoss und sich über seine Beine ergoss. Erschrocken ließ der Junge das Getränk fallen und sprang von der Fensterbank auf. Beinahe musste Heike lachen, doch sie verkniff es sich. Stattdessen bückte sie sich und hob das Trinkpäckchen auf.
„Du musst es vorsichtig anfassen. Sieh her.“ Heike nahm den Strohhalm zwischen die Lippen und sog einmal daran. Dann hielt sie es wieder dem Jungen entgegen.
Langsam begann der Junge zu verstehen. Noch nie zuvor hatte er etwas ähnliches wie dieses bunte Kistchen gesehen und mit der honigfarbenen Flüssigkeit, die vorhin so plötzlich herausgelaufen war, kam es ihm nicht geheuer vor. Aber die Frau erschien ihm freundlich und so nahm er das Kistchen nach kurzem Zögern abermals an und tat es ihr nach, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen.
Er wusste nun zwar, dass etwas Flüssiges darin enthalten war, fürchtete sich aber dennoch ein wenig davor, es gleich in seinem Mund zu spüren. Scheu tat er den ersten Zug und als sich der Saft schließlich prickelnd auf seiner Zunge verteilte, war er angenehm überrascht. Es kitzelte im Mund und schmeckte süß und ein wenig sauer zugleich. Neugierig schluckte er es hinunter und musste grinsen, als es sogar noch in seinem Hals kitzelte. Das war lecker!
Fasziniert setzte der Junge den Strohhalm ab, hielt das Kistchen vor sich in die Höhe und nahm es noch einmal in Augenschein. Das musste er sich merken... Dann trank er es in gierigen Zügen aus und als er geräuschvoll die letzten Tropfen heraussog, war er beinahe enttäuscht, dass es nun leer war. Schließlich stellte er es wieder auf der Fensterbank ab und betrachtete die Frau, die ihn währenddessen lächelnd beobachtet hatte. In diesem Moment beschloss der Junge, diese Frau zu mögen. Sie war gut zu ihm. Vielleicht würde sie ihn hier beschützen, wo sein Vater ihn im Stich gelassen hatte...
Neugierig glitt nun sein Blick auf das braune Klötzchen, das die Frau zuvor aus dem ebenfalls bunten Papier ausgepackt und darauf gelegt hatte. Ob das genauso gut schmeckte?
„Das war lecker, nicht? Hier, von dem Riegel kannst du einfach abbeißen.“ Heike, die dem Blick des Jungen gefolgt war, nahm den Riegel und tat so, als wolle sie ihn in den Mund stecken, während sie eine zubeißende Bewegung machte. Dann reichte sie ihn an den Jungen weiter.
Er nahm ihn an und biss hinein. Ein breites Lächeln verwandelte sein Gesicht in das eines seligen Kindes und Heike war erleichtert. Was auch immer diesem Jungen zugestoßen war, er besaß einen inneren Anker. Irgendwann in seinem Leben war er glücklich gewesen. Und irgendetwas hatte ihn dann daraus fortgerissen.
„Mein Name ist Heike“, sagte sie. „Und wie heißt du?“
Der Junge hielt beim Kauen inne und blickte die Frau unsicher an. Sie hatte etwas zu ihm gesagt, wie schon zuvor, aber nun verriet ihr Gesichtsausdruck, dass sie eine Antwort von ihm erwartete. Bloß, was sollte er ihr sagen? Ihre Stimme war freundlich und sanft, aber die Worte waren ohne Bedeutung für ihn. Sie waren ihm so fremd, wie alles, was ihn hier umgab.
„HEI-KE“, sagte sie nun betont langsam und zeigte mit dem Zeigefinger auf sich selbst. Dann zeigte sie auf ihn.
„Und du?“
Das Gesicht des Jungen erhellte sich, als begriffe er plötzlich, und er sprach ihr langsam nach, wobei er auf sie deutete: „HAI-KE.“ Er bemühte sich zwar, den Wortlaut genau so wiederzugeben, wie Heike es ausgesprochen hatte. Dennoch konnte sie einen fremdartigen Akzent heraushören. Aufmunternd nickte sie ihm zu, gespannt, wie wohl sein Name lautete.
„TO-RAN“, sprach er endlich und tippte mit dem Finger auf seine Brust. Heike schmunzelte und ließ es sich nicht nehmen, dem Kind durch die Haare zu wuscheln, wobei ihr eine kreisrunde Narbe mitten auf seiner Stirn auffiel. Er ließ es geschehen, ohne zu zucken, und sie war zuversichtlich, sein Zutrauen gewonnen zu haben.
Es war ein seltsames Gefühl, den Jungen mitzunehmen, ohne Tasche oder sonstige Habseligkeiten. Es gab nichts, außer der Hose und Schuhe, die er am Leib trug, sowie das dünne Hemd, das Heike ihm über die Schultern hängte; und selbst diese Sachen waren ihm aus den Altkleiderkammern der Diakonie notdürftig zusammengesucht worden. Seine eigene Kleidung war zerrissen und dreckig gewesen. Es hieß, sie habe ausgesehen, als stamme sie von irgendeinem mittelalterlichen Markt.
Aber Heike schien es, als sei nicht nur die Kleidung aus einer anderen Welt gekommen. Das ganze Kind kam ihr seltsam fremdartig vor. Sie hatte den Eindruck, er habe all das, was ihn hier umgab, noch nie zuvor gesehen. Auf dem Weg zu ihrem Wagen schaute er sich mit offen stehendem Mund in alle Richtungen um, ängstlich und neugierig zugleich, und hielt dabei Heikes Hand ganz fest in der Seinen.
Auf dem Parkplatz angekommen, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte auf ein Auto, das an ihnen vorüberfuhr.
„Das ist ein Auto. AU-TO...“, erklärte Heike, obgleich sie nicht erwartete, dass der Kleine sie verstand. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, bevor er ihn wieder gebannt auf das Auto richtete.
„AU-TO“, sprach er langsam nach und sah dem Fahrzeug hinterher. Erst als es um die Ecke bog und verschwand, ließ er sich von Heike weiterführen. Dabei begutachtete er prüfend die parkenden Wagen und sagte immer wieder vor sich hin: „AU-TO.“
Schließlich waren sie bei Heikes Wagen angekommen. Sie öffnete die Beifahrertür und lud Toran ein, sich auf den Kindersitz zu setzen, den sie zuvor noch aus dem Kofferraum geholt hatte. Es dauerte eine Weile, bis der Junge seine Skepsis überwand und ihrer Einladung folgte. Gespannt beobachtete er, wie Heike den Gurt herauszog und um ihn legte. Dann allerdings schien ihn die Furcht zu packen. Hastig riss er an dem Gurt und wollte ihn beiseite schieben. Er machte Anstalten, sich aus dem Sitz zu winden, um zu fliehen, doch der Schmerz in seiner Schulter ließ ihn jäh zusammenzucken.
Heike lockerte den Gurt sofort.
„Schsch“, versuchte sie, ihn zu besänftigen. „Ich tue dir nichts, Toran. Hab keine Angst... Das ist bloß ein Anschnallgurt.“ Mit ruhiger Stimme redete sie auf ihn ein. Mit Erfolg, denn Toran entspannte sich wieder.
„Sieh mal“, sprach sie weiter und zeigte auf den Gurt neben dem Fahrersitz, „ich brauche den auch gleich.“
Toran folgte ihrem Fingerzeig und schien langsam zu verstehen. Als Heike daraufhin erneut versuchte, den Gurt anzulegen, wehrte er sich nicht mehr, sodass sie wenig später endlich losfahren konnten.
Die Fahrt wurde noch von so manchen Schreckmomenten für den Jungen begleitet, sei es ein Müllauto, das an ihnen vorüberfuhr oder eine Eisenbahn, die ratternd ihren Weg kreuzte, während sie vor der Schranke warteten. Heike zweifelte inzwischen nicht mehr daran, dass Toran bis zu dem heutigen Tag von der Gesellschaft isoliert gewesen sein musste. Hatte er bisher vielleicht in irgendeiner Hippiekommune gelebt, die sich von der modernen Welt abgeschottet hatte? Es war alles so abwegig. Nicht zuletzt der Pfeil in seiner Schulter gab ihr das größte Rätsel auf. Vielleicht könnte der Junge ja eines Tages selbst erzählen, woher er kam. Doch dazu mussten sie erst einmal jemanden finden, der seine Sprache beherrschte, um zu übersetzen.
Endlich im Kinderheim angekommen, führte Heike den Jungen zu einem kleinen ebengeschossigen Bau, wo sie ihn in der ihm zugedachten Wohngruppe abgeben sollte. Der Junge hatte sich fest an Heikes Hand geklammert, als sei es sein einziger, letzter Halt. Wer konnte es ihm verdenken? Heike versuchte sich vorzustellen, wie ihr zumute gewesen wäre, als siebenjähriges Kind, aus der vertrauten Umgebung in eine fremde Welt gestoßen, der Sprache nicht mächtig, allein, unwissend, was mit ihr weiter geschehen würde. Eigentlich war der Junge sehr tapfer, wie er so neben ihr ging, die Angst spürbar im Nacken, den Willen zu überleben fest in seinem Herzen. Heike konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen des Mitgefühls in die Augen stiegen. Unwillkürlich erwiderte sie Torans Händedruck, um ihm dadurch ein wenig Zuversicht zu schenken. Und doch würde gleich der Moment kommen, in dem sie den Jungen verlassen musste. Noch nie zuvor hatte dieser Gedanke ihr derartig die Kehle zugeschnürt, wie diesmal. Sie konnte ihm diesen Abschied nicht einmal erklären...
Vor der Tür angelangt, drückte Heike auf die Klingel. Bald darauf wurde ihnen von einer Erzieherin geöffnet, die sie durch einen kurzen Flur in den großen Gemeinschaftsraum führte. Ein Tisch, der locker für zehn Leute Platz bot, stand in einer Ecke und die gegenüberliegende Wand zierte ein breites Regal, voll mit Büchern und Spielen. In einer anderen Ecke stand ein abgewetztes Sofa vor einem großen Fernseher.
Obgleich sicherlich acht Kinder hier lebten, so war der Aufenthaltsraum gerade wie ausgestorben. Bloß zwei Jungs lungerten auf dem Sofa herum, vertieft in ein Spiel, das sie zwischen sich aufgebaut hatten. Als Heike mit Toran den Raum betrat, schauten sie neugierig auf und musterten den Neuankömmling von Kopf bis Fuß. Heike spürte, wie sich Torans Rücken darunter versteifte. Er hielt ihre Hand mittlerweile so fest, dass sie sich nur mit sanfter Gewalt aus seinem Griff zu lösen vermochte, begleitet von einem fragenden Blick aus Torans nun wieder ängstlichen Augen. Milde lächelte sie ihm zu und wandte sich dann an die Erzieherin, um ihr die Umstände zu schildern, angefangen bei der Ungewissheit über Torans Herkunft, sowie die Tatsache, dass er die hiesige Sprache nicht verstand.
„Nehmen Sie doch eben Platz, Frau Willing“, bat die Erzieherin Heike, worauf sie sich beide an den Tisch setzten. Die Erzieherin kramte zuvor noch eine leere Akte aus der Schublade einer Kommode hervor und begann nun, die Vordrucke mit den Informationen zu füllen, die Heike ihr gab. Derweil stand Toran etwas verloren da und betrachtete die zwei Jungs, die sich mittlerweile wieder ihrem Spiel widmeten. Schließlich kam er ebenfalls zu dem Tisch, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich dicht neben Heike, wo er wachsam beobachtete, wie der Stift der Erzieherin emsig über das Papier kritzelte.
Je beschriebener die Formulare wurden, desto verzweifelter schlug Heike das Herz in ihrer Brust. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Toran Lebewohl sagen und ihn erneut seiner Haltlosigkeit überlassen musste. Wie sollte sie ertragen, ihm gleich in seine Augen zu sehen, die voll sein würden von Unverständnis und Enttäuschung? Da saß er neben ihr, Schutz suchend, nein, Schutz findend, nichts ahnend, dass ihm dieser sogleich wieder entrissen werden würde. Mit einer schnellen Bewegung wischte Heike sich eine Träne fort, die sich heimlich aus ihrem rechten Augenwinkel gestohlen hatte.
„Gut, danke, dann hätte ich vorerst alles“, sagte die Erzieherin schließlich, legte den Stift beiseite, schaute zufrieden von ihren Unterlagen auf und schenkte Toran dabei ein freundliches Lächeln. Dieser rückte daraufhin noch ein Stück näher an Heike heran, in deren Magengegend derweil ein dicker, schwerer Stein heranwuchs.
Toran ahnte, dass etwas vor sich ging, das ihm nicht gefallen würde. Die Art, wie Heike ihn zwischendurch ansah, wie sie ihre Hände zu Fäusten ballte, wie ihre Schultern sich versteiften, verhieß nichts Gutes. Und die Art, wie diese andere Frau ihn musterte, mit ihren Augen abtastete, versteckt hinter ihrem aufgesetzten Lächeln, erfüllte ihn mit Widerwillen. Ebenso wie die verstohlenen Blicke der Jungs, die so taten, als würden sie sich auf ihr Spiel konzentrieren, ihn derweil aber einzuordnen versuchten. Feind oder Freund?
Toran hatte das Gefühl, der Boden unter seinen Füßen verwandelte sich in dünnes, sehr dünnes Eis. Er konnte ihn schon bedrohlich knacken hören und machte sich innerlich bereit, dem kalten Wasser darunter zu trotzen. Er wollte bei Heike bleiben. Sie war gut zu ihm. Bei ihr war er sicher, das wusste er. Was aber besprach sie mit dieser Frau? Warum schauten sie ihn immer wieder so an? Was hatte das zu bedeuten?
Schließlich war der Zeitpunkt gekommen. Die Erzieherin erhob sich und Heike folgte ihrem Beispiel. Toran sprang daraufhin ebenfalls von seinem Stuhl herunter und griff wieder nach Heikes Hand. Heike blieb nichts anderes übrig, als sich zu ihm herunterzubeugen und ihn anzulächeln. Sie wusste, dass er sie nicht verstehen würde, aber dennoch war es ihr ein Bedürfnis, ihm ihr Handeln zu erklären.
„Toran, ich muss jetzt gehen. Du wirst vorerst hier wohnen, bis deine Eltern gefunden worden sind. Es tut mir so leid, mein Junge...“ Aufmerksam schaute Toran Heike in die Augen, machte aber keine Anstalten, ihre Hand loszulassen. Daher entwand Heike sie ihm sanft, worauf er zunächst irritiert, dann aber verunsichert dreinblickte, als versuche er, ihre Geste zu begreifen. Dieser Blick war schlimmer für Heike, als ein Messer es hätte sein können, das ihr in diesem Moment in den Rücken gestoßen worden wäre. Noch einmal wuschelte sie Toran durch sein störrisches Haar, dann richtete sie sich wieder auf und ging Richtung Ausgang.
„HAIKE!“, rief Toran da entsetzt aus und rannte hinter ihr her, um sich erneut an ihre Hand zu klammern. Die Erzieherin eilte ihm nach und hielt ihn fest, während Heike sich abermals aus seiner Umklammerung befreite, obgleich sie diesmal deutlich mehr Kraft dazu aufwenden musste. Toran wehrte sich mit dem Willen eines Ertrinkenden gegen den unnachgiebigen Griff der Erzieherin, trat um sich und versuchte sich sogar mit seinem verletzten Arm gegen sie zu stemmen. Doch dann konnte Heike sehen, wie sein Gesicht sich plötzlich vor Schmerz verzog. Sofort hielt er inne, was ihr wiederum die Gelegenheit bot, fluchtartig nach draußen zu gelangen, gefolgt von seinen verzweifelten Schreien „Haike! Haike!“
Heike rannte davon, während ihr die Tränen nun ungehemmt die Wangen hinunter rannen. Sie hastete auf ihren Wagen zu, um sich eilig darin zu verschanzen und ihrem Schmerz dort endlich lauthals schluchzend freien Lauf zu lassen.
Es war dumm von Heike gewesen, so kurz vor ihrem Urlaub die Übergabe eines Kindes zu übernehmen. Keinen Tag hatte sie von ihrem zweiwöchigen Aufenthalt auf Gran Canaria genießen können. Immerzu musste sie an den kleinen Toran denken, an seine blauen, enttäuschten Augen. Ihr Mann, Frank, hatte zwar versucht, sie zu trösten - immerhin hatte er Verständnis für sie gezeigt - aber es hatte ihr nicht viel gegen die bohrenden Schuldgefühle geholfen, die sie mit sich herum schleppte. Am liebsten hätte sie im Kinderheim angerufen und sich nach Toran erkundigt, hatte es dann aber gelassen, weil sie glaubte, dass es ihm zum einen nichts nutzen und ihr zum anderen die ganze Sache nur schwerer machen würde. Es war ja doch so, wie es war. Sie war nicht seine Pflegemutter, sondern bloß eine Angestellte des Jugendamts, die ihren Job erledigt hatte.
So erfüllte es Heike mit sehr ambivalenten Gefühlen, als sie an dem Montag nach ihrem Urlaub das Büro betrat und die Nachricht vorfand, sie möge sich doch bitte möglichst bald bei der Erzieherin aus Torans Wohngruppe melden.
„Nun, Frau Willing, es ist mir selbst beinahe peinlich, Sie damit zu belästigen“, erklärte die Erzieherin am Telefon, „doch mit dem Jungen gibt es erhebliche Probleme...“
Heike stockte für einen Moment der Atem.
„Wie meinen Sie das?“
„Nun“, Heike konnte die Verlegenheit in der Stimme der Erzieherin nicht überhören. „Wir bekommen keinen Zugang zu ihm und er zeigt aggressive Tendenzen. Es geht soweit, dass wir ihn derzeit von der Gruppe isolieren müssen...“
Heike schluckte. Sie wusste, dass Toran damit bald ein weiterer Wechsel bevorstehen würde, in die Wohngruppe für schwer erziehbare Kinder...
Das war nicht richtig! Nicht für Toran, da war sich Heike sicher. Sie kannte den Jungen zwar nicht gut, aber sie glaubte, den Grund für sein Verhalten zu kennen, nein, eigentlich eher zu spüren.
„Haben sich seine Eltern denn inzwischen gemeldet?“, fragte sie hoffnungsvoll, obgleich sie die Antwort bereits ahnte.
„Nein, niemand hat nach ihm gefragt.“
„Und gibt es wenigstens jemanden, der seine Sprache übersetzen kann?“
Es folgte eine kurze Pause an dem anderen Ende der Leitung.
„Nein“, folgte schließlich die Antwort, „tut mir leid. Wir wissen nicht, welche Sprache der Junge spricht. Er hat kein Wort gesagt, seit er hier ist... Einzig Ihren Namen nennt er ab und zu...“
Wieder füllten sich Heikes Augen mit Tränen. Verdammt, warum habe ich den Jungen nur so im Stich gelassen!, dachte sie und fasste einen Entschluss.
„Hören Sie, ich komme heute noch vorbei! Bis nachher.“ Und damit hängte Heike ein. Eilig wählte sie dann eine andere Nummer.
„Frank, ich muss mit dir reden! Dringend!“
Es war keine leichte Diskussion gewesen. Natürlich hatte Frank Bedenken. Ein Pflegekind würde ihren ganzen Alltag auf den Kopf stellen. Sie müssten sich das reiflich überlegen und sich auch finanziell einschränken. Er hatte vollkommen recht damit. Doch Heike hatte es sich in den Kopf gesetzt. Sie wollte Toran bei sich aufnehmen. Es wäre ja zunächst einmal vorübergehend. Nur solange, bis Torans Eltern ausfindig gemacht worden wären. Es ging hier um die Seele eines Kindes, die bereits drohte, nachhaltigen Schaden zu nehmen. Und damit hatte Heike ihren Mann schließlich überzeugt. Zumindest vorerst.
Die nächste Hürde war ihr Vorgesetzter, der entschiedene Einwände gegen ihren abrupten Entschluss erhob. Die Anwartschaft auf Übernahme eines Pflegekindes erforderte eine Menge Formalitäten, Anträge, Prüfungen, Genehmigungen. Es war unmöglich, sofort ein Kind bei sich aufzunehmen! Hier war es schließlich Heikes Bonus als langjährige, zuverlässige Mitarbeiterin, ihre bisher gute Arbeit als Pädagogin sowie die Anerkennung unter den Mitarbeitern, was ihr ausnahmsweise die Erlaubnis verschaffte, Toran übergangsweise bei sich zu Hause zu beherbergen, weil, ja weil es ohnehin geplant war, dass er die Wohngruppe bald wechselte.
Nach diesem diskussionsreichen Tag befand sie sich nun am späten Nachmittag endlich auf dem Weg zum Kinderheim. Sie konnte es kaum erwarten, Toran in Empfang zu nehmen und zu sehen, wie es ihm ging. Aber als sie schließlich bei der Wohngruppe angelangt und von der Erzieherin hereingebeten worden war, konnte sie ihn unter den Kindern, die gerade zum Abendessen im Aufenthaltsraum versammelt waren, nicht entdecken. Die Erzieherin bemerkte Heikes suchenden Blick und bat sie nach nebenan in die Küche, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.
„Wo ist Toran?“, fragte Heike unumwunden.
„Er ist in seinem Zimmer und isst dort alleine. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass er zur Zeit große Probleme macht. Ich kann ihn momentan nicht in die Gruppe lassen“, erklärte die Erzieherin mit einem bedauernden Gesichtsausdruck. „Die einzige Hoffnung, die ich habe, sind Sie, Frau Willing. Ich hatte den Eindruck, dass er zu Ihnen ein gewisses Zutrauen entwickelt hatte. Als sie gegangen waren, hat er sich verschlossen und niemanden an sich heran gelassen. Es gab bald darauf Rangeleien unter den Kindern und zuletzt hat er einen der Jungs derartig verprügelt, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste. Das war gestern gewesen. Seitdem ist Toran isoliert. Sein Zimmer dürfte nur noch aus Kleinholz bestehen, so hat er darin getobt.“
Heike konnte kaum glauben, was sie da hörte. Sie war davon überzeugt, dass es eine Vorgeschichte gab, die Toran dazu gebracht hat, so wütend zu werden.
„Darf ich zu ihm?“, fragte sie.
Die Erzieherin nickte und begleitete Heike zu Torans Zimmer. Sie schloss die Tür auf und Heike trat ein.
„Lassen Sie mich mit ihm alleine, bitte.“
Wieder nickte die Erzieherin und ging zurück in den Aufenthaltsraum. Heike schloss die Tür.
Toran saß auf dem Boden, inmitten eines heillosen Durcheinanders aus kaputten Spielzeugen, Bilderbüchern und Stiften, die er durch das Zimmer gepfeffert hatte. Überall lagen Federn verstreut, in der Ecke das zerrissene Kopfkissen. Dazwischen fanden sich die Reste des Mittagessens, samt Porzellanscherben, Besteck und Tablett.
Den rechten Arm hatte Toran auf seine angezogenen Knie abgelegt und sein Kinn darauf abgestützt. Den linken Arm ließ er schlaff herunterhängen, auch wenn das nur wenig Linderung gegen seine neu aufgeflammten Schmerzen in der Schulter brachte.
Er hatte Heikes Eintreten wohl bemerkt, zog es aber vor, einfach weiter starr geradeaus zu blicken. Damals hatte sie sich nicht um seine Rufe gekümmert, war einfach fortgegangen und hatte ihn seinem Schicksal überlassen. Damals hätte er sich so sehr gewünscht, dass sie umgedreht wäre, ihn in ihren Arm genommen und von hier fortgebracht hätte. Jeden Tag hatte er am Fenster gehangen und voller Hoffnung hinausgeschaut. Doch sie kehrte nicht zurück, bis er am Ende aufgab, nach ihr zu sehen.
Inzwischen aber hatten die anderen Jungs ihr Urteil über ihn gefällt: fremd, verschlossen, Feind.
Damit begannen sie, ihn zu drangsalieren und zu schikanieren, immer dann, wenn die Erzieherin nicht hinsah oder hinsehen wollte. Am Ende schoben sie stets ihm die Schuld in die Schuhe und ihm fehlten die nötigen Worte, um sich zu verteidigen. Also wurde er bestraft. Und da die Strafe ihn ohnehin jedes Mal traf, hatte er zuletzt beschlossen, die anderen nicht ungeschoren davon kommen zu lassen. Bei der nächsten Gelegenheit hatte er sich einen von ihnen geschnappt und hatte zugeschlagen, getrieben von Hilflosigkeit und Zorn, ausgehöhlt von Einsamkeit und Enttäuschung. So lange, bis seinem Gegner das Blut über das Gesicht lief und er sogar das Bewusstsein verlor. Und als ihn schließlich drei Erzieher packten und in sein Zimmer sperrten, hatte er dort blind weiter gewütet, bis er dessen müde war und den bohrenden Schmerz in seinem Herzen endlich nicht mehr spürte.
Als Heike dann sein Zimmer betrat, fühlte er sich bloß noch richtungslos und leer.
Heike tat einen tiefen Atemzug und ließ ihren Blick durch das verwüstete Zimmer schweifen. Dann ging sie auf Toran zu und setzte sich neben ihn auf den Boden. Er ignorierte sie, sie schwieg. So saßen sie eine ganze Weile, bis Heike schließlich ihre Hand hob und dem Jungen sanft über den Rücken streichelte. Er versteifte sich zwar darunter, ließ es aber geschehen. Allerdings drehte er seinen Kopf zur Seite, weg von Heike. Ein grummelndes Gefühl nagte an ihrem Magen und sie legte ihren Arm behutsam um seine Schultern, wobei sie darauf achtete, ihm keine zusätzlichen Schmerzen zuzufügen.
Plötzlich konnte sie ein leichtes Zucken unter ihrem Arm spüren und sie wusste, dass Toran weinte.
„Schsch, Toran, ich bin ja jetzt da... Ich bin ja da...“, sagte sie leise und drückte ihn vorsichtig an sich. Und nun endlich ließ Toran los. Laut aufschluchzend drehte er sich Heike zu, schlang seinen gesunden Arm um ihren Hals und vergrub sein Gesicht in ihrer Schulter. Sein ganzer Köper bebte und Heike fühlte, wie seine Tränen den Stoff ihrer Bluse durchtränkten. Tröstend hielt sie ihn fest und streichelte ihm über sein Haar, solange, bis er sich langsam wieder beruhigte.
Schließlich zog sie ein frisches Taschentuch aus ihrer Hosentasche, löste sich ein wenig aus Torans Umklammerung, hob sein Kinn mit dem Finger etwas an und tupfte ihm die Wangen trocken. Dann hielt sie ihm das Tuch vor die Nase und machte eine schnufende Geste, damit er wusste, was er zu tun hatte. Geräuschvoll putzte er sich die Nase, wischte sich noch einmal die letzten Tränen aus den Augen und betrachtete Heike. Allerdings konnte sie nicht benennen, was in diesem Blick lag. War es eine Frage, Misstrauen, Furcht oder eine Anklage? Oder wartete er bloß resigniert auf das, was nun kommen würde?
Heike schaute sich um und hob ein zerrissenes Buch vom Boden auf. Mit einem tadelnden Blick hielt sie es Toran entgegen und schüttelte den Kopf. Dann legte sie es wieder beiseite, stand auf, hielt ihm ihre Hand entgegen und lächelte ihm aufmunternd zu. Mit einem verschämten Gesichtsausdruck griff Toran danach und rappelte sich auf. So verließen die beiden das Zimmer, Richtung Aufenthaltsraum.
„Er hat sich wieder beruhigt“, erklärte Heike der Erzieherin. „Es ist besprochen, dass ich ihn heute mit mir nehme“, fuhr sie fort und kramte das Genehmigungsformular aus ihrer Aktentasche, die sie vorhin in dem Gemeinschaftsraum zurückgelassen hatte. Die Erzieherin nahm es entgegen, um es sich näher anzuschauen, nickte dann beinahe erleichtert, während sie es Heike zurückgab und blickte auf Toran. Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern sah trotzig in eine andere Richtung.
„Nun, es tut mir aufrichtig leid, dass es sich so entwickelt hat. Ich wünsche Ihnen mehr Glück mit ihm. Vielleicht ist es in der Tat das Beste. Hoffen wir mal, dass seine Eltern bald ausfindig gemacht werden können...“
„Da bin ich ganz zuversichtlich... Gibt es noch etwas, das ich für ihn mitnehmen soll?“
Die Erzieherin nickte knapp.
„Er hat noch ein paar Kleidungsstücke und ein Bilderbuch...“ Die Erzieherin hielt inne und bedachte Toran mit abschätzendem Blick. „Wenn er es nicht zerrissen hat...“, beendete sie ihren Satz.
„Gut, dann packe ich noch rasch die Sachen ein und danach machen wir uns auf den Weg.“ Damit wollte Heike noch einmal zu Torans Zimmer gehen, wurde aber von einer kleinen Hand aufgehalten, die sich plötzlich an die Ihre klammerte. Verständnisvoll lächelte Heike Toran an.
„Keine Angst, ich gehe nicht ohne dich. Komm und hilf mir beim Packen!“, sagte sie und obwohl Toran den Inhalt ihrer Worte sicher nicht verstehen konnte, so wusste er wohl, wovon sie sprach. Bereitwillig begleitete er sie in sein Zimmer und half ihr, seine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche zu packen.
Dann brachen sie auf, wobei dem Jungen der Abschied von der Wohngruppe mehr als leicht zu fallen schien.
Heike steckte die Kerzen auf den Kuchen, sieben waren es. Eine jede stand für ein Jahr, das Toran nun bei ihnen lebte. So schnell war die Zeit vergangen, kam es Heike vor. So groß war der Junge von damals schon geworden... Mit seinen wohl vierzehn Jahren stand er genau zwischen dem Kind, das er war, und dem Mann, der er werden sollte.
Lächelnd erinnerte sich Heike, während sie eine Kerze nach der anderen entzündete.
Kerze eins: Aus den Wochen, die Toran bei Frank und ihr bleiben sollte, waren Monate geworden und schließlich Jahre. Längst waren sie als seine Pflegeeltern anerkannt und derzeit lief gar das Adoptionsverfahren. Die Möglichkeit, dass sich eines Tages noch vermeintliche Eltern von Toran melden würden, war verschwindend gering und so galt er als Waise.
Es hatte damals einige Zeit gebraucht, bis Toran sich bei ihnen eingelebt hatte, und nicht zuletzt auch, bis Frank und sie sich an den neuen Alltag mit Kind gewöhnt hatten. Heike hatte ihre Stunden reduziert, um mehr Zeit für Toran zu haben. Sie hatte Sprachunterricht für ihn organisiert, ihn gefördert, wo sie nur konnte, während er sich im Gegenzug als kluger und gelehriger Schüler erwies. Erstaunlich schnell hatte er die Sprache gelernt, sodass er nur ein Jahr später bereits eine gewöhnliche Schule besuchen konnte. Seine Noten waren innerhalb kürzester Zeit gut bis sehr gut, was Heike mit gewissem Stolz erfüllte.
Kerze zwei: Toran neigte zwar anfangs zu Wutausbrüchen, wenn er provoziert wurde oder sich nicht verstanden fühlte. Alles in allem erwies er sich aber als verträglicher Junge, der durchaus in der Lage war, Sympathien für sich zu gewinnen. Er fand Freunde und fügte sich in ihre Gesellschaft ein, ohne den Eindruck zu erwecken, sich jemals von ihnen unterschieden zu haben. Zu Hause zeigte er sich hilfsbereit und Heike hatte das Gefühl, dass er dankbar war, bei ihnen wohnen zu dürfen.
Kerze drei: Mit zunehmendem Alter lernte Toran zudem, auch seine gelegentlich wiederkehrende Wut unter Kontrolle zu halten, beziehungsweise sie so zu kanalisieren, dass sie ihr Ziel zwar traf, er dabei jedoch nicht unangenehm auffiel. Ja, eine gewisse Verschlagenheit konnte er dabei schon mal an den Tag legen, musste Heike zugeben.
Kerze vier: Wie die meisten Jungs, trieb er Sport, liebte Fußball und ganz besonders Karate, wo er sich als äußerst begabt erwies. Er begann langsam, sich für Mädchen zu interessieren, auch wenn er es noch zu verheimlichen versuchte. Ein besonderes, ihm ganz eigenes Faible allerdings waren Drachen. Er sammelte sie, ob als Figur, auf Bildern, in Büchern. Alles, was er an Literatur über sie in die Finger bekam, verschlang er. Filme, in denen sie auftauchten, schaute er sich immer und immer wieder an. Heike fand es zwar ein wenig absonderlich, nahm es jedoch als Torans Eigenart hin und tat ihm gern und häufig den Gefallen, seine Sammlung um ein kleines Detail zu erweitern. Frank schüttelte immer den Kopf darüber, aber er tat es mit einem Grinsen.
Kerze fünf: Eines jedoch hinterließ ein stets bohrendes Gefühl in Heikes Brust. Die Tatsache, dass sie bis zum heutigen Tag nie erfahren hatte, woher Toran eigentlich kam und wer ihm damals den Pfeil in die Schulter geschossen hatte. Sie hatte stets gehofft, die Geschichte eines Tages von Toran erzählt zu bekommen. Doch er schwieg sich darüber aus. Er tat, als hätte es ein Davor nie gegeben. Nichts schien seine Stimmung oder seine Erinnerung zu trüben. Er lernte die hiesige Sprache, ohne seine eigene je zu sprechen. Das Land, in dem er jetzt lebte, betrachtete er als seine Heimat. Eine andere existierte nicht. Einmal hatte Heike versucht, ihn über seine Vergangenheit zu befragen, doch Toran hatte sie nur verständnislos angesehen und nichts darauf geantwortet. Daher gab sie letztlich auf, wohl wissend, dass es bloß ihre eigene Neugier war, die es herauszufinden begehrte. Für Toran hingegen war es sicher besser, diesen Abschnitt seines Lebens ruhen zu lassen. Als Pädagogin war Heike sich klar darüber, dass ein vergessenes Trauma in diesem Moment, da Toran glücklich und unbeschwert erschien, das Beste für ihn war. Und sie würde tunlichst nicht daran rühren, um das Grauen neu in ihm zu erwecken.
Kerze sechs: Sieben Jahre... Heike war nun Mitte vierzig. Als sie Toran bei sich aufgenommen hatte, hätte sie selbst noch ein Kind gebären können. Ja gewiss, auch dann wäre es schon spät gewesen. Sollte sie nun bedauern, dass sie nie selbst den Schritt gewagt hatte, Mutter zu werden, ein Baby groß zu ziehen? Nein, sie hatte sich damals bewusst dagegen entschieden und sie wäre immer kinderlos geblieben, wäre Toran nicht plötzlich aufgetaucht. Zu viel Elend hatte sie gesehen, zu viele traurige Kinder aus überraschend guten Elternhäusern. Sie hatte immer Angst gehabt, selbst furchtbare Fehler zu machen und sie auf immer zu bereuen. Toran hatte ihr jedoch das Gegenteil bewiesen. Sie hatte ihre Arbeit gut gemacht, glaubte sie. Und sie liebte den Jungen, selbst wenn er sieben Jahre zu spät zu ihr gekommen war. Immer wieder phantasierte sie, was für ein Baby er wohl gewesen war, wie er laufen gelernt und zu sprechen begonnen hatte. Dieser Abschnitt seines Lebens blieb ihr jedoch versperrt. Leider.
Heike seufzte und hielt das Streichholz nun an die letzte Kerze.
Kerze sieben: Sie stellte sich Torans Gesicht vor, wenn er gleich aufstehen und in die Küche kommen würde. Heike hatte ein Geschenk auf seinen Teller gelegt. Ein kunstvoll gearbeiteter Drache mit aufgespannten Flügeln aus Sterling-Silber an einem Lederband, das er um den Hals tragen konnte. Für einen Jungen durchaus angemessen, nicht zu verschnörkelt, nicht zu niedlich. Bestimmt würde er sich darüber freuen.
Heike lächelte zufrieden, während sie das Streichholz ausschüttelte und in den Mülleimer warf.
„Frank!“, rief sie ihren Mann herbei und machte sich selbst auf den Weg, um Toran zu wecken.
Die Tür quietschte in den Angeln, als sie sich öffnete. Erschrocken drehte Toran sich um und wurde von einer gleißenden Flut aus Licht geblendet. Jemand rief seinen Namen und es kostete ihn schmerzhafte Überwindung, sich von dem Drachen loszureißen, der gerade vor ihm stand. Er war so unglaublich schön, strahlte vor Kraft. Seine Flügel konnten ihn tragen, wohin er wollte, weit weit fort in eine grenzenlose Welt aus Freiheit. Toran hatte diese Kraft sogar in sich selbst fühlen können. Sie wollte hinaus, ihn mit sich nehmen, um sich endlich zu entfalten. Doch das Licht vertrieb den Drachen. Bloß seine Hitze blieb, durchflutete Torans Körper.
„Hey, Toran, willst du nicht aufstehen? In der Küche wartet eine Überraschung auf dich!“, flötete Heikes Stimme und Torans Traum zerstob wie ein flüchtiger Nebel. Was blieb, war das Licht, das durch das Fenster hereinschien, nachdem Heike das Rollo hochgezogen hatte. Gnadenlos ergoss es sich nun über sein Gesicht, sodass er sich reflexartig die schützende Decke über den Kopf zog.
„Na komm, steh auf. Was hast du denn heute Nacht getrieben, dass du nun nicht aus den Federn kommst?“ Heike zupfte an der Decke, die Toran jedoch hartnäckig festhielt. Er wollte noch nicht aufstehen. Er fühlte sich, als wäre es mitten in der Nacht. Sein Körper war schwer wie Blei und jeder Knochen tat ihm weh. Das Glühen in seinen Wangen grub sich in seinen Schädel, sodass Toran glaubte, er würde gleich in Flammen aufgehen. Selbst der Atem brannte in seinem Rachen und seiner Nase.
„Ich will noch schlafen“, grummelte er, fand damit bei Heike jedoch kein Erbarmen. Diesmal zog sie etwas fester an der Decke, sodass sie Torans Griff entglitt und das Sonnenlicht ihm sogar durch die geschlossenen Lider in die Augen stach wie ein Dolch. Schützend hob er einen Arm und verdeckte damit sein Gesicht, während er blinzelnd versuchte, die Augen zu öffnen.
„Na, dann steh mal auf und zieh dich an, du Nachtmahr. Wir warten unten auf dich!“, lachte Heike, die seine Reaktion gründlich verkannte, stand auf und legte die Decke über den Schreibtischstuhl, außerhalb von Torans Reichweite. Dann verließ sie das Zimmer.
Notgedrungen quälte Toran sich aus dem Bett und flüchtete frierend ins Bad, wo er sich schwerfällig anzog. Mit einer Handvoll Wasser spülte er sich den Schlaf aus dem Gesicht, auch wenn er danach noch immer nicht sehr munter wirkte. Dann stieg er die schmale Wendeltreppe hinab und ging Richtung Küche.
Frank und Heike saßen am Küchentisch und betrachteten die Kerzen, die gemächlich vor sich hin flackerten, während Toran auf sich warten ließ. Stutzig, weil es sonst eigentlich nicht seine Art war, warf Heike ihrem Mann einen fragenden Blick zu. Dieser zuckte bloß mit den Schultern, erhob sich und wollte gerade nach Toran schauen gehen, da erschien dieser in der Küchentür. Doch sein Anblick erfüllte Heike augenblicklich mit Sorge.
„Toran, was ist los mit dir? Du siehst ja ganz schlecht aus!“, stellte sie fest, stand auf und ging zu ihm, um ihm ihre Hand prüfend auf die Stirn zu legen. Toran schaute sie bloß aus trüben Augen an. Seine Wangen glühten.
„Meine Güte, du hast Fieber!“, bemerkte sie, worauf Toran hastig versuchte, unter ihrer Hand hinwegzutauchen.
„Oh, ist das für mich?“, lenkte er von sich ab und ging zu seinem Platz, um neugierig, wenn auch müde, sein Geschenk in Augenschein zu nehmen. Heike lächelte verhalten, während sie Frank einen ernsten Blick zuwarf.
„Natürlich, für wen denn sonst? Du darfst es auspacken und mir sagen, ob es dir gefällt.“
Das ließ sich Toran nicht zweimal sagen. Sofort griff er zu und befreite das kleine Kästchen von dem Geschenkpapier. Als er es aufklappte und den Drachen-Anhänger darin fand, strahlte er. Vorsichtig nahm er ihn mit den Fingerspitzen heraus, hielt ihn sich vor das Gesicht und betrachtete ihn von allen Seiten.
„Danke! Er ist toll!“, sagte er, immer noch in seinen Anblick vertieft.
„Da ist noch ein Lederband, damit du ihn um den Hals tragen kannst“, fügte Heike hinzu und Toran richtete seinen Blick noch einmal auf das Kästchen. Dann nahm er auch das Lederband heraus, fädelte den Anhänger auf und hielt die Kette in die Höhe, bevor er sich schließlich daran machte, sie umzulegen und den Verschluss im Nacken zu schließen.
