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Ganz Waldbach ist begeistert: Die Gemeindeversammlung hat den Bau des Öko-Luxusresorts am Greifensee mit dem klingenden Namen VillageGreen beschlossen. Selbst der alte Johan Havemann, dem die Pension Seeblick gehört, stimmte dem Verkauf seines Landes zu. Doch am Morgen nach der alles entscheidenden Sitzung liegt er erschlagen auf einer Aussichtsplattform. Der Verdacht fällt auf den Ranger des Naturschutzgebiets. Er wirft den Projektverantwortlichen unlautere Geschäfte auf Kosten der Umwelt und den Leuten im Dorf Habgier vor. Werner Meier von der Kantonspolizei, eigentlich noch im Vaterschaftsurlaub, stellt bald fest, dass innerhalb der Behörde und bei Village-Green nicht alles so grün ist, wie es scheint. Und seine Partnerin Zita Schnyder, mit dem Leben in der Provinz und ihrer Rolle als Mutter hadernd, zieht sich nach einem Beziehungsstreit in die Pension Seeblick zurück – ausgerechnet dorthin, wo alle Fäden zusammenlaufen.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2026
Gabriela Kasperski
Der dritte Fall für Schnyder & Meier
Kriminalroman
Atlantis
In Erinnerung an meinen Vater
und seine »Societé des Cravattes coupées«
Neugierig besah sich die Fliege das Auge. Es starrte nach oben, zu einem Himmel, dessen Blau am frühen Morgen ganz hell, fast weiß war im luziden Leuchten. Eilig krabbelte die Fliege über Wimpern und Augenbrauen, durch struppige graue Stoppeln. Die Nase gab eine gute Startbahn ab. Die Fliege schwirrte davon, nur um gleich zurückzukehren. Hüpfend bewältigte sie das Kinn und zog weiter, getrieben von ihrer Lust an menschlichen Texturen. Die Haut war rissig, gegerbt von Wind und Wetter. Am Haaransatz entdeckte sie etwas Neues. Etwas ganz und gar Außerordentliches. Einen erkalteten Brei aus seidenen Fetzen und haarigen Büscheln. Trunken vor Ekstase raste die Fliege hin und her, über die Stirn zur anderen Seite des Gesichts. Dorthin, wo anstelle des Auges eine feuchte Grube klaffte. Die Fliege jubelte. Bis sie merkte, dass sie festklebte.
Zita Schnyder schreckte hoch. Was für ein Albtraum.
»Zita«, murmelte Meier. Der Vater ihres Sohnes Finn, den sie heute taufen würden. Kripo-Ermittler. Commissario für sie. »Du hast geschnarcht.«
»Du schnarchst.«
»Aber ich habe dich ganz deutlich gehört.«
»Im Schlaf?«
»Es hat mich geweckt. Wie spät ist es eigentlich?« Gähnend hielt sich Meier den Wecker vor die Augen. »Halb sechs. Viel zu früh.«
Da regte sich das Bündel zwischen ihnen.
»Hat er wieder Bauchweh?«, flüsterte Meier.
»Wenn du ihn weckst, bring ich dich um.«
»Wieso bist du so aggressiv?«
»Ich will auch noch etwas schlafen, sonst sehe ich aus wie eine Vogelscheuche. An der Taufe unseres Sohnes!«
Meier richtete sich auf und musterte Zita. »Ich kann beim besten Willen keine Vogelscheuche sehen«, sagte er. »Das Haar wunderbar wild …«
»Seit Tagen nicht gewaschen.«
»Die Augen strahlend …«
»Das Fieber der Schlaflosen.«
»Die Wangen rosig …«
»Reines Wunschdenken.«
Schon kroch Meiers Hand über ihren Rücken und zog an seinem Hemd, das zu ihrem geworden war. »Die Kurven knackig …«
»Viel zu fett.«
»Du bist genau richtig. Entspann dich, mein Schatz, und leg dich wieder hin.«
Der Mann hatte eine Art. Da kam eine Textnachricht.
»Eski sitzt mit Max und Baby Georgie auf dem Frankfurter Flughafen fest, sie weiß nicht, ob sie es rechtzeitig schafft«, flüsterte Zita nach einem Blick auf ihr Handy.
»Eine Taufe ohne die berühmte Patin aus Neuseeland?«
»Nicht witzig.«
»Wir fragen Helen oder deine Mutter, Gritli, Hannes Sutterlütti …«
»Der ist selber Pate.«
»Dann macht er es im Doppelpack. Und jetzt schnarchen wir noch eine Runde.« Innert Sekunden verfiel Meier wieder in Tiefschlaf.
Vorsichtig stand Zita auf und schlüpfte in eine Jogginghose. Auf Zehenspitzen schlich sie durch das Chaos des Dachzimmers, die Treppe hinunter, vorbei an der immer noch nicht fertig renovierten Wohnung im zweiten Stock. Wenn der Commissario wüsste, wie froh sie um den Aufschub war. Das Szenario »Paar mit Kind im trauten Heim auf dem Land« machte sie panisch. Dabei liebte sie ihn doch. Nur wenn er zum überbesorgten Vater mutierte, nervte er. Als Zita ihre Jobsuche angesprochen hatte, zum Beispiel. Da hatte er eine erzkonservative Retrohaltung an den Tag gelegt. Keinesfalls würde er Finn fremden Menschen anvertrauen, zumindest so lange nicht, bis dieser seine Wünsche selber äußern könne.
»Das macht er schon längst«, hatte Zita geantwortet. »Er: Chef – wir: Sklaven!«
Für einmal hatte Meier keinen Humor bewiesen. Einer von ihnen müsse für ihren Sohn da sein nach allem, was passiert sei. Da er, Meier, bereits einen Job habe, müsse sie sich etwas gedulden wie andere Mütter auch. Und was hatte Zita darauf gemacht? Ihm Gender-Verrat vorgeworfen? Für ihre Überzeugung gekämpft? Für ihre Rechte? Sie hatte klein beigegeben. Denn sie war erpressbar, zum ersten Mal in ihrem Leben; sie brauchte sich nur an jenen Moment zu erinnern, als sie aus dem Klo gekommen war und Finn nicht mehr auf der Yogamatte gelegen hatte.
Zita ging in die Bibliothek im Erdgeschoss, ihren Lieblingsraum in Helens Haus. Dort hatte sie in schlaflosen Stunden heimlich Meiers CD-Sammlung auf einen MP3-Player überspielt, ihr Geschenk zur Taufe. Sie fischte Glenn Goulds Goldberg-Variationen, Meiers Lieblingsmusik, aus der Plastikhülle, legte die Scheibe ins Laufwerk und ließ sich in einen Ledersessel fallen.
Da knackte etwas in der Jogginghose. Nachdem sie ihre Tage auch diesen Monat nicht bekommen hatte, hatte sie einen Schwangerschaftstest gekauft, verstohlen wie eine Fünfzehnjährige. Sollte sie? Nein, später würde es auch noch reichen. Sie stopfte den Test zurück und kuschelte sich in den Sessel. Durchs Fenster sah sie, wie hinter der großen Buchsbaumhecke langsam die Sonne aufging.
Vreni Hugentobler wischte sich eine Fliege von der Stirn. Kaum schien die Sonne, schwärmten sie los, die widerlichen Biester. Vreni ging etwas schneller und wich einer Pfütze aus. Wochenlang hatte es geregnet, das Gebiet um die Silberbirke am Greifensee war dauernd überschwemmt gewesen. Dies war der erste trockene Tag, und den Spaziergang ließ sie sich nicht vermiesen.
»Basko, lauf.«
Seit der Künstler Pablo Liimes aus Waldbach verschwunden war und seinen Hund in der Obhut ihrer Freundin Helen Himmel gelassen hatte, führte Vreni Basko jeden Morgen aus und ließ ihn auch im Naturschutzgebiet ab und zu von der Leine; die frische Luft und die Bewegung taten ihr gut. Helen war ihr dankbar, weil sie selber viel zu wenig Zeit hatte. Wegen des Pfarrers. Und wegen der Baustelle in ihrem Haus, wo das obere Geschoss in eine Wohnung umgebaut wurde, in die Zita Schnyder, Werner Meier und der kleine Finn einziehen würden, nachdem sie über ein halbes Jahr im winzigen Dachzimmer gehaust hatten.
Heute war Taufe. Die Feier würde in der kleinen Kirche Waldbach stattfinden, das Fest am Nachmittag bei Helen im Garten. Und wie es sich gehörte für ein sonniges Baby wie Finn, hatte das Wetter endlich umgeschlagen.
Vreni ging das Menü durch: zur Vorspeise Oliven und Antipasti, Schwedentorte zum Dessert und zum Hauptgang natürlich Hackbraten und Kartoffelstock, Meiers Lieblingsessen. Während seines monatelangen Vaterschaftsurlaubs war er einige Male im Gasthaus Hirschen aufgetaucht und hatte mit Vreni über Gott und die Welt philosophiert. Und vor allem von Finn erzählt. Wie er trank, wie er schlief, wie er in die Windeln machte. Das erste Lächeln war ihr ebenso zugetragen worden wie das Aufrechtsitzen. Auf den ersten Zahn hatten sie angestoßen.
Plötzlich merkte Vreni, dass Basko verschwunden war. Seltsam, normalerweise hielt der Hund sich in ihrer Nähe auf.
»Basko?«
Es war ganz still. Wie lange das wohl noch so sein würde? Waldbachs Einwohner hatten nämlich bei der gestrigen Gemeindeversammlung dem Projekt VillageGreen zugestimmt, einem ökologischen Luxusresort. Vreni war anfänglich dagegen gewesen, bis sie begriffen hatte, welche Chance sich auch ihr bot.
»Basko! Herrgott noch mal!«
Sie entdeckte ihn auf dem hölzernen Aussichtsturm. Manchmal standen da die Vogelbeobachter, aber nun schwänzelte der Hund.
Es dauerte, bis er herunterkam. Endlich schoss er auf sie zu und fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen. So ein verfressenes Vieh. Was er wohl gefunden hatte? Vreni zögerte. Ach was, sie musste dringend in die Küche, wenn der Hackbraten rechtzeitig gar sein sollte.
»Ich komme gleich, Vreni, nach dem Frühstück.« Helen Himmel legte auf und besah sich zufrieden ihr Werk: Tösstalerkäse, frisch gebackener Zopf, Johannisbeermarmelade und Butter vom Bauernhof – sie hatte ihr Bestes gegeben. Da fegte der Pfarrer mit zerzauster Mähne auf die Terrasse, so schnell, dass er in seinen alten Sandalen fast über die Leiter gestolpert wäre.
»Wirklich, Helen, hast du Kaffee gemacht?«
Kaffee war für Helen als passionierte Teetrinkerin der Liebesbeweis schlechthin. »Mach’s dir gemütlich.«
Obwohl sich in einigen Stunden viele Gäste in ihrem Garten tummeln würden, blieb sie entspannt. Darum hatte sie auch die Dauerbaustelle so gut überstanden; sogar die Hiobsbotschaft, dass die Dachbalken angefault waren, hatte sie lediglich mit einem Schulterzucken quittiert. Was war das schon? In Wirklichkeit zählte anderes. Der Pfarrer, ihr Pfarrer, wie er nach dem Gottesdienst mit seinem Wochenendköfferchen auftauchte und erst am Dienstag wieder ging. Die Montage waren des Pfarrers Sonntage. Und was für Montage.
Helen setzte sich und griff nach dem Telefon.
»Ich habe schon angerufen, sie liefern die Bänke in einer Stunde«, sagte der Pfarrer kauend.
»Kannst du Gedanken lesen?« Helen schnappte sich die Zeitung. »Schau mal, die Abstimmung ist schon im ZüriOberländer.« Sie zeigte auf das Titelbild, auf dem Felix C. Blauwyler, der Chef von VillageGreen, ein attraktiver Anfangsechziger mit Dreitagebart, siegessicher in die Kamera blickte.
»Das ist doch logisch, für so etwas gibt’s immer Platz.«
Der Pfarrer nahm ihr die Zeitung aus der Hand. »Unglaublich, die vielen Ja-Stimmen. Ein Fehlentscheid.«
Helen, die seit dreißig Jahren im Dorf wohnte, sah es anders. »Stell dir nur vor, die Touristen, die alle im Hirschen essen und bei Bio-Zwissig einkaufen werden. Es soll eine Apotheke geben, ein Sportgeschäft und vielleicht sogar einen Buchladen.«
»Nein, dieser Blauwyler ist ein Halunke.«
»Ein unglaublich charmanter. Und er hat ein tolles Projekt.«
»Versteckt überflüssigen Luxus unter dem Ökodeckmantel und macht dabei die Umwelt kaputt«, beharrte der Pfarrer.
»Im Gegenteil, er bereichert sie. Mit Minergie.«
»Ach wo. Allein das Material, das herangekarrt werden muss, um den moorigen Untergrund in festen Boden zu verwandeln! Diesen ökologischen Fußabdruck bringst du nicht weg, selbst wenn du die nächsten zwanzig Jahre minergetisch heizt. Und der Golfplatz. Wunderschöne Wiesen für ein paar ballschlagende Millionäre platt zu mähen, was soll daran natürlich sein?«
»So etwas gab es noch nie. Hier herrscht nun mal Demokratie.«
»Dein Politikverständnis in Ehren, aber …« Er unterbrach sich. »Sag mal, nimmst du mich etwa auf den Arm?«
Helen nickte, sie hatte nämlich ein neues Hobby. Obwohl sie damals ihre Söhne eher widerwillig zu diesem Poetenschlamm-Anlass begleitet hatte, dichtete sie seither, was das Zeug hielt. Kaum ein Wort, das nicht gereimt oder sonst umgebaut wurde. »Ich kann einfach nicht anders. Außerdem finde ich, dass VillageGreen Potenzial hat.«
»Dein Wort in Gottes Ohr!« Der Pfarrer küsste sie herzhaft auf den Mund.
Der Moment wurde vom Handy unterbrochen.
»Vrenis Backofen ist kaputt und Basko hat den ganzen Hackbraten aufgefressen«, fasste Helen Vrenis Anruf zusammen. »Ich muss zu ihr.«
»In Ordnung. Wir sehen uns später in der Kirche.«
Helen holte ihr Fahrrad. Erneut klingelte das Handy. Diesmal war es Helens Tochter Marie. Helens Herz klopfte schneller. Wie schön, wenn sie zum Fest kommen würde, sie hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Aber es ging nicht um einen Besuch, es ging um Geld, wie immer.
»Klette«, murmelte Felix C. Blauwyler, als er im Frühstückszimmer der Pension Seeblick die Nachricht las. »Die wird lästig.«
Er löschte die SMS und schob den Speck weg. Dafür griff er zu einem Stück Toast, um seinen Kater zu vertreiben. Wegen der Abstimmung und des ganzen Brimboriums darum herum logierten sie seit gestern in dieser Bruchbude, deren einziger Pluspunkt war, dass sie auf dem Grundstück stand, mit dem er so viel vorhatte: VillageGreen. Das gestern von der Gemeinde angenommen worden war.
Mit der Tasse in der Hand stand Blauwyler auf. Er rüttelte an der verklemmten Flügeltür und betrat die Terrasse. Diese Aussicht! Eine Bucht wie gemalt, das Wasser eine schimmernde Fläche, in der sich die Morgensonne spiegelte, ein Schilfgürtel, der sich in der leichten Brise hin- und herwiegte, ein morscher Steg und davor ein verwitterter Strandkorb, kaum sichtbar hinter den Büschen. Und das alles keine halbe Stunde von Zürich entfernt. Genau an diesem Platz wollte Felix C. Blauwyler seine Luxusbungalows bauen und dafür obszöne Summen kassieren. In einem Jahr würde er hier ein biobutterknuspriges Croissant zu kolumbianischem Kaffee, mit dem hauseigenen Strom gebrüht, genießen, bevor er sein Kreativ-Meeting bei einer Runde Golf abhielt, völlig unbelastet von Mails und sonstigen Nachrichten. Denn alle seine Geräte hätte er bei der Ankunft im Safe deponiert. Ein medienloser Rückzugsort vom Feinsten. Dafür kämen Wohlhabende und Geschäftsleute von weit her. Solche, die nicht aufs Geld achten mussten, denen aber wichtig war, wofür sie es verschwendeten.
Als Blauwyler wieder hineinging, stand die Frühstücksfrau im Türrahmen. Kommentarlos hielt ihr Blauwyler die leere Kaffeekanne hin und ging zu seinem Stuhl. »Nochmals Toast.« Sein Appetit war geweckt. »Und ein weiches Ei.«
Hatte ihn die Frau gehört? Blauwyler drehte sich um. Aber sie war bereits weg, davongeschlurft in ihren grauenvollen Filzpantoffeln. Dafür hatte sie eine Zeitung dagelassen, mit seinem Portrait auf der Frontseite. Schnell überflog er den Artikel. Yes. Sein Medientraining trug Früchte, er hatte die Journalistin eingeseift. Die Versammlung wurde beschrieben, die vielen Einwohner, die positive Stimmung. Auch die Gegenseite sei ernst genommen worden, Ranger Birk Hahn und seine Einwände, die Felix C. Blauwyler alle in glänzender Manier widerlegt habe. Denn die Betonung liege nicht auf Luxus, sondern auf Ökologie. Völlig autark, mit drei Windturbinen. Den Ausschlag gegeben habe schließlich das Votum von Gemeindepräsidentin Hannah Lienert, die sich am Ende der Debatte persönlich für das Projekt eingesetzt habe. Weil es eine Chance sei: für ihr Dorf, für seine Einwohner, für die ganze Region. Danach sei die Abstimmung ein Klacks gewesen. Nur eine Gegenstimme habe es gegeben.
»Geil.«
Sein Handy summte. Schon wieder Marie. Dabei hatte alles so herrlich unverbindlich begonnen. Wie hätte er ahnen können, dass sie ihren Freund verlassen und ihn, Felix C. Blauwyler, ununterbrochen belästigen würde. Er musste mit ihr reden. Aber nicht jetzt. Denn gleich hatte er ein Date mit Johan Havemann, dem Besitzer der Pension Seeblick; sie würden den Vertrag unterzeichnen. Danach fehlten noch die Parzelle von Roman Landolt, dem letzten praktizierenden Bauern am See, und der abgehalfterte Kiosk am anderen Ende der Bucht. Er gehörte zur »Silberbirke«. So nannte sich die Naturschutzgesellschaft, die seit Jahren vor sich hin dümpelte, gänzlich ohne Businessplan. Es gab nur ornithologische Führungen, obskure Lesungen und eine baufällige Aussichtsplattform. Alles planlos, wofür vor allem der örtliche Ranger verantwortlich war. Ein störrischer Kerl, der ihm Widerstand bot. Tief atmete Blauwyler ein. Man sollte die Dinge nicht aufschieben. Niemals.
»Beruhige dich, mein Kleiner.« Vorsichtig hob Werner Meier das Baby aus der Kuhle in der Matratze. Zita rührte sich nicht. So ein Faultier, dachte Meier liebevoll. Ihr Sohn hatte an einer Magenverstimmung gelitten und jegliches Essen verweigert. Meiers Panik hatte sich erst gelegt, als Finn endlich an Zitas Brust nuckelte. Überglücklich und erleichtert war Meier daraufhin eingeschlafen. Nur vage konnte er sich daran erinnern, dass Zita ihn im Morgengrauen geweckt hatte, vielleicht hatte er es auch nur geträumt.
Mit dem unruhigen Finn im Arm tappte Meier barfuß und in Boxershorts zur Kommode. Einhändig füllte er eine Milchflasche mit heißem Wasser aus dem Thermoskrug. Als Finn sich wand, stieß Meier die Flasche um und die heiße Flüssigkeit traf seinen Fuß. Schternesiech.
Er wischte die Bescherung auf und füllte eine neue Flasche. Schon wollte er sich auf den wackligen Ikea-Hocker sinken lassen, da bemerkte er den dunklen Fleck auf Finns Pyjama. Er humpelte zur Kommode und schob Zitas Laptop beiseite; die Wickelunterlage fand er unter einem Kleiderhaufen. Wieso hatte er sich nur in die unordentlichste Frau der Welt verliebt?
Meier schälte seinen Sohn aus dem Pyjama und riss die Windel auf. Finn strampelte vergnügt. Meiers Herz wurde weit, dafür nahm er jeden Gestank in Kauf. Plötzlich wölbte Finn seinen Bauch, die Stirn kraus vor Anstrengung, das Gesicht knallrot und gleich darauf ergoss sich ein Strahl über das bereit liegende Taufkleid.
»Verdammte Scheiße, Commissario, was machst du da?«
Ruckartig schoss Meier herum. Ein Blitz fuhr ihm durch den ganzen Körper und endete irgendwo zwischen Lendenwirbel und Hüftknochen.
»Aua.« Erschreckt von Hannah Lienerts Aufschrei, flitzte der Biber davon. Es gehörte zu den Stärken von Waldbachs Gemeindepräsidentin, Situationen messerscharf einzuschätzen. Darum war sie trotz ihrer Jugend einstimmig gewählt worden, als ihr Vorgänger vor einigen Monaten unerwartet gestorben war; darum wusste sie auch genau, wann sie Hilfe brauchte. Jetzt zum Beispiel. Mit zusammengebissenen Zähnen holte sie ihr Handy hervor, nur um festzustellen, dass der Akku leer war.
»Verdammter Mist.« Ihr Ausbruch war laut und unkontrolliert. Niemals hätte sie sich so was vor ihren Kollegen im Gemeinderat erlaubt. Umso peinlicher berührt war sie, als sie durch das Gebüsch eine Stimme hörte.
»Ist da jemand?« Die Stimme klang tief, freundlich und irgendwie bekannt. »Hallo?«
Ein paar Füße schoben sich vor ihr Gesicht.
»Sie?« Felix C. Blauwyler schaute sie überrascht an.
»Würden Sie mir vielleicht helfen?«, blaffte sie.
»Es ist nicht gerade üblich, Gemeindepräsidentinnen im Schilf zu finden.« Er streckte ihr eine Hand entgegen.
»Ich gehe hier zum Walken.«
»Sie haben Zeit für Hobbys?«
»Sie doch auch. Oder sind Sie hier bereits am Terrain ausstecken? Das dürfen Sie erst, wenn die Baubewilligungen ausgestellt sind.«
»Ich habe ein Meeting mit Havemann«, grinste er. »Wir unterschreiben den Vertrag.«
Nie hätte Hannah gedacht, dass Felix C. Blauwyler den alten Havemann rumkriegen würde, doch er hatte es geschafft.
Nun verstärkte er seinen Druck und zog sie hoch. »Ich hänge irgendwo fest«, knirschte sie.
Schon kniete er neben ihr und schob die Zweige auseinander. »Was haben wir denn da?«
Hannah starrte auf die kunstvoll verflochtenen Weidenruten.
»Das ist eine Falle. Die Stelle ist geradezu prädestiniert. Wegen der Biber.«
»Eine Falle für Tiere?«
»Für die Menschen, die sie stören.«
Spöttisch musterte sie ihn. »Die alten Römer?«
»Nein, für die von der Cevi. Das müssten Sie doch wissen als Gemeindepräsidentin: Cevi und Pfadi sind verfeindet.« Er zog eine Weidenrute aus dem Geflecht. »So was haben wir früher auch gebaut!«
Hannah traute ihren Ohren nicht. »Stammen Sie etwa aus der Gegend?«
Blauwyler war dabei, ihren Fuß zu befreien. »Ich habe mal einen Sommer hier gewohnt.«
»Wieso haben Sie das nicht gesagt? Ein Grund für Bauer Landolts Widerstand ist doch, dass Sie ein Auswärtiger sind.«
»Ich nenne das Vetternwirtschaft. VillageGreen soll die Leute inhaltlich überzeugen.«
»Na ja, ich konnte meine Ausbildung, meine Titel und Erfolge noch so überzeugend ins Feld führen, erst als bekannt wurde, dass ich hier mal Volleyballclubpräsidentin war, hatte ich die Bevölkerung auf meiner Seite.«
Blauwyler grinste »Daraus würde ich schließen, dass ich überzeugender bin als Sie. Bitte sehr.« Er deutete auf ihren freigelegten Fuß. »Eine Bänderzerrung, schätze ich.«
»Arzt sind Sie auch?«
»Rettungssanitäter.«
»Ein Mann mit vielen Eigenschaften.«
»Ist das ein Nachteil?«
Sein Blick hielt den ihren fest. Dann half er ihr beim Aufstehen.
»Sie sollten die Ambulanz rufen.«
»Mein Handyakku ist leer.«
Als er nach seinem Handy griff, vertrieb er mit der Hand eine Fliege. »Seit wann gibt es hier so viele von den Viechern?«
Tatsächlich. Jetzt, da er fragte, wurde ihr bewusst, dass sie von einem ganzen Schwarm umzingelt waren.
»Das wäre sehr schlecht: mein Luxusresort in einem Fliegenmekka.«
»Vielleicht ist ein Pferd hier entlanggegangen. Oder Landolt hat sein Schaf spazieren geführt.«
»Apropos: Johan Havemann müsste längst hier sein.«
»Wo haben Sie sich denn verabredet?«
»Bei der alten Aussichtsplattform.«
Hannah und Blauwyler sahen auf die andere Seite des Aabachs. Über der Plattform schwebte eine dunkle Wolke.
Hannah schüttelte sich vor Ekel. »Oh Gott, das wird doch keine Plage sein?«
»Ich glaube eher, dass da ein Kadaver liegt.« Er überlegte. »Ich schau mal nach.«
»Nein. Ich sage dem Ranger Bescheid, dafür ist er ja angestellt.«
»Und wie machen Sie das ohne Akku? Mit einem keltischen Urschrei?«
»Die Gemeindepräsidentin kann mich mal.« Ranger Birk Hahn drückte die Anruferin weg und knallte seine Tasse auf den Holztisch, sodass der Kaffee überschwappte. »Entschuldige, Lilo, aber so ist es.« Er trat zu der Schiefertafel an der Wand des Kiosks und malte mit Kreide wacklige Kreise. »Felix C. Blauwyler, Tino Fricker, Reto und Natalie Vonlanthen – das gesamte Team von VillageGreen. Alles Verbrecher, denen jedes Mittel recht ist.«
Lilo Lienert musterte ihren langjährigen Kollegen. »Birk, hör endlich auf! VillageGreen wurde angenommen, dagegen kannst du nichts machen, wir leben in einer Demokratie.«
»Die nichts wert ist, wenn die Leute nicht kapieren, dass die nur eines wollen: das Naturschutzgebiet. Weil es das attraktivste und schönste Stück Land ist weit und breit. Und weil man damit Millionen scheffeln kann.«
Lilo Lienert hörte Birk Hahn einmal mehr zu, wie er seine Theorie herunterbetete. Auch der Zivildienstler Tim, ein patenter Junge aus dem Dorf, der seit einigen Wochen bei ihnen im Einsatz war und den Ranger schon mehrmals in Aktion erlebt hatte, schien auf Durchzug zu schalten. Als Birk Hahn dazu überging, die geplanten Windturbinen in Grund und Boden zu reden, atmete sie innerlich auf.
»Bist du fertig?«
Birk Hahn starrte vor sich hin, seine langen Haare unter dem Cowboyhut hingen in Strähnen in den Kragen des karierten Hemdes. »Dass mir die im Dorf nicht glauben, damit kann ich leben. Aber du.«
»Ich habe einen Loyalitätskonflikt. Hannah ist nicht nur Gemeindepräsidentin, sondern auch meine Tochter.«
»Ich kapiere nicht, warum du sie nicht zur Vernunft bringst.«
»Hannah ist erwachsen, ich rede ihr nicht rein. Außerdem …« Mitten im Satz hielt sie inne. Einen Augenblick lang hatte sie keine Ahnung mehr, worum es überhaupt ging. Hilfe suchend sah sie zu Tim.
»VillageGreen«, soufflierte dieser. »Sie finden, es ist nicht das, was …«
»Ach so«, erleichtert nahm sie den Faden wieder auf. »VillageGreen ist vielleicht nicht das, was wir gemacht hätten. Aber diese Entwicklungen können wir nicht aufhalten. Und so ein Ökoprojekt ist doch tausendmal besser als irgendeine hässliche Beton-Überbauung. Wenn wir gescheit wären«, sie erhob sich, »würden wir uns da anhängen. Denk an unsere Pläne: die Naturstation, das Museum, der Erlebnispfad.«
Erneut hielt Lilo inne. Warum stand sie vor der Wandtafel? Ihr Gedächtnis ließ sie in letzter Zeit ab und zu im Stich. Ihr Leben lang war sie eine scharfe Denkerin gewesen, Biologin und Musikerin, die Silberbirke war lediglich ein ehrenamtliches Hobby. Im Ruhestand war sie nicht etwa kürzergetreten, sie hatte sich einen riesigen Kräutergarten zugelegt, ihr absolutes Ein und Alles. Aber seit ihre Tochter zur Gemeindepräsidentin gewählt worden und wieder bei ihr eingezogen war, bis sie eine passende Wohnung fand, war Lilos Rhythmus irgendwie durcheinandergeraten.
Tim nahm Lilo die Kreide aus der Hand. »Sie wollten eine Cafeteria eröffnen mit veganer Latte Macchiato und selbst gebrautem Bier.«
Dankbar nickte sie ihm zu. »Das Waldbacher Weizen, gewürzt mit meinen Lieblingskräutern.« Sie wandte sich an Birk. »Und dazu deine Torfmoor-Lesungen. Bei uns den Nachmittagskaffee, im VillageGreen das Abendessen.«
»Wir brauchen keinen Gourmettempel, wir setzen uns ein für den Erhalt von Flora und Fauna.«
»Und wie finanzieren wir das?« Lilos weiße Haare, einem Vogelnest nicht unähnlich, wogten, sie konnte es spüren. »Unsere Kassen sind leer. Darum müssen wir mit denen zusammenarbeiten. Blauwyler hat mir versichert …«
»Du hast mit diesem Tyrannen geredet, diesem Gwydion, diesem Geldgierwolf im Ökoschafspelz?«
»Birk, bist du besoffen, oder was? Hör auf!«
Birk Hahns Hände, die sich um Lilos Hals gelegt hatten, lösten sich unter Tims Griff und fielen zitternd herunter, dabei erwischte er die Kaffeetasse. Starr sah er zu, wie sich die braune Brühe auf seiner Hose ausbreitete.
Lilo rieb sich den Hals. »Wolltest du mich umbringen?«
»Ich habe ja gesagt, es tut mir leid.«
Sie deutete auf die Kaffeelache. »Ist das Alois’ Schnaps? Du weißt doch, dass du nicht trinken sollst.«
»Geht dich nix an.« Birk schob sich den Hut in die Stirn. »Havemann muss seine Zusage zurücknehmen. Ohne sein Land kann Blauwyler einpacken.«
Nachdenklich sah Lilo ihm nach, wie er über die morastige Wiese in Richtung Aabach stapfte. Johan Havemanns Zustimmung zum Landverkauf mochte für Hannah ein Grund zum Jubeln sein, sie selber war im Grunde ebenso wenig erfreut wie Birk, wenn sie ehrlich war. Josefa, Johan Havemanns Tochter, würde wegziehen. Eine Pflanzenzauberin, die Lilo so manches beibrachte, was sie weder im Studium noch in der Forschung gelernt hatte.
Energisch schüttelte Lilo den Kopf. »Komm, mein Junge«, sagte sie zu Tim. »Ich helfe dir mit dem Vorbereiten, dann muss ich los, in der Kirche wird eine Taufe gefeiert.«
»Fliegenpatsche, das gibt Matsche!« Zufrieden betrachtete Helen das platt gedrückte Exemplar.
»Helen, echt.« Zita hatte die Küche betreten.
Helen lachte. »Ach wie peinlich, nächstes Mal mach ich’s heimlich.«
»Hör auf mit der blöden Reimerei.«
»Ich kann nicht anders«, entschuldigte sich Helen. »Morgen Abend ist der Poetenschlamm. Ich muss üben.«
»Kannst du das vielleicht beim Kochen tun, ich verhungere bald«, bemerkte Meier.
»Komm mit in die Küche. Wir brauchen ohnehin einen Testesser, bevor wir die Meute verpflegen.« Helen deutete auf die plaudernden Gäste im Garten, die sich mit Weißwein die Wartezeit vertrieben.
Meier drückte Zita einen Kuss auf die Lippen und verschwand humpelnd hinter Helen in der Küche.
Kopfschüttelnd sah Zita den beiden nach. Helens gluckenhafte Seite – verkümmert nach dem Auszug ihrer Kinder – war richtig aufgeblüht: Sie kochte, putzte, wusch, kannte ein Hausmittelchen da und ein Geheimrezept dort und kümmerte sich rührend um die kleine Familie, die ihr zugeflogen war. Zita fühlte sich zunehmend gestresst, selbst an einem Freudentag wie diesem.
Sie trat in den Garten und bahnte sich einen Weg. Der Gottesdienst war wunderschön gewesen. Zitas Freundin Eski hatte es zwar nicht rechtzeitig geschafft, aber Hannes Sutterlütti, Meiers ehemaliger Chef, zurückgekehrt von einer griechischen Insel, wo er seinen Ruhestand genoss, hatte sie als Patin würdig vertreten. Der Pfarrer hatte schön gepredigt, die zahlreichen Kirchgänger hatten gerührt gelächelt, während Finn alles verschlafen hatte. Nun war die Party in vollem Gange. Helen hatte das halbe Dorf eingeladen, viel zu viele Leute, die meisten kannte Zita gar nicht.
Da winkte Nora, ihre Mutter, mit Finn in seinem blauen Ersatzanzug auf dem Arm. Ihr Lächeln besagte Deinem Kleinen geht’s gut, mein Kind, genieß den Nachmittag. Neben Nora stand Meiers Arbeitskollegin Gritli Gut, die gute Seele vom Empfang der Ustermer Kapo. Begeistert sah sie zu, wie Finn quietschend nach einer Fliege grabschte, die sich hartnäckig immer wieder auf Hannes Sutterlüttis Nase niederließ. Zita musste sich beherrschen, um nicht einzugreifen: Ihr Sohn war doch kein Zirkusaffe!
Durch die offene Flügeltür betrat sie das Wohnzimmer und schlich an der Küchentür vorbei. Auf keinen Fall wollte sie von Helen gesehen werden, wohlmöglich müsste sie dann auch vom Hackbraten probieren, der bereits eine lange Geschichte hinter sich hatte. Plötzlich verspürte Zita Sehnsucht nach ihrer täglichen Joggingrunde. Vielleicht sollte sie einfach losrennen, kein Mensch würde sie vermissen.
»Hallo, Zita«, ertönte eine vertraute Stimme.
»Eski!« Zita umarmte die Freundin. »Wo ist deine Familie?«
»Max wollte Georgie rasch den Wald zeigen.« Eski seufzte gespielt. »Ich bitte dich, sie ist acht Monate alt.«
»Einmal Förster, immer Förster.«
Eski sah sich um. »Finn habe ich draußen kennengelernt, aber wo ist …?«
»In der Küche. Wo ein Hackbraten, da auch ein Meier.«
»Du nennst deinen Mann Meier?«, fragte Eski erstaunt.
»Eine alte Gewohnheit, außerdem ist er nicht mein Mann.«
»Bist du immer noch auf deinem Unabhängigkeitstrip? Hätte ich mir denken können. Hoffentlich sprichst du noch mit mir.«
»Wieso?«
»Wir haben geheiratet, ich heiße jetzt Reinhard.«
Zita sah ihre Freundin an. Hatte sie sich verhört?
»Er hat mich nicht dazu gezwungen.« Eski hakte Zita unter. »Wo können wir quatschen?«
»Wir hausen immer noch unter dem Dach, und da wimmelt es von Windeln. Ich habe eine andere Idee.«
Zita ging voran in Helens Bibliothek.
»Was ist denn das?« Erstaunt deutete Eski auf den Karton mit den CDs. »Macht ihr einen Retro-Musikshop auf?«
»Die gehören Meier. Es ist der letzte Rest seiner Sammlung, das meiste ist schon im Antiquariat. Ich überspiel alles auf MP3.«
»Nicht auf dein Laptop? Einen echten alten MP3-Player? Das muss wahre Liebe sein.« Eski kuschelte sich in den abgewetzten Ohrensessel und zog ihre Beine an. »Erzähl, bist du happy?«
»Schon. Finn ist ein wunderbares Kind, die Wohnung wird cool, und der Commissario ist ganz verliebt in seinen Sohn.«
»Und in dich!«
»Klar. Und du?«
»Dito. Max und Georgie sind mein Leben.«
»Und Max’ Vater?«
»Der beste Schwiegerpaps, den es gibt. Er hat das Trauma von Annemaries Tod überwunden.«
Kurz dachte Zita an die Ereignisse, die zur Ermordung von Georg Reinhards Frau geführt hatten. Georg hatte sehr darunter gelitten, die Reise nach Neuseeland und der Farmaufenthalt hatten ihm offenbar gutgetan. »Ist er glücklich bei den Schafen?«
»Und bei Pippa.«
»Ah, was. Hat er eine Freundin?«
»Sie sind unzertrennlich. Er ist ein richtiger Neuseeländer geworden. Zum Glück. – Kannst du etwas für dich behalten?«
Neugierig rückte Zita näher und fühlte sich wie früher in der Schule, als sie und Eski irgendwelche Geheimnisse geteilt hatten.
»Wir ziehen nach London. Ich soll eine Reihenhaussiedlung umbauen, urbaner Chic im Swiss Chaletstil. Max schreibt sich an der Uni ein, es gibt da einen spannenden Master, Agriculture and Forestry, genau sein Ding. Und Georgie hat einen Platz in der Uni-Kita.«
»Aber wie finanziert ihr das? London ist teuer.«
»Wir verkaufen das Haus.«
Zita verstummte. Sie war immer davon ausgegangen, dass Eski und Max bei ihrer Rückkehr ins leer stehende Försterhaus einziehen würden. Die Vorstellung, ihre Freundin mit Baby in der Nähe zu haben, war ihr Rettungsanker gewesen.
»Wir haben von dem Ökoprojekt hier gehört«, ergänzte Eski. »Das steigert den Immobilienwert.«
»Ein Hausverkauf geht nicht so schnell.«
»Unser Makler hat schon Anfragen.«
Diese Pläne gab es also schon länger.
Eski schien nichts von Zitas Enttäuschung zu spüren. »Vielleicht können uns die Leute von VillageGreen Tipps geben, sie logieren ja auch im Seeblick.«
»Wo?«
»Du kennst den Seeblick nicht? Liegt am Greifensee, in der Nähe von Riedikon. Wir übernachten da.«
»Warum nicht bei deinen Eltern in Zürich?«
»Du weißt doch, wie meine Mam tickt. Im Seeblick ist es etwas schäbig, aber okay. Besuch mich morgen mit Finn, dann können die Babys spielen, und wir quatschen.« Eski streckte sich. »Wenn ich in London bin, werde ich keine Zeit mehr für so was haben.« Sie stand auf. »Ich schau mal nach, ob meine Familie schon da ist. Kommst du auch?«
Zita fühlte sich wie erschlagen. »Nein, ich muss erst nach oben … meine Haare …«, murmelte sie.
Gleich darauf stand sie in ihrem winzigen Badezimmer und starrte auf den Windelhaufen.
London.
Der überquellende Wäschekorb, ganz oben der schmutzige Taufanzug.
Eski zieht mit Max nach London.
Im Waschbecken ein Zahnpastafleck.
Die kleine Georgie würde in den internationalen Kindergarten gehen.
Ein braunes Haar auf rissiger Emaille.
In London gibt es einen Starbucks neben dem anderen …
Auf dem Boden eine verschwitzte Jogginghose.
… während die Filiale in Uster bereits wieder zugegangen ist!
Fahrig griff Zita nach einem Wasserglas, wischte dabei ihre Toilettensachen vom wackligen Regal. Wundsalbe, eine Flasche mit Notfalltropfen, Meiers Rasierschaum – Zita starrte auf das Chaos. Hatte sich die ganze Welt gegen sie verschworen?
Irgendwie heiter fühlte sich Josefa Havemann an diesem Morgen in ihrer Pension am See. Endlich hatte der Regen aufgehört, die Pflanzen konnten wieder wachsen. Die Leute von VillageGreen tagten seit Stunden, aber als Josefa eben ein Tablett mit Erdbeertorte und Kaffeetassen hineingebracht hatte, war sie von Natalie Vonlanthen gleich wieder hinauskomplimentiert worden. »Wasser können Sie bringen.«
Auch gut, dachte Josefa, Pop kann die Torte zum Dessert essen. Falls nötig, würde sie eine neue machen. Erdbeeren hatten sie in Hülle und Fülle, denen hatte die lange Regenzeit nichts ausgemacht. Josefa füllte eine Karaffe mit Wasser und stellte sie auf das Flurtischchen neben den Feldblumenstrauß, die liegen gebliebene Zeitung nahm sie mit. Wie unhöflich der schattenbärtige Chef der Gruppe war und wie eitel, hatte einfach sein Foto herausgerissen.
Nachdem Josefa den Kuchen in den Kühlschrank zurückgestellt hatte, packte sie Lilos Einkaufstasche. Einen Moment blieb sie stehen, ihr Atem ging schwer. »Du musst mal zum Arzt«, hatte Lilo vor Kurzem gemeint. Josefa hatte genickt. Aber tun würde sie es nicht. Ihr Atem war noch nie ein leichter gewesen. Sie wurde eben älter.
Aus dem Frühstückszimmer war ein Murmeln zu hören und aus der Küche das Surren der Fliegen. Ansonsten war es still im Haus. Die anderen Gäste, das nette Paar mit dem kleinen Babymädchen, waren nach der Ankunft gleich zu einer Taufe in den Ort gefahren.
Josefa strich sich die Schürze glatt und ging über den Flur zum kleinen Eckraum, einem Einzelzimmer, in dem Natalie Vonlanthen untergebracht war. Während sie die Wäsche abzog, dachte sie darüber nach, warum die Vonlanthen außerdem mit ihrem Mann ein Doppelzimmer am anderen Ende des Flurs bewohnte. Obwohl das Privatleben ihrer Gäste Josefa nichts anging, ließ es sich nicht vermeiden, dass sie manchmal etwas mitbekam; in einer Pension lebte man eben dichter aufeinander als in einem großen Hotel. Da war viel Diskretion von Josefas Seite gefragt. Sie hatte kein Problem damit. Neugier gehörte nicht zu ihren Eigenschaften. Für sie waren die Menschen wie Marionetten, während sie von Ferne zusah.
Die Einkaufstasche in der Hand, den Wäschekorb mit der Zeitung oben drauf unter den Arm geklemmt, durchquerte Josefa den Flur und öffnete die Kellertür. Klack! Die Glühbirne leuchtete automatisch auf und streute trübes Licht. Langsam tappte Josefa die Treppe hinunter. Das Holz war glatt, beinahe rutschig. Josefa mied die schiefe Stelle bei der drittletzten Stufe. Unten blieb sie stehen und presste die Hand aufs Herz, um das Pochen zu beruhigen. Dann löschte sie die Lampe. Sie fand den Weg auch so. Außerdem wollte sie das Gemälde nicht sehen. Das Grinsen der Madonna jagte ihr Angst ein. Pop hatte ihr das Bild geschenkt. Oben mochte sie es nicht haben. Darum stand es hier unten, neben dem neuen Kühlschrank. Wie elegant er war!
Sie öffnete die Tür und räumte Lilos Köstlichkeiten ein. Langsam glitten ihre Finger über die Packungen, ertasteten Rundungen, Kanten, federnde Oberflächen. Schokolade, Kuchen, Kekse, dazu die Plastikdose mit den Kräutern. Doch irgendwie hatte sie heute keinen rechten Appetit. Lieber ging sie zur Waschmaschine, wo sie Natalie Vonlanthens Schmutzwäsche auf den Boden kippte. Sie stutzte, als sie das Bettlaken berührte. Feucht.
Plötzlich fühlte sie sich müde. Sie legte sich aufs Campingbett und blätterte in der Zeitung. Das leise Surren der Maschine wiegte sie in Dämmerschlaf. Das Papier entglitt ihren schlaffen Händen.
Windturbine meets Golfplatz: Waldbach bekommt grünes Luxusdorf!
Kapo-Assistentin Sabine Barras, genannt Beanie, schüttelte den Kopf, als sie die Schlagzeile las. Naive Waldbacher, glaubten diesem Idioten Blauwyler. Jeder wird davon profitieren, wenn er nur rechtzeitig auf den fahrenden Zug aufspringt. Was für eine miese Taktik! Und so leicht zu durchschauen.
Beanie knüllte die Gratiszeitung zusammen und stopfte sie in den Müll. Auf ihren Biketouren kam sie oft am Naturreservat Silberbirke vorbei. Und natürlich auch an dem unverbauten Gebiet, das man nun dieser Öko-Combo in den Rachen werfen würde.
Beanie dehnte ihren Rücken und atmete tief durch, die Nachtschicht war anstrengend gewesen. Da summte ihr Handy. Staatsanwalt Kretschmer … was der am Samstagmorgen von ihr wollte? Seit der Entführung von Meiers Baby Finn hatten sie nichts mehr miteinander zu tun gehabt. Bevor Beanie den Anruf annehmen konnte, hörte das Klingeln auf.
Beanie schulterte ihre Tasche und musterte sich in der Glastür. Sie rieb sich etwas von dem öligen Gel, das sie dabeihatte wie andere einen Lippenstift, in ihr Kraushaar und zog das T-Shirt zurecht. Nach ihrer Früchte- und Gemüsephase bevorzugte sie jetzt Totenkopf-Motive in allen Variationen. Kapo-Chef Fausto Signorelli machte zwar dauernd Bemerkungen, aber Beanies direkter Vorgesetzter Werner Meier schwebte nach seinem Vaterschaftsurlaub immer noch auf Papa-Wolke sieben und hatte nichts zu meckern.
Mit Tom Waits in den Ohren verließ Beanie das verwaiste Großraumbüro. Der neue Anbau der Kapo war cool, die Luft jedoch zu trocken, und ohne Lüften bekamen manche Mitarbeiter Probleme. Nun war man dabei, die Fenster durch neue Modelle zu ersetzen. Die Umbauarbeiten hatten ein ständiges Hin und Her zur Folge, der mobile Arbeitsplatz war in der Kapo Uster zur Normalität geworden, das Chaos entsprechend Programm.
»Barras, warum gehen Sie nicht ans Telefon? Kommen Sie mit!«, ertönte es in ihrem Rücken. Bevor Beanie reagieren konnte, hatte ihr Staatsanwalt Kretschmer einen Becher Kaffee in die Hand gedrückt und ging vor ihr her durch die alte Eichentür ins Untergeschoss.
Beanie setzte sich in Bewegung. Ob sie irgendwie Mist gebaut hatte? Das wäre scheiße, sie brauchte ein gutes Arbeitszeugnis.
Kretschmer betätigte einen Schalter, unterkühltes Neonlicht beleuchtete den mit Akten vollgestopften Raum, den sie nun betraten. Kretschmer drehte sich um. Dabei sah er nicht mehr aus wie eine schlafende, sondern wie eine wache Schildkröte.
»Krass«, entschlüpfte es ihr.
»Was meinen Sie?«
»Ihr neuer Look.«
Er fuhr sich mit der Hand über die glatt rasierte Wange. »Jetzt, da jeder Trottel Bart trägt, muss man sich irgendwie abgrenzen.«
»Meine Rede.« Beanie deutete auf ihre Frisur.
Kretschmer verzog keine Miene. »Wollen Sie damit sagen, Sie hätten diese Haarfarbe freiwillig gewählt?«
»Logisch.«
»Dann könnten Sie sie vielleicht auch freiwillig überdenken. Pink und Polizeiarbeit, das ist schwierig.«
»Bringt Drive in den Alltag.«
Kretschmer sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dann zog er zwei Stühle an einen wackligen Holztisch.
Beanie setzte sich. »Und? Informieren Sie mich gleich über meinen Spionage-Einsatz?«
Statt auf die Frage einzugehen, zog Kretschmer sein Handy hervor und hielt ihr das Display unter die Nase. »Die Schlagzeile unten ist interessant.« Kretschmer scrollte an die richtige Stelle der News-Webseite. »Lesen Sie!«
Leiche im Naturschutzreservat! Besteht ein Zusammenhang mit VillageGreen? Irritiert blickte Beanie hoch. »Eine Leiche in der Silberbirke? Wollen die uns verarschen? Als ich vor einer Stunde dort vorbeigefahren bin, war alles friedlich.«
»Während der Arbeitszeit?«
Auf die Anspielung ging sie nicht ein.
»Die Meldung von der Leiche ist gerade erst offiziell hereingekommen. Margret Gut hat sie Signorelli weitergegeben, und der hat das ganze Team mobilisiert. Sie übrigens auch. Es gibt aber ein Problem. Die Meldung wurde bei uns intern verbreitet, und nun steht sie online.« An der Intensität, mit der der Staatsanwalt sprach, merkte Beanie, wie sauer er war. »Es gibt eine undichte Stelle. Irgendjemand aus der Kapo Uster redet zu viel.«
Beanie nickte. »Das ist mir auch schon aufgefallen. Einmal habe ich Signorelli …«
»Herr Signorelli!«
»Sorry.« Beanie lachte entschuldigend. »Trotzdem finde ich …«
»Als Chef steht er natürlich hinter seinem Team. Aber das hier«, er deutete auf die News, »geht zu weit. Darum sollen Sie herausfinden, wer der Maulwurf ist.«
Beanie brauchte einen Moment, bis sie verstand. Der Staatsanwalt ließ Signorellis Team bespitzeln. Von der afrodeutschen Migrantenassistentin.
Da klingelte Kretschmers Handy. Erstaunlich wendig drehte er sich ab, sprach eine paar Worte und war schon fast zur Tür hinaus. »Haben Sie eine Ahnung, wo Meier steckt? Er geht nicht ans Handy.«
»Heute wird sein Brüllbeutel getauft.«
Triumphierend schnippte Kretschmer mit den Fingern. »Habe ich’s doch gewusst.«
Beanie verstand nicht.
»Test bestanden, Frau Barras. Sie wissen alles. Darum sind Sie die richtige Person, um unseren Zeitungsflüsterer zu finden.«
Eine hellblaue Linie auf weißem Grund.
»Positiv«, flüsterte Zita.
Wie hatte das nur passieren können? Wegen dieses allereinzigen Mals, dieses Aufflackerns, dieser Erinnerung an die erste Zeit, jene wilde, leidenschaftliche, viel zu kurze Zeit, in der alles möglich gewesen war. Zita fixierte die Linie, als ob sie sie verschwinden lassen könnte. Aber Schwangerschaftstests ließen sich nicht manipulieren. Außerdem waren die Anzeichen klar. Die ständige Müdigkeit, die Gereiztheit, die Übelkeit bei Hackbratenduft.
Dabei hatte ihre Welt gerade wieder rosig ausgesehen. Eski war ihr nämlich nachgelaufen und hatte sie aus ihrer neidzerfressenen Katerstimmung herausgeholt. Weil Eski ihre Freundin kannte, weil sie genau wusste, dass Zita manchmal das Gefühl hatte, Eski bekäme die Butter und Zita das alte Brot. Danach war es Zita viel besser gegangen. Gleich am Montag würde sie die Assistentenstelle im Englischen Seminar annehmen und damit ihr Nebenfach zur Hauptsache machen, eine Entscheidung, die sie seit Wochen vor sich herschob. The New Heroine in Fantasy Literature – a Psychological Approach. Was sie später damit anfangen würde, war ihr nicht klar, sie verspürte einfach unbändige Lust, sich in Artikel, Bücher und Filme zu vergraben. Das Kinderhüte-Problem würde sie mit Helen lösen, die bestimmt liebend gern Finns Tagesmutter würde, eine klassische Win-win-Situation.
All dies hatte sich Zita innert weniger Minuten ausgedacht und Frühlingsgefühle verspürt. So war sie an die Party zurückgekehrt, hatte Meiers Blick geliebt und Finns Glucksen, als sie mit ihm auf Helens Rasen herumgehopst war. Bis Helen stolz den Hackbraten mit dem Kartoffelstock präsentiert hatte, es Zita schlecht geworden und sie nach oben gerannt war, nur um da über den elenden Schwangerschaftstest zu stolpern.
Zita seufzte. Da half alles nichts. Sie musste mit Meier reden.
In der Küche waren ihre Mutter und Helen damit beschäftigt, die Spülmaschine zu füllen. Finn lag schlafend in seinem Körbchen, und Meier hielt ihr einen Teller entgegen. »Ich habe deine Portion verteidigt. Die Leute haben gefuttert wie die Scheunendrescher.«
Zita schüttelte den Kopf.
»Bitte, mein Kind«, mischte sich ihre Mutter ein. »Du hast noch gar nichts gegessen.«
»Ich habe keinen Hunger. Kommst du mal?« Zita zog Meier mit sich in den Flur.
»Vorsicht.« Er drückte die Hand ins Kreuz. »Denk an meinen Hexenschuss.«
»Wir müssen reden!«
»Was ist los?« Meier sah sie an. »Wo warst du so lange? Muss ich mir Gedanken machen? Gibt es einen andern?«
»Quatsch.«
»Ich liebe dich nämlich.«
Nachgeben, in seine Umarmung sinken, alles vergessen.
Da klingelte Helens schwarzes Schnurtelefon.
»Schon wieder, da ruft dauernd einer an.«
»Lass es«, flüsterte Zita. »Commissario, es ist so …«
»Moment.« Meier löste sich von ihr. »Helen!«, brüllte er in Richtung Küche. »Soll ich mal rangehen?«
»Ja bitte, ich glaube, es ist Marie«, kam Helens Antwort.
»Meier bei Himmel.« Er sprach und nickte ihr gleichzeitig zu. Was ist los?, formten seine Lippen.
Sie holte Luft. »Ich bin …«
Da erstarrte Meier. »Was? Im Ernst? Nein, natürlich, kein Problem, ich bin gleich da. Die meisten Gäste sind ohnehin schon weg.« Er legte auf. »Das war Staatsanwalt Kretschmer persönlich. Ein Toter am Greifensee vorne, auf der Aussichtsplattform beim Aabach. Sie haben seit Stunden versucht, mich zu erreichen.«
Der kleine Parkplatz beim Kiosk der Silberbirke war völlig überfüllt. Meier war froh, dass er Helens Fahrrad genommen hatte. Allerdings nur, bis er vom Sattel steigen musste. Die Frage, ob er je wieder aufsteigen könnte, verdrängte er.
Die Stelle war schon von Weitem zu erkennen. Entlang des polizeilichen Absperrbands hatten sich einige Leute versammelt, die gerade von seinem Mitarbeiter, dem großgewachsenen Trösch, weggeschickt wurden.
»Gehen Sie endlich, es gibt hier nichts zu sehen.« Er erblickte Meier. »Unser Chef hasst Schaulustige.«
Toll. Den schwarzen Peter weiterschieben, das beherrschte Trösch perfekt.
»Herr Kommissar, wer ist der Tote?«
»Einer vom Dorf?«
»Ist es wegen der Abstimmung?«
Die Fragen prasselten nur so auf Meier ein. Sein Blick wanderte zur Aussichtsplattform auf der anderen Seite des Aabachs. Die Szene, die sich ihm bot, hatte etwas Absurdes: Er sah einige Techniker in weißen Overalls, darunter Spurensicherungschef Kneubühler. Am Fuß der Treppe diskutierten zwei Frauen, die Notfallärztin und die Pathologin Anna Quetes, deren Haar kupferrot glänzte in der Nachmittagssonne. Einst hatte er sie begehrt, jetzt war da nur noch eine vage Erinnerung. Etwas weiter entfernt unter einer Birke waren Teamkollege Lips, den unvermeidlichen Süßholzstängel im Mund, und seine Assistentin Beanie Barras in ein Gespräch mit einer schlohweißhaarigen Dame vertieft. Daneben standen sein Chef Fausto Signorelli und Staatsanwalt Kretschmer. Die ganze Mannschaft! Meier spürte eine Welle von Adrenalin, sein Rücken streckte sich – den Schmerz ignorierte er. Was auch immer er da auf der Aussichtsplattform vorfände, es war mit Sicherheit ein großer Fall.
Meier wandte sich den Gaffern zu und verwies sie für Informationen auf die Online-Plattform der Kapo Uster. Der Anblick der Leiche ein paar Minuten später änderte nichts an seinem Hochgefühl, obwohl er leer schlucken musste. Ein zerfurchtes Gesicht, die eine Hälfte völlig intakt, die andere zerschlagen, das unversehrte Auge aufgerissen, der Mund zum Schrei verzerrt. Das war kein friedlicher Tod gewesen. Der Geruch und die Fliegen verrieten, dass es schon eine Weile her sein musste. Meier machte eine Handbewegung. »Ätzend, die Viecher!«
Kneubühler ließ die Abdeckplane sinken. »Hast du genug gesehen, können wir weitermachen?«
»Ist das eine Pfeife?« Neben dem Kopf des Toten lag ein schwarzer Gegenstand am Boden.
»Gestopft, aber nicht geraucht.«
»Und das?« Meier deutete auf eine weißlich-gelbe Substanz an der Stelle, wo früher mal das Auge gewesen sein musste.
»Bin ich Pathologe?«
»Komm schon Kneubi, du hast immer eine Meinung.«
»Du hast recht, sieht seltsam aus.« Kneubühler überlegte: »Vielleicht ein Vogelschiss?«, und deutete auf die sumpfige Erde ein Stück weiter vorne, wo sich einige schnatternde Vögel versammelt hatten und auf dem Boden herumpickten. »Krähen sind Aasfresser.«
Meier warf einen letzten Blick auf den Toten. Die Brutalität stand in krassem Gegensatz zur Idylle mit dem roten Bauerntüchlein auf dem Geländer, den raschelnden Birkenblättern, den summenden Bienen.
»Schau dir die Stelle genau an.« Er zeigte auf die Vögel.
»Schon erledigt. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Täter ein paar Meter vom Tatort entfernt gekotzt hätte.«
Meier hob die Hand zum Gruß und ging zur Notfallärztin, deren Namen er immer vergaß. Er vermied es, sie anzusprechen, indem er sich in sein Notizbuch vergrub, ihre Angaben notierte und zum Schluss um einen Tipp wegen seines Rückens bat. »Ich habe mir einen Hexenschuss geholt.«
Die Packung mit den rosa Pillen, die sie ihm reichte, steckte er in die Tasche seiner Lederjacke, bevor er sich Anna Quetes zuwandte. Er lächelte sie an, unsicher irgendwie, schließlich hatte er sie seit Monaten nicht mehr gesehen.
Sie verzog keine Miene, schob die Brille auf die Nase und las vom Tablet ab. »Älterer Mann, 80+, nicht untrainiert, mehrfach getroffen mit einem breiten Gegenstand, vielleicht einer Schaufel, Verletzungen im Gesicht, Todesursache unklar, möglicherweise Gehirnblutung. Todeszeitpunkt: vor mehreren Stunden; die Fliegen haben bereits Eier gelegt.« Sie klappte den Deckel zu.
»Und die Substanz in der Wunde?«
Anna blickte ihn an, das Grün ihrer Augen war dunkel, fast schlammig. »Gut beobachtet. Du bist nicht ganz so blind, wie ich dachte.«
Bevor Meier zu einer Antwort ansetzen konnte, fuhr sie fort: »Möglicherweise Wundsekret. Oder sonst ein Saft.« Sie drehte sich um. »Ich melde mich.«
»Wer ist es?«
Anna zuckte die Achseln. »Die Frau dort hat ihn gefunden.« Anna deutete auf die Weißhaarige bei Barras und Lips.
»Hat er den Mörder gekannt?«
»Zumindest hat er sich kaum gewehrt.«
»Könnte es auch eine Frau gewesen sein?«
»Natürlich.«
Damit war sie weg, nur noch ein Hauch ihres Parfums hing in der Luft.
»Meier!«, erklang eine ungeduldige Stimme.
Er steckte das Notizbuch, das er seit der Babyentführungen nicht mehr gebraucht hatte, ein und ging auf Signorelli und Kretschmer zu. Aus ihren jeweiligen Wochenend-Aktivitäten gerissen, waren sie bestimmt nicht bester Laune.
Doch Signorelli, der mit Bart noch männlicher wirkte, schien guter Dinge. »Ah, der Herr Kindsvater. Wie heißt es doch so schön? Die Letzten werden die Ersten sein.«
»Ich komme direkt vom Taufbecken, der Pfarrer gibt meinem Sohn gerade den Segen«, gab Meier zurück.
Gespielt entsetzt zuckte Signorelli zusammen. »Sie hatten das Handy an, in der Kirche?«
»Natürlich, Finn hat darauf ein Game gespielt, damit ihm nicht langweilig war.« Darauf wusste Signorelli keine Antwort. Meier genoss es. Kurz. »Wozu das Großaufgebot?«
»Tut uns leid, dass wir Sie holen mussten, Meier«, mischte sich Kretschmer ein. »Aber Sie müssen den Fall übernehmen.«
Da erfuhr Meier, warum der Staatsanwalt bereits hier war. Waldbachs Gemeindepräsidentin Hannah Lienert hatte ihn persönlich informiert.
»Ich dachte, die Frau dort drüben habe den Toten gefunden?« Meier deutete auf die Weißhaarige.
Kretschmer nickte. »Hannahs Mutter, Lilo Lienert, sie arbeitet für die Silberbirke.«
»Und was hat die Tochter damit zu tun?«
»Sie war auf einem Spaziergang, hat einen Kadaver auf der Aussichtsplattform vermutet und den Ranger, der eigentlich dafür zuständig wäre, nicht erreicht.«
»Sie hat den Toten gar nicht gesehen?«
»Nein.«
»Ungewöhnlich«, fand Meier.
»Wieso?«
»Dass sie nicht selber auf die Plattform gestiegen ist, um nachzusehen. Jeder andere hätte das gemacht.«
»Hannah ist nicht wie andere«, meinte Kretschmer kurz angebunden. »Halten Sie mich auf dem Laufenden. – Es wäre gut, wenn nicht an die Öffentlichkeit dringt, dass Hannah Lienert am Tatort war.« Er sah von Meier zu Signorelli. »Sagen Sie das auch dem Team. Hannah ist erst ein paar Monate Gemeindepräsidentin, bald stehen Wahlen an, diese Form von Publicity muss nicht sein.«
Da klingelte Signorellis Handy. Er warf einen Blick auf das Display. »Ich muss los. Meier, Sie erstatten mir regelmäßig Bericht. Dann entscheiden wir wegen der Pressemitteilung. Irgendwas müssen wir rausgeben.« Im Weggehen deutete er auf die Menschentraube hinter dem Absperrband und verdrehte die Augen.
»Ich bin auch weg«, meinte Kretschmer. »Sobald die Identität des Toten klar ist, werde ich Hannah Lienert informieren.«
»Ist das legal?«
Kretschmer fixierte ihn. »Es ist ihr Gemeindegebiet, sie hat ein Recht darauf.«
Soso, die Gemeindepräsidentin und der Staatsanwalt … Als Meier ein paar Augenblicke später Lilo Lienert gegenübertrat, vergaß er Kretschmer, Signorelli und ihre Ränkespiele. Die alte Dame erzählte, wie sie auf dem Heimweg von der Silberbirke die vielen Fliegen bei der Aussichtsplattform bemerkt hatte. Sie habe ihr Rad am Verbotsschild abgestellt und sei die Treppe hochgestiegen. Mutiger als die Tochter, konstatierte Meier für sich. Sie habe Johan Havemann sofort erkannt, trotz seines zerschlagenen Gesichts. Sein blaues Käppi, das rote Halstuch und vor allem die Pfeife seien so unverwechselbar wie seine Gummistiefel, die er auch bei trockenem Wetter trage.
»Sie ist eine Freundin der Familie, das reicht für eine inoffizielle Identifizierung«, flüsterte ihm Barras zu.
»Johan Havemann«, wiederholte Meier, der nüchterne Klang seiner Stimme stand im Gegensatz zu seinem aufgewühlten Innern. Im Züri Oberländer hatte schwarz auf weiß gestanden, dass Johan Havemann gestern an der Gemeindeversammlung das Einverständnis zum Verkauf seines Landes gegeben hatte. Nun war er tot. Ermordet.
»Wann war das genau, können Sie sich erinnern?«
Lilo Lienert schüttelte den Kopf. »Ich habe heute Morgen meine Uhr verlegt. Ich bin aber sofort zum Kiosk zurückgeradelt und habe mit Tims Handy die Polizei gerufen.« Auf Meiers Frage hin ergänzte sie: »Tim ist der Zivi der Silberbirke.«
»Dann waren Sie allein, als Sie den Toten fanden?«
»Ob ich allein war?« Lilo Lienerts Augen flackerten. Nur kurz, aber Meier registrierte es. »Natürlich.«
Meier konsultierte sein Notizbuch. »Ihre Tochter hat den Vorfall auch gemeldet. Sind Sie ihr begegnet?«
»Meiner Tochter?«
»Die Gemeindepräsidentin ist doch Ihre Tochter, oder habe ich da etwas falsch verstanden?«
»Nein, nein. Sie müssen entschuldigen, ich bin etwas durch den Wind.«
»Haben Sie ein Statement von Frau Lienert?«, wandte sich Meier an Barras.
Diese klopfte auf die Tasche ihrer Cargohose. »Alles aufgenommen, muss nur noch die Abschrift machen.«
»Dann können Sie heimgehen«, sagte er zu Lilo Lienert. »Falls ich noch Fragen habe, komme ich bei Ihnen vorbei.«
Lilo Lienert schritt davon.
»Wollen Sie Ihr Fahrrad nicht mitnehmen?«, rief Barras.
Die alte Dame fuhr zusammen. »Danke. Fast vergessen.«
Meier und Barras wechselten einen Blick. War sie bloß schusslig oder steckte etwas anderes dahinter?
Als er sein Notizbuch einsteckte, setzte unvermittelt der Schmerz in seinem Rücken wieder ein. Er griff zu den rosa Pillen. »Barras, bitten Sie Kneubühler nachzusehen, ob Johan Havemann irgendwelche Unterlagen auf sich getragen hat. Außerdem will ich alles wissen über ihn. Trösch und Lips sollen weitermachen und die Schaulustigen befragen.« Er deutete auf die Menge. »Ich geh gleich in die Pension Seeblick, um die Familie zu informieren. Sie wissen nicht zufällig, wo die genau liegt?«
»Ich bin auch ein Navi!«, grinste Barras. Sie zeigte auf das Gebäude, das genau gegenüber am anderen Ufer der Bucht malerisch auf einer kleinen Anhöhe stand.
Marie Himmel starrte auf das Schild an der Hauswand: Pension Seeblick, Fremdenzimmer zu vermieten. Es sah aus wie früher, nur die Buchstaben waren ein bisschen verwitterter.
